„Why the eurozone will defy sceptics in 2017“

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Gestern habe ich mich kritisch mit den Aussagen von Thomas Fricke auseinandergesetzt, heute ein anderer Blick auf die Eurozone, ein positiver, in einem Kommentar bei der FT von Alberto Gallo, Head of Macro Strategies bei Algebris Investments. Die Argumente sind sehr stichhaltig und zeigen, wie ich finde erneut, dass es einen Unterschied zwischen langfristigem Überleben und kurzfristigen Marktopportunitäten gibt.

Gallo argumentiert so:

  • „The case for investing in the eurozone has never been harder to make than in 2017. The forthcoming calendar indeed looks like a political minefield. Anti-euro candidates are gaining ground in the Netherlands and France. The UK is about to start its Brexit split, while Greece’s Syriza government is struggling to agree on a deal with creditors. Against this backdrop, investors often decide to give up on Europe altogether.“ bto: Hinzu kommt noch die Angst vor einer Zahlungseinstellung Frankreichs im Falle eines Sieges von Marine Le Pen.
  • We have not. First, growth and inflation continue to accelerate. Europe has been faring better than the US in the latest indices of economic surprises, which track growth performance against consensus. While Italy, France and Portugal are lagging behind, other countries are steaming ahead at well over 2 per cent growth.“ bto: Dennoch sind Frankreich und Italien nicht unwichtig …
  • „Second, there is a positive outcome for European politics. Populist candidates Geert Wilders and Ms Le Pen have gained ground in the Netherlands and France, but they remain head-to-head with others. Our estimates show a high probability of Ms Le Pen passing the first round but with a low probability of victory.“ bto: Das stimmt, aber das wissen die Märkte doch auch. Oder?
  • „Third, the ECB’s monetary policy stimulus is starting to benefit the real economy. (…) Until now, the biggest obstacle to credit transmission was the poor health of eurozone banks, still encumbered by €1tn of bad loans and overblown balance sheets of around €31tn — three times the size of the economy. But today, banks are on the mend, having added more than €260bn of capital since 2010, and the ECB’s plan is now starting to bear fruit. Loans to non-financial firms, which had been falling for several years, have risen by 2 per cent year-on-year in December.“ bto: Was – bitte – soll gut daran sein, dass die Bilanzsumme eines völlig überdehnten Sektors nun wieder wächst?
  • „European stocks cost $12.75 for every $1 of future earnings, against nearly $16-$17 in the US and Japan. Italian and French debt has sold off to record-high spreads not seen since 2014 and 2012, respectively. In other words, financial markets price in a near-certain high growth and inflation in the US on the policies set by the Trump administration, while discounting break-up risk in Europe.“ bto: Ja, ohne Zweifel ist Europa viel billiger als die USA. Immer schon. Kann also sein, dass Europa auch fällt, wenn die USA fallen.
  • „Eurozone leaders surely need a rethink of their strategy. One option is to build a more flexible union (…) The alternative is one of a closer Europe, which both France and Italy support, as well as German opposition leader Martin Schulz.“ bto: Ich halte eine vertiefte Union für undenkbar, was allerdings angesichts der bisherigen deutschen Politik nicht bedeutet, dass sie nicht kommt. So könnte Schulz die Wohlstandsvernichtung konsequent fortsetzen.
  • „Whichever the way forward, however, eurozone institutions still have plenty of dry powder. The €500bn-strong European Financial Stability fund is still untapped, while Europeans support the EU project even in countries hard-hit by recessions: 73 per cent were either positive or neutral as of mid-2016, according to the European Commission’s eurobarometer.“ bto: Das mag auch stimmen. Die Mehrheit wollte ja auch keinen Brexit (in den Umfragen).
  • „The US and the UK rank at the top two places for inequality among western countries, which restrictive trade and migration policies are likely to make worse. Instead, against the threat of rising populism, Europe’s social safety net and its inclusive welfare policies could turn into strengths, giving it more social and political stability than investors expect.“ bto: Das trifft sicherlich zu. Dennoch glaubt man in Deutschland (!) mit dem Thema „Ungleichheit“ Wahlen zu gewinnen.

Fazit: „Many have predicted a break-up of the European monetary union since 2008. I believe they will be proven wrong again in 2017.“ bto: Das glaube ich auch. Aber das ist keine „Rettung“, es ist nur ein weiteres Jahr.

→ FT (Anmeldung erforderlich): „Why the eurozone will defy sceptics in 2017“, 7. Februar 2017

7 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    Ich halte Martin Schulz für viel gefährlicher als Alberto Gallo, aber auch die Öffentlichkeit derzeit wahrnimmt, v.a. was den Euro und die deutschen Finanzen betrifft. Wenn er seine politische Einstellung aus seiner Zeit als Präsident des Europaparlaments als möglicher Bundeskanzler fortsetzt, haben wir in Kürze Eurobonds und aus der inoffiziellen Vergemeinschaftung der Schulden über die Targetsalden der EZB wird eine offizielle. Dann ist die letzte Bastion der Seriosität gefallen. Und dann ist es egal, ob z.B. Geert Wilders eine Euro-Austritt der Niederlande organisiert. Dann fällt über kurz oder lang auch das AAA der Ratingagenturen für Deutschland. Und dann werden die Zinsentwicklung am langen Ende und der €-Wechselkurs erst richtig spannend. Leider nimmt sich kaum jemand die Zeit, die finanzpolitischen Äußerungen von Hr. Schulz aus den letzten 20 Jahren zu analysieren. Der Mann kann mit fremdem Geld m.E. nicht wirklich umgehen, aber er weiß, wie man die EU zusammenhält und in die Geschichtsbücher einzieht. Er ist ein Stratege, kein Haushälter.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Angelsächsische Stimmen sind immer wieder erfrischend, vermitteln die Sicht von draußen und haben zumindest bei den einflussreicheren Blätter ein ganz anderes Niveau als viele der Beiträge hierzulande, die nur ihre Agenda voranbringen wollen.

    Man vergleiche nur einmal die Argumentationen von Gallo und Fricke. Dazwischen liegen Welten.

    Die Aspekte, die Gallo für die Eurozone ins Feld führt, sind relevant und haben Gewicht.

    Gleichwohl IGNORIERT er mit dem „Instant-Blick“ auf 2017 die Entwicklungen, die in diesem Jahr deutlich an Gewicht gewinnen und FORTWIRKEN werden.

    Ich meine damit die tendenzielle Destabilisierung des Politikbetriebes durch das zunehmende Gewicht der nationalpopulistischen Parteien.

    Durch deren voraussichtlichen Machtzuwachs wird es deutlich schwieriger für die Mainstream-Parteien – da und dort zu ungeliebten Koalitionen gezwungen – die Interessenmehrheit wie gewohnt OHNE Effizienzverluste zu bedienen.

    Man denke nur einmal an unser Land, das noch weit weg ist von den Sorgen, die man sich um Frankreich, die Niederlande, Italien oder Griechenland machen muss.

    Der politisch stabilisierende Deal der Regierungsbildung von 2013 – die SPD ist für die Sozialpolitik zuständig und CDU/CSU für die Außenpolitik – ist längst einer neuen Realität gewichen. Die Kanzlerin muss in der Innen- wie in der Außenpolitik den nationalistischen Kräften mit teuren Klimmzügen gerecht werden (personelle und materielle Aufrüstung für mehr innere Sicherheit; Türkeideal; vermehrte Kampfeinsätze der Bundeswehr, um die Entstehung von Flüchtlingsströmen zu verhindern; mehr Entwicklungshilfe insbesondere für Afrika aus gleichem Grund …). Und sollte der Kandidat Schulz wider Erwarten Kanzler werden, hätten er und seine Partei das gleiche Problem.

    Richtig, Wilders und Le Pen werden nicht an die Macht kommen und nach heutigem Stand ist es nahezu ausgeschlossen, dass ein Linksbündnis im Herbst in Deutschland die Regierung übernimmt.

    Der Satz

    >„Second, there is a positive outcome for European politics (in 2017, D. T.)<

    ist dennoch falsch.

    Voraussichtlich werden die Wahlen in diesem Jahr zwar nicht zu den schlimmsten Ergebnissen führen, aber auch nicht zu positiven mit Blick auf zukünftige politische Entwicklungen.

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  3. Johannes says:

    „Fazit: „Many have predicted a break-up of the European monetary union since 2008. I believe they will be proven wrong again in 2017.“ – bto: Das glaube ich auch. Aber das ist keine „Rettung“, es ist nur ein weiteres Jahr. “

    Geht es nach den aktuell bekannt gewordenen Überlegungen der EZB, wird alles drangesetzt den Status Quo möglichst lange aufrecht zu erhalten.

    “ Anleihekäufe – Steht die EZB vor ihrem letzten Tabubruch?“

    https://www.welt.de/wirtschaft/article162147754/Steht-die-EZB-vor-ihrem-letzten-Tabubruch.html

    Die Überlegung ist, dass die EZB verstärkt Italienische und spanische Staatsanleihen aufkauft und dies unter Außerkraftsetzung des bisherigen Kapitalschlüssels.

    Selbstredend nur kurzfristig ;-)

    Ursache für diese Maßnahme ist die Tatsache, dass die EZB beim Aufkauf deutscher Anleihen an ihre Limit stösst und damit quasi automatisch die Aufkäufe von Anleihen aus anderen Ländern begrenzt werden.

    Dieses selbst geschaffene Probleme soll durch einen weiteren Regelbruch (sicher nicht der letzte) „geheilt“ werden. Das Helikoptergeld rückt wieder einen Schritt näher.

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  4. Richard Ott says:

    Ich habe den Eindruck, die Erfolgschancen von Marine Le Pen werden genauso unterschätzt wie letztes Jahr die vom Brexit und von Donald Trump. Nach den aktuellen, offiziellen Umfragen wird Le Pen sicher in die 2. Runde einziehen. Je nachdem, ob dann Macron oder Fillon ihr Gegner ist, liegt sie in den Umfragen für den zweiten Wahlgang aktuell zwischen 35% und 45%. Unter „low probability of victory“ verstehe ich etwas anderes. In den Vorwahlen bei den Sozialisten und bei den bei den Konservativen gewannen übrigens überraschend die Außenseiterkandidaten, die in den Umfragen bis dahin hinten lagen.

    Falls sich die Linke (also FI, EELV und PS) in Frankreich auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen kann und dieser Kandidat dann in den 2. Wahlgang gegen Le Pen einziehen sollte, würde ich Le Pen sogar als Favoritin sehen.

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  5. Bakwahn says:

    @Tischer
    gute Analyse, der man im Wesentlichen zustimmen kann.

    @Selig, Johannes
    „Ich halte Martin Schulz für viel gefährlicher … „
    Ich verstehe die deutschen Wähler nicht. 30 % laufen ihm wie die Lemminge hinterher. Wahrscheinlich in völliger Unkenntnis dessen, was „mehr Europa“ a la Schulz bedeutet:
    Transferunion, Vergemeinschaftung sämtlicher Staatsschulden, Bankenunion mit einer Vergemeinschaftung der uneinbringbaren Forderungen vieler südlichen Banken.Die EZB wird eingespannt, noch mehr Geld zur Verfügung zu stellen.
    Möglicherweise auch – zusammen mit einigen Ländern als Vorreiter – eine gemeinsame Arbeitslosen- und Rentenversicherung.
    On top eine sozialistische Planwirtschaft und die restlose Abschaffung von so etwas wie Subsidiarität.
    Wohlstandsvernichtung wie Ondoron völlig richtig schreibt.
    „Oh Herr, laß es Urteilsvermögen regnen.“
    Deutsche Wähler, wann kommt ihr endlich zur Besinnung?

    @Ott, vielleicht gwinnt ja le Pen. Schaun mer mal.

    live aus einem Nirgendwo in SOA – strahlender Sonnenschein, 31 Grad
    Bakwahn

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Ich will das Thema Schulz nicht wirklich vertiefen.

      Aber es schmerzt, wenn man sich auch nur einen Moment klarmacht, was hier abgeht:

      Der Mann ist bisher im Wesentlichen mit der Aussage bekannt geworden, er wisse nicht nur, wo die kleinen Leute der Schuh drücke, sondern er FÜHLE es auch.

      Ansonsten:

      kein Programm, keine Agenda außer der Leeformel „mehr Gerechtigkeit“, keine Ansage, WIE er WAS anders machen würde als Merkel.

      Die heute in den Nachrichten vorgestellte Umfrage besagt, dass eine Mehrheit ihn als Kanzler der Frau Merkel vorziehen würde.

      Leute, die bei nahezu jedem Firelfanz, den sie kaufen, wissen müssen, warum dies besser als das sei – diese Leute wollen den unbeleckten Schulz für den wichtigsten Job im Lande haben.

      Wir sind bescheuert.

      Antworten

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