„Vor dem nächsten Großbrand“

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Dieser Kommentar erschien bei manager magazin online:

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise klopfen sich Notenbanker und Politiker auf die Schultern: Das Schlimmste läge hinter uns und die Erholung sei geschafft. Ein Irrtum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Krise wieder mit voller Wucht ausbricht.

Ihren Platz in den Geschichtsbüchern hat die Präsidentin der US-Notenbank, Janet Yellen, so gut wie sicher. Schon bald wird man ihre Aussage, es gäbe „keine Finanzkrise mehr zu unseren Lebzeiten“ als ein weiteres Beispiel für die Hybris der wirtschaftspolitisch Verantwortlichen zitieren, egal ob diese in Regierungen oder Notenbanken sitzen. Auch „Super-Mario“ dürfte es ähnlich ergehen, hat er zwar unstrittig mit seinem radikalen Eingreifen den Euro zunächst gerettet, die Grundprobleme jedoch massiv vergrößert.

Zehn Jahre nach Beginn der Finanzkrise loben sich die damals wie heute Verantwortlichen für die gelungene Bewältigung der Krise und die Erholung von Wirtschaft und Finanzmärkten. Dabei zeigt eine nüchterne Betrachtung, dass sie das zu Unrecht tun.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Stattdessen wurde auf Zeit gespielt, ohne die Krisenursachen zu bereinigen. Schlimmer noch: Mit ihrem Tun legen sie die Basis für eine noch größere Krise.

Krise nicht erkannt

Zunächst lohnt es sich, daran zu erinnern, dass Notenbanker und Politiker die letzte Krise nicht kommen sahen. Allein dies spricht schon für eine erhebliche Skepsis, wenn heute Aussagen getroffen werden, wonach die Krise „überwunden sei“, es keine neue Krise mehr zu „unseren Lebzeiten“ geben kann oder wie der britische Notenbankchef Mark Carney kürzlich festhielt wir heute ein „sicheres, einfacheres und faireres Weltfinanzsystem“ hätten.

Das erinnert fatal an US-Notenbank Chef Ben Bernanke, der obwohl er über die große Depression geforscht hat – die Wiederholung derselben nicht kommen sah. Noch 2007 hielt er die Subprime-Krise für ein kleines Problem, welches die US-Wirtschaft nicht nachhaltig beeinflussen würde. Yellen, Draghi, Carney und Co. sollten von den Fehlern ihrer Vorgänger lernen. Niemand kann mit Bestimmtheit vorhersagen, dass es wirklich zu keiner Krise kommt, was vor allem daran liegt, dass sie die eigentliche Krisenursache nicht erkennen (wollen).

Krise nicht verstanden

Bis heute gibt es kein gemeinsames Verständnis für die Ursachen der Krise. Da wird über die „Finanzkrise“ gesprochen, ausgelöst von zweifelhaften Krediten im US-Immobilienmarkt, die über allerlei Umwege in den Portfolios der Investoren in aller Welt – vor allem in Deutschland – landeten. Da wird von der „Eurokrise“ gesprochen, deren Ursache man gerne in der überbordenden Staatsverschuldung einzelner Sünderländer verortet, die nun mal über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Die Wahrheit ist eine andere: Beides sind Überschuldungskrisen gewesen und sind das immer noch. Seit Mitte der 1980er-Jahre haben wir es weltweit, vor allem in den USA, Europa und Japan mit einer explodierenden Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen zu tun. In den zwanzig Jahren bis zum Krisenausbruch 2007 haben sich die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Real haben Unternehmen mehr als dreimal so viele Schulden wie zuvor, Staaten mehr als viermal und private Haushalte mehr als sechsmal so viel.

Schuld an dieser Entwicklung waren Politiker und Notenbanker. Im gemeinsamen Bestreben die Wirtschaft zu beleben, haben sie immer mehr auf Schulden gesetzt. Die Notenbanken haben auf jeden kleinen Schock mit Zinssenkungen reagiert, ohne sie anschließen wieder ausreichend zu erhöhen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kritisiert schon lange dieses asymmetrische Verhalten. Belohnt wurde, wer Schulden machte.

2008 war es dann so weit. Die Welt schien am Ende der Verschuldungskapazität angelangt. Der „Minsky-Moment“ war erreicht, der Zeitpunkt, zu dem schuldenfinanzierte Blasen platzen benannt nach dem verstorbenen US-Ökonomen Hyman Minsky, den zu Lebzeiten keiner der Akteure ernst nahm und dessen Gedanken auch heute viel zu wenig Beachtung finden. Statt anzuerkennen, dass die schuldenfinanzierte Wohlstandsillusion an ihre Grenzen stößt, wurde alles getan, um die Verschuldungskapazität zu erhöhen und eine weitere Runde mit noch mehr Schulden anzustoßen.

Schulden wachsen weiter

Die Verschuldungskapazität hängt vom beleihungsfähigen Eigenkapital oder Einkommen und von den Zinsen ab. Je höher das Eigenkapital und das Einkommen und je tiefer die Zinsen, desto mehr Schulden lassen sich schultern. 2008 stiegen die Kosten für Kredite drastisch, nicht zuletzt, weil das Vertrauen der Kreditgeber in die Zahlungsfähigkeit der Schuldner deutlich zurückging. Zugleich verfiel der Wert des Eigenkapitals und die Einkommensaussichten verschlechterten sich wegen der sich abzeichnenden Rezession. Was bei moderater Verschuldung im Einzelfall ärgerlich ist, erweist sich bei zu hoher Verschuldung als Brandbeschleuniger für eine große Depression. Keiner hat das besser beschrieben als Irvin Fisher in seiner „Debt-Deflation-Theory of Great Depressions“. In der Tat waren wir 2008 auf dem besten Weg eine Weltwirtschaftskrise wie in den 1930er-Jahren zu erleben. Der Absturz war anfangs sogar weit dramatischer als achtzig Jahre zuvor.

Richtigerweise haben die Verantwortlichen alles darangesetzt, dies zu verhindern. Mit staatlichen Konjunkturprogrammen und Null- und Negativzins haben sie die Verschuldungskapazität wiederhergestellt. Vermutlich hätte es dennoch nicht gereicht, wäre China nicht mit einem gigantischen schuldenfinanzierten Konjunkturprogramm eingesprungen. Damit wurde nicht nur die Schuldentragfähigkeit im Westen erhöht, sondern zugleich noch neue Verschuldungskapazität in der Welt mobilisiert.

Mit erheblichem Erfolg! Weltweit ist die Verschuldung auf über 325 Prozent des BIP gestiegen, 50 Prozentpunkte mehr als noch 2007. Angetrieben vom billigen Geld aus den USA und Europa wurde überall auf Pump gelebt. China bleibt dabei mit einer Vervierfachung der Verschuldung seit dem Jahr 2000 und einem Anstieg von rund 120 Prozent des BIP auf über 280 Prozent einsamer Spitzenreiter – wie hier schon mehrfach diskutiert.

Politiker und Notenbanker haben es also geschafft, die weltweite Verschuldungskapazität durch Erhöhen der Anzahl der Schuldner und das Senken der Finanzierungskosten nochmals deutlich auszuweiten und haben diese Situation ausgiebig für ihre Finanzpolitik bzw. ihren Gewinn genutzt. Damit wurde die Politik, die uns in die Krise von 2008 geführt hat, noch konsequenter fortgesetzt. Das Problem ist nur, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir vor dem nächsten „Minsky Moment“ stehen, dann allerdings mit noch mehr Schulden und schon rekordtiefen Zinsen.

Kein Wunder, dass schon nach der nächsten Möglichkeit gesucht wird, die Verschuldungskapazität zu erhöhen. Nichts anderes steht hinter den Rufen nach einem Euro-Finanzminister und mehr „Solidarität“ Deutschlands. Es geht nur um eines: mehr Schulden zu ermöglichen, um das System noch eine Runde weiter zu bekommen.

Zeit, die Systemfrage zu stellen

Es ist Zeit, dass wir unsere Wirtschaftspolitik grundlegend hinterfragen. Seit Mitte der 1980er-Jahre setzen wir darauf, mit immer mehr Schulden kurzfristiges Wachstum zu erzielen. Dabei nimmt die Produktivität der neuen Schulden immer mehr ab. Nachdem jahrzehntelang die Wirtschaft im Einklang mit der Verschuldung wuchs, werden heute weltweit immer mehr Schulden gebaucht, um überhaupt noch Wachstum zu erzielen. Die Ursache liegt in der überwiegend unproduktiven Verwendung der Schulden. Wir kaufen uns damit gegenseitig vorhandene Vermögenswerte zu immer höheren Preisen ab. Im Unterschied zu Investitionen in neue Produkte und Dienstleistungen wächst dadurch die Wirtschaft jedoch kaum, wenn man von dem Zusatzkonsum durch den Reichtumseffekt steigender Vermögenspreise absieht.

Ermöglicht wird das Ganze von einem Bankensystem, das fast unbegrenzt neues Geld schöpfen kann, indem es Kredite gewährt. In unserem Geldsystem wird neues Geld überwiegend (zu rund 90 Prozent) durch das Bankensystem geschaffen. Steigende Nachfrage nach Vermögenswerten führt dabei zu einem Preisanstieg, der wiederum eine höhere Beleihungskapazität für alle Vermögenswerte ermöglicht. Wir sind damit abhängig von steigenden Vermögenswerten, neuen Schuldnern und immer tieferen Zinsen. Die Zinsen müssen morgen noch tiefer sein, einfach weil sie heute schon tief sind.

Nur mit immer mehr Risiken bleibt das System am Laufen. Das Problem ist dabei, dass wir nicht einfach aufhören können. Die ausstehenden Schulden müssen bedient werden, soll es nicht zum Kollaps kommen. Dies bedingt, dass zumindest in Höhe der Zinsen auf der ausstehenden Schuld neue Schulden aufgenommen werden. Denn woher sonst soll das Geld denn kommen?

Es gibt keinen einfachen Weg aus unserer selbst gewählten Misere. Wir haben uns von der Schuldendroge abhängig gemacht und brauchen eine ständig steigende Dosis. Bleibt sie aus, ist der „Minsky Moment“ da der ultimative Crash.

Dass es auch ohne die Droge geht, konnten wir in den 1950er- und 1960er-Jahre gut beobachten. Natürlich stieg auch damals die Verschuldung deutlich an. Da die Schulden jedoch einer produktiven Verwendung zugeführt wurden, wuchs auch die Wirtschaft entsprechend. Die Schuldenquoten blieben also stabil bzw. gingen sogar zurück.

Um das zu erreichen, müssten wir das Bankensystem wieder auf die eigentliche Rolle als Vermittler von Krediten reduzieren, als Versorger für die Realwirtschaft. Damit einhergehend muss eine Limitierung der Kreditvergabe durch deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen realisiert werden. Zu prüfen ist zudem eine Abschaffung der Geldschöpfungsmöglichkeit des Bankensystems durch eine Umstellung auf Vollgeld.

Lösung nicht in Sicht

Yellen und Draghi ist gemein, dass sie als Vertreter des Systems alles dafür tun, das System am Laufen zu halten. Ihre Mission ist klar: Die Verschuldung muss weiter steigen, denn nur dann kommt es nicht zum finalen Crash. Zugleich sind sie die Letzten, die ernsthaft einen Systemwechsel betreiben. Zu groß sind die Interessen am Status quo. Wer hätte nicht gerne das Recht und die Möglichkeit, legal Geld aus dem Nichts zu schaffen und damit reale Assets zu kaufen und Erträge zu erwirtschaften?

Damit bleiben wir jedoch in einem System gefangen, das zwangsläufig auf die nächste Krise zusteuert. Wie bei Waldbränden ergibt sich ein dramatisches Szenario: Je mehr kleinere Feuer gelöscht werden, desto größer die Gefahr eines Großbrandes. Da wir den Großbrand von 2008 gelöscht haben, laufen wir Gefahr, dass das nächste Feuer noch brutaler wird. Und zugleich haben wir deutlich weniger Löschwasser zur Verfügung: Die Verschuldungskapazität ist noch mehr ausgeschöpft, die Zinsen noch tiefer. Gut möglich, dass das nächste Feuer auch die Notenbanken hinwegfegt.

→  manager-magazin.de: „Vor dem nächsten Großbrand“, 28. Juli 2017

13 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    bto: „Dass es auch ohne die Droge geht, konnten wir in den 1950er- und 1960er-Jahre gut beobachten.“ Ich bitte um Nachsicht, Herr Dr. Stelter, aber Ihr Vorschlag schwebt erstens etwas im akademischen Elfenbeinturm und ist außerdem zweitens in sich bzgl. dieses Zeitraums nicht ganz konsistent.
    Erstens: Niemand in der hohen Politik, ob kommunistische Diktatur in China oder demokratischer Führer im Westen, hat von seiner Bevölkerung die Legitimation, auf zunehmende Verschuldung wirklich zu verzichten. Überschaubare Kleinstaaten wie Liechtenstein sind hier evtl. die Ausnahme.
    Zweitens: Die 50er und 60er-Jahre sind ja nicht im luftleeren Raum entstanden, aber selbst da stieg die Verschuldung, wie Sie selbst anmerken. Faktisch gingen dieser Zeit in den 40er-Jahren riesige Währungsreformen wie z.B. Bretton Woods, jap. Yen oder D-Mark-Einführung voraus. Der Vorteil war, dass gigantische reale volkswirtschaftliche Militär- und Rüstungsapparate in Staaten wie den USA der Zivilwirtschaft real zugeführt werden. Faktisch wurde z.B. von Flugzeugträger- auf Frachtschiffproduktion umgestellt. Die Abrüstungsmöglichkeit haben wir heute nicht. Und nach einer echten weltweiten Währungsreform mit Schuldenschnitt wäre das Wachstum auf Basis einer niedrigen Startverschuldung bestimmt erneut prima. Nur die Reformphase selbst – die will sich kein Verantwortlicher auf der Welt jemals freiwillig antun, denn er weiß, er ist der Sündenbock der vergangenen 40 Jahre. Und daher wird es auch beim nächsten Mal nicht wieder gesteuert verlaufen (können). Außer die Menschen lernen aus der Geschichte. Aber wie ein weiser Mensch (ich weiß nicht mehr wer) mal sagte: „Wir lernen aus der Geschichte, dass die Menschen aus der Geschichte nichts lernen“.
    Die Lösung kann m.E. weltweit nur sein, mehr und mehr Bürger zu überzeugen, nicht mehr auf Nominalwerte, sondern auf reale Werte als Vermögensbildung zu setzen, wie das die Inder nie verlernt haben. In allen Staaten, vor allem in nominalgläubigen wie Deutschland und Japan. Nur die Angst vor dem eigenen Kaufkraftverlust kann einen großen Teil der Bevölkerung dazu bringen, sich von ihren Sparkonten, Rentenfonds und Kapitallebensversicherungen wegzubewegen und sich über Sachanlagen zu informieren. Und nur durch eine Graswurzelbewegung der anlegenden Mittelschicht werden sich auch die Fiskal- und Geldpolitiker bewegen.

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    • Wolfgang Selig says:

      Vielen Dank für den Hinweis, Herr Stöcker. Gerechtigkeit wird wie so oft bei der nächsten Schuldenbereinigung mal wieder das ganz große Thema. Hatte ich oben komplett vergessen.

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  2. Michael Stöcker says:

    „Um das zu erreichen, müssten wir das Bankensystem wieder auf die eigentliche Rolle als Vermittler von Krediten reduzieren…“

    Da ist es wieder, das fundamentale Missverständnis über die Funktionsweise eines Kreditgeldsystems. Nun versucht sich erstmals ein führender deutscher Ökonom an der kopernikanischen Wende: https://makronom.de/sparschwemme-niedrigzinsen-auch-in-der-oekonomie-dreht-sich-die-erde-um-die-sonne-22247

    LG Michael Stöcker

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    • Horst says:

      In der Tat, interessant.

      Einen weichen Faktor empfinde ich als ebenso interessant: Der sprachliche Gebrauch in der Headline, den ich bisher so nur von Ihnen wahrgenommen habe in der breit angelegten ökonomischen Debatte (z.B. geozentrisch, kopernikanisch etc.).

      Nachdem Sie zuletzt so viel gescholten wurden, insbesondere von Braunberger, bleibt der Eindruck, dass sich vllt. doch nicht alle „Ökonomen über Ihre Ansichten kringelig lachen“ (Zitat sinngem. Braunberger) und Sie zumindest mit Ihren Kommentaren, mit denen ich nicht immer d´accord gehe, eine Diskussion anstoßen, die notwendig ist.

      Wir alle sind fehlbar und die absolute Richtigkeit ist nicht existent.

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      • Michael Stöcker says:

        Ja, Braunberger teilt mal wieder mächtig aus (nicht nur gegen mich) und hält meinen letzten Kommentar von gestern bislang noch zurück. Hier meine Antwort auf seine Breitseite: http://blogs.faz.net/fazit/2017/07/26/banken-als-finanzintermediaere-8950/#comment-6977

        @ „kringelig lachen“

        „Würden Sie Tobin lesen, wüssten Sie, dass der „new view“ eben nicht die Fortsetzung der alten Geschichte ist.“

        Welche alte Geschichte meinen Sie denn? Die Geschichte zum fraktionalen Reservesystem, die zeitlich nach Wicksell zurechtgebastelt und von Tobin ebenfalls zu Recht kritisiert wurde?

        „Und würden Sie Tobin lesen, wüssten Sie, dass er sich zu Beginn des von mir thematisierten Artikels über Leute mit Ihren Ansichten (die gab es auch schon früher) lustig macht.“

        Sie können davon ausgehen, dass ich diesen Artikel von Tobin gelesen habe. Dass er sich über Leute mit meinen Ansichten lustig macht, kann ich mir allerdings kaum vorstellen. Wenn Sie allerdings der Meinung sind, dass ich dieser Kategorie von „elementary economics teacher“ zuzuordnen bin, dann ist dies für mich eine weitere Bestätigung, dass wir wohl schon seit einiger Zeit aneinander vorbei schreiben. Den Krug der Witwe hat keiner, da das Bankgeschäft sehr ähnlichen Wettbewerbskonditionen unterliegt wie jede andere unternehmerische Tätigkeit auch.

        „Und wenn ich mir die bei mir eingehenden Mails von Ökonomen anschaue, gibt es auch andere, die sich angesichts Ihrer mit dem Pathos des Oberlehrers vorgetragenen Ahnungslosigkeit nicht nur bei diesem Thema kringelig lachen.“

        Nun, Herr Bachmann hatte sich nicht kringelig gelacht: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/06/was-an-der-kritik-der-geldtheorie-berechtigt-ist-und-was-nicht/#c2688 und Sie hatten sodann darauf hingewiesen, dass Wicksell seinerzeit schon weiter war als die meisten Diskussionsteilnehmer vor Ort.

        Diese Ökonomen, von denen Sie schreiben, lachen dann vermutlich auch über Ann Pettifor: https://www.youtube.com/watch?v=P5RQgbBa-jk. Auf sie passt der zeitlose Spruch von Wilhelm Busch: „Wer anderen etwas vorgedacht, wird jahrelang erst ausgelacht. Begreift man die Entdeckung endlich, so nennt sie jeder selbstverständlich.“

        In diesem Sinne wünsche ich allen eine vergnügliche Woche.

        LG Michael Stöcker

      • Michael Stöcker says:

        Wenige Monate zuvor hatte ich diese Analogie in einer längeren „Diskussion“ mit Bruno Bandulet gewählt, der dem einen oder anderen „Österreicher“ hier in diesem Forum bekannt sein dürfte: https://zinsfehler.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/#comment-56 .

        „Wir alle sind fehlbar und die absolute Richtigkeit ist nicht existent.“

        So ist es. Dazu noch einmal Robert Musil: „Wir irren vorwärts!“

        LG Michael Stöcker

  3. Dietmar Tischer says:

    Am Beitrag ist nichts grundsätzlich falsch, aber er ist letztlich zu oberflächlich, weil er das Problem „Krise nicht verstanden“ zu „Verschuldungskrise“ VERKÜRZT:

    >Die Wahrheit ist eine andere: Beides sind Überschuldungskrisen gewesen und sind das immer noch. Seit Mitte der 1980er-Jahre haben wir es weltweit, vor allem in den USA, Europa und Japan mit einer explodierenden Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen zu tun. In den zwanzig Jahren bis zum Krisenausbruch 2007 haben sich die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt mehr als verdoppelt. Real haben Unternehmen mehr als dreimal so viele Schulden wie zuvor, Staaten mehr als viermal und private Haushalte mehr als sechsmal so viel.

    Schuld an dieser Entwicklung waren Politiker und Notenbanker. Im gemeinsamen Bestreben die Wirtschaft zu beleben, haben sie immer mehr auf Schulden gesetzt.>

    WARUM musste die Wirtschaft belebt werden?

    Haben die „Schuldigen“ aus Unverständnis gehandelt?

    Welche OPTIONEN hatten sie die Wirtschaft zu beleben, wenn sie unbedingt belebt werden musste?

    Die Fragen hätten in einem kurzen Absatz wenigstens andeutungsweise beantwortet werden können.

    Da es nicht geschehen ist, muss das Fazit für den Leser lauten:
    Das WIRKLICHE Problem sind die Schuldigen – Politiker und Notenbanker –, die das Problem der Verschuldung nicht erkannt haben.

    Das ist mehr als bedauerlich, es ist fatal, weil es der Sache nun wirklich nicht gerecht wird.

    Antworten
    • jobi says:

      Diese Auffassung ist sehr einseitig und damit auch nicht richtig. Politiker und Notenbanker REAGIEREN – immer zu spät und immer auch falsch, da sie die Folgen Ihrer Eingriffe nicht richtig einschätzen (können). Insofern kann man ihnen eine Schuld zuweisen.

      Aber was ist mit den Handelnden ?
      Z.B. den Managern die gemeinsam mit „aktivistischen“ Aktionären den Ertragsfluss ihrer eigenen Unternehmen plündern, indem sie mit billigem Geld eigene Aktien zurückkaufen und damit die Fremdfinanzierung bis zum Anschlag ausreizen – nur um über die gestiegenen Aktienkurse einen kurzfristigen Gewinn einzustreichen ? Mittel, die dann für Sachinvestitionen und für Investitionen in Forschung und Entwicklung fehlen.
      Die herrschende Auffassung ist, dass diese Machenschaften „neutral“ sind und dass die Handelnden , obwohl sie ausschließlich kurzfristige und eigennützige Zwecke verfolgen, schon für eine optimale Verteilung der Ressourcen sorgen werden.
      Es ist diese verhängnisvolle Fehleinschätzung, die erst mal aus den Köpfen raus muss.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Was ist EINSEITIG, wenn ich nichts vom Gesagten streichen würde, aber eben in einem Absatz etwas zu den SYSTEMURSACHEN hinzufügen will?

        Selbstverständlich handeln Politiker und Notenbanker – egal, ob man das in Agieren oder Reagieren auseinanderdividiert.

        Ob sie IMMER zu spät und immer auch falsch handeln, ist eine sehr kühne Behauptung.

        Und:

        Denken Sie einmal darüber nach, ob „falsch“ das angebrachte Kriterium ist, wenn sie – ihrer Auffassung entsprechend einmal angenommen – PRINZIPIELL die Folgen ihres Handelns nicht richtig einschätzen können.

        Ich kann ihnen schon einmal sagen, dass sie VOLL daneben liegen, den Handelnden „Schuld“ zuzuweisen, wenn sie prinzipiell die Folgen ihres Handelns nicht richtig einschätzen können.
        Wenn Ihrer Auffassung zuzustimmen wäre, dürfte
        überhaupt niemand mehr handeln, weil die Folgen IMMER ein Falsches wären.

        Richtig ist und von mir in keiner Weise bestritten:

        Die Handelnden, hier Politik und Notenbanker, sind VERANTWORTLICH für ihr Handeln.

        Das heißt:

        Es ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ihnen und nur ihnen ZUZUSCHREIBEN.

        Das ist so, auch wenn sie durch den Wähler beauftragt worden sind, mit gewisser Zielorientierung zu handeln.

        Politiker und Notenbanker MÜSSEN sich rechtfertigen (können), für das WIE ihres Handelns.
        An diesem Punkt werden die Fragen relevant, die ich aufgeworfen habe.

        Nur mit Blick darauf lässt sich beantworten, ob sie der Situation und den Optionen, die sie hatten, ANGEMESSEN gehandelt haben oder nicht.

        Erst DANN kann man über sie URTEILEN.

        Schuld so zuzuweisen wie es Dr. Stelter hier getan hat, ist – bestenfalls – kontraproduktiv.

        Dies insbesondere dann, wenn man von Politikern und Notenbanken ein Handeln VERLANGT, das, wenn überhaupt, nur durch Aufklärung komplexer Zusammenhänge, Akzeptanz finden kann.

        Was Manager oder sonstige Menschen mit Einfluss alles tun und lassen, ist ein anderes Thema.

  4. Stefan Wehmeier says:

    Die „Finanzkrise“ war – und ist noch – eine globale Liquiditätsfalle, die nur durch massive Erhöhungen der Staatsverschuldungen und enorme Geldmengenausweitungen hinausgezögert, aber dadurch keinesfalls abgemildert oder gar abgewendet, sondern ganz im Gegenteil nur verschlimmert wurde. Der finale Zusammenbruch ist sicherer als das Amen in der Kirche und wird umso heftiger eintreten, je weiter er mit „politischen Mitteln“ noch hinausgezögert werden kann:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/02/der-anfang-vom-ende.html

    Die Zinsgeld-Ökonomie (das noch bestehende zivilisatorische Mittelalter) ist systemisch ungerecht und inhärent instabil. Es muss jedoch der Glaube an „Gerechtigkeit und Stabilität“ aufrechterhalten werden, sodass alle universitären „Wissenschaften“, die sich direkt oder indirekt mit dem menschlichen Zusammenleben befassen (VWL, Theologie, Politologie, Soziologie), tatsächlich keine Wissenschaften sind, sondern nur dazu dienen, ein krankes System zu verteidigen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/06/die-invertierte-gesellschaft.html

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