„Transferunion – wird Frankreich bald für Deutschland zahlen?“

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Dieser Beitrag erschien bei manager magazin online: 

Deutschland, nicht Frankreich ist der kranke Mann Europas. Zeit für einen Kurswechsel bei uns, denn auf Hilfe aus Frankreich dürfen wir in Zukunft nicht hoffen.

Große Hoffnungen setzt Europa in den neuen französischen Präsidenten Emanuel Macron. Dem 39-Jährigen soll mit seiner neuen politischen Bewegung gelingen, was seinen Vorgängern Sarkozy und Hollande, trotz stabiler Verankerung im politischen System Frankreichs nicht gelungen ist: die Sanierung der französischen Volkswirtschaft. Flexiblere Arbeitsmärkte, längere Arbeitszeiten, späterer Renteneintritt und ein geringerer Staatsanteil sind die Rezepte, die Frankreich wieder auf Kurs bringen sollen.

Frankreich ist gar nicht so krank

Schnell wird Frankreich mit den Krisenländern Spanien, Portugal und Italien in einen Topf geworfen. Kulturell und auch mit Blick auf die Philosophie der Wirtschaftspolitik sicherlich zu Recht. In allen diesen Ländern ist der Glaube an die Fähigkeit des Staates, die Wirtschaft zu steuern, (noch) ausgeprägter als bei uns. Doch in anderer Hinsicht ist Frankreich nicht vergleichbar. Weder gab es eine schuldenfinanzierte Scheinblüte wie in den anderen Ländern, noch sind die Wettbewerbsunterschiede zu Deutschland so eklatant.

So ist die Produktivität seit 1998 genauso wenig gewachsen wie in Deutschland. Allerdings stiegen im Unterschied zu uns die Löhne entsprechend mit, was die heute bestehende Lücke bei den Lohnstückkosten erklärt. Nicht Frankreich hat hier eine komische Politik betrieben, sondern wir.

Frankreich hat viele Unternehmen mit starker Weltmarktstellung und nimmt besonders im Bereich der hochwertigen Konsumgüter eine führende Stellung ein. Auch ist der Euro für die französische Wirtschaft keineswegs zu stark, wie Ökonomen der Deutschen Bank kürzlich vorrechneten.

Derweil investiert der Staat seit Jahren in die Infrastruktur des Landes, und zwar deutlich mehr als Deutschland. Der Staatsanteil ist dabei zweifellos zu groß geworden und die Staatsschuld stellt zusammen mit dem verkrusteten Arbeitsmarkt ein Problem dar. Mit Reformen lässt sich das Wachstumspotenzial des Landes jedoch freisetzen. Die wirtschaftliche Grundlage Frankreichs ist also bei weitem nicht so schlecht, wie es hierzulande in den Medien anlässlich der Machtübernahme von Macron gerne kolportiert wird.

Gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung, die bekanntlich zusammen mit den Zuwächsen der Produktivität über das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft entscheidet, stehen Frankreich und auch Großbritannien gut da – und zwar deutlich besser als die deutsche. Bereits in der Mitte dieses Jahrhunderts dürften beide Länder uns in der Bevölkerungszahl überholt haben. Zwar altern auch in Frankreich und Großbritannien die Bevölkerungen, jedoch mit weiter positiven Wachstumsraten.

Warum Deutschland gar nicht so stark ist

Politik, Wirtschaft und vor allem öffentliche Meinung in Deutschland lebt hingegen in einer selbst erzeugten Blase. Wir denken, das Vorbild für Europa und die Welt zu sein. In Wirklichkeit unterliegen wir einer massiven Selbsttäuschung, deren Folgen uns noch sehr teuer zu stehen kommen werden:

  • Wir mögen zwar selber sparsam sein, doch leben wir von der zunehmenden Verschuldung im Rest der Welt. Von der Eurozone über die USA bis hin zu China wachsen die Schulden von Privaten und Staaten weiter an. Finanziert werden damit Investitionen und Konsum, von dem wir mit unseren Produkten besonders profitieren. Wir hängen genauso am Tropf billigen Geldes, wie es auch diese Länder tun.
  • Gestützt werden diese Exporterfolge durch den schwachen Euro, der nur deshalb so schwach ist, weil wir mit schwachen Ländern in einem Boot sitzen. Eine Deutsche Mark würde heute deutlich fester notieren und die Exporte dämpfen, dafür aber die Kaufkraft der Deutschen stärken. Es sind nämlich keineswegs alle Deutschen Profiteure des Euros, sondern vor allem die Inhaber und Mitarbeiter der exportorientierten Unternehmen.
  • Ebenso verdanken wir die tiefen Zinsen der Mitgliedschaft im Euro-Schulden-Club. Bei normalen Zinsen wäre die „schwarze Null“ in weiter Ferne, was unterstreicht, dass die Haushaltskonsolidierung nun wahrlich keine politische Leistung ist, schon gar nicht mit Blick auf die Rekordsteuereinnahmen des Staates.
  • Dabei vernachlässigen wir die dringend erforderlichen Investitionen in Infrastruktur und Bildung, um unseren Wohlstand auch für die Zukunft zu sichern. Frankreich investiert seit Jahren mehr, was man auch am Zustand der öffentlichen Infrastruktur ablesen kann.
  • Unsere Exportfixierung bedeutet, wie an dieser Stelle immer wieder erläutert, einen entsprechenden Export von Ersparnissen in die Welt. Dabei ist es keine besonders gute Strategie in einer überschuldeten Welt Gläubiger zu sein. Wie schon in der Vergangenheit drohen erhebliche Verluste auf den Auslandsforderungen. Wir könnten unsere Waren genauso gut an das Ausland verschenken, was ökonomisch auf das Gleiche hinausliefe.
  • Die Exportüberschüsse entziehen einer Welt, die unter mangelnder Nachfrage leidet, Kaufkraft und provoziert deshalb entsprechende protektionistische Reaktionen. Sie werden innerhalb Europas und vor allem in den USA zunehmend als inakzeptabel angesehen und die angesehene „Financial Times“ hofft darauf, dass Frankreich und die USA gemeinsam gegen uns vorgehen. Die Erklärungsversuche für unsere Überschüsse von Seiten der Wissenschaft und Politik wirken da immer verzweifelter.
  • Die Eurozone ist noch lange nicht über dem Berg und es drohen Belastungen in Billionenhöhe für Schuldenschnitte und Transferleistungen. Bis jetzt werden die Verluste noch verschleiert, in dem eigentlich insolvente Banken und Staaten mit billigem Geld und Buchhaltungstricks am Leben erhalten werden. Auf Dauer werden wir nicht darum herumkommen, diese faulen Schulden aus der Welt zu schaffen, entweder über offene Schuldenrestrukturierung oder über massive Inflation. In beiden Fällen verlieren die Gläubiger, also wir.
  • Die deutsche Wirtschaft ist von Industrien dominiert, die ihren Ursprung im Kaiserreich haben. Bis jetzt gelang es Chemie, Maschinenbau und der Automobilindustrie immer wieder durch Innovationen die Weltmarktstellung zu halten und auszubauen. Nun droht im Zuge der technologischen Revolution die deutsche Vorzeigeindustrie in eine schwere Krise zu stürzen. Elektroautos vernichten einen Großteil der bisherigen Wettbewerbsvorteile deutscher Autos, werden doch Verbrennungsmotoren und Getriebe nicht mehr benötigt. Zugleich wandelt sich das Konsumentenverhalten und das Auto verliert zunehmend die frühere Rolle als Statussymbol.
  • Die demografische Entwicklung bei uns ist deutlich schlechter als in Frankreich und Großbritannien. In den kommenden Jahren wird die Erwerbsbevölkerung abnehmen, während die abhängige Bevölkerung deutlich anwächst. Die EU schätzt, dass in diesem Jahrzehnt die Erwerbsbevölkerung um 200.000 Personen schrumpft und im kommenden um 400.000 Personen – allerdings pro Jahr!

Unser politisches Personal ist alt, rückwärtsgerichtet und arbeitet an den falschen Themen

So droht eine doppelte Belastung durch schwächere wirtschaftliche Entwicklung und steigende Kosten für die Alterung. Dies steht auch hinter den erschreckenden Daten zur echten Verschuldung des deutschen Staates, die signifikant höher ist, als offiziell ausgewiesen.

  • Die Zuwanderung der letzten Jahre wird nicht geeignet sein, die Folgen der Alterung abzufedern. Anders als Länder wie Australien und Kanada haben wir nicht auf die Qualifikation der Zuwanderer geachtet. Deshalb bringen sie eine nachhaltige finanzielle Belastung mit sich. Zugleich hält die Abwanderung qualifizierter Bevölkerungsteile an.
  • Derweil bleiben wir unwillig, die erforderlichen Reformen durchzusetzen. Die aktuelle Bundesregierung ruht sich auf den Erfolgen der Agenda 2010 aus und hat sie in verschiedener Hinsicht zurückgedreht. Im Reformranking der EU rutschte Deutschland auf den 26. Platz.

Hoffnung auf Besserung ist nicht angebracht. Unser politisches Personal ist alt, rückwärtsgerichtet und arbeitet sich an den falschen Themen ab. Im Herbst haben wir nur die Wahl zwischen Niedergang und Niedergang. Wir wollen es auch so. Kein Wunder, dass unsere Unternehmen lieber in anderen Regionen investieren.

Macron will eine Tranferunion

Nun liegen die Hoffnungen Europas mit Blick auf den neu gewählten französischen Präsidenten nicht nur bei der Reform Frankreichs, sondern vor allem bei einer Überwindung der Eurokrise. Auch hier hat Macron erhebliche Reformen angekündigt, wobei sich zwei Fragen stellen: Wird er sie umsetzten können und werden sie wirken? Meine kurze Antwort dazu lautet: ja und nein.

Im Kern möchte Macron die Krise, die durch zu viel billiges Geld und zu viele Schulden verursacht wurde, mit noch mehr Schulden bekämpfen. Ein Eurofinanzminister soll finanzielle Mittel europaweit verteilen, mit dem Ziel bei Schocks und schlechter Entwicklung in einem Land mit gezielten Ausgabenprogrammen die Konjunktur zu beleben. Sein Ziel ist ein Keynesianischer Superstaat mit eigenem Budget gespeist aus eigenen Steuereinnahmen und – besonders wichtig – eigener Verschuldungsmöglichkeit. Dahinter liegt die Idee, dass nur so eine gleichmäßige Entwicklung in der Eurozone erzielt werden kann. In die gleiche Richtung zielen die Vollendung der Bankenunion (die ökonomisch auf eine Sozialisierung der faulen Privatschulden in einigen Ländern hinausläuft, Stichwort: italienische Banken!) und Überlegungen für eine eurozonenweite Arbeitslosenversicherung.

Die Bundesregierung wird – egal wie die Wahl im Herbst auch ausgeht – aus Angst um den Euro und die vermeintlichen Vorteile, die wir aus diesem ziehen – dem Ansinnen Macrons am Ende entgegenkommen. Schon jetzt wird die öffentliche Meinung darauf vorbereitet, in dem auf allen Kanälen die undifferenzierte Geschichte des einseitigen Eurogewinners Deutschland, der nun „auch mal etwas tun müsse“, verbreitet wird. Eine Sichtweise, die so pauschal keineswegs richtig ist, wie an dieser Stelle immer wieder erläutert. Der Aufbau von wertlosen Forderungen kann nun wahrlich nicht als Gewinn bezeichnet werden.

Wir können also davon ausgehen, dass sich die Eurozone in Richtung offener Transferunion bewegen wird, gehen doch die Überlegungen der Kommission in die gleiche Richtung. Eurobonds müsste man dazu gar nicht formell beschließen, würden diese sich doch automatisch aus der zunehmenden Verschuldung auf Zentralstaatsebene ergeben. Damit würde das offiziell, was die EZB ohnehin schon faktisch durch die Hintertür praktiziert: die Vergemeinschaftung der Schulden von Staaten und perspektivisch auch teilweise der von Privaten in der Eurozone.

Keine Lösung für die Eurozone

Eine Lösung für die Probleme der Eurozone wäre das alles allerdings nicht. Diese Maßnahmen hätten nicht mal die letzte Krise verhindert. Diese war nämlich die Folge einer übermäßigen Kreditschöpfung im Bankensystem, angereizt durch viel zu tiefe Zinsen.

In den heutigen Krisenländern lag der Zins ab Einführung des Euro durchgehend weit unter dem mit Blick auf Inflationsraten und Wachstum angezeigten Niveau. Die Folge war ein sich selbstverstärkender Boom: Der Privatsektor fragte die von den Banken angebotenen Mittel bereitwillig nach, vor allem, um Immobilien zu kaufen. Dies führte zu einem Bau- und Wirtschaftsboom, der zu steigenden Löhnen und deutlich steigenden Importen führte. Als mit Ausbruch der Finanzkrise deutlich wurde, dass ein guter Teil der Kredite unproduktiv verwendet wurde, kam es zur Eurokrise. Die Wirtschaften stürzten in eine tiefe Rezession und das Bankensystem der Eurozone wurde insolvent. Ein Zustand, an dem sich bei nüchterner Betrachtung in den letzten acht Jahren nicht viel geändert hat.

Keine der Maßnahmen, die EU-Kommission und die neue französische Regierung jetzt vorschlagen, würde eine Wiederholung dieser Entwicklung verhindern. Immer noch ist es in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem möglich, dass Banken prozyklisch Fehlinvestitionen finanzieren können, dank ihres Privilegs faktisch unbegrenzt Geld zu schaffen.

Deshalb sind die Vorschläge Macrons ungeeignet, die unweigerliche Krise nach einem Verschuldungsboom zu verhindern. Es käme lediglich zu mehr Umverteilung zwischen den Ländern und noch mehr staatlichen Schulden. Eine Lösung ist das nicht, wie wir auch in Japan im Jahre 27 seit dem Platzen der dortigen Blase beobachten können.

Warum auch Deutschland für die Transferunion sein sollte

Will man die Eurokrise ernsthaft überwinden, so muss man die faulen Schulden abbauen und zugleich eine Anpassung der Lohnstückkosten realisieren. Bei Letzterem gab es in der Tat in den letzten Jahren vereinzelte Fortschritte. Diese genügen jedoch bei weitem noch nicht aus. In Italien gab es praktisch gar keine Besserung, weshalb es aus Sicht der dortigen Industrie dringend erforderlich ist, eine Anpassung zu vollziehen. Am besten ginge dies über einen Austritt aus der Eurozone.

Die Schulden müssen in einem geordneten Prozess abgeschrieben werden, was zwangsläufig Verluste für die Gläubiger – also vor allem uns Deutsche – bedeutet. Hier jedoch betonen sowohl Macron wie auch die Bundesregierung, wolle man auf gar keinen Fall handeln. Altschulden sind bei den Überlegungen des neuen französischen Präsidenten ausdrücklich ausgeklammert.

Eine Transferunion kann bei diesen Voraussetzungen nur so gut funktionieren wie die italienische Währungsunion zwischen Nord- und Süditalien. Trotz über 100 Jahren in einem gemeinsamen Währungsraum und Milliardentransfers hat sich die Situation nicht verbessert. Wie eine Wiederholung dieser Strategie auf Eurozonen-Ebene andere Ergebnisse bringen soll, ist mir schleierhaft.

Deutschland sollte für die Transferunion sein

Dennoch wäre eine Transferunion in unserem Interesse. Nicht, weil wir damit den Euro retten, sondern weil wir perspektivisch die Nutznießer wären. Kurz- und mittelfristig würde das zwar erhebliche Zahlungen von uns an die anderen Länder bedeuten. Deshalb fordern es die anderen ja auch so laut. Langfristig ist mit Blick auf die oben genannten Fakten und die demografische Entwicklung davon auszugehen, dass wir der Empfänger von Transferzahlungen werden.

Hirngespinst? Nun, so lange ist es nicht her, dass wir der kranke Mann Europas waren. Und die Politik der letzten Jahre trägt bereits den Keim des Niedergangs in sich. Faktisch ist es natürlich höchst unwahrscheinlich, dass die Franzosen und Italiener für uns zahlen würden. So wie bei uns dürften die Widerstände erheblich sein.

Dringend erforderlich ist deshalb eine Umkehr unserer Wirtschaftspolitik. Ein Deutschland, welches zusehend vergreist, die Investitionen in die Zukunft unterlässt, sich erhebliche finanzielle Lasten aufbürdet (Migranten, Eurozone) und seine Ersparnisse so schlecht anlegt, wird schon bald gegenüber Frankreich und Großbritannien ins Hintertreffen geraten.

→  manager-magazin.de: „Transferunion wird Frankreich bald für Deutschland zahlen?“, 24. Mai 2017

17 Antworten
  1. Johannes says:

    Gute Frage. Ich vermute eher nicht. Die Menschen in Frankreich sind sich ihres Landes viel bewusster und – im positiven Sinn – viel stolzer darauf, als wir Deutschen auf Deutschland. Zudem ist es in Deutschland schon schwierig ein Verständnis für die fiskalischen Bedürfnisse der übrigen Nehmerländer zu wecken. Wieviel schwieriger würde dies in Frankreich fallen.

    Antworten
  2. Dietmar Tischer says:

    In vielem ist der Artikel richtig.

    Dennoch ist er zu kritisieren, weil er bezüglich seiner Empfehlung fundamental von falschen Prämissen ausgeht.

    Die Grundthese:

    Deutschland sollte für eine Transferunion sein, weil wir schwächer werden im Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere Frankreich, und daher von ihr PROFITIEREN würden:

    >Langfristig ist mit Blick auf die oben genannten Fakten und die demografische Entwicklung davon auszugehen, dass wir der Empfänger von Transferzahlungen werden.>

    Erstens:

    Es ist überhaupt nicht ausgemacht, dass wir TROTZ unserer richtig beschriebenen strukturellen Schwächen „schon bald“ gegenüber Frankreich und anderen EU-Staaten ins Hintertreffen geraten. Es ist sogar höchst fraglich, ob wir mit Blick auf unser Potenzial und unsere Restrukturrierungsfähigkeit auf lange Sicht ins Hintertreffen geraten. Es ist zumindest offen.

    Zweitens:

    Bis zum heutigen Tag hat keine Regierung Europas nachweisen können, dass sie die Probleme ihres Landes NACHHALTIG lösen kann. Ein mehr oder weniger großes Wachstum ist kein Beweis des Gegenteils, weil es u. a. auf AUSNAHMESACHVERHALTEN wie der Geldpolitik der EZB beruht.

    Selbst wenn Macron über eine Mehrheit im Parlament verfügen würde – es sieht danach aus – und er somit alle Instrumente in der Hand hielte, das Land zu verändern, setzt er VON VORNEHEREIN auf EU-Transfers für die Lösung der Probleme seines Landes. Der Ansatz von Macron ist zwar angesichts der Probleme Frankreichs verständlich, er ist aber auch defensiv. Heißt: Wir Franzosen schaffen es nicht.

    Warum sollten die Franzosen, wenn sie ihre Probleme nicht gelöst haben – auch mit Transfers nicht gelöst haben, weil es strukturelle Probleme sind, die mit Transfers zumindest in Demokratien nicht zu lösen sind – uns mit Transfers helfen wollen?

    Das erschließt sich mir nicht, solange sich die Menschen überall in Europa nicht als Unionsbürger verstehen. Als diese werden sie sich auf absehbare Zeit garantiert nicht sehen.

    Drittens:

    Transfers schwächen die gebenden Länder und stärken damit ihre nationalpopulistischen Parteien, was zu potenzieller Destabilisierung führt. Das ist keine Hypothese, sondern Fakt.

    Nationale Destabilisierung wird nirgends das GEWOLLTE Programm von Regierungen sein und daher wird es keine DAUERTRANSFERS geben. Selbst wenn sie vertraglich vereinbart und institutionalisiert würden – noch ein weiter Weg mit nichtabsehbaren Vertragsänderungen –, wird es sie nicht geben, weil Verträgen bei Bedarf gebrochen werden. Auch das ist Fakt.

    Kurzum:

    bto. propagiert hier eine Position, die illusorisch ist, weil sie auf einem völlig falschen Politikverständnis beruht.

    Die Sicht der Dinge, die ich für richtig halte:

    ALLE wirtschaftlich reifen Industriegesellschaften sind durch die MEGATRENDS (Demografie, Globalisierung, Digitalisierung und immer stärker Armutsmigration) in einer Wachstumsschwäche (säkulare Stagnation). Diese wird auch mit Nachfrageankurbelung durch ausufernde Fiskalpolitik, Helikoptergeld etc. nicht behoben werden. Sie wird auch nicht durch UMVERTEILUNG behoben werden.

    Beim Abrutschen auf der schiefen Ebene nach unten schützt auch Händchenhalten (Kollektivierung) nicht davor, dass es nach unten geht.

    Es geht nur darum, das Abrutschen so verträglich wie möglich zu gestalten – was aus meiner Sicht ein großer Erfolg wäre.

    Ob erfolgreich oder nicht, ALLE Anzeichen (Brexit, Trump, Italien etc.) deuten darauf hin, dass dies letztlich NATIONAL erfolgt.

    Antworten
    • Ralph Klages says:

      Klare Ansage.
      „….dass sie die Probleme ihres Landes NACHHALTIG lösen kann.“ Geht auch nicht so einfach. Es gibt nun mal Brüssel und es gibt den Euro mit allen Vor- und Nachteilen. Sicherlich stetig verbesserungsbedürftig, zweifellos. Aber man darf auch nicht gleich Wunderdinge erwarten, denn es ist Neuland für uns Europäer. Und keiner soll uns Zaghaftigkeit unterstellen.

      „Heißt: Wir Franzosen schaffen es nicht.“ Sie meinte vermutlich ….“allein.“ Wir Deutschen schaffen es auch nicht allein. In der großen Welt sind auch wir, ich wiederhole mich: Ein Fliegenschiss. Also stellt sich auch für uns die Frage, wie lange wir uns in der Welt ohne starke Partner behaupten können. Und ob es nicht sogar ökonomisch, sondern auch ein Gebot der Vernunft ist, gerade Frankreich vielleicht sogar über Jahre zu helfen – mit meinetwegen Dauertransfers. Selbst wenn spätere Rückgriffe (aus vertraglichen Bindungen) versagen sollten, so haben wir es denn wenigstens nach Kräften versucht.

      „bto. propagiert hier eine Position, die illusorisch ist, weil sie auf einem völlig falschen Politikverständnis beruht.“ Das sehen Sie so. Ich nicht. Politikverständnis beruht auf der Wahrnehmung bestehender Realitäten. Ich komme viel herum in Europa: Jeder halbwegs Vernünftige weiß die Vorteile eines geeinten Europas zu schätzen, ja, sie sind oft genug in Fleisch und Blut übergegangen. „Es braucht seine Zeit,aber man muss es versuchen“ heißt es oft. Ein „Abrutschen“ kann ich derzeit nicht ausmachen, man kann es natürlich auch herbeireden, wie die AfD und Marine. Helfen tuts nicht.
      Sicherlich: Europa ist eine Idee, verbunden mit einem Experiment – das natürlich auch schief gehen kann. Aber wer sind wir Europäer, wenn wir dies nicht erkennen und danach handeln? Andernfalls – nämlich wenn wir uns NATIONAL einbunkern würden – wären wir wirklich vollkommen unbedeutend in der Welt der Ökonomie und der Politik.
      Das dürfte doch eigentlich nach dem letzten Wochenende eigentlich jedem klar geworden sein.
      LG

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        >Politikverständnis beruht auf der Wahrnehmung bestehender Realitäten. Ich komme viel herum in Europa: Jeder halbwegs Vernünftige weiß die Vorteile eines geeinten Europas zu schätzen, ja, sie sind oft genug in Fleisch und Blut übergegangen.>

        Ich stimme Ihnen insoweit zu.

        Aber:

        Der Brexit ist REALITÄT, die nicht wegzudiskutieren ist.

        Die Wahrnehmung bestehender Realitäten müsste Ihnen auch sagen, dass die Vorteile eben NICHT geschätzt werden, wenn die Menschen bezüglich einer nicht gerade rosigen Lage keine positive Perspektive erkennen – oder, wenn es ihnen tendenziell schlechter gehen wird, wie ich vermute.

        Sie geben nicht sofort das Vorhandene auf, aber sie wenden sich ab und geben es auf, wenn die Lage zu schwierig erscheint.

        Was ich sagen will:

        Die ERFAHRUNG von Stagnation oder gar sich verschlechternder Lage kann man nicht dadurch kompensieren, indem man den Leuten sagt: Ohne eine EU/Eurozone ginge es Euch noch SCHLECHTER.

        So richtig das auch ist (mit Zweifeln bei Griechenland, Portugal und Italien), es wird nicht funktionieren.

        Ich würde Ihren positiven Ansichten zustimmen, wenn wir ein kontinuierlich hohes Wirtschaftswachstum mit Verteilungsspielräumen hätten.

        Haben wir aber nicht.

        Und werden wir auch nicht nach dem Wochenende haben, wenn ich bei den Megatrends richtig liege.

    • Michael Stöcker says:

      Ich denke, wir müssen hier zwei Dinge auseinander halten. Erstens:

      „ALLE wirtschaftlich reifen Industriegesellschaften sind durch die MEGATRENDS (Demografie, Globalisierung, Digitalisierung und immer stärker Armutsmigration) in einer Wachstumsschwäche (säkulare Stagnation). Diese wird auch mit Nachfrageankurbelung durch ausufernde Fiskalpolitik, Helikoptergeld etc. nicht behoben werden. Sie wird auch nicht durch UMVERTEILUNG behoben werden.“

      Auf ähnlicher Basis argumentiere ich seit 4 Jahren. Die Wachstumsschwäche ist der Dreh- und Angelpunkt. Marx hatte das als erster erkannt und daraus das Gesetz der fallenden Profitrate abgeleitet. Die von Ihnen genannten MEGATRENDS wirken hier verstärkend. Da aber nicht nur die Amerikaner eine Marx-Phobie haben, nennen wird das ganze nun „säkulare Stagnation“. Insofern volle Zustimmung, dass diese Wachstumsschwäche auch nicht durch UMVERTEILUNG behoben werden kann.

      Zweitens:

      „Es geht nur darum, das Abrutschen so verträglich wie möglich zu gestalten – was aus meiner Sicht ein großer Erfolg wäre.“

      Das ist aber nun ein gänzlich anderes Szenario. Wachstumsschwäche/Stagnation ist etwas anderes als Abrutschen. Und genau darum geht es/sollte es gehen: Wie können wir das Abrutschen verhindern, welches eine inhärente Gefahr der säkularen Stagnation ist und somit diesen Prozess so erträglich wie möglich zu gestalten.

      Dazu müssen wir verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert: Der Kapitalismus basiert auf dem Prinzip, mittels des Produktionsprozesses aus Geld mehr Geld zu machen (G – W – G‘). In der pervertierten Form der Finanzialisierung ist diese Ware dann ein FinanzPRODUKT. Sind die Gewinnaussichten nicht mehr genügend hoch, dann besteht die große Gefahr, dass wir tatsächlich in einen desaströsen Prozess geraten. Da die Mainstream-Ökonomen bislang das Thema Geld weitgehend ignoriert haben, müssen wir uns nicht wundern, dass sie hierauf keine Antwort haben. Sie verstehen ja noch nicht einmal, wie unser Geldsystem funktioniert, wie diese Diskussion hier zeigt: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2017/05/das-geld-und-das-nichts/ (mit einem aktuellen Rekord von 54 Kommentaren).

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  3. Alexander says:

    Hallo,
    widerspricht der Optimismus des Artikels den offiziellen Zahlen absichtlich?
    https://www.querschuesse.de/frankreich-industrieproduktion-oktober-2016/

    Demographie ist nicht das Problem, weder dies noch jenseits des Rheines, nur aus welchem Milieu die zukünftigen Steuerzahler kommen werden. Gemäß Prof. Egon Flaig gibt es in Frankreich 170 no-go Areas….. https://www.youtube.com/watch?v=giDiwJRkj6w&feature=youtu.be&t=20m50s
    Grüße
    Alexander

    Antworten
  4. Wolfgang Selig says:

    Glauben Sie wirklich, Frankreich und Großbritannien würden uns bald überholen? Schauen Sie sich die Fakten auch wirklich ganz genau an?
    Welche Bevölkerungsschichten sorgen denn für die demographisch besseren Werte in diesen Ländern? (ich weiß es nicht, aber ich halte das für wichtig, ob es die produktiven sind)
    Was ist mit den Folgen des Brexit? Hilft der wirklich beim Überholen Deutschlands?
    Was ist mit der beruflichen Bildung in diesen Ländern? Steht die jetzt endlich vor einem starken Aufschwung? Gibt es in diesen Ländern jetzt endlich ausreichend qualifizierte Facharbeiter?
    Mehr investieren in Deutschland? Ja wie denn? Die öffentliche Hand in Deutschland schafft es ja jetzt schon nicht, die vorhandenen Infrastrukturmittel in konkrete Maßnahmen (z.B. Brückensanierungen) umzuwandeln. Ursache: 20 Jahre Umleitung von Mitteln nach Süden.
    Die Vorteile der Industrie brechen weg, weil veraltet? Schauen Sie sich an, wer im Bereich selbstfahrendes Auto die meisten Patente hält. Die Autonationen Deutschland und Japan, nicht UK und Frankreich. Auch chemische Produkte und Maschinen lassen sich nicht einfach durch Software ersetzen; wohl müssen Sie an die neue Zeit angepasst werden, aber es gibt auch noch Hardware in der realen Welt.
    Meine Meinung dazu ist: Großbritannien wird wegen des Brexits und seiner Fixierung auf Finanzprodukte eher zurückfallen. Frankreich hat die Chance zum Überholen, falls es interne Reformen auch wirklich durchsetzt. Wenn es sich auf Transfers aus Deutschland stützen will, ist das m.E. der Anfang der Abwärtsbewegung. Schauen Sie sich den Verlauf von Berlin zwischen 1890 und 1990 an. In den ersten Jahrzehnten prosperierend und auf eigenen Füßen, ab 1950 mit wachsender Transfermentalität in Ost- und Westberlin mit entsprechenden Folgen. Erst seit der Wende und dem Rückgang der Fördergelder wächst wieder Eigeninitative und Produktivität in der Stadt. Mir ist im Vergleich zu diesen beiden Ländern um Deutschland überhaupt nicht bange. Da sollte man den Blick schon eher in die von Ihnen genannten Staaten Australien und Kanada richten, die machen das in der Tat besser. Und die Pro-Kopf-Betrachtung nicht vergessen. Ich habe mit einer schrumpfenden Bevölkerung und rückläufigem BIP in Zeiten expansiver Geldpolitik überhaupt kein Problem, wenn real der Wohlstand pro Kopf steigt und die Verteilungsgerechtigkeit halbwegs gewährleistet ist.

    Antworten
  5. Dietmar Tischer says:

    @ Michael Stöcker

    > Wachstumsschwäche/Stagnation ist etwas anderes als Abrutschen. Und genau darum geht es/sollte es gehen: Wie können wir das Abrutschen verhindern, welches eine inhärente Gefahr der säkularen Stagnation ist und somit diesen Prozess so erträglich wie möglich zu gestalten.

    Soweit d’accord.

    >Dazu gibt es grundsätzlich zwei Wege: Einer mit sehr schneller Wirkung (ein zentralbankfinanziertes Bürgergeld) und einer mit verzögerter Wirkung (öffentliche Investitionen). Die automatischen Stabilisatoren sind nur bei normalen konjunkturellen Schwankungen ausreichend, nicht aber in einer solchen Krisensituation.>

    Auf/mit diesen zwei Wegen erreichen Sie nicht das aus Ihrer Sicht wünschenswerte Ziel, nämlich die Steigerung der Nachfrage, die das Abrutschen verhindert.

    Gründe:

    1) Geld bewirkt nur dann Nachfrage, wenn es ausgegeben wird.

    Sie müssen den Nachweis führen bzw. eine starke Begründung liefern, dass es hinreichend ausgegeben wird, wenn zentralbankfinanziertes Bürgergeld erfolgreich sein soll. Es genügt nicht, dass es mengenmäßig unbegrenzt geschaffen werden kann, was bei der Geldversorgung durch Verschuldung im zweistufigen Banksystem nicht der Fall ist.

    Selbst wenn Sie es schaffen sollten, durch Helikoptergeld KONTINUIERLICH mehr Nachfrage zu schaffen (was ich nicht ausschließe), kann das nicht ewig weitergehen, weil der Mechanismus kostenloser Geldschöpfung unweigerlich zu Inflation führt (ist meine Meinung, hier schon oft dargelegt, aber damit natürlich noch kein Fakt).

    2) Öffentliche Investitionen sind zwar TATSÄCHLICHE Nachfrage, aber Nachfrage, die weder dem Volumen noch der Art nach private Nachfrage ersetzen kann.

    Kurzum:

    Wenn ein GEGEBENES Angebot aufrechterhalten werden soll, dann muss es eine NATÜRLICHE, d. h. aus dem REALEN Bedarf erwachsende Nachfrage geben, die dieses Angebot in etwa absorbiert.

    Es gibt sie nicht und sie ist nicht zu schaffen durch das Mittel Geld bzw. staatliche Nachfrage.

    Je länger das so ist, desto mehr wird sich die Angebotsseite anpassen müssen durch Aufgabe bestehender Wertschöpfung mit Entwertung von Sachkapital.

    Das ist Abrutschen oder Anpassung nach unten.

    Antworten
  6. vlim says:

    Eine Frage der Perspektive.

    Sehr geehrter Herr Stelter,
    Ihre Perspektive „Warum Deutschland gar nicht so stark ist“ gefällt mir, weil auch ich befürchte, dass wir einer Selbsttäuschung erliegen. Ihre Argumente sind da durchaus bedenkenswert.

    Was mich nur immer wieder wundert, ist die These von der „Welt, die unter mangelnder Nachfrage leidet“. In einer Welt, in der die Meere überfischt werden, Rohstoffe in wenigen hundert Jahren verbraucht werden, wie zehntausende Jahre zuvor noch niemals in der Geschichte geschehen ist, von mangelnder Nachfrage zu reden, unter der die Welt leidet, hat schon etwas von Ironie. Es scheint mir eine typische Sicht in der vorherrschenden Ökonomie zu sein.

    Nun, genauso, wie man immer Altertum aus der Perspektive des Erdbewohners nicht unterscheiden konnte, ob die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt, scheint aus meiner Sicht die beklagte mangelnde Nachfrage so ein Phänomen der Perspektivenposition zu sein, nämlich, ob wir es hier tätsächlich mit „mangelnder Nachfrage“ zu tun haben, oder mit dem Aufbau von Überkapazitäten.

    An anderer Stelle haben Sie die andere Perspektive dann klar eingeräumt:
    „bto: Wobei die Frage ist, ob diese Deflation nicht die Folge der zu hohen Verschuldung und der mit Schulden ermöglichten Fehlinvestitionen/Überkapazitäten ist, zu denen es nur gekommen ist, weil die Schulden zu günstig gemacht wurden, was alle dazu gezwungen hat mitzumachen, wollen sie nicht ihr Eigentum verlieren.“
    https://think-beyondtheobvious.com/debitismus-von-der-zwangslaeufigen-krise-iii/

    Antworten

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