Credit Suisse und Piketty beschreiben Symptome

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 31. Oktober 2014 anlässlich der Veröffentlichung des neuesten Global Wealth Reports der Credit Suisse. Nun ist der neue draußen und die Aussagen sind letztlich die gleichen. Einen guten Überblick zu den Fakten bringt Zero Hedge, der Link zum aktuellen Report ist unten. Meine Einschätzung bleibt dabei unverändert, weshalb ich meinen damaligen Kommentar im Handelsblatt nochmals bringe:

In der gestrigen Ausgabe des Handelsblattes habe ich anlässlich der Veröffentlichung des neuesten Global Wealth Report der Credit Suisse auf den Denkfehler von Piketty und seinen Anhängern – und auch der Credit Suisse – hingewiesen. Vermögen wachsen nur deshalb schneller als die Volkseinkommen, weil wir zugleich immer mehr Schulden machen. Hier der Text meines Kommentars:

Thomas Piketty und seine Unterstützer können sich bestätigt fühlen. Der neueste Global Wealth Report der Credit Suisse zeigt weltweit wachsende Vermögen und Vermögenskonzentration. Auch für die Zukunft erwarten die Analysten einen deutlich über der Wachstumsrate der Wirtschaft liegenden Zuwachs an Vermögenswerten. Zugleich warnen Ökonomen wie Larry Summers vor einer „säkularen“ Stagnation der Weltwirtschaft, also einer langen Periode geringen Wachstums, weil die Welt zu viel Ersparnis habe und zu wenig Investition und Konsum. Stehen wir also vor einem sich beschleunigenden Vermögenswachstum bei gleichzeitiger Stagnation in der Welt? Wohl kaum.

Sowohl Piketty wie auch die Credit Suisse führen bestehende Trends fort. Piketty erwartet unabhängig vom Wirtschaftswachstum eine reale Kapitalrendite von vier bis fünf Prozent, die Credit Suisse arbeitet mit erwarteten Unternehmensgewinnen und Regressionsanalysen. Die grundsätzliche Frage, wie es überhaupt sein kann, dass Vermögen dauerhaft schneller wachsen als das Volkseinkommen, stellen sie nicht. Sie betrachten Symptome, nicht die wahre Ursache.

Hier kommt die Kehrseite des Vermögens – die Verschuldung – ins Spiel. Ein derartiges Wachstum der Vermögenswerte und auch der Vermögenskonzentration wäre gar nicht möglich ohne die zeitgleich enorm gestiegene weltweite Verschuldung. Neue Schulden stützen die Realwirtschaft und treiben die Nachfrage und Preise von Vermögenswerten. In der Tat hat sich parallel zu der von Piketty beobachteten Zunahme an Vermögen seit 1980 die Schuldenlast in den Industrieländern mehr als verdoppelt. Eine Entwicklung, die sich seit Beginn der Krise weltweit beschleunigt: Die globale Verschuldung ist seit 2007 von 105 auf 150 Billionen Dollar gestiegen. Die Industrieländer haben Schulden von 275 Prozent des BIP, die Schwellenländer von 175 Prozent, womit beide je 20 Prozent über dem Niveau von 2007 liegen. China liegt übrigens mit 250 Prozent auf westlichem Niveau.

Piketty und die Credit Suisse gehen implizit davon aus, dass sich der Trend zu weiter steigender Verschuldung ungebremst fortsetzt. Es wird aber nicht möglich sein, die Schulden dauerhaft schneller wachsen zu lassen, als die Einkommen. Bezöge sich die Verschuldung nur auf den Kauf von Vermögenswerten, die dann entsprechend im Wert steigen, ließe sich das Spiel solange fortsetzen, wie die Wertsteigerung des Vermögenswertes über den Zinskosten liegt. Aber selbst in einem Umfeld von fast Nullzinsen ist dies endlich. Sobald die Wertsteigerung nicht mehr gegeben ist, käme es zu erheblichen Einbrüchen an den Finanzmärkten, weil sich dann die negative Wirkung des Kaufs auf Kredit zeigt: Alle würden zeitgleich versuchen, aus den Markt auszusteigen. Die Vermögenswerte kollabieren; was bleibt ist die Schuldenlast – ohne den entsprechenden Vermögenswert. Zu beobachten in Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase.

So schön eine Welt ewig steigender Vermögenswerte wäre, so unrealistisch ist sie. Viel wahrscheinlicher ist, dass Vermögen und Schulden gemeinsam schrumpfen. Entweder weil das Schuldengebäude zum Einsturz kommt oder weil die Politik den Empfehlungen Pikettys folgt, die Vermögenden konfiskatorisch zu besteuern, um damit die Schulden abzutragen. Da spielt es dann keine Rolle, dass Pikettys Theorie auf einem schwachen Fundament steht.

Hier der Link zum Global Wealth Report der Credit Suisse:

Credit Suisse: Global Wealth Report 2015, Oktober 2015

2 Antworten
  1. Abdullah M. says:

    Lieber Herr Stelter, wenn die Schulden ein wesentlicher Treiber der Vermögensentwicklung sind und die Konzentration der Vermögen voranschreitet, kann man annehmen, dass eine Reduzierung der Schuldenlast glimpflich verläuft? Prämisse ist eine hohe Abschreibung/Wertberichtigung auf vorhandenem Vermögen, die aufgrund der bestehenden Vermögensverteilung die (sehr) wohlhabenden am stärksten treffen würde. Nicht schön aber aufgrund derer angenommen geringer marginaler Konsum- und Investitionsquoten kein Drama für die Volkswirtschaft. Von der gleichzeitigen Minderung der Schulden hingegen profitieren alle.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr M., ich denke ja, das kann man. Allerdings muss es wirklich ein einmaliger Schnitt sein und keine große Umverteilungsorgie. Darum geht es mir nämlich nicht, da ich eher einen schlanken und effizienten Staat bevorzuge und mehr persönliche Freiheit.

      Antworten

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