Jetzt merken es alle: „Italien ist wie Griechenland – nur schlimmer“

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Seit Jahren betone ich, dass Griechenland keineswegs der größte Problemfall in Europa ist. Portugal hat noch mehr Schulden, eine noch schlechtere Bildung und eine ebenso verheerende Demografie. Italien bleibt einer der Hauptkandidaten für einen Austritt, der den Euro in die finale Krise stürzt. Kann aber auch gut sein, dass das Ende aus Holland naht.

Was Italien betrifft, wird es nun immer offensichtlicher. So konnte auch der IWF nicht mehr umhin, vor der existenziellen Bedrohung des Euro durch Italien zu warnen. DIE WELT fasst den Bericht zusammen:

  • Nun beweist der Währungsfonds bei Italien ein ganz besonderes Timing. Mitten in der größten Bankenkrise seit Jahren veröffentlichen die IWF-Experten eine Beurteilung des Landes. Und die enthält eine Sprengkraft, die zu Erschütterungen in ganz Europa führen könnte.“ Weiter wird erläutert, dass „Italien derzeit das größte Risiko für Europa darstellt und alle politischen Bekundungen, wonach es sich nicht um eine Krise handelt, unglaubwürdig sind. Italien stehe vor monumentalen Herausforderungen, heißt es dort ungeschminkt.“ 
  • „Die Expertenanalyse lässt den Schluss zu, dass die Bankenkrise eigentlich nur durch einen Bruch der erst kürzlich eingeführten europäischen Bankenrichtlinie gelöst werden kann.“ bto: Das vermute ich bekanntlich auch. Egal, wie man es wendet, es wird ein Trick gefunden werden.

  • „Schlimmer noch: Italien wird dabei wegen der eigenen Wirtschaftsschwäche wohl auf die Hilfe der europäischen Partner angewiesen sein.“ bto: Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Italien muss „gerettet“ werden, was aber ein Riesenbrocken ist. Wie soll das gehen, ohne Schuldentilgungsfonds mit Sozialisierung. (Bekanntlich von mir immer befürwortet, nicht, weil ich es „gut“ finde, sondern weil es die einzige Möglichkeit ist, den Schaden noch zu begrenzen.)

  • „Zumindest rechnet der IWF damit, dass die viertgrößte Ökonomie Europas erst im Jahr 2025 wieder das Vorkrisen-Niveau von 2007 erreicht haben wird:“

  • Italien wird dann zwei verlorene Jahrzehnte hinter sich haben, in denen die Partner der Euro-Zone zwischen 20 und 25 Prozent gewachsen sein werden.“ (…) „Das Wachstum ist zu gering, um die Probleme im Finanzsektor zu lösen. Gleichzeitig werden wackelige Bilanzen eine Quelle steter Unsicherheit sein.“ bto: weshalb Italien der Sprengsatz für Europa ist. In Turin beispielsweise sind 40 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit. Ein erheblicher Sprengsatz.
  • „Vor allem der Bankensektor wird zum systemischen Risiko für Europa. (…)  Im Schnitt sind 18 Prozent des gesamten Kreditbestandes Not leidend, nur bei griechischen Häusern liegt die Quote noch höher.“ bto: Und nur in der Theorie kann man es über ein Bail-in lösen, ohne einen Banken-Run in Europa zu riskieren.
  • 38 Prozent der Bankanleihen werden von kleinen Sparern gehalten. (…) Diese privaten Kunden würden mindestens 31 Milliarden Euro an Spargeldern verlieren.“ bto: Das kann man aber lösen. Der Staat entschädigt diese Kunden bis zu 100.000 Euro, auch wenn sie Anleihen halten und finanziert das über eine Vermögenssteuer.
  • Wenn man keine Lösung findet, gibt es nämlich ein erhebliches politisches Risiko. „Nach einer Erhebung von Ipsos wünscht sich europaweit kein Volk so sehr eine Abstimmung über die Mitgliedschaft in der EU wie die Italiener. Knapp die Hälfte würde dabei für einen Ausstieg stimmen: 
  • „(…) die Italiener (waren) vor dem Beitritt zum Euro nur dank ihrer Weichwährung ökonomisch überlebensfähig und konnten ihre Autos oder Maschinen auf den Weltmärkten verkaufen. Tatsächlich verlor die italienische Währung zur D-Mark zwischen 1971 und dem Euro-Start weit mehr als 80 Prozent. Seit der Einführung des Euro ist das nicht mehr möglich. Doch Italien hat sich mental noch nicht von den alten Gewohnheiten verabschiedet und muss dafür mit anämischem Wachstum und hohen Schulden büßen.“ bto: Das ist genau der Grund für meine Skepsis. Italien ist gefangen in einer deflationären Krise mit unkontrollierbaren Schulden. Im Euro kann das Land sich nicht sanieren

DIE WELT: „Italien ist wie Griechenland – nur schlimmer“, 12. Juli 2016

6 Antworten
  1. Stefan Bohle says:

    auch in der aktuellen Zuspitzung der Krise in Italien zeigt sich wieder, dass der Preis der Eurorettung u.a. immer ein Außerkraftsetzen von geltendem Recht ist. Welch hoher Preis.

    Es ist nicht einmal zynisch, dass bei der Bankenrettung in Italien der Bail-In faktisch unmöglich ist, denn er wäre das Ende der Regierung Renzi. Auch wenn diese Regierung wohl bei der Bankenrettung geschlafen hat, muss man ihr zudem zugute halten dass sie für die ambitionierteste Reformagenda steht, die es im Nachkriegsitalien gegeben hat:
    – da ist im Großen die Verfassungsreform, die dem Land zum ersten mal eine ernsthafte Perspektive auf Regierbarkeit bietet
    – darüberhinaus weitere große Verwaltungsreformen
    – nebenbei: deutsche Leitung für die beiden großen Museen der Stadt Florenz (das ist ein echtes Zeichen von Mut!)

    Scheitert die Regierung Renzi – und das ist bei einem Scheitern des Verfassungsreferendums zu erwarten, scheitern alle diese Reformen. Politisches Chaos mitten in der größten Krise des Landes ist dann wahrscheinlich. Dann kann es für das Euro-Projekt unmittelbar sehr eng werden.
    Scheitert Renzi nicht, wird die nächste Krise kommen, denn so wünschenswert und vernünftig seine Reformagenda ist, wird es (zu) lange dauern, bis aus den Reformen echter wirtschaftlicher Fortschritt erwächst.

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  2. Dietmar Tischer says:

    Man wird eine Lösung finden.

    Es wird eine Lösung sein, die

    a) entgegen den Anfang des Jahres in Kraft getretenen Regeln die Gläubiger verschonen muss, damit es nicht zu einem Bank Run und politischer Destabilisierung in Italien kommt

    und

    b) auf Rechnung der Steuerzahler geht.

    Das wird nicht unbemerkt bleiben, zumal italienische Bankenkrise auch in den Nachrichten hinreichend thematisiert wird. Kann die Negativ-Stimmung stark anheizen, wenn z. B. ein H.-W. Sinn und andere das Thema auf allen Kanälen ausschlachten.

    Außerdem wird auffallen, dass Leute wie Schäuble, die immer wieder predigen, Verträge seien einzuhalten, am Ende zustimmen, dass sie nicht eingehalten werden.

    Das wird die Politik noch unglaubwürdiger machen und die Abkehr von der Währungsunion und EU beschleunigen.

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