„Die ‘Deutsche Krise’“

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Dieser Beitrag erschien bei WiWo.de:

Scheitert die Deutsche Bank, wäre die Lehman-Pleite ein Kindergeburtstag dagegen. Die Krise der Deutschen Bank ist letztlich eine Krise der deutschen Politik. So oder so ist es Zeit, das Portfolio sturmfest zu machen.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, diese Woche über den „Biggest Short“ zu schreiben. Den ultimativen Deal, mit dem man aus dem nächsten Einbruch an den Finanzmärkten Gewinn schlagen kann. In Anlehnung an den Bestseller von Michael Lewis, der eindrücklich den „Big Short“, die erfolgreiche Wette gegen den US-Immobilienmarkt und die Weltfinanzmärkte, vor nunmehr acht Jahren beschreibt. Doch muss das Thema warten. Zu dramatisch ist das, was sich seit mehreren Jahren mit den Aktien von Banken, allen voran der Deutschen Bank ereignet.

Wer den Kursverlauf der Deutschen Bank seit 2006 betrachtet, muss unweigerlich denken, es wäre schon der „Big Short“ gewesen. Immerhin stand die Aktie im Jahre 2006 kurzzeitig einmal über 100 Euro. Nun, acht Jahre und einige Kapitalerhöhungen später, nähert sie sich einem Wert von null. Wenn der Verfall der Deutschen Bank nicht das ultimative Zeichen für eine massive Krise ist, was dann?

Natürlich war es unfair, dass der Internationale Währungsfonds ausgerechnet der Deutschen Bank den Titel der „gefährlichsten Bank der Welt“ verlieh – gerade in einer Branche, die von nichts so sehr abhängt wie von Vertrauen. Ein geradezu ungeheuerlicher Vorgang. Natürlich gehen die Amerikaner mit unliebsamen Mittbewerbern rabiater um, wenn es um Strafen für Fehlverhalten geht – siehe auch Volkswagen.

Natürlich kann niemand sagen, die Deutsche Bank sei insolvent. Doch das Gegenteil beweisen kann man so richtig auch nicht. Die Bilanz ist von außen nicht zu verstehen. Es ist und bleibt der Glaube an die Rechtschaffenheit des Managements, auf dem das Vertrauen in die Bilanz und Solidität der Bank beruht. Und so sehr man dem heutigen Management vertrauen sollte, niemand weiß, was die Vorgänger noch als Zeitbomben hinterlassen haben.

Würde ich die Aktien der Deutschen Bank heute kaufen? Nein. Aber ich kaufe ohnehin keine Aktien von Banken in Europa, wie ich an dieser Stelle immer und immer wieder betont habe. Ich bin kein Spieler, sondern ein langfristig denkender Investor. Zu gut erinnere ich mich an eine Diskussion mit meinem Sparring-Partner in Sachen Geldanlage am Freitag dem 12. September 2008. Wir haben darüber gesprochen, eine Position in Lehman Brothers einzugehen. Schließlich würde die US-Regierung wie schon im Fall von Bear Stearns einen Konkurs verhindern, so unsere Einschätzung. Das Verlustrisiko war nach dem deutlichen Fall der Aktie also gering.

Es hat mich gereizt. Ich habe es aber nicht getan, weil ich das Risiko nicht einschätzen konnte und vor allem das Ergebnis nicht zu analysieren war. Es war ein politischer Entscheid, und von der Politik halte ich – auch das wissen die Leser dieser Zeilen gut – herzlich wenig. Vor acht Jahren hat mir das einen Totalverlust über das Wochenende erspart.

So hoffe ich, dass es der Deutschen Bank besser geht, als der Markt befürchtet, und dass sie allen Beteuerungen zum Trotz doch von der Politik gerettet wird, sollte dem nicht so sein. Würde sie es nicht, hätten wir eine neue Krise, die die Ereignisse der Jahre 2008/9 wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen würde. Keines, aber auch wirklich keines der Probleme, die zur Finanzkrise geführt haben, wurde gelöst. Zur Erinnerung:

  • Die Gesamtverschuldung liegt fast überall über dem Niveau von 2008.
  • Die europäischen Banken sind immer noch überdimensioniert und unterkapitalisiert.
  • Die Realwirtschaft in der Eurozone hat erst vor wenigen Monaten das Niveau von 2008 wieder erreicht – einige Länder wie Italien sind weit davon entfernt.
  • Die Zinsen sind negativ und die Notenbanken der Welt sind mit ihrem Latein am Ende. Bei der nächsten Krise bleibt nur noch die direkte Staatsfinanzierung, vulgo „Helikopter-Geld“.
  • Die Möglichkeit zu politischer Kooperation zur Krisenbewältigung ist deutlich gesunken: Brexit, Trump, Cinque Stelle, Front National, AfD, …, überall zeigen sich die Folgen einer Politik, der es nicht mehr gelingt, den Wohlstand der breiten Bevölkerungsschichten zu steigern und Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit zu geben.
  • Die herrschende Politik hat derweil den lauten Weckruf immer noch nicht erhört, spielt weiter auf Zeit und hofft auf ein Wunder. Das Wunder wird nicht kommen.

Die Krise aus Sicht der Vermögenssicherung

Zu allem Überfluss haben die Politiker eine im Prinzip richtige Konkursregelung für Banken eingeführt (Bail-in), die erst die Gläubiger fordert, bevor der Steuerzahler haftet. Das ist natürlich theoretisch richtig. Jedoch muss man die Banken erst saniert haben, bevor man so eine Regelung einführt. Denn wer, der noch halbwegs denken kann und nicht gezwungen wird, investiert auch nur einen Euro in eine Bankanleihe geschweige denn eine Bankaktie, wenn er weiß, dass die Altlasten noch nicht bereinigt sind?

Das wissen natürlich auch die Profis, die in den vergangenen Monaten mit der deutlichen Erholung der Bankaktien einen schönen Gewinn erzielt haben. Sie setzten auf eine technische Reaktion nach dem deutlichen Absturz davor und hofften auf die Rettung durch Politik (Aufweichung der Bail-in Regeln) und EZB (kauft alles). Wirklich an die Zukunft der Banken glauben auch sie nicht. Nach der nun kolportierten Weigerung der Bundesregierung, zwölf Monate vor der Wahl eine weitere Bank „zu retten“, bekommen sie zu Recht kalte Füße. Könnte es sein, dass die prinzipientreuen Deutschen es wirklich darauf ankommen lassen? Und sei es nur, um dem Italiener Renzi klar zu machen, dass er um einen Bail-in in Italien nicht herumkommt? Angesichts der Tatsache, dass die italienischen Privathaushalte deutlich vermögender sind, als die deutschen, ebenfalls theoretisch richtig. Praktisch könnte es zum Ende des Euro führen.

In Wahrheit ist die Krise der Deutschen Bank natürlich hausgemacht. Im Umfeld einer überschuldeten Welt mit einem überschuldeten Finanzsystem ist es keine gute Idee, den Titel des riskantesten Spielers zu haben, weil man ein Riesenrad mit wenig Eigenkapital dreht. Die Tatsache, dass die deutsche Politik der vergangenen acht Jahre mehr Wert auf Illusion statt Problemlösung gelegt hat – Stichworte: Griechenland (pleite), Portugal (auch pleite), Irland (ja, trotz Wachstums ebenfalls als Land überschuldet) –, hilft aber auch nicht gerade. So wurde eine echte Sanierung der Banken, eine Restrukturierung der Schulden und eine Neuordnung der Eurozone verhindert. Damit blieb die EZB die einzige Instanz, die mit Negativzinsen, die dann wiederum von deutschen Politikern bejammert werden, den Laden zusammenhält. Nebenfolge: eine Schwächung des Bankensystems und damit auch der Deutschen Bank.

Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet eine deutsche Bank den Auftakt zur nächsten Weltwirtschaftskrise gibt. Auszuschließen ist es nicht und unsere Politik der letzten acht Jahre trägt erhebliche Mitschuld.

Aus Sicht der Vermögenssicherung bedeutet dies: Risiko abbauen, am Portfolio (Aktien, Immobilien, Gold und Cash) festhalten und mit Schulden aufpassen. Und auf die Szenarien einstellen, die an dieser Stelle schon intensiv diskutiert wurden. Nicht zuletzt: Was wäre, wenn der Euro platzt?

→ WiWo.de: „Die ‘Deutsche Krise’“ 29. September 2016

19 Kommentare
  1. Anna says:

    Ich mache mal wieder das Lieschen Müller und frage nur zwei Dinge:
    Warum machen die Amerikaner das?
    Und warum schüren Sie es auch noch?

    Ich dachte, es ginge darum, Schaden vom deutschen Volke … Naja, wohl eher nicht. Das gilt ja nur für den Gabriel und Konsorten. Und der hat sich doch auch wirklich bemüht.
    Sie wollen das Kartenhaus fallen sehen, weil Sie so froh sind, die eigenen Schäfchen im Trockenen zu haben, oder? Wenn es auch das nicht ist, was dann? Freude am Recht haben? „Hab’s doch schon lange gesagt.“, oder dergleichen?
    Mir wird jedenfalls bange, wenn ich Sie so jubeln höre.

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    • Christian says:

      Der Crash im Sinne von Schuldenrestrukturierung sowie der Bereinigung von Überkapazitäten und Fehlinvestitionen ist unvermeidbar… egal wie Sie es drehen oder wenden! Die EZB erkauft mit ihrer Niedrigzinspolitik der Politik Zeit, die diese jedoch bisher nicht adäquat genug nutzt. Und je länger diese (in meinen Augen absolut notwendige) Marktbereinigung in Ermangelung an politischem Willen zur Durchführung und zum Tragen der Konsequenzen hinausgeschoben wird, umso größer wird die Fallhöhe, von der aus der Absturz erfolgt. Gegenfrage an Sie: Was versprechen/erhoffen Sie sich von einem weiteren Hinauszögern des Crashs? Was haben die deutschen Steuerzahler davon, wenn ein Crash im Jahr 2018 sie 1 Billion EUR kostet, der von morgen aber „nur“ 500 Milliarden EUR? Es gibt keine schmerzfreien Auswege mehr… Je früher man mit der Marktbereinigung beginnt, umso schneller kann man sagen „Wir haben die Talsohle erreicht… ab jetzt geht es wieder aufwärts!“. Sie verschließen anscheinend lieber die Augen vor dem Unvermeidbaren, lassen die Party noch so lange weiterlaufen bis das „Kreditkartenlimit“ auch bis auf den letzten Cent ausgereizt ist und stellen sich erst dann den Konsequenzen. Mag ja sein, dass Sie bis Partyende noch ein paar weitere, unbeschwerte Stunden verbringen können, aber eines ist sicher: Ihr „Kater“, wenn Sie bis morgen durchfeiern, wird um einiges schlimmer als wenn Sie jetzt nach Hause gehen.

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    • drgro says:

      Ich finde Ihren Kommentar respektlos Herrn Stelter gegenüber und vor allem ohne inhaltlichen Nährwert.

      Ginge es Herrn Stelter nur um SEINE Schäfchen, so würde er sie still und geräuschlos ins Trockene bringen, aber wohl kaum jeden, den es interessiert (kostenlos!) an dem Weg teilhaben lassen.

      Schade, Verschwendung von bits und bytes.

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  2. Ewald Kroiss, LL.M. says:

    Deutsche Bank mit Lehmann zu vergleichen ist m.E. mathematisch fehlerhaft, da es sich um verschiedene Institute verschiedener Groesse und Struktur handelt. Ein Vergleich mit Citibank oder JPM traefe die Sache besser. So ist der JPM Kurs vom 6.3.2009 (USD 15,93) auf jetzt USD 66 angestiegen. Verglichen damit eindeutiger „The Big Long“.
    Unabhaengig davon wird oft angemerkt, dass die Banken der Euro-Zone die Zeit fuer Reformen nicht oder zu wenig nutzten. Allein die Verengung der Zins-Margen haette sehr viel frueher zu konsequenteren Massnahmen fuehren muessen.
    mfg
    EK

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  3. Axel says:

    Nichts wird passieren…Im Finanzsystem sind alle daran interessiert, daß das Spiel weitergeht. Zur Not würden auch Banken aus USA, China, etc… aus Eigeninteresse der DB mit Finanzspritzen aushelfen. Die Finanzwelt lebt von dem System der Wetten, der Derivate, des Fiatgeldes… Sie werden alles tun, um einen Crash zu vermeiden und sich ihrer Geschäftsgrundlage zu entledigen. Die sind doch nicht völlig verblödet! Sie wissen genau, daß dies die letzte Rund ist. Einen Neustart mit dem alten Schuldgeldsystem wird es nicht mehr geben. Mittlerweile wißen zu viele Leute wie der Haas läuft und werden sich gegen diese Form des Schuldgeldsystems wehren. Das nächste Geldsystem wird mit einem Goldstandard o.ä. unterfüttert, so daß das Tischlein Deck Dich Spiel (unbegrenzte Geldvermehrung) der Vergangenheit angehört. Erst wenn das Vertrauen in die Notenbank und die dahinterstehende deutsche Wirtschaftskraft schwindet, stürzt das System ab. Bis dahin werden die Notenbanken keinen Versuch unterlassen, das System am Laufen zu halten. Und solang werden Gewinne eingestrichen und gegen (physische) Assets eingetauscht..

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    • Anna says:

      Und da wäre dann auch wieder der Goldstandard. Ebenso oft widersprochen wie erwähnt. Naja, und den anderen: Mag sein, dass ihr Recht habt. Und wir wären besser dran, wenn es eher jetzt als später geschähe. Aber wer hat es eigentlich in der Hand? Sind wir hier nicht ein eher eine murrende Minderheit, die von (noch) von einer mächtigen Mehrheit ignoriert wird? Ich merke, dass mich das Ganze belastet. Von daher schwenke ich nun offiziell auch ins Lager derer, die so schnell wie möglich durch die Talsohle wollen. Köpfe zwischen die Knie und Hurra!

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  4. Anna says:

    Im übrigen stimmt es natürlich, wenn jemand Dr. Stelter in Schutz nimmt (und dieser sich höflich wundert). Und wenn meine Kritik als zu persönlich aufgefasst wurde, so tut mir das leid und ich bitte um Verzeihung.
    Mir ging es wohl eher darum, einer Stimmung Ausdruck zu verleihen. Und das ist in so einem Forum nicht immer angebracht. Wie gesagt, dafür bitte ich um Verzeihung. Die „trockenen Schäfchen“ sind mir rausgerutscht, weil es für einen Anleger wie mich schwer ist, den Empfehlungen hier zu folgen. Dafür sind die Auswahlmöglichkeiten, die man mit den Produkten, in die ich gespart habe, sehr festgelegt. Und es gelingt mir nicht, irgendetwas „ins Trockene“ zu bringen. Katalin hatte das mal fein auf den Punkt gebracht, als sie sagte, das sei nur für reiche Menschen möglich. Ich als Riester- und Rürup- und VWL-Sparer habe mich irgendwann mal festgelegt, als das alles hier noch nicht so offen diskutiert wurde.

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    • Christian says:

      Tut mir leid zu hören, dass Sie mit Ihren Sparplänen derart festgelegt bzw. wenig flexibel sind. Gewinner wird es bei einem Crash ohnehin keine geben. Die Frage ist dann nur die, wie man seine Verluste begrenzt bzw. auffangen kann. Wenn Sie noch finanziellen Spielraum haben, könnten Sie vor einem Crash in physisches Gold oder bei einem bereits erfolgten Crash in ausgewählte Aktien investieren (http://www.manager-magazin.de/finanzen/boerse/oswald-gruebel-ex-topmanager-warnt-vor-crash-a-1115231.html). Außerdem bietet physisches Silber, das „Gold des kleinen Mannes“, sowohl angesichts seiner Funktion als Wert(aufbewahrungs)speicher als auch seiner Bedeutung für die industrielle Produktion – also für die Zeit des Aufschwungs nach der Marktbereinigung – einiges an Möglichkeiten (http://www.wiwo.de/finanzen/vorsorge/silber-das-gold-des-kleinen-mannes/5143230.html).

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      • Anna says:

        Das finde ich ganz freundlich, dass Sie hier so konkrete Ideen für mich äußern. Jedoch bin ich gerade beim Thema Gold auch sehr verunsichert, zumal man dort jeweils ganz flott auch wieder die Gegenargumente findet (wenn man diese Art der Anlage etwas googelt). Silber habe ich bisher noch nicht so sehr angeschaut, kann das aber noch tun.
        Nein, was ich hier im Forum versuche, ist, die Position eines Kleinanlegers zu vertreten, der keine Reichtümer durch „die Krise“ bringen muss, sondern sich schlicht um seine kleine AV sorgt. Und ich habe hier auch schon viel gelernt. Dafür an dieser Stelle noch mal Danke an alle, die trotz Dr. Stelters Ansage, man solle keinen Tipps trauen, hier meine konkreten Fragen beantworten. Was er selbst im Übrigen auch in kleinem Umfang tut. Das rechne ich ihm hoch an.
        Ich mühe mich noch daran, aus all dem eigenes Denken zu entwickeln. Das zählt zwar mit zum Schwierigsten, was einem abgefordert werden kann. Aber wenn es denn irgendwann zu eigenen Ideen führt, war es u.U. der Mühe wert. Oh Gott, ich schwafele. Entschuldigung.

        Wirklich interessieren tut mich noch etwas ganz anderes: Ich lese seit einiger Zeit hier mit, folge den Links, die gepostet werden und lese dann dort. Und ich fürchte jetzt manchmal, ich bin in eine Art Sekte geraten (bitte nicht übel nehmen, soll nur ein Bild sein). Denn wenn ich draußen in der Welt herumschaue, dann schert das, was man hier engagiert diskutiert, nicht eben viele Menschen. Mit anderen Worten, es ist sehr schwer für mich, abzuschätzen, wie wahrscheinlich die hier besprochenen Szenarien sind oder wann sie überhaupt eintreten. Ich glaube an sich nicht, dass ich hier bei ähnlichen Untergangspropheten wie im z.B. Ariva-Gold-Forum gelandet bin. Und es ähnelt auch nicht http://www.hartgeld.de. Dennoch herrscht eine „absonderliche Meinung“ vor, die mich verunsichert. Bitte verzeiht, wenn ich es so empfinde und ungeschickt ausdrücke. Anders gelingt es mir gerade nicht.

  5. Uwe Stein says:

    Ich stimme der Beschreibung der Gefahren, die sich letztlich durch die enorme Überschuldung ergibt vorbehaltlos zu. Dennoch und trotz aller Weltuntergangs-Szenarien (die zwar seit längerem kolportiert, aber bisher nicht eingetreten sind) lohnt es sich auch, positive Aspekte einmal anzuschauen:
    – die (kluge) Entscheidung der FED, die Zinsen nicht zu erhöhen minderte die Gefahr der Kursrückgänge an den Aktienmärkten. Eine Vermögensvernichtung wie im Zuge der Januar-Baisse blieb damit (vorerst) aus
    – in Japan stehen die Zeichen auf einer Annulierung der Schulden durch den Aufkauf sämtlicher Schuldtitel durch die Zentralbank
    – in China sehen wir eine beeindruckende Wirtschaftsentwicklung bei relativ geringer Konsumentenverschuldung
    – in Europa stiegen jüngst die Einzelhandelsumsätze stärker als erwartet

    Mit den vorgenannten Beispielen, zu denen sich jeweils auch die entsprechende Kehrseite finden lässt, will ich die Lage keineswegs schönreden. Sie dienen lediglich dem Versuch, die Welt nicht nur schwarz zu sehen. Staatsverschuldung, wie am Beispiel Japans gut sichtbar, kann über die eigene Notenbank annbähernd beliebig gesteuert werden. Gefährlicher wird es bei Überschuldung von Privatwirtschaft und Konsumenten. Insofern hinkt auch der Vergleich zwischen Deutscher Bank und Lehman, da bei letzterer die Überschuldung der Privathaushalte letztlich die Krise auslöste. Hiervon sind wir in Deutschland weit entfernt.

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    • Christian says:

      Bezugnehmend auf den letzten Abschnitt Ihres Beitrags habe ich eine Frage: wenn eine Zentralbank (wie die japanische es uns bereits vormacht) über Jahre oder Jahrzehnte hinweg einen Großteil der Staatsanleihen aufkauft und ihre Bilanz aufbläht, muss sie dann (angesichts der nicht zu erwartenden Rückzahlung durch die emittierenden Staaten) nicht irgendwann auf Kosten der Steuerzahler „zwangsrekapitalisiert“ werden? Und falls dem nicht so wäre weil die Zentralbank die Anleihen einfach annulliert, würde dies nicht das Vertrauen in die jeweilige Währung erschüttern und mögliche inflationäre Effekte auslösen?

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  6. Dietmar Tischer says:

    @ Daniel Stelter

    >DAS ist DIE Frage! Geht es ohne Vertrauensverlust oder nicht?? Die einen sagen ja, die anderen nein.>

    Das ist nicht die Frage.

    Der Mechanismus zum Vertrauensverlust in das Geld und damit Inflation bis Hyperinflation geht so:

    Der Staat bzw. die nachfragelahmen Bürger werden mit Helikoptergeld ausgestattet. Das ist – begrenzt – in normalen Zeiten keine Katastrophe. Wenn es aber zukünftig zu Verteilungskämpfen kommt derartig wie sie hier erörtert haben, dann kann sich die Politik nur retten, wenn sie den Anspruch sich ums BIP schlagender Interessengruppen rundum mit Geldzuteilung befriedigt. Das funktioniert jedoch nur auf Zeit, wenn sich die Konflikte zwischen denen, die das BIP schaffen und denen (Rentnern), die einen möglichst großen Anteil daran haben wollen, aufgrund der demografischen Entwicklung verschärft. Die Gesamtdosis muss steigen – wie bei Drogen.
    So etwas endet mit Geldwertvernichtung bzw. Tod.

    Ich bin ganz bei Axel (5. Okt. 17:36), insbesondere bei seiner Begründung, warum „Schuldgeld“ (auch) positiv zu sehen ist: Das Bonitätskriterium verhindert, dass maßlos Schulden gemacht werden und Fehlallokation begrenzt wird.

    Normalerweise, nicht in diesen Zeiten.

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  7. Christian says:

    Die Ausgabe von Anleihen zur Finanzierung von Staaten hat eine „Bremswirkung“ auf der Ausgabenseite, da den Emittenten dieser Anleihen klar ist, dass die Schulden eines Tages zurück bezahlt werden müssen. Anders verhält es sich beim Gelddrucken, wodurch die Staatsschulden nicht erhöht würden, allerdings Angst vor Inflation entsteht. Ich sehe jedoch zur BoJ oder Fed folgenden Unterschied: beides sind Zentralbanken EINES Landes, wo hingegen die EZB die Zentralbank mehrerer EURO-Länder ist. Eine BoJ oder Fed könnte demnach die Schuldtitel in ihrer Bilanz quasi ohne wesentliche Konsequenzen annullieren, da es sich um einen buchhalterischen Posten handelt. Die japanische oder us-amerikanische Regierung schuldet dieses Geld quasi sich selbst (Prinzip: linke Tasche, rechte Tasche). Da die Regierungen und Zentralbanken feste Bestandteile des jeweiligen staatlichen Bereichs sind, würde die konsolidierten Bilanzen dieser Länder die jeweiligen Staatsschulden saldieren. Im Hinblick auf die EURO-Länder stellt sich die Situation aus meinem Blickwinkel etwas anders dar: die gemeinsame Zentralbank (EZB) hält unterschiedlich hohe Anleihenvolumina verschiedener Länder in ihrer Bilanz. Zu erwarten wären demnach unterschiedliche Positionen der verschiedenen EURO-Länder-Regierungen hinsichtlich der Annullierung der Schuldtitel: hoch verschuldete Länder würden auf eine Annullierung drängen, weniger oder gering verschuldete Länder könnten dem widersprechen um einen Vertrauensverlust (Inflation) in den EURO zu vermeiden. Am Ende würde, wie so oft, die ökonomische Perspektive wieder einmal mit der politischen Sicht abgestimmt werden und wir wissen, dass die Politik nicht immer ökonomisch sinnvoll entscheidet. FRAGE: wäre es ein möglicher Lösungsweg, wenn die Staatsanleihen von der EZB durch ihr aktuelles QE-Programm nur gekauft würden um sie für eine recht lange Zeit in deren Bilanz zu „parken“ mit dem Ziel, sie später einmal an den privaten Sektor zurückzuverkaufen (sobald die geldpolitischen Zügel wieder angezogen werden müssen)? Oder liegen die Bedürfnisse der verschiedenen EURO-Länder bereits so weit auseinander, dass jegliche Einigung (auf Annullierung oder Nicht-Annullierung) die EURO-Zone sprengen würde?

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