„Fed Zinsentscheid: Prozyklisch in die Baisse“

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Jetzt hat die Fed also endlich die Zinsen erhöht. Ein Minischritt, der mehr ein Symbol ist als ein echter Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes. Dennoch markiert der Schritt den Wendepunkt an den Finanzmärkten. 2016 dürfte es bergab gehen.

Leser dieser Kolumne kennen meine Einschätzung, dass der eigentliche Zweck der Zinserhöhung ist, wieder Spielraum für weitere Zinssenkungen zu bekommen. Noch nie waren die Zinsen nach einem mehrjährigen Aufschwung so tief. Richtig ist natürlich auch, dass noch kein Aufschwung so schwach war. Dabei geht es den USA aber deutlich besser als der Eurozone. Käme es zu einer Rezession, so müsste die Fed wie auch die EZB sogleich zu unkonventionellen Mitteln greifen, vor allem der direkten Staatsfinanzierung und dem Helikoptergeld. Da ist es allemal besser, zumindest im ersten Schritt noch ein bekanntes, wenngleich weitgehend abgenutztes Instrument zu haben: die Zinssenkung.

Zinserhöhung trifft auf schwächelnde Märkte

Natürlich haben jene Kritiker recht, die die Zinserhöhung nur als kosmetische Maßnahme ohne jegliche Relevanz für die Realwirtschaft sehen. Dennoch hat die Entscheidung eine erhebliche symbolische Bedeutung: Sie dürfte den Endpunkt der Erholung von Finanzmärkten und Konjunktur markieren. 2016 droht deutlich schlechter auszufallen, als wir es uns heute noch denken. Darauf deuten vor allem Indikatoren von den US- Finanzmärkten hin:

  • Die US-Aktien notieren mit einem Shiller-PE von rund 27 deutlich über dem langfristigen Schnitt von 16. In den letzten 100 Jahren waren US-Aktien nur im Zuge der New-Economy-Blase teurer.
  • Immerhin fast 70 Prozent der Aktien an der NYSE werden unter dem gleitenden Durchschnitt der letzten 200 Tage gehandelt. Ein deutliches Warnzeichen für die weitere Entwicklung der Märkte.
  • Der Aufschwung an der Börse wurde in den letzten Monaten von immer weniger Aktien getragen. Bei Markteinbrüchen nimmt die sogenannte Marktbreite deutlich zu: Fast alle fallen. Auch dies kein gutes Zeichen für den Markt.
  • Der traditionell als Konjunkturindikator dienende Dow Jones Transport Index hat den Aufwärtstrend seit August deutlich nach unten durchbrochen, ebenfalls ein Zeichen für bevorstehende Turbulenzen und eine schwächere Konjunktur.
  • Die Welle der Börsengänge (IPO) ebbt ab. IPOs sind ein bewährtes Zeichen für Höhepunkte am Kapitalmarkt, wie ich vor einigen Wochen am Beispiel von Glencore ausgeführt habe. Die Verkäufer handeln rational und versuchen einen möglichst hohen Preis zu erzielen. So markierte der Börsengang von Blackstone am 22. Juni 2007 durchaus einen guten Zeitpunkt aus dem Markt auszusteigen. Es ging zwar noch ein paar Wochen bergauf, danach aber bekanntlich deutlich nach unten. Viele der Top-IPOs seit 2011 notieren mittlerweile deutlich unter den Höchstkursen. Alibaba (-30 %), Twitter (-65 %), Zygna (-85 %) und Groupon (-90 %). Neue IPOs kommen kaum noch – und wenn, zu deutlich gesenkten Preisen. Was manche als ein positives Zeichen der Beruhigung sehen, ist wohl eher ein Warnsignal: Die Investoren nehmen Risiken zurück.
  • Die wichtigste Käufergruppe für Aktien waren in den letzten Monaten die Unternehmen selbst. Entweder über Aktienrückkäufe oder aber über den Kauf anderer Unternehmen. In beiden Bereichen deutet sich eine deutliche Abkühlung an. Zum einen sind die Schulden der US-Unternehmen deutlich gewachsen, und die Kritik an weiteren Aktienkäufen nimmt zu. Zum anderen stehen Deals wie Allergan/Pfizer, die sich ausschließlich über Steuerersparnisse rechtfertigen lassen, für den Endpunkt eines Booms. Die Milchmädchen von heute sind nun mal die Unternehmen, wie ich hier bereits erläutert habe.
  • Daten von JP Morgan zeigen, dass US-Unternehmen nicht mehr genug Cashflow erzeugen, um Investitionen und Dividenden zu bezahlen. Sie müssten sich also weiter verschulden oder aber die ohnehin geringen Investitionen weiter kürzen. Oder die Dividende. Von Aktienrückkäufen wäre dann auch keine Rede mehr.
  • Zugleich macht sich die gestiegene Verschuldung der Unternehmen zunehmend bemerkbar. Und dies nicht nur im Energiesektor, der von den sinkenden Ölpreisen massiv getroffen ist. Auch bei Dienstleistungen, Handel, Transport, Konsumgütern, Hotels, Medien, Technologie und Industriegütern liegt der Anteil der Anleihen mit Problemen deutlich über dem Vorjahresstand.

So haben sich die Zinsen auf CCC-Junk Bonds nach Zahlen der Bank of America/Merill Lynch seit Jahresanfang auf fast 17 Prozent verdoppelt. Auch hier beginnen die Investoren also, Risiken zu reduzieren. In früheren Phasen sind steigende Zinsen für die Anleihen schlechter Schuldner ein ziemlich zuverlässiger Frühwarnindikator für die Aktienmärkte gewesen.

  • Passend dazu mehren sich die Indikatoren, dass auch die von den US-Banken vergebenen Kredite für Industrie und Handel zunehmend in Schwierigkeiten kommen. Abschreibungen und Zahlungsausfälle nehmen zu, wie sonst nur im Vorfeld von Rezessionen.
  • Vor diesem Hintergrund warnt die Deutsche Bank in einer Studie vor einem deutlichen Anstieg der Zahlungsausfälle in der US-Wirtschaft im Laufe des Jahres 2016.
  • Derweil mehren sich die Anzeichen einer schwächelnden Konjunktur. Tiefen Zinsen zum Trotz, will der US-Konsument nicht so richtig in Kauflaune verfallen. Die Sparquote bleibt – für US-Verhältnisse – hoch, und die Konsumausgaben waren nach Zahlen der Bank of America zuletzt sogar rückläufig, wenn man die Autokäufe, die dank Rabattaktionen noch zugenommen haben, ausklammert. Der Einkaufsmanagerindex der Region Chicago signalisiert ebenfalls Rezession.

Alles deutet darauf hin, dass die Fed nun in einen Abschwung hinein die Zinsen erhöht. Verursacht sie den Abschwung mit ihren Maßnahmen? Nein, sie bietet sich höchstens als Sündenbock an, wenn man im Sommer nach einem Schuldigen sucht. Dabei liegt die Schuld nicht alleine bei der Fed und den anderen Notenbanken. Die Politik ist die Hauptschuldige, vertraut sie doch weiterhin auf ein Leben auf Pump, statt den Schlussstrich unter mehr als dreißig Jahre Schuldenwirtschaft zu ziehen. So wird den Notenbanken letztlich nichts anderes bleiben, als weiterhin dem japanischen Vorbild zu folgen.

→  WirtschaftsWoche Online: „Fed Zinsentscheid: Prozyklisch in die Baisse“, 10. Dezember 2015

2 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Nun also auch von höchster wissenschaftlicher Stelle. Professor Spahn kommentiert heute bei Gerald Braunberger:

    „Wenn die EZB die Nachfrage stärken will, sollte sie das zum Bondkauf bestimmte Geld lieber direkt an die Bürger verteilen. Helikoptergeld ist das Einzige, was in der Eurozone noch hilft.“ http://blogs.faz.net/fazit/2015/12/20/auch-fuer-geldpolitik-gilt-vorsicht-ist-die-mutter-der-porzellankiste-7028/#comment-5456.

    LG Michael Stöcker

    Antworten

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