Kreditbooms führen nicht immer zur Krise

In meinem kommenden Podcast (8. August 2021) ist Moritz Schularick mein Gast. Er forscht und lehrt am Institut für Makroökonomik und Ökonometrie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In seiner Forschung beschäftigt sich Schularick mit der monetären Makroökonomik, der internationalen Ökonomik und der Wirtschaftsgeschichte. Seine Studien zu den Ursachen von Finanzkrisen und zur Transformation des Finanzsystems gehören zu den international meistzitierten makroökonomischen Aufsätzen des letzten Jahrzehnts.

Grund genug für mich einige seiner Studien, die bei bto in der Vergangenheit bereits vorgestellt wurden, erneut zu diskutieren. Heute eine Studie zu den Ursachen von Finanzkrisen: 

Gerald Braunberger von der F.A.Z. ist unstrittig einer der schärfsten Beobachter der Entwicklungen in Wirtschaft und Finanzmärkten. Dabei betont er immer wieder die positiven Aspekte und kritisiert die Schwarzmaler, zu denen ich (wohl zurecht) gerechnet werde.

Zuletzt hatte ich mich mit seinem Kommentar „Wo bleibt eigentlich die Kreditexplosion“ auseinandergesetzt:

→ Es droht keine neue Krise – einfach, weil die alte noch nicht vorbei ist!

Nun berichtet Braunberger (mit leichtem Jubel), dass nicht jeder Kreditboom zur Krise führt – nur jeder vierte. Also wären Kreditbooms notwendig, aber nicht hinreichend für eine Krise. Aber es nicht nur der Boom an sich, sondern vor allem auch die Frage, von welchem Niveau aus dieser beginnt. Schauen wir uns die Argumentation an:

  • „Historische Untersuchungen zeigen, dass den meisten schweren Finanzkrisen ein starkes Kreditwachstum vorausgegangen war, das dann zur Krise führte, wenn die Kredite platzten und die Kreditgeber, nicht zuletzt Banken, darüber in Schwierigkeiten gerieten.“ – bto: Das beschrieb kein Geringerer als Irving Fisher so schön und Hyman Minsky packte es in ein einleuchtendes Modell.
  • „Die Entwicklung seit der Krise zeigt in den Industrienationen, anders als in China, kein sehr kräftiges Kreditwachstum, obgleich die Zinsen sehr niedrig sind. Das widerspricht der Sorge, die nächste Finanzkrise stehe vor der Tür.“ – bto: Das war seine Argumentation in dem oben angesprochenen Artikel, die ich sehr kritisch sehe. Aber die Krise wurde bisher nicht überwunden – wir stecken noch mittendrin – und nur deshalb kann man sagen, „es drohe keine neue“. Doch die nächste heftige Welle steht noch bevor.
  • „Ein Ökonomenteam um den bekannten Bonner Professor Moritz Schularick (…) [zeigt nun]: Auch wenn den meisten Finanzkrisen ein starkes Wachstum der Kredite vorausgegangen ist, so ist der Umkehrschluss, dass ein starkes Kreditwachstum üblicherweise zu einer Krise führt, nicht zulässig. Im Gegenteil zeigt eine internationale Analyse der Finanzmärkte aus den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten, dass in drei von vier Fällen ein kräftiges Wachstum der Kredite gut war, weil es zu Wirtschaftswachstum und Wohlstand beitrug, ohne dass sich eine Krise anschloss. Nur in etwa jedem vierten Fall folgte dem Kreditboom eine Krise.“ – bto: Das sind zum Teil dieselben Ökonomen, deren Studie zu den langfristigen Kapitalerträgen ich am 2. August 2021 bei bto diskutiert habe. Inhaltlich ist es nicht überraschend. Oft wurden die Kredite produktiv eingesetzt und haben eben nicht zu Fehlinvestitionen oder Spekulation/Konsum geführt. In anderen Situationen kam es zu einer Verzögerung der Krise, weil das Kreditwachstum weiter anhielt. Ich denke da an die Situation in Australien zurzeit. Doch darf man daraus auch nicht schließen, dass das gegenwärtige Schuldenspiel gefahrlos ist.
  • „Schularick & Co. unterscheiden daher zwischen ‘guten’ und ‘schlechten’ Kreditbooms. Die guten Kreditbooms tragen zum Wirtschaftswachstum bei, weil sie nicht zuletzt die Finanzierung sinnvoller Investitionen erlauben.  An sie schließt sich keine Krise an. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre es widersinnig, einen solchen guten Kreditboom bremsen zu wollen – sei es durch eine besonders straffe Geldpolitik, sei es durch schärfere Regulierungen der Banken, die Kredite vergeben.“ – bto: Vermutlich erkennt man diese erst hinterher. Ich diskutiere bei bto schon lange den Kreditboom in China. Wie gezeigt ist die Verschuldung auf die Staatsunternehmen konzentriert, die vor allem auch Infrastrukturinvestitionen tätigen. Diese sind sicherlich produktiv”, weshalb die Schulden keine Rolle spielen. Oder überwiegen doch die Projekte der Regionalregierungen mit zweifelhaftem Nutzen und die Spekulation mit Immobilien?
  • „Ganz anders sieht es mit ‘schlechten Kreditbooms’ aus. Sie entstehen häufig, wenn mit den Krediten zu hohe Konsumausgaben finanziert werden oder Investitionen, die sich als nicht nachhaltig erweisen. In der Praxis handelt es sich nicht selten um zu hohe Investitionen in Immobilien. Diese Kreditbooms führen häufig zu Finanzkrisen, die mit hohen Kosten für die Gesamtwirtschaft einhergehen. Es wäre sinnvoll, solche schlechten Kreditbooms frühzeitig zu bekämpfen.“ – bto: Auch das ist unstrittig. Doch was ist denn mit der Rekordverschuldung der US-Unternehmen für Aktienrückkäufe, Dividenden und M&A? Auch dort drohen erhebliche Fehlinvestitionen.

“Lassen sich ‘gute’ und ‘schlechte’ Kreditbooms überhaupt frühzeitig voneinander unterscheiden? Schularick und seine Mitstreiter sagen: Ja. Drei Kriterien sind es, die für viele ‘schlechte’ Booms typisch sind, aber bei ‘guten’ Kreditbooms kaum beobachtbar sind.“

  • „Erstens finden schlechte Kreditbooms ihren Ausdruck meist am Immobilienmarkt und nicht in der Industrie. Typisch sind Baubooms mit steigenden Immobilienpreisen.“ – bto: Das überrascht nun wirklich nicht. Wobei ich bei den Kreditbooms in der Industrie auch auf die Mittelverwendung achten würde!
  • „Der zweite Indikator ist ein Anstieg des Verhältnisses der Kredite zu den meist langfristig zur Verfügung stehenden Kundeneinlagen in den Bankbilanzen. Dies ist eine Erfahrung der jüngsten Krise, als viele Banken zur Finanzierung ihres Kreditwachstums auf häufig kurzfristiges Geld vom Kapitalmarkt zurückgriffen, das nach Ausbruch der Krise nicht verlängert wurde.“ – bto: Da wir wissen, dass die Banken das Geld ohnehin selber schaffen, muss man es anders übersetzen. Die Banken gehen übermäßige Risiken mit zu geringem Eigenkapitalanteil ein, weil sie zu optimistische Annahmen über die Zukunft haben und/oder im Wettbewerb – auch durch zu billiges Geld der Notenbank – gezwungen sind, übermäßig zu expandieren, um nicht Marktanteile zu verlieren oder übernommen zu werden. Ich erinnere daran, dass jene Banken, die die meisten Risiken fuhren, bis zum Beginn der Krise mit einer Prämie am Markt gehandelt wurden.
  • „Der dritte Indikator sind Veränderungen in der Zahlungsbilanz von Boomländern als Folge starker Zuflüsse von Auslandskapital, das vom Boom auf dem Immobilienmarkt profitieren will.“ – bto: Auch das ist klar.
  • „Die Autoren haben für 17 Länder Kreditbooms zwischen 1870 und 2013 analysiert. Interessant ist die Häufung der Booms nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei in den ersten Jahrzehnten, als die Finanzmärkte segmentierter und höher reguliert waren, die ‘guten’ Booms eindeutig dominierten. Ab 1980, also ab den Deregulierungswellen an den Finanzmärkten und, etwas später, dem Beginn des säkularen Zinsrückgangs, nimmt die Zahl der schlechten Kreditbooms dramatisch zu.“ – bto: einfach auch, weil die Kreditschöpfungsfähigkeit der Banken massiv ausgeweitet wurde. Politisch gewollt und mit Konsequenzen, die wir noch alle spüren werden.
  • „Aber das Bild ist nicht eindeutig und erlaubt keine simplen Schlussfolgerungen: Seit 1980 fanden auch zahlreiche gute Kreditbooms statt.“ – bto: Da ist wieder die Hoffnung, dass es doch noch gut gehen wird. Sehe ich nicht so, wir haben nämlich weltweit das Schuldenniveau immer höher getrieben, was die Risikotoleranz mindert.

Hier noch das Chart mit der Zuordnung der Krisen. Ich persönlich finde, dass wir nach dem Boom 2000 durchaus auch eine Krise hatten, die dann allerdings durch die Politik des noch billigeren Geldes zur Entstehung der Finanzkrise führte. In den 1970er-Jahren ging die Verschuldung mit hohen Inflationsraten einher, weshalb die Schuldenquoten relativ zum BIP stabil blieben oder gar zurückgingen.

Quelle: F.A.Z.

→ F.A.Z.: “Jeder Kreditboom endet in einer Finanzkrise? Von wegen!”, 5. Januar 2018

Ich habe im Netz nur eine Vorabversion der Studie gefunden, nicht die Fassung vom Dezember, die Braunberger zitiert hat:

→ “When to lean against the wind”, Version April 2017

Kommentare (23) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. jobi
    jobi sagte:

    Die Frage, die sich angesichts solcher akademischen Zahlenspielerei stellt:

    Wie relevant ist eine Untersuchung lokaler und zeitlich begrenzter Kreditzyklen, wenn man dabei den langfristigen und historisch beispiellosen globalen Kreditboom, in dem wir uns befinden, herausrechnet (detrended) ?

    Solche Betrachtungen verstellen nur den Blick auf das Wesentliche.

    Die globale Schuldenquote aus Gesamtverschuldung zu BIP steigt weiter exponentiell, was nichts anderes bedeutet, dass ein immer höherer Anteil der Kredite in unproduktive also konsumptive und spekulative Verwendungen fließt.

    Der langfristige Schuldenzyklus endet, wenn die Vermögenspreise nicht weiter steigen (können).

    Antworten
  2. JürgenP
    JürgenP sagte:

    „Kreditbooms führen nicht immer zur Krise“

    Es ist doch etwas Interessantes an den stakigen Mustern zu erkennen, ich bezeichne das mal als „Heuschrecken – Verhaltensmuster“.

    Zu Beginn eines Zyklus (bspw. 1980) werden Kredite von Kreditgebern an Kreditnehmer vergeben. So wie das Fressverhalten der gemeinen Heuschrecke irgendwo in der Savanne, verläuft auch die Kreditvergabe gemütlich, das heißt in geregelten Bahnen. Das Verhaltensmuster der Akteure fällt lange Zeit nicht auf, niemand redet darüber, weil’s nichts zu reden gibt.

    Urplötzlich (bspw. ab 1983) scheint es begünstige Bedingungen zu geben, nicht mehr gemütlich Blätter zu fressen oder in aller Ruhe solide Kredite zu vergeben, sondern diese Tätigkeiten mit zunehmender Freude und Intensität auszuufern.

    Genauso wie Heuschrecken vermehren sich Kreditgeber bzw. -nehmer zunächst langsam, dann immer schneller (bspw. ab 1985). Die Messkurve der Fress- und Kreditorgie geht immer schneller steil nach oben, die Mathematik sagt dazu Exponentialwachstum. Es drängt schließlich sowohl die Heuschrecken als auch Kreditgebern gewaltig nach Expansion.
    Weil Baum und Strauch, das Feld und schließlich die ganze Region leergefressen bzw. mit Krediten überzogen sind, funktioniert das Wachsen und Ausbreiten nicht mehr (bspw. .
    Mathematiker, die sich mit solchen Kurven auskennen, können aus den Anfangsbedingungen abschätzen, wann das Wachstum ein Ende findet, wann also alles leergefressen oder kreditgestopft ist und es zu Verteilungskämpfen, Pleiten von Kreditgebern oder ähnlich unangenehmen Ereignissen kommen muss. Leider sind alle, außer Mathematiker, im Fress- und Kreditvergabewahn und hören nicht auf die Worte und Signale.

    Expansion ohne Ende ist angesagt. Wie in der Natur, so in Wirtschaft und Politik.

    Zu Anfangs- und Wachstumsbedingungen von Fress- oder Kreditvergabeorgien können Spezialisten, man nennt sie Wissenschaftler, sicherlich eine Menge kompliziertes sagen.
    Auch Prognosen über Verläufe können sie aufstellen.

    Je dichter das Ende naht, schreiben sie sogar Bücher mit drohenden Titeln.

    Auf ein paar Wochen/Monate/Jahre kommt es nicht mehr an. Es ist zum Schluss aufgrund der Maßlosigkeit eh alles ruiniert auf Äckern und in der Kreditwirtschaft.

    Den Verlauf ändern oder maßgeblich beeinflussen kann kein Wissenschaftler, auch kein Politiker.

    Müssen sie ja auch nicht, denn wie man sieht, wird es am Ende eines Zyklus nur noch wenige gemütlich herumfressende Heuschrecken und den einen oder anderen vorsichtigen Krediteber / -nehmer geben. Der Rest ist auf wundersame Weise verschwunden.

    Fazit:

    „Kreditbooms führen [xxxxx] immer zur Krise“ – nur nicht immer zu leergefressenen Feldern.

    Das Einzige was vielleicht gegen Heuschreckenschwärme hilft, wären Landwirte, die mit großem Geschick rechtzeitig die Fressfeinde aktivieren und die Viecher im Schach halten. Was Kreditvergeber und -nehmer angeht, müsste nach demselben Prinzip geregelt werden, um „Krisen“ zu vermeiden.

    Wunschdenken.

    Die Generation von heute vergisst zu schnell was gestern war. Außerdem ist heute alles anders.

    Antworten
    • Bauer
      Bauer sagte:

      @ JürgenP

      >> “Die Generation von heute vergisst zu schnell was gestern war.”

      Die Generation von heute hat sich nie interessiert für das, was gestern war. Sie weiss es einfach nicht und hat dadurch den Kompass für die Zukunft verloren.

      Irgendwann ist dann eben der mühselige Anfang aus dem Nichts unvermeidlich geworden.

      Antworten
  3. Dietmar Tischer
    Dietmar Tischer sagte:

    Der Beitrag präsentiert sehr instruktive Daten und dezidiert Aussagen zu „Kreditboom und Krise“.

    Meine Schlussfolgerung daraus, mit einer Banalität beginnend:

    Krisen entstehen ersichtlich dann, wenn die Kredite nicht mehr bedient werden können.

    Das ist dann der Fall, wenn die ERLÖSE von kreditbelasteten Unternehmen und – aktueller Extremfall insbesondere in USA – die EINKOMMEN von kreditbelasteten Haushalten zu gering sind, um die Kredite zu bedienen.

    Dies wiederum ist dann der Fall, wenn die Nachfrage NICHT HINREICHEND hoch genug ist, um ZUSÄTZLICH Menschen zu beschäftigen, die wiederum Einkommen erzielen und mit zusätzlicher Nachfrage für STEIGENDE Erlöse sorgen.

    Bei HOHER Nachfrage und ZUSÄTZLICHER Beschäftigung und DAMIT durchweg spürbarer INFLATION kommt es per se nicht zur Krise, egal wie GROSS der Kreditboom ist.

    Es kommt c. p. nur FRÜHER zur Krise.

    Denn ist er GROSS und – nahezu UNVERMEIDBAR – fällt irgendwann die Nachfrage und die zusätzliche Beschäftigung, kommt es zu einer SCHWEREN Krise.

    Wenn diese Überlegungen der Kritik standhalten, ist für die VERMEIDUNG von Krisen entscheidend:

    Möglichst LANGE kontinuierlich wachsende NACHFRAGE für kontinuierliches WACHSTUM der Wirtschaft mit ZUNEHMENDER Beschäftigung – und ein wenig INFLATION.

    Das war in den 50er und 60er bis hin zu den 70er Jahren der Fall, wie die Grafik zeigt.

    Diese Jahre waren mehr oder weniger AUSNAHME-Jahre, weil es nach WK II eine Vielzahl von innovativen Produkten gab, die praktisch alle STARK nachgefragt wurden und zugleich nur mit ZUNEHMENDER Beschäftigung und wachsender Produktivität hergestellt werden konnten – langlebige Haushaltsgüter und Automobile vor allem.

    Die Realität sieht meistens anders aus, z. B. Innovationen OHNE hinreichende zusätzliche Beschäftigung oder nicht genügend Nachfrage aus demografischen Gründen.

    Aber selbst wenn es wieder Situationen wie nach WK II gäbe:

    Es gibt KEINE ewig währende KONTINUITÄT (auch banal).

    Daher sind Krisen UNVERMEIDBAR.

    Oder aber, denkbar, wenn auch unrealistisch nach Lage der Dinge:

    Die Kreditvergabe wird beschränkt und damit das Wirtschaftswachstum und der Wohlstand.

    Dies alles einmal als richtig unterstellt, WAS bewirkt die Energiewende, wenn sie wie gewollt mit Blick auf das Klimaziel 2050 realisiert wird?

    Antworten
    • Bernhard-Albrecht Roth
      Bernhard-Albrecht Roth sagte:

      @ Dietmar Tischer

      Sie sind bei Ihrer Betrachtung zu sehr auf die Realwirtschaft fixiert, denn neben Fehlinvestitionen oder zu hohem Konsum ist seit den 1980er Jahren vor allem die von der Finanzwirtschaft angetriebene Spekulation auf Kredit immer mehr angestiegen und zum Krisenverursacher geworden.

      Beste Grüße,
      Bernhard-Albrecht Roth

      Antworten
      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Bernhard-Albrecht Roth

        >Sie sind bei Ihrer Betrachtung zu sehr auf die Realwirtschaft fixiert,…>

        Stimmt, ich bin darauf fixiert.

        Aber zu sehr?

        Ich sehe schon, dass die Finanzwirtschaft ein TREIBER war, der die Realwirtschaft in eine starke Krise getrieben hat.

        Aber m. A. n. nicht aus „heiterem Himmel“.

        Es gibt zumindest ein Ereignis ZUVOR, das ich als eine sehr bestimmende URSACHE dafür ansehe, dass die Finanzwirtschaft diese Rolle spielen konnte:

        Es ist die sich seit Ende der 70er Jahre verstärkende Entwicklung Chinas, mit Billig-Löhnen in die entwickelten Volkswirtschaften Angebote einzugreifen UND der Fall des Eisernen Vorhangs, der – haben wir am Blog schon diskutiert – mit ca. 600 bis 800 Millionen direkt in den Kapitalismus mit ebenfalls billiger Arbeitskraft eintretende Menschen.

        Dies ist ohne Zweifel als externe Schock für die entwickelten Volkswirtschaften ansehen.

        Man MUSS ihm Ursächlichkeit zuschreiben – keine alleinige, aber eine sehr wesentliche.

        Ganz klar, diese Menschen haben mit ihren wachsenden Einkommen auch Nachfrage nach Produkten der entwickelten Volkswirtschaften generiert. Es waren Investitions- und dann vermehrt auch Luxusgüter, wie deutsche Automobile der Oberklasse. Das soll nicht unterschlagen werden.

        In den entwickelten Volkswirtschaften drückte das “Ereignis” aber generell auf die Löhne und damit ging die Perspektive verloren, mittels Arbeitseinkommen zu Eigentum zu gelangen selbst bei vergleichsweise NIEDRIGEN Finanzierungskosten (Langzeitzinsen).

        Auch das ist m. A. n. unstrittig, wenn man sich vor Augen führt, dass es kaum
        noch Arbeitskämpfe gab in den 90er Jahren.

        In dieser Situation REAGIERTE die POLITIK durch DEREGULIERUNG der Finanzmärkte.

        Die Notenbanken verstärkten die Finanzierungsbedingungen mit einer laxen Geldpolitik, damals mit einer extrem akkommodierenden Zinspolitik. Sie konnten dies, weil es praktisch keine Inflation gab.

        Die Finanzbranche nutzte natürlich das sich ihr eröffnende Potential und viele Menschen stiegen ein mit dem für sie naheliegenden Immobilienerwerb, was letztendlich zu einem segmentbezogenem Kreditboom führte, der mit der Subprime-Krise endete.

        Die Effekte, speziell die Banken betreffend, waren so groß, dass eine übergreifende Finanzkrise ausgelöst wurde.

        Das ist meine nicht vollständige Erklärung, in der die Finanzwirtschaft ihren, wie ich finde, gebührenden, aber eben auch nur eingebetteten Platz hat.

        Ja, die Finanzwirtschaft kann mitunter das Momentum bestimmen, aber bottom line ist es durchweg die Realwirtschaft, die die Bedingungen setzt für Kreditboom und Krise.

        Ich glaube, dass man dies auch intuitiv einsehen kann:

        Die allermeisten Menschen agieren mit ZIELORIENTIERUNG in der REALWIRTSCHAFT und die Finanzwirtschaft, an der Spitze die Banken, sind für sie nur MITTEL zum Zweck.

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        @ Dietmar Tischer

        Prof. Schularick & Co haben es richtig analysiert, siehe oben: “Ab 1980, also ab den Deregulierungswellen an den Finanzmärkten und, etwas später, dem Beginn des säkularen Zinsrückgangs, nimmt die Zahl der ‘schlechten’ Kreditbooms dramatisch zu.”

        Zwei Gründe waren dafür maßgeblich verantwortlich:

        1. Das Ende von Bretton-Woods, wodurch die Dollargeldmenge nicht mehr von der Goldmenge abhing und damit auch die Kreditgeldschöpfung nicht mehr gedeckelt war.

        2. Die Deregulierung, wodurch ein ganz neuer Zweig der Finanzwirtschaft entstanden ist, der immer neue Produkte (“Unwertpapiere”) kreierte, die alle Spekulationen auf Kredit enthielten. Ausführlich erklärt in diesem Vortrag von Prof. Wilhelm Hankel: https://www.youtube.com/watch?v=Tx5hvetAVlw

        Zum Ausbruch der Finanzkrise in 2007 betrug das Volumen dieser Finanzwirtschaft 700 Billionen US-Dollar (kein Schreibfehler!), während das Welt-BIP seinerzeit nur 70 Billionen US-Dollar erreichte.

        Wer wird bei einem Faktor von 10 : 1 also mehr zu schlechten Kreditbooms beitragen, die Finanzwirtschaft oder der Konsum und die Fehlinvestitionen in die Realwirtschaft.

        Beste Grüße,
        Bernhard-Albrecht Roth

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        Nachtrag:

        Der Aufstieg Chinas und der Fall des eisernen Vorhangs sind natürlich Ereignisse die auch Einfluss genommen haben, sie spielen aber im Kontext der guten oder schlechten Kreditbooms nur eine äußerst geringe Rolle!

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Bernhard-Albrecht Roth

        Zu den zwei Gründen, die Sie nennen:

        Die Sachverhalte bestreite ich nicht, aber die URSÄCHLICHKEIT, die Sie ihnen zuschreiben.

        Die Begründung dafür:

        Die Tatsache, dass MEHR Kredite aufgrund von 1. möglich wurden für MEHR Kredite aufgrund von 2. heißt NICHT, dass DESHALB mehr Kredite nachgefragt wurden.

        NICHTS auf dieser Welt kreiert Nachfrage für sich SELBST.

        Mit günstigen Krediten als MITTEL haben Menschen etwas zu erreichen GEWOLLT, was sie ANDERS nicht mehr oder nicht so günstig/schnell erreichen konnten – Wohlstand.

        Das war ursächlich so und wurde zum Selbstläufer für viele Menschen, als die mit Krediten erworbenen Assets, allem voran in USA die Immobilien, durch immer mehr Nachfrage durch die Decke schossen (Herdentrieb).

        Selbstverständlich musste es als BEDINGUNG günstige Kredite geben und selbstverständlich hat die Finanzwirtschaft günstige Kredite angeboten und so – wie Sie zu Recht sagen – zum Kreditboom BEIGETRAGEN.

        Der Konsum hat nur als ein zu geringer zur steigenden Kreditnachfrage für zuerst Sachvermögen beigetragen, wie ich zuvor ausgeführt habe.

        Die Kreditnachfrage hat zu den Fehlinvestitionen in der Realwirtschaft geführt, nämlich zum Kauf überwiegend von existierendem Sachvermögen statt der Schaffung von neuem Sachvermögen – ANFANGS und eine Zeit lang (aber natürlich die gleichzeitige und z.T. sogar früher einsetzende Entwicklung neuer Produkte der Finanzwirtschaft nicht ausschließend).

        Das Wollen, Wohlstand zu erzielen, ist vermehrt zum ABSTRAKTEN Feld der Finanzprodukte migriert, wo ein neuer „Kosmos“ sich BESCHLEUNIGENDER Kreditschöpfung jenseits der Realwirtschaft geschaffen wurde. Dies als sehr attraktiv angesehen auch durch die sehr vorteilhaften Modalitäten wie schnelle und bequeme Exekution und die Handelbarkeit der Produkte in sehr liquiden Märten.

        Kurzum, meine Prämisse ist, dass die Verschuldung kein Endzweck des Wirtschaftens, sondern nur Mittel zum Zweck ist.

        Das schließt nicht aus, dass der Zweck, wie geschehen, AUCH durch KREDITVERGABE geschaffen wird, aber erst AUFGRUND einer URSÄCHLICH nicht mehr Wohlstand vermittelnden Realwirtschaft.

        Fazit:

        Das Ende von Bretton-Woods und die Deregulierung haben ihre Ursache in der Realwirtschaft.

        WEIL es diese Ursachen gab wurde das System der Kreditschöpfung geändert durch hoheitliche AKTE, die NICHT aus diesem System heraus erfolgen konnten.

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        @ Dietmar Tischer

        Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie ausdrücken, dass die Ursache der zunehmend ‘schlechten’ Kreditbooms die zu geringe Nachfrage nach Krediten in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war?

        Müsste man dann nicht zu der Erkenntnis kommen, dass der Aufstieg Chinas und der Fall des Eisernen Vorhangs gerade keine negativen Schocks sondern vielmehr günstige Ereignisse waren, wodurch die Kreditvergabe im Westen neu angekurbelt wurde?

        Aber selbst wenn es so war, welche Relevanz hat die Ursache der 70er oder 80er Jahre auf die Ursachen der schlechten Kreditbooms in der Folgezeit bis heute?

        “Ja, die Finanzwirtschaft kann mitunter das Momentum bestimmen, aber bottom line ist es durchweg die Realwirtschaft, die die Bedingungen setzt für Kreditboom und Krise.”

        Nein, die Realwirtschaft reagiert nur, sie bestimmt nie die Bedingungen von Kreditboom und Krise! Sie sollten sich den oben verlinkten Vortrag von Prof. Wilhelm Hankel wirklich ansehen, der Erkenntnisgewinn für Realwirtschaftler ist beträchtlich.

        Beste Grüße,
        Bernhard-Albrecht Roth

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Bernhard-Albrecht Roth

        Hankel thematisiert „Spekulationskrisen“ – so die Überschrift seines Vortrags.
        Ich habe dargelegt, dass es diese gibt und auf die Subprime-Krise verwiesen.
        Damit beginnt aber die Ursächlichkeit nicht, Hankel ist nicht der Punkt.

        >Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie ausdrücken, dass die Ursache der zunehmend ‘schlechten’ Kreditbooms die zu geringe Nachfrage nach Krediten in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war?>

        Nein, ich meine etwas anderes:

        Es ist die zu GERINGE reale Nachfrage, die bei einem GEGEBENEN
        Kreditvolumen Schuldner, vornehmlich Unternehmen in die Bredouille bringt, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen können und dann – FOLGE – weniger investieren und evtl. Arbeitskräfte entlassen, was noch weniger Nachfrage bewirkt und – WEITERE Folge – die Nachfrage nach Krediten weiter reduziert.

        Also:

        Realwirtschaftliche VERÄNDERUNG als Ursache.

        Aber dann natürlich die Gegenreaktion:

        Wenn die reale Nachfrage nicht wächst, was sie aufgrund des dargelegten Mechanismus, insoweit nur als eine PRIVATWIRTSCHAFTLICHE ist, erfolgt:

        a) Der Staat greift durch Auftragsvergabe, d. h. direkte Nachfrage, aber auch durch Steuererleichterungen und Transfers in die Privatwirtschaft ein, um mittelbar Nachfrage zu generieren

        und, weil das nicht hinreichend ist, wird

        b die Finanzierung durch die Notenbanken (Geldpolitik) UNTERSTÜTZT sowie – bei notorischer struktureller Nachfrageschwäche mit Deregulierung der Finanzwirtschaft durch den Staat ERLEICHTERT.

        Im Extremfall:

        Man SCHENKT den Unternehmen und gegebenenfalls auch den Menschen Geld.

        Da kann dann die Kreditnachfrage ZUNEHMEN.

        Das hat sie auch, z. T. mit Wirkung in der Realwirtschaft und AUCH – massiv – im nicht realwirtschaftlichen Kosmos der Finanzwirtschaft.

        Dies ist die SCHLÜSSIGE Erklärung mit Wirkmechanismen, die Realwirtschaft und die Kredite stimmig einbinden.

        Und:

        Soweit ich sehe, widerspricht sie nicht der Empirie.

        Ich weiß nicht, ob wir wirklich so weit auseinander sind.

        Ich habe kein Problem anzuerkennen, dass mitunter die Finanzwirtschaft der DOMINIERENDE Treiber ist, Kreditbooms die Bedingung für auf sie folgende Krisen sind.

        Eine derartige Ereignisfolge ist empirischer Fakt, der nicht wegzudiskutieren ist.

        Aber es BEGINNT nicht damit.

        URSÄCHLICHKEIT ist etwas anderes.

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        @ Dietmar Tischer

        “Nein, ich meine etwas anderes: Es ist die zu GERINGE reale Nachfrage, die bei einem GEGEBENEN Kreditvolumen Schuldner, vornehmlich Unternehmen in die Bredouille bringt, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen können und dann – FOLGE – weniger investieren und evtl. Arbeitskräfte entlassen, was noch weniger Nachfrage bewirkt und – WEITERE Folge – die Nachfrage nach Krediten weiter reduziert. ”

        Den Zustand den Sie beschreiben gibt es nur wenn die Geldmengenausdehnung entweder an Gold oder andere Edelmetalle gekoppelt ist (wie bei Bretton-Woods). Und genau deswegen haben wir keinen Goldstandard mehr, denn er führt nach relativ kurzer Zeit dazu, dass nicht mehr genug Geld zur Verfügung steht, dessen Gegenwert erst in der Zukunft erwirtschaftet werden kann.

        Dieser Zusammenhang ist es den die Anhänger von Hayek und Mieses (österreichische Schule der Nationalökonomie) immer unterschlagen bei ihren Lobeshymnen auf den Goldstandard. Und diese Lobeshymnen erklingen immer dann besonders laut (siehe Markus Krall), wenn die Schulden groß sind und die Vermögensbesitzer befürchten müssen, einen Großteil ihrer Vermögen wieder zu verlieren, was bei Einführung eines Goldstandards nicht der Fall wäre, weil Gold in diesem Fall nicht nur ein repressionsfreies Transmissionsvehikel ist sondern auch noch das Vermögen mehrt, wenn man sich rechtzeitig vorher damit eingedeckt hat.

        Der große Vorteil des Kredit- bzw. Giralgeldsystems ist es hingegen, das immer genug Geld zur Verfügung steht. Wenn man es allerdings übertreibt mit dem Ziel eine Hegemonie zu errichten, oder zu unterhalten, dann bekommt man das, was wir heute haben und kritisieren!

        Beste Grüße,
        Bernhard-Albrecht Roth

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Berhard-Albrecht Roth

        Mir ist noch folgendes Beispiel eingefallen, mit dem ich versuchen möchte, meine Sichtweise verständlich zu machen.

        Es hat nichts mit der hier behandelten Thematik zu tun.

        Es wird festgestellt, dass die Infrastruktur in Deutschland in einem so miserablen Zustand ist, dass sie erheblichen Wohlstand kostet (soll analog einer Krise entsprechen).

        Es wird weiter festgestellt, dass die Fiskalpolitik der Vergangenheit nicht auf Investitionen ausgerichtet war (soll analog einem Kreditboom entsprechen).

        Falsch?

        Nein, richtig.

        Aber nicht die hinreichend richtige Erklärung, weil die Ursache ausgeblendet wird.

        Die URSACHE für die Fiskalpolitik ist das mehrheitliche Wahlverhalten der Deutschen, die KONSUMTIVE Staatsausgaben gegenüber staatlichen Investitionen BEVORZUGEN und Regierungen gewählt haben, die ihre Präferenz umsetzten.

        Diese Erklärung reicht WEITER als der Bezug schlechte Infrastruktur wegen zu geringer Investition.

        Man könnte jetzt in die Tiefe gehen und darüber zu diskutieren, ob die hier benannte Präferenz der Deutschen die URSACHE oder BEDINGUNG dafür ist, dass die Fiskalpolitik so war, wie sie war.

        Sollte man sie als Bedingung ansehen, muss diese Bedingung ursächlich zustande gekommen sein, etwa dadurch wie sich die Gesellschaft entwickelt hat.

        Wie auch immer, wenn die Erklärungen zu KURZ greifen, wird zu oft übersehen, dass ein gefordertes Umsteuern ins Leer läuft.

        Ein aktuelles Beispiel dafür:

        Die Forderung, dass die Politik die individuelle Vermögensbildung fördern SOLLE, läuft ins Leere, so wünschenswert die Forderung auch sein mag.

        Denn die Systembedingungen sind so, dass es dafür in Deutschland KEINE Akteure an den Hebeln der Macht geben wird, die einen entsprechend wirkenden Mechanismus in Gang setzten könnten.

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Bernhard-Albrecht Roth

        >“Nein, ich meine etwas anderes: Es ist die zu GERINGE reale Nachfrage, die bei einem GEGEBENEN Kreditvolumen Schuldner, vornehmlich Unternehmen in die Bredouille bringt, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen können und dann – FOLGE – weniger investieren und evtl. Arbeitskräfte entlassen, was noch weniger Nachfrage bewirkt und – WEITERE Folge – die Nachfrage nach Krediten weiter reduziert. ”

        Den Zustand den Sie beschreiben gibt es nur wenn die Geldmengenausdehnung entweder an Gold oder andere Edelmetalle gekoppelt ist (wie bei Bretton-Woods).>

        Das bestreite ich.

        Eine zu geringe reale Nachfrage kann es geben, wenn die Menschen zu WENIG Kinder haben und/oder zu viel SPAREN.

        Führende Ökonomen wie B. Bernanke und L. Summers behaupten, dass Letzteres der Fall ist.

        Es kann dahingestellt sein, ob sie Recht haben.

        Aber ist klar, dass es so sein KÖNNTE.

        Wenn so, dann wird, wie gesagt, weniger Kredit NACHGEFRAGT und die Privatwirtschaft BEDARF für sich betrachtet keiner Geldmengenausdehnung.

        Im Gegenteil:

        Sie VERHINDERT sie sogar.

        Aber natürlich:

        Es werden INSTITUTIONELL Maßnahmen ergriffen, damit sich die Geldmenge erweitern kann, weil die an einen Standard – Gold oder was auch immer – GEBUNDENE und damit LIMITIERTE Geldmenge die Spirale in die Rezession und Depression nicht verhindern kann.

        Die ARGUMENTATION betreffend ohne Bezug auf die damalige Motivation, den Goldstandard aufzulösen, ist der Unterschied unserer Positionen:

        Sie sehen die Bindung an den Goldstandard als BEDINGUNG dafür an, dass ein negativer realwirtschaftlicher Mechanismus in GANG KOMMT.

        Ich sehe die Bindung an den Goldstandard als BEDINGUNG dafür an, dass den FOLGEN eines negativen realwirtschaftlichen Mechanismus NICHT entgegengewirkt werden kann (ob mit Erfolg oder nicht, ist eine andere Frage).

        Ihrem letzten Absatz stimme ich voll zu.

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        @ Dietmar Tischer

        Die tiefere Ursache nach der Sie suchen wird in dem Beitrag indirekt und von Daniel Stelter direkt angesprochen, deshalb habe ich das als bekannt vorausgesetzt.

        bto: “Oft wurden die Kredite produktiv eingesetzt und haben eben nicht zu Fehlinvestitionen oder Spekulation/Konsum geführt.”

        Die Ursache ist also die VERWENDUNG des per Kredit erlangten Geldes!

        Fließt zuviel in den unproduktiven Bereich (Konsum, Fehlinvestition und vor allem Spekulation) dann kommt es zu den schlechten Kreditbooms von denen in dem Beitrag die Rede ist.

        Der von Ihnen beschriebenen Effekt “Krisen entstehen ersichtlich dann, wenn die Kredite nicht mehr bedient werden können” bezieht sich im ersten Schritt also auf Kredite aus dem unproduktiven Bereich (Konsum, Fehlinvestition und vor allem Spekulation) betrifft im zweien Schritt aber auch andere Kredite, weil die Banken ihre Risiken in der Krise neu bewerten müssen.

        Wenn es aber möglich, erlaubt und vom Hegemon gewünscht ist zuviel Kredit für unproduktive Zwecke zu VERWENDEN (wie seit den 1980er Jahren für die Spekulation), dann ist dieser Teil der Finanzwirtschaft die KERNURSACHE der VERWENDUNG, und hier schließt sich der Kreis meiner Argumentation!

        Beste Grüße,
        Bernhard-Albrecht Roth

      • Dietmar Tischer
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Bernhard-Albrecht Roth

        >bto: “Oft wurden die Kredite produktiv eingesetzt und haben eben nicht zu Fehlinvestitionen oder Spekulation/Konsum geführt.”>

        Das ist richtig, etwa in der Wachstumsphase nach WK II und über lange Jahre auch in China.

        Richtig ist aber auch:

        Auch produktiv verwendete Kredite können zu Fehlinvestitionen führen, wenn die Nachfrage ausbleibt und die Kredite für die getätigten Investitionen nicht bedient werden können.

        >Der von Ihnen beschriebenen Effekt “Krisen entstehen ersichtlich dann, wenn die Kredite nicht mehr bedient werden können” bezieht sich im ersten Schritt also auf Kredite aus dem unproduktiven Bereich>.

        Der erste Teil Ihrer Aussage ist übereinstimmend mit meiner Auffassung RICHTIG, der zweite – den Bezug herstellend – ist FALSCH.

        Es gibt IMMER Kredite im unproduktiven Bereich.

        Es gibt sie VERSTÄRKT, wie Sie ausführen:

        >Wenn es aber möglich, erlaubt und vom Hegemon gewünscht ist zuviel Kredit für unproduktive Zwecke zu VERWENDEN (wie seit den 1980er Jahren für die Spekulation)…>

        IHRE Schlussfolgerung geht aber fehl:

        >… dann ist dieser Teil der Finanzwirtschaft die KERNURSACHE der VERWENDUNG,>

        Richtig ist vielmehr:

        Ursache dafür, dass es in HOHEM Maß unproduktive Kredite gibt, ist der Hegemon, der dies WÜNSCHT und ERMÖGLICHT.

        Er wünscht ihre Vergabe nicht – da sind wir uns im Gegensatz zu jenen Verirrten, die NUR die kriminellen Finanzeliten am Werk sehen, einig – aus Einknicken oder Willkür, sondern aus Gründen, die etwas mit der REALITÄT zu tun haben.

        Gibt es dann Krisen oder hinausgeschobene spätere Krisen, dann sind sie (auch) eine FOLGE der VERWENDUNG unproduktiver Kredite, was heißt:

        Nachfrage, hauptsächlich Konsumgüternachfrage, durch unproduktive Kredite generiert nicht die Einkommen, die Bedienung dieser Kredite OHNE Einbußen an Nachfrage erlauben würde.

        Denn das Delta des Einkommens, mit dem unproduktive Kredite bedient werden, wandert zu den Banken, die NICHT die Intermediäre sind, die das Delta fehlender Nachfrage ZWINGEND ausgleichen.

        >…hier schließt sich der Kreis meiner Argumentation!>

        Ja, dies tut er – aber auch nur dies.

        Nochmals:

        Man kann das Geldsystem mit der Generierung von Krediten als in sich geschlossenes SUBSYSTEM betrachten und VERÄNDERUNGEN in diesem System konsistent erklären.

        Aber es ist nun mal KEIN geschlossenes System, sondern eines das einen sehr stringenten BEZUG zur REALWIRTSCHAFT hat.

        Den kann man nicht ausblenden, weil NICHT ausgeblendet wird, wenn der HEGEMON durch Regulierung oder institutionelle Überdehnungsmaßnahmen z. B. der Notenbanken, Veränderungen IM Geldsystem bewirkt.

        Die Frage nach dem WARUM des Hegemons und die Antwort darauf gehören in die Erklärung, wenn wir über URSÄCHLICHKEIT reden.

        Ich glaube, wir können es dabei belassen.

        Was uns offensichtlich trennt, ist nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern die REICHWEITE der Erklärungen.

      • Bernhard-Albrecht Roth
        Bernhard-Albrecht Roth sagte:

        @ Dietmar Tischer

        “Was uns offensichtlich trennt, ist nicht „richtig“ oder „falsch“, sondern die REICHWEITE der Erklärungen.”

        Zustimmung, aber dann sollten wir uns diese REICHWEITE mal genau ansehen!

        Ich habe nie bestritten, dass “auch produktiv verwendete Kredite zu Fehlinvestitionen führen können, wenn die Nachfrage ausbleibt und die Kredite für die getätigten Investitionen nicht bedient werden können.”

        Jedoch war dieser Fall in der bisherigen Finanzgeschichte relativ selten die Ursache von negativen Kreditbooms, die anschließend zu Krisen führten, und nur um diese negativen Kreditbooms ging es in den obigen Beitrag. Zählen Sie mir also bitte mal die Fälle auf, in denen Ihr Beispiel zu negativen Kreditbooms und Krisen geführt hat!

        Viel häufiger sind andere Ursachen – wie die von mir angesprochenen Spekulationsblasen – für negative Kreditbooms und anschließende Krisen verantwortlich. Um Ihnen den historischen Kontext von 300 Jahren Finanzgeschichte zu verdeutlichen, hatte ich auf den Vortrag von Wilhelm Hankel verlinkt.

        Ich sage deshalb ausdrücklich nicht das Sie Unrecht haben, aber die Relevanz Ihres Arguments ist geringer als die Relevanz des Gegenarguments, wenn dieses nachweisbar eine höhere Wahrscheinlichkeit hat!

        Beste Grüße,
        Bernhard-Albrecht Roth

    • foxxly
      foxxly sagte:

      @ …… die energiewende wird noch sehr viel teuerer, als die corona-maßnahmen.
      die folgenden kreditkosten werden wahrscheinlich die produkte so teuer machen, dass der konsument dabei völlig seiner mittel beraubt wird. (ich spreche von der masse und nicht von den oberen 10%. denn diese werden das system keinefalls retten wollen)

      die unausweichliche inflation wird zu währungsreform führen, – oder ähnliches!

      die energiewende wird mit höherer wahrscheinlichkeit das fass zum überlaufen bringen: wirtschaft abgewürgt,- inflation am spurten, – menschen verarmen; – gesellschaft revoltiert, – niederschlagung; – und oder krieg.

      alles andere erscheint mir mehr als eine illussion!

      Antworten
  4. Alexander
    Alexander sagte:

    Innovationsschwäche gemessen in Stagnation der Produktivität – als Kennzeichen eines faulen Kreditzykluses. Daraus der Wunsch alternder Demographien zur “sicheren” Geldanlage – alternativlos in Immobilien, während die Politik des “weiter so” für Kapitalaflüsse verantwortlich zeichnet, wenn man sich weigert inländische Kostenstrukturen so zu reformieren, dass Produktion nicht globalisiert wird.

    Solange ZB´s den Regelkreis aus dem Verlust von Geldanlagemöglichkeit, Risikopreisfindung, Spekulationsblase, Schrumpfvergreisung künstlich vor seiner Umkehr “retten” – steigen Luftgewinne aus Phantomsicherheiten einer an Enkeln armen Gesellschaft von Rentnern – bis sich heraus stellt, dass man Geld nicht essen kann.

    Dem ökonomischen lock down aus dieser Geldpolitik musste folgerichtig der totale lock down des öffentlichen Lebens folgen, Risikoaversion einer Zombieökonomie eben.

    Grundrechte verlieren & Renditen googeln wenn man schon länger den Kontakt zur Realität verloren hat.

    Antworten
    • DCSi
      DCSi sagte:

      @Alexander, wir erleben das Ende der größten Kreditexpansion in der Geschichte der Menschheit. Das Vertrauen in die Werthaltigkeit vor allem der sozialen Forderungen an den Staat scheint mir gerade in Deutschland gleichwohl unerschütterlich zu sein, wobei in der nachwachsenden Generation erste Fragen nach der Leistungsfähigkeit des Staates bzgl. kommender Jahrzehnte aufkommen, ohne politischen Druck auch nur ansatzweise zu erzeugen.

      Versuchsweise gerettet werden natürlich die Assets auf den westlichen Kapitalmärkten, um diesen Glauben an die allgemeine Werthaltigkeit möglichst lange aufrecht zu erhalten.

      Die schlechte Verwendung von Kapital wird zukünftige Besteuerung erschweren. Der Bäcker liefert nur gegen werthaltige Ressourcen, sonst lohnt die Arbeit nicht, Geld kann keiner essen (MMT), das stimmt. Der Gang Richtung Sozialismus, zentralverwalteter Staatswirtschaft wird ein langer schleichender, vielleicht auch ein abrupter Prozess, wer weiß? Ich hoffe darauf, dass die Welt danach auch diesmal einen „Westen“ hat, nur so gab es in der ehemaligen DDR den nötigen Druck.

      Antworten
      • otto
        otto sagte:

        @DCSi

        Hört sich nach eiserner Vorhang 2.0 an. Dieser war mit Sicherheit ein Sonderfall besonders für Deutschland.
        Ist das erstrebenswert oder über den Vorschlag von Herrn Putin, ich meine 2001, im deutschen Bundestag noch mal nachdenken?

      • Alexander
        Alexander sagte:

        @DCSi

        Kann man jemandem helfen, der so viel daran liegt um jeden Preis zu ertrinken?

        Zitat Heinsohn 04.08.21,
        https://www.achgut.com/artikel/weisse_gefahr

        „Weiße“ stellen also nur noch 60 von global 1.000 Nachwachsenden – ein Sechstel ihres Anteils von 1914. ….. Ihre Schrecklichkeit besteht vor allem in phantasiereichen Aufführungen ihrer Whiteness als einem – gemäß Critical Race Theory – kaum heilbaren Geburtsmakel. Am liebsten tragen sie dabei das schwarze Tuch von Antifa oder schlüpfen in die Gewänder von Black Lives Matter.

        Wer zweitklassig wird und schwerleibig altert, versetzt niemanden in Schrecken. Einen echten „weißen“ Teufel würde man ja nicht rund um die Uhr beleidigen. Und doch gibt es Angst. Die einst ganze Kontinente aus Steinzeit und Feudalismus holten, haben ja nicht nur geherrscht, sondern auch versorgt. Die sich jetzt als Abrissbirne der westlichen Zivilisation gerieren, wollen vor allem das quälende Geräusch übertönen, das ihr Abrutschen begleitet.”

        Unser Bäcker verschenkt an die Kleinsten keine Kirschloli´s mehr, deren Mütter ihren Zögling*innen lieber handgeschöpfte Pralinen um 2€ das Stck. zukommen lassen, als Vormittagsleckerli.

        Schon heute sind die Überlebenden des Schulsystemes als Akademiker meist kaum fähig ihren Tag zu strukturieren, geschweige Verantwortung in persönlicher Haftung zu tragen; wenn den Elterntieren geldpolitisch jede Krise vorenthalten wurde – die Grundwerte hätte vermitteln können.

        ….nach den anstehenden Pandemien, den zahlreichen unabdingbaren experimentellen Injektionen (bisher 3) wird das brainwashed Publikum kaum mehr tun was getan werden muss.

        Die Reste in alle Winde zerstreut.

        https://youtu.be/adQR6JHfKng

  5. foxxly
    foxxly sagte:

    @ bto
    “steter tropfen höhlt den stein”
    grundsätzlich gilt:
    jedes wachstum, – steigerung es BIP, – erhöht das kreditvolumen.
    und, wachstum kann in diesen geldsystem niemals die gesamt-verschuldung senken! die kredite können zurückbezahlt werden. die verzinsung daraus, kann durch wachstum niemals eliminiert werden. sie wird stets in den produkten weiter steigen.

    natürlich gibt es phasen in denen die neuverschulung (kreditboom`s) zunächst keine großen negativen auswirkungen zeigt.
    dann, wenn einkommen und erspartes des konsumenten, reserven haben.
    und neue produkte und inovationen am markt einen investiven, bzw. idellenn gewinn verspricht.

    ein kanckpunkt des machbaren ist in der realwirtschaft sicher dann erreicht (betrachtung ohne äußerlichen einfluß), wenn die zinslasten in den produkten, die teuerung des produktes und die schwache kaufkraft des konsumenten, die nachfrage sinken lässt.

    auch klar ist, dass investive verschuldung das geldsystem länger am leben hält, als konsumtive.
    ändert aber am grundsätzlichen exponentiellen zwang und seiner systemisch eingebauten zerstörung, nichts!

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