«Japan wird seine Schulden niemals zurückzahlen» ‒ und warum die Notenbanken die Staatsschulden einfach annullieren sollten!

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Nach der Lektüre dieses Interviews dachte ich mir, eigentlich könnte ich diese Seiten einstellen. Alles was man zur Krise sagen muss, ist in diesem Interview gesagt. Noch dazu aus dem Munde eines wirklichen Experten mit der Autorität des ehemaligen Amtes: Adair Turner war von 2008 bis 2013 Chef der britischen Finanzaufsicht Financial Services Authority und zuvor unter anderem bei McKinsey. Er spricht offen und deutlich aus, was neben ihm nur der ehemalige Chefvolkswirt der BIS, William White, tut. Beide werden sich nicht nur in Interviews äußern, sondern vor allem im direkten Gespräch mit den heutigen Entscheidungsträgern. Bleibt die Frage: Warum handeln die nicht endlich?! Wie immer die Highlights:

  • „Wir haben ein riesiges Problem. Die Gesamtsumme an Schulden, privaten und öffentlichen, ist so gross, dass wir kaum mit Wachstum aus diesem Schlamassel kommen. Manche sagen, man kann immer aus Schulden herauswachsen. Sie verweisen auf das Beispiel Grossbritanniens, das aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem Schuldenstand von 240% des Bruttoinlandprodukts kam. 1970 waren es dann nur noch 50%. Aber wir konnten damals nur aus den Schulden herauswachsen, da 25 Jahre lang das BIP nominal 8% jährlich gewachsen ist. Wegen der Demografie und einer höheren Produktivität konnten wir ein reales Wachstum von 3% jährlich erreichen. Wir hatten ein unter enger Kontrolle stehendes Finanzsystem, in dem wir eine Inflation von 5% und Zinsen von 3 oder 4% hatten.“ ‒ bto: Genau. Die fundamentale Lage ist in dynamisch wachsenden Volkswirtschaften (gute Demografie, viel Zerstörung durch den Krieg/Nachholbedarf) eine ganz andere als heute.
  • „Die höchste Inflation, die wir haben werden, wird bei 2% liegen. Und unsere reifen Volkswirtschaften haben einen hohen technischen Stand, sodass das erreichbare reale Wachstum bei höchstens 1,5 bis 2% liegt. Mit diesen Zahlen funktioniert es einfach nicht, aus den Schulden herauszuwachsen.“‒ bto: Exakt. Die Demografie bei uns ähnelt jener Japans von 1990.
  • „Die Japaner (haben) jetzt ist (die) beste Politikoption, und meiner Meinung nach ihre einzige, die Schulden zu monetarisieren, zu Geld zu machen. Die Regierung kann entweder die Schulden restrukturieren – Verpflichtungen, die bisher 100 wert waren, sind beispielsweise nur noch 70 wert – oder monetarisieren.“ ‒ bto: Wie oft gesagt. Die Japaner fahren auf die Wand zu und geben Gas. Pleite oder Währungsreform.
  • „Man ersetzt Staatsanleihen, die der Zentralbank gehören, mit einer neuen Form von Schulden, die nie fällig werden und keine Zinsen kosten. Die Bilanz der Bank of Japan würde ihre Grösse beibehalten, aber die Zentralbank würde Schulden nie zurückzahlen und darauf keine Zinsen bezahlen. Sie würden nur auf der Bilanz sitzen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Geld eine unbefristete Form von Staatsschulden ist. Werden Staatsschulden unbefristete und zinslose Schulden, werden sie zu Geld. Und das nennt man Monetarisieren.“ ‒ bto: interessante Definition von „Geld“. So betrachtet logisch, Bargeld abzuschaffen.
  • „Wir sind voller Angst, dass, wenn wir es mit einem kleinen Betrag machen, wir es mit grösseren und grösseren Beträgen machen wollen – und dann würde es eine Hyperinflation wie in der Weimarer Republik oder Simbabwe erzeugen. Es ist wie ein Medikament, das in kleinen Mengen gut tut, aber in grösseren tödlich ist.“ ‒ bto: Hier liegt das Problem: Was passiert mit den Überschussreserven der Banken? Wird es zu einem Kredit/Inflationsstoß kommen? Ich denke ja. Und auch die Zweifel, dass die Politik diesen Weg nicht zu schön findet und gerne wiederholt, sind groß. Am Anfang gab es in Mesopotamien alle 30 Jahre einen „Reset“, später dann schon alle drei!!
  • „Wenn man in einer Situation wie Japan ist, wird man es tun – ob man will oder nicht. Es ist ausgeschlossen, dass Japan seine Schulden jemals zurückzahlen wird. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der Markt diese Tatsache erkennen. Es wird eine wachsende Anzahl von Leuten geben, die japanische Staatsschulden ohne den Teil zählen, der von der Zentralbank gehalten wird.“ ‒ bto: die Lösung durch die Hintertür. Wirklich so ohne Nebenwirkungen? Wissen wir erst, nachdem es probiert wurde.
  • „Wenn die Leute schliesslich akzeptieren, dass die Regierung sich mit Zentralbankgeld und nicht mit Schulden finanziert, könnte sie eine grössere Inflation erzeugen, als die Bank of Japan es will. Dies könnte eine Abwärtsspirale auslösen: Inflation würde den Yen abwerten lassen, was die Inflation noch mehr anheizen würde. Das könnte zu steigenden Renditen für Staatsanleihen führen. Der Staat müsste höhere Zinsen auf den Teil der Schulden bezahlen, die nicht durch Geld finanziert sind.“ ‒ bto: Wird nicht passieren, weil dann einfach die BoJ alles aufkauft.
  • „Noch werden diese Reserven von den Geschäftsbanken nicht für neue Kredite genutzt, wie es die Anforderungen für Mindestreserven erlauben würden. Um die Banken daran zu hindern, mehr Geld zu schaffen, könnte man die Mindestreserven nach oben setzen. Das wäre ein Aufwischen, wenn der Stimulus zu gross wird.“ ‒ bto: Setzt voraus, dass das mit der Bilanz der Notenbank überhaupt noch geht!! Und wäre vermutlich zu langsam. Ich denke, hier liegt das Risiko dieses Weges.
  • „In Europa wird alles viel komplizierter: Wessen Schulden sollen abgeschrieben werden? In Japan ist die Sorge, dass mit dem Tabubruch der Monetarisierung die Regierung verantwortungslos wird und dann immer wieder mit dem Feuer spielt. In Europa ist es sogar schwieriger. Die Deutschen könnten sagen, dass Italien für die Schulden verantwortlich ist. Und bei einer Monetarisierung würde nur Italien profitieren. Die zusätzliche Inflation würde aber alle Länder treffen.“ ‒ bto: Exakt! Und wir bekämen nicht einmal eine Gegenleistung in Form von Reformen und Systemen, die eine Wiederholung verhindern.
  • „Im Laufe des nächsten Jahres, wenn sich die Wirtschaftslage in der Eurozone verschlechtert, könnte die Europäische Investitionsbank jede Menge Geld in Investitionsprojekte stecken und dafür Anleihen emittieren, die die EZB rein zufällig aufkauft. Die Gefahr ist: Wenn man vorgibt, keine Monetarisierung vorzunehmen, sendet man auch kein Signal an die Menschen, dass es möglich ist.“ ‒ bto: Wie bei der EZB ist das eine Schuldensozialisierung durch die Hintertür OHNE jegliche demokratische Legitimation.
  • „Die Zentralbanken versuchen nun, die Effekte des Schuldenüberhangs auszugleichen, indem die Banken zu einer stärkeren Kreditvergabe angeregt werden. Das ist, wie wenn man einen Kater bekämpft, indem man wieder Alkohol trinkt. Der Schuldenüberhang ist ja schon zu gross. Damit Schulden verschwinden, müssen sie zurückgezahlt, abgeschrieben oder monetarisiert werden. (…). Wenn wir versuchen, aus den Schulden nur mit einer sehr lockeren Geldpolitik zu wachsen, wird im Jahr 2020 die Verschuldung im Verhältnis zum BIP noch viel grösser sein.“ ‒ bto: Was ich seit Jahren bemängele. Exakt: Der Schuldenturm wächst ungebremst weiter, weshalb die faulen Schulden immer mehr werden.
  • „Es braucht eine vereinte Theorie der Gesamtschulden in einer Volkswirtschaft, privater wie auch öffentlicher Schulden. Gibt es zu viele Privatschulden, könnten sie in einer Krise auf die öffentliche Bilanz wandern. Aber wie viel ist zu viel? Das kommt auf das Land an. (..). Je geringer die langfristig nachhaltige Wachstumsrate, desto mehr müssen die Schulden in der Volkswirtschaft begrenzt sein. Es gibt einen bestimmten Verschuldungsgrad, ab dem man akzeptieren muss, dass die Schulden immer weiter wachsen, oder an dem eine Begrenzung der Schulden die Wirtschaft belastet.“ ‒ bto: Die meisten Volkswirte schauen immer noch nur auf die Staatsschulden. Und: Die 180-Prozent-Hürde, die ich für angemessen halte, sinkt natürlich weiter, je geringer das Wachstum. (180 = 3 mal 60 Prozent je Sektor, Staat, Private, Unternehmen. Mehr dazu in Back to Mesopotamia und der Billionen Schuldenbombe.)
  • „In einer idealen Welt hätten wir Banken nie erlaubt, so hoch verschuldet zu sein, wie sie es nun sind. Internationale Banken haben nun eine Eigenkapitalquote von 10% der risikogewichteten Bilanz. Aber sie können eine Hypothek vergeben und sie mit einem Risikogewicht von nur 10% ansetzen. Die Banken können also ein Hypothekenbuch haben, das zu 99% mit Schulden und nur 1% mit Eigenkapital hinterlegt ist.“ ‒ bto: Ja, hatten wir hier auch schon besprochen.
  • „Friedrich Hayek gibt eine brillante Erklärung, wie der Aufschwung funktioniert und sich selbst verstärkt. Wenn das Problem dann auftritt, gründet Hayeks Antwort auf einem deutschen Konzept von Schulden als moralischer Schuld. Man müsse säubern und liquidieren. (..)Ich stimme mit der hayekianischen Antwort nicht überein. Wir brauchen eine humanere Antwort.(…)Es braucht eine Lösung für unser Schlamassel, ohne dass das Signal gesendet wird, dass es keine Grenzen mehr gibt, da die Schulden später monetarisiert werden.“ ‒ bto: Ja, wir brauchen eine humane Lösung: geordnete Restrukturierung, Annullierung oder Vollgeld.

Glasklare Sicht auf die Welt, in der wir leben. Die Umstellung auf Vollgeld könnte hier sogar helfen: Schuldenrestrukturierung ähnlich dem hier gemachten Vorschlag und dann ‒ hoffentlich ‒ eine Begrenzung des Kreditwachstums, orientiert am nominalen BIP-Wachstum. Illusion? Vielleicht doch nicht mehr! Und da es vermutlich nicht so schnell dazu kommt, vielleicht doch ein Grund auch an dieser Stelle weiter dafür zu werben.

FINANZ und WIRTSCHAFT: «Japan wird seine Schulden niemals zurückzahlen», 21. November 2014

7 Kommentare
  1. Hartmut G. says:

    „eine Begrenzung des Kreditwachstums“

    nicht wirklich was neues. Deswegen gab es bereits ein Staatsanleihenverbot für die EZB. Und was hat’s genützt? Man hat eine Schummelargentur namens ESM installiert. War ja eine wirklich nachhaltige Lösung, die Vorsätze haben wirklich lange nach Euroeinführung gehalten.
    Not kennt kein Gebot, so sieht’s nunmal für die Herrscher aus.

    „Die Umstellung auf Vollgeld könnte hier sogar helfen“

    Und was macht dann die Staatskasse, wenn gerade nicht genug Geld da ist, für so brilliante wichtige Projekte wie Philharmonie, Abwrackprämie oder U-Boote zu bezahlen?
    Genau: Druckt Staatsanleihen, tauscht diese gegen Bares „Vollgeld“ bei der Zentralbank (oder benutzt Vermittler dazu) und erläßt ein Gesetz anschließend die Schuldscheine bei der Zentralbank zu zerreißen.
    Ökonomen haben immer so großartige Ideen und tolle Formulierungen, köstlich.

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      • Hartmut G. says:

        Vorschlag für was? Was ist denn überhaupt die Zielsetzung, das ist doch der Kernpunkt?

        IMHO freie Marktwirtschaft ist die einzige, die den Menschen wirklich das bescheren kann, was diese wollen (oder eben auch nicht wollen). Warum sollte man den Menschen vorschreiben wieviel diese zu konsumieren oder zu arbeiten haben?
        Und zu freier Marktwirtschaft gehört nunmal auch das konsequente Liquidieren von nicht bedienbaren Schulden. Wie das geht, habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben.

        z.B. J.J.Rosseau hatte da ganz spezielle Vorstellungen: Wenn man einen starken Staat will, muss man nur die Leute arm halten. Hören Sie mal auf Stefan Bach, der scheint die Reinkarnation von Rosseau zu sein. LOL

        IMHO das unangenehme an einem starken Staat (was immer der auch produtives regeln soll) sind in der Regel Staatsinterventionen und bisher haben diese eine Spirale von Gewalt und Besteuerung losgetreten und zu 100% immer zum Gegenteil der vielleicht eingangs guten Intention geführt . Scheint ein Naturgesetz zu sein.

  2. Dieter Krause says:

    Wenn Sie ständig davon ausgehen, das gar kein Vertrag mehr eingehalten wird, brauchen Sie auch gar keine Verträge mehr abschließen, Herr G.! – Herr Turner hat in seinem Interview mit FuW nur mal laut über Japan und die EU nachgedacht: Und da hat Japan ganz eindeutig noch die besseren Karten! Vollgeld ist im übrigen nicht das Allheilmittel für alle Krisen – es ist vor allem erst mal ein Finanzmarktstabilisator, auf dem man weiter aufbauen könnte! Aber dafür müssen die Politiker das Konzept erst mal verstehen. Könnte aber am Ende die Option sein, die ihnen noch am besten gefällt, auch weil dadurch die Banken knallhart an die Kandarre genommen werden! Alle anderen Optionen – geordnete Restrukturierung der Schulden oder Annulllierung – wären doch wohl eher reine Offenbarungseide oder?

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    • Hartmut G. says:

      „weil dadurch die Banken knallhart an die Kandarre genommen werden!“

      Warum sollte man die Banken „an die Kandarre“ nehmen? Oh, weil das gerade ein toller Sündenbock ist und sich populistisch gut verkauft?

      Fakt: Nicht die Banken sind das Problem, sondern ihre Schuldner, die nicht zahlen können oder wollen.
      Und warum haben Banken diese Kredite ausgegeben? Weil die Politik sie dazu gezwungen bzw. korrumpiert hat.
      Und wenn’s dann mal nicht passen sollte, werden Banken und Politik schon gemeinsam einen dritten finden und es aus dem rausprügeln, alternativ kann man natürlich auch das Geld einfach nachdrucken und dann „Vollgeld“ nennen. „Voll“ zumindest bis zum nächsten Mal.

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  3. Dieter Krause says:

    Moral Hazard ist definitiv auch ein Bankenproblem! Dem allerdings erst die Politik, die nicht verstanden hat, was sie da wie liberalisiert hat, den Weg geebnet hat. Wobei man sicherlich zwischen den USA und Europa einen Unterschied machen muss. Aber zuerst einmal gibt es einen Kredit (Bank!) – dann eine Schuld! – Den politisch-monetären Komplex kann man aber nicht leicht aufdröseln. Risiken werden immer bleiben! Aber wir brauchen keine Monsterbanken mit Bilanzsummen über 2 oder 3 Bio. Euro! Zumal die ihre Risiken dann selber gar nicht mehr vernünftig einschätzen können. Denn in jedem Falle sind sie dann too big to fail – und in Europa auch too big to bail!

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