„Globaler Reset – unwahrscheinlich, aber denkbar“

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Dieser Beitrag erschien bei der WirtschaftsWoche Online:

Die globale Verschuldung lastet auf dem Wirtschaftswachstum. Könnte die Politik zum großen Befreiungsschlag ansetzen? Zum globalen Reset?

Letzte Woche habe ich an dieser Stelle schon die Vermutung aufgestellt, dass ein ablehnendes Votum der Italiener keineswegs die Kapitalmärkte in ein Chaos stürzen muss. So legte der Euro nach einem kurzen Verlust zu und das sicherlich nicht, weil in Österreich die Präsidentschaftswahlen aus Sicht der EU so glimpflich ausgegangen sind. Hintergrund dürfte die nicht so falsche Annahme sein, dass die Euro-Retter nun noch drastischere Maßnahmen ergreifen werden, um Italien in EU und Euro zu halten. Großzügige Unterstützung bei der Bankenrettung, weitgehende Toleranz bezüglich der Staatsverschuldung, perspektivisch europäische Konjunkturprogramme, direkt finanziert von der EZB. Im Wahljahr 2017 wird alles darangesetzt werden, die Illusion einer rettbaren Währungsunion ohne Verluste für irgendjemanden aufrechtzuerhalten.

Da stellt sich natürlich die Frage, wohin das führt und ob es keine Alternative gäbe. Wohin es führt, kann man in Japan sehr schön beobachten: keine wirkliche Belebung der Wirtschaft, deutlich gestiegene Staatsschulden, die letztlich nur durch eine völlige Monetarisierung durch die Bank of Japan aus der Welt geschaffen werden können. Wie das monetäre Experiment ausgeht, ist dabei völlig offen. Ist es erfolgreich, kommt es zu keiner Inflation und Dank der gesunkenen Schuldenlast zu einer Belebung der japanischen Wirtschaft – wobei auch diese Maßnahme natürlich nichts an der Stagnation ändern kann, gegeben die schrumpfende Erwerbsbevölkerung. Scheitert das Experiment, dürfte am Ende eine zerrüttete Währung stehen. Spannend ist es auf jeden Fall.

Nun ist Japan nicht alleine mit dem Schuldenproblem. Praktisch alle großen Volkswirtschaften der Welt – die USA, Europa, China und Japan – stehen vor derselben Herausforderung. Sie versuchen, das Wirtschaftswachstum zu beleben mit dem Ziel, die Schuldenlast tragbar zu machen, kämpfen dabei jedoch gegen die Folgen der hohen Verschuldung und die fundamentalen Gegenwinde schrumpfender Erwerbsbevölkerungen und sinkender Produktivitätszuwächse.

Damit wären wir beim zweiten Teil der Frage: Gibt es eine Alternative zu diesem langwierigen Prozess, der ja schon sieben Jahre andauert? Das Naheliegendste wäre ein radikaler Schnitt, eine Art globaler „Reset“. Wie bei einem Computer könnten die Politiker und Notenbanker versuchen, in einer koordinierten Aktion die Weltwirtschaft zu entschulden und das Wachstum wieder anzuregen. Sicher: Besonders wahrscheinlich ist diese Alternative nicht, aber auch nicht ganz auszuschließen. Haben die G20 doch bei ihrem Meeting in Schanghai auch eine Einigung gefunden, auf die Abwertung der eigenen Währung zu verzichten, um die Wirtschaft zulasten anderer zu beleben.

Spinnen wir doch mal ein bisschen: Die Notenbanken sind in der Bewertung ihrer Aktiva frei. Mit selbst geschaffenem Geld, das sie unbegrenzt herstellen, können sie alles kaufen, was sie wollen, egal zu welchem Preis. Idealerweise ein Gut, welches einen dauerhaften Wert hat und nicht verfällt. Wie beispielsweise Gold.

Trotz der Verkäufe in den letzten Jahrzehnten halten viele Notenbanken erhebliche Goldvorräte. Länder wie Russland und China haben sie deutlich erhöht. Die Notenbanken könnten über Nacht erklären, alles Gold der Welt zu einem bestimmten Preis aufzukaufen. Damit würde auch das Gold, welches die Notenbanken besitzen, auf einen Schlag wertvoller – zumindest in Euro, Dollar, Franken, Yen und Renminbi gerechnet. Man könnte auch sagen, die Notenbanken werten ihr eigenes Geld gegenüber dem ultimativen Zahlungsmittel Gold ab.

Den dadurch entstehenden Gewinn würden die Notenbanken umgehend an die Anteilseigner, also die Staaten, ausschütten. Nehmen wir an, die Notenbanken der Welt würden ihren Goldbestand um 10.000 US-Dollar pro Unze aufwerten. Basierend auf den heutigen Goldbeständen ergäben sich dann folgende einmalige Aufwertungsgewinne der Notenbanken (überschlägig und gerundet):

  • USA: 2615 Milliarden Dollar
  • Deutschland: 1087 Milliarden Dollar
  • Italien: 788 Milliarden Dollar
  • Frankreich: 783 Milliarden Dollar
  • Griechenland: 36 Milliarden Dollar

Trotz dieser riesigen Zahlen ist es erschreckend, dass es mit einer Aufwertung um 10.000 Dollar noch nicht getan wäre. Zu groß ist die Schuldenlast. Um die Staatsschulden der USA auf einen Schlag zu tilgen, bräuchte es eine Aufwertung der Goldbestände um 70.000 US-Dollar pro Unze. Für Italien und Frankreich genügten 25.000 US-Dollar, um alle Schulden zu tilgen, während Deutschland schon bei 18.000 US-Dollar alle Staatsschulden los wäre. Dies zeigt die Bedeutung der Goldvorräte, die diese Länder in den Nachkriegsjahren aufgebaut haben. Griechenland könnte erst bei einer Aufwertung um 80.000 US-Dollar je Unze alle Schulden tilgen, Japan besitzt hingegen eindeutig zu wenig Gold relativ zur Staatsverschuldung, um seine Probleme auf diesen Weg zu lösen. Dort müsste der Preis des Goldes um rund 410.000 US-Dollar steigen, damit mit dem Aufwertungsgewinn die Staatsschulden getilgt werden könnten.

Die Befürworter von Helikoptergeld wollen die Nachfrage stärken und die Inflationsraten nach oben treiben. Beides mit dem Ziel, die Stagnation zu überwinden und die Schulden real zu entwerten. Mit einer konzertierten Aktion der G20 könnte dieser Prozess beschleunigt werden. Die Aufwertung von Gold und die Ausschüttung des dabei entstehenden Notenbankgewinns an die Staaten zwecks sofortiger Schuldentilgung dürften den gewünschten Effekt haben: Die Schulden der Staaten wären massiv gesenkt, die Inflationsrate dürfte deutlich anziehen und eine Entwertung der ebenfalls sehr hohen privaten Schulden bewirken. Die Grundlage für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft wäre gelegt.

Realistisch? Wohl nicht. Zu groß müsste die politische Kooperationsbereitschaft sein und auch die Fähigkeit, die Planungen geheim zu halten. Dennoch illustriert das Beispiel sehr schön, wie gefährlich es heute ist, auf Liquidität und Anleihen alleine zu setzten. Da das Ziel die Inflationierung ist, egal ob graduell über Zeit oder radikal über Nacht, muss sich unser Portfolio immer auch mit dem Inflationsszenario auseinandersetzen. Aktien und natürlich Gold bleiben Pflicht; Goldminen ebenso, ist es doch nur zu wahrscheinlich, dass es im Zuge eines solchen Resets zu einem Verbot privaten Goldbesitzes kommt. Hatten wir auch schon.

WiWo.de: „Globaler Reset – unwahrscheinlich, aber denkbar“, 8. Dezember 2016

18 Kommentare
  1. HB says:

    „QE to Infinity, followed by Gold balancing the balance sheets of the sovereign balance sheet disasters. Just as there is no tool other than QE to feign financial solvency, there is no tool to balance the balance sheet of the offending entities other than Gold. It is just that simple.“ (Jim Sinclair, 16.02.2013)

    …schön wär’s!
    Wunschdenken, siehe auch Schlusssatz im bto-blog oben.

    Und, wird Silber auch verboten? Als unterbewertetes Industrie-( und ex-monetäres)-Metall wohl kaum!

    Und wieso geht Ag auch hier bei bto vergessen? ;-)

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    • Wolfgang Selig says:

      Ich denke, Herr Dr. Stelter ignoriert Silber, weil es ihm nicht um die Anlagemöglichkeiten des einzelnen Bürgers geht, sondern um die große Linie der Staatsfinanzierung. Und da kommt es auf den inneren Wert und das stock-to-flow-ratio an, das bei Gold einfach wesentlich besser ist als bei Silber, da es so gut wie nicht verbraucht wird und die Produktion kaum kurzfristig steigerbar ist. Schön nachzulesen bei Ronald Stöferle mit seinen jährlichen Berichten „In gold we trust.“

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  2. SMK says:

    Genau so hat FDR 1933 das Problem ebenfalls angegangen: Gold wurde konfisziert und von 20USD auf 35USD je Unze aufgewertet. An den lächerlich kleinen Zahlen sieht man schön, was für eine Misere die Politik der letzten Jahrzehnte im Vergleich zu damals angerichtet hat.

    Dasselbe hat übrigens auch schon Bill Gross vorgeschlagen (google: „The FED should monetize gold“), ebenso wie Jim Rickards der für Gold auf 20.000 USD / oz plädiert.

    Konsequent zu Ende gedacht wird es so oder so einen neuen Goldstandard geben. Entweder, weil der Markt diesen durch steigende Goldpreise sozusagen selbst einführt oder weil die Politik und die Zentralbankster kapitulieren und es selbst machen.

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    • globalvoter says:

      Was keiner sehen will, ist die Tatsache, dass es, mittlerweile, keinen freien Markt mehr gibt! Alles ist manipuliert durch die ZB, die kein Geld „schätzen“, weil sie es selber, endlos, drucken können! (Virtuell !).
      Ergo verkauft man, scheinbar, unwiderstehlich, preiswert, Gold an seine Feinde, um sie in die Pleite zu treiben! Sobald das Bargeldverbot durchgesetzt ist, dem letzte Mosaikstein zur Totalen Diktatur, verliert das Gold seine Zahlungs/Geldfunktion! Wird, dann, wegen Bedeutungslosigkeit abgewertet!
      In der kommenden, nein, schon herrschenden Diktatur, wird der Ausgleich, im FIAT Geld System, durch Negativzinsen und Inflation bewirkt, d.h., der Reset durchgesetzt, welcher nichts anderes ist, als die Enteignung der Massen, wie es die Kriege auch sind/waren!
      Die Eliten brauchen kein Geld, weil sie es sich selber drucken. Die wollen „nur“ die Macht, um das auch durchsetzen zu können!

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      • Wolfgang Selig says:

        Sie können ein Bargeldverbot durchsetzen, auch ein Goldverbot. Aber Sie können nicht einfach jedes Produkt verbieten, das eine Wertaufbewahrungs- bzw. Tauschfunktion einnehmen kann. Vom Auto bis zum Single Malt, von der Silbermünze bis zum Grand Cru. Und bitte bedenken Sie, dass „der Staat“ vor allem von Staatsdienern mit kleinen Gehältern getragen wird, deren Kaufkraft entscheidend zur bisher weitgehenden Ehrlichkeit dieser Leute beigetragen hat. Oder glauben Sie, ein Polizist oder Finanzbeamter mit hungrigen Kindern interessiert sich noch für seine Dienstanweisungen, wenn durch die oben genannte Politik Hyperinflation herrscht? Sie werden sich im Tausch gegen 1 kg Südtiroler Speck mit den meisten schnell auf etwas einigen können. Schauen Sie sich an, wie das in Griechenland jetzt schon läuft…

  3. Axel says:

    Das dumme ist nur, kaufen die ZB’s den Bürgern das Gold zu den neuen Preisen ab, erhöht sich damit die Gesamtverschuldung automatisch um genau diesen Betrag, wodurch wieder neue (ungedeckte) Billionenschulden entstehen. Denkfehler?
    Und ist das deutsche Gold überhaupt noch in den amerikanischen Tresoren und nicht verliehen, wie oft zu lesen?

    Welche Minenaktien soll man denn kaufen? Viele Minen sind in politisch unstabilen/undemokratischen Ländern. Kein Land würde, würde es auf so einem Schatz sitzen, noch eine Unze Gold an ausländische Unternehmen ausliefern. Viel Konfliktpotential…
    Eine Enteignung von Gold würde ebenfalls zu gesellschaftlchen Turbulenzen führen, da viele, die eben nicht das Geld haben, sich Immobilien zu kaufen, um die Investitionsmöglichkeiten des „kleinen Mannes“ gebracht werden, während die Großkopferten mit ihren Millionärsspielzeugen (Yachten, Oldtimer, Luxusimmobilien…) mal wieder ungeschoren davonkommen könnten…Sehr hohes Konfliktpotential…

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  4. mg says:

    Es ist nicht notwendig Gold aufzuwerten, um Staatsschulden oder faule Kredite zu löschen. Die ZB können die Staatsschulden aufkaufen (die Gläubiger bekommen ihr Geld zurück), zins&tilgungsfrei stellen, in einen Sonder-„tilgungs“-Fond überführen (um sie aus der Bilanz zu schaffen) und dort werden sie dann irgendwann, still und unbeobachtet, per Gesetz beerdigt.

    Bargeldverbot und Negativzins dürften zumindest vorübergehend einen positiven Effekt auf die Preisentwicklung der Edelmetalle haben. Werden Negativzinsen nach Beseitigung der Staatsschulden noch benötigt? Ich denke nicht. Der eigentliche Kunstgriff der Zentralbanken ist es, die Preiserwartungen für Vermögenswerte bei langsamer und vorsichtiger Zinserhöhung stabil und vor allem hoch zu halten. Bisher sieht es so aus, als gelänge ihnen das sehr gut.

    „All assets, but gold.“

    https://www.youtube.com/watch?v=dFSOPsuGhLE

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      • mg says:

        Das Aufwerten der Goldbestände durch die ZBen ist ein alter Traum derjenigen „Goldbugs“, die der Ansicht sind, dass sie sich gut gegen Konfiskation abgesichert haben (Gold im Garten verbuddeln o. ähn. Spässe).

        Wenn man die private Verschuldung über Inflation reduzieren will, wird dies imho über den Ölpreis, d.h. mittels einer Verknappung des Ölangebots durch Saudi Arabien, geschehen. Das würde gleichzeitig den Strukturwandel in Richtung Elektromobilität fördern. Würde Saudi Arabien dabei mitmachen? Ich glaube, ja.

    • Michael Stöcker says:

      Ja, so kann man es machen. Aber: So wird das widerliche Verhalten des parasitären Finanzsektors ex post via ZB-Bilanz auch noch goutiert und das Umverteilungskarussell hält das fiktive Kapital der 1% am Leben und treibt die Assetpreise für die 99% in unerreichbare Höhen. So werden keine Schulden ans Bilanzkreuz der ZB genagelt, sondern die Demokratie.

      Um es noch einmal klar und deutlich in Erinnerung zu rufen: Die Staatsschuldenkrise ist in aller erster Linie eine Folge der parasitären Bankenexzesse. Und zur Belohnung will der Oligarchensozialist Trump auch noch die Steuern für die 1% senken. Kein Wunder, dass die Mumie Marx wieder auferstanden ist.

      Wenn die Helikopter weiterhin ausschließlich über die Wallstraße fliegen und nicht auf die Hauptstraße umschwenken, werden die Radikalisierungstendenzen die gesellschaftlichen Fundamente hinwegfegen.

      LG Michael Stöcker

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