Warum überhaupt investieren?

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Dieser Beitrag erschien bei der WirtschaftsWoche Online:

Im besten Fall dürften an den Kapitalmärkten nur maue Renditen zu erzielen sein, bei zunehmender Volatilität. Soll man da überhaupt mitspielen oder lieber gleich bei Liquidität bleiben?

Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle vorgerechnet, dass die tiefen Zinsen nicht nur Anleihen unattraktiv gemacht haben, sondern alle Assets, die künftige Einnahmen versprechen – also Aktien, Immobilien und auch einige Assets, die sich ausschließlich über Wertsteigerung definieren (sollen) wie zum Beispiel Kunst und Oldtimer. Unmittelbare und offensichtliche Folge der deutlichen Preisanstiege der letzten sieben Jahre: Die künftigen Erträge wurden schon realisiert, und wer zum heutigen Preis einsteigt, kann – wenn alles gut geht – nur noch mit mauen Renditen von rund zwei Prozent rechnen.

Nicht genug damit: Die Gefahr ist groß, dass es zu erheblichen Turbulenzen an den Finanzmärkten kommt. Schließlich sind mit Blick auf die Anleihenmärkte die typischen Anzeichen für eine Blasenbildung unübersehbar:

  • Bewertungsniveau, welches mit tradierten Methoden und Erfahrungen keinerlei Sinn mehr ergibt. Mal ehrlich, ist es rational dem deutschen Staat Geld dafür zu zahlen, dass er sich bei uns verschuldet?
  • Obwohl wir das alle wissen, rationalisieren wir diese Bewertung („This time it`s different“). Im New-Economy-Boom waren es die neuen Geschäftsmodelle, heute ist es der Glaube an die Allmacht der Notenbanken.

Käme es zu einer leichten Zinserhöhung, aus welchem Grund auch immer, dürften darunter alle zinsabhängigen Werte leiden. Auch die Aktien, ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass der Zinsanstieg aufgrund einer boomenden Weltwirtschaft mit deutlich steigenden Unternehmensgewinnen erfolgt. In Folge dürfte es zu einer deutlichen Anpassung der Börsenkurse nach unten kommen, weil mit Leverage arbeitende Marktteilnehmer zu jedem Preis aus dem Markt aussteigen müssen – wie in Margin Call für die Weltwirtschaft beschrieben. Zwar wären die Bewertungen dann günstiger, und auf Sicht von 10 Jahren bliebe die Rendite für den Investor, der zu teuren Kursen gekauft hat, unverändert bei zwei Prozent. Dennoch würde man sich ärgern und zudem einige schlaflose Nächte ob der Dezimierung des Vermögens verbringen.

Da liegt der Gedanke nahe, das Geld gleich auf dem Bankkonto liegen zu lassen. Wieso für eine marginal bessere Performance das Risiko von deutlichen Einbrüchen auf sich nehmen?

Zunächst ist daran zu erinnern, dass das Geld bei der Bank keineswegs sicher ist. Wie immer wieder an dieser Stelle erinnert, sind die europäischen Banken objektiv betrachtet schwach kapitalisiert bis insolvent. Es besteht deshalb das sehr realistische Risiko, dass es im Zuge einer erneuten Krise bei einer oder mehreren Banken zu einer Gläubigerbeteiligung kommt. Zwar dürfte die Grenze von 100.000 Euro halten; für größere Vermögen bleibt dennoch eine erhebliche Gefahr. Eine Anlage in Staats- und Unternehmensanleihen bietet da mehr Sicherheit. Bei einem Zinsanstieg werden allerdings auch sie – je nach Laufzeit mehr oder weniger starke – Kursverluste erleiden. Natürlich gäbe es auch die Möglichkeit Bargeld zu lagern, jedoch verbunden mit dem Risiko von Diebstahl und Zerstörung und – wie ebenfalls hier schon diskutiert  – mit der Gefahr von Problemen bei der künftigen Verwendung, nehmen doch die Bemühungen, die Nutzung von Bargeld einzuschränken, immer konkretere Formen an.

Nicht zu investieren ist also keine Option, nur auf Anleihen zu setzen eine Garantie für geringe und negative nominale Renditen und negative reale Renditen. Hinzu kommt die Asymmetrie der Risiken. Es ist schwer vorstellbar, dass die Politik sich mit der Eiszeit, welche wir momentan erleben, abfinden wird, gerade auch mit Blick auf die trotz Tiefstzinsen weiter anwachsenden Schuldenquoten relativ zum Bruttoinlandsprodukt. Viel wahrscheinlicher ist, dass man alle erdenklichen Maßnahmen ergreift, um zumindest das Nominalwachstum nach oben zu bekommen. Höhere Inflationsraten gelten als Allheilmittel, wenn es darum geht, die Schulden unter Kontrolle zu bekommen. Diese Maßnahmen werden stützend auf die Bewertung von Assets wirken und könnten – ausschließen lässt sich das nicht – irgendwann tatsächlich zu höherer Inflation führen. Vermutlich durch eine Zerrüttung des Vertrauens der Bevölkerung in Geld. Dann fährt man mit Immobilien, Aktien und Gold sicherlich besser, als mit Anleihen und Liquidität.

Übersetzt auf die Geldanlage bedeutet dies:

  • Wir halten an der Zielstruktur für unser Portfolio fest: Liquidität/Anleihen, Aktien, Immobilien und Gold.
  • Wir streuen das Vermögen international, um vom höherem Wachstum – und damit perspektivisch auch höheren Erträgen – in anderen Regionen zu profitieren.
  • Wir halten taktisch heute mehr Liquidität, um bei Marktkorrekturen günstiger dazu zu kaufen – und zwar sowohl bei Aktien wie auch Gold. Bei letzterem scheint sich da gerade eine Chance aufzutun.
  • Wir akzeptieren, dass ein solches Portfolio auf einen Zeithorizont von zehn Jahren wohl nur einen niedrigen einstelligen Ertrag bringt.
  • Wir sparen mehr, um eine zu erwartende Lücke in der Altersversorgung zu schließen.
  • Und ganz wichtig: Wir senken die Kosten ,so weit es geht, indem wir von teuren Banken und teuren Vermögensverwaltern auf kostengünstigere Alternativen wechseln. Aus dem gleichen Grund handeln wir auch wenig.

 

Eisige Zeiten an den Kapitalmärkten übersteht man nur durch Disziplin und Ausdauer. Fangen Sie heute damit an.

→ WiWo.de: „Gegen den Niedrigzins hilft nur Ausdauer“, 20. Oktober 2016

10 Kommentare
  1. Michael Stöcker says:

    Gegen den Niedrigzins in diesem Umfeld hilft ein Blick auf Henry Simons:

    “Once a deflation has gotten under way, in a large modern economy, there is no significant limit which the decline in prices and employment cannot exceed, if the central government fails to use its fiscal powers generously and deliberately to stop the decline. Only great government deficits can check the hoarding of lawful money and the destruction of money substitutes once a general movement is under way. While the technical limits of cumulative movements are more nearly significant in the case of upswings or booms, the proper checks in this direction also are to be found in the taxing, borrowing and spending activities of the national government.” https://www.researchgate.net/publication/24126211_Henry_Calvert_Simons_and_the_Quantity_Theory_of_Money

    LG Michael Stöcker

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Letztlich auch das, was Irving Fisher gefordert hat. Meines Wissens ist es jedoch bisher immer nur die Theorie gewesen, die angesichts der Depression entwickelt wurde. Heute ist zum ersten Mal die Möglichkeit und die Notwendigkeit das auszuprobieren. Erst dann werden wir wissen, ob es funktioniert oder nicht, ob es die Krise verringert oder verschärft. Vielleicht gibt es nur den Weg der Schuldendeflation?

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  2. Michael Stöcker says:

    „Wir sparen mehr, um eine zu erwartende Lücke in der Altersversorgung zu schließen.“

    Und wenn keiner die hieraus resultierende heutige Nachfragelücke schließt, dann schießen wir uns mit der schwarzen Null ins eigene Knie. Ich mache in diesem Kontext noch einmal auf Carl Christian von Weizsäcker aufmerksam: https://zinsfehler.com/2016/06/22/kapitalismus-in-der-krise/.

    Eine überarbeite Version meines Vorschlags zu einem zentralbankfinanzierten Bürgergeld findet sich seit heute beim MAKRONOM.

    LG Michael Stöcker

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  3. SMK says:

    „Wir halten an der Zielstruktur für unser Portfolio fest: Liquidität/Anleihen, Aktien, Immobilien und Gold.“

    Das verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Neulich wurde hier auf dem blog ein Chart von Ian Gordon bzgl. des Kondratieff Zyklus geposted (dieser: http://www.longwavegroup.com/market/charts/_pdf/Kondratieff_Cycle_Chart.pdf)

    Ian Gordon hat sich ausführlich mit dem K-Zyklus beschäftigt und dahingehend eine „Investment Roadmap“ erstellt, wie man in den jeweiligen Unterzyklen (Frühling, Sommer, Herbst und Winter) investiert sein sollte: http://www.longwavegroup.com/market/charts/_pdf/Kondratieff_Long_Wave_Cycle.pdf

    Da wir uns aktuell seit 2000 im Winter befinden, sollte das Portfolio also laut dieser Grafik aus Cash, Bonds (nach dem Credit Crunch), Gold und Goldminenaktien bestehen. Der Credit Crunch war in der GFC von 2008-2009, die Kaufgelegenheit für Anleihen ist also schon lange vorbei und arg viel weiter können die Zinsen nicht mehr fallen.

    Bis zum Ende des aktuell laufenden Kondratieff Winter sollte das Portfolio also aus Cash, Gold und Goldminenaktien bestehen. Bei der Assetallocation schweigt sich die Grafik zwar aus, aber ich würde 50% Cash, 40% physisches Gold und 10% in einen Sector ETF auf die Minen vorschlagen.

    Zuletzt muss man dann noch erkennen, wann der Winter vorüber ist. Ein Hinweis ist, die Schuldenstände zu beobachten. Der Winter ist vorüber, wenn der Schuldenstand das Tief des Zyklus erreicht (in unserem Fall unter Niveau der 1950er). Ein zweiter Hinweis bietet die Dow to Gold Ratio: http://www.longwavegroup.com/market/charts/_pdf/DowJones_GoldPrice.pdf

    Diese erreicht im Sommer und im Winter (das sind die Gold Bullenmärkte bei Kondratieff) ein Verhältnis von ca. 1:1, d.h. Gold kostet pro Unze denselben Betrag wie der DJIA (z.B. 2000 Dollar pro Unze = 2000 Punkte beim Dow Jones, genausogut wären auch 10000 bei Gold und DJIA möglich). Aufgrund des vorangegangen Exzesses von 44 Unzen Gold im Jahr 2000 wäre auch ein Verhältnis von < 1 möglich, z.B. 5000 Punkte für den Dow und 10.000 USD / Unze bei Gold.

    Zu ähnlichen Schlüssen kommt ein – neben Albert Edwards – bekannter anderer Deflationist: Robert Prechter. Er geht ebenfalls von einer stark fallenden Dow to Gold Ratio aus:

    http://i.imgur.com/x1MtIte.png?2

    und, passend zu einer massiven deflationären Implosion des Kredit/Schuldgeldsystems, von einem extrem fallenden Aktienmarkt:

    http://i.imgur.com/m9efKAi.png

    Sollte Prechter recht behalten, wären die im Artikel angesprochenen 100% cash unter der Matratze wirklich das Beste.

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Cash und Gold wie auch Goldminen empfehle ich schon lange, auch in diesem Beitrag. Es gibt aber gute Gründe nicht auf ein einziges Szenario zu setzen. Ich kenne die hier zitierten Quellen auch. Allerdings kann es sein, dass es nicht oder viel später so kommt. Prechter zum Beispiel warnt schon sehr lange. Deshalb müssen wir uns auf verschiedene Entwicklungen einstellen mit der Folge einer Diversifikation. Langweilig aber leider das einzige, was m.E. seriös gemacht werden kann.

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      • Abdullah M. says:

        „Allerdings kann es sein, dass es nicht oder viel später so kommt. “ …das ist ein wesentlicher Punkt. Wer seid 2008 auf den Niedergang wartet, hat bei Cash-Anlage hohe Opportunitätskosten erlitten, bei sinkenden Zinsen die Hausse an vielen Märkten verpasst und real sein Geld entwertet (so war es nicht nur bei mir).

      • SMK says:

        Ich wollte lediglich zum Ausdruck bringen, dass bestimmte Anlageklassen im Kondratieff Winter säkuläre Bärenmärkte durchleben. Diese Anlageklassen sind:
        Aktien (außer Goldminen)
        Commodities (außer Gold)
        Immobilien

        und unter Vorbehalt: Anleihen. Vorbehalt deswegen, weil Anleihen in einem Teil des Winters durchaus einen Bullenmarkt erleben, solange die Zinsen fallen. Anleihen welche ihr AAA Rating durch den Winter behalten, sind trotzdem eine gute Wahl – nur welche werden das sein?

        Im übrigen haben Aktien seit 2000 sehr schlecht performed, trotz ihrer aktuellen Höchststände. Man kann das mit den Return Calculators hier:

        https://dqydj.com/dow-jones-return-calculator/ (DJIA)
        https://dqydj.com/inflation-adjusted-gold-return-calculator/ (Gold)

        ganz leicht nachrechnen. Ich komme inklusive reinvestierter Dividenden auf eine Performance von ca. 3% p.a. seit 2000. Dafür, dass man zwischenzeitlich > 60% vom Kapital verloren hat, etwas mau. Und laut Albert Edwards kommen ja noch mindestens 2 Bärenmärkte ;).

        Natürlich kann man nicht wissen, was genau in unserem Winter passieren wird. Ich persönlich denke schlichtweg, dass die Zentralbanken zusammen mit den Regierungen das Kunststück hinbekommen müssten, genau soviel Geld zu drucken, um gerade so nicht zuviel und nicht zuwenig Inflation zu erzeugen und zusätzlich den kommenden Fiskalstimulus/Helikoptergeld genau so in die Wirtschaft zu injezieren, dass eine normale Geschäftstätigkeit so wie im großen Bullenmarkt 1982-2000 zurückkehrt, um einen positiven Ausgang zu erzeugen.

        Schaffen sie das nicht, wird man wohl mit Gold und Bargeld am Besten fahren. Dass irgendjemand aus der Nummer ohne Verluste herauskommt, halte ich fast schon für ausgeschlossen. Aber wenn man selbst nur 50% verliert und alle anderen 95%, dann hat man eigentlich auch irgendwie gewonnen ;).

  4. David Winter says:

    So paradox es erscheint, Cash scheint in der Tat keine schlechte Anlage zu sein. Denn Aktien/Immobilien auch Staats- sowie Unternehmensanleihen bieten ein 10jahres Upside von vielleicht 10-20% inkl. Dividenden. Vor Steuern! Bei einem Risiko zwischenzeitlich 50% zu verlieren. Da erscheint Cash gar nicht so schlecht, auch wenn ich bei meinem Broker inzw. -0.5% pro Jahr für EUR Cashbestände berappen muss.

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  5. Norbert says:

    Ich habe mein Depot seit 1999 ungefähr gleichverteilt breit auf passive internationale Aktienfonds und Immobilienfonds/REITs (in mehreren Depots, Länder und KAGs) sowie ein paar gute Managed Futures Fonds, die u.a. auch aktiv in Gold und Anleihen investieren, diversifiziert, bin damit trotz durchgängig 100 % Investitionsquote bestens durch 2 große Finanzkrisen gekommen und gehe davon aus, dass das auch in Zukunft die krisensicherste Strategie bei guter Rendite (bislang 7% p.a.) und hoher Liquidität, da MFF in Krisen negativ zu Aktien korrelieren, sein wird. Warum auch nicht? Riesige Stiftungsfonds von US Ivy League Unis wie z.B. Yale, die ihre Vermögen ja für die Ewigkeit bewahren und mehren wollen, machen das ganz ähnlich. Passive ertragslose Goldanlagen haben die sicher nicht ohne Grund m.W. keine.

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  6. SMS says:

    Hallo Herr Stelter,

    Vielleicht ist vor dem von Ihnen beschriebenen Hintergrund ein Kontinuierliches Investment in Aktien mittels Sparplan keine schlechte Idee?
    D.h. Ein monatliches Investment in ein Set von Qualitätsaktien.
    So baut man einen Aktienbestand auf, und bei einer Korrektur „gewinnt“ man, da man dann fuer das gleiche Geld mehr Aktien bekommt, sprich, man ist geschützt vor Volatilität.
    Da ich persönlich noch gar keine Aktien habe, aber den hochbewerteten Stand derzeit etwas scheue, wäre dies die Strategie meiner Wahl zur Diversifikation.
    Mit Gold und sicherer Fremdwährung würde ich ähnlich verfahren.

    Schöne Grüsse
    SMS

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