Entwicklung der Kreditfähigkeit der Euro-Länder

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Bekanntlich haben wir es mit einer Überschuldungskrise im Euroraum zu tun. Dies ist letztlich die Grundursache der noch immer nicht gelösten Eurokrise. In einer aktuellen Studie beurteilt das Centrum für Europäische Politik (cep) die Kreditwürdigkeit der Euroländer. Nicht, dass die Ergebnisse überraschen:

  • „Der cepDefault-Index misst, wie sich die Fähigkeit eines Landes zur Rückzahlung der Auslandskredite und damit die Kreditfähigkeit entwickelt. Dies hängt nicht nur von der Verschuldung des Staates ab. Vielmehr ist die Solidität der gesamten Volkswirtschaft ausschlaggebend. Insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen auf den Weltmärkten beeinflusst die Kreditfähigkeit eines Landes. So führt eine Erosion der Wettbewerbsfähigkeit regelmäßig zu höheren Importen und geringeren Exporten und damit zu Leistungsbilanzdefiziten. Deren Kehrseite ist eine zunehmende Verschuldung der privaten Wirtschaftsakteure im Ausland. Der cepDefault-Index berücksichtigt daher neben den Staatshaushalten auch das Kreditverhalten der Banken, Unternehmen und Konsumenten und misst entsprechend die Entwicklung der Kreditfähigkeit des Landes insgesamt.“ – bto: Das ist ein guter Ansatz. Was natürlich fehlt, ist die Frage nach der Gesamthöhe der Verschuldung. So mag eine Verbesserung noch lange nicht bedeuten, dass das Land wirklich in der Lage sein wird, seinen Verpflichtungen nachzukommen.
  • „Der Index setzt an zwei auf das Kalenderjahr bezogenen und in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemessenen Größen an: (1) am Niveau der kapazitätssteigernden Investitionen (Ik) und (2) am Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssaldo (GFS). Von Bedeutung für den Index ist außerdem (3) die Summe aus beiden Größen.“ – bto: eine konsequente Delta-Betrachtung.
  • „Zu den kapazitätssteigernden Investitionen zählen die Nettowerte (nach Abschreibungen) der Anlageinvestitionen der Unternehmen sowie der öffentlichen Hand. Der Wohnungsbau zählt jedoch nicht dazu, da er zu keiner Ausweitung des Produktionspotenzials führt.“ – bto: Das ist absolut richtig. Ich würde sogar so weit gehen, dass hohe Wohnungsbauinvestitionen ein Signal für abnehmende Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit sind.
  • „Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo bildet ab, wie viel Geldkapital eine Volkswirtschaft netto aus dem Ausland benötigt bzw. in das Ausland transferiert. Ein negativer GFS, also ein Nettokapitalimport, kann insbesondere folgende Ursachen haben: Erstens kann er durch – mangels Wettbewerbsfähigkeit auftretende – Leistungsbilanzdefizite des Inlands entstehen, die durch ausländische Kredite finanziert werden. Zweitens kann er entstehen, wenn Ausländer im Inland mehr (Direkt-)Investitionen tätigen als umgekehrt und dies mit den entsprechenden Geldtransfers finanziert wird. Drittens kann er entstehen, wenn Inländer in großem Umfang Kapital aus dem Ausland abziehen (Kapitalflucht) und ins Inland zurückholen.“ – bto: Er geht – bekanntlich – mit entsprechenden Handelsbilanzen einher. Kapitalimport = Defizit, Kapitalexport = Überschuss.

 Die Methodik des cepDefault-Indexes wird in der folgenden Übersicht zusammengefasst:

 

 Quelle: cep

Abb. 2: Tabelle

 

Quelle: cep 

Dann gibt es noch ein paar Schmankerl in der Unterlage.

Griechenland

Das Land ist und bleibt auch für die Forscher vom cep pleite. Insofern nichts Neues. Ein interessanter Aspekt wird uns jedoch wieder in Erinnerung gerufen: Die Griechen konsumieren nun schon seit mehr als zehn Jahren mehr als sie verdienen. Finanziert zuerst von ausländischen Banken, seit der „Rettung“ von anderen Staaten. Weshalb sollten sie austreten? Das wäre doch dumm:

Abb. 3: Konsum in Griechenland:

 

Quelle: cep  

Italien

Italien ist auch pleite, es ist aber schön, wie das CEP diese Analyse zusammenfasst:

  • „Kapazitätssteigernde Investitionen (Ik): Italien ist eines der fünf Euro-Länder, deren Kapitalstock schrumpft. Der Abbau setzte 2013 ein und beläuft sich jährlich auf etwa 1% des BIP. Ursächlich hierfür ist zum einen die hohe öffentliche Verschuldung des Staates. Sie schränkt den Spielraum für öffentliche Investitionen so stark ein, dass die öffentlichen Nettoinvestitionen seit 2012 negativ sind. Zum anderen führen die schlechten Rahmenbedingungen für Investitionen dazu, dass private Investoren nicht mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung rechnen.“ – bto: Das Land blutet aus.
  • „Gesamtwirtschaftlicher Finanzierungssaldo (GFS): Von 2002 bis 2012 hat Italien per saldo Auslandskapital benötigt, um seine Investitionen und später auch seinen Konsum zu finanzieren. Seit 2013 exportiert Italien per saldo Kapital. Da der Nettokapitalexport mit einem schrumpfenden Kapitalstock einhergeht, ist dies keine positive Entwicklung, sondern ein Zeichen für Kapitalflucht.“ – bto: was auch zeigt, dass es nicht genügt, zu sparen.

Quelle: cep

bto: Italien wird zu einem Fass ohne Boden für die Eurozone werden, das vor allem von uns befüllt wird. Dabei vergessen wir wieder, dass die Italiener deutlich vermögender sind als wir. → Vermögensungleichheit: lieber falsche Analyse, damit die Schlussfolgerung politisch passt

Portugal

Endlich mal jemand, der mit dem Mythos der gelungenen Rettung des Landes aufräumt. Bisher war ich wohl der einzige Rufer in der Wüste zu diesem Thema.

  • Kapazitätssteigernde Investitionen (Ik): Auch Portugal gehört zur Gruppe der Euro-Länder, deren Kapitalstock schrumpft. Diese Entwicklung hält nun bereits seit 2012 an. Im ersten Halbjahr 2016 ging er im Umfang von 1,7 % des BIP zurück. Lediglich in Lettland und Griechenland schrumpfte der Kapitalstock noch schneller. Ein Trend zu Besserung ist nicht erkennbar.“ – bto: Woher soll da das Wachstum kommen?
  • Gesamtwirtschaftlicher Finanzierungssaldo (GFS): Bis 2011 war Portugal per saldo Kapitalimporteur. Seit 2012 exportiert das Land Kapital. Da gleichzeitig der Kapitalstock schrumpft, ist dies keine positive Entwicklung. Vielmehr verlässt Kapital das Land, das zum Erhalt des Kapitalstocks dringend benötigt wird.“ – bto: weil die Vermögenden wissen – mit Blick auf die Überschuldung des Landes –, dass ihr Vermögen nicht sicher ist. Ich erinnere an die demografische Entwicklung. → „Das Märchen von der Sanierung Portugals“

 

Quelle: cep

Spanien

Mit Blick auf Spanien kommt das cep zu einer positiven Einschätzung, der ich mich nicht ganz anschließen kann.

  • „Die Kreditfähigkeit Spaniens verbessert sich seit 2012 kontinuierlich. Diese Entwicklung hat sich im ersten Halbjahr 2016 weiter beschleunigt. Aufgrund des Platzens einer Immobilienblase benötigte Spanien zwischen 2012 und 2014 Finanzhilfen zur Stützung seiner Banken. Der cepDefault-Index bildet solche Risiken, die sich aus Immobilienblasen ergeben, bewusst nur so weit ab, wie sie zu negativen Nettoinvestitionen oder zu Kreditbedarf aus dem Ausland führen. Dies war in Spanien seit Ausbruch der Krise im Ergebnis nicht der Fall. Daher hat der Index in keinem Jahr eine eindeutig abnehmende Kreditfähigkeit angezeigt.“ – bto: was die Grenzen der Methodik verdeutlicht.
  • Kapazitätssteigernde Investitionen (Ik): Die kapazitätssteigernden Investitionen haben 2013 ihren Tiefpunkt erreicht. Seither steigen sie verhalten, aber stetig an. Dieser positive Trend setzte sich auch im ersten Halbjahr 2016 fort.“ – bto: Unstrittig befindet sich das Land auf dem Weg der Besserung.
  • Gesamtwirtschaftlicher Finanzierungssaldo (GFS): Nachdem Spanien bis 2011 per saldo Kapital importierte, exportiert es seit 2012 per saldo Kapital. Im ersten Halbjahr 2016 betrug der Überschuss 2,3 % des BIP.“ – bto: Es exportiert also mehr.

  • „Die konsequente Umsetzung von Strukturreformen ab 2012, u. a. zur Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, zeigt nun ihre Wirkung. Die spanische Regierung sollte das nach wie vor hohe öffentliche Defizit zügig senken. Zudem sollte der eingeschlagene Reformkurs weiterverfolgt werden.“ – bto: Ich denke jedoch, es genügt nicht. Auch hier werden die fatalen Folgen der demografischen Entwicklung unterschätzt. Was wir derzeit erleben, ist eine Zwischenerholung in einem langfristig negativen Trend.  → Spanien: von wegen Musterschüler

Die vollständige Studie finden Sie hier:

→ cepStudie_cepDefault-Index_2017

 

 

 

30 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Ich glaube, dass ich hier schon einmal auf die Studie verwiesen habe. Im Herdentrieb wurde sie schon vor Jahren thematisiert.

    Schön, dass sie auch hier als diskussionswürdig befunden wird.

    Vorab als Warnung

    Sie kommt aus Freiburg, einer Hochburg für „Neoliberale Ideologie“.

    Das ändert freilich nichts daran, dass hier mit einem Ansatz gearbeitet wird, der es auf den Punkt bringt:

    Entscheidend für die Wohlstandsperspektiven eines Landes sind die kapazitätssteigernden Investitionen (als Voraussetzung für Wachstum) und der gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo, der in Verbindung damit die KREDITFÄHIGKEIT eines Landes abbildet.

    Man sieht:

    Die Griechen konsumieren – leicht abnehmend – immer noch mehr als das verfügbare Einkommen. Wer finanziert das? Dreimal darf man raten.

    Wieso glaubt man in Griechenland einen ANSPRUCH darauf zu haben, MEHR als das verfügbare Einkommen konsumieren zu können?

    Die Antwort ist ganz einfach:

    Wir sind doch alle Europäer.

    Es ist dem Denken nach die gleiche Antwort, die ich immer wieder in OST-Deutschland bezüglich der Einkommen, speziell der Rentenbezüge höre: Wir sind doch auch Deutsche.

    In der Summe:

    Italien ist Dynamit für die Eurozone, Frankreich steht auf der Kippe – das Wahlergebnis könnte Hoffnung geben, wenn es Macron schafft – und Spanien ist das Beispiel dafür, dass sich doch etwas zum Positiven bewegen lässt.

    Ich empfehle, die Studie aufzurufen, um sich die LÄNGERFRISTIGE Entwicklung für alle Länder anzusehen. Ein besseres prägnantes Bild der Situation gibt es nicht.

    Antworten
  2. Matthias says:

    Italien hat ja gerade eine äußert interessante Pauschalbesteuerungsmöglichkeit in Höhe von 100000 Euro für alle im Ausland erwirtschafteten Gewinne erschaffen und wird damit sicherlich zahlreiche wohlhabende Menschen, nicht nur aus der EU, anziehen.

    Ob die damit ihren Abstieg aufhalten können, wird die Zukunft zeigen.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Ganz sicher werden die Italiener ihren Abstieg damit nicht aufhalten.

      Denn wer seinen Wohnsitz in Italien hat, muss nicht in Italien investieren.

      Was diese Maßnahme aber zeigt:

      Wie in der EU versucht wird, sich nationale Vorteile zu verschaffen, nämlich auf KOSTEN von anderen.

      Das hat schon nichts mehr von zwei Geschwindigkeiten zu tun, sondern von unterschiedlichen Richtungen.

      Antworten
      • Matthias says:

        >Ganz sicher werden die Italiener ihren Abstieg damit nicht aufhalten.
        >Denn wer seinen Wohnsitz in Italien hat, muss nicht in Italien investieren.

        Das stimmt natürlich aber die Italiener hoffen sicherlich darauf, dass es dadurch trotzdem mehr Investitionen gibt (die Hoffnung stirbt zuletzt).

        >Was diese Maßnahme aber zeigt:
        >Wie in der EU versucht wird, sich nationale Vorteile zu verschaffen,
        >nämlich auf KOSTEN von anderen.

        Das zeigt vor Allem auch auf, wie schlecht es Italien geht, und dass die mittlerweile nach jedem Strohhalm greifen um den Untergang abzuwenden.

        Zusätzlich zu ihrer prekären finanziellen Lage, kommt noch die Flüchtlingsproblematik, denn in Italien landen immer noch (fast täglich) tausende Migranten an und verursachen immer größere Probleme. Migrations- und EU-kritische Parteien wie die 5-Sterne-Bewegung und die Lega Nord erreichen mittlerweile fast schon die absolute Mehrheit.

        Für das Fortbestehen der EU sind das ganz schlechte Zeichen, da Italien ja ein Schlüsselstaat ist.

    • Felix Kurt says:

      Die Flüchtlings- und Migrationsproblematik müssten die Italiener als „Mittelmeer-Frontstaat“ dann aber auch alleine lösen, ohne die EU. Frankreich, Schweiz, Österreich oder Slowenien könnten (würden) die Grenzen diesbezüglich dicht machen.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Richtig.

        Es ist ein weiterer Grund, in der Währungsunion und damit in der EU zu bleiben.

        Denn allein werden die Italiener mit dem Migrationsproblem nicht fertig.

        Die spannende Frage ist, ob ALLE Staate der EU so viel in die Migrationsbegrenzung investieren wollen, dass Italien damit fertig wird, ODER ob zu viele sich dafür entscheiden, die Italiener mit dem Problem im Regen stehen zu lassen und ihre Grenzen dichtzumachen.

        Wir werden es sehen.

      • Matthias says:

        Das sehe ich anders! Italien darf ja wegen der EU keine „harte Maßnahmen“ gegen die Migrationsproblematik ergreifen. Sobald sie auch nur ansatzweise in diese Richtung etwas versuchen, werden sie von Brüssel zurückgepfiffen.

        Am Beispiel Australiens oder Isaraels sehen wir aber, dass harte Maßnahmen äußerst wirksam sind und den Flüchtlingsstrom sofort stoppen können.

        Ein Austritt Italiens aus der Eu hätte, was die MIgrationsproblematik anbelangt, durchaus Vorteile, da Italien dann seinen Grenzschutz, ohne Einmischung durch Brüssel, wieder selbst in die Hand nehmen könnte.

        Im Endeffekt wird es aber, so oder so, auf harte Maßnahmen hinauslaufen, denn irgendwann wird sich die Frage stellen ,ob wir wollen, dass die EU untergeht oder nicht, denn die Geburtenrate in Afrika ist so hoch, dass der Flüchtlingsstrom niemals von alleine abreißen wird.

        Genau so wie bei der Euro-Krise, und der Weigerung die Probleme nicht nur zu verschieben, sondern zu lösen, führt auch das „Aussitzen“ bei der Migrationsproblematik zu immer schlimmeren Folgen.

        Im Endeffekt wird das am Ende zum Bürgerkrieg führen … mit allen Konsequenzen!

  3. Philip Kohlbacher says:

    Zitat: „Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo bildet ab, wie viel Geldkapital eine Volkswirtschaft netto aus dem Ausland benötigt bzw. in das Ausland transferiert.“

    Dieser Unsinn hält sich hartnäckig. Hier steht es korrekt:

    „Wie auch immer es genannt wird, ein Nettokapitalexport (= Leistungsbilanzüberschuss, =
    Kapitalbilanzdefizit) entspricht immer einem Aufbau von Geldvermögen gegenüber einer anderen
    Wirtschaftseinheit. Dabei ist der Begriff „Kapitalexport“ kontraintuitiv, denn er suggeriert, dass
    Kapital abfließt, so dass nicht mehr genug Kapital zur Produktion zur Verfügung stände. Das ist aber, wie eben gezeigt, falsch. Ökonomen sollten sich jedoch von einer vielleicht schlecht gewählten Begrifflichkeiten nicht verwirren lassen.“

    https://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_4_2011.pdf

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Die ceptStudie sagt:

      „Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo bildet ab, wie viel Geldkapital eine Volkswirtschaft netto aus dem Ausland benötigt bzw. in das Ausland transferiert. Ein negativer GFS, also ein Nettokapitalimport, kann insbesondere folgende Ursachen haben: Erstens kann er durch – mangels Wettbewerbsfähigkeit auftretende – Leistungsbilanzdefizite des Inlands entstehen, die durch ausländische Kredite finanziert werden. Zweitens kann er entstehen, wenn Ausländer im Inland mehr (Direkt-)Investitionen tätigen als umgekehrt und dies mit den entsprechenden Geldtransfers finanziert wird. Drittens kann er entstehen, wenn Inländer in großem Umfang Kapital aus dem Ausland abziehen (Kapitalflucht) und ins Inland zurückholen.“

      Was ist daran falsch bzw. Unsinn?

      Beachten Sie, dass es hier um TRANSFERS geht, also um ein Prozess- und kein Bestandsmaß.

      So kann ein negativer gesamtwirtschaftlicher Finanzierungssaldo (Nettokapitalimport) durchaus positiv für das Land sein, wenn – wie oben dargelegt – Auslänger im betreffenden Land mehr Direkt-Investitionen tätigen als umgekehrt und daher mehr Geldkapital ins Land transferiert wird als abfließt.

      Ein negativer Gesamtwirtschaftlicher Finanzierungssaldo ist daher per se UNBESTIMMT für die Kreditfähigkeit eines Landes – eben weil er nur TRANSFERS abbildet. Wenn er aber zusammen mit den kapazitätssteigernden Investitionen negativ ist, ERODIERT die Kreditfähigkeit.

      Darum geht es hier – um die KREDITFÄHIGKEIT –, nicht um einen Aufbau von Geldvermögen gegenüber einer anderen Wirtschaftseinheit.

      Ihr Verweis auf die Böckler-Studie geht an der Sache vorbei.

      Antworten
      • Philip Kohlbacher says:

        Der Nettokapitalimport ist einfach die buchhalterisch komplementäre Größe zum Leistungsbilanzdefizit.
        In keinster Weise bedeutet ein Nettokapitalimport, dass da „Geld“ aus dem Ausland zu mir fließen bzw. mir aus dem Ausland geliehen werden muss.
        Gleichermaßen bedeutet ein Nettokapitalexport natürlich nicht, dass ein Land Geld ins Ausland verleihen würde.

        Horn und Lindner beschreiben es korrekt:
        »Denn Nettokapitalexporte, die wegen des Prinzips der doppelten Buchführung gleich den Leistungsbilanzüberschüssen sind, zeigen keine Geldabflüsse, sondern in Wahrheit eine erhöhte Ersparnis. Nettokapitalexporte erhöhen aber das Geldvermögen einer Volkswirtschaft, sie führen also zu mehr und nicht zu weniger Mitteln. Und diese Mittel können selbstverständlich für alle möglichen Ausgaben verwendet werden.«

  4. Dietmar Tischer says:

    Matthias:

    Mir stellt sich die Migrationsproblematik Italiens im erörterten Kontext so dar:

    Italien würde ganz sicher härter als heute vorgehen müssen, um eine gewisse Abschreckung zu erreichen. Ob es dies in einer SITUATION nach dem Austritt aus der EU und damit vermutlich de facto Austritt auch aus der Währungsunion schaffen würde, ist mehr als fraglich. Denn da würde erst einmal wirtschaftliches Chaos in Italien herrschen mit vermutlich hohem Bedarf für das italienische Militär im eigenen Land statt auf dem Mittelmeer. Dies würde für Flüchtlinge wohl kaum Abschreckung bedeutete, wenn Italien für sie lediglich Transitland auf dem Weg in den reicheren Norden wäre.

    Das ist natürlich spekulativ, aber unter dieser Voraussetzung ohne Einmischung durch Brüssel die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können, ist ein zweischneidiges Schwert.

    Abgesehen davon:

    >Genau so wie bei der Euro-Krise, und der Weigerung die Probleme nicht nur zu verschieben, sondern zu lösen, führt auch das „Aussitzen“ bei der Migrationsproblematik zu immer schlimmeren Folgen.>

    Soweit ich sehe, verschiebt die EU nichts, was das Migrationsproblem betrifft.

    Oder wie stellen Sie sich eine Lösung vor – und Sie meinen doch LÖSUNG ?

    Für eine solche müsste praktisch ganz Afrika auf den Kopf gestellt werden. Wer soll das wie tun?

    Ich stimme Ihnen allerdings zu, dass härtere Maßnahmen ergriffen würden seitens der EU, wenn der Flüchtlingsstrom nicht in erträglichen Grenzen gehalten werden kann.

    Dies muss nicht zu einem Bürgerkrieg führen.

    Antworten
      • Matthias says:

        @Dietmar Tischer

        Da gibt es auch nichts „zu lösen“! Selbst wenn Europa auf die Hälfe seines Vermögens/Wohlstands verzichten und nach Afrika überweisen würde, hätte man dort nicht ansatzweise Zustände wie sie mit Europa vergleichbar wären.

        Somit würde auch dann nicht die hohe Geburtenrate verringert werden und auch der Flüchtlingstrom nicht abreißen.

        Irgendwelche Forderungen nach „Wir müssen die Lage in Afrika verbessern“ ist somit nichts weiter als Traumtänerei, denn das wird niemals gelingen.

  5. Johannes says:

    Für mich überraschend ist, die konstatierte positive Entwicklung Spaniens, das Finnland zum Wackelkandidaten geworden ist und Lettland so schlecht da steht (siehe die erste Tabelle).

    Ansonsten überrascht mich nichts. Und wo wir gerade zur Kreditfähigkeit diskutieren: Hier eine neue, aber nicht unerwartete, Entwicklung…

    https://www.welt.de/wirtschaft/article163214404/Griechenlands-Milliarden-Quittung-fuer-die-Euro-Partner.html#Comments

    Spannend wird´s, wenn Italien beginnt Quittungen zu adressieren.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Das Wirtschaftswachstum in Spanien ist nicht nur Schein.

      Die Frage ist allerdings, wie nachhaltig dieses Wachstum ist.

      Das kann man schon Zweifel haben.

      Spanien ist ebenso wie Griechenland und Italien vom Tourismus abhängig.

      Da gibt es z. Z. wegen der Schwierigkeiten in der Türkei und in Nordafrika eine Sonderkonjunktur.

      Wenn es damit vorbei sein sollte, wird die Lage anders aussehen.

      Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    @ Philip Kohlbacher

    Ich hatte Sie gefragt, was falsch ist mit dem, was ich aus der ceptStudie zitiert habe.

    Sie antworten nicht darauf, sondern zitieren andere.

    Das ist nicht das, was ich in einer klärenden Diskussion erwarte.

    Aber sei es drum.

    Ich versuche es noch einmal:

    >Der Nettokapitalimport ist einfach die buchhalterisch komplementäre Größe zum Leistungsbilanzdefizit.>

    Ja, das ist er erst einmal, wird nicht bestritten.

    Was steht denn hinter dieser buchhalterischen Größe, wenn es nicht nur eine Zahl ist, mit der eine Bilanz zustande kommt. Die Zahl muss doch etwas „abbilden“ – oder etwa nicht?

    Der zitierte Satz sagt, dass wir von einem Leistungsbilanzdefizit ausgehen können als Sachverhalt.

    Nehmen wir einmal an, dass es dadurch zustande kommt, dass wertmäßig mehr Waren importiert als exportiert worden sind.

    Natürlich muss dafür kein Geld ins Land mit dem Leistungsbilanzdefizit „fließen“, d. h. das Land – wir unterstellen einmal, es sei Wirtschaftssubjekt – muss dafür nicht Guthaben auf seinen inländische Konten bilden, damit es für die Export-minus-Import-Güterdifferenz bezahlen kann. Das behauptet niemand.

    Es muss nicht, kann aber sein, dass im Ausland Verschuldung aufgebaut wird und zwar dadurch, dass für die Lieferungen ins Land mit dem Leistungsbilanzdefizit, die nicht durch Exporterlöse bezahlt werden können, Kredite gewährt werden.

    Ist das so, erhöht das Land mit dem Leistungsbilanzdefizit seine Verschuldung im Ausland.

    Das ist der Sachverhalt, der verbucht wird und das Leistungsbilanzdefizit ausgleicht (bei den hier getätigten Annahmen).

    Nicht mehr und nicht weniger besagt das Zitat aus der ceptStudie:

    „Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo bildet ab, wie viel Geldkapital eine Volkswirtschaft aus dem Ausland BENÖTIGT…“

    Noch einmal die Frage:

    Was ist falsch damit?

    Und antworten Sie bitte nicht damit, was Horn und Lindner korrekt beschreiben.

    Antworten
    • Philip Kohlbacher says:

      Wir schreiben offensichtlich aneinander vorbei, wie ich das nun auflösen soll, ohne mich zu wiederholen, weiß ich offen gestanden nicht!

      In der ceptStudie steht -wie bereits zitiert- das Folgende: „Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo bildet ab, wie viel Geldkapital eine Volkswirtschaft netto aus dem Ausland benötigt bzw. in das Ausland transferiert.“

      Das ist nicht korrekt, oder für meine Begriffe komplett miss- bzw. unverständlich ausgedrückt.
      Der Nettokapitalimport der USA bedeutet nicht, dass sich Wirtschaftseinheiten in den USA in dieser Höhe Geld aus dem Ausland leihen würden oder dieses „benötigten“.

      Genauso bedeutet der Nettokapitalexport Deutschlands nicht, dass Wirtschaftseinheiten aus Deutschland so viel Geld in das Ausland verleihen. Der Nettokapitalexport zeigt nur eine erhöhte deutsche Ersparnis an, die Deutschen akkumulieren also ausländische Assets (welcher Art auch immer, das können Fremdwährungen sein, Forderungen, Aktien).

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Ich weiß auch nicht, wie wir mit INTERPRETATIONEN weiterkommen.

        Ich habe einen KONKRETEN Sachverhalt dargelegt.

        Sagen Sie doch einfach, ob dieser Sachverhalt eine Verschuldung im Ausland beinhaltet und ob diese Verschuldung ihre Abbildung im Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssaldo findet.

        Ja oder nein?

        Wenn Sie ja sagen, kann man natürlich noch darüber streiten, ob „benötigt“ der richtige Begriff ist in der Formulierung „wieviel Geldkapital eine Volkswirtschaft netto aus dem Ausland benötigt“.

        Ich denke schon, dass „benötigt“ nicht miss- bzw. unverständlich ausgedrückt ist.

        Denn ohne dass ein Kredit vom Ausland eingeräumt wird, kann das Land nicht mehr importieren als exportieren. Geschenkt wird jedenfalls nichts.

        Der Kredit des Auslands, hier mit „Geldkapital aus dem Ausland“ bezeichnet, wird also benötigt (bei dem hier dargelegten Sachverhalt).

        Warum, bitte, soll die Formulierung in der cepStudie NICHT korrekt sein, wenn diese das hier dargelegte VERSTÄNDNIS des Sachverhalts nicht nur ermöglicht, sondern dieses – wie ich meine – auch das ist, zu dem man dem allgemeinen Wortgebrauch nach kommen MUSS?

      • Philip Kohlbacher says:

        „Denn ohne dass ein Kredit vom Ausland eingeräumt wird, kann das Land nicht mehr importieren als exportieren. Geschenkt wird jedenfalls nichts.“

        Doch, selbstverständlich. Die US-amerikaner jedenfalls können normal überall auf der Welt mit Dollars kaufen, dieses Dollars müssen sie sich ganz sicher nicht aus dem Ausland leihen!

        Die kapitalexportierenden Länder leihen den Amerikanern somit kein Geld! Sie sparen, ihnen fließen Dollars zu, dann sparen sie in Fremdwährung. Oder sie halten Forderungen gegen Wirtschaftseinheiten aus den USA, beispielsweise wenn sie von diesen Dollars treasury bonds kaufen.

  7. Dietmar Tischer says:

    @ Matthias

    >Da gibt es auch nichts „zu lösen“! Selbst wenn Europa auf die Hälfe seines Vermögens/Wohlstands verzichten und nach Afrika überweisen würde, hätte man dort nicht ansatzweise Zustände wie sie mit Europa vergleichbar wären.>

    Das ist richtig.

    Ich habe nicht gesagt, dass dieser Versuch gelingen würde.

    Weit gefehlt – es wird nicht gelingen, da bin ich mir so sicher wie Sie.

    Darum geht es aber nicht in unserer Diskussion.

    Sondern:

    Es wäre eine Lösung, weil – gelänge es – das Problem beseitigt worden wäre.
    Anders als Sie behaupten, versucht die EU wenigstens vom Ansatz her diese Lösung, insoweit sie die Probleme IN Afrika erkennt und DORT angehen will, statt nur Abwehr zu betreiben wie Australien und Israel. Zumindest der deutsche Entwicklungshilfe-Minister predigt für die Lösung und in Tunesien will man helfen, jungen Menschen Arbeit zu verschaffen.

    Sie können also nicht davon reden, dass die EU Lösungen VERWEIGERE und NUR Probleme verschieben würde.

    Mehr behaupte ich nicht mit meinen Entgegnungen.

    Antworten
  8. Dietmar Tischer says:

    @ Philip Kohlbacher

    Es ist klar, dass die US-Amerikaner normal überall auf der Welt mit Dollars kaufen können.

    Sie können ja auch die Dollars drucken, mit denen sie bezahlen.

    Klar auch, dass kapitalexportierende Länder einem Land wie der USA nicht „Geld leihen“, sondern irgendwann einmal treasury bonds gekauft haben oder noch mehr treasury bonds kaufen, wenn in der betrachteten Periode ihre Exporte nach USA wertmäßig höher sind als die Importe aus USA.

    Das muss aber verbucht werden und schlägt sich im gesamtwirtschaftlichen Finanzierungssaldo der USA nieder.

    Wir kommen so nicht weiter.

    Dr. Stelter, sagen Sie bitte einmal etwas dazu.

    Ihr Kommentar zum Cep-Zitat, das hier zur Debatte steht, ist:

    >Er (Der Gesamtwirtschaftliche Finanzierungssaldo, D.T.) geht – bekanntlich – mit entsprechenden Handelsbilanzen einher. >Kapitalimport = Defizit, Kapitalexport = Überschuss.>

    Für mich liest sich das nicht so, als würden Sie das Cep-Zitat als Unsinn bezeichnen.

    Antworten
    • Philip Kohlbacher says:

      Natürlich liest sich das nicht so, Herr Stelter versteht (bei allem Respekt) an diesem Punkt selbst nicht, was die volkswirtschaftliche Buchhaltung aussagt.

      Ein Missverständnis, für das man sich nicht zwingend schämen muss, der obige Link der Böckler-Stiftung stellt ja schön dar, wie die Zusammenhänge tatsächlich sind.
      Und die Autoren sagen ganz richtig, dass die Begriffe Nettokapitalimport bzw. Nettokapitalexport kontraintuitiv sind.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Ich halte einmal für mich fest, dass „kotraintuitive Begriffe“ nicht falsch und insofern das cep-Zitat nicht Unsinn sein muss.

        Wie auch immer, Dr. Stelter wird sicher eine Meinung zu dem haben, was er angeblich nicht versteht und zu dem „wie die Zusammenhänge tatsächlich sind“.

        Warten wir ab, was er sagt.

        Die Abhandlung der Böckler-Stiftung wollte er sowieso lesen und wird sie vielleicht auch schon gelesen haben.

        Wenn so, könnte er sicher auch etwas dazu zu sagen, was Lindner und Horn möglicherweise nicht verstehen.

  9. Michael Stöcker says:

    @ Philip Kohlbacher und Dietmar Tischer

    „Natürlich liest sich das nicht so, Herr Stelter versteht (bei allem Respekt) an diesem Punkt selbst nicht, was die volkswirtschaftliche Buchhaltung aussagt.“

    Wenn dem denn tatsächlich so sein sollte, dann wäre aber auch dies keine Schande, da die Zahlungsbilanz immer wieder zu Missverständnissen führt, wenn man sie nicht aus der Perspektive eines zweistufigen Geldsystems betrachtet. Ich empfehle hier die schon etwas ältere Diskussion zwischen Georg Trappe und Renée Menéndez: https://soffisticated.wordpress.com/2013/05/23/geldschleife-nicht-geldkreislauf/#comment-625.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >… die Zahlungsbilanz immer wieder zu Missverständnissen führt.>

      Was soll das?

      Ich bin der Auffassung, dass die im cep-Zitat getätigten Aussagen bezüglich der Zahlungsbilanz richtig sind mit Bezug auf realwirtschaftliche Vorgänge – vorausgesetzt man interpretiert nicht etwas hinein, was nicht dasteht.

      „Geldkapital netto aus dem Ausland benötigt“ heißt z. B. NICHT „müssen Geldtransfers aus dem Ausland stattfinden, damit …“. Es heißt auch nicht „ändert sich vermögensmäßig nichts für die Inländer, wenn das Geld, das aus dem Ausland kommt, Geld der Inländer ist, das sie im Ausland deponiert hatten“.

      Bei dieser Betrachtungsweise stellt sich schlicht und einfach die Frage, ob das cep-Zitat falsch bzw. wie behauptet Unsinn ist oder nicht.

      Diese Frage gilt es zu beantworten – mit JA oder NEIN.

      Der Verweis auf Missverständnisse ist keine Antwort.

      Renée Menéndez hat eine herausfordernde Sichtweise zu Geldtheorien, die an seinem Blog auf hohem Niveau diskutiert wird. Das ist interessant und eröffnet Verständnisebenen, die neben speziellen Kenntnissen eine ausgeprägte Argumentationsfähigkeit verlangen, um sie stimmig einordnen zu können.

      Kurzum:

      Für die hier zu beantwortende Frage, die sich NUR auf BESTEHENDE Sachverhalte bezieht und NUR darauf, ob bestimmte FUNKTIONALE Abläufe richtig beschrieben werden (im Rahmen welcher Theorie auch immer), sind seine Ausführungen, so glaube ich, nicht besonders hilfreich.

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