Warum die Zinsen tief bleiben müssen

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Adair Turner, Chairman des Institute for New Economic Thinking (INET) und früherer Finanzmarkt-Chefaufseher in Großbritannien ist einer der profiliertesten Denker zur aktuellen Krise. Bei bto war er schon mehrfach Thema, vor allem mit seinem wohl richtigen Plädoyer für eine massive Monetarisierung.

Nun ein erneutes Interview mit der FINANZ und WIRTSCHAFT. Hier die Highlights und wie stets mit bto-Kommentierung:

Zunächst zur aktuellen Inflationsdebatte:

  • Es ist natürlich möglich, dass die Inflationserwartungen steigen und damit die Teuerung zunimmt. Aber ich habe den Eindruck, dass die deflationären Kräfte in der Welt immer noch beträchtlich sind. Die Zinsen werden tief bleiben. (…) Verblüffend ist aber die Tatsache, dass all die außergewöhnlich starken geldpolitischen Maßnahmen bloß bewirkten, dass die Inflation von null in die Nähe des Ziels von 2 % steigt. Das weist darauf hin, dass sehr starke fundamentale, strukturelle Faktoren in die andere Richtung ziehen.“ – bto: Das denke ich auch, außer, es käme wirklich zu einem drastischen Vertrauensverlust in Geld, einem Angebotsschock oder einer Flucht der Anleger aus allen Zinspapieren aus Angst vor Forderungsausfällen der immer höher verschuldeten Akteure. In letzterem Fall hätten wir Deflation und hohe Zinsen.

Zur Rolle Chinas

  • Ohne den staatlichen Stimulus in China durch die Kreditausweitung von 2009 bis heute wäre die Weltwirtschaft in einer viel tieferen deflationären Falle. Vergangenes Jahr hat China den Stimulus weitergeführt, was mich überrascht hat – ich dachte, die chinesische Regierung gehe davon aus, dass der inländische Schuldenberg untragbar geworden sei. Ich glaube aber nicht, dass noch mehr neuer Stimulus kommen wird.“ – bto: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Zurzeit sieht es so aus, als würde China weitermachen. Doch was, wenn nicht?

Zur Fiskalpolitik und den Zinsen

  • Weltweit hat eine Lockerung stattgefunden, und für die USA wird eine solche erwartet. All das könnte bewirken, dass die Welt für einige Jahre zu einer Teuerung in der Nähe des Inflationsziels zurückkehrt, vielleicht mit etwas höheren Zinsen. Trotzdem bestehen starke deflationäre Tendenzen.“ – bto: Vor allem könnten höhere Zinsen wieder in einen Abschwung führen.
  • In den letzten sechs Monaten sind die Nominalzinsen gestiegen, da sich die Inflationserwartungen erhöht haben. Aber die langfristigen Realzinsen sind keineswegs höher, sondern so tief wie zuvor, und sie werden vermutlich tief bleiben. Die langfristigen Realzinsen werden nicht von den Erwartungen gesteuert und auch nicht von den Zentralbanken, sondern von der strukturellen Balance zwischen weltweitem Sparen und Investieren. Das spricht weiterhin für sehr tiefe langfristige Zinsen.“ – bto: Das ist der Punkt mit den Ersparnisüberschüssen. Ich denke eher, es liegt an den untragbaren Schulden. Das sieht auch Turner so: „Um die hohen Schulden tragen zu können, brauchen wir sehr tiefe Zinsen.“
  • Tiefe Zinsen haben negative Auswirkungen. Ein Problem ist die langfristige, säkulare Zunahme der Ungleichheit. In solch einem Umfeld ist die Strategie, die Weltwirtschaft mit sehr tiefen Zinsen am Laufen zu halten, zwangsläufig gut für Personen, die Vermögen besitzen.“ – bto: Das ist bekannt und birgt entsprechenden Sprengstoff.

Monetarisierung als Lösung

  • Viel besser als riesige Beträge für einen rein geldpolitischen Stimulus wären kleinere Beträge für Steuersenkungen oder Staatsausgaben gewesen, finanziert von der Zentralbank. Die britische Zentralbank hat ab 2009 für 400 Mrd. £ Anleihen gekauft – das Quantitative Easing. (…) Doch die Bank of England hätte besser 50 Mrd. £ für die monetäre Finanzierung eines zusätzlichen Staatsdefizits. Und sie hätte der Öffentlichkeit sagen sollen, dies sei permanent monetär finanziert. Damit hätte die BoE ihre Bilanz weniger aufgebläht und die Wirtschaft mehr stimuliert. Wegen des Verzichts auf einen monetär finanzierten Fiskalstimulus haben wir nun gefährlich große Notenbankbilanzen.“ – bto: So werden wir beides bekommen, erst die langen Bilanzen und dann in der nächsten Runde die direkte Staatsfinanzierung.
  • Die Bank of Japan sollte erklären, dass sie z. B. ein Viertel der Staatsanleihen in ihrem Besitz abschreibt. (…) Das ist eine permanente, monetär finanzierte Transaktion, eine Ausdehnung der Notenbankgeldmenge. Das Geldangebot bleibt dauerhaft höher. Bisher sind mit QE und der Expansion der Geldmenge die Einlagen der Banken bei Japans Zentralbank von 6 auf 100 % des Bruttoinlandprodukts gestiegen.“ – bto: Es ist der Wundertrick, der Schulden über Nacht verschwinden lässt. Und genau dies werden wir auch in Europa sehen.
  • (In Japan) wird es immer offensichtlicher werden, dass die Zentralbank Staatsschulden de facto monetär finanziert. Private Investmentgesellschaften werden zunehmend das wirkliche Niveau der japanischen Staatsschulden eruieren. Es wird eine Art faktische Akzeptanz geben. Aber selbst Japan kann Schulden monetär finanzieren, ohne dies einzugestehen. Das könnte ein Modell sein für anderswo. Man erhält das Tabu aufrecht, während man es bricht.“ – bto: DAS IST ES!!!

Machbar

  • Die Schwierigkeiten sind nicht technischer Natur, sondern politisch. (…) Der Umfang der monetären Finanzierung darf nicht von der Regierung festgelegt werden, sondern von einer unabhängigen Zentralbank. Eingesetzt wird das Instrument in einer Situation wie 2010, wo die Inflationsrate zu tief ist und die Zentralbank versucht, die Nachfrage anzukurbeln – und falls sie der Ansicht ist, dass ihre anderen Werkzeuge nicht wirken.“ – bto: Wer glaubt denn wirklich an unabhängige Zentralbanken?
  • Die Zentralbank druckt den von ihr bestimmten Betrag und überweist ihn auf ein Konto für die Regierung. Diese Summe soll helfen, die Teuerung zum Inflationsziel anzuheben. Die Regierung bestimmt, wie der Betrag eingesetzt wird, für tiefere Steuern oder höhere Staatsausgaben. So lässt sich das Werkzeug der monetären Finanzierung einsetzen, diszipliniert und verankert in einer unabhängigen Zentralbank, die ein Inflationsziel verfolgt. (…) Die ökonomische Theorie ist weitgehend geklärt, meiner Meinung nach haben wir Befürworter die Debatte gewonnen.“ – bto: Und es wird auch umgesetzt werden, davon bin ich überzeugt.

In der Eurozone schwierig

  • Die Eurozone hat eine Zentralbank und zahlreiche Regierungen, da ist das viel komplizierter. Die Frage lautet: Wer bestimmt über die Verwendung des Zentralbankgeldes? Skeptiker befürchten, Italien würde nach einer erfolgreichen monetären Finanzierung immer wieder dafür lobbyieren. Deutschland wird sein Einverständnis wohl nicht geben.“ – bto: doch. Ich denke mittlerweile, dass unsere Politiker dem zustimmen. Wenn man sich die Politik auf praktisch allen Feldern anschaut, kann man doch nur feststellen, dass es nirgendwo um Erhalt und Mehrung von Wohlstand geht. Es geht nur um Machterhalt. Im Zweifel versteht es die Bevölkerung ohnehin nicht, völlig besoffen von der (falschen) Wahrnehmung doch so „reich“ zu sein.
  • Ich bin skeptisch, dass ein Schuldenproblem wie in Italien innerhalb der bestehenden Struktur der Währungsunion gelöst werden kann. Es bräuchte einen Abschreiber, und der wäre viel disruptiver als der griechische, weil Italien viel grösser ist. Oder es bräuchte einen zusätzlichen Stimulus oder Beihilfe. Die Währungsunion ist unvollständig.“ – bto: Das wiederum ist doch schwer vorstellbar.

Fazit bto: Wir haben einen Wettlauf zwischen der Monetarisierung und den politischen Spannungen. Die Frage ist, was davon das Rennen macht. Gelingt die Monetarisierung rechtzeitig, dürften Euro und Establishment überleben. Kommt es vorher zu einem politischen Bruch – man denke an Uscitaly – könnte die Monetarisierung der letzte Hebel sein, um das Desaster abzuwenden. Dann würde die politische Entwicklung also der monetären helfen. Oder es wäre eben zu spät.

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Die Zinsen werden tief bleiben“, 13. April 2017

27 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    „Die langfristigen Realzinsen werden nicht von den Erwartungen gesteuert und auch nicht von den Zentralbanken, sondern von der strukturellen Balance zwischen weltweitem Sparen und Investieren. Das spricht weiterhin für sehr tiefe langfristige Zinsen.“

    So ist es. Diese Einschätzung widerspricht zudem der immer wieder falschen These, dass die EZB die Zinsen nach unten drücke und die armen Sparer enteigne: https://zinsfehler.com/2013/09/06/allmachtsfantasien-zur-zinssetzungshoheit/

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Michael Stöcker says:

    „Die Eurozone hat eine Zentralbank und zahlreiche Regierungen, da ist das viel komplizierter.“

    Es wäre viel weniger kompliziert, wenn das Geld nicht an die Regierungen verteilt würde, sondern unmittelbar an die Bürger: https://makronom.de/14-argumente-fuer-ein-zentralbankfinanziertes-buergergeld-17593. Ex post können dann die Regierungen selber entscheiden, wie viel sie hiervon wieder fiskalisch abschöpfen möchten und investiven Verwendungen zuführen möchten. Was hier nun ex post in größerem Stil ablaufen wird ist letztlich nichts anderes als der Vorschlag von Milton Friedman, die Geldbasis in Höhe von ca. 2 % zu verstetigen. Haben wir nicht gemacht, da monetäre Staatsfinanzierung in Euroland verboten ist. Die Monetaristen haben ihr eigenes Konzept wohl bislang nicht richtig verstanden.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • UlliBaba says:

      Lieber Herr Stöcker,

      so sehr ich dem Charme ihres Vorschlages auch bereits wiederholt zu erliegen drohe, scheinen mir aber zwei ausserökonomische Kontrapositionen bisher nicht genügend berücksichtigt worden zu sein:
      1. Verwaltung der Bürger: Sie scheinen den deutschen, schier grenzenlosen Optimismus der scheinbar perfektionierten Bürgerverwaltung auf alle anderen Euro-Staaten wie selbstverständlich zu übertragen. Dabei scheinen Beispiele wie Blinde auf griechischen Inseln (die plötzlich wieder sehen können!), Nutzer von Behindertenausweisen in Süditalien (Ein Wunder während eines Fußballspieles: ein Rollstuhlfahrer kann bei einem Tor seines Vereins plötzlich wieder gehen und springen!), Empfänger von Kindergeldzahlungen et.al. darauf hinzudeuten, dass die Kreativität der Menschen auch zu stark ansteigenden Lebensspannen zur familiären Nutzung der Citoyage führen dürften.
      2. Ihr Konzept entspricht der Forderung an einen Zauberkünstler, er möge doch bitte seinen Trick transparent werden lassen. Genausowenig wie sich noch zahlende Zuschauer finden werden, wird unsere gesellschaftliche Hochachtung für die Geldmagier sich noch weiter aufrecht erhalten lassen. Wollen Sie dies wirklich?

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      • Michael Stöcker says:

        Man muss die Wurst ein wenig höher hängen, damit der Sprung ans rettende Ufer auch gelingt. Ihr 1. Einwand beschäftigt mich schon seit einiger Zeit; insbesondere für den Fall GR. Damit die Währungsunion langfristig funktionieren kann, benötigen wir funktionsfähige Steuer-, Grundbuch- und Rechtsdurchsetzungssysteme. Davon ist GR weit entfernt. Die Citoyage kann hier als Anreizsystem fungieren, effektive Verwaltungsstrukturen zu etablieren (oh je, ich böser Konstruktivist!).

        Manna von der EZB gibt es selbstverständlich nur gegen entsprechende Vorleistungen. Und das bedeutet: Aufbau einer Datenbank, in der alle Staatsbürger von Euroland eindeutig identifiziert werden können (Fingerabdruck, Iris-Scan oder ähnliches; monatlich abgeglichen mit dem/einem Sterberegister sowie jährlicher persönlicher Vorsprache bei der Bank). Die Registrierung ist selbstverständlich freiwillig. Die EZB zahlt jeden Monat die entsprechende Summe aller registrierten Bürger an die nationalen Finanzämter, die wiederum für die Weiterleitung/Überweisung an die Bürger verantwortlich sind. Wer sich nicht rechtzeitig registriert hat oder nicht die passende Infrastruktur dafür geschaffen hat, der geht leer aus. Regierungen, die dies nicht hinbekommen, haben wohl nur eine kurze Überlebenschance.

        Ihren zweiten Punkt kann ich nicht so recht nachvollziehen. Es ist kein Zaubertrick, sondern angewandter Monetarismus à la Milton Friedman. Wir müssen „lediglich“ unsere alten Glaubensbekenntnisse zu Grabe tragen.

        LG Michael Stöcker

      • UlliBaba says:

        Lieber Herr Stöcker,

        ich komme erst jetzt zu meiner Antwort auf Ihren Hinweis bezüglich meiner Anmerkung.
        Mein zweiter Punkt betrifft das nutzniessende Personal des Finanzsektors. Diese können sehr gut mit der monetären Unkenntnis der großen Mehrheit der Bürger leben. Und bei Umsetzung ihrer Citoyage würde selbst einem Blinden mit Krückstock(gestatten Sie mir dieses altertümliche Bild.) klarwerden, dass der Sektor (Michael Hudson sei gegrüsst) weitgehend virtuell agiert. Denn dies ist ja die Entwicklung der vergangenen hundert Jahre: Die Geldabstraktion in Form der Abschaffung von Gold-, Dollar-, Asset- und Banknoten-Währung. Und diese zu befürchtende breite Erkenntnis kann vielen Akteuren nachteilig vorkommen.
        Herzlichen Dank noch für ihren Hinweis auf Bernard Liäter und einen schönen Feiertag für Sie und andere Leser.

  3. Wolfgang Selig says:

    bto: „Die ökonomische Theorie ist weitgehend geklärt, meiner Meinung nach haben wir Befürworter die Debatte gewonnen.“ – bto: Und es wird auch umgesetzt werden, davon bin ich überzeugt.“
    Ich frage mich, ob ich Sie richtig verstanden habe. Wenn man den „Monetarisierungsgeist“ einmal vollständig aus der Flasche lässt, wirkt er m.E. nicht wie Aladins Wunderlampe, sondern eher wie die Geister aus Goethes Zauberlehrling. Ich denke nicht, dass das durch Regierungs- und Notenbankpolitik ab einem bestimmten Monetarisierungsgrad wieder in den Griff zu bekommen ist. Dann sind wir m.E. in der Nähe von Zimbabwe und holen gezwungenermaßen die Edelmetallmünzen wieder als Zahlungsmittel aus der Mottenkiste der Geschichte. Oder bei einem Goldverbot werden gleich Zigarettenstangen und -schachteln und Konservendosen wieder das allgemeine Wertaufbewahrungsmittel. Oder glaubt jemand ernsthaft, bei 2 % Inflation stoppt die Entwicklung einfach?

    Antworten
    • Christian Müller says:

      Immer gleich Zimbabwe (oder Weimarer Republik von 1923 oder einige Südamerikanische Staaten zu einer bestimmten Zeit)… Dabei zeigt dies ja, dass es nicht so einfach ist, eine galoppierende Inflation zu erzeugen. Man muss schon sehr dumm tun und sehr spezielle Verhältnisse vorliegen haben.
      Man verbietet ja auch nicht den Sprengstoff generell, weil man damit im Extremfall auch Bomben basteln kann…

      Antworten
      • Wolfgang Selig says:

        Ich rede nicht gleich von Hyperinflation am Beginn, aber okay, ich verspreche keinen Zimbabwe-Vergleich mehr zu bringen, der ist zu vorbelastet und führt von einer Sachdiskussion weg. Um was es mir hier geht ist das Problem, wie man aus einer notenbankfinanzierten Haushaltspolitik jemals wieder aussteigt. Natürlich fängt man erst einmal mit vielleicht 4% bis 6 % Inflation an. Aber wann hören Sie wieder auf? Je mehr sich ein Politiker daran gewöhnt, dass anstelle unbeliebter Steuererhöhungen doch auch die elektronische Druckerpresse anstellbar ist, umso weniger kommt er aus der Spirale wieder heraus. Wie ich es auch drehe und wende, ich sehe hier keine Lösungsansätze, den Vertrauensverlust in die Geldpolitik rückgängig zu machen, und befürchte, dass das Vertrauen exponentiell schwinden kann.

    • Michael Stöcker says:

      „Dann sind wir m.E. in der Nähe von Zimbabwe…“

      Ich schätze Ihre Kommentare hier doch sehr, aber mit dieser Einschätzung können Sie selbst unseren Hardcore Monetaristen von der Bundesbank nur ein mildes Lächeln entlocken. Noch nicht einmal die Falken vom libertären Cato Institute kolportieren einen solchen Unsinn: http://macromarketmusings.blogspot.de/2017/03/macro-musings-podcast-steve-hanke.html.

      „Oder glaubt jemand ernsthaft, bei 2 % Inflation stoppt die Entwicklung einfach?“

      Nein, daran glaubt keiner. Damit es so einfach ginge, müssten sich die Gelehrten erst einmal darüber einig sein, welches denn die wesentlichen Inflationsdeterminanten sind. Für Verhältnisse wie in Simbabwe benötigen wir aber doch sicherlich erst einen WK III mit massiven Zerstörungen des Produktionspotentials. Ihre Befürchtungen entspringen eher der Phase einer traumatisierten Kriegsgeneration, die wir hoffentlich nicht noch einmal durchleben müssen.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  4. Kurt Wollmer says:

    „Die ökonomische Theorie ist weitgehend geklärt“

    Mir ist aber immer noch nicht klar, wie das genau bilanziert werden soll. Staatsanleihen sind Passiva und wenn diese abgeschrieben werden, dann müsste entsprechend Geld aus dem Umlauf zurückgezogen werden. Und wenn Staatsausgaben finanziert werden, dann muss der Staat entsprechende Anleihen emittieren, genauso wie während der Weimarer Hyperinflation geschehen, wo die Staatsschulden mitnichten „weginflationiert“ wurden, sondern entsprechend stiegen und die Hyperinflation verursachten. Ansonsten ist die Zentralbank keine Zentralbank mehr, sondern sie wird zur „gewöhnlichen“ Staatsbehörde, die *nicht* mehr sauber bilanziert. Dies würde jedoch Panik auf den Finanzmärkten und somit die deflationäre Depression erst so richtig auslösen.

    Antworten
    • Ralph Klages says:

      Dem Grunde nach einfach: Staatsschulden stehen auf der Passivseite des Staatshaushalts bzw. der Staatsbilanz. Demgegenüber genau derselbe Betrag auf der Forderungsseite als Aktivposten der Notenbank. Wenn sich beide einig sind, sowohl Aktiva als auch Passiva zu streichen, stimmt wieder alles. Das funktioniert natürlich nur bei\ mit Notenbanken, die mehr oder weniger abhängig von der Politik sind, also definitiv BoJ und China. Aber die Fed zeigt sich etwas resistenter, gleichwohl nicht unwissend. Bei der EZB sitzen viele am Tisch, daher wird man hier wohl erst spät einknicken. Dennoch ist der Fokus der Volkswirte derzeit auf Japan gerichtet. Wie gesagt, die Staatsschulden lassen sich „wegbeamen“, die der Corporates und der Privathaushalte nicht. Und diese Schulden belasten, da zunehmend, die Realwirtschaft. LG

      Antworten
      • brunch68 says:

        Noch haben Staatshaushalt und Notenbank unterschiedliche Bilanzen. Eine Abschreibung in der Bilanz der Notenbanken würde das dortige EK reduzieren und je nach Höhe der Abschreibung zu einem evtl. negativen EK führen. Nun ist es nicht zwingend notwendig, dass eine Notenbank ein positives EK hat (Beispiel tschechische Notenbank ), aber bei einer größeren Notenbank wäre schon die Frage noch zu klären, was ein DEUTLICH negatives EK einer Notenbank für Auswirkungen auf das Vertrauen in die entsprechende Währung hätte bzw. welche weiteren Auswirkungen sich ergeben könnten.

      • Kurt Wollmer says:

        Das Beispiel tschechische Notenbank ist kein gutes, denn damals ging es darum, gegen die Überbewertung der Währung zu kämpfen. In einem solchen Fall ist jedem klar, dass die ZB längerfristig keine Mühe haben wird, die Bilanz wieder auszugleichen und ihre Glaubwürdigkeit als ZB bleibt unangetastet. Eine ZB mit stark negativem EK in einer massiv überschuldeten Volkswirtschaft verliert jedoch den Status einer echten ZB und wird zur „normalen“ Staatsbehörde, die einfach Geld druckt. Früher führte dies immer wieder zu Hyperinflation, heute jedoch würde es zuerst zu einem Crash der Geldwerte führen und somit zu Deflation.

      • brunch68 says:

        Es ging mir darum, dass es aus meiner Sicht eben nicht komplett „einfach“ ist, die von einer Notenbank gehaltenen Staatsschulden zu streichen, ohne dass es möglicherweise Komplikationen gibt.
        Da mir nur die tschechische Notenbank als Beispiel für negatives EK bekannt ist und der Markt das in diesem Fall auch akzeptiert hat, konnte ich nur dieses nennen ;) LG

  5. Axel says:

    Sehr geehrterHr Stelter

    Warum muß ein Staat als überhaupt Schulden machen und Zinsen bezahlen (für die die Bürger bürgen und buckeln müßen)? Warum kann er als „Souverän“ z.b. nicht einfach über eine „politisch unabhängige, zivil kontrollierte Zentralbank“ die umlaufende Geldmenge bestimmen und sie bei drohender Inflation mit „atmenden“ Zinsen, vor allen da, wo das Geld landet, bei den Vermögenden, wieder einsammeln?
    Ich habe leider in keinem „Finanzkrisenschocker“ Abhandlungen über diese Grundlage gefunden.
    Für Banken sind Staatsanleihen sicher ein gefundenes Fressen und auch (Lebens…) Versicherte profitier(t)en (un)bedingt von den Zinsen. Aber weshalb sind diese Geldtheoretisch (historisch) unbedingt notwendig?

    Eine Antwort würde mich interessieren.

    Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    >So lässt sich das Werkzeug der monetären Finanzierung einsetzen, diszipliniert und verankert in einer unabhängigen Zentralbank, die ein Inflationsziel verfolgt. (…) Die ökonomische Theorie ist weitgehend geklärt, meiner Meinung nach haben wir Befürworter die Debatte gewonnen.“>

    Wieder einmal die ökonomische Theorie, mit der alles weitgehend geklärt ist. Und wenn das die meisten glauben, haben in der Tat die Befürworter die Debatte gewonnen.

    Aber nur die Debatte.

    In Krisenzeiten gibt es keine unabhängige Zentralbank, die irgendein Inflationsziel verfolgt.

    Das SAGT sie zwar, weil sie vom sich selbst gesetzten entfernt ist und somit eine gute Begründung für ihre Maßnahmen hat.

    Unabhängige Zentralbanken werden in Krisenzeiten ihre Unabhängigkeit dafür einsetzen, Systemstabilität zu gewährleisten. Insofern sind sie nicht unabhängig.

    Wenn Systemstabilität heißt, dass die Lösung der Krisenprobleme nicht erfolgt, dann gibt es keine Lösung.

    Das kann lange gutgehen.

    Es kann und wird dann aber vermutlich irgendwann zu POLITISCHEN Lösungen kommen, die auch keine Zentralbank mehr im Griff hat.

    Diesen Mechanismus hat Turner nicht auf seinem Radar.

    Er blendet ihn aus – muss es auch, schließlich argumentiert er als Ökonom.

    Da ist bto. wesentlich näher an der Realität:

    >Wir haben einen Wettlauf zwischen der Monetarisierung und den politischen Spannungen. Die Frage ist, was davon das Rennen macht.>

    Wer sich die geradezu dramatischen politischen Entwicklungen vor Augen führt, die in nur wenigen Jahren zu diametral gespaltenen Gesellschaften geführt haben, wird das als die ENTSCHEIDENDE Frage ansehen.

    Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker & W. Selig

    Herr Selig, Ihre Befürchtungen sind mitnichten Unsinn, machen es aber mit „in der Nähe von Zimbabwe“ unnötig einfach, abqualifiziert zu werden.

    Welche Gründe bringt M. Stöcker gegen Ihre Auffassung einer Inflationierung vor?

    Keine. Verweise sind keine.

    M. Stöcker erörtert auch keine Begründungen, denn wenn es um seine Position geht, gibt es grundsätzlich keine begründeten Zweifel.

    Sein geistiger Mentor A. Turner ist da zuweilen sehr viel weiter.

    Er sieht durchaus das Risiko nicht mehr beherrschbarer Inflationstendenzen.

    Ich stelle hier einen Wirkmechanismus zur Debatte, an dem M. Stöcker sich messen kann.

    Annahme, nicht abwegig, aber natürlich auch nur eine Annahme:

    In unseren alternden Gesellschaften wie unseren besteht ein struktureller Überhang zum Geldsparen. Turner wird hier ja auch zitiert mit „fundamentalen, strukturellen Faktoren“ und von der (gestörten) strukturellen Balance zwischen Sparen und Investieren.

    In dieser Situation wird monetarisiert. In welcher Ausprägung auch immer – es kommt mehr Geld unter die Leute. Es wird ein großer Teil davon gespart, d. h. es generiert keine Nachfrage. Sie zu genieren ist aber notwendig, um Wachstum und Beschäftigung zu sichern.

    Was tun?

    Mehr Geld unter die Leute bringen, um Vollbeschäftigung zu erreichen.

    Dieser Prozess schafft bescheidene Inflation, die aber – bei Vollbeschäftigung – in der Folge zu einem Wettlauf von Preisen und Löhnen führt (Lohn-Preis-Spirale).

    Bei zu hoher Inflation müssten die Notenbanken, die Nachfrage durch Demonetarisierung verringern.

    Das wäre akzeptables, symmetrisches Verhalten.

    Es wird nicht stattfinden, weil die Notenbanken in dieser Situation Arbeitslosigkeit zulassen müssten, ja mit der Konsequenz ihrer Maßnahmen gerade welche schaffen müssten. Sie wären der KRISENVERURSACHER.

    Das würde ihnen gesellschaftlich nicht erlaubt.

    Das Personal würde für eine genehme Politik ausgetauscht werden, etwa wie die Rechtsprechung am Supreme Court in USA betreffend.

    Oder man würde die Regeln, d. h. die Satzungen der Notenbanken ändern.

    Kurzum:

    Es ist blauäugig auf die höheren Weisheiten irgendeiner Institution zu setzen, wenn gesellschaftlich nicht wünschenswert erscheinende Ziele zur Debatte stehen.

    Wenn es nicht die Regeln, sondern die UMSTÄNDE sind, die Monetarisierung erzwingen, dann KÖNNEN Umstände auch erzwingen, dass das Gegenteil nicht verfolgt wird.

    Mit diesem Mechanismus ist keine Prognose verbunden.

    Ich sage lediglich, dass ein erhebliches, letztlich nicht kontrollierbares Inflationsrisiko besteht.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Welche Gründe bringt M. Stöcker gegen Ihre Auffassung einer Inflationierung vor?

      Keine. Verweise sind keine.“

      Für Sie dann doch noch einmal kurz und knapp. Wann gab es in der historischen Perspektive Hyperinflation?

      1. Kriege mit massiver Zerstörung des Kapitalstocks und/oder hohen Reparationszahlungen (Ungarn mit seinem Billpengo, Deutschland mit seiner Reichsmark).

      2. Massive Finanzierung des Staatshaushalts über die Notenbank (Jugoslawien, Simbabwe).

      Von Hyperinflation spricht man ab 50 % pro Monat.

      Und jetzt erklären Sie mir bitte, wie solche Werte im jetzigen System realisierbar sein sollten. Hier noch einmal der Hinweis auf Steve Hanke: http://macromarketmusings.blogspot.de/2017/03/macro-musings-podcast-steve-hanke.html.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Falsche Frage, weil ich

        a) nicht von einer HYPERINFLATION mit einer Geldentwertung von 50% gesprochen habe

        und

        b) ich mich auch nicht auf das JETZIGE System bezogen habe

        Ich habe von einem Mechanismus der Inflationierung gesprochen, ohne damit eine Prognose zu verbinden.

        Wenn es PRINZIPIELL zu einer massiven Finanzierung des Staatshaus durch die Notenbank kommen kann, dann ist Inflationierung möglich – und wo sie endet offen.

        Gleiches gilt bei einer massiven Finanzierung der privaten Haushalte durch die Notenbank.

        Sie tun so, als ob das abwegige Überlegungen wären. Wolf und auch Turner sind da viel ehrlicher, wie sie am anderen Thread gelesen haben.

        Nichts ist ohne Risiko.

        Weil dies so ist, kann man auch darüber reden.

        Es fortwährend unter den Tisch zu kehren, macht die Idee von Helikopter-Geld nicht attraktiver.

      • Michael Stöcker says:

        Ausgangspunkt dieser Diskussion war die Befürchtung von Herrn Selig, dass es zu einer Hyperinflation kommen kann. Von einer Hyperinflation spricht man offiziell ab 50 % pro Monat. Dies war der relevante Kontext, in dem ich argumentiert habe. Wenn Sie den Kontext verlassen und zur schleichenden und/oder galoppierenden Inflation wechseln, dann sollten Sie dies bitte auch deutlich machen; denn hier gibt es keinen Dissens und schon gar keine Kehrwoche. Auf die möglichen Gefahren einer höheren Inflation als 2 % habe ich immer wieder hingewiesen (z. B. in meiner Kritik an Jens Weidmann: https://zinsfehler.com/2013/11/14/die-leiden-des-jungen-w/), auch wenn ich dies in den kommenden 10 Jahren für wenig wahrscheinlich erachte.

        LG Michael Stöcker

  8. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    Ich weiß schon, was der Ausgangspunkt der Diskussion war.

    Ich habe ihn BEWUSST verlassen und das auch deutlich gemacht, denke ich.

    Der Grund dafür:

    Natürlich ist es unsinnig, Hyperinflation mit bei uns bestehenden Zuständen in Verbindung zu bringen oder die These zu vertreten, dass es mit Helikopter-Geld – das noch nicht so richtig zu unseren Zuständen gehört – UNVERMEIDBAR zu Hyperinflation kommen MÜSSE.

    Meine These ist, dass es einen Mechanismus gibt, durch den nach Lage der Dinge Helikopter-Geld mit nicht mehr AKZEPTABLER Inflation in Kauf genommen werden würde und es daher zu politischen Verwerfungen kommen kann, die nicht mehr beherrschbar sind.

    Ich sage nochmals, dass ich nicht der einzige bin, der das Risiko sieht. Selbst Befürworter von Helikopter-Geld wie Turner würden es nicht bestreiten.

    Daher:

    Die Diskussion um Hyperinflation ist eine Scheindebatte, die von der allerdings wichtigen Debatte ABLENKT, mit welchen Risiken Helikopter-Geld verbunden ist.

    Das betrifft nicht nur, aber insbesondere SIE und alle anderen, die Helikopter-Geld als Lösung anpreisen und durchsetzen wollen, aber nicht über die Risiken reden wollen.

    Der Risiko-Debatte mit Leuten wie S. Hanke und Hyperinflation zu begegnen ist jedenfalls ein billiges Ausweichmanöver.

    So legitim es auch ist, sich für Helikopter-Geld einzusetzen, so wenig wäre geholfen, wenn wir lediglich ein Problem lösen würden, um ein neues zu schaffen.

    Selbst wenn das der Lauf der Dinge wäre, nämlich immer nur Zeitgewinn durch Problemverschiebung zu erwirtschaften, sollten wir uns wenigstens klar darüber werden, auf was wir uns mit Lösungen wie der mit Helikopter-Geld einlassen.

    Das ist mein Anspruch.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Das betrifft nicht nur, aber insbesondere SIE und alle anderen, die Helikopter-Geld als Lösung anpreisen und durchsetzen wollen, aber nicht über die Risiken reden wollen.“

      Für die anderen kann ich selbstverständlich nicht reden. Bezüglich meiner Person haben Sie sich aber mal wieder völlig verrannt. Ich hatte schon sehr frühzeitig auf das Buch von Turner hingewiesen und somit insbesondere auch auf den „Devil“. Schon 2013 hatte ich geschrieben, dass mir meine härtesten Kritiker die liebsten sind: http://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/10/07/der-deutsche-konjunkturmotor-stottert-zeit-die-pro-zyklische-finanzpolitik-zu-beenden_6605?sort=asc&comments_page=31#comment-102732. Ich hatte auch Faust zitiert und auf die Gefahren einer möglicherweise höheren Inflationsrate hingewiesen. Wenn Sie also sachlich diskutieren möchten, dann tun Sie dies und bringen Ihre Argumente vor, aber hören Sie endlich auf, Nebelkerzen zu zünden.

      „Selbst wenn das der Lauf der Dinge wäre, nämlich immer nur Zeitgewinn durch Problemverschiebung zu erwirtschaften, sollten wir uns wenigstens klar darüber werden, auf was wir uns mit Lösungen wie der mit Helikopter-Geld einlassen.

      Das ist mein Anspruch.“

      Das ist auch meiner.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Summers hat völlig recht, darauf hinzuweisen, wie ein Präsident, der unter Druck ist, nicht haltbare Wahlversprechen einzulösen, jegliches vernünftige Kalkül seines Finanzministers wegwischt, um schnelle „Erfolge“ vorzeigen zu können.

        Und es ist auch nicht falsch, dass Sie darauf verweisen.

        Nur:

        Es ist im Kontext unserer Debatte um die Risiken von Helikopter-Geld ein weiteres Ablenkungsmanöver.

        Setzen Sie sich damit auseinander, welche MECHANISMEN den zunehmenden Einsatz von praktisch kostenlosem Helikopter-Geld BESCHRÄNKEN werden, wenn im hier vorliegenden Fall bereits die Verschuldungsbremse locker überspielt werden soll mit der Voodoo-ökonomischen Auffassung, dass durch höhere Verschuldung gesteigertes Wachstum die Staatskassen wieder füllen werde.

        Klar, beim Einsatz von Helikopter-Geld gibt es keine Verschuldungsbremse.

        Umso DRÄNGENDER die Frage:

        Welche Bremse gibt es dann, wenn Versprechen eingelöst werden sollen mit noch mehr Helikopter-Geld?

        Ein „Rat der Weisen“, die Parlamente oder die „Vernunft des sich selbst beschränkenden Volkes“?

        Sie sind hier GEFORDERT – und zwar mehr als sich nur zu „möglicherweise höhere Inflationsraten“ zu bekennen.

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