Die Produktivität wächst nicht mehr – zehn Gründe warum

Das geringe Produktivitätswachstum beschäftigt mich schon seit Jahren:

→ Jobmaschine Deutschland – Rückgang der Produktivität

→ Fünf Millionen An- und Ungelernte drücken die Produktivität

→ Produktivitätswachstum auf dem Stand von 1840

→ Produktivitätsfortschritte: ja oder nein?

→ McKinsey ist optimistisch, dass die Produktivität wächst

Nun zitiere ich einen Beitrag, der die Sicht nochmals gut zusammenfasst, um dann zu den zehn Gründen für das enttäuschende Wachstum der Produktivität zu kommen. Am Beispiel der USA aber sicherlich auch auf uns übertragbar:

Begnügen wir uns mit einem Chart zum Thema Produktivität:

Quelle: Real Investment Advice, Mish Talk

Man kann längere/andere Zeiträume nehmen. So oder so fallen die letzten Jahre auf.

„Real Productivity Decline, 10 Simple Explanations

  1. The internet boom and the rising productivity associated with it were very real. The rate of change in internet-related improvements has fallen since 2000.
  2. Decreasing marginal utility of robots.
  3. The Fed’s easy money policies sponsored numerous corporate zombies. Those zombies survive only because of ultra-easy financing. Zombie companies are unproductive, by definition. Things are even worse in the EU because of negative rates.
  4. The Fed’s easy money policies also sponsored a ‘store on every corner’. There are far more retail stores, restaurants, fast food establishments, and outlet malls than needed.
  5. Marginal stores have to be manned by somebody and they are, by increasingly marginal employees as the unemployment rate declines.
  6. Demographics. As skilled workers retire, those workers are replaced by workers with lower skills.
  7. Health issues in general. Obesity and drug-related issues are on the rise as are time off for those reasons.
  8. Militant unions demand and receiving unwarranted pay, time off, and control over workplace conditions.
  9. Corporate buybacks mainly benefit CEOs and executives who cash out their shares and options. It takes careful investment, not reckless expansion, not buybacks to have productivity gains.
  10. It’s the debt, stupid. Fiscal deficits are totally out of control. Interest on the national debt by itself is $574 billion. What are we getting for it? (…) By the way, this enormous buildup of debt at every level is hugely deflationary. Bubbles do burst eventually.“

Diese Punkte treffen sicherlich nicht alle auf Europa/Deutschland zu. Dafür sind andere bei uns weitaus relevanter, wie die Zombies und die größere staatliche Regulierung und Bürokratie.

→ realinvestmentadvice.com: „10-Reasons Why Productivity Is Declining“, 8. November 2018

Kommentare (27) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Michael Stöcker sagte:

    „Militant unions demand and receiving unwarranted pay, time off, and control over workplace conditions.”

    Insbesondere in der Phase der neoliberalen Konterrevolution unter Thatcher/Reagan wurden die Gewerkschaften de facto kastriert. Zuvor wurden die teilweise überhöhten Lohnforderungen noch als Produktivitätspeitsche interpretiert. Demzufolge wären zu niedrige Löhne eine Ursache für die gesunkene Produktivität und nicht vice versa.

    Ansonsten halte ich die Fixierung auf dieses Thema für einen no brainer und verweise auf meinen Kommentar zu diesem Thema von vor bald drei Jahren im Herdentrieb: https://blog.zeit.de/herdentrieb/2017/02/11/schwaches-produktivitaetswachstum-warum_10172#comment-218299

    LG Michael Stöcker

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    Horst sagte:

    „Man kann längere/andere Zeiträume nehmen. So oder so fallen die letzten Jahre auf.“

    Und nun? Über einen Zeitreihenausschnitt kann man sehr gut die gewünschte Position stärken. Eine andere Zeitreihe wäre diejenige von 1991 an:
    https://www.deutschlandinzahlen.de/tab/deutschland/finanzen/kosten/produktivitaet-je-erwerbstaetigenstunde-nach-wirtschaftsbereichen

    32,8 % beträgt die Produktivitätssteigerung seit 1991. Wo sind 32,8 % Lohnerhöhung für die Arbeitnehmer geblieben? Oder alternativ die 26,88 h-Woche bei vollem Lohnausgleich?

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      troodon sagte:

      @ Horst
      1) Der Produktivitätszuwachs seit 1991 war insgesamt höher als die von Ihnen angegebene Zahl 32,8%
      2) Ein überproportionaler Teil diese Zuwachses entstand in den ersten 10 Jahren nach 1991. Sicherlich ein wichtiger Grund dafür waren die zahlreichen Insolvenzen in den neuen Bundesländern.
      3) Seit 2009 wachsen die Löhne in D stärker als der Produktivitätszuwachs.

      Wenn es keine scharfe Rezession in D gibt, sollte es kein Problem sein, wenn die Löhne auch weiterhin leicht > Produktivitätszuwachs wachsen. Geht die Schere zu schnell auseinander, würde die Arbeitslosigkeit anziehen.
      Der Staat könnte unterstützen, indem er die Steuern für niedrige und mittlere Einkommen deutlich senkt. meinetwegen auch teilweise gegenfinanziert durch einen höheren Spitzensteuersatz, der aber erst bei einem deutlich höherem Einkommen greifen sollte als bisher. 56% anfangs unter Kohl, hat auch nicht dazu geführt, dass Spitzenverdiener zur Tafel mussten.

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        Horst sagte:

        1) Der Produktivitätszuwachs seit 1991 beträgt 32,8 % (1991 74,8 %, 2018 107,6 % laut Quelle).
        2) Der wohl wichtigste Grund waren Aufholeffekte derjenigen ostdeutschen Betriebe, die nicht von Treuhand zum Wohle der westdeutschen Wettbewerber je Segment abgewickelt wurden.
        3) M.A.n. sind diese Reallohnsteigerungen „lächerlich“ im Vergleich zu den zuvor erzielten Produktivitätszuwachsraten.

        „56% anfangs unter Kohl, hat auch nicht dazu geführt, dass Spitzenverdiener zur Tafel mussten.“

        In der Tat, das richtig, aufgeschrien haben sie jedoch, als hätten von der Tafel versorgt werden müssen, woraufhin der Spitzensteuersatz kontinuierlich gesenkt wurde.

      • Avatar
        troodon sagte:

        @ Horst
        Zu 1) überlegen Sie nochmal Ihre Rechnung…
        Spoiler: 107,6/74,8 wäre richtig…

        2) Wenn unproduktive Betriebe ausscheiden geschieht was ? Genau, die Produktivität steigt im verbleibenden Durchschnitt rechnerisch an.

        zu 3) Was ist wichtiger a) geringe Arbeitslosigkeit oder b) maximaler Lohn, für die, die Arbeit haben?
        Auch hier gibt es kein schwarz oder weiß.
        Mehrere Jahre (2001-2007) ohne realen Lohnzuwachs einerseits, deutlicher Rückgang (mit Verzögerung) der Arbeitslosigkeit andererseits. Beide Entwicklungen als vollkommen unabhängig voneinander zu betrachten erachte ich als nicht richtig. Wie viel des Rückgangs der Arbeitslosigkeit aufgrund der Lohnentwicklung entstanden ist, ist eine andere Frage. Aus meiner Sicht ist der Anteil jedenfalls nicht Null.

        Deshalb auch meine Empfehlung, dass der Staat durch Steuersenkungen unterstützend für mehr Netto sorgen sollte.

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        Horst sagte:

        Zu 1) überlegen Sie nochmal Ihre Rechnung…
        Spoiler: 107,6/74,8 wäre richtig…

        Ihrer Berechnung nach ist die Produktivität um wieviel % gestiegen im Zeitraum von 1991 – 2018?

      • Avatar
        troodon sagte:

        107,6 geteilt durch 74,8

        Noch eine Ergänzung zum Thema geringe Reallohnsteigerungen. Dies kann ETWAS relativiert werden, da ganz offensichtlich bei Berechnungen häufig nicht der Anteil der Teilzeitbeschäftigen vernünftig berücksichtigt wurde.
        https://www.boeckler.de/impuls_2018_13_2.pdf
        Es verbleibt immer noch eine Lücke zum Produktivitätsfortschritt, aber diese ist deutlich kleiner als sonst häufig angenommen. Und die Sondersituation deutsche Einheit ist eben m.R. nicht komplett außen vor zu lassen bzgl. rechnerischem Produktivitätssteigerung.

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        Horst sagte:

        Dankeschön, ist natürlich richtig, indexbasierte Zeitreihen auf diese Art zu berechnen.

        Besonders interessant ist, dass im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe die Zuwachsraten im selben Zeitraum 90% bis 92% betragen.
        Gem. Ihrer Quelle liegt die Differenz für diese Sektoren dann bei ca. 65%, also deutlich größer als angenommen.

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        troodon sagte:

        @ Horst
        Dann müssten Sie sich aber auch die entsprechende Lohnentwicklung ansehen.
        Ohne dafür nach einer Statistik zu suchen, gehe ich davon aus, dass die dortigen Reallöhne auch überdurchschnittlich zugelegt haben. Es wird sich aber auch dort eine Lücke zum Produktivitätszuwachs ergeben, denn ansonsten hätten die Gewinnsteigerungen großer börsennotierter Industrieunternehmen im gleichen Zeitraum nicht deutlich über dem Umsatzzuwachs gelegen.

        Insgesamt – gesamtwirtschaftlich betrachtet – positiv bleibt für mich die verlinkte Grafik bzgl. Anteil Arbeitseinkommen zum BIP.

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        Horst sagte:

        Vielen Dank für Ihren ausgewogenen Kommentar. Davon gehe ich ebenfalls aus.

        Über die gesellschaftliche Relevanz muss sich natürlich jeder selbst Gedanken machen.

  3. Avatar
    Wolfgang Selig sagte:

    Der 6. Punkt ist für mich der wichtigste: qualifizierte Arbeitnehmer werden durch unqualifizierte ersetzt. Das ist kein Naturgesetz, das hat Ursachen. Leider werden die nicht vertieft. Meines Erachtens ist das auch der Schlüssel zu den übrigen Problemen.

    Antworten
  4. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    >Militant unions demand and receiving unwarranted pay, time off, and control over workplace conditions.>

    Das ist doch eine alte Klamotte.

    Wir sind da viel weiter, von militant kann bei uns doch längst keine Rede mehr sein, weil wir das EINVERNEHMLICH tun:

    Alimentierte Erziehungszeiten für Väter z. B. sind doch viel wichtiger als Produktivitätswachstum – da sind wir uns doch ALLE einig.

    Sogar das Arbeitgeberlager hat nicht wirklich etwas dagegen einzuwenden, weil so die etwas billigere Mutter williger zur Arbeit schreiten wird.

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    • Avatar
      Horst sagte:

      „Alimentierte Erziehungszeiten für Väter z. B. sind doch viel wichtiger als Produktivitätswachstum – da sind wir uns doch ALLE einig.“

      Selbstredend ist das wichtiger – für die Entwicklung der Kinder.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Wenn das selbstredend wichtiger ist – ich urteile da überhaupt nicht –, soll man aber auch nicht ein zu geringes Produktivitätswachstum bemängeln, soweit hier ein negativer Einfluss darauf vorliegt.

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        Horst sagte:

        „…ich urteile da überhaupt nicht…“

        Ach nein? Ich meint eine gehörige Portion Sarkasmus in Ihren Ausführungen erkannt zu haben.

      • Avatar
        Horst sagte:

        ad Produktivitätswachstum:

        Wie M.S. darlegte, ist das Thema weitestgehend passé, da Produktivität Grenzen hat.

    • Avatar
      Horst sagte:

      „Sogar das Arbeitgeberlager hat nicht wirklich etwas dagegen einzuwenden, weil so die etwas billigere Mutter williger zur Arbeit schreiten wird.“

      Das kann kein Argument sein, da in den eher selteneren Fällen Frauen diejenigen Tätigkeiten ausführen (können), die zuvor der korrespondierende Part ausgeführt hat.

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Es geht darum, dass Frauen williger in den ARBEITSMARKT eintreten und nicht darum, dass sich ein Elternpaar den Job teilt.

      • Avatar
        Horst sagte:

        „…weil so die etwas billigere Mutter…“

        Hiermit suggerieren Sie, dass eine Frau dieselbe Tätigkeit ausführt, nur „billiger“. Dass das eben nicht so ist, habe ich hiermit beschrieben: „…die zuvor der korrespondierende Part ausgeführt hat.“

  5. Avatar
    Bauer sagte:

    >> bto “ … und die größere staatliche Regulierung und Bürokratie.“ ist Grund Nr. 11, zumindest hier in D und in der EU ganz allgemein. Der Staat wirft mit vollen Händen Sand ins Getriebe. Wohin ich blicke und wen immer ich befrage stöhnt, dass im die Bürokratie kaum mehr Zeit lässt für produktive Arbeit. Und wie oft ist es beim selbständigen Handwerker die Ehefrau, die untertags präsent ist und nachts, wenn die Kinder im Bett sind, noch das Papier aufarbeitet. Diese stillen Helfer haben meine ganze Hochachtung!

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    • Avatar
      Dietmar Tischer sagte:

      @ Bauer

      Stimme voll und ganz zu, allerdings mit der kleinen Zusatzvariante:
      Wir, die BÜRGER werfen uns SELBST den Sand ins Getriebe, beauftragen damit aber natürlich den Staat.

      Wir sind es, weil wir auf GERECHTIGKEIT bis zur siebten Stellen hinter dem Komma bestehen und doof genug sind, nicht zu erkennen, dass wir sie eh nicht und vor allem so nicht erreichen können, uns aber damit fesseln.

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    Markus sagte:

    „Militant unions demand and receiving unwarranted pay, time off, and control over workplace conditions.“

    Das scheint mir ziemlich aus der Reihe zu fallen. Dass der Einfluß der Gewerkschaften in den USA so zugenommen hat in letzter Zeit, ist mir entgangen.

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