Italien: Rezession, Vertiefung der Bankenkrise und Endspiel um den Euro

Zunächst die wichtigeste Abbildung des Artikels:

 

Zur Zeit läuft also das Spiel: die Nicht-Finanz-Investoren in Italien bauen Staatsanleihen ab, die Ausländer etwas, die italienischen Banken (mussten?) wieder rein. Großer Käufer ist die EZB. Also gibt es eine Verlagerung der Schulden auf andere Leute. Was zur Strategie gehören muss, will Italien den Schaden vor allem ausserhalb des Landes entstehen lassen.

Damit ist aber auch die Verbindung zwischen Banken und Staat wieder enger und verhängnisvoller geworden. Mit den zu erwartenden Konsequenzen:

  • „Lorenzo Bini-Smaghi,  chairman of Societe Generale and a former member of the ECB board, said events were repeating the onset of the eurozone debt crisis in 2011 when surging bond yields caused a contraction in credit. “Italy is going straight into a wall,” (…) “The economy risks tipping into recession in the fourth quarter. The banks have already cut loans over the summer, as soon as the spreads began to rise. The Italian government has not understood this. You can’t see the wall yet, but the crash is going to be violent,” he said.“ – bto: weil die Banken die Kreditvergabe kürzen, kommt es zu Problemen.
  • „Italian banks hold €380bn of the country’s sovereign bonds. Insurer Generali alone holds another €60bn. Rising spreads will cause mark-to-market losses and erode the capital buffers of the banks, forcing them to rein in credit. The whole banking system, whether big institutions or small, risks running out of funds for the real economy…“ – bto: und das ist dann eine Abwärtsspirale, die sich selbst verstärkt. „Ultimately it threatens a systemic pan-EMU crisis and the survival of the euro itself.“ – bto: so ist es.
  • „The truth is that Europe cannot survive without the cushion of QE. The ECB is going to have relaunch QE next year and and as soon as that becomes clear, you’ll see the spreads come back down to 50 overnight. These spreads have nothing to do with our mildly expansionary budget. They are a function of whether or not there is a central bank guarantee,…“- bto: die EZB ist verdammt zum Kaufen.
  • „Mr Borghi dismissed a German plan over the weekend for the mass seizure of Italian private savings as ivory tower madness, warning that any such move would detonate a systemic banking crisis and the rapid disintegration of the euro.“ – bto: natürlich. Es ist auch besser, wenn andere bezahlen.
  • „Karsten Wendorff, the Bundesbank’s veteran finance chief, proposed “national solidarity bonds” to cover half of Italy’s €2.3 trillion debt. This would be funded by a mandatory wealth tax of 20pc on the net private assets of the Italian people.“ – bto: die bekanntlich deutlich reicher sind, als die Deutschen.
  • „…Italian private wealth is not held in liquid assets. Attempts to collect such vast sums would set off a cascading fire-sale of bonds, equities, and property, causing a rapid collapse (…) It would crush the banking system.“ – bto: was natürlich auch richtig ist. Denn wenn Assets finanziert sind und als Sicherheit dienen, dann ist es genau diese Folge. Es ist der immer wieder angesprochene Margin Call, der auch jene trifft, die nur mit Eigenkapitals arbeiten.
  • „Long before it reached that point, the Lega-Five Star government would have to take emergency measures to defend Italy through temporary control of the banks and activation of their ‘minibot’ plan for a parallel liquidity. This would set in motion a de facto break-down of monetary union.“ – bto: und das ist der eigentliche Erpressungshebel der Italiener.
  • „…a drumbeat from the Bundesbank and the German Council of Economic Experts for debt-restructuring before there can be any rescue of Italy or other eurozone states. They have brushed aside warnings from ECB’s former president, Jean-Claude Juncker, that such plans would risk a “catastrophe”.“ – bto: ist es natürlich nur, wenn man es EU typisch chaotisch durchführt.
  • „….the eurozone’s northern bloc would demand “debt re-profiling” on Italian bonds as a condition for any ESM bail-out – (…) This would probably be a 20pc write-down, chiefly by stretching the maturities on the debt rather than as a haircut. It would still trigger bankruptcy insurance on Italian credit default swaps. He said international investors do not seem fully aware that this may be coming, or how risky this precedent could be for other Club Med debtors.“ – bto: nur was schliessen wir daraus? Es kann doch nur bedeuten, dass es sich lohnt viel Schulden zu machen, weil andere dafür einstehen werden.
  • „Europe faces a quandary. Survey data shows that Italians fell out of love with the euro long ago, but fear the trauma and losses of leaving monetary union would be unbearable. The more that the EU authorities talk of debt-restructuring or forced wealth taxes as the exorbitant price for staying in the euro, the greater the appeal of the lira for large blocs of the Italian nation.“ – bto: spannend wird es in der nächsten Rezession in Europa. Dann werden wir noch extremere Maßnahmen sehen und zugleich wächst die Attraktivität für politische Experimente.

→ The Telegraph: „Italy careening into recession ‚wall‘ and a bank crisis, warns Societe General chief“, 28. Oktober 2018

14 Kommentare
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    Jens Happel sagte:

    Der Euro wurde politisch motiviert eingeführt. Man verband damit die Hoffnung, dass die Länder der EWU zusammenwachsen würde. Die politische Union sollte irgendwann, irgendwie folgen (aka vom Himmel fallen).

    Der IWF bescheingt der EWU seit der Einführung des Euros ein auseinaderdriften. Somit ist das politische Ziel auf wirtschaftlicher Ebene verfehlt worden.

    auch an der Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit zu sehen:

    http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Europa-Internationales/Datensammlung/PDF-Dateien/abbX18.pdf

    Man kann sich leicht ausmalen, dass alles was jetzt kommt, von den jeweiligen nationalen Regierungen der jeweils anderen Regierung angelastet wird, als dem Ausland. Das dies in allen Nationen den Europagegenern Wasser auf die Mühlen sein wird ist eigentlich selbsterklärend. Ob das der Friedensnobelpreisträgerin so bekommt?

    Der Euro ist damit in mehrfacher Hinsicht ein totaler Rohrkrepierer. Erinnert mich an das freiwillige Suizid Kommando in „Life of Brian“.

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    SB sagte:

    Nochmal BTW:

    Fed will Regulierung für fast alle US-Banken lockern
    https://www.wiwo.de/politik/ausland/notenbank-fed-will-regulierung-fuer-fast-alle-us-banken-lockern/23254440.html
    Die US-Notenbank will die Liquiditätsanforderungen für US-Banken lockern.

    EU-Länder schwächen Regeln für Problemkredite ab
    https://www.wiwo.de/folgen-der-finanzkrise-eu-laender-schwaechen-regeln-fuer-problemkredite-ab/23253410.html
    Die EU-Länder haben Vorschläge der EU-Kommission zum Abbau von Problemkrediten abgemildert. Banken hätten demnach ein Jahr länger Zeit, um die Kredite abzusichern.

    Läuft doch!….

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    Ondoron sagte:

    Herr Dr. Stelter, vergessen wir bitte nicht, der Euro war das politische Experiment. Es gab genug Volkswirte, die vor dessen Einführung warnten. Alles, was wir sehen, würde von diesen Leuten weise vorausgesagt. Der Euro wird kollabieren und einen Billionenschaden für Deutschland angerichtet haben. Da bin ich mal gespannt auf die Politiker: „Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa.“
    Das ist natürlich dummes Zeug. Einzig und allein die sozialistische EU scheitert. Und daran vermag ich nichts Tragisches zu erkennen. Europa gibt es nach wie vor.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Ondoron

      >„Wenn der Euro scheitert, dann scheitert Europa.“
      Das ist natürlich dummes Zeug. Einzig und allein die sozialistische EU scheitert.>

      Ganz so einfach ist es nun doch nicht.

      Natürlich verschwindet Europa nicht von der Landkarte, wenn der Euro scheitert.

      Insoweit das Gegenteil zu behaupten – wenn denn dies und nichts anderes gemeint wären – ist in der Tat dummes Zeug.

      Aber Ihre Schlussfolgerung, dass einzig und allein die „sozialistische EU“ scheitert, ist schlichtweg falsch.

      Die mag ja scheitern, wenn der Euro scheitert – wer will das auch bestreiten.

      Aber sie scheitert NICHT einzig und allein.

      Ich will Ihnen nicht Überheblichkeit unterstellen, weil ich weiß, auf was es Ihnen ankommt – System, Systemzerfall, Systemunterschiede.

      Aber auch Sie dürfen ruhig einmal zur Kenntnis nehmen, dass der Billionenschaden für Deutschland – von dem für andere Länder reden wir mal nicht – ein Schaden für MILLIONEN Menschen ist.

      Klar, Sie können jetzt zu recht sagen:

      Wenn man auf der (abstrakten) Systemebene diskutiert, ist das bezüglich DIESER Diskussion allenfalls ein die Diskussion nicht beeinflussender Kollateralschaden.

      Selbst wenn er nur das ist, kann man nicht sagen, dass daran – am Zerfall der „sozialistischen EU“ INKLUSIVE, wie von Ihnen festgestellt, einem Billionenschaden für Deutschland – NICHTS Tragisches zu erkennen sei.

      Etwas unter den Umständen – bei Zerfall der Eurozone – Hinzunehmendes, hier: ein Billionenschaden für Deutschland, mag UNVERMEIDLICH sein.

      Er ist der Sache nach aber auch TRAGISCH.

      Tragisch ist das Scheitern nicht nur bezüglich der MATERIELLEN Betroffenheit von Millionen Menschen, sondern auch, weil der Euro – wie nicht nur Sie meinen – scheitern wird seines Konstrukts wegen, das NIE eine realistische Chance ermöglichte, das Scheitern zu VERMEIDEN.

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        Wolfgang Selig sagte:

        @DT: Das sehe ich genauso. Natürlich hat ondoron damit recht, dass EU und Europa nicht dasselbe sind, aber ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass das Scheitern des Euro ohne atmosphärische politische Langzeitschäden von sich gehen kann. Wenn große materielle Verluste entstehen, wäre es fast übermenschlich, wenn dann nicht eine Menge Leute kurzfristig nach Sündenböcken auch jenseits der eigenen Landesgrenzen suchen würden. Und daraus können jahrzehntelang währende Ressentiments und Abneigungen in breiten Bevölkerungsschichten verschiedener Länder entstehen.

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        SB sagte:

        @Dietmar Tischer:

        „Tragisch ist das Scheitern nicht nur bezüglich der MATERIELLEN Betroffenheit von Millionen Menschen…“

        Die Menschen könnten vorsorgen… Indem sie mit Falschgeld echtes Geld kaufen, solange es geht. Noch geht es und es ist JEDEM möglich. Was tun die Menschen aber stattdessen? Im Hier und Jetzt leben (= konsumieren, reisen, Spaß haben und dafür jeden Cent auf den Kopf hauen), ohne sich darüber zu informieren, in welch labilem System sie sich bewegen. Ich kenne diese Exemplare zur Genüge und sie werden, weil sie NICHT VORGESORGT haben, materiell sehr betroffen sein. Trifft es die Falschen?

        @Wolfgang Selig:

        Ja, die vielen materiell Betroffenen werden auch dieses Mal nach Sündenböcken suchen. Es ist immer das gleiche Spiel. Die Menschen lernen nichts aus der Vergangenheit, weil sie naturgegeben ihre eigenen Erfahrungen sammeln müssen.

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        SB sagte:

        @Dietmar Tischer: Was den Zerfall der Eurozone an sich angeht, natürlich nicht. Aber was die Folgen für sie persönlich angeht, wenigstens zum Teil. Auswandern ist meiner Ansicht nach nicht unbedingt erforderlich. Man muss sich woanders auch erst einmal zurechtfinden. Das gelingt bei Weitem nicht allen.

        @Udo Werninger: Ja, das meinte ich. Kleine Einheiten Silber und Gold kann jeder kaufen, der sich der Situation bewusst ist. Goldunzen oder gar -barren sind klarerweise nur etwas für Leute, die über höhere Ersparnisse verfügen. Natürlich könnten die Leute auch vorsorgen, indem sie versuchen, teilweise autarker zu werden, insbesondere, was den Eigenanbau von Lebensmitteln angeht. Wenn ich da allerdings an die Städter (wie mich) denke: Wie soll das gehen?

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    Dietmar Tischer sagte:

    >… shows that Italians fell out of love with the euro long ago, but fear the trauma and losses of leaving monetary union would be unbearable>

    Das soll es geben im richtigen Leben, endet jedoch sehr oft beim Seelendoktor.

    In der Eurozone gibt es das nicht.

    Wer glaubt, dass die EZB der Seelendoktor ist, liegt falsch.

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    troodon sagte:

    Aus Sicht der einzelnen italienischen Bank und der verantwortlichen Entscheider ist es rational bei steigenden Marktzinsen italienische Anleihen zu erwerben.

    Es müssen ja nicht alles 10-jährige Anleihen sein, die gekauft werden.

    2jährige rentieren aktuell mit 1,3%, vor einem halben Jahre teilweise über 2%. Kaum erworben refinanziert man sich bei der EZB zu 0% den Kauf der Anleihen. Hat man dies vor einem halben Jahr bereits gemacht, kann man davon ausgehen, dass man das erste volle Jahr keine Zinsen zahlen muss. Fängt die EZB z.B. im Sommer 2019 dann tatsächlich an die Zinsen auf 0,25 zu erhöhen und erhöht dann alle drei Monate um weitere 0,25%, wäre es immer noch ein gutes Geschäft für die Bank gewesen.

    Je länger die Laufzeit der Anleihen, desto größer wird natürlich das Risiko, dass das „Investment“ durch zu schnell steigende Refinanzierungskosten nicht mehr aufgeht. Aber das dürfte für die Entscheider bekanntermaßen im schlimmsten Fall außer Arbeitsplatzverlust keine weiteren Konsequenzen haben. Wenn es gut läuft, lockt stattdessen ein netter Bonus…. Und wer glaubt schon, dass die EZB bei Zinserhöhungen richtig Gas gibt…

    Ohne dass Käufe von Staatsanleihen nicht mit (mindestens geringem) Eigenkapital unterlegt werden müssen, wird sich das immer wieder wiederholen…

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    Wolfgang Selig sagte:

    bto: „und das ist der eigentliche Erpressungshebel der Italiener.“

    Ist es das wirklich? Natürlich ist das für unsere Exporte bzw. für die Preisstabilität gefährlich, aber langfristig zerfällt der Euro sowieso und das Problem stellt sich eh. Aber mit Mini-Bots wären die Italiener die Sündenböcke und nicht die Deutschen. Und das wird für den europäischen Frieden m.E. noch sehr wichtig werden, dass nicht die Deutschen die Sündenböcke für den Zerfall des Euro werden.

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