„Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen“ – bto im Museum

Im Deutschen Historischen Museum gibt es eine Sonderausstellung mit dem Titel „Sparen – Geschichte einer deutschen Tugend“.

 

Gezeigt wird die Geschichte des Sparens in Deutschland seit dem Dreißigjährigen Krieg. Der Schwerpunkt liegt auf der staatlichen Politik der Sparförderung, die im 19. Jahrhundert begann und bis heute anhält. Plakate, Filme und Spardosen sind zu bewundern. Es ist der Versuch, zu erklären, warum wir Deutsche so ein Volk von Sparern sind, ungeachtet der mehrfachen Vermögensvernichtung im Zuge von Kriegen, Hyperinflation und Währungsreform. Durchaus sehenswert, wenn man in der Gegend ist. (Anreisen würde ich dafür nicht extra).

Als ich die Ausstellung besuchte, freute ich mich, dort zitiert zu werden:

Titel einer Geschichte von mir bei manager magazin online, die sich mit unserer falschen Exportfixierung beschäftigt. Immer noch aktuell, weshalb ich gerne an dieser Stelle daran erinnere:

„Deutschland ist wieder Exportweltmeister!“  fast schon jubelnd wurde in dieser Woche in den Medien davon berichtet, dass wir mit einem Überschuss von 310 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr wieder China überholen. Fantastische Nachrichten, so wird suggeriert. Nichts zeigt doch deutlicher, wie gut wir wirtschaftlich aufgestellt sind. Uns kann keiner. Unsere Industrien stehen gut da, sind hoch innovativ und ungemein wettbewerbsfähig. Die beste Basis also, um Wohltaten wie höhere Renten und bessere soziale Absicherung zu bezahlen. Migrations- und Eurokrise meistern wir so doch locker, wir können es uns doch leisten.

Leider ist diese Einschätzung falsch. In Wahrheit ergeht es uns wie den Eichhörnchen, die zwar fleißig Nüsse sammeln und verstecken, also sparen, aber diese im harten Winter dann aber nicht wiederfinden. Den Eichhörnchen mag es letztlich egal sein, ob sie alle Nüsse wiederfinden, Hauptsache, sie verhungern nicht. Uns darf es nicht egal sein, weil es erhebliche politische und soziale Verwerfungen mit sich bringen wird, wenn deutlich wird, dass wir unsere Nüsse nicht mehr wiederfinden.

Außenhandelsüberschuss bedeutet Kapitalexport

Ich habe an dieser Stelle schon mehrmals erklärt, wie der Zusammenhang zwischen Außenhandelsüberschuss und Ersparnisbildung ist. Dennoch empfiehlt es sich, dies nochmals klar zu machen. Wenn ein Land einen Außenhandelsüberschuss erzielt, bedeutet dies zwangsläufig einen Export von Ersparnissen ins Ausland, entweder in Form von Krediten oder aber in Form von Direktinvestitionen im Ausland.

Um das zu erklären, nehmen wir einmal an, es gäbe keinen Außenhandel. In diesem Fall besteht die Volkswirtschaft aus den privaten Haushalten, den Unternehmen und dem Staat. Jeder dieser Sektoren kann sparen oder Schulden machen beziehungsweise Eigenkapital erhöhen. Die Summe der Finanzierungssalden der drei Sektoren ist per Definition null. Sparen die privaten Haushalte, was normalerweise der Fall ist, haben die Unternehmen üblicherweise ein Defizit, weil sie investieren und dabei auf die Finanzierung durch die privaten Ersparnisse angewiesen sind.

Das was die Unternehmen nicht brauchen, leiht sich dann der Staat. Sparen die Haushalte mehr als Unternehmen und Staat sich leihen wollen, kommt es zu einer Rezession und die Angleichung erfolgt über sinkende Einkommen und Ersparnis oder höhere Staatsdefizite. Es ist in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Welt ohne Außenhandel nicht möglich „zu viel“ zu sparen. Es kommt zu einem Ausgleich.

Wie Deutschland seine Ersparnisse exportiert

Anders ist das, wenn man als weiteren Sektor das Ausland mit einführt. So kann es sein, dass ein Land Ersparnisse aus dem Ausland importiert oder eigene Ersparnisse exportiert. Die Summe der Finanzierungssalden der nun vier Sektoren, private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland ist allerdings auch hier zwingend null.

Wichtig zu wissen ist zudem, dass ein Nettokapitalimport aus dem Ausland zwangsläufig ein genauso großes Handelsdefizit bedeutet und umgekehrt ein Handelsüberschuss immer auch einen Nettokapitalexport in gleicher Höhe bedingt. (Für die Volkswirte unter den Lesern sei hier angemerkt, dass ich natürlich weiß, dass neben dem Im- und Export von Waren und Dienstleistungen auch Übertragungen von Geld ins Ausland und die Bilanz der Vermögens- und Erwerbseinkommen dazu gerechnet werden. Letztere sind aber von geringer Bedeutung verglichen zum Außenhandel).

Schauen wir uns die Zahlen für Deutschland für das Jahr 2015 genauer an (Quelle: Statistisches Bundesamt):

  • Finanzierungssaldo private Haushalte: 4,8 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das bedeutet alle Haushalte zusammen haben netto im Volumen von 4,8 Prozent des BIP gespart.
  • Finanzierungssaldo Unternehmen: 3,2 Prozent vom BIP. Also ebenfalls eine Netto-Ersparnis.
  • Finanzierungssaldo Staat: 0,6 Prozent vom BIP die berühmte „schwarze Null“.

Wäre Deutschland eine geschlossene Volkswirtschaft, befänden wir uns in einer schweren Krise. Es würde massiv Nachfrage, immerhin im Volumen von 8,6 Prozent des BIP, fehlen, weil wir alle sparen. Doch von Krise ist keine Spur! Das verdanken wir dem Ausland, wohin wir unsere überschüssigen Ersparnisse von 8,6 Prozent vom BIP exportiert haben.

Dies bedeutet aber zugleich, dass das Ausland im Volumen von 8,6 Prozent des deutschen BIP mehr Waren aus Deutschland gekauft als nach Deutschland exportiert hat. Der Titel des Exportweltmeisters gilt folglich für Waren und für Ersparnisse gleichermaßen.

Deutschland legt das Geld dumm an

Bis jetzt könnte man noch sagen, dass die Handelsüberschüsse ja nicht schlecht sind. Schließlich bauen wir Forderungen gegen das Ausland auf, die wir in den kommenden Jahrzehnten, wenn bei uns die Folgen der Alterung voll durchschlagen, entsprechend einlösen können, um die Kosten zu tragen. Dies würde allerdings voraussetzen, dass wir das Geld ähnlich wie Länder mit Staatsfonds wie Norwegen global diversifiziert und renditestark anlegen.

Dies tun wir aber nicht. Unsere Banken und Versicherungen haben in den vergangenen Jahrzehnten unsere Ersparnisse lieber in US-Subprime und griechische Staatsanleihen investiert. Alleine in der Finanzkrise, schätzt das DIW, haben wir 400 bis 600 Milliarden Euro verloren also fast den Überschuss von zwei Jahren! Die Summe der Handelsüberschüsse der letzten Jahre liegt deutlich über dem Zuwachs des Auslandsvermögens. Wie die Eichhörnchen sammeln wir fleißig und finden nicht alles wieder.

Diese Politik wird ungebremst fortgesetzt. Die in Vergessenheit geratenen Target2-Forderungen der Bundesbank im Zuge der Geldschwemme der EZB, die die immer noch andauernde und sich verstärkende Eurokrise verdeckt,  wachsen wieder an. Zurzeit liegen sie bei über 677 Milliarden Euro. Diese Milliarden sind eine Forderung gegen Krisenländer wie Griechenland und Italien, die mit dem „Hauptfinanzierungssatz“ der EZB also null verzinst werden.

Im besten Fall bekommen wir auf unsere Ersparnisse also keine Zinsen, im schlimmsten Fall verlieren wir zumindest einen Teil der Forderungen im Zuge der unumstößlich auf uns zukommenden Schuldenrestrukturierung im Euroraum egal ob offen durch Schuldenschnitte oder verdeckt durch Inflation. Wir hätten unsere Autos genauso gut verschenken können.

Doch die Aussage vom dummen Eichhörnchen gilt auch unabhängig von den Target2-Forderungen. In einer überschuldeten Welt ist es keine gute Idee, Gläubiger zu sein. Deshalb wäre es allemal besser, mehr im Inland auszugeben, als dem Ausland als Kredit zu gewähren.

Vor die Wahl gestellt, unser Geld dem deutschen oder dem spanischen/italienischen/portugiesischen Finanzminister zu leihen, sollten wir es lieber dem deutschen geben. Nach dem Motto: Wenn ich das Geld sowieso nicht wieder zurückbekomme, dann habe ich lieber in Deutschland eine gute Infrastruktur und ein modernes Breitbandnetz finanziert als in Italien.

Investitionen im Inland dringend nötig

Sparen soll ja dazu dienen, den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und so den langfristigen Wohlstand zu erhöhen. Wie wir gesehen haben, ist dies zurzeit nicht der Fall. Der Überschuss im Handel ist also eher ein Grund zur Trauer als zur Freude. Besser wäre es, im Inland zu investieren:

  • Die Industrien, auf denen unsere Erfolge basieren, stammen allesamt aus der Kaiserzeit. Es ist dringend nötig, hier den weiteren technischen Wandel zu bewältigen. Stichwort: Brennstoffzelle statt Diesel.
  • Die öffentliche Infrastruktur zerfällt. Dazu braucht man gar keine Studien, ein offener Blick auf die Straßen der Umgebung genügt.
  • Das Bildungswesen ist weit davon entfernt, die Grundlagen für eine Hochtechnologie-Gesellschaft der Zukunft zu legen. Im neuesten Ranking der besten Universitäten der Welt belegt keine deutsche Universität einen Platz unter den Top 50. Die TU München schafft immerhin Platz 60. Von der Qualität der Schulen will ich an dieser Stelle als Berliner schon gar nicht mehr reden.
  • Wenn man schon eine ungesteuerte Zuwanderung zulässt, dann muss man auch das Geld in die Hand nehmen, das nötig ist, um den langfristigen Schaden so gering wie möglich zu halten.
  • Da Ersparnisbildung im Ausland mit Blick auf die demografische Entwicklung sicherlich nicht falsch ist, sollten wir unser Geld besser anlegen. Ideen für einen Staatsfonds gibt es bereits und die Bundesbank sollte dem Vorbild der Schweizer Notenbank folgen und Aktien kaufen. Langfristig auf jeden Fall die bessere Geldanlage!

Leider verweigert sich die Bundesregierung diesen Überlegungen. Das Festhalten an der „schwarzen Null“ zwingt die Ersparnisse ins Ausland und ermöglicht erst so den Handelsüberschuss. Eine sich selbst nähernde Wohlstandsillusion, aus der wir mit einem ziemlich schmerzhaften Knall erwachen werden, sobald die Forderungen ausfallen. Wenn Sie also das nächste Mal die Jubelmeldungen zu unseren Handelsüberschüssen hören, denken Sie an das Eichhörnchen. Ein putziges Tierchen, aber nicht sonderlich intelligent.

→ manager-magazin.de: „Deutschland wirtschaftet wie die Eichhörnchen“, 7. September 2016

17 Kommentare
  1. Johann Schwarting sagte:

    „Die öffentliche Infrastruktur zerfällt. Dazu braucht man gar keine Studien, ein offener Blick auf die Straßen der Umgebung genügt.“

    Die Rettung ist in Sicht – der Zerfall der öffentlichen Infrastruktur wird dank PESCO als Nebenprodukt zusätzlicher Verschuldungsketten im Haftungsraum des Militärisch- und Sicherheits-industriellen Komplexes teilweise beseitigt.

    https://www.abendblatt.de/politik/article213875803/Bruecken-sollen-panzertauglich-werden.html

    „Durch die Erleichterung der militärischen Mobilität innerhalb der EU können wir Krisen besser vorbeugen“, erklärte Federica Mogherini – Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. Deutschland profitiert davon als geografisch zentrales Land in Europa überproportional.

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    • Jens sagte:

      Das ist so lächerlich von der EU. Da wird mit Russland ein Papiertiger aufgebaut um dann in Infrastruktur zu investieren. Russland ist sicherlich KEINE „lupenreine“ Demokratie und verfolgt seine aussenpolitischen Interessen genau so rücksichtslos wie die USA, aber Russlands Rüstungsbudget ist nur ein Bruchteil von dem der Nato Staaten. Trotzdem wird so getan als ob ein russischer Angriff ein reales Szenario sei.

      Anstelle höherer Rüstungsausgaben bräuchte Deutschland mehr Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur. Und mehr Anstrengungen die Flüchtlinge zu integrieren. Hier hilft nur Zuckerbrot UND Peitsche (Bildlich gesprochen Gewalt liegt mir fern). Das wird auch Geld kosten. Beim Wohnungsbau muss auch etwas geschehen. Trotz riesigem Bedarf in den Ballungsgebieten, geht die Anzahl der Baugenehmigungen ZURÜCK.

      Gruß Jens

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      • Johann Schwarting sagte:

        @Jens

        Der Ansicht

        „Das ist so lächerlich von der EU.“

        bin ich nicht. Das amerikanische Imperium wird wegen seiner Überschuldung den debitistischen Machtkreislauf des Geldes der Be- und Entmächtigungen zurückstutzen müssen – das Imperium ist nicht mehr finanzierbar, im Verfall begriffen und muss sich weltweit zurückziehen. Das werden wir in Asien und vor allem in Europa erleben.

        http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-us-praesident-kuendigt-rueckzug-der-us-truppen-aus-syrien-an-a-1200709.html

        Die Sätze: „Wir werden sehr bald aus Syrien abziehen“, „Wir haben sieben Billionen Dollar im Nahen Osten ausgegeben – und was haben wir dafür bekommen? Nichts.“ und „Um Syrien sollten sich nun „andere Leute“ kümmern“ von Donald Trump zeigen, wohin die Reise geht. Die „andere Leute“ sind die Europäer und bedeutet, dass die europäische Union in Zukunft vollständig auf sich gestellt sein wird. Im Hinblick auf alle Probleme – Terror, angrenzende Konflikte, Flüchtlingsströme – gibt es keine nationalstaatlichen Lösungen, sondern nur ein lokales EU-Imperium mit einem einheitlichen Rechts-, Verteidigungs-, Finanz-, Wirtschafts- und Handelsraum. Alles wird finanziert mit Eurobonds – nationalstaatlich ist Europa sonst verloren.

  2. FX sagte:

    Das BIP von Deutschland hat sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt.

    Die USA brauchten dazu 20 Jahre, die Chinesen sogar nur 9 Jahre:

    https://www.google.de/search?q=bip+china&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab&gfe_rd=cr&dcr=0&ei=M2q_WtziAbTL8gfumroY

    Vielleicht wäre so etwas wie ein Masterplan vonnöten, das Land und damit den Wohlstand der Einwohner wirtschaftlich voranzubringen, was es vor 50 Jahren bereits in Japan gab:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45741260.html

    Seit 1990 ist man dort allerdings im wesentlichen mit sich selbst beschäftigt und auch die hiesige Politik verdient nicht das Vertrauen, den Wohlstand der Einwohner Deutschlands in den nächsten 10 bis 20 Jahren signifikant verbessern zu können, obwohl es Zukunftschancen genug gibt, die jedoch von anderen – beispielsweise den Chinesen – wahrgenommen werden.

    Das aktuelle Geldsystem in Japan und Europa mit Null- und Niedrigzinsen und latent schwachem Außenwert der Währung ist die direkte Folge und für jedermann sichtbarer Ausweis dieses schleichenden, wirtschaftlichen Niedergangs:

    https://reisebuch.de/usa/info/praxis/historische_dollarkurse.html

    1960: 4 DEM = 1 USD –> 1990 1,50 DEM = 1 USD

    1960: 4,4 CHF = 1 USD –> 1990 1,40 CHF = 1 USD

    1960: 360 JPY = 1 USD –> 1990 140 JPY = 1 USD

    http://fxtop.com/de/historische-wechselkurse.php

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  3. Wolfgang Selig sagte:

    Es ginge auch anders. Die Gewerkschaften müssten ihre Zurückhaltung aufgeben und für höhere Löhne in der Exportbranche sorgen. Das würde die Arbeitnehmer dort freuen, ihren Binnenkonsum steigern, den Export drücken, den Leistungsbilanzsaldo auch, Herrn Trump und andere beruhigen und Druck auf Produktivitätsfortschritte machen. Leider versagen die Gewerkschaften hier komplett. Sie haben sich zu einem Kartell mit den Arbeitgebern verbunden, um echte Reallohnsteigerungen zu verhindern und eine stabile Basis an zahlenden Mitgliedern zu haben. Und diese sind leider zu schafähnlich, um sich intern auf die Hinterfüße zu stellen und ihren Funktionären einzuheizen.

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      Es ginge so nicht.

      Denn höhere Löhne in der Exportbranchen würden ANREIZE setzen, MEHR Arbeitsplätze im Ausland zu schaffen als hierzulande zu erhalten.

      Das wollen weder die Gewerkschaftsfunktionäre noch die Arbeitnehmer in den Exportbranchen.

      DESHALB haben die Arbeitnehmer nun schon JAHRELANG in den glänzend verdienenden Exportbranchen Lohnerhöhungen akzeptiert, die gerademal einen Schapps über dem Finanzausgleich lagen – OHNE Streiks.

      Und was den Binnenkonsum anlangt:

      Na ja:

      Ein paar hätten bei kräftig gestiegenen Löhnen vielleicht ein Häuschen gebaut oder eine Eigentumswohnung erworben.

      Eine wohl beachtliche Zahl hätte das Geld auch für aufwendigere Reisen ausgegeben, nehme ich an.
      Nicht schlecht für die USA und einige Exoten-Länder, aber keine Steigerung des Binnenkonsums.

      Kurzum:

      Es steckt eine Menge RATIONALITÄT in den Verhältnissen, so wie sie sind.

      Das heißt nicht, dass sie gut sind.

      Es heißt nur:

      Es gibt Gründe, warum sie so sind, wie sie sind.

      Antworten
      • Wolfgang Selig sagte:

        @Hr. Tischer: ich gebe zu, dass es für etliche Leute rational ist, so zu handeln. Aber Ihrer Argumentation kann ich nicht folgen. Ja, es würden mehr Exportarbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Aber das würde ja wohl nur in den wenigsten Fällen dazu führen, dass die Arbeitnehmer mitziehen. Der Normalfall dürfte sein, dass sie sich Jobs in der Binnenwirtschaft suchen, wo wir einen bitteren Fachkräftemangel haben, z.B. bei Erziehern, Pflegepersonal, medizinischen Fach- und Hilfeskräften, Gastronomie, Handwerksbetriebe, etc. Und das wiederum würde m.E. tatsächlich die Binnenwirtschaft voran bringen.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Danke für den Kommentar, Sie zwingen mich zu einer vertiefenden Analyse.

        Sie haben insoweit recht, als die nicht vermeidbare Umorientierung der Wirtschaft – Verlust von Arbeitsplätzen in den Export-Branchen, Zuwachs in den Dienstleistungs-Branchen – stattfinden würde.

        Es ist aber mehr als fraglich, ob das „voran bringen“ heißen kann.

        Wenn man Vollbeschäftigung damit verbindet und vor allem den letztlich NÖTIGEN Strukturwandel, heißt es das wohl.

        Aber das bedeutet auch:

        Hochproduktive, SEHR GUT bezahlte Arbeitsplätze gingen verloren und weniger gut bezahlte kämen hinzu (wie z. B. in USA in erheblichem Umfang erfolgt)

        Das ganze Abgaben- und letztlich Sozial-System Deutschlands und darüber hinaus die Transfers in die EU kämen ins Rutschen, weil nicht mehr wie gehabt finanzierbar.

        Davon wäre – rückwirkend –in ERHEBLICHEM Maß auch der Binnenkonsum NEGATIV betroffen, insbesondere dann, wenn z. B. es z. B. durch Ausfall unserer Transferleistungen zum Zerfall der Eurozone kommen würde.

        Deshalb wird m. A. n. folgende Strategie verfolgt:

        Kein Verlust von Arbeitsplätzen in den Export-Branchen, den MANGEL von Arbeitskräften in den WACHSENDEN Dienstleistungs-Branchen, wie Pflege, durch Aktivierung von Unbeschäftigten und Arbeitslosen hierzulande und VERMEHRT durch „Importe“ von ausländischen Arbeitskräften decken.

        Das ist die volkswirtschaftliche Betrachtung.

        Aber Sie hatten ursprünglich auf die Gewerkschaften abgehoben.

        Die bzw. ihre Mitglieder wollen um keinen Preis ihre sehr gut bezahlten Arbeitsplätze in den Export-Branchen verlieren.

        Bei dort EUR 60.000 plus Jahreseinkommen verzichtet man schon mal auf einen ordentlichen Lohnzuwachs statt den Job zu verlieren und sich mit einem um vielleicht mehr als die Hälfte reduzierten Einkommen irgendwo in Richtung Dienstleistung hin zu orientieren.

        Das meine ich mit rationalem Verhalten.

        Es zielt auf eigene Interessen, hat aber natürlich volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen.

  4. Dietmar Tischer sagte:

    >Investitionen im Inland dringend nötig>

    Keine Frage – über die ersten vier Punkte braucht man nicht ernsthaft zu diskutieren.

    Der fünfte Punkt ist diskussionswürdig, erstens der impliziten Alternative „Ersparnisbildung im Ausland“ vs. „Investitionen im Inland“ wegen und zweitens hinsichtlich, ob es vorteilhaft wäre die FINANZIERUNG durch einen Staatsfonds vornehmen zu lassen.

    >Sparen soll ja dazu dienen, den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und so den langfristigen Wohlstand zu erhöhen. Wie wir gesehen haben, ist dies zurzeit nicht der Fall.>

    Zur Klärung dieser Frage auf Basis ökonomischer Einsichten hatte ich mit M. Stöcker ein Hühnchen zu rupfen, hier, wen es interessiert (mein Kommentar vom 30.März, 12:36):

    https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/schafft-der-kapitalismus-sich-ab/

    Tut mir leid, aber ich muss auch Ostern etwas in die hier geäußerten Auffassungen reingrätschen.

    >Leider verweigert sich die Bundesregierung diesen Überlegungen. Das Festhalten an der „schwarzen Null“ zwingt die Ersparnisse ins Ausland und ermöglicht erst so den Handelsüberschuss.>

    Der Satz besagt, dass die Bundesregierung zumindest die ersten vier Punkte von „Investitionen im Inland“ nicht angeht, WEIL sie an der „schwarzen Null“ festhält.

    Es ist richtig, dass sie an der „schwarzen Null“ festhält. Dazu muss noch nicht einmal auf den Finanzminister Scholz eingeredet werden. Er will es.

    Über die Gründe kann man diskutieren, hier einer, der nicht von der Hand zu weisen ist, ohne dass ich damit sagen wil, dass er hinreichend ist, die „schwarze Null“ nicht aufzugeben:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/olaf-scholz-rechnet-mit-kraeftig-steigenden-zinsen-a-1200599.html

    Die Frage ist, ob das Punkte-Programm verwirklicht werden KÖNNTE, wenn die Regierung nicht an der „schwarzen Null“ festhält.

    Erste Bedingung dafür ist die Finanzierung:

    Sie könnte über höhere Steuern und Abgaben erfolgen, was aber Widerstand hervorrufen würde und politisch praktisch nicht durchsetzbar ist.

    Sie könnte über höhere Staatsverschuldung erfolgen. Das wäre angesichts der Umfragen vermutlich auch sehr schwierig durchzusetzen, aber einfacher zu realisieren als durch Steuer- und Abgabenerhöhungen. Es hätte auch unerfreuliche Konsequenzen, siehe oben, Link zum SPON. Aber die blende ich einmal aus.

    Zweite Bedingung dafür sind HINREICHENDE realwirtschaftliche Ressourcen:

    a) Haben wir genug Ressourcen, um die Brennstoffzelle zu massentauglicher Reife zu bringen?

    b) Haben wir genug gut ausgebildete Lehrer, um das Bildungsniveau deutlich zu erhöhen (nicht nur, aber auch für die Zugewanderten, die nicht ausgewiesen werden können)?

    c) Haben wir genug Baukapazitäten, um die Infrastruktur in Schuss zu bringen?

    Antworten:

    Zu a) Ja, aber nicht, wenn GLEICHZEITIG der Wettbewerbsvorteil bei konventionellen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor nicht verloren gehen UND die E-Technologie inkl. Infrastruktur vorangetrieben werden soll. Alle drei „Projekte“ lassen sich nicht verwirklichen.

    Zu b) Die haben wir jetzt nicht und auch mittelfristig nicht

    Zu c) Die haben wir jetzt nicht und vermutlich auch mittelfristig nicht, wenn der Wohnungsbau weiterhin weit oben auf der Agenda steht.

    Kurzum:

    Das Punkte-Programm ist zu ambitioniert, um es selbst mittelfristig umsetzen zu können. Wir nähern uns der Vollbeschäftigung, was bei Umsetzung hieße: Nicht nur Hebung relativ weniger noch brachliegender Ressourcen, sondern ANDERE Allokation der Ressourcen, was nicht von heute auf morgen geht und mit ERHEBLICHEN Friktionen verbunden wäre angesichts der Tatsache, dass unsere Wertschöpfung nun einmal extrem exportorientiert ist.

    Alternative:

    Ressourcen importieren, also Dienstleister anheuern.

    Das ist eine Möglichkeit, z. B. was Lehrer für den Englisch-Unterricht betrifft. Die muss man aus GB rauskaufen.

    Ebenso Pflegekräfte aus den Nachbarländern, was der Gesundheitsminister schon öffentlich andenkt, hier:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/spahn-will-mehr-pflegekraefte-aus-dem-ausland-15520442.html

    Spahn will sie „einladen“ und „bei der Anerkennung von Abschlüssen müssen wir noch schneller werden“.

    Damit sind wir beim „Niveau“ und der Akzeptanz der Bevölkerung HIERZULANDE – und den PROBLEMEN, die mit derartigen Lösungen ANDERSWO entstehen.

    Das wirft zusammen genommen ganz NEUE Probleme auf.

    Kurzum:

    Die Kritik am Zustand des Landes ist berechtigt.

    Aber zu glauben, dass die Auflösung des Sparvolumens von 8,6% des BIP – wenn sie denn überhaupt durchsetzbar wäre – allein etwas ändern würde, ist naiv und, an Dr. Stelter adressiert, auch zu populistisch:

    >Vor die Wahl gestellt, unser Geld dem deutschen oder dem spanischen/italienischen/portugiesischen Finanzminister zu leihen, sollten wir es lieber dem deutschen geben. Nach dem Motto: Wenn ich das Geld sowieso nicht wieder zurückbekomme, dann habe ich lieber in Deutschland eine gute Infrastruktur und ein modernes Breitbandnetz finanziert als in Italien.>

    Wenn es doch nur so einfach wäre, dem deutschen Finanzminister Geld zu geben, um eine gute Infrastruktur und ein modernes Breitbandnetze sowie gute Bildung etc. zu BEKOMMEN.

    Zu FATALISTISCH?

    Nein, fatalistisch wäre die Auffassung, dass mehr Geld in der Hand des Finanzministers die ERHÖHUNG der Mütterrente, ein FRÜHERES Renteneintrittsalter und MEHR Baugeld für Familien etc. bedeuten würde …

    Was immer die realistische Auffassung ist, SO habe ich hier nicht argumentiert.

    Ich habe der Regierung RATIONALITÄT und GUTEN WILLEN unterstellt, falls sie die „schwarze Null“ aufgeben würde.

    Antworten
  5. Gast sagte:

    Hörte vor einiger Zeit Max Otte sagen, dass deutsche Unternehmen nur noch zu 30% im deutschen Eigentum stünden. Sie wären billig zu haben ua durch das Geld, das Deutschland ausländischen Investoren leiht und der gleichzeitigen „Enteignung“ der deutschen Gesellschaft, die nicht mehr selbst kaufen kann.

    Antworten

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