McKinsey ist optimistisch, dass die Produktivität wächst

Neben der Überschuldung waren es vor allem die demografische Entwicklung und das schwache Produktivitätswachstum, die zur These der säkularen Stagnation beziehungsweise der Eiszeit geführt haben. Angesichts der guten Entwicklung der Weltwirtschaft mehren sich die Stimmen, die ein Ende der Eiszeit ausrufen und feststellen, dass die These der säkularen Stagnation falsch war:

Ende der Eiszeit in Sicht?

Und zur Erinnerung meine These in Kurzfassung:

Zur Erinnerung: Stelters Eiszeit-These

Nun kommen die von mir hoch geschätzten Kollegen von McKinsey mit einer optimistischen Studie auf den Markt. Die Aussage überrascht eigentlich nur dahingehend, dass es die Kollegen überrascht hat. Es genügt nicht, dass ein Unternehmen neue Ideen hat etc., es bedarf auch einer entsprechenden Nachfrage. Wenn diese fehlt, bestehende Anlagen also unausgelastet sind und Arbeitskräfte billig, dann kommt es nicht zu Produktivitätsfortschritten. Das ist doch nun wirklich nicht überraschend, hätte ich da gesagt. Aber egal. Mit zunehmendem Boom soll demzufolge auch das Produktivitätswachstum wiederkommen. Ich würde sagen, das stimmt. Die Frage ist nur, werden Boom und Auslastung weiter anhalten? Und: Welche Wirkung hat es, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung nicht mehr mitkommt? Ich meine jetzt (noch) nicht Deutschland, sondern Länder wie die USA, wo die Beschäftigungsquote deutlich gesunken ist. Menschen, die nicht arbeiten, reduzieren die gesamtwirtschaftliche Produktivität.

Zunächst die Erinnerung an die Entwicklung der letzten Jahre:

Quelle: McKinsey

Die New York Times berichtet:

  • „(…) McKinsey researchers have tried to understand what drives productivity growth from the ground up. They’ve studied how innovations that enable a company to make more goods and services per hour of labor spread across the economy.The latest wrinkle is that the researchers now believe that productivity growth depends not just on the supply side of the economy — what companies produce and what technologies they use to do it — but also significantly on the demand side.“ bto: Man braucht halt eine entsprechende Auslastung. O. k.
  • „Automobile production in the United States fell 50 percent from 2007 to 2009, meaning the sector had tremendous excess production capacity in the ensuing years even as the sector recovered. (…) Typically the newest technology is implemented in the latest factories. People don’t upgrade a factory that can fulfill demand perfectly well.“ bto: Ja, so einfach ist es. Es muss sich lohnen zu investieren. Übrigens tragen die Zombies zu geringem Wachstum bei, weil sie genau diese produktivitätssteigernden Investitionen nicht tätigen.
  • „The basic technology for self-serve kiosks has been around for years. But when the unemployment rate was at its post-crisis highs, employers could have their pick of good workers at relatively low prices. Now, with the jobless rate at 4.1 percent, good workers are harder to find. And, perhaps unsurprisingly, companies have been more open to installing technology that may have a significant upfront cost and require reworking how a restaurant is organized, but allow more sales without hiring more workers.“ bto: So ist es, schönes Beispiel übrigens. Sie meinen die Verkaufsautomaten bei McDonalds etc.
  • „The optimistic case for both productivity and overall economic growth goes like this: (…)  with companies having a harder time finding qualified workers and with demand for their products rising, they’ll have no choice but to re-engineer how they work to try to increase productivity. Higher productivity will in turn make it easier to justify higher wages, creating a self-reinforcing cycle of higher economic growth.“ bto: was aber nicht richtig ist. Es trifft nur einen Teil der Bevölkerung, und wenn wir diesen Weg gehen (was wir werden), schaffen wir ein immer größeres Proletariat, das technologisch abgehängt ist.
  • McKinsey sieht das auch: „Unless displaced labor can find new highly productive and high-wage occupations, workers may end up in low-wage jobs that create a drag on productivity growth (…).“ –  bto: wenn sie überhaupt noch Arbeit finden.

Fazit der New York Times: First we have to see if the theory holds up — that a tighter economy will feed into higher capital investment and experimentation by businesses about finding new efficiencies. Then we have to see whether that feeds into a virtuous cycle in which more productivity creates more growth and vice versa. And then we have to hope that it turns into wage gains for workers who haven’t seen many of them in the last decade — or else it just may not last.“ – bto: Ich denke, es ist eine nicht so überraschende Nachricht. Besser verkauft, als es der Inhalt wirklich rechtfertigt.

New York Times (Anmeldung erforderlich): „The Economy Is Getting Hotter. Is a Productivity Boom Next?“, 21. Februar 2018

McKinsey: „Solving the productivity puzzle“, Februar 2018

Kommentare (8) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Thomas sagte:

    Also ich frag mich ja immer wieder, ob man mit diesen GDP-Charts Realwirtschaftliches über lange Zeiträume überhaupt sinnvoll beschreiben kann. Gemäß Chart war die produktivste Zeit (bzw. präziser die mit dem höchsten Wachstum der Produktivität) im zerstörten Europa und seit den Zeiten der Computerisierung und Automatisierung und global supply chains geht es immer weiter runter? Entweder verstehe ich das Konzept nicht, oder ich habe ein komplett anderes Verständnis von Produktivität.

    Klar, man kann das entsprechend definieren (productivity = GDP per hour worked), aber es geht ja in der Analyse dann doch um realwirtschaftliche Produktivität.

    Mal auf die Schnelle:
    http://www.independent.co.uk/news-1-1-1/productivity-isnt-the-problem-after-all-its-the-way-we-measure-it-10409052.html

    Steigender Output bei sinkenden Preisen ist in sich ja kein Widerspruch. Insofern könnte die Produktivität halt doch steigen, während sie scheinbar – aufgrund eines schlechten Korrelats- sinkt.

    „Unless displaced labor can find new highly productive and high-wage occupations, workers may end up in low-wage jobs that create a drag on productivity growth (…).“

    Vielleicht sieht die Zukunft auch so aus, dass die meisten Pfleger, Masseure und Fitnesstrainer sind, während die Nahrung und Konsumgüter aus Roboterfabriken in Robot-LKWs zu den Robot-Supermärkten (oder direkt in den Briefkasten) kommt. Ultraproduktiv und das GDP-(Wachstum) dennoch unterirdisch.

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    prestele sagte:

    Lieber Herr Dr. Stelter,
    Wenn es richtig ist, dass “productivity growth depends not just on the supply side of the economy — what companies produce and what technologies they use to do it — but also significantly on the demand side”, kann die These der säkularen Stagnation von Larry Summers nicht so falsch gewesen sein, denn just diesen Zusammenhang stellt er als wesentliches Element seiner These heraus.

    MfG

    Prestele

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      Michael Stöcker sagte:

      Dazu passend Summers und Stansbury:

      „If the ratio of the mean to median worker’s hourly compensation in 2016 had been the same as it was in 1973, and mean compensation remained at its 2016 level, the median worker’s pay would have been around 33% higher. If the ratio of labour productivity to mean compensation in 2016 had been the same as it was in 1973 (i.e. the labour share had not fallen), the average and median worker would both have had 4-8% more hourly compensation all else constant. Assuming our estimated relationship between compensation and productivity holds, if productivity growth had been as fast over 1973-2016 as it was over 1949-1973, median and mean compensation would have been around 41% higher in 2016, holding other factors constant.

      This suggests that the potential effect of raising productivity growth on the average American’s pay may be as great as the effect of policies to reverse trends in income inequality – and that a continued productivity slowdown should be a major concern for those hoping for increases in real compensation for middle income workers.

      This does not mean that policy should ignore questions of redistribution or labour market intervention – the evidence of the past four decades demonstrates that productivity growth alone is not necessarily enough to raise real incomes substantially, particularly in the face of strong downward pressures on pay. However it does mean that policy should not focus on these issues to the exclusion of productivity growth – strategies that focus both on productivity growth and on policies to promote inclusion are likely to have the greatest impact on the living standards of middle-income Americans.“ https://voxeu.org/article/link-between-us-pay-and-productivity

      LG Michael Stöcker

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        Dietmar Tischer sagte:

        Was soll denn die Wirtschaftspolitik tun gegen den Druck der Löhne in Richtung Niedriglohnsektor?

        Soll es der Protektionismus eines D. Trump richten mit Zollschranken und Steuererleichterungen für Unternehmen, um über mehr Investitionen für besser bezahlten Arbeitsplätze in USA zu sorgen?

        Oder soll es die Fiskalpolitik eines sich ins Bodenlose verschuldenden Staats richten?

        Oder?

        Umverteilung und Intervention in den Arbeitsmarkt wird zwar Menschen mit prekären Arbeitsverhältnissen mehr Existenzsicherheit verschaffen – m. A. n. dringend erforderlich in USA -, aber ihnen keine steigenden Einkommen bescheren.

        Summers muss mal die Hose runterlassen statt immer nur mit if and if zu argumentieren.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Meine Sicht der Dinge:

    Die Nachfrage wird trotz des immerhin ansehnlichen Wirtschaftswachstums wegen demografischer Entwicklung, teilweise enormer Arbeitslosigkeit und des signifikanten Paradigmenwechsels der Konsumnachfrage hin zu „App-Konsum“ in den wirtschaftlich entwickelten westlichen Gesellschaften nicht wesentlich steigen, so dass von daher lediglich ein selektiver Produktivitätsdruck entsteht.

    Er zeigt sich vor allem als Kostendruck, weil bei nicht stark wachsender Nachfrage der Renditewettbewerb über Kostensenkungen ausgetragen wird.

    Das ist schon seit den 90er Jahren der Fall. McKinsey hat mit dem genialen Zauberwort der Gemeinkostenanalyse – Gemeinkosten schmerzen direkt nicht einmal die Gewerkschaften – ganz groß Geld verdient.

    Heute und in Zukunft werden Produktivitätssteigerungen insbesondere durch Digitalisierung, Automatisierung und Vernetzung erreicht. Dies betrifft sowohl die Güterproduktion wie auch die Dienstleistungen.

    Soweit so harmlos.

    Effekt 1:

    Die Nachfrage nach hochqualifiziertem Personal (IT-Spezialisten, Programmierer etc.) wird sehr stark steigen und gleichzeitig werden nach herkömmlichen Standards durchaus qualifizierte Menschen aus ihren Jobs gedrängt. Das ist das realistische Szenario.

    Sie werden nicht arbeitslos, sondern in den viel geringer bezahlten Dienstleistungsjobs Beschäftigung finden und zwar in ganz großer Zahl, weil die allerwenigsten Kapitaleinkünfte haben werden, von denen sie leben könnten.

    Die USA hat es vorgemacht und wir werden folgen, dank unserer vergleichsweise hohen Güterproduktion an der Wertschöpfung später, aber auch schmerzhafter.

    Effekt 2:

    Die Schere in der Einkommensentwicklung wird sich wieder öffnen, obwohl der Druck für höhere Bezahlung z. B. in der Pflege enorm zunehmen und z. T. auch befriedigt werden wird.

    Das heißt:

    Die Verteilungskonflikte werden schärfer und die Umverteilungsmaschine wird erst noch richtig in Schwung kommen.

    Effekt 3:

    Die für die Finanzierung der Transfers höhere Unternehmensbesteuerung und die höhere Besteuerung von Kapitaleinkommen werden dazu führen, dass Investitionen hierzulande unterbleiben und im Ausland getätigt werden. Damit fallen tendenziell weitere Jobs weg.

    Fazit:

    Unvermeidliche Anpassung nach unten.

    PS:

    Das Thema wurde in den entscheidenden Dimensionen letzten Donnerstag bei Illner auf den Punkt gebracht:

    IT-Unternehmerin:
    Viele Jugendliche können nicht einmal richtig schreiben und rechnen, und gleichzeitig werde viele aus bestehenden Jobs gekegelt – neues Proletariat absehbar

    Arbeitsmarktexperte:
    Jobs gib es genug, wichtig ist es, die Leute angemessen zu bezahlen, in der Pflege sollten es EUR 3.000 sein

    Die Politik-Rezepte:

    SPD/Nahles:
    Bildung (unausgesprochener, aber mitgedachter Hintersinn: wer sich weiterbildet, ist beschäftigt)

    FDP/Beer:
    Bildung, mehr Markt, weniger Bürokratie (unausgesprochener, aber mitgedachter Hintersinn: wenn es einer schafft, dann der Mittelständler mit dem Markt).

    CDU/Altmaier:
    Digitalisierung, wir schaffen das – EUR 3.000 sind möglich, wenn wir genügend Beschäftigung mit hoher Wertschöpfung haben (unausgesprochener, aber mitgedachter Hintersinn: weiter so, nur besser mit uns als mit der SPD)

    Am selben Tag:

    Chinesischer Investor, angeblich bäuerlicher Herkunft, steigt mit knapp 10% Kapitalbeteiligung bei Daimler ein.

    Daimler kündigt wenige Tage später an: „Milliarden-Investitionen in China“

    Heute:

    Gewerkschaften werden sich den neuen Anteilseigner genau ansehen – und, klar, den Investitionen hinterhersehen.

    Kurzum:

    Das Produktivitätsthema muss heute ganz anders betrachtet und bewertet werden als in den 50er bis 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

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    Baruch de Spinoza sagte:

    Die Argumentation funktioniert genauso andersherum. Wenn die Nachfrage fehlt, rutschen Unternehmen in die Verlustzone und sind gezwungen durch Innovation die Kosten zu senken, um mangelnde Nachfrage und somit mangelnde Umsätze zu kompensieren. Man denke an den Arbeitsplatzabbau in den Verwaltungen der Konzerne während der letzten Rezessionen. Das lässt sich kaum durch gesunkene Nachfrage erklären, denn der Arbeitsaufwand in den Verwaltungsfunktionen geht durch weniger Umsatz nicht unbedingt zurück. Vielmehr ist es der Innovations- und Rationalisierungsdruck, der die Produktivität nach oben treibt. In Zeiten des verschuldungsgetriebenen Booms dagegen kann man sich wunderbar bei Innovationen zurücklehnen, weil man ja viel zu tun habe, um die hohe Nachfrage zu bedienen ( s. Gegenwärtige Situation in der Bauwirtschaft).

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      PL 81 sagte:

      Das und die ganze daran hängende Verwertungskette ist m. E. auch das „nächste große Ding“ im Bereich Netzwerkausrüstung, Unterhaltungselektronik, Softwareherstellung sowie allen sonstigen, davon profitierenden Branchen wie Flugzeug-, Fahrzeug-, Eisenbahnhersteller, Hersteller von vernetzungsfähigen Industrieanlagen, Maschinen und sonstigen (Haushalts-)Geräten.

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