Joseph Huber: „Der Euro – sein Woher und Wohin“

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Heute verlinke ich ein sehr ausführliches und spannendes Paper von Joseph Huber, dem Vollgeld-Experten und -Befürworter. Es liest sich sehr gut und im Anhang findet sich das ganze Dokument. Ich versuche, die Kernaussagen zusammenzufassen:

Zunächst eine treffende Zusammenfassung von Ursachen und Ablauf der Eurokrise:

  • „Der Euro war ein politisches Projekt, wurde der Öffentlichkeit jedoch als ökonomisches Vorhaben präsentiert, dem mancherlei Vorteil zugeschrieben wurde, zum Beispiel verringerte Transaktionskosten, erleichterter Handel, erhöhte Preistransparenz, Stärkung des gemeinsamen Marktes, ebenso die Etablierung des Euro als globaler Handels-, Finanz- und Reservewährung alternativ zum Dollar.“
  • „Derartige Erwartungen waren nicht ganz aus der Luft gegriffen. (…) Auch wurde der Euro zu einer bedeutenden Handelswährung, auf die 25 % der grenzüberschreitenden Zahlungen entfallen. Dagegen nahm der Anteil des Euro als zweitgrößter Reservewährung zuletzt ab, und als Finanzwährung, zum Beispiel bei Verbriefungen, konnte der Euro außerhalb der Währungsgemeinschaft keine nennenswerte Rolle erlangen. Die Erwartungen an den Euro waren anscheinend doch etwas zu hochgeschraubt.“
  • „Die vermeintliche Konvergenz zwischen den Euroländern erwies sich als eine Illusion. Die Finanzmärkte, speziell was Staatsanleihen und Immobilienfinanzierung angeht, hatten sich auf ein großes Marktversagen eingelassen, vor allem in Form der Niedrigzins-Konvergenz auf Staatsanleihen der Euroländer, ungeachtet der tatsächlichen Wirtschafts- und Finanzstärke eines Landes, seiner Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, und seiner öffentlichen und privaten Verschuldungsniveaus. Die Märkte glaubten den Euro-Befürwortern und wetteten darauf, dass die bisherigen Schwachwährungsländer sich den Starkwährungsländern angleichen würden.”
  • „Das Ergebnis war eine öffentliche, teils auch private Schuldenblase anstelle von Bemühungen, Strukturdefizite durch wirtschaftliche Umstrukturierungen und politische Reformen zu beheben.
  • „Diese [die Eurokrise, Anm. d. Red.] war zunächst nichts weiter als eine Staatsschuldenkrise in einer Reihe von Euroländern, ausgelöst durch die zuvor einsetzende Bankenkrise.“
  • „Die Rekapitalisierung der Banken durch die Regierungen führte zu einem neuerlichen Schub an Staatsverschuldung, prototypisch in Irland und Spanien. Die meisten altindustriellen Staaten waren zuvor schon überschuldet und in ein Stadium der anhaltenden Schuldenfortschreibung eingetreten, das heißt, alte Schulden wurden durch noch mehr neue Schulden ausgeweitet. Auf diese wurden zwar noch Zinsen gezahlt, aber getilgt wurde unterm Strich schon lange nicht mehr.“
  • „Die Banken, die sich von den Euro-Regierungen retten ließen, bedankten sich nun dafür, indem sie die Anleihen einer Reihe der schwächeren Eurostaaten umgehend hängen ließen. Quasi über Nacht kam es zu einer Neubewertung der Kreditwürdigkeit der betroffenen Regierungen. Die Anleihekurse gingen steil bergab, die Anleihezinsen steil bergauf.“
  • „Dies führte zu einer zweiten Phase der Bankenkrise, nun infolge drohender und teils bereits eintretender Verluste auf Staatsschulden. Von den Regierungen, die von der plötzlichen Neubewertung ihrer Kreditwürdigkeit getroffen wurden, drohten Zahlungsausfälle. Faktisch war dies das teilweise Platzen der Staatsschuldenblase der zurückliegenden Jahrzehnte.“
  • „Die Banken- und Schuldenkrise in der EU hätte nicht zu einer Euro-Währungskrise stilisiert werden brauchen. In den USA sind seit den 1840er-Jahren einzelne Bundesstaaten immer wieder einmal zahlungsunfähig geworden, aber eine Dollarkrise hat es deswegen nie gegeben. Der Grund liegt darin, dass es in den USA, nach anfänglich ähnlich schwierigen Erfahrungen wie heute im Euroraum, seit den 1840ern eine No-Bail-out-Regel gibt, die seither auch strikt eingehalten wird. Weder Gläubigerbanken noch Schuldner-Bundesstaaten kommen auf die Idee, sie könnten doch schnell mal von den anderen Bundestaaten gerettet werden.“
  • „Im Euro dagegen, sobald die Rhetorik der Eurokrise etabliert war, entstand diese Krise überhaupt erst infolge der neonationalistischen Konfrontation zwischen dem Finanzhilfe leistenden Norden und dem diese Unterstützung erfahrenden Süden. Dabei steht hinter der zwischenstaatlichen Rettungspolitik immer noch eine ungelöste, aber verschleppte Banken- und Schuldenkrise.“
  • „Angeblich diente die Bail-out-Politik der Erhaltung des Euro und der EU. In Wirklichkeit diente sie vor allem der Rettung der Banken, danach auch der Stützung der Staatsanleihen bzw. Staatsschulden, um einem Übergreifen der Schuldenkrise auf den die nördlichen Euroländer vorzubeugen. Die Banken- und Schuldenkrise wurde damit freilich nicht überwunden, sondern buchstäblich prolongiert. Die im Verlauf auftretenden Zerwürfnisse zwischen Gläubiger- und Schuldnerländern stellen sich nun in der Tat als Eurokrise.“
  • „Die damit geschaffene Situation ist in mindestens drei Punkten unhaltbar. Erstens wurde die Krise verschleppt statt gelöst. Zugegebenermaßen hatte man sich zwischen zwei großen Übeln zu entscheiden, und das auch noch schnell: Finanzkatastrophe sofort, oder von nun an fortgesetzte zwischenstaatliche Bail-outs, exzessives Quantitative Easing, Niedrigst- und Negativzins und andere Mittel der finanziellen Repression. Vor einer solchen Wahl zwischen einem Ende mit Schrecken oder einem Schrecken ohne Ende liegt Politikern letzteres wohl näher, umso mehr als ein Totalzusammenbruch des Banken- und Finanzwesens auch die politischen und sozialen Verhältnisse destabilisiert – was ein Schrecken ohne Ende auf Dauer freilich auch tut.“
  • „(…) zweitens, haben alle Regierungen die jeweilige nationale Bankenindustrie vor dem Kollaps bewahrt, in vielen Fällen jedoch ohne die betreffenden Banken nachhaltig saniert zu haben.
  • Drittens hatten die finanziell weniger gefährdeten Regierungen (…) die Banken und institutionellen Investoren gleichsam aus der Gefechtslinie genommen und sich selbst dorthin gestellt. Anstatt dass Gläubigerbanken und Schuldnerländer sich miteinander herumschlagen, findet die Konfrontation seither zwischen nördlichen Gläubiger-Regierungen und südlichen Schuldner-Regierungen statt.“
  • „Ein anderer Grund für die Zerwürfnisse im Zusammenhang des Staatsschulden-Bail-outs, war das Versäumnis, bei der Gründung der Währungsunion nicht klar und eindeutig das Prinzip der internen Anpassung verankert zu haben. (…) Als (…) die betreffenden Staaten sich in eine zunehmende Überschuldung verstrickt hatten und die Ratingagenturen und Finanzmärkte inmitten der Banken- und Schuldenkrise die Kreditwürdigkeit betreffender Staaten massiv herabstuften, dachten diese nicht daran, selbst Konsequenzen aus der Misere zu ziehen, in die sie sich gebracht hatten. Stattdessen erwarteten sie externe Finanzhilfe, von der sie anscheinend annahmen, diese käme als fortwährender Akt bedingungsloser ‚Solidarität‘.“

Dann die Erinnerung daran, dass es gerade unser Geldsystem schwermacht, Bereinigungskrisen – also die Pleite von Staaten und ihren Gläubigern – zuzulassen:

  • „Im heutigen Geld- und Bankensystem entsteht alles Geld zunächst als Bankenkreditgeld, als Gutschrift auf einem Girokonto. Dieses Giralgeld für bargeldlose Zahlungen ist seit vielen Jahrzehnten zum alles bestimmenden Zahlungsmittel geworden. Es ist eine proaktive Schöpfung des Bankensektors, nicht der Zentralbanken, die das Giralgeld nur zum Bruchteil refinanzieren.“
  • „Würde die Bankenindustrie in einer systemischen Krise einen Totalzusammenbruch erleiden, würden nicht nur die Banken selbst untergehen, sondern mit ihnen würden auch ihre Verbindlichkeiten gegenüber ihren Kunden verschwinden, also das Giralgeld, mit dem Firmen, Haushalte und zum großen Teil auch öffentliche Haushalte bezahlen. Das Zahlungssystem käme zum Stillstand und damit jegliche Art von Transaktion. Aus diesem Grund sind nicht nur die großen Banken, sondern faktisch alle Banken ’systemisch relevant‘.“
  • ““Die System-sensitive Verquickung der Geldschöpfung und des Zahlungsverkehrs mit dem Darlehens- und Investmentgeschäft der Banken ist ein Konstruktionsfehler im heutigen Geld- und Bankensystem. Dieses besteht als privates Giralgeldregime, das von den Zentralbanken gleichsam bedingungslos re-finanziert und von den Regierungen als Geld- und Banken-Garantiegebern letzter Instanz gewährleistet wird.”
  • „Das einzige was eine Zentralbank aber wirklich kann, ist Forderungen und Verbindlichkeiten zu monetisieren und damit nicht nur die Banken in geradezu beliebigem Umfang zu re-finanzieren. Im Krisenfall bedeutet dies nichts anderes, als Kredit-und-Schulden Probleme mit noch mehr Krediten und Schulden zu bekämpfen.”
  • „Die (…) Maßnahmen (der EZB) stellen eine Entwicklung dar hin zu immer unkonventionelleren Maßnahmen, man kann auch sagen, Verzweiflungstaten. Die EZB-Bilanz hat sich dabei auf 3 Billionen Euro aufgebläht. In Anbetracht dieser gewaltigen Geldfluten, die in die Banken- und Finanzindustrie injiziert wurden, sind die Ergebnisse letztlich miserabel.“
  • „Die EZB hat sich in eine Sackgasse manövriert. Sobald die Zinsen in Richtung normaler Niveaus ansteigen würden, kämen die meisten überschuldeten Euro- Regierungen sofort wieder unter Druck. Dies würde eine Banken- und Schulden- Nachfolgekrise heraufbeschwören, und in deren Gefolge wohl auch eine neuerliche Verschärfung der Eurokrise, von den damit verbundenen politischen Turbulenzen zu schweigen.“
  • „(…) die EZB kann gleichsam unbegrenzt Banken refinanzieren und Schulden monetisieren, aber wenn Banken, Investoren, Firmen, Haushalte und Regierungen nicht BIP-wirksam investieren und sonst Geld ausgeben wollen, kann die EZB realwirtschaftliche Umsätze durch eine Expansion primären Bankenkredits und sekundären Kapitalmarktkredits auf Giralgeldbasis nicht erzwingen.“
  • „Der Hauptgrund, weshalb die meisten Euroländer stagnieren, statt neue Wirtschaftsdynamik zu entfalten, besteht im Weiterbestehen der unaufgelösten Kredit- und Schuldenblase, mithin Weiterbestehen der Banken- und Finanzkrise. Eine Kapital- und Schulden-Verringerung (‚debt deflation‘) als notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Erholung wird durch die Krisenpolitik der EZB und der Regierungen ja absichtlich verhindert; wobei eine Beendigung dieser Politik sofort zum Zusammenbruch führen und damit den Kapital- und Schuldenschnitt bewirken würde, den die Finanzwelt und die Regierungen mit allen Mitteln zu verhindern suchen.“
  • „Es ist dieser Kontext, in dem etliche Experten und Zentralbanker, die den ‚zero lower bound‘ für unnatürlich halten, nach einigen Krisenjahren auf die Idee des Negativzinses verfielen. (…) Abschöpfung von Giralgeldern trägt zum Gewinn der Banken bei und schmälert die Geldmenge. Der Realwirtschaft nutzt das gerade nicht. Denn wer weniger Geld hat, gibt nicht mehr aus, sondern weniger. Firmen geben mehr Geld aus, wenn ihre Geschäftsaussichten positiv sind, nicht, wenn man sie zusätzlich zu Steuern und Abgaben auch noch mit einer ‚Negativzins‘ genannten quasi-fiskalischen Abgabe für die Banken belastet.“
  • „Um gleichwohl an Negativzinsen festzuhalten, müssten die Zentralbanken unterstützt von den Regierungen, die eigene Gründe dafür haben – dazu übergehen, den Gebrauch von Bargeld künstlich einzuschränken und schließlich ganz zu verbieten. Ein solcher Prozess hat bereits begonnen. Sofern erzwungenermaßen fortgesetzt, wird er zu einem weiteren Vertrauensbruch zwischen den Eliten und der Bürgerschaft führen. Ganz nebenbei würde eine Bargeldabschaffung das Giralgeldprivileg der Banken zementieren.“
  • „Bei alldem hat sich die EZB eines massiven Gesetzesmissbrauchs schuldig gemacht, wenn nicht eines faktischen Gesetzesbruchs. Denn ihre QE-Politik, die Staatsanleihen im Umfang von zig Milliarden absorbiert und damit monetisiert hat, stellt nichts anderes dar als monetäre Staatsfinanzierung – die der EZB und den nationalen Zentralbanken des Eurosystems nach Art. 123 (1) AEUV verboten ist.“
  • Zum Thema der Verlustübernahme auf der Notenbankbilanz: „Formal wäre eine Zentralbank wohl in der Lage, Außenstände permanent zu prolongieren. Auch muss eine Zentralbank bei negativem Eigenkapital wohl nicht Insolvenz erklären, selbst über längere Zeit hinweg nicht. Aber würden politische Akteure und Finanzmärkte hierbei stillhalten? Wohl kaum. Sie würden Schwierigkeiten machen. Auch Auditoren und Rechnungshöfe müssten Widerspruch einlegen. Im Ergebnis könnten sich die Regierungen am offenen Markt kaum mehr zu erschwinglichen Zinskosten finanzieren. Die monetäre Staatsfinanzierung würde permanent. Der Euro würde stark abwerten.“
  • Der Euro sollte laut Huber erhalten bleiben, weil es allemal günstiger wäre als die Kosten der Scheidung. Jedoch: „Diese Politik gibt vor, den Euro zu retten. Ohne jedoch die EU, die EZB und das Eurosystem zu ändern, wird die Union der Überschuldeten auf Basis finanzieller Repression, monetärer Staatsfinanzierung, vergemeinschafteter Haftung, fortgesetzter Bail-outs und regularisierter Transfers dazu führen, die Finanzen und damit die Wirtschaft zu schwächen und in der Folge dem Euro ein Ende zu bereiten.“
  • “Die EZB würde ihre Anleihekäufe und andere QE-Maßnahmen noch weiter ausdehnen müssen und damit definitiv in eine Phase permanenter Umwälzung und Monetisierung von Staatsschulden der Euroländer eintreten, was wiederum die Frage eines negativen EZB-Eigenkapitals aufwirft. Trotz der Offenmarktkäufe der EZB würde dies ab einem gewissen Punkt Zinssteigerungen am offenen Markt mit sich bringen, da die QE-Maßnahmen dann nur noch als verzweifelte Notmaßnahmen bewertet werden. Wer in einer so verzweifelten Lage ist, bekommt am offenen Markt kaum mehr Kredit, und wenn, nur zu Extremzinsen. Die Kapitalflucht aus Euroländern in Nicht-Euroländer würde erheblich zunehmen. Irgendwann würde die EZB sich gezwungen sehen, zu einem Regime von Kapitalverkehrskontrollen, detaillierter Kreditlenkung und allgemeiner Zins-Administration Zuflucht zu nehmen. Stagnation und schleichender Niedergang ist in der Tat die Perspektive einer immer engeren Euro-Schulden-und Haftungsgemeinschaft.”
  • Und dann die alles entscheidende Frage: „Wie kann der Überhang an finanziellen Forderungen und Schulden auf tragfähigere Niveaus abgesenkt werden, ohne einen Finanzkollaps, den Zerfall des Euro und politisches Chaos hervorzurufen?“ – bto: Das ist die entscheidende Frage.
  • „Die erste Option ist ein ausgehandelter Kapitalschnitt bei Staatsanleihen Staatsschuldenerlass durch Abschreibung betreffender Forderungen, ausgehandelt in einer Schuldenkonferenz, wie sie es im zurückliegenden Jahrhundert in anderen Zusammenhängen wiederholt gegeben hat.“ – bto: bekanntlich meine Präferenz.
  • „Es sollte akzeptiert werden, dass bei Ausfall eines Kredits an erkennbar überschuldete Adressen Gläubiger und Schuldner sich das Ausfallrisiko teilen. Banken, die Erstzeichner von Staatsanleihen, sind die primären Miturheber der Staatsschuldenblase. Bisher hatten sie nicht wirklich viel der Last zu tragen.“ – bto: genau, alternativ eine Abwicklung über Steuern.
  • „Das zweite Element besteht in der Fortsetzung einer maßvollen Austeritätspolitik. Die Schuldner – alle, nördliche wie südliche – kommen nicht umhin, ihren Teil durch ein gewisses Maß an Sparpolitik zu tragen. Alles den überschuldeten Staaten in die Schuhe zu schieben, ist nicht fair, aber die Schuldnerstaaten ohne Weiteres davonkommen zu lassen, wäre auch eine große Ungerechtigkeit. Es hat sie von außen niemand zu ihrer Schuldenaufnahme gezwungen. Sparpolitik (Austerität) ist Teil der erforderlichen internen Anpassung. Sie ist unvermeidlich zumal in einer Währungsunion, die keine schleichend niedergehende Schulden- und Haftungsunion sein soll.“ – bto: Muss man auch machen, um die Bevölkerung der Gläubigerländer etwas zu befrieden.
  • „Schließlich, und drittens, würde ein gut bemessenes Quantum an ‚Helikoptergeld‘, also schuldenfreien monetär finanzierten Staatsausgaben, die vorerst noch fortgeführte Sparpolitik sowie den ausgehandelten Schuldenschnitt wirtschaftspolitisch vorteilhaft ergänzen. Helikoptergeld kann als Pro-Kopf-Dividende an alle Haushalte ausgeschüttet werden. Viel vorteilhafter wäre es jedoch, die Mittel für dringende Infrastruktur-Investitionen auszugeben sowie zur Aufstockung unterbesetzter öffentlicher Dienste im Bereich Sicherheit, Justiz, Erziehung, Bildung und Forschung.“ – bto: Damit würde die Anpassung erleichtert.
  • „Tatsächlich ist eine einheitliche Fiskal- und Sozialpolitik nicht erforderlich für eine funktionierende Währungsunion. Anstatt den Euro mit der Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten verknüpfen zu wollen, muss der Euro gegen divergente nationale Politiken abgeschirmt werden. Eben dies geschieht durch No-Bail-out und interne Anpassung. Werden beide Kernprinzipien nicht vorbehaltlos anerkannt und befolgt, werden die Euroländer unweigerlich auf der schiefen Bahn einer Haftungsunion überschuldeter Staaten abwärts schlittern und Jahr für Jahr an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verlieren.“ – bto: Hier bin ich bei Huber, denke aber, es ist völlig illusorisch, weil eine interne Abwertung nicht funktionieren wird.
  • „Vor diesem Hintergrund sollten die Akteure der Währungsunion (…) ins Auge fassen: Vollgeld, eine Reform der Geldschöpfung, welche die falsche Identität von Geld und Bankenkredit aufhebt, indem das Giralgeld durch Zentralbankgeld ersetzt wird, oder auch dadurch, dass die Zentralbanken digitales Bargeld in Nachfolge des traditionalen Bargelds (Münzen, Banknoten) in Umlauf bringen.“

Dann kommt Huber zu dem wichtigsten Aspekt. Der aus seiner Sicht erforderlichen Geldreform:

  • „Eine Reform der Geldschöpfung, die das Giralgeld nach und nach ausschleust und Vollgeld an seine Stelle setzt, würde die Kontrolle über den frei schöpfbaren Geldbestand herstellen und dadurch eine wirksame Geldpolitik der Zentralbanken im Interesse einer stabilen Finanzwirtschaft und produktiven Realwirtschaft ermöglichen. (…) Es würde den extremen Übersteuerungen der Finanz- und Wirtschaftszyklen von heute Grenzen setzen und damit auch problematischen Zinsniveaus, Inflationsraten, Wechselkurs- Schwankungen, Asset Inflation und Blasenbildung vorbeugen. Als willkommenes Nebenprodukt würde die Übergangs-Seigniorage, die infolge einer Vollgeld- Einführung einmalig anfällt, es außerdem ermöglichen, die Staatsschulden erheblich zu verringern, ohne das Heulen und Zähneklappern von Kapitalschnitten und Austeritätsauflagen.“ – bto: Wie das ginge, habe ich hier schon mal diskutiert:

→ So, glaubt der Ökonom, lösen sich Schulden in Nichts auf

Fazit Huber: „(…) sollte ein Kurswechsel zu einem Neustart des Euro, einer Neuausrichtung des Eurosystems und einer Konsolidierung der EU nicht stattfinden, so wird der fortgesetzte Marsch in die immer engere Schulden-, Haftungs-, Bail-out- und Transferunion zu fortgesetzter Stagnation und allmählichem Niedergang führen. Das schließliche Auseinanderbrechen der EWU und EU könnte dann von nördlichen ebenso wie südlichen Ländern ausgehen – um Europa in einen Flickenteppich mittlerer und kleiner Nationalstaaten auseinanderfallen und insgesamt historisch der Irrelevanz anheimfallen zu lassen, ähnlich dem Schicksal des antiken Griechenland.“

bto: Ich finde, das ist ein sehr lesenswertes Papier zur Krise der Eurozone und ich halte die Idee der Geldsystemumstellung mit Blick auf die Bereinigung der Schulden für bedenkenswert.

25 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Fast alles richtig, was hier von Huber geschrieben wurde. Ausnahme: Seine Vollgeldillusionen. Auch in einem Vollgeldstandard findet selbstverständlich weiterhin private Geldschöpfung statt (Loans make Deposits). Und auch die Geldmenge ist hier keinesfalls unter Kontrolle, da es auch Instrumente jenseits des Bankkredits gibt; etwas rückschrittlich, komplizierter und weniger performant wie z. B. beim Wechsel, der letztlich das Vorläuferprodukt der Banknote ist.

    Was Huber – und mit ihm die Vollgeldbewegung – bis heute nicht richtig verstanden hat, das ist die hierarchische Struktur von Geld, die zudem teils privater (Banking-School), teils staatlicher Natur (Currency-School) ist. Es sind nicht die naiven Geldmengenaggregate, die letztlich relevant sind, sondern was alles als Kreditmittel/Zahlungsersatzmittel akzeptiert und aktiv verwendet wird. Und nicht alles spiegelt sich in den monetären Aggregaten wider. In diesem Punkt bin ich ganz bei Hayek, der einmal in einem Interviewe sagte: „…nobody knows, what the total quantity of money is. Money is so many different meanings. https://youtu.be/fXqc-yyoVKg.

    Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte in einer Marktwirtschaft, die auf den Grundsätzen der Vertragsfreiheit beruht, die individuellen (Kredit)Entscheidungen kollektiv steuern. Das ist naiver Monetarismus 1.0, an den Friedman zuletzt selber nicht mehr so richtig geglaubt hatte. Nur die Sado-Monetaristen schwadronieren seit über acht Jahren über die drohenden Hyperinflation, weil die Basisgeldmenge so stark gestiegen ist. Das angeblich fraktionale Reservesystem ist eine Fiktion unseres fraktionalen Denkens. Der Hauptfraktionär dieser Denkschule ist Joseph Huber.

    Antworten
      • Hannes H. says:

        „Wenn keiner mehr bei einer Bank einen Kredit aufnimmt, dann passiert genau was? Richtig: Die „Vollgeldmenge“ bleibt konstant.“
        Das ist nicht richtig.
        In einem Vollgeldsystem sind verschiedene Mechanismen denkbar um Vollgeld in Umlauf zu bringen und somit die Geldmenge zu erhöhen:
        1) die Zentralbank kann den Staaten Vollgeld (als unbefristeter zinsenloser Kredit) für Staatsausgaben zur Verfügung stellen
        2) Helikoptergeld / Bürgerdividende
        3) Kredite der Zentralbank an Banken

      • Michael Stöcker says:

        Sie vermengen die Sachverhalte. Selbstverständlich kann man über die Druckerpresse die relevante Geldmenge erhöhen. Das ist Fall 1) und 2). Da gibt es keinen Dissens und entspricht meinem Konzept der Citoyage (aka zentralbankfinanziertes Bürgergeld). Aber welchen Effekt bitte schön soll Fall 3) haben, wenn keiner einen Kreditvertrag abschließen möchte? Die Geldsystemhierarchie ist auch durch noch so viele semantische Kunstgriffe nicht zu nivellieren.

        LG Michael Stöcker

      • Hannes H. says:

        Fall 3 ist keine Notwendigkeit sondern eine Möglichkeit. Falls zu wenig Vollgeld im Umlauf sein sollte, könnte die Zentralbank Vollgeld-Kredite an Banken vergeben, die wiederum dieses Geld als Kredite an ihre Kunden weiterreichen. Das so geschöpfte Vollgeld würde bei Rückzahlung an die Zentralbank wieder vernichtet. Das ist ein Unterschied zu 1) und 2).

      • Michael Stöcker says:

        „die wiederum dieses Geld als Kredite an ihre Kunden weiterreichen.“

        DIESES Geld (und auch alles andere Geld) kann nicht weiter gereicht werden! Eine Leihe ist etwas andere als ein Kredit (siehe weiter unten). Und: Woher hat die ZB das höhere Wissen, ob die Banken dieses Geld wirklich benötigen? Werden sie dann etwa gezwungen, dieses Geld zentralplanerisch anzunehmen und dann eventuell auch noch negative Zinsen hierauf zu zahlen? Oder will die Vollgeldbewegung den Zins als Steuerungsinstrument ganz abschaffen?

        Sie übertragen mit Ihrem Punkt 3) der ZB eine Aufgabe, die eigentlich einer Geschäftsbank zukommt. Wieso diese Aufgabenvermischung? Variable antizyklische Kapitalpuffer für bestimmte Kreditsegmente (z. B. Immobilien), ein variabler Refinanzierungssatz sowie ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld als globale Marktsteuerungsinstrumente sind hier deutlich effektiver.

        Ich bin gerne für alternative Ansätze zu haben; aber sie müssen wenigstens schon den logischen Test bestehen. Das Vollgeld scheitert an der Idee der Leihe und der semantischen Einebnung der natürlichen Geldsystemhierarchie: http://www.perrymehrling.com/2-the-natural-hierarchy-of-money/

        LG Michael Stöcker

      • Hannes H. says:

        „Und: Woher hat die ZB das höhere Wissen, ob die Banken dieses Geld wirklich benötigen?“

        Die Zentralbank vergibt das Geld an die Banken nicht auf einen Verdacht hin, sondern auf Anfrage der Bank und nach entsprechender Prüfung. So, wie die Bank nicht auf Verdacht hin einen Kredit an einen Kunden vergibt, sondern eben nur auf Anfrage des Kunden nach entsprechender Prüfung der Kunden-Bonität.

        Benötigt eine Bank bilanztechnisch kein zusätzliches Vollgeld für eine Kreditvergabe an einen Kunden, dann braucht es solches auch nicht bei der Zentralbank als Kredit aufnehmen.

      • Michael Stöcker says:

        Lieber Hannes H.,

        von Mark Twain stammt die tiefe Weisheit, dass es leichter ist, die Menschheit zu täuschen, als sie davon zu überzeugen, dass sie getäuscht worden ist.

        Dies gilt leider auch für die Vollgeldidee. Leider deshalb, weil diese Bewegung viele sinnvolle Diskussionen über unser Geldsystem angestoßen und auf schwerwiegende Fehler aufmerksam gemacht hat. Aber die technischen Vorstellungen, die natürliche Hierarchie des Geldes einebnen zu können, scheitern an der Gleichschaltung von Geld und Kredit. Kredite sind und bleiben gegenseitige Forderungen und Verbindlichkeiten, Geld ist das Mittel, um diese Verbindlichkeiten erfüllen zu können, ohne selbst Forderung oder Verbindlichkeit zu sein. Es ist also der Standard, mit dem Forderungen und Verbindlichkeiten zum Ausgleich gebracht werden. Was alles als Geld zählt und akzeptiert wird, hängt wiederum von der Hierarchieebene ab, auf der man sich bewegt. Ich empfehle hierzu nochmals eindringlich Perry Mehrling. Wer diese Hierarchie ignoriert bzw. geleugnet, auf Basis dieser Negierung aber ein neues Geldsystem konstruiert, der handelt ebenso fahrlässig wie ein Ingenieur, der ein neuartiges Flugzeug konstruiert, dabei aber die Schwerkraft ignoriert.

        Nun noch kurz zu Ihren Anmerkungen, die in fundamentalem Widerspruch zur funktionalen Aufgabenteilung in einem Geldsystem stehen (wie auch immer dieses aufgesetzt sein mag). Nach den Vorstellungen von Huber & Co. sollen sich die Banken ja um die „Einlagen“ der Bankkunden bewerben, die per Staatsausgaben auf den Konten der Bürger und Unternehmen landen und nur diese eingeworbenen „Einlagen“ unterliegen dann einem Solvenzrisiko, für das der „Einleger“ dann per Zins entgolten wird. Wenn diese Beträge aber nun nicht ausreichen sollen, weil Frau Müller noch gerne einen Kredit über 10.000 EUR abschließen möchte, Herr Meier aber sein Vollgeld der Bank nicht zur Haftung zur Verfügung stellen möchte, dann soll nach Ihren Vorstellungen nun also zuerst eine Prüfung durch die Zentralbank erfolgen. Was bitte schön soll sie da prüfen? Es könnte doch lediglich die Bonität der Kundin Müller sein. Denn die Bank fragt ja nur dann nach, wenn ein Kreditbegehren vorhanden ist, das mit den „Einlagen“ der Sparer nicht abgedeckt werden kann. Und damit wir uns dann alle auch wirklich gaaanz sicher sind, holen wir doch noch am besten die Expertise eines schwäbischen Spezialisten für solide Haushaltsführung und alles ist paletti!???

        Nein, lieber Hannes H., die Vollgeldidee führt zu keinem besseren Geldsystem, sondern unmittelbar in die Flucht in eine andere Hierarchieebene und wäre das Aus für den Euro als internationaler Reservewährung mit der Notwendigkeit zur Einführung von Devisenbewirtschaftung. Jeder Präsident/Kanzler, der ein solches Gesetz unterstützte (aus welchen Motiven auch immer), würde seine/ihre Amtszeit nicht überleben; und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Da gab es in der Geschichte schon geringere Anlässe.

        LG Michael Stöcker

      • Hannes H. says:

        „Wenn diese Beträge aber nun nicht ausreichen sollen, weil Frau Müller noch gerne einen Kredit über 10.000 EUR abschließen möchte, Herr Meier aber sein Vollgeld der Bank nicht zur Haftung zur Verfügung stellen möchte, dann soll nach Ihren Vorstellungen nun also zuerst eine Prüfung durch die Zentralbank erfolgen.“

        Nein. Die Zentralbank prüft nicht den „10.000 EUR“-Kreditnehmer – das ist Aufgabe der Bank – sondern die Bonität der Bank an sich. Das macht die Zentralbank auch heute.

        Zu Hrn. Meier:
        Alternative 1: Wenn Hr. Meier sein Vollgeld (Einlagen bei der Bank) nicht zur Verfügung stellen möchte, dann wird er dafür auch keine Zinsen bekommen – er wird eher Zinsen dafür zahlen müssen. Das liegt in der Entscheidung des Hrn. Meier.

        Alternative 2: Andere, die das Geld zur Verfügung stellen wollen, werden dafür eben entsprechende Zinsen bekomme und müssen dann aber auch ein gewisses Risiko mittragen – so wie heute.

        Alternative 1 ist in einer abgewandelten Form auch heute möglich: Horten von Bargeld.
        Trotzdem entschließen sich die Meisten für Alternative 2, weil dafür Zinsen bezahlt werden. Der Wunsch nach Zinsen wird auch in einem Vollgeldsystem bestehen bleiben.

        Wünsche noch einen schönen Tag.

      • Michael Stöcker says:

        OK: Die Aufgabenteilung bleibt also bestehen. Alternative 1 und 2 ist völlig klar, wobei im jetzigen System 100.000 EUR pro Kopf und Bank auch gesichert sind bzw. werden sollen (nicht durch ex ante sondern im Zweifel durch ex post Monetisierung). Allein in Deutschland gibt es rund 1.950 Banken. Vollgeld ist also wohl für die meisten zur Absicherung nicht nötig. Wer dennoch Probleme haben sollte, der kann sich ja gerne melden. Ich finde sicherlich jemanden, der mit ihm tauscht und ihm diese Bürde abnimmt.

        „Der Wunsch nach Zinsen wird auch in einem Vollgeldsystem bestehen bleiben.“

        Der Wunsch sicherlich. Ob er auch Realität wird, das hängt ganz entscheidend davon ab, ob genügend Geld via Zentralbank in die Staatskassen fließt, das die Inflation auf ein angemessenes Niveau bringt. Real wird aber auch dann kaum etwas übrig bleiben, was meiner Ansicht nach auch gut so ist, da Geld kein Geld erzeugen sollte, sondern wie alle nützlichen Gegenstände ohne Pflegaufwand/Arbeitsaufwand an realem Wert einbüßen sollte. Aber der Psyche reicht ja meist schon eine nominelle Illusion.

        Und jetzt hätte ich noch gerne gewusst, nach welchem Kriterium im Eurosystem die Staatshaushalte versorgt werden. Handelt es sich wie bei meinem Vorschlag um eine Kopfpauschale oder geht es um den realen Bedarf, der sich am Potentialwachstum orientiert? Oder gibt es hier noch ganz andere Vorstellungen? Denn die Idee ist es ja, die Geldmenge unter Kontrolle zu bringen. Wie verhindert man den Abschluss von Zahlungsvereinbarungen auf Fremdwährungsbasis? Wird die Vertragsfreiheit eingeschränkt? Oder wird sich auch die Vollgeldbewegung eingestehen müssen, dass man die Geldmenge nicht wirklich kontrollieren kann?

        Da Sie im anderen Thread auf Christian Felber verwiesen haben, werde ich dort antworten. Soviel nur vorab: geschätzte 95 – 98 % Zustimmung.

        LG Michael Stöcker

    • Hannes H. says:

      „Auch in einem Vollgeldstandard findet selbstverständlich weiterhin private Geldschöpfung statt (Loans make Deposits).“

      Das ist nicht richtig. In einem Vollgeldsystem wird das gesamte Geld von der Zentralbank geschöpft. Eine private Geldschöpfung durch Kreditvergabe ist nicht möglich. „Loans make Deposits“ durch die Kreditvergabe einer Bank gilt in einem Vollgeldsystem nicht.
      Durch eine Kreditvergabe einer Bank wird weder Geld geschöpft noch wird Geld bei der Rückzahlung des Kredites wieder vernichtet.

      Im Vollgeldsystem gilt: Die im Umlauf befindliche Geldmenge wird bei Kreditvergabe durch eine Bank nicht verändert – sie bleibt konstant.

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        „Durch eine Kreditvergabe einer Bank wird weder Geld geschöpft noch wird Geld bei der Rückzahlung des Kredites wieder vernichtet.“

        Und genau an dieser Aussage krankt und scheitert die gesamte Vollgeldidee. Wenn keiner mehr bei einer Bank einen Kredit aufnimmt, dann passiert genau was? Richtig: Die „Vollgeldmenge“ bleibt konstant. Passiert dann etwas in der Realwirtschaft? Wohl kaum. Woher soll z. B. das Geld herkommen, mit dem der Häuslebauer seinen Baubetrieb bezahlt? Erst durch den Kreditvertrag mit der Bank wird neues Giralgeld und somit zusätzliche Kaufkraft geschaffen. Zentralbankgeld ist der Standard, mit dem diese Forderungen und Verbindlichkeiten auszugleichen sind, ohne selbst Forderung oder Verbindlichkeit zu sein.

        Geld ist nichts anderes als Buchhaltung. Es geht immer um die Entstehung, Verrechnung und Vernichtung von Forderungen und Verbindlichkeiten. Das einzige, was die Vollgeldidee bewirkt, das ist die mengenmäßige Begrenzung der Giralgeldschöpfung. Aber neue Forderungen und Verbindlichkeiten entstehen immer erst durch einen Kreditvertrag. Auch ein Vollgeldsystem kann die natürliche Hierarchie im Geldsystem nicht eliminieren. Insofern ist die Vollgeldidee ein intellektueller Kopfschuss, die 100 %-Money Idee von Irving Fisher hingegen durchaus diskutabel: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/13/zehn-masnahmen-fur-ein-europa-in-frieden-freiheit-und-wohlstand/#4

        Letztlich halte ich viele der Ideen von Huber und Co. für wichtig und richtig; aber die Begründung über das Vollgeld ist schlicht und ergreifend falsch.

        LG Michael Stöcker

      • Michael Stöcker says:

        Und bevor jetzt das Argument kommt, dass Banken in einem Vollgeldsystem nur noch bereits existentes Geld verleihen (Einkreissystem von Huber), dann möchte ich doch noch einmal (ich weiß nicht, wie oft ich dies schon geschrieben habe) darauf hinweisen, dass eine Geldleihe etwas anderes ist als ein Kredit. Auch wenn wir immer wieder umgangssprachlich davon reden, dass wir Geld verleihen, so tun wir in 99,99 % aller Fälle doch etwas nicht nur juristisch sondern eben auch sachlich anderes:

        „Ein Leihvertrag liegt vor, wenn eine Sache unentgeltlich zum Gebrauch überlassen wird. Im deutschen Zivilrecht wird die Leihe durch die §§ 598 bis 606 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) geregelt. Nach Ablauf der Leihzeit oder nach Vertragskündigung durch den Verleiher hat der Entleiher dem Verleiher die entliehene Sache zurückzugeben, § 604 BGB. Im Gegensatz zum Darlehensvertrag hat dies dieselbe Sache zu sein. Während der Leihzeit darf die Sache vom Entleiher nur vertragsgemäß gebraucht werden. Er ist ebenfalls nicht berechtigt, die Sache an Dritte weiterzugeben, § 603 BGB.“ (Wikipedia)

        Auf gut Deutsch: Der Kreditnehmer darf das Geld nicht verwenden, sondern muss es auf seinem Konto stehen lassen.

        Der intellektuelle Kopfschuss ist also die Gleichsetzung von Leihe und Kredit, mit der man die Existenz der 2 getrennten Geldkreisläufe glaubt aufheben zu können. Damit würde dem Geld aber die wesentliche Eigenschaft genommen werden, als allgemein anerkanntes Zahlungsmittel fungieren zu können. Man darf eine verliehene Sache nicht einfach an fremde Dritte übertragen, sondern ausschließlich mit Zustimmung des Verleihers. Dann bräuchte die Bank aber meine Unterschrift unter dem Kreditvertag, wenn sie „mein Geld“ verleiht.

        Und noch ein weiterer Irrtum der Vollgeldbewegung:

        „In einer Vollgeldordnung besitzt die Zentralbank eine lückenlose und pro-aktive Kontrolle über die Geldmenge.“ http://www.vollgeld.de/vollgeld-und-100-prozent-reserve-chicago-plan/.

        Das gilt wie gesagt nur dann, wenn wir alle anderen Arten von Kreditverträgen (Zahlungsziele, Bonussysteme etc.) und Zahlungsersatzmitteln (Schecks, Wechsel, Fremdwährungen…) verbieten würden. Bitte nehmen Sie die Aussage von Friedrich August von Hayek ernst, die ich weiter oben aufgeführt habe.

        LG Michael Stöcker

  2. Katalin says:

    Hallo Herr Stöcker,

    können Sie mir bitte folgende Fragen beantworten:

    Der angebliche Hauptvorteil eines Vollgeldsystems ist die staatliche Kontrolle und damit mehr Einfluss auf die Steuerung der Geldmenge und somit mehr Möglichkeiten bei der Eindämmung der Finanzkrisen.

    1. „Auch in einem Vollgeldstandard findet selbstverständlich weiterhin private Geldschöpfung statt“

    Aber die ZB kann sie durch das Vollgeld fast zu 100% steuern oder nicht, wenn man die von Ihnen angeführte Instrumente verbietet.

    2. „hierarchische Struktur von Geld, die zudem teils privater “

    Dies würde bei einem Vollgeldsystem wegfallen oder nicht, da nur noch Zentrallbankengeld. Banken nur noch Vermittler dieses ZB-Geldes zwischen Invest. und Sparern.

    3. „Es sind nicht die naiven Geldmengenaggregate, die letztlich relevant sind, sondern was alles als Kreditmittel/Zahlungsersatzmittel akzeptiert und aktiv verwendet wird. Und nicht alles spiegelt sich in den monetären Aggregaten wider“

    Kreditmittel/Zahlungsersatzmittel kann man auch Staatlich sehr eng definieren oder nicht.

    „Und nicht alles spiegelt sich in den monetären Aggregaten wider“

    Können Sie mir bitte sagen, was sie damit meinen.

    Das Vollgeldsystem würde dazu führen, dass nicht über die unproduktive Kreditschöpfung Blasen erzeugt werden und damit die Verschuldung reduziert wird und somit auch die enormen Vermögen die als Gegenposition zu den Schulden entstehen.

    Warum sehen Sie und viele andere das Vollgeldystem so kritisch.
    Wenn man die Kreditgeldschöpfung der staatlichen Kontrolle unterstellt, ändert sich an dem Vorgang der Geldschöpfung nicht viel, da es letzendlich die privaten Akteure sind die sie durch Kreditnachfrage bestimmen.

    Danke

    Antworten
    • egp says:

      Sehr geehrter Katalin –
      „Wenn man die Kreditgeldschöpfung der staatlichen Kontrolle unterstellt …“ – WER ist staatliche Kontrolle? Sie müssen damit die jeweiligen Regierungen meinen: CDU, SPD, Grüne, FDP, Linke oder auch AfD für Deutschland? (In der EU heißen sie anders.) Die Abhängigkeit der Kreditgeldschöpfung von der jeweils die Macht ausübenden Partei ist für mich eine Horrorvision, denn der politischen Willkür sind Tur und Tor geöffnet – zumindest seit so mancher Gesetzes- oder Vertragsbruch als altenativlos.auch von staatswegen sanktioniert wird. Ihr, Katalins, Vertrauen in den Staat findet keine durchgehende Unterstützung mehr.

      Der „Schuld“-teil im bisherigen (oder noch jetzigen) Geldsystem war immerhin ein gewisses Korrektiv vor allzu großem Überschwang oder Exzeß, War.

      Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Liebe Katalin,

      Sie schreiben völlig richtig: „Der angebliche Hauptvorteil eines Vollgeldsystems…“. Angeblich ist eben etwas anderes als tatsächlich.

      „Aber die ZB kann sie durch das Vollgeld fast zu 100% steuern oder nicht, wenn man die von Ihnen angeführte Instrumente verbietet.“

      Selbstverständlich könnte man alles verbieten (Wechsel, Zahlungsziele zwischen Lieferanten, Bonussysteme etc. pp.) und zentral steuern. Nennt man dann wohl Zentralverwaltungswirtschaft. Und dann ist immer noch nicht gewährleistet, dass die Kreditvergabe nach einheitlichen Bonitätsstandards erfolgt.

      „Dies würde bei einem Vollgeldsystem wegfallen oder nicht, da nur noch Zentrallbankengeld. Banken nur noch Vermittler dieses ZB-Geldes zwischen Invest. und Sparern.“

      Kann man so machen, allein der Sinn erschließt sich mir nicht (siehe oben). Was ändert ein Vorrat an Zentralbankgeld an der Qualität der Kreditvergabestandards sowie dem Matthäus-Effekt?

      „Kreditmittel/Zahlungsersatzmittel kann man auch Staatlich sehr eng definieren oder nicht.“

      Das wäre ein fundamentaler Eingriff in den Grundsatz der Vertragsfreiheit, der allen Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft widerspricht und vom Verfassungsgericht sofort einkassiert würde.

      „Können Sie mir bitte sagen, was sie damit meinen.“

      Sie können den Menschen nicht vorschreiben, was sie mit ihrem Geld tun oder lassen sollen. Wenn die Sparwünsche sehr hoch sind, dann fehlt effektive Nachfrage im System. In diesem Fall wäre ein stärkeres Geldmengenwachstum angesagt. Die Organisation der Altersvorsorge sowie die demographische Entwicklung spiegeln sich hier wider. Nicht umsonst hat man das Geldmengenkonzept des naiven Monetarismus in die Mottenkiste gepackt. Die Konsequenzen, die sich hieraus ergeben, haben aber wohl die meisten immer noch nicht verstanden: https://soffisticated.wordpress.com/2014/06/11/m-und-ms/.

      „Das Vollgeldsystem würde dazu führen, dass nicht über die unproduktive Kreditschöpfung Blasen erzeugt werden und damit die Verschuldung reduziert wird und somit auch die enormen Vermögen die als Gegenposition zu den Schulden entstehen.“

      Inwiefern verändert ein Vollgeldsystem die Qualität der Kreditvergabe? Wer entschiedet darüber, welche Investition produktiv ist und welche nicht? Wer verfügt ex ante über all diese Weisheit?

      Vergessen Sie das Vollgeld; es basiert auf den gescheiterten Vorstellungen des Monetarismus, der aus unbestimmbaren Geldbeständen bestimmbare relevante soziale Interaktionen ableiten möchte.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  3. Katalin says:

    Hallo,

    „Vollgeld, eine Reform der Geldschöpfung, welche die falsche Identität von Geld und Bankenkredit aufhebt“

    Kann mir bitte jemand sagen was der Autor mit diesem Satz genau meint.

    Danke

    Antworten
    • Ralph Klages says:

      Große Worte. Hr. Stöcker hat es eigentlich schon beschrieben: „Seine Vollgeldillusionen. Auch in einem Vollgeldstandard findet selbstverständlich weiterhin private Geldschöpfung statt“. Das Kreditrad bleibt ja nicht stehen, nur die Banken damit aus dem Rennen sind. Sie können Ihrer Mutter Geld leihen oder auch verleihen. Privat. Oder meinetwegen auch: Pfandleihe, Schuldscheine usw. Huber stellt sich das alles etwas SEHR idealtypisch vor. Die Realität sieht anders aus.

      Antworten
  4. Michael Stöcker says:

    Was Huber et. al. ebenfalls bis heute nicht verstanden haben ist folgendes:

    „Dieses Giralgeld für bargeldlose Zahlungen ist seit vielen Jahrzehnten zum alles bestimmenden Zahlungsmittel geworden.“

    Giralgeld ist KEIN Zahlungsmittel. Auch eine bargeldlose Zahlung ist letztlich keine zentralbankgeldlose Zahlung. Ist das wirklich so schwer zu begreifen? https://zinsfehler.wordpress.com/2013/10/21/die-finale-katastrophe-ruckt-immer-naher-hier-die-neuesten-einschlage/#comment-122

    „Die System-sensitive Verquickung der Geldschöpfung und des Zahlungsverkehrs mit dem Darlehens- und Investmentgeschäft der Banken ist ein Konstruktionsfehler im heutigen Geld- und Bankensystem.“

    Nein, dies ist nicht der Konstruktionsfehler im „heutigen“ Geld- und Bankensystem. Es sind die zu niedrigen EK-Quoten, die ungenügende Bildung von Rückstellungen aus dem Zinsgeschäft, eine fehlende Finanztransaktionssteuer sowie im Falle des Euro der nichtexistente Interzentralbankenmarkt.

    „Tatsächlich ist eine einheitliche Fiskal- und Sozialpolitik nicht erforderlich für eine funktionierende Währungsunion. Anstatt den Euro mit der Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten verknüpfen zu wollen, muss der Euro gegen divergente nationale Politiken abgeschirmt werden. Eben dies geschieht durch No-Bail-out und interne Anpassung.“

    Nein, dies geschieht nicht durch No-Bail-out und auch kaum durch interne Anpassung (hochgradig demokratiegefährdend), sondern durch die Einführung von Eurobonds bis zu einem fixen Anteil am nationalen BIP (und nur diese dürfen von der EZB im Rahmen ihrer geldpolitischen Aktionen unbegrenzt eingesetzt werden; ansonsten wird das nichts mit dem Euro als Reservewährung!) sowie der Einführung eines dreistufigen Geldsystems, bei dem sich das Zinsniveau nach der Risikoausprägung am Interzentralbankenmarkt herausbilden kann.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  5. Dietmar Tischer says:

    Was die Analyse der Eurokrise betrifft, liegt Huber m. A. n. nicht falsch.

    Die weltweite Verschuldungskrise mit ihren tieferliegenden realwirtschaftlichen Ursachen ist ja nicht sein Thema.

    >„Tatsächlich ist eine einheitliche Fiskal- und Sozialpolitik nicht erforderlich für eine funktionierende Währungsunion. Anstatt den Euro mit der Fiskalpolitik der Mitgliedstaaten verknüpfen zu wollen, muss der Euro gegen divergente nationale Politiken abgeschirmt werden. Eben dies geschieht durch No-Bail-out und interne Anpassung.

    Richtig ist, dass eine einheitliche, d. h. für jede einzelne Volkswirtschaft IDENTISCHE Fiskal- und Sozialpolitik nicht erforderlich ist. Sie wäre sogar schädlich.

    Erforderlich ist aber einheitliche Fiskalpolitik, die FÜR jeden Staat eine prudentielle, regelkonforme Fiskalpolitik DURCHSETZT, damit die Probleme Bail-out und nicht realisierbar interne Anpassung – wie die Erfahrung zeigt, nicht realisierbar – gar nicht erst ENTSTEHEN.

    Kritik am Vollgeldkonzept wie hier von Huber vorgetragen:

    >„Eine Reform der Geldschöpfung, die das Giralgeld nach und nach ausschleust und Vollgeld an seine Stelle setzt, würde die Kontrolle über den frei schöpfbaren Geldbestand herstellen und dadurch eine wirksame Geldpolitik der Zentralbanken im Interesse einer stabilen Finanzwirtschaft und produktiven Realwirtschaft ermöglichen. >

    Was heißt hier Kontrolle?

    Wenn es nach Huber BEGRENZUNG heißt, ist damit das m. A. n. größte Problem benannt:

    >Es würde den extremen Übersteuerungen der Finanz- und Wirtschaftszyklen von heute Grenzen setzen und damit …> – behaupte ich – die Nachfrage derart beschränken, dass ganz neue wirtschaftliche, soziale und politische Probleme entstünden.

    Wer weiß nach Huber, welche Menge Geldes die RICHTIGE ist für eine funktionierende Wirtschaft?

    Wenn die Zentralbank, anhand welcher Kriterien stellt sie das fest?

    Wenn die Krisenhaftigkeit der betriebenen Giralgeldschöpfung durch fundamentale ökonomische Megatrends bedingt ist, kann eine antizyklische Steuerung der Geldmenge sie, die Megatrends, nicht außer Kraft setzen.

    Eine schwindende, alternde Gesellschaft bleibt auch dann eine schwindende, alternde Gesellschaft mit sich änderndem Nachfrageverhalten und anderen Angebotsstrukturen, wenn das Geldsystem gewechselt wird.

    Das, was sich realwirtschaftlich wie in welchem Ausmaß und Zeitablauf ändern muss, können Notenbanker nicht bestimmen. Sie können es vielleicht verhindern – und damit scheitern.

    Einen allerdings durchaus beachtenswerten Vorteil scheint es bei Vollgeld zu geben:

    Die Insolvenz einer Bank kann leichter akzeptiert werden, weil dadurch das Finanzsystem nicht kollabiert.

    Antworten
  6. egp says:

    Sehr geehrter Herr Tischer,
    ich sehe in Ihren Ausführungen einen indirekten Widerspruch:
    „Fiskalpolitik, die FÜR jeden Staat eine prudentielle, regelkonforme Fiskalpolitik DURCHSETZT“ und „Das, was sich realwirtschaftlich wie in welchem Ausmaß und Zeitablauf ändern muss, können Notenbanker nicht bestimmen …“. „die Zentralbank, anhand welcher Kriterien stellt sie das fest?“
    Wenn die Notenbanker (und ‚damit‘ auch andere, zB der Staat) die relevanten Fakten nicht bestimmen (benennen) können, dann wissen sie somit nicht, was prudentiell ist und können somit auch nicht eine prudentielle Fiskalpolitik DURCHSETZEN.

    Das ist wohl das Dilemma jeder Monetär- und Finanzpolitik: Sie weiß nicht was morgen prudentiell ist. Lineare Fortschreibungen und Gaußkurven mit Sigmabereichen helfen nicht weiter, da sie nur eine Scheinsicherheit bieten und uns somit in die Irre führen – wie 2008/2009. Zudem folgt Politik anderen als den üblichen ökonomischen (prudentiellen oder regelkonformen) Gedankengängen. Deswegen ist jede -aus Sicht von Ökonomen- prudentielle Fiskalpolitik mehr oder weniger zufällig zustandegekommen. Sie ist non-existent – realiter.

    Der Begriff „regelkonforme Finanzpolitik“ bedarf ebenfalls einer Diskussion – aber das wissen Sie.
    MfG EGP

    Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    Was ich mit „prudentieller Fiskalpolitik“ meine, ist Folgendes:

    Wenn sich die Staaten der Währungsunion auf bestimmte Kriterien für den Währungsverbund geeinigt haben und – vorausgesetzt – es sind geeignete (was a priori nicht sicher, sondern iterativ anhand der praktischen Erfahrung zu ermitteln ist), d. h. solche unter denen die Währungsunion funktionieren kann, dann MÜSSEN diese gegenüber der nationalen Fiskalpolitik durchgesetzt werden, damit es nicht zu Verwerfungen im Währungsverbund kommt und Ereignissen wie Bail-out etc.

    Das meine ich mit prudentieller Fiskalpolitik.

    Beispielsweise:

    Wenn die Maastricht-Kriterien von 3% und 60% von einem Staat verletzt werden, müssen quasi diktatorische Eingriffe möglich sein, die diese Verletzung verhindert. (Keine Diskussion hier, ob 3% und 60% wie vereinbart sinnvoll sind und auch keine, ob es hinreichend ist für die Funktionalität einer Währungsunion, nur vereinbarte Regeln einzuhalten – das sind weitreichendere schwierige Erörterungen).

    Es geht hier um erkennbare ABWEICHUNGEN von vereinbarten und somit anerkannten Standards.

    So verstanden wird prudentielle Fiskalpolitik sehr wohl von Wissen bestimmt.

    Anders der Fall bei der STEUERUNG bzw. BEGRENZUNG der Geldmenge durch die Zentralbank bei Vollgeld:

    Sie verfügt einfach nicht über die Kriterien, mit denen sie die Anpassungsprozesse – speziell das Nachfrageverhalten – sich FUNDAMENTAL ändernder Gesellschaften so gestalten kann, dass diese Prozesse mit dem, was die Gesellschaft mehrheitlich als verträglich ansieht, ablaufen.

    Das geht über das hinaus, was M. Stöcker in einem seiner Beiträge als „Eingriff in den Grundsatz der Vertragsfreiheit“ bezeichnet hat, insofern es die AUSÜBUNG der Vertragsfreiheit im Verlauf von Anpassungsprozessen durch Geldbegrenzung unmöglich macht.

    Das ist qualitativ etwas anderes als die antizyklische Konjunktursteuerung durch Geldpolitik, die DERARTIGE säkulare Anpassungsprozesse nicht kennt.

    Denn bei den Veränderungen, von denen ich spreche (Megatrends), gibt es keinen Zyklus.

    Insofern erkenne ich nicht, dass ein impliziter Widerspruch in meinen Ansichten vorliegt.

    Der Punkt ist:

    Mit Vollgeld kann man sehr wohl Verschuldungskrisen, wie wir sie haben, vermeiden.

    Aber man kann damit nicht alle Krisen vermeiden, sondern generiert andere.

    Es besteht m. A. n. ein Trade off:

    Zu hohe kontinuierliche Verschuldung verhindert soziale Konflikte durch Arbeitslosigkeit, verlangsamt dadurch aber auch die Anpassungsprozesse und führt zur Krise.

    Kontinuierlich weniger Verschuldung beschleunigt zwar die Anpassungsprozesse, führt aber zu nicht akzeptabler Arbeitslosigkeit und damit sozialer und politischer Destabilisierung.

    Geldpolitik welcher Art auch immer kann nicht den akzeptablen Weg finden.

    Mehr oder minder im Konsens findet die Gesellschaft ihn bzw. findet sie ihn nicht – siehe die Verschuldungskrise – und bedient sich dabei einer, nämlich der im Geldsystem möglichen Geldpolitik.

    Antworten

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