Die FT fragt: „Who’s afraid of Italy?“ und schließt optimistisch, doch Italiener kaufen Gold

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Vor dem Referendum in Italien mehren sich die besorgten Stimmen. Die FT zeigt sich optimistisch in einem Kommentar, während die WirtschaftsWoche von der Kapitalflucht der Italiener berichtet. Zunächst die FT, dann die WiWo:

  • „Italy’s constitutional referendum (…) is joining Brexit and Donald Trump at the crowded forefront of elite concern in Europe. (…) They expect the political instability of a No vote to worsen the problems of Italy’s undercapitalised banks, which may in turn threaten market confidence in the public finances and in extremis reignite the sovereign debt crisis.“ bto: Es ist in der Tat mehr eine Vertrauensfrage als eine zwangsläufige Entwicklung.
  • Its productivity performance has been awful (…) though this has been true since the early 1990s not since the start of the euro (…) the neglect of education and skills, inefficient regulation and tax rules, and cronyism in the banking sector’s credit allocation all deserve more blame than the single currency.“ bto: Das stimmt zweifellos. Es sind hausgemachte Probleme.
  • The banking system is creaking under one of Europe’s largest bad loan burdens, made worse by the long stagnation. Some smaller banks have failed spectacularly and have brought huge losses to retail investors who trusted the system.“ bto: die dann natürlich nicht glücklich sind über die Regierung und Europa.
  • On top of this, there are renewed worries about capital flight. Since the start of 2015, Italy has gone deeper into the red in Target2, (…) That means depositors are taking money out of Italian banks, sending them to banks elsewhere — often Germany.“bto: was nach wie vor nichts anderes bedeutet, als dass die Bundesbank Italien einen Kredit gewährt.
  • „So it is superficially tempting to think that Italy is on a cliff-edge and needs only a nudge — such as a referendum No vote — to fall into a full-fledged financial crisis.“bto: Da wird man natürlich neugierig.
  • (…) Renzi neither needs to resign if he loses the referendum, nor should he. (…) Renzi was wrong to personalise this referendum, and if he loses he should simply accept the political weakening this involves, but not make things worse by leaving office.“bto: Das stimmt. Ich argumentiere auch so in meiner nächsten WiWo-Kolumne.
  • (…) Target2 is often misunderstood. Its main function is to facilitate movements of bank deposits without causing a balance of payments problem. A Target2 liability is something that arises automatically when a deposit is moved from an Italian bank to one in another eurozone country, allowing the Italian national banking system to keep its balance sheet unchanged rather than shed assets to fund the deposit outflow. It is like a gold-backed banking system with an infinite gold supply.“bto: Ich finde diese Logik immer noch falsch. Im Goldstandard wurde Gold zwischen den Ländern ausgetauscht, um wieder eine Sicherheit zu haben. Tritt Italien morgen aus, hat die Bundesbank erhebliche Ausfälle. In den USA gibt es auch keine Target-Forderungen der einzelnen Notenbanken.
  • The proof that this is stabilising rather than destabilising is that even as Target2 outflows have taken place, deposits in Italian banks have continued to grow. So have loans to households (though not to businesses), (…) Target2 has allowed the Italian banking system to continue to function.“ bto: ja, soweit so gut. Doch genügt das als Zeichen für „Gesundheit“?
  • The current account has been positive for the past four years — it hit almost 3 per cent of economic output in the second quarter. There is no reliance on fickle foreign capital to sustain domestic demand here — it is rather depressed Italian demand that funds consumption elsewhere.“ bto: Die Italiener sind so zumindest wie wir Deutsche geworden. Ob das gut ist? Ich denke nicht. Da es vor dem Hintergrund von Null-Wachstum stattfindet, wachsen die politischen Spannungen.
  • „(…) while public debt is high, Italy has been one of the biggest beneficiaries of lower interest rates, with the government’s annual interest costs set to fall by more than 2 percentage points of GDP between 2015 and 2017 (…).“ bto: was die Wirkung der EZB nochmals schön verdeutlicht. Es ist eine Umverteilung zwischen den Ländern.
  • „Of course the economy needs stronger growth and the rot in parts of the banking system needs to be fixed through a proper restructuring of banks.“
  • „Italy’s banking ailments are one roadblock on the path to stronger growth — but they are not the trigger of an imminent collapse of either Italy or the euro.“ bto: Das mag ökonomisch stimmen, politisch immer weniger.

So sehen das wohl immer mehr Italiener, wie die WirtschaftsWoche schreibt. Sie schaffen ihr Geld aus dem Land und bunkern es in Gold:

  • „Die Ungewissheit über den Ausgang des italienischen Verfassungsreferendums und den Verbleib Italiens in der Eurozone spürt auch der Münchner Edelmetallhändler Pro Aurum. In dessen Filiale in Lugano im Schweizer Kanton Tessin, (…) ordern seit einigen Wochen vermehrt Italiener Barren und Münzen. Die meisten lassen das Gold anschließend verwahren im Zürcher Zollfreilager des deutschen Edelmetallhändlers.“ – bto: Das ist am vernünftigsten, will man etwas sicher und einfach verwahren.
  • „(…) stimmen die Italiener über eine Verfassungsreform ab (…), könnte das der Anfang vom Ende Italiens in der Europäischen Union und im Euro sein. Diese Befürchtung teilen immer mehr italienische Anleger. Sie räumen ihre Bankkonten bei heimischen Instituten und packen ihr Geld vorsorglich ins Ausland.“ – bto: Wer kann es ihnen verdenken?
  • Die italienischen Kunden überweisen das Geld ganz normal und legal auf ein Konto von Pro Aurum in Lugano. Noch geht das.“ – bto: Kapitalverkehrskontrollen sind nicht nur in der Theorie möglich.
  • Den italienischen Banken aber schwinden die Einlagen. (…) Die Zeit wird allmählich knapp. Das italienische Endspiel hat begonnen.“ – bto: Ich denke noch nicht. Es wird länger dauern, als wir denken. 

-> FT (Anmeldung erforderlich): „Who’s afraid of Italy?“, 25. November 2016

-> WiWo.de: „Italiener räumen ihre Konten und kaufen Gold in der Schweiz“, 26. November 2016

18 Antworten
  1. Stefan Bohle says:

    nochmal in aller Deutlichkeit. Würde die Bundesbank ihre Target II Forderungen zu einem fair value bilanzieren und dann die Bundesrepublik Deutschland für den daraus resultierenden Bundesbankverlust geradestehen, wäre das das sofortige Ende ALLER staatlichen Verteilungsspielräume, die die Regierung derzeit großzügig und letztlich zu Lasten der Inhaber von Geldvermögen nutzt. Ich halte das milde ausgedrückt für unseriös.

    Antworten
  2. Michael Stöcker says:

    Lieber Herr Stelter, Sie schreiben: „…was nach wie vor nichts anderes bedeutet, als dass die Bundesbank Italien einen Kredit gewährt“

    Nein, das bedeutet es nicht: Zentralbankgeld ist keine Forderung und keine Verbindlichkeit, sondern es ist das Geforderte. TARGET dokumentiert die Verbringung von Zentralbankgeld.

    „Tritt Italien morgen aus, hat die Bundesbank erhebliche Ausfälle.“

    Jein. Nicht bei TARGET. Ausfälle hat sie nur dann, wenn sie italienische Staatsanleihen oder sonstige italienische Assets hält, die im Falle eines Austritts einem erheblichen Abwertungsrisiko unterliegen. Siehe hierzu auch: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/rogoff-traeumt-weiter-von-der-enteignung/#comment-20967.

    „Ich denke noch nicht. Es wird länger dauern, als wir denken.“

    Das denke ich auch. Dafür dann aber umso radikaler. Das Hauptproblem ist dabei nicht so sehr der Debitismus sondern der monetäre Debilitismus als kollektives Massenphänomen.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  3. Andreas Müller says:

    Es ist kein gutes Argument zur Entlastung des Euro, dass die Probleme Italiens bereits Anfang der 90er Jahre begonnen haben. Es hat vor dem Start der gemeinsamen Währung eine Konvergenzphase gegeben, in der Italien bereits einem Hartwährungsregime unterstand. Wenn Italiens Wirtschaft seit dem Jahrtausendwechsel unter dem Euro leidet, ist es also nur stimmig, dass sie bereits zuvor unter den Konvergenzkriterien gelitten hat.

    Antworten
  4. Dietmar Tischer says:

    >(…) Renzi neither needs to resign if he loses the referendum, nor should he. (…) Renzi was wrong to personalise this referendum, and if he loses he should simply accept the politi-cal weakening this involves, but not make things worse by leaving office.“ – bto: Das stimmt. Ich argumentiere auch so in meiner nächsten WiWo-Kolumne.>

    Was Renzi tun SOLLTE, um die politischen und ökonomischen Folgen eines verlorenen Re-ferendums klein zu halten, ist eine Sache.

    Eine andere ist, was er tun KANN, wenn das Referendum verloren geht.

    Es wird m. A. n. sehr schwer bis unmöglich, Neuwahlen zu vermeiden. Dies umso mehr, als Renzi gesagt hat, dass er zurücktreten würde, wenn das Referendum verloren geht. Wenn er zurücktritt, was er seiner Glaubwürdigkeit wegen auch tun müsste, dann sind Neuwahlen die quasi LOGISCHE Folge. Das ist jedenfalls dann so, wenn andere PARTEIEN ausdrücklich das Ziel, das Renzi mit dem Referendum verfolgt, ablehnen. Das ist in Italien der Fall. Die Mehrheit für die Ablehnung ist dann in der öffentlichen Wahrnehmung auch eine Mehrheit für die ablehnenden Parteien. Diese wollen sie mit Neuwahlen dokumentiert sehen. Der Druck für Neuwahlen wird groß sein, wenn das Referendum verloren geht.

    Beim Brexit war dies übrigens anders. Da ging das Für und Wider quer durch die beiden großen Parteien. Zwar hatte Cameron für sein Drinbleiben keine Mehrheit vom Volk erhalten und trat konsequenterweise zurück, aber seine in der Sache gespaltene Partei wurde nicht von der Labour Party überstimmt, weil auch diese nicht eindeutig gegen den Austritt war. In GB hat daher soweit ich sehe auch niemand nach Neuwahlen gerufen.

    „Of course the economy needs stronger growth and the rot in parts of the banking system needs to be fixed through a proper restructuring of banks.“

    WO soll denn das erforderliche stärkere Wachstum herkommen?

    WER soll denn die Banken restrukturieren, was letztlich heißt sie zu rekapitalisieren und/oder abzuwickeln UND die entsprechenden Abschreibungen vorzunehmen?

    Ich sehe weder das eine noch das andere.

    Wenn nicht zu leisten ist, was ökonomisch als erforderlich angesehen wird, dann wird – früher oder später, es muss nicht am 4. Dez. sein – die Mehrheit der Bevölkerung über den Gang der Dinge entscheiden.

    Politik kann das ökonomisch Notwendige nicht erzwingen.

    Wenn es aber nicht eintritt, wird eine andere Politik dem ökonomischen Weiterso ein Ende bereiten.

    Die Erfahrung zeigt es.

    Antworten
  5. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker, Dr. Stelter

    Ich kann selbst nicht viel klären bezüglich der Target 2-Debatte.

    Nur so viel dazu:

    M. Stöcker, Sie haben hier am Blog vor nicht allzu langer Zeit den Kommentar eines deutschen Großmeisters zur Auffassung von H.-W. Sinn verlinkt.

    Soweit ich mich erinnere, hat dieser das Folgende behauptet:

    Target2 sind im BESTEHENDEN Eurosystem keine Forderungen, also genau das, was auch Sie behaupten.

    Er hat aber auch gesagt, dass bei einem ZERFALL des Eurosystems aus Target 2 Forderungen entstehen können. Hinzugefügt hat er allerdings: Was bei einem Zerfall ist, kann nicht vorhergesehen werden. Es ist daher müßig, sich über den Ausfall von Forderungen den Kopf zu zerbrechen.

    Ich hatte dazu kommentiert, dass dies keine schlüssige Folgerung ist.

    Man sollte sich sehr wohl damit beschäftigen, wenn mit Target 2 Ausfallrisiken verbunden für den nicht wegzudiskutierenden Fall, dass die Eurozone zerfällt.

    Insoweit bin ich bei Ihnen, Dr. Stelter.

    M. Stöcker, vielleicht können Sie die erwähnte Replik auf H.-W. Sinn noch einmal hier verlinken.

    Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    Häring:

    „Fazit:

    Die EZB hatte und hat es jederzeit in der Hand die Eurokrise zu beenden. Sie tut es nicht um ihre Macht zu wahren und in Europa eine Wirtschafts- und Sozialpolitik nach ihren neoliberalen Vorstellungen durchzusetzen, sowie die fortgesetzte Verlagerung von Kompetenzen auf die europäische Ebene, gegen den Volkswillen. Sie folgt dabei der Devise: Never waste a good crisis! Eine schöne Krise muss man nutzen! Nur wenn die Krise sich so zuspitzt, dass wichtige Banken bankrott zu gehen drohen und die Währungsunion zu zerfallen droht, zeigt die EZB ihre Macht und nimmt der Krise die Spitze – aber sie löst sie wohlweislich nicht.“

    Das ist kompletter Unsinn.

    Antworten
  7. Karl says:

    Das „Geschäftsmodell“ Italien war auf einer Weichwährung aufgebaut. Wie konnte die damalige (auch deutsche) Politikergeneration bloß so töricht sein zu glauben, man könne daraus über Nacht ein Hartwährungsland machen? Ich werde auch nicht zum Bildhauer, indem man mir Hammer und Meißel in die Hände legt. Das Ganze sieht heute arg nach einem zweiten Griechenland aus, diesmal aber im G7-Format.

    Antworten
  8. Wolfgang Selig says:

    Vorgestern hörte ich ein gutes Interview von Radio Bayern 2 (Bayern kümmert sich in der ARD um Italien) mit einer Mailänder Staatsrechtsprofessorin. Ihre Meinung fand ich recht aufschlussreich. Selbst wenn Renzi das Referendum gewinnen sollte, wäre der politische Wille zur Durchführung der dringend benötigten Reformen nicht vorhanden, so dass die Angst vor den Folgen einer Ablehnung aus ihrer Wahrnehmung völlig überzogen sei. Das bestärkt mich in meinem Eindruck, dass ein Großteil der Italiener dem Referendum wohl nicht die gleiche Bedeutung beimisst wie die internationale Finanzszene. Für mich sieht das nach überhöhten Hoffnungen der Referendumsbefürworter außerhalb Italiens aus.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Die Staatsrechtsprofessorin begreift offensichtlich nicht, um was es geht.

      Letztlich geht es nicht um die Zustimmung zu oder Ablehnung von Reformen. Ist doch klar, dass kein hinreichender Reformwillen in Italien vorhanden ist.

      Es geht aus italienischer und internationaler Sicht darum, ob Kräfte stärker werden, die einen AUSTRITT aus der Eurozone erreichen wollen.

      Damit ist allerdings Angst verbunden und das nicht nur in der „internationalen Finanzszene“.

      Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.