„Meine Top-Ten-Prognosen für 2017“

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Dieser Beitrag erschien bei der WirtschaftsWoche online:

Niemand kann ernsthaft Vorhersagen für Dax, Zinsen und Euro für 2017 treffen. Alle, die es dennoch versuchen, ersetzen den Zufall durch den Irrtum. Darum heute einmal etwas anderes: meine Top-Ten-Prognosen für 2017.

Diese Kolumne heißt „Stelter strategisch“, nicht „Stelter taktisch“. Aus gutem Grund habe ich mich in den letzten Jahren mit kurzfristigen Empfehlungen zurückgehalten. Den Wenigsten gelingt es, durch ständige Umschichtungen in ihrem Anlageportfolio den Markt dauerhaft zu schlagen. Die in meinen Augen einzig Erfolg versprechende Anlagestrategie besteht darin, kostengünstig an der strategischen Asset-Allokation wie sie hier und anderswo immer wieder gepredigt wird festzuhalten: Aktien, Immobilien, Gold und Cash beziehungsweise Anleihen.

Einige Ausnahmen von der Regel „keine Kurzfristempfehlungen“ erwiesen sich als „goldrichtig”. Ich denke an meinen Appell im Dezember 2015 auf Gold und Goldminen zu setzen, der spätere Hinweis Gewinne mitzunehmen, meine Empfehlung bei Ölaktien zu bleiben im Frühjahr dieses Jahres und vor einigen Wochen das Pfund wieder in Betracht zu ziehen. Anderseits hätte man ruhig die Deutsche Bank kaufen sollen bei zehn Euro. Habe ich aus prinzipiellen Überlegungen heraus nicht gemacht – Banken sind keine Qualitätsinvestments – und mir so 80 Prozent Gewinn entgehen lassen. Dabei hätte damals eine Kaufempfehlung dem einzigen Grundsatz entsprochen, den ich bei der taktischen Geldanlage für plausibel halte: immer das Gegenteil von dem zu tun, was alle sagen und denken.

Die Großen der Anlageszene nutzen eine Liste der Top-Ten-Prognosen für das neue Jahr zum Marketing. Nachdem ich nun mehr als ein Jahr an dieser Stelle schreibe und die WiWo mich immer noch schreiben lässt, was ich mag – siehe meine Idee der radikalen Entschuldung über die Abwertung allen Geldes gegenüber Gold letzte Woche  – ist es an der Zeit, meine eigene Top-Ten-Liste zu veröffentlichen. Das Schöne an diesen Listen: Sie müssen nicht in sich schlüssig sein. Niemals werden alle Top Ten gleichzeitig eintreffen. Die Trefferquote sollte allerdings schon bei über 50 Prozent liegen. In einem Jahr schauen wir zurück. Versprochen.

Hier meine Top Ten für 2017:

1. Die Deflation kehrt zurück
Zurzeit beginnt eine breite Diskussion zur Rückkehr der Inflation. Zum einen liegt das an der Hoffnung, die neue US-Regierung könnte mit ihren Maßnahmen die US-Wirtschaft beleben und die Inflationsrate nach oben treiben. Eine Idee, die hier schon vor der Wahl diskutiert wurde („Mit Trump kommt die Reflation“). Zum anderen entfällt die preissenkende Wirkung des tiefen Ölpreises. Da das Öl schon vor einem Jahr billig war, entfällt der Basiseffekt. Deshalb ist es durchaus möglich, dass in den kommenden Monaten höhere Inflationsraten gemeldet werden. Dies dürfte aber nur ein vorübergehendes Phänomen sein. Dafür sprechen viele Gründe: der Anstieg der Zinsen führt zu einer Abschwächung der Wirtschaft, der starke US-Dollar erhöht den Druck auf die Emerging Markets, China muss die eigene Wirtschaft über Exporte stärken und die grundlegenden Probleme von schrumpfenden Erwerbsbevölkerungen und schwachem Produktivitätswachstum bleiben ungelöst. Im Herbst 2017 reden wir wieder von Deflation.

2. Die USA stürzen in die Rezession
Der Aufschwung der US-Wirtschaft ist – obwohl im historischen Vergleich schwach – schon sehr alt. Alles hängt am US-Konsumenten, der trotz geringer Lohnsteigerungen immer noch auf Schulden setzt. Höhere Zinsen und kurzfristig höhere Inflation belasten die Kaufkraft der Konsumenten und die Bilanzen der deutlich höher verschuldeten Unternehmen, die, um ihre Erträge trotz steigender Zinsen und starken Dollars zu verteidigen, Kosten senken und Arbeitsplätze abbauen. Die ohnehin tiefen Investitionen gehen noch weiter zurück. Der Druck auf die neue US-Regierung, wie versprochen mit Protektionismus zu reagieren, wird zunehmen.

3. Der US-Dollar verliert
Nach einem mehrjährigen Aufschwung des US-Dollar-Index sind alle Marktbeobachter der Meinung, dies müsse so weitergehen. Alleine dies spricht für eine Trendwende oder zumindest eine Pause in der Entwicklung des US-Dollars. Die Rezession in den USA und die damit verbundene Abkehr von Zinserhöhungen führen zu einer neuen Phase des Abwertungswettlaufs. Die USA wussten noch immer am besten, wie man das spielt. Der Euro wird daraufhin, allen Problemen der EU und der Eurozone zum Trotz, steigen und die Probleme in Europa verschärfen.

4. Gespaltenes Jahr für Anleihen
2017 kann man mit Anleihen wieder gut Geld verdienen. Nachdem im ersten Halbjahr die Zinsen auf 10-jährige US-Treasuries über drei Prozent gestiegen sind, kommt es in der zweiten Jahreshälfte zu einer massiven Rallye. Ende 2017 liegt der Zins dann bei 1,5 Prozent. Dies widerspiegelt die wirtschaftliche Abkühlung, die gestiegene Deflationsgefahr und den Versuch der Notenbanken noch aggressiver die Wirtschaft zu beleben. Doch nicht alle Anleihen profitieren. Anleihen von Schuldnern schlechter Bonität erleiden deutlichere Abschläge, der Risikozuschlag gegenüber sicheren Staatsanleihen nimmt wieder deutlich zu, ausgelöst durch die Rezession und zunehmende Zahlungsausfälle.

5. Verluste an den Börsen
Nach einem guten Jahresauftakt realisieren die Aktienmärkte rasch, dass sich eine wirtschaftliche Abkühlung andeutet. Die Märkte drehen, angeführt von den USA nach unten. Die zyklischen Werte werden gemieden, die Qualitätsaktien und Dividendenpapiere können sich relativ besser entwickeln. Dennoch stehen die Börsen Ende 2017 unter den Höchstständen vom Jahresbeginn.

6. Einstiegschance bei Gold
Zunächst bekommen die Skeptiker recht. In einem Umfeld steigender Zinsen und eines festen Dollars wird Gold nicht gesucht, die Preise bleiben trotz zwischenzeitlicher Erholung unter Druck. Erst mit dem erneuten Öffnen der monetären Schleusen zur Bekämpfung der sich immer offener zeigenden Rezession und den wieder zunehmenden Sorgen um das Weltfinanzsystem zieht Gold wieder deutlich an und ist am Ende einer der Gewinner des Jahres.

7. Der Verfall der Eurozone geht weiter
Während zunächst alle Aufmerksamkeit der italienischen Bankenkrise und den sich abzeichnenden Neuwahlen gilt, kommt es in Holland zum Wahlsieg der Partei für die Freiheit, angeführt von Geert Wilders. Diese bildet mit der bisherigen Regierungspartei VVD eine Koalitionsregierung und betreibt den Ausstieg aus EU und Euro. Grundlage bildet dafür ein bereits im Jahr 2014 vom britischen Forschungsinstitut Capital Economics erstelltes Gutachten, welches eine bessere Entwicklung Hollands außerhalb des Euro prognostiziert. Für Anfang 2018 ist eine Volksabstimmung geplant, in der über einen Austritt abgestimmt wird. Ungefähr zeitgleich mit einer ähnlichen Abstimmung in Italien. Einziger Trost aus Sicht der Pro-Europäer ist der Wahlsieg des konservativen Reformers François Fillon, der sich in der Stichwahl knapp gegen Marine Le Pen durchsetzt, weil selbst die linken Wähler angesichts dieser Alternative den Konservativen unterstützten. Ob Fillon wie versprochen Reformen durchsetzen kann, bleibt angesichts der Generalstreiks, die das Land seither erlebt, zweifelhaft.

8. Die EZB lässt letzte Hemmungen fallen
Angesichts der zunehmenden politischen Spannungen in EU und Euroraum, der Abschwächung der Weltwirtschaft und des erstarkenden Euro geht die EZB aufs Ganze. Statt wie noch im Frühjahr erwartet zum Jahresende aus dem Programm auszusteigen, folgt die EZB dem Beispiel Japans und beginnt neben Anleihen auch Aktien direkt aufzukaufen. Diese Käufe unterminieren das Vertrauen der Kapitalmärkte zusätzlich. Deshalb erklärt sich die EZB bereit, direkt Anleihen der EU zur Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen und weiteren Zukunftsprojekten zu kaufen. Das Helikopter-Geld wird Wirklichkeit. Mit diesem Billionen-Programm hofft man, die Stagnation zu überwinden. Zugleich wächst der Unmut in den Gläubigerländern weiter.

9. Der Deal mit der Türkei platzt
Im Laufe des Jahres verschlechtert sich das Verhältnis der EU zur Türkei zusehends. Immer offensichtlicher wird die türkische Strategie im Nahen Osten und die Bereitschaft, die türkischen Interessen notfalls auch militärisch durchzusetzen. In der Folge wird die Zusammenarbeit der EU mit der Türkei, die die Migrationsströme begrenzen sollte, gekündigt. Die Balkan-Route wird wieder zum bevorzugten Weg für die Einwanderer aus Afrika und dem Nahen Osten.

10. In Deutschland regiert Schwarz-Rot-Grün
Nach einem der intensivsten Wahlkämpfe der bundesdeutschen Geschichte erzielen weder die große Koalition, noch Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün eine Mehrheit. Die deutlich erstarkte AfD, eine stabile Linke und eine in den Bundestag zurückgekehrte FDP erschweren die Regierungsbildung. So bildet sich eine große Koalition der Verlierer, nachdem die SPD sich geweigert hat, eine Koalition mit der FDP einzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein besinnliches Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr. Spannend wird es sicherlich. Am 12. Januar 2017 meldet sich Stelter strategisch wieder.

Und für die Leser von bto noch der Hinweis: Ab morgen erscheinen täglich meine besten 2016. Beiträge von denen ich finde dass es sich lohnt, sie mehrmals zu lesen. Viel Spaß damit. 

WiWo.de: „Meine Top-Ten-Prognosen für 2017“, 12. Dezember 2016

21 Antworten
  1. Paul Bäumer says:

    1-8.:
    Halte ich auch für >50% wahrscheinlich.
    9.:
    Die Grenzschließung in Mazedonien war wohl wichtiger als der Türkei-Deal. Daher wette ich gegen diesen apokalyptischen Satz zur Balkan-Route.
    10.:
    Die Richtung erwarte ich auch, aber nicht so extrem. Ich tippe auf eine erneute GroKo, mit dem Unterschied, dass die Mehrheit knapper ist. Folge: Die CSU kann blockieren und setzt ein paar notwendige Verschärfungen bei der Einwanderung durch.

    Antworten
  2. Dietmar Tischer says:

    Mein Kommentar und meine Prognosen:

    1. Die Deflation kehrt zurück

    Ob wir bereits im Herbst 2017 über Deflation reden werden, ist offen – eine Prognose, die hinreichend begründbar auf diesen Zeitpunkt abhebt, kann es nicht geben.

    Irgendwann, möglicherweise später wird die Deflation zurückkehren.

    2. Die USA stürzen in die Rezession

    Stürzen, na ja. Es werden jedoch gegen Ende des Jahres rezessive Tendenzen einsetzen. Die Wirkmechanismen lassen nichts anderes zu.

    3. Der US-Dollar verliert

    Ja, aber nicht 2017. Der Fed sorgt mit seiner Zinspolitik dafür, dass der US-Dollar mindestens bis 2018 stark bleibt.

    4. Gespaltenes Jahr für Anleihen

    Aufs ganze Jahr bezogen: Die Zinsen werden steigen und die Anleihen werden verlieren, auch wenn es gegen Ende des Jahres zu einer Trendumkehr kommen sollte.

    5. Verluste an den Börsen

    Sehe ich auch so und glaube, dass die Börsen Ende 2017 deutlich unter den Höchststand von Anfang 2017 stehen werden.

    6. Einstiegschance bei Gold

    Sehe ich nicht in 2017, obwohl der Goldpreis etwas steigen könnte. Auf längere Sicht wird er allerdings deutlich höher stehen, da wir irgendwann wachsende Inflation haben werden. Das heißt jedoch nicht, dass man nicht auch jetzt schon ein wenig physisches Gold besitzen sollte.

    7. Der Verfall der Eurozone geht weiter

    Ist auch meine Meinung. Die Frage ist, ob es schon 2017 zu einer Auflösung kommen wird. Denkbar, aber die Chancen sind etwas besser, dass man sich mit Ach und Krach bis 2018 durchquält.

    8. Die EZB lässt die letzten Hemmungen fallen

    Sehe ich auch so – die EZB wird quasi von Sendungsbewusstsein getragen aufs Ganze gehen.

    9. Der Deal mit der Türkei platzt

    Sehe eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, obwohl ihn weder die Türkei noch die EU ihn platzen lassen wollen. Meine Gründe sind allerdings andere: Die Türkei wird sich destabilisieren, weil sie das Kurdenproblem nicht lösen kann – es deutet alles auf einen zumindest verdeckten Bürgerkrieg und weil das hoch in US Dollars verschuldete Land wirtschaftlich abschmieren wird. Die Balkan-Route wird nicht wieder belebt werden, allerdings wird Griechenland in ganz, ganz große Bedrängnis geraten.

    10. In Deutschland regiert Schwarz-Rot-Grün

    Das ist auch meine Prognose. Gründe: keine Wendestimmung hin zu Rot-Rot-Grün. Die SPD kann nach vier (!) verlorenen Bundestagswahlen nicht noch einmal alleiniger Juniorpartner von CDU/CSU werden. Das würde sie nicht aushalten, der linke Flügel würde die Wände hochgehen. Aber: Schwarz-Rot-Grün, obwohl stimmenmäßig sehr stark, wird eine schwache Koalition werden. Die CSU wird nur mit Magenschmerzen mitmachen, die SPD-Linke wird sich verkauft vorkommen, ebenso der linke Flügel der Grünen. Der Koalitionsvertrag wird voller Leerformeln sein, die Parteien werden Zerreißproben ausgesetzt sein.

    Fazit:

    Bei Deflation, Rezession in USA , US Dollar, Anleihen und Gold sehe ich die Entwicklungen später, ansonsten Übereinstimmung.

    Antworten
    • Johann Schwarting says:

      @Dietmar Tischer

      „10. In Deutschland regiert Schwarz-Rot-Grün.“

      Die Demokratie ist die raffinierteste Form der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Sie ist ein Machtsystem mit einem Machtkreislauf, der mit Mitteln geschaffen wird, die vorfinanziert werden müssen. Die Mittel, die der Staatsapparat zur Verfügung hat, sind die Gewalten, die die Menschen unterwerfen und gefügig machen. Entscheidend ist der staatlich ausgeübte Zwang auf die Privaten zur scheinbar freiwilligen Verschuldung – zur selbstverschuldeten Selbstversklavung –, um die ‘Abgaben ex nihilo‘ an den Staat zu erwirtschaften. Die Freiwilligkeit ist aber nur eine Simulation – ein Trugbild –, die den wahren Charakter des Systems verschleiert, dass es mit Gewalt beginnt, auf Gewalt ruht und in Gewalt endet. Es gilt, systemisch zu verstehen, dass die Zentralmacht wegen der sich ausweitenden Überschuldung aufgrund des ‘Vorher-Nachher-Problems’ – Ausgabenleistung vor Erlangung der Einnahmen – zum Scheitern verurteilt ist. Das Problem kann nur durch einen Schuldner und Gläubiger zufriedenstellenden befreienden Bankrott gelöst werden – wie jeder, der eine Privatinsolvenz durchgestanden hat, bestätigen kann. Danach beginnt der nächste zyklische Durchgang. Alle Maßnahmen dienen nur der Zeitgewinnung. Die Vorstellung der Freiwilligkeit abgeschlossener Gesellschaftsverträge – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – zur Gestaltung der Gesellschaft ist auch nur ein positiv besetztes Trugbild. Tatsache ist, dass das Geld, der Machtkreislauf, die Rechtsräume, das Eigentum, die Ökonomie, die Freiheiten und auch die Gesellschaft Derivate einer Zentralmachtordnung sind. Der Machtkreislauf wird durch das Geld – durch seine Möglichkeiten der Bemächtigung und Entmächtigung – vorangetrieben. Wir fühlen uns alle wohl dabei, weil diese bitteren Erkenntnisse unserem Bewusstsein durch ’Brot und Spiele‘ entzogen bleiben. In einem Beitrag von vorgestern hatte ich ausgeführt, dass es vor allem die Schuldenkontrolleure aus den weltweit tätigen Beraternetzwerken sind, die wegen ihres Wissens über den Debitismus die wahren Machthalter sind. „Für den Staat, dessen Existenz ohne Verschuldung nicht definierbar ist, bedeutet das den Rückbau der Machtkreisläufe – vor allem der Rechtsräume – und die Rücknahme von Redistributionen, die der Machterhaltung dienen.“

      Die Zusammensetzung des Parlaments mit dem daraus folgenden Kabinett ist völlig egal, weil die Politik sich der Logik des debitistischen Ablaufes nicht verweigern und entziehen kann. Die Politik kann sich ihre Macht nur noch einbilden – sie liegt mittlerweile in ganz anderen Händen. Jean Baudrillard, der wegen seiner Simulationstheorie von den Fassungslosen gehasste und wichtigste Philosoph des letzten Jahrhunderts, hat schon unabhängig von Paul C. Martin in seinem Hauptwerk: ‘Der symbolische Tausch und der Tod‘ davon gesprochen, dass die Politik ihre Macht nur noch simuliert.

      Desillusionierende Grüße JS

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Sie bringen zu viel durcheinander, beispielsweise Politisches und Ökonomisches:

        >Die Demokratie ist … ein Machtsystem mit einem Machtkreislauf, der mit Mitteln geschaffen wird, die vorfinanziert werden müssen.>

        Das Machtsystem beruht auf der akzeptierten, genauer: nicht widersprochenen Verfassung. Die Aus-übung darin festgelegter Verfahren, insbesondere Wählen, legen den Mechanismus fest, nach dem wer welche Macht ausüben darf. Das alles hat mit Vorfinanzierung nichts zu tun.

        Und Sie stellen Behauptungen auf, die einfach nicht zutreffend sind, beispielsweise:

        >Entscheidend ist der staatlich ausgeübte Zwang auf die Privaten zur scheinbar freiwilligen Verschuldung – zur selbstverschuldeten Selbstversklavung –, um die ‘Abgaben ex nihilo‘ an den Staat zu erwirtschaften.>

        Der Staat übt weder direkt noch indirekt Zwang aus, sich zu verschulden. Ich kenne Menschen, die haben NIE in ihrem Leben Schulden gehabt durch Ausübung von Zwang. Es sind Menschen, die sich bei der Bank ENTSCHULDIGEN, wenn sie mal ein paar Cents überzogen haben. Entschuldigen in einem doppelten Sinn: sagen, dass SIE etwas Falsches bzw. Unerlaubtes getan haben und dies durch Begleichen der Schuld in Ordnung bringen. Sie würde nie auf die Idee kommen, dazu gezwun-gen worden zu sein – am allerwenigsten durch den Staat.

        Die Abgaben an den Staat werden auch nicht ex nihilo erwirtschaftet, sondern aus den Einkommen geleistet, die mittels Bezahlung von Faktorpreise für die Beteiligung am REAL geschaffenen BIP erzielt werden.

        Und wenn der angeblich wichtigste Philosoph des letzten Jahrhunderts tatsächlich behauptet haben sollte, dass die Politik ihre Macht nur noch simuliert, dann hat er Unsinn erzählt.

        Die Politik(er) üben Macht aus.

        Das ist z. B. dann der Fall, wenn Sie Mrd.-Beträge für dieses oder jenes ausgeben oder durch Verträge dem Volk Verpflichtungen auferlegen, wie z. B. den Euro als allgemein gültiges Zahlungsmittel zu gebrauchen.

        Wenn das keine Machtausübung ist, was ist dann Machausübung?

        Was aber zweifellos der Fall ist:

        Die Machtausübung kann immer weniger die Erwartungen und Ansprüche der Menschen erfüllen.

        Dies ist so, weil es nicht mehr das dafür erforderliche Wirtschaftswachstum gibt.

        Da liegt das Problem der Politik.

  3. Alfred says:

    Guten Abend Herr Stelter,
    wie sieht Ihre Prognose für die deutsche Automobilindustrie aus? Jetzt nicht spezifisch auf 2017 bezogen (Sie meinten ja bereits, dass zyklische Werte leiden werden), sondern im übergeordneten Industrietrend. Ist es zu früh Carsharing, E-Mobilität und autonomem Fahren Rechnung zu tragen und sich von deutschen Automobilherstellern zu trennen (immerhin wird ja die Zukunft gehandelt), oder sollten die Geschäfte noch länger stabil bleiben?

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Meine Sicht zur Autobranche ist eine zutiefst besorgte. Ich habe es immer nur am Rande thematisiert. So:

      http://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/rueckschlag-im-globalen-wirtschaftskrieg/ dort: „Dabei ist die Autoindustrie als Rückgrat der deutschen Wirtschaft ohnehin von einem Umbruch historischen Ausmaßes bedroht. Geändertes Konsumentenverhalten, neue Technologien und gänzlich neue Wettbewerber gefährden die deutsche Vorzeigebranche mehr, als diese und vor allem die breite Bevölkerung es wahrhaben will.“

      http://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/vw-kauft-man-nicht/ dort: „Auch ohne Abgasskandal steht die deutsche Vorzeigebranche vor einem Umbruch historischen Ausmaßes. Die ganze deutsche Autoindustrie muss sich auf einen heftigen Gegenwind für die Kerntechnologie Diesel einstellen. Mehr noch: Geändertes Konsumentenverhalten, neue Technologien und gänzlich neue Wettbewerber werden das Produkt selbst mehr in Frage stellen als die Branche und die traditionellen deutschen Autoliebhaber es wahrhaben wollen.“

      http://think-beyondtheobvious.com/stelter-in-den-medien/das-koennte-peter-thiel-zu-deutschland-sagen/ dort: „Gerade die Automobilbranche steht vor erheblichen Herausforderungen. Ob begründet oder nicht, wird sie als Hauptverantwortliche für den Klimawandel ausgemacht. Andere Länder können mit Umweltschutzargumenten faktisch protektionistische Maßnahmen ergreifen und damit einen Wettbewerber schwächen, der in der traditionellen Technologie des Verbrennungsmotors einen uneinholbaren Vorsprung hat. Skandale wie jener von Volkswagen liefern dafür zusätzliche Munition. Doch auch ohne diesen technologischen Wandel droht der Branche Ungemach. Selbstfahrende Autos, Carsharing und eine abnehmende Bedeutung als Statussymbol könnten der Vorzeigebranche Deutschlands erhebliche Schwierigkeiten bereiten.“

      Langfristig bin ich skeptisch. Kurzfristig kann der Trump Boom aber noch für ein paar gute Jahre sorgen.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Sehe das genauso und füge zum Punkt „Konsumverhalten“ hinzu:

        Wir erleben die stetig zunehmende Verstädterung der Welt.

        Heißt:

        In den Städten wird es mit mehr Automobilen schwieriger und teurer Parkplatz zu finden bzw. es wird immer komfortabler, mit öffentlichen Verkehrsmitteln mobil zu sein.

        Und auf dem Land haben die Leute nicht das Geld, sich schnell mal das neueste Auto zu kaufen.

        Egal, welche Antriebskonzepte sich durchsetzen und ob das Auto selbst fährt oder nicht, schon von daher läuft der Trend voll gegen das Automobil.

        Auf kurze und mittlere Sicht wird alles getan, damit die Branche nicht einknickt – selbstver-ständlich auch mit satten Subventionen, wenn es sein muss –, aber langfristig wird die Bran-che gewaltig an Bedeutung verlieren.

  4. Jürgen Schwichtenberg says:

    Guten Tag .
    Zunächst mal ein Kompliment an Sie Hr.Stelter :
    Sie sind einer der klügsten und liberalsten Köpfe ,die man in der deutschen Medienlandschaft antrifft .
    Bitte behalten Sie ihren unabhängigen Geist bei !
    Ihre Thesen 1-8 teile ich,über das Timing kann man geteilter Meinung sein .Wir werden sehen
    Politisch sehe ich Deutschland vor einem „Trümmerhaufen“,daher wage ich keine Prognosen zum Wahlausgang .
    Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch !

    Antworten
  5. Johann Schwarting says:

    @ Dietmar Tischer

    Der Satz

    „Der Staat übt weder direkt noch indirekt Zwang aus, sich zu verschulden. …“
    Ihres Beitrages „lässt vermuten, dass Sie in Ihren Betrachtungen die Ökonomie der Zentralmacht voranstellen – und denken vielleicht noch, dass der Staat und die Volkswirtschaft gemeinsam entstehen und wachsen. Damit stehen Sie in der Tradition der gegenwärtigen ökonomischen Lehren. Das steht ganz im Gegensatz zum Debitismus, in dem es zuerst eine Zentralmachtordnung mit ihren Instanzen gibt, die vorfinanziert werden müssen. Die Volkswirtschaft ist eine Folge des Debitismus und dient dem Erwirtschaften von Schuldendeckungsmitteln.“, wie @‘Frisian Submarine‘ in dem Blog von Michael Stöcker formuliert.

    In unseren ökonomischen Deutungsversuchen stehen wir also Rücken an Rücken und jeder führt eine ‘Rede ohne Antwort‘ (Jean Baudrillard) in die entgegengesetzte Richtung.

    Die Richtung einer ökonomischen Betrachtung ändert sich erst nach einem intellektuellen ‘Choc‘ im Sinne von ‘Walter Benjamin‘. Das sehen wir auch in dem Bild ‘Holzsammler im Schnee‘ von Vincent van Gogh an der untergehenden Abendsonne, die die Richtung der künstlerische Betrachtung verändert. So verhält es sich auch, wenn uns bewusst wird, wie der Trauermarsch nach den Anschlägen auf ‘Charlie Hebdo‘ inszeniert und im Fernsehen dargestellt wurde – bisherige journalistische Deutungen sind in Zweifel zu ziehen. Da im Zeitalter der Simulation nach Baudrillard „die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden sind als die Wirklichkeit selbst“ sind die Bilder realer als das Reale – sie werden zur Hyperrealität. Die Politik wird zu einer virtuellen show – ihr ist der Zustand der Infrastruktur und das Leistungsniveau (Dr. Stelter: „Ich fasse es nicht!“) der Schulen völlig egal. Wichtig sind die 25 neue Stellen für die Staatssekretäre in Berlin – na dann Prost. Nachdenkliche Grüße JS

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >„Der Staat übt weder direkt noch indirekt Zwang aus, sich zu verschulden. …“ Ihres Beitrages lässt vermuten, dass Sie in Ihren Betrachtungen die Ökonomie der Zentralmacht voranstellen – und denken vielleicht noch, dass der Staat und die Volkswirtschaft gemeinsam entstehen und wachsen.>

      Wenn Sie ZIELORIENTIERT diskutieren statt (nur) Meinung kundtun, sich also an der KÄRUNG, was als richtig oder falsch gelten soll, beteiligen wollen, ist es nicht hilfreich zu vermuten oder die Frage zu wechseln.

      Das tun Sie hier.

      Die Frage nach der Ausübung von Zwang durch den Staat betrifft FUNKTIONALITÄT.

      Menschen verschulden sich. Das können Sie nicht wegdiskutieren und – da nicht sein kann, was nicht sein darf – reden Sie von „scheinbar freiwilliger Verschuldung“. Ich habe ihnen ein Beispiel aufgeführt, demzufolge Menschen nicht verschuldet sind und daher der Staat keinen Zwang zur Verschuldung ausgeübt hat, jedenfalls keinen seinen Mitteln entsprechenden, so dass man nicht wirklich von staatlichem Zwang reden kann. Damit laufen Sie mit „scheinbar freiwillig“ ins Leere. Denn wo es keine Verschuldung gibt, gibt es auch keine „scheinbar freiwillige“.

      Statt sich damit auseinanderzusetzen, wechseln sie zur ENTSTEHUNG des Staates.

      Das ist meine Auffassung:

      Ich bin der Meinung, dass ein BESTIMMTES Wirtschaften zu den Urformen gesellschaftlicher Organisation geführt hat, aus denen der heutige Staat entstanden ist. Es bestand darin, dass eine Anzahl von Menschen weniger konsumiert haben als sie gekonnt hätten und das so GESPARTE INVESTIERTEN. Beispielhaft: nicht alle geernteten Kartoffeln wurden gegessen, sondern einige mehr als im vorangegangenem Jahr wurden in die Erde gesteckt, so dass nächste Jahr mehr geentet werden konnten. Das so erzielte Wachstum ermöglichte es, andere zu finanzieren, die GEMEINSCHAFTSAUFGABEN übernahmen, z. B. Grenzen sicherten. Insoweit geht das Ökonomische einer Zentralmacht voran.

      Mit dieser Darlegung bestreite ich nicht, dass der Debitismus eine entscheidende Rolle für unser heutiges Wirtschaft spielt und ihm auch Teil der Staatsfinanzierung geschuldet ist.

      Sie zeigt aber, dass nicht alles mit dem Debitismus erklärt zu werden braucht und manches, was mit dem Debitismus erklären würde, falsch erklärt wäre.

      Ihnen fehlt ganz offensichtlich die Fähigkeit, so souverän mit Ideen und Konzepten umzugehen, dass sie deren Begrenztheit erkennen.

      Name dropping (Walter Benjamin, von Gogh) kompensiert das nicht.

      Antworten
      • Heinz says:

        Der Staat übt einen Verschuldungszwang aus, dass ist nun mal Fakt. Sobald jemand über Eigentum verfügen kommt der Staat und will Steuern dafür. In vielen Fällen selbst dann, wenn ich gar kein Einkommen daraus beziehe. Auch bei den meisten Konsumgütern besteht der überwiegende Teil der dafür aufzubringenden Mittel aus Steuern. Nun, es mag hie und da ein paar Ausnahmen von diesen Regeln geben. Die sind aber meist unbedeutend und fallen nicht groß ins Gewicht.

      • K. de Guebert says:

        Zitat: „Ich bin der Meinung, dass ein BESTIMMTES Wirtschaften zu den Urformen gesellschaftlicher Organisation geführt hat, aus denen der heutige Staat entstanden ist. Es bestand darin, dass eine Anzahl von Menschen weniger konsumiert haben als sie gekonnt hätten und das so GESPARTE INVESTIERTEN. Beispielhaft: nicht alle geernteten Kartoffeln wurden gegessen, sondern einige mehr als im vorangegangenem Jahr wurden in die Erde gesteckt, so dass nächste Jahr mehr geentet werden konnten. Das so erzielte Wachstum ermöglichte es, andere zu finanzieren, die GEMEINSCHAFTSAUFGABEN übernahmen, z. B. Grenzen sicherten. Insoweit geht das Ökonomische einer Zentralmacht voran.“

        Sie mischen hier Sachverhalte, die ursächlich nichts miteinander zu tun haben, zusammen und kommen so zu falschen Begrifflichkeiten.
        1. Dass Staaten erst entstehen, wenn die Subsistenzwirtschaft überwunden wurde, ist richtig, hat aber nichts damit zu tun, dass auch der nur sich selbst erhaltende Pflanzer, nicht sein ganzer Saatgut verfuttern kann.
        2. Urformen gesellschaftlicher Organisation waren Sippe und Stamm. Gerade in diesen wurde eher gejagt und gesammelt und kaum gewirtschaftet.
        3. Das antike Ägypten erwirtschaftete die Überschüsse, Kriege, Pyramiden, einen ausgiebigen Staatsapparat und natürlich auch Reserven zu finanzieren, dennoch kannte es kein Geld und kann kaum als ein Vorläufer des heutigen, kapitalistischen Staates und seines Wirtschaftens gesehen werden.
        4. (Richtiges) Geld und wirtschaften setzen bestimmte gesellschaftliche und politische Verhältnisse voraus (Die „Revolution gegen die Burg“), die Eigentum und nicht nur Besitz erlauben. Der frühmittelalterliche Graf auf seiner Burg wußte was Besitz ist, aber Eigentum kannte er so wenig wie der Pharao. Eigentum kannten allerding die Römer und die oberitalienischen Stadtstaaten – so wie Sie und ich. Eigentum unterscheidet sich von Besitz dadurch, dass man es zB beleihen oder verpfänden kann.
        5. Deshalb geht zwar die Überschussproduktion einer Zentralmacht voraus – eine Zentralmacht ist aber nicht hinreichend für unser heutiges Wirtschaften.

      • Johann Schwarting says:

        „Name dropping (Walter Benjamin, von Gogh) kompensiert das nicht.“

        Der Begriff ’punctum‘ – der ’Choc‘ – ist von W. Benjamin und vor allem von R. Barthes https://de.wikipedia.org/wiki/Die_helle_Kammer eingeführt worden als ein plötzliches Ereignis, das „bedeutet [auch]: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt – und Wurf der Würfel. Das ‘punctum‘ einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich ’besticht‘ (mich aber auch verwundet, trifft).“ Es stellt sehr oft eine geistige Befreiung dar, weil es unabhängig ist von inhaltlichen Betrachtungen.
        1. Die Finanzkrise ab 2007 ist ein ‘punctum‘, das m.W. nicht zu einer ehrlichen intellektuellen ökonomischen Betrachtung ihrer Ursachen und an den Universitäten nicht zu überzeugenden Revisionen der bisherigen ökonomischen Deutungsversuche und der akademischen Lehre geführt hat.
        2. Das ‘punctum‘ findet sich in dem Meisterwerk „Holzsammler im Schnee“ https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Van_Gogh_-_Holzsammler_im_Schnee.jpeg – eine in kalte Farben getauchte Winterlandschaft von Vincent van Gogh. Wir sehen die Dynamik an ihren Beinen, an ihren gesenkten Blicken auf den schneebedeckten Boden, die dort Festigkeit für die Füße suchen und an dem angedeuteten Trichter, der durch die waagerechte Linie in der Bildmitte und der angedeuteten schrägen Geraden der Sträucher links unten und der Richtung der Reisigbündel oben ansatzweise gebildet wird. Der Blick wird durch das choc-artige Auftreten der untergehenden letzte Wärme spendenden Abendsonne als ’punctum‘ in das Bild wieder zurückgeholt. Das ‘punctum‘ verändert die Deutung des Gemäldes – wie besonders vielfältig auch im Expressionismus zu sehen ist.
        3. Das ’punctum‘ sehen wir in dem TV-Beitrag über den Trauermarsch nach den Ereignissen von Charlie Hebdo in Paris. http://www.spiegel.de/politik/ausland/charlie-hebdo-marsch-durch-paris-mit-staatschefs-auf-einsamer-strasse-a-1012649.html Der Film verknüpft zwei Teile zu einem neuen Ganzen und führt zu einem Wechsel der Betrachtungsweisen – das Bild und der Film erzeugen eine neue Realität und treiben sie damit gleichzeitig voran. Bisherige journalistische Deutungen in Wort und Bild werden in Zweifel gezogen und begründen neu entstehende Schlagwörter – ‘Lügenpresse‘.
        4. Die Ereignisse von Berlin sind ein ‘punctum‘, das einen scheinbar linearen Ablauf eines politischen Geschehens völlig in Frage stellt, teilt und uns desorientiert und ruhelos zurücklässt, da es über unsere bisherigen Erkenntnisse hinausgeht. Es entsteht eine neue Wahrnehmung. Die Machthalter wissen, dass diese Ereignisse ihnen die Macht nehmen können. Der ’Choc‘ ist lebensbedrohlich und erzeugt Angst – wie ein unvorhersehbares Überfluten eines Deiches bei einer Sturmflut zu einem unmittelbaren Deichbruch von der Landseite her führen kann. Die Angst rührt vielleicht auch daher, dass wir im Gefängnis der Verschriftung und der Zeichen sitzen, dessen Mauern wir nicht überwinden können. Jeder simuliert sich die Wirklichkeit mit den Wörtern seiner Texte zu seiner eigenen wahrgenommenen individuellen und subjektiven – im Gehirn stattfindenden – Realität, die sich nur nach einem selbst erlebten Riss – einem ’punktum‘ und ’Choc‘ – verändern lässt. Das bedeutet, dass ich mit meinen debitistischen Deutungsversuchen die Tauschtheoretiker auch nicht überzeugen muss – jeder hat sich selber zu mühen und zu finden. Das Kommende wird weit über die Bedeutung der Ereignisse dieses Jahres selbst hinausgehen – was wird es sein? Prof. Metzinger hat in der 3sat Kulturzeit am 20.12.2016 gesagt: „Ich glaube, wir alle spüren am Ende dieses schrecklichen Jahres 2016, dass wir auf eine gewisse Weise emotional erschöpft sind – und das ist auch Teil des Problems. …“

  6. Dietmar Tischer says:

    @ Heinz

    >Sobald jemand über Eigentum verfügen kommt der Staat und will Steuern dafür. In vielen Fällen selbst dann, wenn ich gar kein Einkommen daraus beziehe.>

    Und daraus, glauben Sie, könne man schließen, dass der Staat einen Verschuldungszwang ausübt?

    Das ist ein Fehlschluss.

    Beispiel Vermögensbesteuerung:

    Steuern entweder aus den Einkünften, die durch das Vermögen erzielt werden, bezahlen oder das Vermögen verkaufen und aus dem Erlös die Steuern bezahlen.

    Wo ist hier der Verschuldungszwang durch den Staat?

    Antworten
  7. Johann Schwarting says:

    @Heinz

    So

    „Der Staat übt einen Verschuldungszwang aus, dass ist nun mal Fakt. …“

    ist es. Da Geld durch einen Kreditvertrag entsteht und es immer nur den einen Zweck hat, eine bereits bestehende und noch nicht bezahlte Schuld zu tilgen, gilt das Zitat:

    „Es darf niemals der einzelne Inhaber von Geld mit allen Inhabern von Geld verwechselt werden. Diese Verwechslung ist der Grundirrtum aller ökonomischen Deutungsversuche.“

    von Paul C. Martin – auch abgewandelt auf Schulden. Jeder Zivilisationsmensch – von wahrhaften Einsiedlern abgesehen – ist verschuldet und hat seine Schulden mit Geld zu tilgen. Das Missverständnis rührt daher, dass @Tischer die ‘Machttheorie des Geldes‘ von PCM ablehnt. MfG JS

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Schon wieder falsch – und das gleich mehrfach.

      a) Ich widerspreche nicht der These, dass unser heutiges Wirtschaften auf Verschuldung beruht, und lehne sie auch nicht ab. Sie verweist m. A. n. richtig auf essentielle Wirkungsmechanismen in unserem Wirtschaftssystem.

      b) Es ist falsch, dass jeder Zivilisationsmensch verschuldet ist. Ich habe Beispiele genannt, die nicht widerlegt wurden. Ich sage damit nicht, dass Menschen, die sich nicht verschulden, dies im System auch dann können, wenn sie niemand verschuldet. Natürlich können sie es nicht, weil sie nicht autarke Einsiedler im System sein können. Aber das heißt eben nicht: JEDER Zivilisationsmensch …

      c) Der Staat übt keinen Verschuldungszwang aus – es sei denn in Krisenzeiten wie unmittelbar nach dem Krieg, als mit Zwangshypotheken ein Vermögensausgleich zwischen denen, die buchstäblich nichts mehr hatten und denen, die unverdient glücklichen Immobilienbesitzern waren, geschaffen wurde.

      Verschuldungszwang übt der Staat nur dann aus, wenn er KEINE Option außer Verschuldung offenlässt, seinen Forderungen nachzukommen. Das ist definitiv nicht der Fall.

      Die Menschen verschulden sich in großer Mehrheit GEWOLLT, d. h. mit der Akzeptanz des Systems FREIWILLIG. Ausnahmen bestätigen die Regel.

      Eine ganz andere Frage ist, ob der Staat mit seinen Mitteln dafür sorgen SOLLTE bzw. MUSS, dass sich das System, so es denn notwendigerweise auf Verschuldung beruht, vermehrt verschulden muss.

      Dafür kann er gegebenenfalls Anreize setzen oder Sanktionen verhängen.

      ZWANG ist etwas anderes.

      Mir zeigt die ganze Diskussion hier, dass irgendwelche Einsichten, die man annimmt – offensichtlich, weil sie subjektiv Bestätigung auslösen – erkennbar jegliche Kritikfähigkeit ausschalten.

      Dann werden unhaltbare Behauptungen aufgestellt und entgegen dem FAKTISCHEN verteidigt.

      Das ist nun wirklich nicht ergiebig.

      Antworten
  8. Dietmar Tischer says:

    @ K. de Guebert

    Man kann alles ausdifferenzieren.

    Mein Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wollte das nicht leisten und ist lediglich eine Gegenrede zu falschen Vorstellungen.

    Zu Ihrer Kritik daran:

    1. Ich habe festgestellt, dass die Urform gesellschaftlicher Organisation die Erwirtschaftung von Überschüssen VORAUSSETZT. Sie stimmen dem zu. Ich habe nicht gesagt, dass man NUR dafür Überschüssen erwirtschaften muss. Ich stimme Ihnen zu, dass auch der sich selbst erhaltende Pflanzer nicht alles konsumieren kann, sehe aber nicht, was ich vermischt haben oder wo die falsche Begrifflichkeit liegen soll, wenn ich das nicht thematisiert habe. Ihre Kritik trifft mich nicht.

    2. „Urformen gesellschaftlicher Organisation waren Sippe und Stamm.“ Ich weiß, was Sie damit sagen wollen. Sie drücken es aber meiner – und nicht nur meiner Begrifflichkeit nach – falsch aus. Es sollte heißen: Urformen GEMEINSCHAFTLICHER Organisation waren Sippe und Stamm. Gemeinschaft kommt historisch vor Gesellschaft.

    3. Was Sie über das antike Ägypten sagen, ist richtig. Richtig ist auch, dass man das antike Ägypten nicht als Vorläufer des heutigen kapitalistischen Staates und seines Wirtschaftens ansehen kann. Das habe ich auch nicht behauptet.

    Nochmals, um klar zu machen, um was es mir geht:

    Ich weise die von J. Schwarting mir unterstellte These zurück, dass der Staat und die Volkswirtschaft GEMEINSAM entstehen und wachsen. Ich behaupte, dass eine bestimmte wirtschaftliche Entwicklung BEDINGUNG ist, damit eine Organisation entstehen kann, in der diejenigen versorgt werden, die Gemeinschaftsaufgaben übernehmen und sich dabei nicht selbst ernähren können. Es geht mir nur um ENTSTEHUNG, nicht um die historische Weiterentwicklung von etwas zu etwas.

    Wenn der Bezug sein soll „ Neuzeitlicher/heutiger Staat und Volkswirtschaft“ ist meine Meinung:

    Ich glaube, dass es, sagen wir die letzten 150 Jahre eine Parallelentwicklung von volkswirtschaftlichem Wachstum und Ausdehnung der Staatstätigkeit gegeben hat. Damit war u. a. das Scheitern der Marxschen Theorie vorgezeichnet.

    4. Sie verweisen völlig zu Recht auf den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum. Es mag sein, dass der frühmittelalterliche Graf den Unterschied nicht kannte. Spätestens im Hochmittelalter war der Unterschied bekannt und mit dem Lehenswesen manifestiert.

    5. „Deshalb geht zwar die Überschussproduktion einer Zentralmacht voraus – eine Zentralmacht ist aber nicht hinreichend für unser heutiges Wirtschaften.“ Mit dem ersten Teil der Aussage stimmen Sie mir zu. Der zweite ist ebenfalls richtig. Ich habe ihn nicht bestritten. Umgekehrt gilt auch, dass unser heutiges Wirtschaften nicht hinreichend für eine Zentralmacht ist – dazu gehört viel mehr. Richtig ist ferner, dass unser heutiges Wirtschaften ohne Zentralmacht nicht denkbar ist.

    Ich bestreite allerdings die nicht von Ihnen, aber von anderen vertretene These, dass unser heutiges Wirtschaften mit dem Debitismus als signifikantem Strukturmerkmal durch den Staat so gehandhabt wird, dass dieser JEDES Individuum ZWINGT, sich zu verschulden. Es muss nur ein EINZIGES Individuum geben, das nicht verschuldet ist, um diese Auffassung zu widerlegen, Darauf habe ich verwiesen.

    Antworten
  9. michael says:

    Sehr geehrter Herr Dr. Stelter,
    Ihre qualifizierten Analysen lese ich sehr gerne. Ein Lob dafür ! Ein paar Fragen habe ich jedoch.
    Zu 1.) Deflation
    Hat diese überhaupt eine Chance sich durchzusetzen ? Hat dieses Szenario überhaupt eine Chance, wenn – wie Sie sagen – die Notenbanken massivst dagegen steuern mit Bargeldverbot, Helikoptergeld etc.
    Halten Sie auch ein Goldverbot in der EU für durchsetzbar ?
    Zu 5.) Verluste an den Börsen
    Sind solide Aktien wie z.B. Roche mit einer Dividendenrendite von über 3% angesichts der Niedrigzinsphase nicht ein Kauf ?
    Selbst wenn der Kurs gleich bleibt wäre dies akzeptabel. Pharmawerte sind in letzter Zeit nach meiner Wahrnehmung etwas zurückgeblieben ?
    Gruss M.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber M.,

      danke. Zu Ihren Anmerkungen:

      1. wie stark die Deflation wirkt, sieht man daran, wie wenig es – bis jetzt! – gelungen ist, Inflation zu erzeugen. Aber natürlich wird alles dagegen getan werden, deshalb meine Erwartung wieder sinkender Zinsen.
      3. ich gebe keine Tipps, denke aber, dass Qualitätsaktien gerade jetzt wo sie zurückgeblieben sind, eher ein Kauf sind. Pharma stimmt, es droht jedoch immer die Regulierung.

      LG

      Dst

      Antworten
  10. Bagehot says:

    Sehr geehrter Herr Stelter,

    am Anfang Ihres Beitrages stellen Sie sehr richtig fest: „Niemand kann ernsthaft Vorhersagen für Dax, Zinsen und Euro für 2017 treffen.“

    Dann erliegen Sie aber doch der Versuchung, „Top Ten Prognosen“ abzugeben. Das Gesamtbild ist sehr schwarz, viel zu schwarz, denke ich.

    Zu einigen Prognosen würde ich kurz etwas sagen.

    1. Rückkehr der Deflation.

    Was genau meinen Sie damit? Die letzte richtige Deflation hatten wir vor dem Zweiten Weltkrieg – also vor einem Menschenalter.

    Sie führen diverse Gründe an: „Der Anstieg der Zinsen führt zu einer Abschwächung der Wirtschaft, der starke US-Dollar erhöht den Druck auf die Emerging Markets, China muss die eigene Wirtschaft über Exporte stärken und die grundlegenden Probleme von schrumpfenden Erwerbsbevölkerungen und schwachem Produktivitätswachstum bleiben ungelöst.“

    Alle vier Gründe vermögen mich nicht recht zu überzeugen: Wenn die amerikanische Wirtschaft 2017 schwächeln sollte, wird die Federal Reserve aller Voraussicht nach vor weiteren Zinsschritten zurückschrecken.

    Ob der US-Dollar wirklich weiter steigt, wissen wir nicht. Prognosen von Wechselkursen haben die Qualität von langfristigen Wettervorhersagen.

    Schrumpfende Erwerbsbevölkerungen und schwaches Produktivitätswachstum haben wir seit Jahren.

    2. Die USA stürzen in die Rezession

    Also bitte: Derzeit legen die USA, gemessen an anderen Industrieländern ein ganz ordentliches Wachstum hin.

    Zinsen und Inflation werden 2017 allenfalls moderat zunehmen – dafür wird die Fed schon sorgen (siehe oben).

    Die Großunternehmen in den USA verdienen bestens –sie können kleine Zins- und Preisschocks kommod verkraften.

    Sehr viel hängt von der Wirtschaftspolitik des neuen Präsidenten ab. Was Trump wirklich will und tun wird, weiß im ernst heute niemand. Viele seiner durchgeknallten Wahlkampfversprechen hat er inzwischen zurückgenommen. Und in seiner Regierung sitzen ja zum Teil ganz vernünftige Leute.

    3. Der Dollar verliert

    Wie bitte? Unter Punkt 1 hatten Sie exakt das Gegenteil vorhergesagt – einen steigenden Dollar.

    4. bis 6. Prognosen zu Anleihen, Aktien und Gold

    Solche Vorhersagen sind – sagt mir meine 30-jährige Berufserfahrung – schwer bis unmöglich.

    7. Der Verfall der Eurozone geht weiter.

    Im Ernst können Sie nicht wissen, wie die Wahlen in Frankreich, den Niederlanden oder anderen EU-Staaten ausgehen. Wie der Brexit und Trumps Wahl gezeigt haben dürften, liegen auch die Profis oft meilenweit daneben.

    Im Übrigen möchte ich daran erinnern, dass in den vergangenen Jahren mindestens 100 Mal der Euro-Austritt Italiens und 1000 Mal der Grexit vorausgesagt worden ist. Beides trat bisher nicht ein.

    8. Die EZB lässt letzte Hemmungen fallen.

    Kann sein, kann aber auch nicht sein. Welche Indizien, bitte sehr, gibt es dafür, dass die EZB definitiv zur monetären Staatsfinanzierung übergeht?

    9. bis 10.

    Hier gilt dasselbe, was ich zu den Punkten 4 bis 6 angeführt habe.

    Alles in allem finde sich ihre Prognosen, wie gesagt, durchweg viel zu pessimistisch.

    Wir erleben heute keineswegs die ärgste finanzielle, wirtschaftliche und politische Katastrophe, die diesen Planeten seit Beginn der Menschheitsgeschichte ereilt hätte.

    Antworten
    • D.C. says:

      Auch irgendwie stimmig, jedoch möchte ich Herrn Stelter zitieren:
      „Nachdem ich nun mehr als ein Jahr an dieser Stelle schreibe […] ist es an der Zeit, meine eigene Top-Ten-Liste zu veröffentlichen. Das Schöne an diesen Listen: Sie müssen nicht in sich schlüssig sein. Niemals werden alle Top Ten gleichzeitig eintreffen.

      Antworten

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