Monetarisierung: Rettung oder Desaster

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Dieser Beitrag erschien erstmals im Dezember 2014 bei bto. Er verdeutlicht nochmals die verschiedenen Sichtweisen zum Thema Monetarisierung, wie heute Morgen diskutiert.

Eine schöne Gegenüberstellung der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Möglichkeiten der Geldpolitik. Da ist zum einen William White, der in seiner früheren Rolle als Chefvolkswirt der BIZ in Basel die Krise vorhergesagt hat und zum anderen Adair Turner, der frühere Chef der britischen Finanzmarktaufsicht. Beide sehr erfahren, doch mit gänzlich anderen Ansichten. William White kommentiert in der FT die japanische Politik und kommt zu folgenden Feststellungen:

  • Die expansive Geldpolitik ist nicht erforderlich: Ursache für das schwache Wachstum ist die schrumpfende Bevölkerung. Das Wachstum des BIP pro Erwerbstätigen ist hingegen seit dem Jahr 2000 deutlich höher gewesen als in den USA. Die Konsumentenpreise sind über einen Zeitraum von 15 Jahren um vier Prozent gefallen. Weder hat sich die Deflation beschleunigt, noch gibt es Anzeichen dafür, dass die Deflation zu Konsumzurückhaltung führt. Im Gegenteil ist die Sparquote auf fast null gefallen.
  •  Die expansive Geldpolitik wird nicht funktionieren: Mehr Investitionen sind unwahrscheinlich, weil die großen Unternehmen ohnehin auf hohen Bargeldbeständen sitzen und die kleineren Unternehmen nicht exportieren, aber von den steigenden Importpreisen belastet werden. Der schwache Yen hat die Exporte zudem nicht belebt.
  • Alles deutet darauf hin, dass es besser gewesen wäre, die Konsumausgaben zu stimulieren. Stattdessen belasten die steigenden Preise die Realeinkommen und damit den Konsum.
  • Die tiefen Zinsen und der starke Yen basierten auf hohen Ersparnissen, einer Neigung im Inland zu investieren und hohen Außenhandelsüberschüssen ‒ alles das trifft nicht mehr zu. Damit wächst das Risiko eines Zinsanstiegs, dem die BoJ nur mit noch größeren Aufkäufen entgegentreten könnte. Was wiederum Inflationserwartungen, einen noch schwächeren Yen und wiederum steigende Zinsen auslösen könnte. Folge: hohe Inflation wie in Lateinamerika oft zu beobachten.

William White sagt also: Monetarisierung führt zu Inflation.

FT (Anmeldung erforderlich): Japan’s stimulus plan is not courageous but foolhardy, 20. November 2014

Ganz anderer Ansicht ist Adair Turner. Ausgehend von einer völlig zutreffenden Analyse der Ausgangslage kommt er zu der Empfehlung, dass die Notenbanken die Staaten direkt finanzieren sollten:

  • Wir haben es mit der Überschuldung der westlichen Welt zu tun (bto: bingo).
  • Die Politik versucht mit billigem Geld den Schuldenturm zu stabilisieren, dies führt jedoch zu Spekulationsblasen und Zombieunternehmen. Hat also unerwünschte und gefährliche Nebenwirkungen. Je schneller wir wieder bei normalen Zinsen sind, desto besser.
  • Wer das will, muss die Nachfrage stärken. Da die Staaten schon hoch verschuldet sind, geht das nur durch direkte Finanzierung durch die Notenbank, die dabei eindeutig erklären muss, dass sie dieses Geld nie zurückfordert. Also keine zusätzlichen Schulden, sondern ein Geschenk. In der Folge würde die Wirtschaft mehr wachsen oder es gäbe höhere Inflation. Dann könnten auch die Zinsen wieder steigen.
  • Dagegen spricht nichts außer der Sorge, dass die direkte Staatsfinanzierung dann zu sehr in Anspruch genommen wird. Trotz dieser Sorge ist die direkte Monetarisierung in einigen Ländern wie Japan unumgänglich. Auch wenn die Verantwortlichen es noch leugnen.
  • Die traditionelle Volkswirtschaftslehre sieht „Helikopter-Geld“ als riskant an. Dabei sind die derzeitigen QE-Maßnahmen mindestens so riskant und haben erhebliche Nebenwirkungen.

Adair Turner sagt also: Monetarisierung ist unumgänglich und muss nicht zur Inflation führen.

FT (Anmeldung erforderlich): „Printing money to fund deficit is the fastest way to raise rates“, 10. November 2014

Immer wenn ich einen Volkswirt treffe, frage ich, welcher Meinung er zuneigt. Zu meinem Erstaunen können die meisten gar keine Einschätzung abgeben. Wir betreten wahrhaft Neuland. Da ich die Hoffnung auf eine offene Lösung der Schuldenproblematik aufgegeben habe und Vollgeld zwar für einen interessanten, aber ebenfalls unwahrscheinlichen Weg halte, bin ich für das Experiment. Dann das Geld aber bitte an die Bürger und nicht an die Staaten.

11 Antworten
  1. Wolfgang Selig says:

    BTO: Dann das Geld bitte an die Bürger und nicht an die Staaten.
    Das ist ein völlig unrealistisches Konzept, denn es wäre das Eingeständnis der Verzweiflung gegenüber dem Bürger. Daher wird die Staatsfinanzierung bevorzugt, denn den Unterschied zwischen Geld- und Fiskalpolitik machen 95 % der Bürger geistig nicht mit und haben daher damit kein Problem. Wirtschaftlich hat Herr Dr. Stelter damit m.E. recht, aber politisch ist das utopisch.

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  2. Johannes says:

    „Wir betreten wahrhaft Neuland.“

    Wurde nicht bereits 1971 mit der völligen Preisgabe der Sachwertbindung des Geldes (an Gold) das Neuland betreten? Bis zu diesem Zeitpunkt war Geld nicht „beliebig“ vermehrbar (stark vereinfacht formuliert). Einen Blick auf dieses Ereignis findet man hier:

    https://www.welt.de/finanzen/article13546275/Vor-40-Jahren-begann-die-Aera-des-Gelddruckens.html

    „Nixon begründete den drastischen Schritt mit Spekulationen gegen die USA. In Wirklichkeit hatten sich die USA durch die Kriege in Korea und Vietnam finanziell überhoben und zu viele Dollar zur Kriegsfinanzierung in Umlauf gebracht. Das Vertrauen in die Leitwährung schwand. Weltweit tauschten die Notenbanken ihre Dollarreserven in Gold, vor allem Frankreich fuhr mit Containern vor. Langfristig drohte der Ausverkauf der US-Goldreserven, so dass Nixon die Notbremse ziehen musste.“

    Die von White favorisierte Variante hat aus meiner Sicht den Nachteil, dass die direkte Staatsfinanzierung das (Papier)Geld(system) endgültig über die Klippe stösst. Denn im Zuge dieser Umsetzung würden breite Massen der Bevölkerung bewusst erfassen, welche Kern unser Geldsystem tatsächlich hat: nichts als das Vertrauen aller Akteure. Für viele Menschen ist Geld nicht nur ein Tauschmittel, sondern auch ein Mittel zu Wertaufbewahrung. Diese Menschen würden sehr schnell begreifen, dass ihre „Werte“ Gefahr laufen wie Butter an der Sonne schmelzen (passiert übrigens aktuell bereits, nur nicht so schnell…) und versuchen in Sachwerte zu flüchten.

    Noch ein Punkt: „… in Umlauf gebracht.“ formuliert der Welt-Artikel. Damals wurden tatsächlich noch gedruckte Dollars auf den Markt geworfen. Das ist heute anders. Das in Massen neu geschaffene Geld tritt (noch) überwiegend nicht in die reale Wirtschaft ein – zum Glück, kann man nur sagen…

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