„Schauspiel der Illusionisten“

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Mein Kommentar erschien bei Cicero.de:

Was Angela Merkel mit IWF-Chefin Christine Lagarde über Griechenland besprochen hat, soll vertraulich bleiben. Klar aber ist: Die griechische Odyssee nimmt kein Ende. Es ist eine politische Illusionsschau auf Kosten der Steuerzahler.

Illusionisten sind Zauberkünstler, die mit besonders großen Requisiten arbeiten. So gesehen sind in Brüssel, Athen, Frankfurt und den übrigen Euro-Hauptstädten die Meister-Illusionisten am Werk, wenn es um das Thema Griechenland geht. Nicht nur wird mit großen Requisiten gearbeitet (Rettungsschirme, Garantien, Reformversprechen), sondern es werden verschiedene Bühnen bespielt. Publikum: die Öffentlichkeit in den Geberländern, in Griechenland und den anderen Krisenländern des Euroraums. Die weltweiten Finanzmärkte sind weitere Adressaten der Vorstellung. Jeder Zielgruppe wird das passende Schauspiel geboten. Ziel ist, die Macht der Illusionisten zu erhalten – die Rechnung bezahlt das Publikum, also wir alle.

Schauspiel für die Geberländer

Gleich zu Beginn der Eurokrise wurde die No-Bail-out-Regel, wonach kein Euroland für die Schulden eines anderen Landes eintreten muss, gebrochen. Seither stellt die Politik die Rettung Griechenlands und die Unterstützung anderer Krisenländer als „alternativlos“ und als in unser aller Interesse liegend dar. Verbunden mit der Behauptung, es entstünden für den deutschen Steuerzahler keine Kosten. Sämtliche der drei Aussagen sind falsch:

Denn ein Bankrott Griechenlands wäre nicht mit dem Ende des Euro verbunden. Ein Staatskonkurs ist unangenehm, aber historisch nicht einmalig. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Staat, der seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann oder will, zugleich auch die Währung verliert.

Einen Staatsbankrott Griechenlands zu verhindern, war im Interesse der Banken der Geberländer, insbesondere der französischen und der deutschen. Französische Banken bauten zwischen März 2010 und Ende 2014 über 50 Milliarden Euro an Forderungen gegen das Land ab, deutsche Banken mehr als 20 Milliarden. An die Stelle der privaten Gläubiger sind die Staaten, allen voran Deutschland getreten. Im Falle eines Staatsbankrottes hätten wir sicherlich Banken in Deutschland retten müssen, die Kosten wären aber nur ein Bruchteil gewesen.

Eine Pleite Griechenlands hätte die Kapitalmärkte mit Blick auf Portugal und Italien deutlich skeptischer gemacht und auch dort einen Schuldenschnitt ausgelöst. Angesichts der anhaltenden wirtschaftlichen Misere in diesen Ländern ist die These keineswegs zu gewagt, dass es ihnen heute nach einem solchem Schuldenschnitt besser erginge. So kann Portugal die zweithöchste Gesamtverschuldung in der Eurozone (nach Irland) mit einer schrumpfenden Bevölkerung und geringer Produktivität, niemals aus eigener Kraft bewältigen. Italien ist in der längsten Rezession der Geschichte gefangen und das Pro-Kopf-Einkommen liegt unter dem Niveau von 1995. Das ist nicht in unserem Interesse, verstärkt es doch die Spannungen im Euroraum.

Augenwischerei für Bürger

Da die Bürger spüren, dass hier Illusionisten am Werke sind, wird zeitgleich eine weitere Illusion vorgeführt. Angeblich soll uns die Rettung Griechenlands nichts kosten. Bisher wären es nur Darlehen und es gäbe auf keinen Fall einen Schuldenschnitt. Formal ist das auch richtig, weil man dem Publikum nicht so laut erzählt, zu welchen Konditionen die Kredite vergeben werden. Da die Zinsen jedoch deutlich tiefer und die Zahlungsziele deutlich länger sind als marktüblich, liegt die effektive Schuldenlast nicht bei rund 170 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, sondern wohl eher bei 70 Prozent. Also auf deutschem Niveau. Und unser Finanzminister weiß das sehr wohl. Geben Sie einem Freund einen Kredit zu ungewöhnlich günstigen Konditionen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ihnen das Finanzamt unangenehme Fragen stellt. Wir haben also bereits Geld verloren und verlieren weiterhin jeden Tag Geld, weil es real weniger Wert ist, als uns die Politik erzählt.

Fazit: weder war es eine Rettung Griechenlands (sondern der Banken), noch alternativlos, noch umsonst. Obwohl immer größere Teile des Publikums die Illusion durchschauen, geht das Schauspiel weiter. Mindestens bis nach der Bundestagswahl. Nutznießer sind nur die Illusionisten selbst, die mit dem Märchen der gelungenen Eurorettung vor das Wahlvolk treten.

Das Schauspiel für Griechenland

Doch auch die griechischen Politiker liefern ein Schauspiel für  das eigene Volk und die Bevölkerung der Geberländer ab: Der eigenen Bevölkerung wird ein perfekter Sündenbock für die schlechte wirtschaftliche Lage und unpopuläre Reformen präsentiert. Nicht nur kann man damit vom eigenen Versagen ablenken, man kann auch die Grundlage dafür legen, dass man die eigene Klientel weiterhin beglücken kann. Laut Ifo-Institut wurden die Rettungsmilliarden für Griechenland so verwendet: ein Drittel für den laufenden Konsum, ein Drittel zur Finanzierung der Kapitalflucht aus dem Land und ein Drittel, um die privaten Geldgeber – also die Banken der anderen Länder – zu retten. Zwei Drittel des Geldes wurde also in Griechenland genutzt. Zum einen, um die Kapitalflucht der Vermögenden zu finanzieren, zum anderen um weiterhin über die eigenen Verhältnisse zu leben.

Mit Blick auf die Bevölkerung der Geberländer wird auf die umfangreichen Reformen verwiesen (was stimmt, diese waren deutlich größer als bei uns im Rahmen der Agenda 2010) und auf die fatalen Folgen der Sparpolitik (was ebenfalls stimmt, hat doch die drastische Kürzung der Staatsausgaben die Wirtschaftskrise massiv verstärkt). Daraus werden Forderungen nach weiteren Hilfen zu erleichterten Konditionen abgeleitet.

Fazit hier: Für die griechische Regierung ist es höchst attraktiv einen ausländischen Schuldenbock zu haben, der dennoch ein laufendes Defizit deckt und so ein Leben über die eigenen Verhältnisse ermöglicht. Nur 60 Prozent der Griechen sehen im Euro mittlerweile einen Fehler. Ein Wert, der angesichts der objektiv schweren Krise des Landes nur überraschen kann.

Das Schauspiel für die anderen Krisenländer

Spätestens seit dem Brexit-Votum ist klar, dass es sich bei der EU um eine europäische Version des von den Eagles besungenen Hotels California handelt. Man darf niemals abreisen. Genauso wie die EU am Beispiel Großbritanniens ein Schreckensexempel statuieren will, dient Griechenland als abschreckendes Beispiel für Portugal, Spanien und Italien. Der dortigen Bevölkerung muss vor Augen geführt werden, wie drastisch die Folgen sein können, wenn man seine Hausaufgaben nicht macht.

Deshalb ist es auch so bedeutend, dass Griechenland im Euro bleibt, da ein durchaus zu erwartender deutlicher Aufschwung der Wirtschaft nach einem Austritt aus dem Korsett des Euro zur Nachahmung einladen würde. Schon jetzt zeigt der Boom in Großbritannien, wie wenig von der Angstmache aus Brüssel zu halten ist.

Ohne Euro ginge es den Ländern deutlich besser. Gemäß einer neuen Studie läge die Wirtschaftsleistung ohne Euro und Sparpolitik in Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien heute auf dem Niveau von 2008. Tatsächlich liegt sie 18 Prozent tiefer.

Fazit: Um von den negativen Folgen des Euro für diese Länder abzulenken und um das Alternativszenario eines Austritts aus dem Euro möglichst unattraktiv zu machen, muss Griechenland im Euro und zugleich unter der Kuratel der Geldgeber gehalten werden. Nebenbei erleichtert das auch den Regierungen der Krisenländer die Arbeit. Sie haben neben dem Beispiel Griechenland auch noch den Sündenbock EU.

Das Schauspiel für die Finanzmärkte

Die größte Bühne für die Illusionisten in Regierungen und EZB sind die Finanzmärkte. Hier spielt eine ganz andere Musik. Die Investoren wissen natürlich, dass die Schulden Griechenlands niemals zurückgezahlt werden und dass Portugal, Italien und perspektivisch Spanien und Frankreich pleite sind. Sie wissen auch, dass das politische Projekt des Euro zunehmend an seine wirtschaftlichen Grenzen stößt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Illusionen vor den Bevölkerungen nicht mehr tragen. Dennoch müssen die Finanzmärkte an Bord gehalten werden. Dies macht vor allem die EZB.

Die Existenz des Euro wird von der EZB demonstrativ gesichert, durch das Versprechen zu tun, „was immer“ erforderlich ist. Negativzins und Aufkauf von Wertpapieren dienen nur dazu, den Märkten zu verdeutlichen, dass sich eine Spekulation gegen den Euro nicht lohnt. Die Munition der EZB ist (fast) unendlich.

Weitere Pleiten wie in Griechenland werden nicht zugelassen. Die EZB kauft dazu Staatsanleihen auf, um die Zinsen so tief zu drücken, dass die Finanzierung der Staaten gesichert bleibt. Daran ändert der leichte Zinsanstieg der letzten Wochen nichts. Sollte es sichtbar zu Spannungen an den Märkten kommen, steht die EZB bereit. Wie auch die Euroretter in Brüssel und den Hauptstädten wird die EZB vor weiteren Regelbrüchen nicht zurückschrecken, wenn es der politischen Sache dient. Übrigens wäre die Griechenlandkrise über Nacht vorbei, würde die EZB auch griechische Anleihen unbegrenzt aufkaufen. Eine echte Lösung wäre es natürlich nicht.

Fazit: Die Finanzmärkte spielen nur zu gerne mit. Garantieren EZB und Politik doch weitgehend risikolose Gewinne. Wann immer die Sorgen um die Zukunft des Euro zunehmen, lohnt sich ein Einstieg in die Märkte, weil dann Politik und Notenbank handeln. Wie schon bei der „Griechenland-Rettung“ stehen die Gewinner also fest.

Keine Illusion hält ewig

Wir wissen, dass der Zauberer die Frau nicht wirklich zersägt. Genauso wissen wir, dass weder die Eurozone noch Griechenland wirklich gerettet wurden. Beschränken sich die finanziellen Folgen der Zaubershow auf das Eintrittsgeld, wird die Rechnung der politischen Illusionsshow in die Billionen gehen. Kosten für die Bevölkerungen Europas, nur damit die Illusionisten ihr Spiel möglichst lange fortsetzen können. Diese haben zu große Angst, den Bevölkerungen die Wahrheit zu sagen: Wir brauchen großzügige Schuldenschnitte und eine Neuordnung des Euro.

→  Cicero.de: „Schauspiel der Illusionisten“, 23. Februar 2017

13 Kommentare
  1. Johannes says:

    Es ist eine wilde Entschlossenheit der politischen und wirtschaftliche Elite Europas zu spüren, den Euro als Klammer für die zukünftigen „Vereinigten Staaten von Europa“ aufrecht zu halten.

    Andes lässt sich der fortgesetzte Wähler- und Bürgerbetrug m.E. nicht mehr erklären. Eine realistische Hoffnung auf Besserung gibt es in der bestehenden Struktur der europäischen Nationalstaaten nicht. Erst im Rahmen eines europäischen „Großstaates“ mit entsprechenden finanziellen Transfers ließe auf Besserung hoffen. Wobei schon die Frage zu stellen ist, worin genau die Besserung bestünde und wer würde davon am meisten profitieren?

    Die Menschen in Europa werden dies aber auf Dauer nicht annehmen – zu divergierend sind die Kulturen. In Deutschland knirscht es bei dem Thema Länderfinazausgeleich bereits gewaltig, wie sollte dies erst auf europäischer Ebene aussehen?

    Ich befürchte, die kommenden Wahlen in verschiedenen europäischen Länder werden es „richten“.

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  2. Wolfgang Selig says:

    „Nichts hält länger als ein Provisorium“, ist eine alte Weisheit. Eventuell wird die Umverteilung über die EZB noch in den nächsten Jahrzehnten fortgesetzt, natürlich ohne demokratische Legitimation. Es ist einfach die Einführung eines europäischen Länderfinanzausgleichs durch die Hintertür. Und wenn man ehrlich ist, haben das auch etliche Leute in den 90er-Jahren an maßgeblicher Stelle so gewollt. Ich behaupte mal, dass es gut sein kann, dass wir noch alle überrascht werden, wie viele Jahre die Illusionisten noch durchhalten werden. Wichtig war nur der erste Dammbruch mit dem Bruch der „no-bail-out-Regel“. Seither verlagert sich die kleine Opposition gegen den breiten politischen Mainstream leider einseitig auf das Thema Flüchtlinge, wie man etwa an der AFD sehen kann. Ich denke, für den mainstream ist das Thema Umverteilung leider durch, solange in den Zahlerländern wie Deutschland oder die Niederlande die Arbeitslosigkeit niedrig ist.

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    • Johannes says:

      „Ich denke, für den mainstream ist das Thema Umverteilung leider durch,…)

      So ist es, wobei zumindest in Deutschland eine offene gesellschaftsrelevante Diskussion zu dem Thema Umverteilung bislang wirkungsvoll verhindert (oder unterdrückt?) wurde. Von Anfang war es so, dass diese Diskussion „nicht erwünscht“ war – deshalb wurden und werden kritische Stimmen diskreditiert, was das Zeug hält.

      “ Und wenn man ehrlich ist, haben das auch etliche Leute in den 90er-Jahren an maßgeblicher Stelle so gewollt.“

      Richtig – Eliten oder Teile davon, haben darüber in Deutschland/Europa darüber befunden und unterbinden inzwischen wirkungsvoll jeden gesellschaftspolitischen Diskurs. Demokratisch legitimiert ist diese Vor-Entscheidung scheinbar auch; durch Wahlen. Allerdings- und hier beißt sich die Katze in den Schwanz – wurde und wird der Wähler/Bürger gerade nicht in die Lage versetzt die „Gesamtlage“ zu erfassen. Weil: wirkungsvoll der gesamtgesellschaftliche Diskurs unterbunden wurde und wird. Hiezu empfehle ich:

      http://www.uni-kiel.de/psychologie/mausfeld/pubs/Mausfeld_Die_Angst_der_Machteliten_vor_dem_Volk.pdf

      „Doch gibt es eine Unzufriedenheit, nämlich bei den Eliten. Neben vielen anderen hat dies auch Bundespräsident Joachim Gauck (19. Juli 2016) zum Ausdruck gebracht: „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem.“ – Nur damit keine Missverständnisse entstehen: Der Bundespräsident gehört nicht zu den Machteliten, sondern zum Personal der Machteliten. – Die gleiche Klagemelodie durchzieht auch die Zeitschriften, in denen die Machteliten untereinander ommunizieren. So schreibt Foreign Policy (28.6.2016), eine der führenden meinungsbildenden Publikationen im Bereich der US-amerikanischen Außenpolitik: „It’s time for the elites to rise up against the ignorant masses.“ Es sei also an der Zeit, dass sich die Eliten gegen die ‚ignoranten Massen‘ erheben. Die Eliten rufen zur Revolte gegen das ignorante Volk auf. Das ist umso eigenartiger, als wir uns seit mindestens vier Jahrzehnten bereits in einem Krieg der Eliten gegen das Volk in Form eines immer aggressiver werdenden Klassenkampfes ‚von oben‘ befinden. Offensichtlich sind die Eliten, die die Herde bislang halbwegs auf dem gewünschten Kurs halten konnten, zunehmend darüber beunruhigt, dass ‚das Volk‘ in seinen Wahlentscheidungen nicht immer so will, wie es wollen soll.
      Es muß als paradoxe Situation erscheinen, dass die Mehrheit des Volkes das Vertrauen in seine Hirten trotz aller von diesen herbeigeführten Desaster nicht verloren hat, die Eliten jedoch mit dem ‚ignoranten Volk‘ unzufrieden sind oder gar zum Aufstand gegen das Volk aufrufen.“

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      • Wolfgang Selig says:

        @Johannes: Ich bin auch nach der Lektüre von Mausfeld nicht der Meinung, dass der Diskurs bewusst unterbunden wird. Mein persönlicher Eindruck ist eher der, dass die Eliten an dem „Beharrungsvermögen“ der Massen selbst oft ehrlich verzweifeln. Etliche davon sind einheitlich sozialisiert: Hochschulstudium, Auslandsaufenthalte, weltweite Reisetätigkeiten, Fremdsprachenkenntnisse, finanzielle Polster, persönlicher und beruflicher Ehrgeiz, nur noch oberflächliches Interesse an landeseigener Tradition und Religion, viele persönliche Kontakte zu Vertretern anderer Nationen. Das führt meines Erachtens tatsächlich zu einem gewissen Unverständnis, warum die eigenen Landsleute diesen globalisierten Lebensstil für sich nicht anstreben können oder wollen. Und vielleicht nähern sich die Sprachen und Mentalitäten der Europäer in den nächsten Jahrhunderten wirklich immer weiter an, so wie ja auch die Unterschiede innerhalb Deutschlands in den letzten Jahrhunderten geringer geworden sind. Nur dauert das m. E. den Eliten wirklich viel zu lange. Und das lässt sie am Volk verzweifeln, denn so viel Zeit haben sie aus ihrer Wahrnehmung nicht, weder bezüglich des Euro noch der Außenpolitik, gar nicht zu reden von Flüchtlings- und Klimapolitik. Der Punkt ist nur: mit erzwungenen Maßnahmen provoziere ich Abwehrreaktionen wie beim Brexit oder Donald Trump, denn wirklich beschleunigen lässt sich m. E. die vermeintlich notwendige gesellschaftliche Mentalitätsänderung nicht.

      • Johannes says:

        @ Herrn Selig: „Ich bin auch nach der Lektüre von Mausfeld nicht der Meinung, dass der Diskurs bewusst unterbunden wird.Mein persönlicher Eindruck ist eher der, dass die Eliten an dem „Beharrungsvermögen“ der Massen selbst oft ehrlich verzweifeln.“

        Sicher sind es nicht „die Eliten“ in ihrer Gesamtheit, die wenig Interesse an einem offenen Diskurs verspüren. Per se finde ich das Vordenken von Eliten übrigens keine schlechte Sache, sondern sogar eine notwendige. Die Frage der „Ausführung“ ihres Vordenkens, die Teile der Eliten offenkundig wählen, stört mich (und viele andere inzwischen auch).

        Meine Sorge ist, dass sich Eliten und „Nicht-Eliten“ immer unversöhnlicher gegeneinander positionieren. Ausdruck findet dies z.B. bei Wahlen.

        Sie schreiben weiter „Das führt meines Erachtens tatsächlich zu einem gewissen Unverständnis, warum die eigenen Landsleute diesen globalisierten Lebensstil für sich nicht anstreben können oder wollen.“

        Sie scheinen einem globalisierten Lebensstil einiges abgewinnen zu können, wenn ich ihre Antwort auf meinen Beitrag richtig verstehe. Das respektiere ich. Warum aber sollte dieser Lebensstil für die Mehrheit der Menschen z.B. in Deutschland erstrebenswert sein? Nach meiner Wahrnehmung und Lebenserfahrung hat die Lebenswirklichkeit vieler keinen globalen Rahmen. Sicher, viele Produktionsketten sind inzwischen globalisiert, aber dies aus rein wirtschaftlichen Gründen (und die Deutschland z.B. die Textilindustrie und die entsprechenden Arbeitsplätze „gekostet“ hat). Gibt es über das rein Wirtschafliche hinaus vermittelbare Gründe?

      • Wolfgang Selig says:

        @Johannes: nur zur Klarstellung, weil Sie Überlegungen zu meinem persönlichen Lebensstil bzw. Vorlieben anstellen (und dann lasse ich es für heute auch gut sein, das interessiert hier sonst sicher niemanden):
        Nein, ich kann der globalisierten Lebensweise entgegen Ihrer Vermutung nicht viel abgewinnen, war beruflich noch nie außerhalb Deutschlands und selbst im Urlaub noch nie außerhalb Europas, spreche privat Dialekt, meine Kinder haben traditionelle Namen und wir gehen sogar gelegentlich in die Kirche meiner Heimatgemeinde. Ich respektiere Leute, die globalisiert leben wollen, aber ein Leben ohne Heimat ist für mich kein wirkliches Leben, denn es gibt für mich einen Unterschied zwischen „hier wohne ich“ und „hier ist meine Heimat“, den solche Leute wenn überhaupt wohl erst am Ende ihres Lebens merken. Das ist für mich okay, aber persönlich in keinster Weise erstrebenswert. Und ich denke, viele Europäer denken so wie ich.

      • michael says:

        Die Linkspartei tritt für Umverteilung ein. Aber die Mehrheit scheint sie nicht zu wählen. Allerdings bin ich mi nicht ganz sicher, ob die Linke wirklich von Oben nach Mitte/Unten Umverteilung wird, oder ob sie einknickt, und nur von der Mitte (d.h von der Mittelschicht“) nach unten umverteilt.

  3. Dietmar Tischer says:

    @ Dr. Stelter

    „Schauspiel der Illusionisten“ – eine schöne Analoge mit hoher Suggestionskraft, aber auch eine, die falsch ist.

    Illusionisten sind Unterhalter, Politiker sind Gestalter.

    Politiker müssen den Laden zusammenhalten – das ist ihre Aufgabe –, weil es ungemütlich und teuer werden kann, wenn ihn einige oder zu viele verlassen. Wenn die Lage so verfahren wie in der Eurozone ist, kann es aus ihrer Sicht durchaus angebracht sein, den Leuten etwas vorzumachen, falls relative Stabilität nicht anders zu gewährleisten ist.

    Illusionisten müssen mit Täuschen nichts Derartiges bewirken – keine Gemeinschaft oder Gesellschaft hängt existenziell von ihnen derart ab, dass nicht einige oder viele die Show ohne Weiterungen verlassen könnten, falls sie Stümper ihres Faches wären.

    Sie überspielen diesen Unterschied mit Behauptungen, die nicht nachvollziehbar sind.

    Hier eine, die noch nicht einmal verständlich ist:

    >Ohne Euro ginge es den Ländern deutlich besser. Gemäß einer neuen Studie läge die Wirtschaftsleistung ohne Euro und Sparpolitik in Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien heute auf dem Niveau von 2008. Tatsächlich liegt sie 18 Prozent tiefer.>

    Wie kann die Wirtschaftsleistung ohne den Euro auf dem Niveau von 2008 liegen, wenn der Euro am 1. Januar 2002 eingeführt wurde, es also 2008 nur eine Wirtschaftsleistung mit dem Euro gegeben haben kann?

    Das müssen Sie mir bitte einmal erklären.

    Außerdem, ich wiederhole es hier noch einmal:

    Dass die Wirtschaftsleistung Griechenlands heute unter der von 2008 liegt, MUSS so sein, wenn sie bis 2010 durch übermäßige Kreditgewährung – Staatsdefizit mehr als 10%! – auf extremen Wachstumskurs gebracht und ab 2010 durch Austeritätspolitik notwendigerweise abgewürgt wurde, weil es für eine derartig übermäßige Kreditgewährung keine Gläubiger mehr gab.

    Ob es dem Land ohne den Euro deutlich besser gegangen wäre, ist eine offene Frage, die nicht beantwortet werden kann, weil es das Counterfactual nicht gibt. Sicher ist lediglich, dass es nicht in den Schwierigkeiten wäre, in denen es heute ist, nämlich insbesondere keine Kontrolle mehr übers eigene Schicksal zu haben.

    Ob es dem Land nach einem Austritt deutlich besser ginge, ist ebenfalls eine offene Frage.

    Ihre Aussage

    >… ist es auch so bedeutend, dass Griechenland im Euro bleibt, da ein durchaus zu erwartender deutlicher Aufschwung der Wirtschaft nach einem Austritt aus dem Korsett des Euro zur Nachahmung einladen würde>

    ist durch nichts bewiesen.

    Wenn es wirklich so wäre mit dem deutlichen Aufschwung, warum verlassen dann die Griechen nicht die Eurozone?

    Niemand könnte es ihnen verwehren, wenn sie es wirklich wollten und UNEINGESCHRÄNKT die Konsequenzen tragen würden auf dem Weg zum vermeintlich deutlichen Aufschwung ihrer Wirtschaft.

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