Eurokrise: Die GroKo folgt den falschen Rezepten

Dieser Kommentar von mir erschien bei manager magazin online:

Witze über Ökonomen gibt es viele. Zurecht, denn was sie vorlegen, ist nicht selten realitätsfern und am eigentlichen Problem vorbei. Jüngstes Beispiel: das Papier deutscher und französischer Ökonomen zur Rettung der Eurozone.

Ein Tourist hat sich verirrt und fragt nach dem Weg. Nach einigem Nachdenken antwortet ihm der Einheimische: „Wenn ich Sie wäre, würde ich nicht von hier aus starten.“ Der Witz ist bekannt und es liegt nahe anzunehmen, dass der Einheimische ein Ökonom war. Ökonomen lieben es, die Probleme so zu definieren, wie sie zu ihren Lösungsideen passen. Statt umgekehrt. Vor allem schaffen sie es mit schlafwandlerischer Sicherheit immer wieder, die Erkenntnisse anderer Studien zu ignorieren.

Neuestes Beispiel ist das Papier deutscher und französischer Ökonomen zur Rettung der Eurozone, das die Vorlage für die sich abzeichnende Große Koalition liefert, uns Deutschen eine Politik schmackhaft zu machen, die uns sehr teuer zu stehen kommt. Milliarden sollen im Namen der „Solidarität“ und zur „Rettung“ des Euro nach Brüssel und in die Krisenstaaten geleitet werden. Eine nutzlose Verschwendung von Steuergeldern zeichnet sich ab, denn auch mit mehr Umverteilung lässt sich der Euro nicht retten.

Keine Antworten auf die entscheidenden Fragen

Eigentlich sollte man das Problem analysieren, bevor man Lösungsvorschläge präsentiert. Auch bei Ökonomen darf man das erwarten. Rufen wir uns deshalb als Standortbestimmung die entscheidenden Gründe für die Eurokrise und die anhaltenden Probleme in Erinnerung. Die da waren:

  1. Wir hatten einen privaten Verschuldungsboom, der zu der Krise in Portugal, Spanien und Irland führte. Bereinigt der Vorschlag der Ökonomen die immer noch hohe private Schuldenlast in diesen Ländern?
  2. Wir haben ein Staatsschuldenproblem in Griechenland, Italien und auch Portugal. Zunehmend auch in Frankreich. Bereinigt der Vorschlag der Ökonomen diese hohe Schuldenlast?
  3. Im Zuge der Rettung des Privatsektors, allen voran den Banken, mussten Länder wie Irland und Spanien zusätzlich erhebliche Staatsschulden machen. Bereinigt der Vorschlag der Ökonomen auch diese hohe Schuldenlast?
  4. Im Zuge des Kreditbooms haben die europäischen Banken zu viele Kredite gegeben, die nun nicht mehr einbringlich sind. Trägt der Vorschlag der Ökonomen zu einer Sanierung der europäischen Banken bei?
  5. Aufgrund der geringen Kapitalbasis verzögern die Banken eine Bereinigung der faulen Kredite und lassen deshalb zunehmend Zombie-Unternehmen am Leben, die wiederum das Wirtschaftswachstum dämpfen. Haben die Ökonomen einen Lösungsvorschlag, wie wir mit diesen Unternehmen umgehen?
  6. Bekanntlich hat sich die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Euroraumes deutlich auseinander bewegt und Länder wie Italien und Portugal sind nicht mehr, sondern weniger wettbewerbsfähig als im Jahr 2008. Machen die Ökonomen einen Vorschlag, wie wir dieses Problem lösen?
  7. Nicht nur Lohnkosten entscheiden über die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Das tun vor allem auch die Innovationen. Haben die Ökonomen einen Vorschlag, wie wir die Innovationsfähigkeit von Ländern wie Portugal und Griechenland erhöhen?
  8. Die Geschichte der EU und vor allem des Euroraumes zeigt, dass es die Politik mit den Regeln nicht so ernst nimmt. Haben die Ökonomen Vorschläge, die die Einhaltung von Regeln ab jetzt sicherstellen?

Die Antwort auf jede dieser acht Fragen lautet schlicht und einfach NEIN. Wie im eingangs zitierten Witz haben es die Ökonomen bevorzugt, Vorschläge vorzulegen, die alle mehr oder weniger sinnvoll sind, aber die Grundprobleme nicht lösen, sondern in letzter Konsequenz nur die Umverteilung zulasten Deutschlands vergrößern.

Finanzkrisen gehen vom Privatsektor aus

Schon im Jahre 2013 zeigten Ökonomen um den Bonner Wissenschaftler Moritz Schularick, dass Finanzkrisen immer die Folge von privaten Verschuldungsorgien sind. Die Staatsschulden steigen erst in Folge der erforderlichen Rettungsaktionen für den Privatsektor.  Aktuelle Beispiele für diesen Zusammenhang sind Irland und Spanien, wo die Staatsschulden seit Beginn der Krise explodierten.

Will man also eine erneute Eurokrise verhindern, so muss man die Verschuldung im Privatsektor begrenzen. Dies setzt zum einen ein angemessenes Zinsniveau voraus und zum anderen das produktive Verwenden der aufgenommenen Schulden. Beides war bisher in der Eurozone nicht der Fall. Die Realzinsen waren seit der Einführung des Euro für die heutigen Krisenländer zu tief und haben damit den Verschuldungsboom erst entfacht. Die Kredite wurden dann überwiegend unproduktiv verwendet: für den Kauf deutscher Autos und den Kauf und Bau von Immobilien, die man in diesem Umfang nicht braucht.

Jeder Vorschlag zur künftigen Stabilisierung der Eurozone muss hierauf eine zwingende Antwort geben. Instrumente gäbe es reichlich. Von einer regelgebundenen Zinspolitik über eine Steuerung der Kreditvergabe, zum Beispiel indem man die Eigenkapitalanforderungen bei Immobilienkrediten erhöht, bis zur Frage, ob wir uns weiterhin ein unkontrolliertes Bankensystem leisten wollen, das faktisch unbegrenzt neues Geld schaffen kann.

Die deutsch-französischen Ökonomen ignorieren diesen Aspekt völlig. Sie konzentrieren sich auf die bestehenden Schulden der Staaten und auf das marode Bankensystem, jedoch auch hier nur mit halbherzigen Überlegungen.

Deutschland soll für marode Banken zahlen

Nach jedem Schuldenboom kommt es zu einer „Finanzkrise“, die in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eine Insolvenz des Bankensystems. So war und ist es auch im Falle der Eurokrise.

Verwundern kann es nicht, arbeiten Banken doch mit geringem Eigenkapital und schon kleine Verluste führen zur Überschuldung. Aufgrund der fatalen Wirkungen von Bankpleiten auf die Realwirtschaft setzen Politik und Notenbanken alles daran, die Illusion der Solvenz aufrechtzuerhalten. Dies tun sie mit staatlichen Garantien (die im Ernstfall gar nicht zu erfüllen wären), tiefen Zinsen, dem Aufkauf von Wertpapieren durch die EZB und die Manipulation der Rechnungslegung. Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einigen sich alle Teilnehmer darauf, so zu tun, als wäre der Kaiser nicht nackt. Das geht so lange gut, bis ein nicht eingeweihtes Kind, die Wahrheit sagt.

In unserer heutigen Situation hat keiner ein Interesse daran, die Illusion zu zerstören. Auch die deutsch-französischen Ökonomen sprechen nur allgemein von einzelnen Banken in einzelnen Ländern, die noch etwas Bereinigungsbedarf haben mit Blick auf faule Kredite. Diese sollten konsequent abgebaut werden und wo nötig, sollte es auch zu „Bail-ins“ kommen, also der Beteiligung der Gläubiger.

Theoretisch ist das ja alles richtig. Das Problem ist nur, dass im Falle von bereits überschuldeten Banken kein rational denkender Investor weiter Geld zur Verfügung stellt, wenn er damit rechnen muss, dieses bereits morgen zu verlieren. Solche Ideen mögen vor einer Krise funktionieren, aber nicht mittendrin. Italien zeigte uns im letzten Jahr, dass im Zweifel doch der Staat einspringt. In Zukunft soll – so die Ökonomen – der gemeinsame Einlagensicherungsfonds der Eurozone oder der ESM als Retter beispringen. Das bedeutet, die Steuerzahler der anderen Euroländer, allen voran wir Deutschen, kommen für die Sanierung der Banken in anderen Ländern auf.

Weshalb wir das tun sollen, erschließt sich mir nicht und wird auch nicht begründet. Unerwähnt bleibt auch, dass wir Deutschen nach Daten der EZB zu den Ärmsten der Eurozone gehören, was zu der Frage führt, warum wir die deutlich reicheren italienischen Haushalte retten müssen

Dazu passt auch die Forderung der Ökonomen, dass zukünftig die Banken weniger den eigenen Staaten Kredit geben sollen und dafür mehr den Regierungen anderer Länder. Ich bin sicher, dass dies die Kunden der deutschen Banken freuen dürfte: statt der langweiligen deutschen Papiere endlich mehr aus Portugal und Italien! Dank EZB bringen die zwar nur noch wenig mehr Zinsen, aber immerhin.

Sichergestellt wird so nur, dass bei dem unweigerlich erforderlichen Schuldenschnitt in diesen Ländern, noch mehr Verluste für Deutschland entstehen. Als wären die mehr als 11.000 Euro pro Kopf der hiesigen Bevölkerung in Form von zins- und tilgungsfreien Target2-Krediten und die Milliarden in den Anleihenportfolios unserer Banken und Versicherungen nicht schon genug.

Keine Lösung für Staatsschulden

Bei den Staatsschulden setzen die Ökonomen auf ein Anreizsystem zur Reduktion zu hoher Schulden. Dort, wo das nicht klappt, soll zukünftig die Beteiligung der Gläubiger an einem Schuldenschnitt erleichtert werden. Die EU-Kommission soll den Fortschritt beim Abbau der Schulden überwachen. Ein flüchtiger Blick auf die Durchsetzungskraft der Kommission in den letzten Jahren – Stichwort Frankreich – macht klar, dass die Ökonomen sich hier seitenweise über theoretische Modelle Gedanken machen, die in der Praxis niemals umgesetzt werden. Der französische Finanzminister erklärte bereits laut, dass mit Frankreich keine Regelung zum Schuldenschnitt zu machen ist.

Weshalb auch kann man fragen. Ist es doch in der Praxis schon so, dass die EZB beliebig Staatsanleihen aufkauft und dabei immer mehr vom ursprünglichen Schlüssel abweicht? So dürften die verstärkten Käufe in Italien im Vorfeld der baldigen Parlamentswahlen kein Zufall sein. Es ist klar, diese Politik zielt darauf, die Märkte zu beruhigen und die Wahlchancen der Eurobefürworter zu erhöhen.

Das Beispiel Japan zeigt ohnehin, dass Staatsschulden kein wirkliches Problem sind, solange die Notenbank ein williger Käufer ist. Noch ist offen, wie dieses historisch einmalige monetäre Experiment ausgeht. Bis zu einem Schuldenniveau von über 200 Prozent vom BIP ist es selbst in der Eurozone noch ein langer Weg.

Mehr Solidarität in der Eurozone

Ausführlich befassen sich die Autoren sodann mit der – aus ihrer Sicht – erforderlichen Solidarität im Falle einer erneuten Krise. Auch hier soll der ESM einspringen und auf Geheiß Brüssels – also ohne Beteiligung der Parlamente der Länder, die dafür bezahlen – den betroffenen Staaten unter die Arme greifen. Betont wird, dass dies nur im Notfall erfolge und keineswegs „einen dauerhaften“ Transferzustand bedingen würde. Das ist nett, dürfte aber keine praktische Relevanz haben.

Viel entscheidender ist, dass eine Studie des IWF bereits vor einiger Zeit vorgerechnet hat, dass es eben nicht möglich ist, durch mehr staatliche Transfers die Eurozone zu stabilisieren. Selbst in den USA, wo die staatliche „Solidarität“ deutlich höher ist als in der Eurozone, werden 80 Prozent eines Schocks durch private Kapitalströme ausgeglichen. Staatliche Hilfe ist in der Eurozone also nicht nur unerwünscht, sondern auch nutzlos.

Keine Lösung für unzureichende Wettbewerbsfähigkeit

Es ist unstrittig, dass es in der Eurozone erhebliche Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Mitgliedsländer gibt. Besonders schwer wiegt, dass sich die Konvergenz der einzelnen Volkswirtschaften, die vor der Einführung des Euro begonnen hatte, nicht mehr fortsetzte. Im Gegenteil: Eine neue Studie des IWF hält fest, dass es eine zunehmende Auseinanderentwicklung gegeben hat. Der einzige Bereich, wo es in der gleichen Richtung voranging, ist die zunehmende Verschuldung von Privaten und Staaten in den Südländern.

Damit hat der Euro sein eigentliches Ziel verfehlt und es ist absolut sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu einer erneuten Krise kommt. Dieses so wichtige Thema wird in dem Papier der Ökonomen nicht einmal erwähnt. Kein einziger Vorschlag zur Förderung der Konvergenz. 

Stichwortgeber für eine Politik zulasten Deutschlands

Ein nüchterner Blick auf die Eurozone zeigt vor allem eines: Es gab keine Fortschritte in den letzten Jahren. Die Verschuldungssituation hat sich in den meisten Krisenländern weiter verschlechtert und die Wettbewerbsunterschiede sind weiter angewachsen.

Dies löst man nicht mit mehr Umverteilen und kosmetischen Korrekturen. Wir brauchen dafür grundlegend andere Antworten, die unbequem aber unvermeidlich sind: Schuldenschnitte und Austritte einzelner Länder. Alles andere ist lediglich Konkursverschleppung.

Diese Konkursverschleppung fördert das Papier der Ökonomengruppe. Dass ein solcher Vorstoß von französischen Ökonomen getragen wird, kann nicht erstaunen. Würde doch Frankreich besonders von mehr „Solidarität“ profitieren.

Bedrückend ist, wie bereitwillig sich führende deutsche Ökonomen wie Ifo-Chef Clemens Fuest und Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor den Karren spannen lassen. Da sie das Ohr der deutschen Politik haben, kann man dies nur auf zwei Arten deuten: Entweder wissen sie, dass es sich um schädliche und überflüssige Ideen handelt und sie wollen bewusst eine Argumentationshilfe für die neue deutsche Regierung liefern, mehr Geld in ein Fass ohne Boden zu werfen, oder aber, sie haben wirklich die Eurokrise nicht verstanden.

So oder so ist die Nachricht für uns Steuerzahler verheerend. Ein Blick in den Koalitionsvertrag genügt.

manager-magazin.de: „Die Rezepte der GroKo werden Euroland nicht retten“, 20. Februar 2018

14 Kommentare
  1. eurosklerose sagte:

    In der heutigen Lage von zu hohen privaten und öffentlichen Schulden ist es nur gut, zu eigenen (Weich-)Währungen zurückzukehren und so die Schuldenlast wegzuinflationieren.

    Zu dem Schlamassel kam es nur durch die Fehlanreize der Einheitswährung Euro.

    Insofern ist es nun höchste Zeit, wieder zu normalen (Kapitalmarkt-)Verhältnissen zurückzukehren.

    Jede Art von „Rettung“ durch Umverteilung vergrößert nur zukünftig die Probleme.

    Außerdem ist das wirtschaftlich nur noch gering wachsende Europa in einer stürmisch wachsenden Welt gar nicht mehr so wichtig, daß man am Unsinn aus der Wirtschaftswelt von vor 25 Jahren noch festhalten müßte.

    Eine auf dem Altar der Eurokraten geopferte junge Generation sollte genug sein.

    Antworten
  2. Thomas sagte:

    Ach, irgendwie erinnert mich das ganze auch an das Dilemma der klassischen Schulmedizin. Da ist das System (Ärzte-Patienten-Krankenkasse analog zu Politiker-Bürger-EZB) in vielen Krankheiten auch überwiegend so gestrickt, dass die Symptome behandelt werden statt die Ursachen zu beseitigen. Spritzen und OPs wenn man eigentlich die Haltung und Bewegung ändern müsste und Cholesterin-Medikamente, wenn man sich eigentlich anders ernähren müsste.

    Ersteres passt besser zum mechanistisch-westlichen Weltbild und ist schneller in der Wirkung und – das ist das wichtigste – deutlich bequemer.

    Antworten
  3. SB sagte:

    „Solidarität“ – Auch und insbesondere dieser Begriff wurde von den linksgrünen „Eliten“ in seinem Sinn komplett um 180 Grad gedreht. Bei denen bedeutet er schlicht „bedingungslose und unbegrenzte Umverteilung“. Schaut man sich diese Eliten an und vor allem, wovon sie selbst leben, weiß man, woher der Wind weht. Über deren (Umverteilungs-) Politik muss sich also niemand wundern.

    Antworten
  4. Susanne sagte:

    Dass sich Clemens Fuest vor diesen Ökonomen-Karren hat spannen lassen, fand ich enttäuschend; von Marcel Fratzscher habe ich nichts anderes erwartet. Das Papier ist eine Chimäre. Auf die Frage, warum man weiter diesen katastrophalen Weg der Euro-Rettung gehen will, der eigentlich für jeden erkennbar in den Abgrund führen muss, habe ich nur eine Antwort: Es ist zum einen die Exportindustrie der Eurozone, die am Erhalt des Status quo ein Interesse hat, weil sie ein großer Profiteur dieser manipulierten Währung ist. Allein von den deutschen Exporten gehen – nach meinem Kenntnisstand – immerhin noch 37% in die Eurozone, was nicht unerheblich ist. Dass der deutsche Steuerzahler diese Exporte letzten Endes selbst finanziert, ist für die wahren Profiteure – ich denke da z.B. an diverse Eigentümerfamilien – irrelevant. Nicht unberücksichtigt bleiben dürfen in diesem Zusammenhang aber auch die Arbeitsplätze, die der Exportsektor stellt. Dies gilt genauso für die Exportindustrie anderer Eurozonenländer, z.B. Italien. Irgendwann fiel mir auf, dass sich die italienische Zeitung Il Sole 24 Ore stets so vehement und völlig unkritisch für den Euro und die Anleihenkaufprogramme der EZB ausgesprochen hat, dass mich das veranlasst hat, die Eigentümerstruktur dieser Zeitung zu hinterfragen: Eigentümer ist der italienische Industriellenverband Confindustria. Das passt für mich ins Bild. Aber auch der Finanzsektor muss ein Interesse am Erhalt des Status quo haben, da er in großem Umfang Kredite vergeben hat und Staatsanleihen von mehr oder minder insolventen Ländern hält. Würde die Politik den einzig vernünftigen Weg zur weiteren Schadensbegrenzung gehen, der meines Erachtens nur in der Auflösung der Eurozone in ihrer jetzigen Form mit allen damit verbundenen Konsequenzen liegen kann, hätte dies Verwerfungen zur Folge, die so unvorstellbar wüst sind, dass man sie schlicht nicht realisieren will. Also versucht man es weiter mit einer willigen EZB und vordergründigen (Umverteilungs-)Lösungen, die das System wenigstens nochmal eine Runde weiterbringen könnten. In der nächsten Runde, die dann vielleicht die finale sein wird, sind ja dann andere am Ruder, die sich dem Volkszorn zwar stellen werden, nicht aber unbedingt die Verantwortung für die desaströse Politik ihrer Vorgänger übernehmen müssen. Wurden Kohl oder Waigel je für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen?

    Antworten
  5. Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Ökonomen lieben es, die Probleme so zu definieren, wie sie zu ihren Lösungsideen passen.“
    Nichts für ungut, Herr Dr. Stelter, aber das möchte ich so nicht für den gesamten Berufsstand stehen lassen. Es gibt zwei Sorten von Ökonomen: die, die von der Politik bezahlt werden, und die, die in der freien Wirtschaft stehen. Was erwarten Sie von einem verbeamteten Ökonomieprofessor, der von einem politisch gewählten Kultusminister ernannt wurde und auf dessen laufende Fördergelder für den Lehrstuhl / die Uni / die Fakultät angewiesen ist? Sie müssen schon Ökonomen nehmen, die z.B. bei einem Hedgefonds oder Vermögensverwalter arbeiten oder auf eigene Rechnung wirtschaften. Sonst haben Sie einfach besser bezahlte Politclaquere, ohne dass ich das jetzt negativ meine. Es ist einfach amtlich bezahlte Wissenschafts-PR. Nehmen Sie Herrn Vorndran von Flossbach und von Storch, Max Otte, Thomas Meyer, oder von mir aus Marc Faber oder Jim Rogers aus dem internationalen Bereich. Dann haben Sie Ökonomen. Gut, auch diese haben ein Eigeninteresse und man muss sehen, was ihre Unternehmen bzw. Arbeitgeber verkaufen wollen. Aber hauptamtliche Professoren sind Staatsdiener, sonst nichts. Und genau danach werden sie bei der Berufung in Fächern wie Politologie, Wirtschaft oder Jura auch regelmäßig ausgewählt. Der Unterschied ist nur, wie unabhängig sie sich hinterher im Kopf machen.

    Antworten
    • markus sagte:

      Ich sehe das nicht so.

      Zum einen sind Professoren zwar ehrenkäsig, wollen Ruhm und daher Fördergelder einstreichen. Andererseits haben sie eine unbefristete Stelle, die sehr sehr schwer kündbar ist, und daher eine gewisse Form von Autonomie. Andererseits sind Ökonomen, die als Vermögensverwalter arbeiten oder bei einem Hedgefond, ihrem Arbeitgeber verpflichtet, also schwer reichen Bürgern oder einer Gesellschaft / Firma, in der schwer reiche Bürger das sagen haben. Diese Bürger sind im Gegensatz zu den Politikern nicht demokratisch gewählt.

      Ich sehe eher das Problem, dass Politiker und auch Professoren Nebenjobs annehmen (z.B. gut bezahlte Gutachterverträge) und meist nicht sonderlich interessiert sind, Aussagen zu treffen, die dem kleinen Mann/der kleinen Frau nützlich wären (und eben auch meist der Wirtschaft im Allgemeinen, da ja doch irgendwie Nachfrage nötig ist). Gleiches gilt natürlich auch für Ökonomen in der freien Wirtschaft (dort ist es ja quasi die Haupttätigkeit…). Auch sehe ich es als ein großes Problem an, dass sich aufgrund der immer größer werdenden Spaltung viele „Lenker“ (seien es nun Politiker, Ökonomen, CEOs etc) nicht mehr in die Nöte anderer Menschen hinein versetzen können, da sie entweder auf ordentlich bezahlten sehr sicheren Jobs sitzen, sehr sehr gut bezahlt werden, oder einfach soviel Rücklagen haben, dass das soziale Netz für sie sehr viel grobmaschiger sein kann (nach dem Prinzip: wenn ich mir ohne große Probleme ein neues Auto kaufen kann, dann brauche ich keine Vollkaskoversicherung und spare mir somit den Gewinn, den die Versicherung ansonsten von den Versicherungsnehmern erwirtschaftet).

      Antworten
  6. Dietmar Tischer sagte:

    >Will man also eine erneute Eurokrise verhindern, so muss man die Verschuldung im Privatsektor begrenzen. Dies setzt zum einen ein angemessenes Zinsniveau voraus und zum anderen das produktive Verwenden der aufgenommenen Schulden. Beides war bisher in der Eurozone nicht der Fall.>

    Es wird auch in Zukunft nicht der Fall sein.

    Denn „produktives Verwenden der aufgenommenen Schulden“ heißt auch:

    Insolvenzen, und wenn es denn so sein sollte, auch wie die Dominosteine.

    Es ist das DOGMA der Gesellschaft UND ihrer Ökonomen, dass dies nicht sein darf.

    Die unabhängigen Ökonomen sagen lediglich:

    Es wird leider so kommen.

    Diesen Fatalismus, und sei er noch so begründet, teilt niemand, der sich in irgendeiner Form verantwortlich hält.

    Antworten
  7. Alexander sagte:

    „Bedrückend ist, wie bereitwillig sich führende deutsche Ökonomen wie Ifo-Chef Clemens Fuest und Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor den Karren spannen lassen.“

    Ifo Institut – wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Ifo_Institut_f%C3%BCr_Wirtschaftsforschung#Finanzierung
    ->Finanziert wird das ifo Institut zurzeit zu etwa zwei Dritteln aus öffentlichen Mitteln (im Zuge der gemeinsamen Forschungsförderung von Bund und Ländern über die Leibniz-Gemeinschaft) und zu etwa einem Drittel aus den Erlösen für Drittmittelprojekte, die in der Regel ebenfalls von öffentlichen Auftraggebern stammen

    DIW – wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Institut_f%C3%BCr_Wirtschaftsforschung#Finanzierung
    –>Die öffentlichen Zuwendungen, die das DIW Berlin als Forschungsförderung zu gleichen Teilen vom Land Berlin (Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur) und vom Bund (Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit) erhält, machen etwa die Hälfte des Institutshaushalts aus. Hinzu kommen Einnahmen aus Projekten und Aufträgen Dritter sowie Beiträge der Kuratoriumsmitglieder und Spenden.

    Ich bitte darum den Leitern der Institute ihre Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber zu verzeihen, auch wenn das bedeutet, dass die Ergebnisse den Entscheidern über Geldmittel genehm sind.

    Der Politik und ihren „gekauften“ Parteigängern verzeihe ich dieses Verhalten nicht, denn sie entscheiden keineswegs im Interesse ihres Souveräns. Deutlich wird das dadurch, dass Brigitte Macron unserer lieben Frau Kanzlerin näher ist, als die Esser abgelaufener Tafelartikel, die schon länger hier leben. Allerdings fürchte ich, dass wir kritischen Beobachter so lange auf demokratischen Unmut warten müssen, bis auch der letzte begriffen hat, dass es keine Gewinner geben wird.

    Danke für ihre Ausdauer, Herr Stelter.

    Antworten
  8. Michael sagte:

    Sehr gute Analyse! Die Frage lautet jetzt, wie kommt Deutschland am besten aus dem Dilemma heraus, so dass die Schmerzen am geringsten sind und wir vielleicht am Ende sogar doch noch vom Euro profitieren?

    Wie schon mehrfach geschrieben, sollten wir uns ein Beispiel nehmen an Norwegen, der Schweiz, Russland und China, die anstatt wertloser Target 2 Forderungen, mit dem gedruckten Geld ihre Infrastruktur erneuern, Aktien an werthaltigen Unternehmen erwerben, Rohstoffe wie Gold anhäufen und in ihre Zukunft investieren. Die Verräter der Altparteien in Deutschland machen genau das Gegenteil; höchste Zeit für die AFD!

    Antworten

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.