„Kann Trump den Euro retten?“

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Ich habe verschiedentlich so argumentiert, dass Trump sowohl Chance als auch Risiko für Europa und den Euro darstellt. Dabei bin ich eher skeptisch, weil ich mit Blick auf die steigenden Zinsen eine Rückkehr der offenen Krise erwarte. Weg war sie ja nie, nur unterdrückt.

Meine Argumentation unter anderem hier:

→ Trumps Wirtschaftsprogramm ist ein Risiko für Europa – egal, ob er die Eiszeit überwindet oder nicht

Es gibt aber auch eine optimistischere Sichtweise, die ich nicht unterschlagen möchte, schon gar nicht, wenn sie von jemandem wie Daniel Gros stammt, der nun wirklich Ahnung hat:

  • „Während die österreichischen Wähler verhindert haben, dass die Europäische Union ihren ersten rechtsextremen Staatschef bekommt, haben die Italiener (…) den Weg für die Machtergreifung populistischer Kräfte bereitet. Betrachtet man zusätzlich den Brexit (…) und die immer noch schwache Wirtschaftsleistung der Eurozone, kommt man zum Ergebnis, dass das Überleben der gemeinsamen Währung keineswegs garantiert.“ – bto: Nein, das Überleben ist systemimmanent sogar sehr unwahrscheinlich.
  • „Da für die vielen wirtschaftlichen Probleme Europas (…) dem Euro die Schuld gegeben wurde, haben die nationalistischen, euroskeptischen und populistischen Bewegungen an Boden gewonnen.“ – bto: Natürlich ist der Euro nicht alleine schuld. Aber er trägt eine erhebliche Mitschuld und erschwert auch die Lösung.
  • „In einer Zeit erheblicher wirtschaftlicher Probleme – seit zehn Jahren stagniert die italienische Produktion, und die öffentlichen Finanzen des Landes stehen weiter auf unsicheren Füssen – könnten die Wähler von der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, die eine Volksabstimmung über die weitere Mitgliedschaft in der Eurozone versprochen hat, tatsächlich in Versuchung geführt werden.“ – bto: Naja, es ist doch offensichtlich, dass die etablierten Parteien es nicht geschafft haben.
  • „Soll das Aufbrechen der Eurozone verhindert werden, braucht Italien – ebenso wie die gesamte Währungsgemeinschaft – dringend einen wirtschaftlichen Aufschwung. Und dieser Aufschwung könnte tatsächlich durch den zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump bewirkt.“ – bto: Das wäre dann doch ein Wunder!
  • „In den Vereinigten Staaten sind die Langfristzinsen gestiegen und werden wahrscheinlich noch weiter steigen. Dies hat auch in Europa zu einer (allerdings deutlich geringeren) Zinserhöhung geführt. Die Renditen der deutschen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit sind seit der US-Wahl etwa 50 Basispunkte gestiegen und liegen damit wieder im positiven Bereich. Die Populisten können nicht länger behaupten, die Europäische Zentralbank besteuere die deutschen Sparer.“ – bto: Naja, so richtig klingelt die Kasse beim Sparer ja nicht.
  • „In Italien beispielsweise ging der Ertrag der zehnjährigen Anleihen fast einen ganzen Prozentpunkt nach oben. Auch wenn dies als Problem erscheinen könnte, ist es wohl so, dass der negative Effekt höherer Zinsen in den Randstaaten begrenzt bleibt. Immerhin ist ein Großteil der Kreditaufnahme der Haushalte und der Unternehmen an die Kurzfristzinsen gekoppelt, die von der EZB und nicht von den Märkten festgesetzt werden und damit niedrig blieben.“ – bto: Also blieben die Finanzierungskosten tief, weshalb es nicht zu den von mir gefürchteten Problemen kommt. Nur gibt es dann auch nicht die positiven Effekte auf die Bankgewinne – oder?
  • „Darüber hinaus sind die Regierungen der Randstaaten größtenteils von der Steigerung der Risikoprämien langfristiger Anleihen abgeschirmt, da ihre ausstehenden Schulden weiterhin von ihren Zentralbanken aufgekauft.“ – bto: auch interessant. Er sagt also, die Zinsen würden nicht steigen, weil der EZB-Put funktioniert.
  • „Und die deutliche Aufwertung des US-Dollars nach der Wahl von Trump wird wahrscheinlich zu einer größeren Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exporte führen.“ – bto: Das aber sieht in der Welt niemand gern. Ganz Europa kann nicht wie Deutschland werden. Damit steigt der protektionistische Druck.
  • „Also war der unmittelbare Einfluss von Trumps Sieg auf die Eurozone positiv – und die Vorteile scheinen noch weiter zu gehen. (…) Gemeinsam mit Plänen zur Subventionierung von Infrastrukturinvestitionen und höheren Militärausgaben hat dies in den USA wahrscheinlich ein rapide steigendes Haushaltsdefizit und eine enorme kurzfristige Erhöhung der Nachfrage zur Folge. Angesichts dessen, dass die US-Wirtschaft bereits jetzt an ihre Kapazitätsgrenze stößt (die Arbeitslosenrate liegt unter 5 %), sind zur Deckung dieser Nachfrage mehr Importe und ein stärkerer US-Dollar erforderlich.“ – bto: Also, der Präsident, der mit „America first“ und Protektionismus angetreten ist, macht ein Konjunkturprogramm, welches Europa rettet? Ich bin nicht sicher.
  • „In Italien ist der Effekt einer Euroabwertung beispielsweise dreimal so groß wie in Deutschland, da die Nachfrage nach spezialisierten deutschen Investitionsgütern nicht sehr preiselastisch ist. So könnte ein schnelles, nachfragegetriebenes Wachstum in den USA gemeinsam mit dem starken Dollar zum dringend benötigten Ausgleich innerhalb der Eurozone führen.“ – bto: Mir fehlt der Glaube. Es kann besser werden, aber keinen Ausgleich geben.
  • „(…) Präzedenzfall: (…) in den Siebzigern hat Europa das Europäische Währungssystem (EWS) gegründet, um in einem Ozean wild fluktuierender Wechselkurse eine Insel der Stabilität zu schaffen. Zunächst erwies sich die Beibehaltung stabiler Wechselkurse innerhalb des EWS aufgrund großer Unterschiede bei den nationalen Inflationsraten und wegen wirtschaftspolitischer Prioritäten als schwierig, aber dank Präsident Ronald Reagan verbesserte sich die Lage schnell.“ – bto: Die Rettung kam also von außen. EWS und Euro sind Schönwetterkonstrukte!
  • „Reaganomics führte zu einem enormen Haushaltsdefizit und einem extrem starken Dollar. Gemeinsam mit einem niedrigen Ölpreis war dies der Grund dafür, dass Europa seine problematischen Disparitäten überwinden und Wachstum erreichen konnte. Tatsächlich war dies das letzte Mal, dass Italiens BIP stärker wuchs als der EWS-Durchschnitt.“ – bto: Das zeigt, dass es eben nicht funktioniert. Die USA können uns nicht auf Dauer retten.
  • „Was auch immer die möglichen Nachteile von Trumps Politik sein mögen (…) In einer Eurozone, in der wirtschaftliche Unzufriedenheit zu politischer Unruhe führt, wird sie Wachstum und Arbeitsplätze fördern – und die Gewinne werden in den Ländern am größten sein, die sie am dringendsten brauchen. Angesichts eines Italien, das vor einer Volksabstimmung über die weitere Mitgliedschaft in der Eurozone stehen könnte, und im Zuge der Vorbereitung Frankreichs auf die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr kann der Wert dieser Entwicklung gar nicht überschätzt werden.“ – bto: Selbst, wenn das hier stimmen sollte, es käme auf der Zeitschiene für die Wahlen zu spät. Dennoch ist es nur der schwächere Euro, der hilft.

bto: Ich bleibe skeptisch. Selbst wenn Gros recht hat, ist es nur ein weiterer Zeitgewinn.

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Kann Trump den Euro retten?“, 8. Dezember 2016

7 Kommentare
  1. Wolfgang Selig says:

    Nichts für ungut, Herr Dr. Stelter, aber ich denke, Herr Gros ist nicht in der Lage, eine unabhängige eigenständige kritische Meinung öffentlich zu äußern. Sieht man seinen Lebenslauf, seinen Arbeitgeber und seine bisherigen Tätigkeiten an, müsste er einige seiner früher und (wohl auch heute) wichtigsten staatlichen oder staatsnahen Förderer und Unterstützer aktuell kräftig kritisieren. Das zeigt m.E. auch seine unzureichende Argumentation:

    „Reaganomics führte zu einem enormen Haushaltsdefizit und einem extrem starken Dollar. Gemeinsam mit einem niedrigen Ölpreis war dies der Grund dafür, dass Europa seine problematischen Disparitäten überwinden und Wachstum erreichen konnte.“ So weit Herr Gros, der das rückblickend für positiv hält. Die Sache hat nur einen Haken (und den weiß er garantiert): Eine massive Ausweitung des US-Haushaltsdefizites bei (damals) überschaubarer Staats- und Gesamtverschuldung war einmalig machbar. Aber beim aktuellen Schuldenstand? Hier gibt es für mich nur noch zwei Möglichkeiten: Die USA bieten ihren Gläubigern deutlich höhere Zinsen an, um noch wesentlich mehr Kapital anzuziehen, damit neben den bisher hauptsächlich konsumtiven Ausgaben auch deutlich mehr investive möglich sind. Dann halten sie die finanzielle Zusatzbelastung ohne massive politische Kürzungen im Sozial- und/oder Militärbereich budgettechnisch nicht lange durch. Oder sie gehen zur offenen Staatsfinanzierung durch die FED über (mit den QEs ist ja schon ein Schritt in diese Richtung getan worden). Dann halten sie budgettechnisch wesentlich länger durch, aber dann dürfte der Wechselkursanstieg des US-$ bald Geschichte sein und sich ins Gegenteil verkehren.
    Es hilft m.E. alles nichts. Eine Verbesserung in Italien ist nur durch einen allgemeinen Schuldenschnitt oder einen Mentalitätswechsel vor Ort, v.a. in Süditalien möglich, nicht durch wie auch immer geartete US-Entscheidungen. Dann müsste aber eine in Jahrzehnten (teilweise in Jahrhunderten) gewachsene Einstellung zu Themen wie Fortpflanzung & Demographie, Forschung & Bildung, Korruption & Steuerehrlichkeit, Arbeitsethik, etc. einen breiten und nachhaltigen Wandel durchlaufen. Nicht, dass das nicht möglich ist. Ich halte es nur für sehr unwahrscheinlich, vor allem kurz- und mittelfristig, wie es die italienische Volkswirtschaft bräuchte.

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  2. Michael Stöcker says:

    Die Headline hat Bildzeitungsniveau und ist der FuW eigentlich unwürdig.

    Die Hauptschuld liegt nicht im Euro begründet, sondern in der fehlenden Dreistufigkeit des Eurosystems sowie insbesondere in der massiven deutschen Regelverletzung: https://makroskop.eu/2016/12/der-euro-und-sein-architekt-otmar-issing-ueber-das-ende-des-euros-1/. Diese Regelverletzung manifestiert sich in den exorbitant hohen LB-Überschüssen.

    Nur Deutschland könnte den Euro retten. Aber dafür müssten zuerst alle schwäbischen Hausfrauen und Sado-Monetaristen die politischen Bühne räumen (am besten gemeinsam mit Siggi und Andrea) und sich für mehrere Tage in ein Schweigekloster begeben. Im Anschluss dann 2 Monate Exerzitien mit Schumpeter und Minsky sowie stündlichem Vater Unser. Den abendlichen Höhepunkt bildet die gemeinsame Vesper mit alternierender Schriftlesung (christliche und marxistische Bibel) durch Ordensschwester Sarah.

    LG Michael Stöcker

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