Die Zombies von Europa

Mehrfach habe ich an dieser Stelle auf die Zombifizierung der europäischen Wirtschaft verwiesen. So in diesem Beitrag der auch bei manager magazin online erschien:

→ „Totentanz der Zombies“

Nun haben sich Wissenschaftler das Thema vertieft angesehen:

  • „Der Beitrag zeigt, dass im Schatten der anhaltenden Geldflut der EZB die Anzahl sogenannter Zombie-Banken, Zombie-Unternehmen und Zombie-Staaten gewachsen ist. Diese Entwicklung kommt einem Übergang zu planwirtschaftlichen Strukturen gleich und erschwert den Ausstieg aus der sehr lockeren Geldpolitik.“ – bto: Ich würde sagen: verunmöglicht!
  • „(…) in der Vergangenheit haben die Zinssenkungen in Reaktion auf Finanzkrisen die Märkte zwar stabilisiert, aber auch den Nährboden für neue Übertreibungen geschaffen. Beispielsweise ermutigten die starken Zinssenkungen der EZB in Reaktion auf das Platzen der Dotcom-Blase (2000) ab 2003 in Südeuropa ein übermäßiges Kreditwachstum und viele Investitionen mit geringer Rendite. (…) Als die EZB ab dem Jahr 2006 die Leitzinsen erhöhte, hob sie die Messlatte für die Rentabilität aller Investitionsprojekte an. Viele erwiesen sich als unrentabel. (…) Die europäische Finanz- und Schuldenkrise nahm ihren Lauf.“ – bto: So einfach ist es.
  • „Als Krisentherapie wurden die Leitzinsen gegen null gesenkt und in großem Umfang Staatsanleihen gekauft. Zwar hat die Finanzmarktaufsicht durch umfassende neue Regulierung eine erneute unvorsichtige Kreditvergabe der europäischen Banken verhindert. Doch sind neue Risiken im Unternehmenssektor entstanden. Viele große Unternehmen haben die extrem niedrigen Zinsen dazu genutzt, mit billigen Krediten zu überhöhten Preisen Konkurrenten aufzukaufen.“ – bto: oder eigene Aktien, das aber mehr in den USA.
  • „Im Ergebnis ist in den USA die Verschuldung der Unternehmen von 3356 Milliarden Dollar (2008) auf 6005 Milliarden Dollar (2017) gestiegen. In China, das (noch) Wachstumsmotor der Weltwirtschaft ist, ist die Unternehmensverschuldung von 132 Milliarden Dollar (2008) auf 2001 Milliarden Dollar (2017) angewachsen. Steigen die Zinsen, dann steigen für die hoch verschuldeten Unternehmen auch die Zinslasten. Das würde sie zwingen, die Investitionen zurückzufahren, Mitarbeiter zu entlassen, Löhne zu kürzen und Preisdruck auf die Zulieferer auszuüben.“ – bto: genau. Dann geht es nur noch um Liquidität, nicht um Gewinn. Inhärent deflationär.
  • „Die Schuldenkrise in den Unternehmenssektoren der USA und Chinas könnte sich schnell zur globalen Unternehmenskrise ausweiten.“ – bto: zur globalen Rezession mit deflationärem Druck.
  • „Mit Zinserhöhungen scheint also der neue große Krach vorprogrammiert – diesmal ausgehend vom Unternehmenssektor. Die Krise könnte sich in einigen Ländern schnell auf den öffentlichen Sektor übertragen. Das erklärt die homöopathischen Änderungen in den öffentlichen Erklärungen der EZB und bei den Zinsschritten der Fed. (…) Jede größere Erschütterung auf den Weltfinanzmärkten dürfte bewirken, dass die Zinserhöhungen gleich wieder ausgesetzt werden. Das dürfte damit gerechtfertigt werden, dass die Inflationsrate im Euroraum (und anderswo) immer noch deutlich unter dem selbstgesteckten Ziel von 2% liegt. Es ist wie in Japan langfristig ein Szenario denkbar, in dem die Zentralbank bei niedriger Inflation den Zins immer weiter bei null hält und ihren Bestand an Staats- und Unternehmensanleihen immer weiter ausdehnt. Der Vorteil wäre, dass der große Krach vermieden wird.“ – bto: Und so wird es kommen. Nur sind wir nicht so homogen und leidensbereit wie die Japaner.
  • „2008 tauchte der Begriff der Zombie-Unternehmen mit Blick auf Japan auf, wo die Blase auf den Aktien- und Immobilienmärkten bereits 1990 geplatzt ist. Gemeint sind Unternehmen, die Kredite nicht mehr tilgen, Zinszahlungen nicht mehr bedienen und ohne (versteckte) staatliche Subventionen Verluste machen. Sie werden künstlich am Leben gehalten, indem die Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe das Ausfallrisiko nicht mehr einpreisen.“ – bto: was auch daran liegt, dass die Banken selber Zombies sind und die Verluste nicht realisieren können!
  • „Inzwischen machen jedoch zwei Drittel der japanischen Unternehmen zu wenig Gewinne, um Steuern zu zahlen. Der stetige Rückgang der Konkurse zeugt davon, dass dringend notwendige Restrukturierungen im japanischen Unternehmenssektor auf breiter Front unterbleiben. Der Anteil der Unternehmen, die aus dem Markt aus- und eintreten ist in Japan mit etwa 5 % nur halb so groß wie in anderen entwickelten Volkswirtschaften.“ – bto: Und wir entwickeln uns in diese Richtung.
  • „Da die Zombie-Unternehmen versteckt subventioniert werden, wird der Wettbewerb auf Kosten der leistungsfähigen Unternehmen verzerrt. Die Zinssubventionen für die Unternehmen tragen zu geringen Preisen und damit zu den niedrigen Inflationsraten bei, die eine Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik der Bank von Japan rechtfertigen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine wachsende Zahl an Unternehmen, die Ressourcen binden ohne zum Produktivitätswachstum beizutragen.“ – bto: Es ist wie bei einem toten Fisch, der für alle das Wasser vergiftet. Allerdings muss man darauf hinweisen, dass in Japan in den letzten Jahren das BIP pro Kopf aus der Gruppe der Industrieländer am schnellsten gewachsen ist. Es gibt also dynamische Bereiche im Land.
  • „Als Folge des anhaltend niedrigen Zinsniveaus wird nun auch Europa von Zombies bedroht. Dieser Prozess wird mit Hilfe der geänderten EU-Richtlinie 2012/30/EU erleichtert. Wie in Japan, ist die nachsichtige Kreditvergabe oft politisch erwünscht.“ – bto: Natürlich ist es das!
  • „In Italien und Spanien hat sich der Anteil von Zombie-Unternehmen am Kapitalstock aller Unternehmen zwischen 2007 und 2013 mehr als verdoppelt (siehe Tabelle 1). Nach Adalet McGowan, et al. (2017) überschreitet der Anteil der Zombie-Unternehmen in Deutschland bereits den in Japan. Denn aufgrund anhaltend niedriger Zinsen werden Kredite an wenig produktive Unternehmen aufrechterhalten. Anreize die Produktivität zu steigern schwinden. Jungen, innovativen und dynamischen Unternehmen stehen weniger Ressourcen zur Verfügung.“

  • „Acharya, et al. (2017) zeigen, dass viele Banken, die indirekt durch das Anleihekaufprogramm der EZB (2550 Mrd. Euro von Januar 2013 bis September 2018) rekapitalisiert wurden, ihre bestehenden Kredite an unproduktive Unternehmen ausweiteten. Adalet McGowan, et al. (2017) beschreiben, wie der wachsende Anteil an Zombie-Unternehmen negativ auf die Produktivität und das langfristige Wachstum in Europa wirkt. Mahtani et al. (2018) zeigen, dass die Kreditversorgung unproduktiver Unternehmen nur zum derzeit niedrigen Zinsniveau möglich ist. Bei einem Anstieg des Zinses, wie etwa in den USA, würden faule Kredite aufgedeckt, was Bankrotte oder Restrukturierungen erzwingen würde.“ – bto: Und genau deshalb wird es nicht dazu kommen.
  • Zombie-Banken“.. haben keinen Anreiz den Zombie-Unternehmen die Kredite zu entziehen, weil sonst der Berg ihrer öffentlich ausgewiesenen faulen Kredite steigen würde. Die Zombie-Banken könnten sich dann nur zu deutlich höheren Zinsen refinanzieren. Möglicherweise würden die Kunden ihre Einlagen abziehen und die Banken ins Wanken bringen. Niinimaki (Evergreening in Banking, 2007) zeigt, dass Banken mit faulen Krediten sogar Gewinne machen können, obwohl sie de facto insolvent sind. Mit Hilfe von billigen Krediten blähen diese wie in einem „Glücksspiel der Auferstehung“ ihre Bilanzen auf, um den Anteil der faulen Kredite am Gesamtkreditvolumen zu senken.“ – bto: Ich traue keiner Bank über den Weg.
  • „2017 betrug der Anteil der als notleidend ausgewiesenen Kredite an der gesamten Kreditsumme in Griechenland 47 %, in Zypern 34 %, in Portugal 18 % sowie in Italien 12 % (Deutschland derzeit 2 %). Die geldpolitischen Rettungsmaßnahmen der EZB, die den Finanzmarkt eigentlich stabilisieren sollen, verschlimmern das Problem, weil sie die Marge zwischen Kredit- und Einlagezinsen (als wichtigste Einkommensquelle der Banken) drücken, was am Eigenkapital zehrt.“ – bto: Der Versuch, Schaden zu verhindern, führt zu massiv größeren Schäden. Aber so ist das mit der Politik.
  • „Steiner et. al (2017) zeigen, dass ein wachsendes Volumen der Anleihekäufe der EZB die Obergrenze der TARGET2-Salden anhebt. Damit sind „Zombie-Staaten“ wie Italien entstanden (Freytag, 2014), die nur überlebensfähig sind, weil die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank äußerst locker ist und die TARGET2-Salden nicht – wie in den USA15 –geschlossen werden müssen.“ – bto: Wir haben  die Budgetrestriktion aufgehoben. Geld für alle!
  • „Weil in den sozialistischen Staaten Bankrotte der staatseigenen Betriebe nicht erwünscht waren, gewährten die staatlich kontrollierten Banken bedingungslose Kredite. Die Verluste der Staatsbanken wurden durch die Notenpresse gedeckt.“ – bto: Das Ende ist bekannt! Der vollständige Konkurs.
  • „Indem die Europäische Zentralbank in Europa immer mehr Zombies heranzüchtet und die Regulierung ausgeweitet wird, wird der schleichenden Rückkehr der Planwirtschaften der Weg geebnet.“ – bto: mit allen damit verbundenen Konsequenzen.
  • „Weil mit der sinkenden Effizienz der Unternehmen die Produktivitätsgewinne gegen null konvergieren (siehe Abbildung 4), ist das nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Basis von beachtlichen Produktivitätsfortschritten erreichte Wohlstandniveau nicht mehr für alle zu sichernDie Politiker, die sich darauf spezialisiert haben, Teile dieser Produktivitätsgewinne umzuverteilen, stoßen an Grenzen. Um ihre großzügigen Versprechungen zu halten, greifen sie – bewusst oder unbewusst – zur Notenpresse.“ – bto: So ist es!

  • „Ein Ausweg aus diesem Teufelskreis von expansiver Geldpolitik, negativen Wachstums-, und Verteilungseffekten sowie zusätzlichen Staatsausgaben und Interventionen in den Wirtschaftskreislauf kann nur die Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Prinzipien sein. Dies setzt eine stabile Währung und damit den Ausstieg aus den sehr lockeren Geldpolitiken voraus, wie er bisher nur von der US- amerikanischen Fed – wenn auch zögernd –angegangen worden ist.“ – bto: Das ist völlig theoretisch und undenkbar. Es bedeutet, freiwillig in die schwere Rezession zu gehen. Da spielen alle lieber weiter auf Zeit, machen das Problem größer und die kommende Krise unfassbar. Es wird ein deflationärer Sturm.

→ Austrian Institute: „Europäische Geldpolitik und Zombifizierung“, 2. Juli 2018

Kommentare (14) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Dr. Arda Sürel sagte:

    Dies setzt eine stabile Währung und damit den Ausstieg aus den sehr lockeren Geldpolitiken voraus, wie er bisher nur von der US- amerikanischen Fed – wenn auch zögernd –angegangen worden ist.

    Die Fed kann einen solchen Prozess einfacher einleiten und vielleicht sogar aufrecht erhalten als die EZB. Es kann kaum davon ausgegangen werden, dass der Anteil von Zombieinstitutionen in den USA an sich geringer ist als in Europa. Da jedoch die Petrodollar-Systematik sicherstellt, dass die Zentralbanken, Banken, Unternehmen und sogar Privatpersonen dieser Welt zur Teilnahme am Weltwirtschaftsgeschehen Vermögen bzw. Kapital in den USA halten müssen, haben selbst Zombies in Amerika einen einfacheren und voluminöseren Zugang zu Kapital als z.B. in Europa. Das macht das Spiel für die FED viel einfacher.

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    Alexander sagte:

    In dem Zombieunternehmen arbeiten menschliche Zombies. Weil alles mit billigem Geld durchflutet ist, beruhen Karrieren nicht mehr auf Leistung/Können/Fleiß sondern auf die Gnade des Vorgesetzten.

    Das gilt für alle Strukturen der Gesellschaft und alle haben Angst für dem Absturz aufgrund Fehlverhalten; selbstverständlich auch die Zusammensetzung und Reihenfolge von Kandidatenlisten demokratischer Wahlen. Alle Ordnung ist dem Geld unterworfen, denn ohne Geld ist alles nichts.

    Regierungswechsel wie in Italien geschehen? Kein Problem, die EZB machts möglich.

    Wahlgeschenke durch erleichterte Kreditvergabe? Kein Problem, die Ausreichung von Kredit zog im Präsidentschaftswahlkampf von Macron deutlich an.

    Derweil werden Eigenkapitale (mühsam erspart und mehrfach besteuert) entwertet, durch Vermögenspreisinflation (Kaufkraft) und günstige Refinanzierung für alle Freunde kommunaler Vertreter städtischer Banken. Was Arbeitsplätze schafft, schafft auch Merheiten für Wahlen und glückliche Bürger bedeuten Systemerhalt.

    »Thus the only practical conclusion that can be drawn under present circumstances is of the
    need for a financial crash.«

    P.C.Martin:
    Wir brauchen den CRASH, wenn wir wollen, daß der Kapitalismus überlebt.

    Da die Politiker und Notenbanken aber den CRASH bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hinaus zögern wollen und werden, gibt es für das kapitalistische System kaum eine Chance mehr.
    Das beste Wirtschaftssystem, das es je gab, das einzige dem Menschen angemessene,
    muß untergehen.
    —-

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      Evi Dent sagte:

      „Derweil werden Eigenkapitale (mühsam erspart und mehrfach besteuert) entwertet, …“
      Das ist die hauptsächliche Crux fürs allgegenwärtige Hamsterrad.
      Unternehmen als juristische Personen haben keinerlei Problem damit auf Pump unterwegs zu sein und wachsen weiter mit fremdem Kapital.

      Ungesundes krebsartiges Wachstum berührt die eigene Haut der Entscheidungsträger von AGs, GmbHs und nicht zuletzt Behörden nicht, denn im Versagensfall geht´s nicht an die eigenen Spargroschen.

      Andererseits haben natürliche Personen schlechte Karten, wenn es darum geht Rückstellungen zu bilden für Reparaturen und Investitionen. Zusätzlich zum Konsumverzicht fallen dann Steuern auf Steuern an.
      Innovative Neugründungen werden immer unattraktiver.
      Nichts spricht gegen Kreditaufnahme mit solider Finanzierung bzw. Perspektive. Leider wird der Rahmen dafür immer gieriger dimensioniert.

      Geld kann als Energie betrachtet werden. Energie geht bekanntlich nicht verloren , sondern wird nur umgewandelt. Das momentane Schaffen von „frischem“ Geld straft dieses physikalische Gesetz Lügen. „Tönerne Füße“ war eine bibliche Bezeichnung, die fehlerhaft dimensionierte Fundamente erklärt.

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    SB sagte:

    „Weil in den sozialistischen Staaten Bankrotte der staatseigenen Betriebe nicht erwünscht waren, gewährten die staatlich kontrollierten Banken bedingungslose Kredite. Die Verluste der Staatsbanken wurden durch die Notenpresse gedeckt.“ – bto: Das Ende ist bekannt! Der vollständige Konkurs.“

    Meiner Meinung nach der wichtigste Absatz im Artikel.

    Auch im Kapitalismus, scheint es im Schuldenendspiel aufs Gleiche, also Sozialismus, hinauszulaufen. Um den gesellschaftlichen Frieden noch ein wenig länger aufrecht zu erhalten, werden Verluste sozialisiert und in diesem Zuge auch Zombieunternehmen am Leben erhalten. Das müsste nicht so sein. Auch für die Politik ist es aber auf kurze Sicht der bequemere Weg, der den politischen Machthabern zudem einstweilen auch noch ihren Machterhalt ermöglicht. Wenn man so will, eine Win-Win-Situation für die „Geretteten“ während der Fahrt voraus in Richtung gemeinsamer Pleite.

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    Michael Stöcker sagte:

    Die Zombies von Europa…

    die sitzen vor allem im Austrian Institute und argumentieren auf Basis österreichischer Zombietheorien. Die haben bis heute nicht begriffen, dass es auch negative Zinsen geben kann. Wann denken die endlich mal ihre eigene Theorie konsequent zu Ende? Schnabl hatte schon seinerzeit nicht verstanden, was der deutsche Großmeister der Kapitalmarkttheorie (C.C. von Weizsäcker) ihm sagen wollte: https://zinsfehler.com/2016/06/22/kapitalismus-in-der-krise/

    LG Michael Stöcker

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      Wolfgang Selig sagte:

      @Herrn Stöcker: Wenn Ihre Aussage stimmt, warum sprechen Sie dann nicht Herrn Dr. Stelter darauf an, warum er den Artikel bringt?

      Das Austrian Institute ist ja nicht DER politische oder mediale Faktor in Mitteleuropa, sondern eher eine kleine und weitgehend unbekannte Einrichtung. Im Vergleich zu Prof. Fratzscher kann man ihm nicht gerade großen Einfluss auf die Geld- und Fiskalpolitik Deutschlands unterstellen, ja man könnte es ja auch ignorieren. Oder ist von den Herren trotz einer vielleicht falschen Theorie ein wichtiges Thema problematisiert worden?

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Michael Stöcker

      Was C.C. von Weizsäcker gesagt HAT (von Ihnen in Ihrem Blog zitiert):

      >In der Tat beruht diese Krise in der realen Welt und im Denken über sie auf einem Phänomen, auf das die makroökonomische Steuerung bisher noch nicht eingerichtet war: dem strukturellen Überschuss des privaten Sparwillens über den privaten Investitionswillen, selbst unter Bedingungen der Prosperität und bei sehr niedrigen Zinsen.>

      Er redet von einer Krise in der REALEN Welt und er redet von ihr bei sehr NIEDRIGEN Zinsen.

      Der Beitrag des Austrian Institutes belegt das, nicht mehr und nicht weniger.

      Es ist die Beschreibung dessen, was nach MARKTGESETZEN erfolgte:

      Wenn trotz tendenziell fallender Zinsen zu wenig investiert wird, dann muss man das Investieren eben durch noch NIEDRIGERE Zinsen attraktiver machen.

      v. Weizsäcker, der natürlich kein konjunkturelles, sondern ein STRUKTURELLES Problem sieht, mit folgender LÖSUNG:

      >Das Duo „Demokratie & Kapitalismus“ kann sich aus seinem globalen Fieberzustand lösen, wenn es den richtigen Umgang mit der Staatsschuld als Antwort auf den Sparüberhang lernt. Es hat sogar die Chance, sich auf die Entwicklungsländer auszudehnen, wenn sich die Welt der reichen Länder für deren Importe weit öffnet. Eine solche Handelspolitik dient der eigenen Prosperität, wenn man den richtigen Umgang mit der Staatsschuld pflegt.>

      Der „richtige Umgang“ mit der Staatsschuld soll es also richten – und das auch gleich für praktisch die ganze Welt, wenn man ihn auf die Entwicklungsländer ausdehnte.

      Ist er richtig, müsste er zumindest folgendes leisten:

      a) die UNGLEICHGEWICHTE in den einzelnen Volkswirtschaften, die durch die WEITE Öffnung für Importe verstärken würden, auf DEMOKRATISCH akzeptable Weise kompensieren, d. h. die Menschen, die dadurch ihre Jobs verlieren, so alimentieren und KONDITIONIEREN, dass sie demokratisch nicht rebellieren – letztlich also nicht in einen extremen Nationalismus ihr Heil suchen.

      Und

      b) die ÜBERSCHULDUNGSSANKTIONEN der Märkte eliminieren, d. h. die Märkte sozusagen aus dem Verkehr ziehen, wenn und weil sie die Staatsschuld nicht zu tragbaren Bedingungen revolvieren wollen.

      Meine Beurteilung:

      a) ist DEMOKRATISCH nicht zu leisten

      b) schafft den Kapitalismus durch Monetisierung der Staatsschulden ab bzw. schafft ganz neue Probleme.

      Fazit:

      Keine Zielerreichung, wie sie v. Weizsäcker vorhat.

      Ich halte seine Vorstellungen für ILLUSION (a) und WIDERSPRÜCHLICH (b).

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        Michael Stöcker sagte:

        Meine Beurteilung:

        a) ist DEMOKRATISCH sehr wohl zu leisten; wir haben es im Osten dieser Republik doch auch hinbekommen.

        b) erhält den Kapitalismus durch partielle Monetisierung der Staatsschulden bzw. verhindert dadurch ganz neue Probleme.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Michael Stöcker

        Das ist nun wirklich nichts, was Sie hier vorbringen.

        Ich mach’s mal kurz und bündig, quasi mit links:

        Zu a):

        Wir haben EMPIRISCH feststellbar DEMOKRATISCH legitimierte Entscheider, wie Trump, die neue italienische Regierung, die AfD in Deutschland und andere (und zukünftig vermutlich noch mehr, siehe z. B. die Tendenz in Schweden), mit denen sich der „globale Fiberzustand“ gerade NICHT derart löst, wie v. Weizsäcker es sich wünscht, nämlich durch Öffnung von Importen aus den Entwicklungsländern. Im Gegenteil, diese Politiker verschließen sich mit erklärtem NATIONALISMUS mehr und mehr derartigen Importen.

        v. Weizsäcker kann wählen:

        Entweder sind diese Regierungen für ihn nicht demokratische Regierungen oder er liegt voll daneben mit seiner Annahme, dass das System „Demokratie & Kapitalismus“ SICH, d. h. ohne QUALITATIV ein ANDERES zu werden, stabilisiert.

        Zu b):

        Monetisierung der Staatsschulden erhält nicht den Kapitalismus, sondern verdrängt ihn, weil er die für den Kapitalismus KONSTITUTIVEN Märkte für die Bewertung der Schulden des Staates ELIMINIERT.

        Was v. Weizsäcker und Sie hier vorführen ist intellektuell unehrlich:

        Wir machen es anders, RICHTIG natürlich, was z. T. die Märkte ausschließen MUSS, also den Kapitalismus marginalisiert (in letzter Konsequenz jedenfalls), aber selbstverständlich wird so der Kapitalismus auf demokratische Weise erhalten.

        Ich stelle Sie und v. Weizsäcker einmal auf die Beine, d. h. ich formuliere eine vertretbare Position.

        Vorab:

        Ich komme Ihnen entgegen, weil ich nicht darauf beharre, wie jene, etwa Homburg, die der Meinung sind, dass das System „Demokratie & Kapitalismus“ VERFÄLSCHT worden sei durch Staatsaktivitäten und insofern etwas erhalten werden soll, was den angehefteten Namen nicht verdient.

        Ich sage:

        a) der Kapitalismus ist in der Krise (zumindest was die entwickelten Volkswirtschaften betrifft) – und damit global

        und

        b) er kann sich nicht selbst daraus befreien, OHNE dass es ein Desaster unvorstellbarer Dimension gibt.

        ZIEL muss also nicht die Rettung des vorhandenen, sondern ein ANDERES System sein, das

        a) auf dem bestehenden Kapitalismus aufsetzt

        und ihn

        b) durch staatliche Eingriffe, u. a. durch einen „richtigen Umgang mit Staatsschulden“ so MODIFIZIERT, dass die demokratische Willensbildung nicht außer Kraft gesetzt wird.

        Es wäre letztlich der Übergang zu einem PATERNALISTISCHEN STAATSKAPITALISMUS (mit so viel Marktwirtschaft wie er noch vertragen kann), bei dem und für den die Menschen durch ANREIZE und NUDGING konditioniert und hoffentlich gewonnen werden.

        Das ist der ABSCHIED vom Kapitalismus mit einer Begründung, die vertretbar ist.

        Auf dieser Basis kann man diskutieren, nicht aber auf einer vorgeschobenen, nicht einlösbaren „Erhaltensideologie“ für den Kapitalismus.

  5. Avatar
    Hans-Peter Stumpf sagte:

    Sehr interessanter Artikel, der das Thema m.E. sehr gut beleuchtet.
    Was ich mir allerdings fast nicht vorstellen kann ist die Aussage der Tabelle 1. Wenn ich die Grafik richtig verstehe, sollen deutsche Zombieunternehmen 12,1 % am gesamten Kapitalstock ausmachen. Das wären ja dann unzählige (auch) große Unternehmen. Gibt es hierfür eine Liste oder Aufstellung? Wenn man sich die Kurszettel deutscher Werte ansieht, sind da zwar manchmal problematische Fälle, aber echte Zombies?? (in einem Bericht der Bundesbank aus 2017 wird erwähnt, dass es kaum Zombie-Firmen in D gibt?!)

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    • Avatar
      Wolfgang Selig sagte:

      @Herrn Stumpf:

      Wie würden Sie die deutschen Großbanken einschätzen? Opel? Karstadt und Kaufhof? Zeitungsverlage und diverse Medienschaffende? Textile Einzelhändler in verwaisenden Innenstädten? Handwerkliche Bäcker und Metzger in Konkurrenz zu den großen Ketten als letzter Laden in ihrem schrumpfenden Dorf? Kleinere Autohändler mit einem Standort, die nicht im Internet stark aktiv sind und nur noch die Familientradition fortführen? Etliche Hotelfamilienbetriebe außerhalb der großen Ketten, die seit 40 Jahren die gleichen Vorhänge bzw. Handtücher dem Kunden präsentieren?

      Also mir fallen da schon ein paar Branchen ein, in denen ich Zombies vermuten würde, und deren Anteilsscheine ich bei einem Zinsanstieg nicht haben möchte…

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      • Avatar
        troodon sagte:

        Die Diskussion über den Anteil von Zombieunternehmen, auch mit dem Verweis auf die Buba Studie aus 2017 (mit Daten per 2015), hatten wir bereits hier:
        https://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/hat-italien-angst-dass-der-geldfluss-aufhoert/#comment-36887
        In der DB Studie von März 2018 wurde prognostiziert, dass per Ende 2017 weniger als 1% der insgesamt 3000 Unternehmen, die im FTSE All Wolrd Index enthalten sind, Zombies sind. Definiert wurde dies mit einem „an interest
        coverage ratio under 1 times for two consecutive years and a price to sales ratio under three times.“
        Selbstverständlich ist das auch nur eine Bestandsaufnahme und sieht bei deutlich steigenden Zinsen/und oder Rezession anders aus, aber jetzt immer noch Zahlen aus dem Jahr 2013 zu nennen, erachte ich nicht als besonders hilfreich.
        Und selbstverständlich sehe ich die grundsätzlichen Risiken durch Zombies auch sehr kritisch, aber zu alten Zahlen zu nennen macht wenig Sinn.

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