„Notenbanken – Totengräber der Marktwirtschaft“

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Dieser Beitrag erschien bei WirtschaftsWoche Online:

Das sollten die Notenbanker beim Spitzentreffen in Jackson Hole mal diskutieren: Ihre Geldpolitik untergräbt die Marktwirtschaft durch falsche Preissignale und abnehmende Kontrolle. Für Anleger ist das ein Riesenproblem.

Beginnen wir mit einem Zitat aus dem Lexikon:In der Theorie der Wirtschaftsordnungen bezeichnet Marktwirtschaft ein Wirtschaftssystem, in dem die Verteilung der Entscheidungs- und Handlungsrechte durch das Rechtsinstitut des privaten Eigentums an Produktionsmitteln erfolgt. Planung und Koordination der Wirtschaftsprozesse erfolgen dezentral. Die einzelnen Verwendungspläne der Haushalte und Unternehmen und der Entstehungspläne werden durch Marktpreise koordiniert.“ Dies im Gegensatz zum Sozialismus in dem Privateigentum (weitgehend) abgeschafft ist und die Koordination über den Plan erfolgt.

Auf den ersten Blick besteht kein Zweifel daran, dass wir uns in einem Wirtschaftssystem befinden, was näher an der Marktwirtschaft als am Sozialismus ist. Zwar hat der Staat einen übermäßigen Einfluss auf die Wirtschaft und hat immer wieder gezeigt, dass er den natürlichen Gang der marktwirtschaftlichen Prozesse verhindern möchte. Letztes Beispiel ist der Überbrückungskredit für Air Berlin verbunden mit dem gesteuerten Prozess der Zerschlagung im Interesse des führenden nationalen Spielers. Da aber alle Länder so handeln, wäre es töricht, wenn Deutschland da nicht mitspielte. Vielleicht sollten wir sogar aktiver werden, gerade auch mit der Begrenzung der Übernahmen aus anderen Ländern.

Seit Beginn der Finanzkrise vor zehn Jahren – die ich, wie regelmäßige Leser meiner Kolumnen wissen, keineswegs für überwunden halte – hat eine Entwicklung eingesetzt, die diese Wirkungsmechanismen zunehmend außer Kraft setzt. Verantwortlich sind die Notenbanken, die mit ihren Handlungen die Marktwirtschaft retten wollen, sich aber auf dem besten Weg befinden, deren Totengräber zu sein.

Der Zins als wichtigster Marktpreis

Zweifellos gehört der Zins zu den wichtigsten Marktpreisen überhaupt. Er signalisiert Risiken und Opportunitäten. Er schlägt sich indirekt in anderen Preisen nieder. Das Zinsniveau ist einer der wichtigsten Indikatoren für das zukünftige Wachstum. Tiefe Zinsen, geringes Wachstum und umgekehrt.

Schon seit Jahrzehnten sinken weltweit die Zinsen deutlich. Der Rückgang hat sich seit Beginn der unüberwundenen Krise weiter fortgesetzt. Hinter dem Zinsrückgang stehen verschiedene Faktoren (ausführlich hier). Doch unstrittig haben die Notenbanken das Ihrige dazu getan, das Zinsniveau zu drücken. Bei jedem Problem an Finanzmärkten und in der Realwirtschaft haben sie die Zinsen gesenkt und danach nicht wieder auf das ursprüngliche Niveau erhöht. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Notenbank der Notenbanken, rügt dieses asymmetrische Verhalten schon lange – vergeblich. Die Notenbanken setzen sie munter fort.

Dadurch ist nicht nur das Zinsniveau zu tief. Noch schlimmer wiegt, dass die Zinsdifferenz zwischen guten und schlechten Schuldnern reduziert, eliminiert oder gar auf den Kopf gestellt wurde. 10-jährige US-Staatsanleihen erbringen genauso viel Zinsen (2,16 Prozent) wie europäische „High Yield Bonds“ schlechter Schuldner. Spanien (1,42 Prozent) und Italien (2,01 Prozent) zahlen deutlich weniger Zinsen auf ihren Staatschulden als die USA! Da mag man zu Donald Trump stehen wie man will, alleine ein Blick auf die demografische Entwicklung genügt um zu sehen, dass Spanien und Italien niemals ihre Staatschulden ordentlich bewältigen werden.

Notenbanken gehören 20 Prozent der Staatsanleihen

Dabei ist der Zins der als Vergleich herangezogenen US-Staatsanleihen ebenfalls verzerrt durch die Politik der Notenbanken. Selbst wenn man konzediert, dass die tiefen Zinsen auch Ausfluss anderer Faktoren wie vor allem der Demografie sind, bleibt unstrittig, dass derart verzerrte Zinsdifferenzen nur durch eine erhebliche Intervention der Notenbanken zustande kommen. Es gibt einen Käufer, der den Preis manipulieren will und dies aufgrund der per Definition unbegrenzten Mittel auch kann.

Die Bilanz der sechs Notenbanken, die nach Beginn der Überschuldungskrise auf Quantitative Easing – also den Aufkauf von Wertpapieren – gesetzt haben, wuchs seit 2007 immerhin auf 15.000 Milliarden US-Dollar. Spitzenreiter ist die EZB (umgerechnet 4.900 Milliarden USD), gefolgt von der Bank of Japan (4.530 Milliarden USD) und der US-Fed (4.470 Milliarden US-Dollar). Die Bank of England, die Schweizer Nationalbank und die schwedische Reichsbank folgen auf den Plätzen.

Am liebsten kaufen die Notenbanken die Staatsanleihen der eigenen Regierung – bzw. in Europa der verschiedenen Euromitgliedsländer. Immerhin 9.000 Milliarden US-Dollar haben sie dafür per Mausklick geschaffen. Rund 20% der gesamten Staatsschulden dieser Länder.

Spitzenreiter bleibt die Bank of Japan, die 85 Prozent ihrer Bilanzsumme in japanische Staatsanleihen „investiert“ hat und bereits heute rund 40% der japanischen Staatsanleihen hält. Ende 2018 dürften es mehr als 50% sein.

Davon sind wir in der Eurozone noch weit entfernt, dennoch dürfte unstrittig sein, dass die Zinsdifferenzen zwischen den einzelnen Staaten deutlich höher lägen ohne die 2.000 Milliarden an Staatsanleihen die die EZB bisher gekauft hat.  

Verzerrte Zinsen – verzerrte Preise

Ist das Zinsniveau manipuliert, stimmen auch die Preise anderer Vermögenswerte nicht mehr. Alles erscheint „billig“ im Vergleich zu Staatsanleihen. Anleihen schlechterer Schuldner, Aktien, Immobilien, Kunst und weitere Dinge, die als „Geldanlage“ gesehen werden, erreichen damit Bewertungsniveaus, die ähnlich geringe künftige Renditen erwarten lassen wie die Staatsanleihen selbst. Vorausgesetzt, es geht nichts schief.

Damit fehlt unserer Wirtschaft das Korrektiv. Wo Risiken nicht adäquat verzinst werden, wo der Glaube vorherrscht, es gäbe immer einen Käufer, da kann keine sinnvolle Allokation „knapper“ Ressourcen stattfinden. Einfach, weil sie eben nicht mehr knapp sind. Wer immer den Investoren eine höhere Rendite verspricht, wird mit Geld überschüttet, wie der Run auf Anlagen bei Private Equity beweist.

Der Zinssozialismus wirkt überall.

Abnehmende Kontrolle der Produktionsmittel

Doch damit nicht genug. Die Notenbanken gehen dazu über, direkt Anteile von Unternehmen zu erwerben. Vorreiter sind dabei die Schweizer Notenbank und die Bank of Japan.

Die Schweizer sind sicherlich unschuldig in die Situation geraten, mussten sie doch in einem Umfeld der Geldschwemme ein weiteres Ansteigen des Frankens zumindest aufschieben. Neben Staatsanleihen aus dem Euroraum haben die Eidgenossen für 80 Milliarden US-Dollar Direktinvestitionen in führende US-Firmen getätigt: Apple (2,7 Milliarden US-Dollar), Microsoft (1,7), Johnson&Johnson, Exxon, Amazon, Facebook, AT&T und General Electric sind die größten Einzelpositionen.

Die Bank of Japan hat bisher börsengehandelte Indexfonds (ETF) im Volumen von 127 Milliarden US-Dollar aufgekauft und wird schon nächstes Jahr über 3 Prozent der Tokioter Börse besitzen. Wie auch bei den Anleihen gilt auch hier, dass das Vorhandensein eines Käufers mit unbegrenzter Kaufkraft als solches schon einen Preisanstieg mit sich bringt.

Doch nicht nur die Preisfindung wird hierdurch gestört. Hinzu kommt eine abnehmende private Kontrolle der Produktionsmittel. Die Notenbanken werden sich sicherlich nicht in die Geschäftspolitik der Unternehmen einmischen, an denen sie beteiligt sind. Das Management wird immer mehr – wie auch im Sozialismus – einer Kontrolle aus ökonomischer Sicht entzogen.

Nun kann man sicherlich einwenden, dass die (bisher) geringen Anteile die von Notenbanken direkt oder indirekt gehalten werden, keine so große Rolle spielen. Hinzu kommt aber der mehrfach an dieser Stelle kritisierte Boom der Indexfonds. Auch an diesem Boom trägt die Politik der Notenbanken entscheidende Mitschuld. Zum einen hat die Geldschwemme der letzten Jahre alle Boote steigen lassen, was es für aktive Manager (noch) schwerer macht, den Markt zu schlagen (nicht unmöglich!), zum anderen werden die Kosten in einem Umfeld tiefer Zinsen zu einem entscheidenden Performance-Treiber.

Das billige Geld treibt Investoren in die vermeintlich sicheren Indexfonds. Diese üben jedoch keine Kontrollfunktion aus, sondern kaufen das, was im Index ist und an Wert gewinnt. An die Stelle von Kontrolle tritt also institutionalisiertes Herdenverhalten und Desinteresse an den tatsächlichen Handlungen des Managements. Treibt dieses durch kurzfristiges Financial Engineering den Kurs der Aktie nach oben, führt diese zu weiteren Käufen, keinem kritischen Hinterfragen der Situation.

Geldsozialismus setzt sich fort

Allen Beteuerungen zum Trotz werden die Notenbanken der westlichen Welt den eingeschlagenen Kurs weiter fortsetzen. Spätestens bei einer Rezession oder einer von externen Faktoren (Korea?) ausgelösten erneuten Krise an den Finanzmärkten werden die Notenbanken noch aggressiver in den Märkten intervenieren.

Doch was tun als Anleger? Nichts kaufen, weil alle Preise manipuliert sind, ist keine Strategie. Wir müssen uns damit abfinden, dass am Ende dieses Spiels die Autorität der Notenbanken und das Vertrauen in die vorherrschende Geldordnung ruiniert sein werden. Deshalb dürfte Geld am Schluss das schlechteste aller Investments sein. Zwischenzeitlich dürfte eine erhöhte Liquidität jedoch eine Möglichkeit bieten, bei Korrekturen an den Märkten gezielt zuzukaufen. Dabei bleibe ich weiterhin bei meiner Empfehlung, je 25 Prozent in Gold, Aktien, Immobilien und Liquidität zu halten. Zurzeit dürfte von diesen vier Bereichen Gold das am wenigsten manipulierte Asset sein.

→ WiWo.de: „Notenbanken Totengräber der Marktwirtschaft“, 24. August 20167

37 Antworten
  1. Hansjörg Pfister says:

    Das erinnert mich an Lenins Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (ja man liest so einiges in seinem Leben), dort gibt es ein Kapitel über die Rolle der Banken. Wenn man das ganze ideologische Gedöhns weglässt könnte man meinen, er habe das heute geschrieben. Nur gab es damals eben keine Zentralbanken. Seine diesbezügliche Theorie nennt sich „staatsmonopolistischer Kaptitalismus“, weiterentwickelt von einem gewissen Hilferding. Nur glaube ich kaum das am Ende das ersehnte Arbeiter und Bauernparadies dabei herauskommt.

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  2. Michael Stöcker says:

    Der Totengräber sind nicht die Notenbanken, sondern die Fiskalpolitik. Ohne das beherzte Eingreifen der Notenbanken wäre das System wie 1929 abgestürzt.

    Der „natürliche Gang der marktwirtschaftlichen Prozesse“ folgt dem Matthäus-Effekt. Der sorgt auch für eine Geldvermögensakkumulation. Geldvermögen ist aber nur möglich, wenn es auch Geldschuldner gibt. Damit muss zugleich aber das Zinsniveau für „Geldhorter“ gegen null laufen. Nicht ganz zufällig lautet mein Blog „Zinsfehler“ und der erste Beitrag „Zinsmythen“: https://zinsfehler.com/2013/08/21/zinsmythen/.

    LG Michael Stöcker

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    • KBX says:

      ad:
      Daher ist der risikofreie Sparzins für Konsum- und/oder Investitionsverweigerer (vulgo Geldparker) endlich dort, wo er auch hingehört.

      wozu dann noch arbeiten? – ist eh alles gratis. (Kredit zu 0 % und in die Unendlichkeit rollen, bei Bedarf aufstocken)
      Wozu dann überhaupt Geld? -man bekommt ja alles was man will für lau – wie im Paradies?
      Dass durch einen Zins von 0 wertvolle Ressourcen in maximalen Tempo verbraten werden und den Planeten an den Rand seiner Möglichkeiten bringen, bzw der nächsten Generation nichts überlassen ist auch schon wurscht.

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        „(Kredit zu 0 % und in die Unendlichkeit rollen, bei Bedarf aufstocken)“

        Sie müssen differenzieren zwischen einem Individualkredit und einem Kollektivkredit. Individualkredite sind immer zeitlich limitiert und müssen von daher zu Lebzeiten zurück gezahlt werden. Keine Bank wird Ihnen also zeitlich unbegrenzten Kredit gewähren und auch keinesfalls zu 0 %, da sowohl die Kreditbearbeitungskosten also auch das Ausfallrisiko abgedeckt werden müssen.

        Anders ist dies bei einem Kollektivkredit/Staatsschuldverschreibung. Hier ist die Schuldfähigkeit durch die gesellschaftliche Rechtsordnung determiniert und ist bei ausgeglichenen LB-Bilanzen in jeder beliebigen Höhe denkbar, da sich das Nettogeldvermögen ja nicht verändert, sondern stets gleich null ist. Der größte Teil der Staatsverschuldung ist allerdings unterlassene Steuererhebung. Wieso bitte schön soll der Geldhorter hierauf auch noch Zinsen erhalten? Wer eine auskömmliche Verzinsung anstreben möchte, der kann sich ja gerne selber unternehmerisch betätigen und reale Leistungen am Markt anbieten, anstatt am ZLB mit seinen überschüssigen Geldscheinen wild herumfuchteln und ins Zinsgejammer der Klageweiber einzustimmen.

        „Dass durch einen Zins von 0 wertvolle Ressourcen in maximalen Tempo verbraten werden und den Planeten an den Rand seiner Möglichkeiten bringen, bzw der nächsten Generation nichts überlassen ist auch schon wurscht.“

        Diese Situation hat doch eher etwas mit industrieller Entwicklung zu tun und mit einer ungenügenden fiskalischen Abschöpfung. Vergleichen Sie einfach mal den CO2-Fußabdruck eines europäischen Durchschnittsbürgers mit demjenigen, der zu den 10 %, 1 %, 0,1 % oder auch den 0,01 % zählt.

        Wir haben alle Möglichkeiten, dagegen zu steuern; und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Wir sind allerdings (noch?) nicht dazu bereit. Und ja, eine zunehmend kinderlose Gesellschaft hat keine Zukunft und somit einen zeitlich reduzierten Horizont auf das hier und jetzt.

        LG Michael Stöcker

    • jobi says:

      <>

      .. das ist ja alles richtig – nur weder die Notenbanken noch die Fiskalpolitik können das eigentliche Problem lösen: die zu hohe Verschuldung. Sie können nicht einmal einen weiteren Anstieg verhindern.

      Die wahren Totengräber sind die übermächtigen Gläubiger, die einen Schuldenschnitt unter allen Bedingungen verhindern wollen und bisher auch verhindern konnten.

      Bestes Beispiel Griechenland: Hier haben EU,EZB und IWF mit Unterstützung des US-Finanzministeriums einem ganz offensichtlich insolventen souveränen Staat die Pistole an die Schläfe gehalten, um ihn dazu zu bringen, im Gegenzug für Milliardenkredite, welche sofort als Schuldendienst retour an französische und deutsche Banken gingen, den Bürgern Sparprogramme aufzuerlegen verbliebene öffentliche Güter an ausländische Privatinvestoren zu verscherbeln.
      Und das wider besseren Wissens und gegen jeden ökonomischen Sachverstand des IWF, der bei der Kreditbewilligung auf politischen Druck gegen seine eigenen Regeln verstossen musste, sowohl was die Schuldentragfähigkeit als auch die Kredithöhe betraf.
      Regeln, die sich der IWF als bittere Lehre aus dem Argentinien-Debakel selbst auferlegt hatte.
      In der letzten Finanzkrise haben es dieselben Interessen geschafft, dass sie ihre milliardenschweren Wetteinsätze mit Hilfe öffentlicher Rettungsgelder in voller Höhe zurück erhielten.
      Deshalb noch einmal: Es gibt weder eine geld- oder fiskalpolitische Lösung der Schuldenkrise.
      Zwei Alternativen bleiben: Der politische Kompromiss unter Einlenken der Gläubiger – oder Revolution !.
      Die gut informierten Teilnehmer dieses Forums sollten ihre Energie darauf verwenden, eine politische Lösung einzufordern, statt Gedanken darauf zu verschwenden, wie sie ihre persönliche Asset-Allokation optimieren können.

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        „.. das ist ja alles richtig – nur weder die Notenbanken noch die Fiskalpolitik können das eigentliche Problem lösen: die zu hohe Verschuldung.“

        Die Notenbanken nicht, die Fiskalpolitik sehr wohl: Fiskalische Redistribution via Erbschaftssteuer.

        „Die wahren Totengräber sind die übermächtigen Gläubiger, die einen Schuldenschnitt unter allen Bedingungen verhindern wollen und bisher auch verhindern konnten.“

        So ist es! Und aus den gleichen Gründen wird die Erbschaftssteuer verhindert. Es sind die 1 %. Die das System gegen die Wand fahren. Nick Hanauer hat dies erkannt.

        LG Michael Stöcker

      • Felix Kurt says:

        Blankoschecks alleine helfen nicht – sie entmündigen
        (Diesen Kommentar hatte ich am 21.7.2015 – z. Zt. der Griechenlandhysterie im Berliner Forum Griechenlandhilfe geschrieben)

        Ein Schuldenschnitt hilft Griechenland alleine nicht, da das Land heute schon fast keine Zinsen zahlt und extrem lange Laufzeiten für die Kredite hat. D. h., dass die gewährten Kredite in 30 oder 60 Jahren, also bei Fälligkeit, alleine wegen der kumulierten Inflation über solch lange Zeiträume (Grundrechnen aus der Schule) de facto nichts mehr wert sein werden. Die zwischenzeitlichen Zinsen reichen auch nicht aus, um den Gläubigern wenigstens einen Ausgleich für die Inflation (=Geldentwertung, =Kreditentwertung) zu geben.

        Auch wenn man es nicht so nennt, und einige es nicht wahr haben wollen: DE FACTO HAT GRIECHENLAND DEN SCHULDENSCHNITT LÄNGST BEKOMMEN !! Und das ist von den Gläubigern auch bewusst so konstruiert. Welchen Sinn würde es machen, die Gläubiger durch einen echten sofortigen Schuldenschnitt wegen der dann notwendigen Abschreibungen so stark zu belasten und die Fähigkeit zur Hilfe dadurch unnötig einzuschränken?? Ggf. gefolgt von Steuererhöhungen und wirtschaftlichen Risiken im eigenen Land? (Bsp.: Erste Rufe nach Soli-Anhebung) Es gibt auch in den Geberländern viel zu tun, und ein paar Hundert Milliarden sind kein Pappenstiel! Das Land bekam schon 36-mal das, was Deutschland an US-Marshall-Plan-Hilfe bekommen hatte.

        Politisch ließe sich das in meisten Ländern auch der eigenen Bevölkerung nicht verkaufen. Grund zum Maulen gibt es also nicht.
        Griechenland kann nicht nur alleine Geld, Geld, Geld, … helfen. Das versickert. Das Problem der Steuerhinterziehung betrifft vor allem Konzerne, mittlere Unternehmen und Freiberufler, was man kurzfristig aller Erfahrung nach nicht in den Griff bekommt. Ferner haben bspw. alleine die Militärausgaben, den Berichten der Stockholm-­Friedenforscher folgend, seit 2000 in etwa das Niveau wie das jetzige Hilfsprogramm von über 80 Mrd. EUR !! Und in den letzten 34 Jahren seit EWG-Beitritt (1981) haben 500 Milliarden an Subventionen und Hilfsgeldern, wie auch 5 Eu-­Ratsprä­sidentschaften,­ dem Land viele Möglichkeiten geboten, initiativ zu werden und etwas Sinnvolles und Produktives aufzubauen. Die Chancen wurden leider über viele Jahre ‚souverän und demokratisch’ vertan. Griechenland ist laut TRANSPARENCY INTERNATIONAL im Korruptionsranking auf Platz 69 (zusammen mit Italien, Bulgarien, Rumänien, oder Senegal: Quelle: https:­//­www.­transparency.­de/­Tabellarisches-­Ranking.­2574.­0.­html ).

        Vielmehr braucht das Land eine Wiedergewinnung der Wettbewerbsfähigkeit und daraus resultierend neue Arbeitsplätze und echte Einkommen (statt nur Transferleistungen). Das Täte auch der eigenen Seele gut. Am schnellsten gelänge dies in der Tat durch eine – politisch extrem schwer zu argumentierende, unpopuläre, aber faktisch sinnvolle – Abwertungsmöglichkeit. Die „souveränen“ innerstaatlichen Dinge, wie eine Neuordnung der korrupten Verwaltung, muss das Land nun Mal als „mündiger Bürger“ selber (ggf. mit angefragter, nicht aufgezwängter Hilfe) bewerkstelligen. Was ist hier konkret die Bilanz des neuen Wandels seit dem 25.1.2015?

  3. Wolfgang Selig says:

    „bto: Dabei bleibe ich weiterhin bei meiner Empfehlung, je 25 Prozent in Gold, Aktien, Immobilien und Liquidität zu halten. Zur Zeit dürfte von diesen vier Bereichen Gold das am wenigsten manipulierte Asset sein.“
    Wenn Sie eine solche Empfehlung geben, würde ich in diesem Blog (auch wenn es viele Leser wohl wissen) zwei Hinweise ergänzen wollen: Ein Rechtsanspruch auf Gold (z.B. ein Zertifikat oder Future) ist nicht physisches Gold, d.h., in dem Moment wo Sie ein Kontrahentenrisiko haben, haben Sie kein Gold, sondern ein Stück Papier. Und außerdem empfiehlt es sich, Gold nicht nur im eigenen Land zu lagern, sondern geographisch zu streuen, denn auch Ländern wie die USA und Deutschland hatten schon Einschränkungen bzw. Goldbesitzverbote. Empfehlenswert sind die üblichen Verdächtigen mit einem ordentlichen Rechtssystem wie z.B. Hongkong, Singapur, die Schweiz, Liechtenstein, Neuseeland, Australien, etc.

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  4. michael says:

    Hallo Herr Selig,
    ich halte ein Goldbesitzverbot in der heutigen Zeit für schwer umsetzbar zumindest für kleinere Stückelungen.
    Mal angenommen Sie kaufen in mehreren Tranchen in bar 50 Stck. Krügerrand (also immerhin rd. 50.000€ !!) und haben diese in Ihrem Garten vergraben. Niemand hat davon Kenntnis und niemand kann es Ihnen wegnehmen.

    Weiterhin angenommen es gäbe ein Goldverbot. Dann fahren Sie in den Urlaub in die Schweiz oder wandern über die grüne Grenze dorthin die Schweiz und haben einige wenige Stücke in der Tasche. Sie können diese dann dort bei Bedarf verkaufen gegen CHF. Ich gehe davon aus, dass es bei einem Goldverbot Freigrenzen gäbe. Das heißt das skizzierte Vorgehen wäre dann bei kleinen Stückelungen völlig legal.

    Gruss Michael

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    • daniel says:

      Mal laut gedacht …

      Ich persönlich „glaube“, dass der einzige Wert von Kryptowährungen darin besteht, illegale Transkationen leichter abzuwickeln (z.B. Drogenverkauf im Darknet). Das mag zwar ein fragwürdiger Wert sein, es ist jedoch einer …

      In einem Fiat-Geldsystem – legitimiert durch Staat u. Steuer – entsteht Geld nur durch die Aufnahme von Schulden (Geld = Schulden), welche man nur durch Arbeit o. den Verkauf von akkumulierter / konservierter menschlier Arbeit (=Assets und deren Bewertung; die Gaben von Mutter Natur einmal außen vor) begleichen kann. Krypto-Währungen werden dagegen durch Rechenleistung „geschürft“ …

      Da der Wert bei Fiat-Währungen indirekt durch das Versprechen auf menschliche Arbeit gedeckt ist (kann man das so sagen?), scheint mir dies für den Gläubiger einfach objetkiv wertvoller als „Rechenkapazität“ …

      Sofern Krypto als „gesetzliches“ Zahlungsmittel zugelassen werden würde, bekäme es vermutlich einen Wert … Jedoch dürfte das niemals passieren, zu gut funktinoiert das aktuelle System für die Mächtigen dieser Welt …

      Antworten
      • Hansjörg Pfister says:

        Kryptowährungen sind nicht durch Rechenleistung gedeckt (es gibt auch welche, die ohne „Mining“ funktionieren). Das „Minen“ bzw. die Komplexizität der Berechnung dient nur dazu sie mengenmäßig zu begrenzen. Kryptowährungen sind völlig ungedeckt. Ich habe mir vor einigen Jahren überlegt deswegen nicht in den Bitcoin zu investieren. Damals lag er bei 3 Euro, heute denke ich aus nachvollziehbaren Gründen anders darüber.

      • hbo says:

        Warren Buffet hat sinngemäss gesagt (ich finde das Zitat im Augenblick nicht), dass der gestiegene Preis niemals ein Argument für den Kauf einer Aktie darstellen sollte. Ich denke, diese Aussage kann man gut auf andere Vermögenswerte übertragen. Für Schnellballsysteme wie Bitcoin sollte die Aussage umso mehr gelten. Was das berühmte Darknet angeht: glauben Sie wirklich, dass Ihnen die Post ein Paket mit Drogen oder Waffen bringt, wenn Sie einem unbekannten (!) Betrüger einen oder mehrere Bitcoins überweisen? Bitcoins sind entgegen anders lautender Gerüchte auch nicht anonym. Bitcoins sind bestenfalls pseudonym. Alle Bewegungen können im öffentlich zugänglichen Ledger nachgeschlagen werden.

        Die Blockchain-Technologie an sich hat aus verschiedenen Gründen Potential und wird im Finanzsektor dementsprechend gehypt. Bei der Blockchain-Technologie geht es aber nicht um Kryptocurrencys, sondern um das kryptografische, zum Teil dezentralisierte Absichern von Buchungsvorgängen.

        Eine Einschätzung eines Profis zu Bitcoin:
        https://www.youtube.com/watch?v=Fd0TqkW7qHg

        Und kurz noch das Beste an „Kryptowährungen“ ;-) … es werden täglich mehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kryptow%C3%A4hrungen

  5. Daniel Hartmann says:

    „Alles erscheint „billig“ im Vergleich zu Staatsanleihen“ (bto)

    Es „erscheint“ doch nicht billig, sondern – wenn man die Wahrscheinlichkeit eines Systemcrashs außer Acht lässt – als korrekt bepreist. Wenn der „risikolose“ Zins gegen null läuft, drückt das die realen Kapitalkosten nach unten und ist letztlich eine fundamentale Makrogröße, die die hohen P/E-Ratio´s legitimiert … Die Rendite auf 10 jährige Bundesanleihen (und die Refinanzierungskosten von Fremdkapitalgebern mit ihenen …) ist in der letzten Dekade von rd. 4,0% auf 0,0% gefallen … Der Umstand das der Zins verzerrt ist, ändert nichts daran, dass er so tief …

    PS: Nicht das ich falsch verstanden werde, mir ist das ja auch alles ein wenig ungehuerlich und ich blicke – wie die meisten hier – eher pessimistisch auf die nächsten Jahre …

    Antworten
  6. berndl says:

    @michael Fast alle EU-Staaten haben schon große Teile ihres ausgelagerten Goldes „heim“ geholt. Mutmasslich um für die Stunde X bereit zu sein.

    Diese wird dann eintreten, wenn der Hebel für die ESM;& Co Haftungen schlagend wird und an die Nationalstaaten durchgereicht wird und diese daraufhin faktisch bankrott sind. Und letztlich der Euro vernichtet werden wird.

    Die Mengen Gold, die dann von den Staaten auf den Markt kommen werden, werden zu einer Baisse des Goldpreises führen, wo die von Dir behandelte Lösung mit paar Goldtalern in der Hand über die Schweizer Grenze zu pilgern, vermutlich nur noch für ein paar warme Mahlzeiten reichen würde.

    Antworten
    • hbo says:

      Die Notenbanken halten kein Gold um es im Fall einer Hyperinflation zu verkaufen. Mit Prognosen zum zukünftigen Preis von Gold wäre ich unter anderem deshalb zurückhaltend.

      Im Fall einer Währungsreform dienen Gold, Land, Rechtssicherheit und die wirtschaftliche Aussichten des emittierenden Staates der Besicherung und Verankerung einer zukünftigen Währung. Meines Erachtens ist es deshalb nicht verkehrt, ein bisschen Gold zu besitzen.

      Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    Die Ausführungen, die auf die funktionalen Auswirkungen der Geldpolitik verweisen, sind wohl nicht zu kritisieren.

    Meine Ursachenzuordnung hinsichtlich des „Totengräbers der Marktwirtschaft“ ist aber eine andere.

    Die Notenbanken sind zwar UNABHÄNGIG, d. h. autonom, was ihr Handeln betrifft (innerhalb gesetzter Grenzen).

    Sie sind aber Institutionen, die GESCHAFFEN wurden.

    Ihre Existenz ist ABHÄNGIG von der Gesellschaft, für die Politik Entscheidungen trifft.

    Insofern kann man zwar sagen, dass die Notenbanken qua Funktionalität ihrer Maßnahmen die To-tengräber der Marktwirtschaft sind – genauer: Die Retter der Marktwirtschaft zum Tode –, aber man kann NICHT dabei bleiben, wenn man die hier vorliegende URSÄCHLICHKEIT verstehen will.

    Meine These ist:

    Die Marktwirtschaft ist auf dem Weg zum Tode dadurch, dass ihr BEREINIGUNGSVERMÖGEN, d. h. unbeschränkte INSOLVENZEN, gesellschaftlich gewollt, eliminiert wurde.

    Damit wurde die Marktwirtschaft UNABHÄNGIG von den Notenbanken eines ganz wesentlichen Teils ihrer Funktionalität beraubt.

    Es ist verständlich, warum dies geschehen ist. Massenarbeitslosigkeit hat in der Vergangenheit verheerende Folgen gehabt, die man um jeden Preis vermeiden will.

    Man darf aber dabei nicht ausblenden, welche anderen Folgen man damit vermeidet:

    Wer Insolvenzen ausschließt, VERHINDERT die ultimative ENTSCHULDUNG.

    Somit konnte es im System zu einem Verschuldungsaufbau kommen, der nicht gebremst werden kann.

    DAHER – also quasi als „Feuerwehr“ – greifen die Notenbanken ein.

    Aber natürlich löschen sie nicht wirklich.

    Sie können es nicht.

    Antworten
    • Alexander says:

      Produktivitätswachstum kann Verschuldungskrise der Privaten mildern und hätte geholfen Banken- und Staatsschuldenkrise zu lindern?
      Bto wies oft darauf hin und Prof. Heinsohn schrieb schon vor langem, dass Notenbanken keine Innovatione f. Produktivitätswachstum liefern können.

      Im verarbeitenden Sektor haben wir physikalische Grenzen erreicht und Vernetzung bringt nicht die gewaltigen Kostenvorteile, wie seinerzeit die elektronische Datenverarbeitung.
      Kostenvorteile bringt heute die Verlagerung von Wertschöpfung aus der Eurozone, vor allem wenn die EU Osteuropa fördert oder im Vergleich der Sozialversicherungskosten mit Asien. Diese Verlagerung verlagert Beschäftigung von Hochlohnsegmenten in die Dienstleistung..

      Wenn meine Aussage über physikalische Grenzen stimmt und die Folge von Verlagerungen, dann haben wir ein Massenproblem – wenn Zuwanderer höchstens Hilfstätigkeiten in der Massenproduktion übernehmen können.

      Wenn nun Produktionsanlagen in China ähnlich billig finanziert werden können, wie in Europa/USA und wir unser know how in Joint ventures preisgeben, konkurrieren Sozialsysteme miteinander.

      Der letzte Aspekt, den ich anbringen möchte ist, dass Eigenkapitalrenditen nicht wesentlich über den Refinanzierungskosten von Firmenzombies, bei 100% FK und null Tilgung, liegen können. Die gesunden Firmen werden mit Dauer der Übung ausgelaugt und können dem Preiskampf nur durch Verschuldung versuchen zu entwachsen, in der Hoffnung innovativere Anlage böten Preisvorteile was sich oft als Irrtum erweist…

      Leider experimentieren die Notenbanken im Auftrag ihrer Staaten schon recht lang mit unseren Existenzen…

      Vielen Dank

      Antworten
    • Michael Stöcker says:

      „Die Marktwirtschaft ist auf dem Weg zum Tode dadurch, dass ihr BEREINIGUNGSVERMÖGEN, d. h. unbeschränkte INSOLVENZEN, gesellschaftlich gewollt, eliminiert wurde.“

      Hier die Eliminationszahlen für Europa 2015/2016: https://www.creditreform.de/fileadmin/user_upload/crefo/download_de/news_termine/wirtschaftsforschung/insolvenzen-europa/Analyse_Unternehmensinsolvenzen_in_Europa_Jahr_2015-16.pdf.

      Sie suchen an der falschen Stelle nach den Todesursachen.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Alexander says:

        Schon 2008 wies Wolfgang Münchau in seinem Buch „Kernschmelze im Finanzsystem“ darauf hin, dass das billige Geld die Zahl der Pleiten unter das statistische Normal senkte. Aufgeschoben. Wie die Währungsabwertung muss man das nachholen. Firmenzombies sind deutliche Warnung: https://www.welt.de/wirtschaft/article167166473/Fuest-warnt-vor-Zombie-Unternehmen-und-Banken-in-Europa.html

        Das für mich wichtigste Kennzeichen ist das fehlen unseres künstlichen Horizonts, wir wissen nicht mehr wo das Normal, das Richtig oder Falsch liegt. Auf der Basis ist Preisfindung unmöglich.

        Welches Unternehmenswachstum in 5 Jahren ist gesund?
        5%, 10%, 50%?

      • Dietmar Tischer says:

        Es geht doch nicht um die SCHWANKUNGEN der Insolvenzzahlen.

        Es geht darum, dass vor allem Großinsolvenzen mit Kettenreaktion, etwa wie hierzulande vor einigen Jahren Opel, um jeden Preis vermieden werden.

        Warum will keine Partei in Niedersachsen die 20%-Beteiligung an VW aufgeben?

        Weil man keine Verhältnisse wie nach der PLEITE von GM haben will (und noch nicht einmal eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur mit Arbeitsplatzabbau im zu teuren Deutschland):

        Mrd.-Verluste für die Anteilseigner, Mrd.-Verluste für die Gläubiger, Mrd.-Verluste für die Be-schäftigten, die für amerikanische Verhältnisse sagenhafte Sozialleistungen herausgestreikt hatten, Mrd.- Verluste (zumindest was den Umsatz betrifft von Zulieferern und Händlern), Mrd.-Ausfall an Steuereinnahmen mit Pleite von Detroit etc., etc.

        Heute ist GM wieder wettbewerbsfähig und – auch das gehört zur Wahrheit – eine erhebliche Anzahl ehemaliger GM-Arbeitnehmer arbeitet vermutlich in deutlich schlechter bezahlten Dienstleistungsberufen

        Oder noch extremer, was die VERHINDERUNG von Pleiten angeht:

        Bankpleiten, die dann auch die Realwirtschaft mit an sich gesunden Unternehmen massiv geschädigt hätten …

        Nochmals:

        Man kann das alles wollen, und es ist auch klar, warum man es will und praktiziert.

        Man soll aber bitte schön nicht die Konsequenzen vergessen.

        Oder was hier tun:

        Mit KONJUNKTURELLEN Hinweisen von den STRUKTURELLEN Problemen ablenken.

      • Dietmar Tischer says:

        @ Alexander

        Die bto.-Betrachtung der Notenbanken zeigt sehr deutlich, was die FOLGE ist, wenn die Notenbanken von der Leine gelassen werden:

        Rettung vor dem System-Crash – ja.

        Aber DADURCH auch das, was Sie richtig benennen:

        Eine die NUTZUNG der Ressourcen STEUERNDE Preisfindung wird weitreichend außer Kraft gesetzt. Das betrifft nicht nur die Assets.

        Eigentlich kann sich das nur eine Gesellschaft leisten, die im DAUERNDEN Überfluss lebt.

        Ich glaube nicht, dass dies unser Selbstverständnis ist.

    • jobi says:

      soweit einverstanden, nur dass die Eliminierung des Bereinigungsvermögens „gesellschaftlich gewollt“ ist ? Hier lohnt es sich wohl, genauer hinzusehen WER genau das gewollt hat und wer dazu nur genötigt wurde !
      Ging es doch in der letzten Finanzkrise hauptsächlich um die drohende Bereinigung im Bankensektor und die Rettung größtenteils kriminellen Wetteinsätze einiger Großbanken. 4 Billionen US-Dollar hätte man schließlich genau so gut dafür benutzen können, die Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu heilen, die ein Zusammenbruch dieser kriminellen Vereinigungen zweifelsohne gehabt hätte.
      Und ist die Folge, dass in Europa unser Geldsystem jeder demokratischen Kontrolle entzogen wurde, wirklich „gesellschaftlich gewollt“ ?

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Wenn ich „gesellschaftlich gewollt“ sage, meine ich, dass es keine politisch-gesellschaftlich hinreichend relevanten PROTESTE gegen die Verhinderung von Großleiten gibt.

        Wir werden natürlich nicht gefragt, ob wir das wollen oder nicht wollen.

        Es liegt sozusagen ein Wollen mit stillschweigendem gesellschaftlichem Einverständnis vor.

        Sie sehen das Problem der Bankenrettung als Alternative zwischen „Rettung von kriminellen Wetteinsätzen“ und „Rettung der Realwirtschaft“ – das eine oder das andere.

        Lassen wir einmal offen, ob die Bankenkrise eine war, die nur oder überwiegend durch Wetteinsätze und dann auch noch kriminelle hervorgerufen wurde. Die meisten werden das anders sehen. Aber gut.

        Selbst wenn ihre Summe von 4 Billionen US-Dollar stimmte, ist es nicht die Alternative, vor der die Entscheider – letztlich die Politiker – standen.

        „Auswirkungen auf die Realwirtschaft heilen“, heißt ja, dass die Realwirtschaft „krank“ geworden sein musste. Bei den unvermeidbaren Kettenreaktionen von Bankpleiten ist das Ausmaß unvorstellbar – Schockstarre querbeet in der Realwirtschaft– und daher wäre es unverantwortlich gewesen, Bankpleiten zuzulassen.

        Außerdem:

        Man hätte ganz schnell wieder ein FUNKTIONIERENDES Bankensystem aufbauen müssen.

        Wie denn quasi über Nacht?

        Es hilft bei den hier erörterten Sachverhalten nicht nach Schuld und Sühne zu werten.

        Es geht darum, den Schaden möglichst gering zu halten – und das KURZFRISTIG, so wie unser Denken und Handeln angelegt ist.

  8. Michael Stöcker says:

    @ Dietmar Tischer

    „Es geht doch nicht um die SCHWANKUNGEN der Insolvenzzahlen.“

    Richtig, darum geht es nicht. Es ging um Ihre generelle Aussage, dass „unbeschränkte Insolvenzen“ eliminiert wurden. Und diese Aussage trifft eben nicht zu, bzw. überwiegend nur auf große und sehr große Unternehmen. Auch hier gibt es ein TBTF-Problem. Eine Eiche ist in 300 Sekunden gefällt und braucht anschließend wieder 300 Jahre für die alte Größe. Ein solcher Zeithorizont wäre gesellschaftspolitischer Selbstmord.

    „Mit KONJUNKTURELLEN Hinweisen von den STRUKTURELLEN Problemen ablenken.“

    Tue ich das??? Wir haben in Deutschland ein massives strukturelles Problem. Die gute Konjunktur mag viele darüber hinwegtäuschen. Sie kennen meine Einschätzung hierzu: Zuviel Export und zu wenig inländische Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Und ja, diese strukturellen Anpassungen werden immer wieder verhindert, bzw. zu lange hinausgezögert (siehe Steinkohle im Ruhrgebiet).

    Und der Finanzsektor ist hier ein ganz besonders schwerer Fall. Ich empfehle Ihnen hierzu insbesondere Martin Hellwig: https://www.youtube.com/watch?v=5MkPbqNzo1o.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >Es ging um Ihre generelle Aussage, dass „unbeschränkte Insolvenzen“ eliminiert wurden. Und diese Aussage trifft eben nicht zu, bzw. überwiegend nur auf große und sehr große Unternehmen.>

      Genau das meine ich mit „unbeschränkt“ – es werden nicht ALLE Insolvenzen zugelassen.

      „generell“ heißt doch nicht „keine Insolvenzen“.

      Ich hatte doch schon zuvor gesagt hier oder an einem anderen Thread, dass zugelassene Insolvenzen mehr oder weniger unter Einzelschicksal abgehakt und akzeptiert werden.

      >Eine Eiche ist in 300 Sekunden gefällt und braucht anschließend wieder 300 Jahre für die alte Größe. Ein solcher Zeithorizont wäre gesellschaftspolitischer Selbstmord.>

      Die Analogie ist daneben.

      Es geht darum, dass die gefällte Eiche zu viel SCHADEN verursacht – insbesondere Arbeitslosigkeit in einem Maß, das wir nicht akzeptieren, weil es unserem Selbstverständnis, dass die Dinge sinnvoll machbar im Griff zu halten sind, widerspricht. Dies und nicht irgendein Zeithorizont ist der Grund für den „gesellschaftlichen Selbstmord“, den Sie zu Recht erwarten, wenn es zu einfach so hingenommenen Groß- oder Masseninsolvenzen käme.

      „zu alter Größe“ – das Ganze noch einmal?

      Nein, sondern es geht darum, dass Insolvenzen – aus gesamtwirtschaftlicher Sicht –FEHLALLOKATINONEN verhindern bzw. beenden und zwar SO, dass die Gläubiger kein VERWEIGERUNGSPOTENZIAL ins Spiel bringen können wie das gegenwärtig in einem nie gekannten Maß der Fall ist.

      Nach einer Insolvenz bzw. einer Summe von Insolvenzen VERHINDERT das rationale Verhalten der Gläubiger, die VERLUSTE in Kauf nehmen müssen, ein „das Ganze noch einmal von vorne“.

      Dass man den Märkten in viel zu vielen Fällen nicht erlaubt, derart bereinigende Insolvenzen zu realisieren, ist mit ALLEN sich daraus ergebenden Folgen DAS strukturelle Problem, von dem ich hier rede.

      Wenn man so will: Es ist das strukturelle BASIS-Problem.

      Dass es darüber hinaus bei uns und anderswo im herkömmlichen Sinn verstanden strukturelle Probleme gibt, gerade auch im kritischen Finanzsektor, ist doch unbestreitbar.

      Antworten
      • Felix Kurt says:

        @ M. Stöcker:
        Sims: “ . . . requires recognizing the connections between fiscal and monetary policy. This recognition is only slowly emerging in the institutional framework of the EMU.“ (Zitat aus dem Abstract der von Ihnen zitierten Quelle)

        Springt man nicht zu kurz, wenn vornehmlich die aktuelle Schadenssituation, wie z.B. die quasi untragbare Überschuldung in Griechenland, betrachtet wird und man versucht, als Erklärung ein (monetär-/fiskal-) theoretisches Konstrukt zu bauen?

        Dabei sollte man die Entwicklung hin zu der Schadenssituation im zeitlichen/geschichtlichen Ablauf berücksichtigen (vgl. meinen Kommentar oben zu „jobi“), die Fehlentwicklungen offenbart, welche gar nichts mit theoretischen Zusammenhängen/Überlegungen zu tun haben haben, sondern simpel auf den Faktoren ‚Politische Macht‘ und ‚Gier‘ (der Eliten, wie auch der Wähler nach nicht finanzierbaren sozialen Geschenken („der Spatz in der Hand“) beruhen?

        Das KORREKTIV, also die notwendige Einschätzung/Abwägung des RISIKOS, sich gehörig die FINGER ZU VERBRENNEN und am Ende vieles/alles zu verlieren, wird OHNE INSOLVENZRISIKO als Bestimmungsfaktor für menschliches Handeln NICHT GREIFEN können. Die verhaltensorientierte („-wissenschaftliche“) Komponente.

        Die Gläubiger werden durch Schuldenschnitt als letzte ‚Lösung‘ erpressbar, die Schuldner lernen nichts dazu, denn sie wissen: wenn’s wieder schief geht, bekommen sie einen Teil geschenkt. Dieses Handeln der Schuldner ist solange RATIONAL, wie dieses Kalkül aufgeht.

        Hin zur Überschuldung braucht es immer zwei Seiten, den der das Geld nimmt (obwohl er es sich nicht leisten kann, aber das ist das Problem der nächsten Legislaturperiode) und den der das Geld gibt.

      • Dietmar Tischer says:

        @ Felix Kurt

        >… die Schuldner lernen nichts dazu, denn sie wissen: wenn’s wieder schief geht, bekommen sie einen Teil geschenkt. Dieses Handeln der Schuldner ist solange RATIONAL, wie dieses Kalkül aufgeht.>

        Wissen ist nicht Handeln.

        Schuldner handeln, d. h. sie wollen in aller Regel mit dem durch Verschuldung verschafften Geld REALWIRTSCHAFTLICH etwas erreichen.

        Wenn es schief geht, dann sind sie damit GESCHEITERT.

        Durch dieses Scheitern, das nicht rational ist, LERNEN sie.

        Das gilt PRINZIPIELL auch für Staaten bzw. die sie regierenden Politiker, wenngleich – sicher ein ganz großer Unterschied – vielmehr die Reputation als eigene materielle Verluste betreffend. Ausgenommen sind natürlich Ignoranten oder Hasardeure.

        Meine Betrachtung zu Sims am anderen Thread:

        https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/der-globale-ponzi/

      • Felix Kurt says:

        @ D. Tischer

        Was ich meine:
        Das was Sie schreiben gilt sicher für die einzelwirtschaftliche Betrachtung eines rational handelnden Wirtschaftssubjekts, wie Unternehmer, Unternehmen, Privatperson.

        Politisch motivierte und über mehrere/viele Legislaturperioden, angeführt von unterschiedlichen politischen Richtungen und Verantwortlichen, aufgetürmte Verschuldungen sind m. E. bei weitem nicht rational im engen wirtschaftlichen Sinne (Aufwand, Risiko, Ertrag), so wie Sie es beschreiben. Weil die Nutzenfunktion eine andere ist. Es muss ja nicht am Ende „wirtschaftlich“ rational funktionieren, sondern dem politischen Ziel genutzt haben. Und die „politische Verantwortung“ beim Scheitern bedeutet am Ende gar nichts, außer dass man evtl. vorzeitig die Versorgungsleistungen aus öffentlichen Geldern in Anspruch nehmen kann oder lukrative Pöstchen erhält.

        „Wissen ist nicht Handeln.“: Wissen um die Umstände und Folgen sollte dem Handeln immer voraus gehen. Das ist oft genug leider nicht der Fall. Aber wenn man weiß, dass „too big to fail“ einen schon irgendwann retten wird (bail out), oder wenn nicht finanzierbare Staatsschulden nun einmal da sind, dann weiß der Handelnde (vorher) sicher nicht alles, was für ein ex-ante rationales Kalkül hinreichend wäre. Aber er geht im Kontext seiner Nutzenfunktion ein Kalkül ein, oder er zockt, was nicht notwendigerweise ein irrationales Kalkül ist.

      • Dietmar Tischer says:

        @ Felix Kurt

        Es ist richtig, dass die Nutzenfunktion eine andere ist.

        Sie schließen daraus:

        >Und die „politische Verantwortung“ beim Scheitern bedeutet am Ende gar nichts, außer dass man evtl. vorzeitig die Versorgungsleistungen aus öffentlichen Geldern in Anspruch nehmen kann oder lukrative Pöstchen erhält.>

        Das ist zu eng.

        Scheitern von Politikern hat zwar andere Konsequenzen, weil die Nutzenfunktion eine andere ist, aber es hat auch erhebliche Konsequenzen.

        Erstens ist das Gemeinwesen nicht in dem besseren Zustand, in dem es sein könnte – analog einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, bei dem das Management scheitert.

        Zweitens sind die Verantwortlichen abgemeldet und aussortiert – in der Politik genauso wie in der Privatwirtschaft.

        Unterschiede bei den Versorgungsleistungen in dieser Situation gibt es allerdings, da widerspreche ich Ihnen nicht.

        Too-big-to-fail:

        Ob irgendein Unternehmen zu groß ist, um unterzugehen, hängt von vielem ab. Vor allem hängt es von der Zahl der Arbeitnehmer aber, wie ich hier immer wieder betone.

        Andere Faktoren kommen dazu.

        Insofern ist richtig, dass TBTF ex-ante keine felsenfeste Position ist, von der Entscheider ausgehen können.

        Ich würde es dennoch ein wenig anders als Sie sagen:

        GEWOLLTES Zocken ausgeschlossen (was m. A. n. durchweg der Fall ist), nehmen Entscheider großer, d. h. bedeutender Unternehmen ANDERE Risiken an als die kleinerer und sie reagieren auch anders in Krisen.

        Dabei spielt die Einschätzung der Bedeutung im Sinne eines etwaigen TBTF auch eine Rolle – mitunter sicher eine ganz erhebliche.

        Ob ein Unternehmen WIRKLICH TBTF ist, stellt sich erst in der Katastrophe heraus.

        Lehman war jedenfalls NICHT TBTF.

        Ich denke, dass Entscheider von bedeutenden Unternehmen dies wissen und es auch einbeziehen.

        Kurzum:

        Ich glaube, dass sie zu TBTF ein ambivalentes Verhältnis haben.

        Und, richtig, das muss nicht irrational sein.

        Liegen wir da weit auseinander?

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