„So sanieren wir die Weltwirtschaft“

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Dieser Kommentar erschien in der September-Ausgabe des Magazins Cicero:

Die Angst vor der „säkularen Stagnation“, der „Eiszeit“, wie ich es in meinem letzten Buch nenne, geht um. Dass trotz der von den Notenbanken quasi unbegrenzt bereitgestellten Liquidität, trotz historisch tiefer Zinsen und trotz einer Erhöhung der weltweiten Schulden um mehr als 55 Billionen US-Dollar seit 2007 die Wachstumsraten in fast allen Ländern deutlich unter dem Vorkrisenniveau liegen, muss strukturelle Gründe haben. Wir brauchen jedoch Wachstum und höhere Inflationsraten, um die Lasten einer alternden Gesellschaft zu tragen, den Wohlstand für kommende Generationen zu sichern und die Folgen der weltweiten Migrationsbewegungen zu bewältigen. Zwei Prozent Wachstum, zwei Prozent Inflation und dann übrigens auch wieder Zinsen für die Sparer, wären das Ziel.

Wachstum ist kein Zufall

Wirtschaftliches Wachstum ist kein Zufall. Knapp zusammengefasst sind es zwei Faktoren, die das Wachstum einer Wirtschaft treiben: die Zahl der Erwerbstätigen und deren Produktivität, also die Leistung, die sie im Durchschnitt pro Kopf erbringen. Letzteres hängt vom Kapitaleinsatz, wie zum Beispiel dem Grad der Automatisierung, dem technischen Fortschritt und dem Bildungsniveau ab. Je anspruchsvoller und technisierter eine Aufgabe ist, desto größer ist die pro Kopf erbrachte Leistung. Rein ökonomisch betrachtet sind Tätigkeiten beispielsweise in der Gastronomie oder auf dem Bau weniger produktiv als Tätigkeiten in Produktion, Forschung und Entwicklung.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten wir von wachsenden Erwerbsbevölkerungen und deutlichen Produktivitätszuwächsen. In der Folge ist das Wohlstandsniveau in der westlichen Welt deutlich gestiegen. Doch schon Anfang der 1980er-Jahre nahmen die Effekte ab. Die Erwerbsbevölkerung wuchs weniger schnell, und vor allem die Produktivitätszuwächse gingen zurück.

Verstärkt wurde dieser Trend durch den Fall des Eisernen Vorhangs und dem Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft. Damit stieg das weltweite Arbeitskräfteangebot um mehrere Hundert Millionen Menschen. Diese Menschen waren und sind bereit für deutlich geringere Löhne zu arbeiten, als wir in der westlichen Welt. Dieser Lohnwettbewerb führte zu stagnierenden Löhnen und Arbeitsplatzverlusten in den Industrieländern. Aus ökonomischer Sicht kamen die Erwerbsbevölkerung und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unter Druck. Das Wachstumspotenzial der Wirtschaft ging zurück.

Die Politik reagierte auf die veränderte Situation mit einer Politik der Nachfragestimulierung. Die angelsächsische Welt setze auf tiefere Zinsen und eine Deregulierung des Bankensystems, um fehlende Einkommen durch steigende Verschuldung zu kompensieren. In Kontinentaleuropa waren es derweil schuldenfinanzierte Sozialleistungen und Konjunkturprogramme, bis mit der Einführung des Euro auch hier die private Verschuldung deutlich zunahm und zu einer temporären Scheinblüte in den heutigen Krisenländern führte.

Diese Wirtschaftspolitik hat in den letzten 30 Jahren nicht nur die zunehmende Erlahmung der wirtschaftlichen Antriebskräfte übertüncht, sondern die Probleme weiter verstärkt. Immer mehr Schulden haben nur dazu gedient, Konsum und Spekulation zu finanzieren. Überall sind die Vermögenswerte in Folge dieser Verschuldung deutlich gestiegen. Die Zinsen für diese Schulden müssen jedoch nach wie vor aus dem Einkommen finanziert werden, was letztlich zu einer geringeren Nachfrage führt. Zugleich wurden Investitionen getätigt, die sich bei genauerer Betrachtung nicht rechnen. Überkapazitäten und Fehlinvestitionen drücken auf den Markt und verstärken die deflationären Kräfte. Immer deutlicher wird: Schulden sind nichts anderes als vorgezogener Konsum. Und diese Nachfrage fehlt heute.

Gefangen in der Eiszeit

2008 kam die Politik des Lebens auf Pump zu einem abrupten Ende. Weltfinanzsystem und Weltwirtschaft standen vor dem Kollaps. Es drohte eine neue große Depression mit Bankenzusammenbrüchen, Staatspleiten, Massenarbeitslosigkeit und sozialen und politischen Konflikten innerhalb und zwischen Ländern. Die Politik hat darauf mit den bewährten Mitteln reagiert: noch billigerem Geld und noch mehr Schulden. Es wurden weiter nur die Symptome bekämpft und nicht die eigentlichen Ursachen. Nur eine anhaltende Steigerung der Medikamentendosis konnte das System stabilisieren. Statt einer neuen großen Depression bekamen wir die Depression in Zeitlupe. Statt dem raschen Kollaps die Eiszeit.

Das Problem ist: Die Medikamente wirken immer weniger. Selbst Zinsen von unter null genügen nicht, um eine Welt mit schrumpfender oder stagnierender Erwerbsbevölkerung und ohne Produktivitätsfortschritte wieder auf Wachstumskurs zu bekommen. Notenbanken erfinden nichts und bekommen auch keine Kinder.

Wollen wir die Eiszeit überwinden, müssen wir uns den Realitäten stellen und uns einer Rosskur unterziehen. Sie basiert auf drei Säulen: der Bereinigung der Folgen der falschen Politik der letzten 30 Jahre, der Erhöhung der Erwerbstätigenzahl und der Steigerung der Produktivität.

Finanzieller Neustart

Die Schulden, die gemacht wurden, um die Illusion von Wachstum und Wohlstand aufrechtzuerhalten, sind untragbar geworden und erdrücken die Wirtschaft immer mehr. Nur mit Tiefstzinsen ist es bisher gelungen, den Schuldenturm vor dem Einsturz zu bewahren. Deshalb ist ein wichtiger erster Schritt die Bereinigung der faulen Schulden in einem geordneten Prozess. Im Fall der Eurozone bedeutet dies, dass sich Gläubiger und Schuldner an einen Tisch setzen und wie bei einer Unternehmenssanierung die untragbar gewordenen Schulden abschreiben. Das ist schmerzhaft, weil eine solche Sanierung immer mit erheblichen Verlusten für die Gläubiger – leider vor allem auch Deutschland – einhergeht. Doch die Verluste sind längst eingetreten; sie sich nun auch einzugestehen, verhindert zumindest den ungeordneten Zusammenbruch.
Ein geordnetes Verfahren hieße in der Praxis, dass in einem Schuldentilgungsfonds die untragbaren privaten und öffentlichen Schulden zusammengefasst und über einen langen Zeitraum von den Euroländern gemeinsam abgetragen werden. Denkbar ist auch, diesen Tilgungsfonds durch die EZB finanzieren zu lassen, was allemal besser wäre als die Fortsetzung der gegenwärtigen Politik, die faktisch zu einer Schuldensozialisierung ohne demokratische Legitimierung und ohne Gegenleistung der Schuldnerländer über die Bilanz der EZB hinausläuft. Die Beträge, um die es hier geht – auch dies muss offen angesprochen werden – dürften sich auf mindestens drei Billionen Euro belaufen.

Zu dem finanziellen Neustart gehört allerdings auch, dass wir die ungedeckten Verbindlichkeiten für Renten und Gesundheitsleistungen einer alternden Gesellschaft reduzieren. Schon vor Jahren haben Experten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die tatsächliche Verschuldung der westlichen Industriestaaten, sprich: unter Einbeziehung von versteckten Lasten für zukünftige Versorgungsansprüche, auf mehrere Hundert Prozent des BIP beziffert und ein drastisches Gegensteuern gefordert. Auch für Deutschland werden die Verbindlichkeiten des Staates auf bis zu 400 Prozent des BIP geschätzt. Eine Kürzung dieser Zusagen, zum Beispiel durch einen späteren Renteneintritt ist unumgänglich, würde doch eine einseitige Belastung der nachfolgenden Generation das Wachstum zusätzlich schwächen und vor allem zu einem Exodus der Best-Qualifizierten in Länder mit geringerer Belastung führen.

Stärkung der Wachstumskräfte

Dieser Teil der Rosskur – so gewaltig die Anstrengung auch erscheint – genügt jedoch nicht, um wieder zu Wachstum zurückzufinden. Dazu müssen wir zunächst dem Rückgang der Erwerbsbevölkerung in Europa entgegentreten: Längere Lebensarbeitszeit, höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, Arbeitsmarktreformen, um die Einstellung von Arbeitskräften zu erleichtern, und eine Kombination aus Qualifizierung und Kürzung von Sozialleistungen, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Gerade die hohe Arbeitslosigkeit in den Krisenländern unterminiert die künftigen Wachstumsaussichten, weil wertvolle Qualifikationen verloren gehen.

Kritiker werden an dieser Stelle zu Recht einwenden, dass die wirtschaftliche Lage in weiten Teilen Europas zu schlecht ist, um die Beschäftigungsquote zu steigern. Deshalb wäre es im Zuge dieser Reformen sehr wohl angezeigt, ein letztes Mal die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren, zum Beispiel durch Investitionen in Infrastruktur.

Ein weiterer Ansatzpunkt zur Erhöhung der Zahl der Erwerbstätigen ist eine gezielte Zuwanderungspolitik. Dabei muss der ökonomische Nutzen im Vordergrund stehen, wie im Falle Deutschlands bereits vor Jahren von der Bertelsmann Stiftung gefordert. Dies setzt eine Auswahl der Zuwanderer nach Qualifikationsniveau voraus, ähnlich wie dies klassische Einwanderungsländer wie Kanada und Australien vorexerzieren.

Der zweite Faktor ist die Produktivität der Erwerbstätigen. Hier kommt es vor allem auf deren Qualifikation und Ausrüstung an. Mit mehr Kapital für Investitionen in Infrastruktur – Beispiel schnelles Internet – und Maschinen und Anlagen – Stichwort Automatisierung und Roboter – und Bildung kann Innovation gefördert werden. Wer im globalen Wettbewerb bestehen will, kann dies nur mit einem herausragenden Bildungssystem. In der Schweiz, beispielsweise, erzielen 43 von 1000 Schülern Höchstleistungen in Mathematik. In Deutschland liegt der entsprechende Wert bei 26. Kein Wunder, dass die Schweiz bei Hightech-Exporten pro Kopf fast das Dreifache des deutschen Niveaus erreicht. Dabei ist Deutschland noch eines der führenden Länder Europas, was die Leistungen des Schulsystems betrifft.

Ende der Wohlstandsillusion

Die Rosskur wäre nicht populär. Besitzstände aller Bevölkerungsgruppen wären tangiert. Die Vermögenden müssten ihren Beitrag zur Beseitigung der faulen Schulden und zur Finanzierung der dringend nötigen Investitionen leisten. Arbeitnehmer müssten länger arbeiten und sich weiter qualifizieren. Unternehmen müssten, wollten sie einer höheren Besteuerung entgehen, mehr investieren. Der Staat müsste, statt zu konsumieren, mehr investieren und die Politiker müssten ihren Wählern verdeutlichen, dass es ohne mehr Anstrengung und Investition nicht möglich sein wird, den Wohlstand zu erhalten und zu Wachstum zurückzukehren.

Zur Abmilderung der sozialen Folgen sollten Notenbanken und Staaten den zwingend erforderlichen Anpassungsprozess noch einmal begleiten. Ein Instrument könnte tatsächlich das zurzeit intensiv diskutierte „Helikopter-Geld“ sein. Gemeint ist die direkte Finanzierung von Staatsausgaben durch die Notenbanken in Form von Geldgeschenken an den Staat. Mit Blick auf die Erfahrungen der Hyperinflation der Weimarer Republik sicher ein Risiko. Doch denken wir in Alternativen: ist eine noch extremere Fortsetzung der Politik der letzten 30 Jahre besser als das kalkulierte Risiko einer gezielten Intervention zum Anstoß und zur Begleitung eines radikalen Reformprozesses?

Ich habe allerdings wenig Hoffnung, dass die Vernunft sich durchsetzt. Als der französische Ökonom Thomas Piketty Wirtschaftsminister Gabriel besuchte, zeigte der sich erfreut von dessen Thesen zu höherer Umverteilung und Besteuerung, weil er doch gerne vier Milliarden mehr für Bildung ausgeben würde. Sicher: ein richtiger Gedanke. Doch warum er zuvor lieber 180 Milliarden Euro (oder mehr, je nach Schätzung) für die Rente mit 63 – die in jeder Hinsicht im eklatanten Widerspruch zu dem steht, was wir tun müssten – ausgegeben hat, ließ er offen. Konsum statt Investition bleibt eben das Motto der Politik.

30 Kommentare
  1. Johannes says:

    „Ich habe allerdings wenig Hoffnung, dass die Vernunft sich durchsetzt.“ Liegt womöglich daran, dass sich das „postfaktische Zeitalter“ seinen Weg bahnt. Mehr hier:

    http://www.wiwo.de/politik/deutschland/einblick-postfaktische-zeiten-als-kollektive-selbsthypnose/14583246.html

    Gegen den „Postfaktismus“ :-) ist die Vernunft machtlos. So auch das Fazit des oben verlinkten Artikels:

    „Die Bundeskanzlerin hat dem postfaktischen Zeitalter der Gefühle übrigens ihr eigenes entgegengesetzt. Sie hat „das absolut sichere Gefühl“, dass wir aus dem Schlamassel besser herauskommen, als wir hineingeraten sind. Ein absolut sicheres Gefühl – das ist das Höchstmaß an Faktizität und Geltung, das im postfaktischen Zeitalter vorstellbar ist.“

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  2. Dietmar Tischer says:

    Makellos.

    Die schönste Formulierung:

    >Notenbanken erfinden nichts und bekommen auch keine Kinder.>

    Ich kritisiere den Beitrag dennoch, wobei ich an dem Ausführungen an sich nicht das Geringste auszusetzen habe.

    Es geht mir darum, dass er die Sanierung NUR mit Blick auf die Wiederherstellung einer Vorkrisensituation dargelegt wird. Das ist insoweit richtig und auch notwendig, wie es um eine GEORDNETEN Ausgang aus der Krisensituation geht.

    ABER:

    Die Krise ist – wie dargelegt – auch durch Entwicklungen entstanden, welche die Herstellung einer Vorkrisensituation zumindest nicht ratsam und wahrscheinlich sogar unmöglich machen.

    Das MUSS man mitdenken, aber – ich antizipiere Ihre Antwort, Dr. Stelter –, kann im Artikel nicht dargelegt werden, weil es die Leser überfordern und das Hauptanliegen, überhaupt zu einer geordneten Lösung zu kommen, was sicher die Primäraufgabe wäre, überfrachtend entwerten würde.

    Das ist ein hinreichender Grund, am Cicero-Artikel nichts ändern zu wollen.

    Hier, am Blog, dennoch:

    Wenn wir eine alternde Gesellschaft werden, der man gegensteuern, sie aber in der Tendenz nicht ändern kann, heißt dies:

    mehr Betreuungsleistungen, NIEDRIGERE Arbeitsproduktivität.

    Das muss letztlich das perspektivische Ziel sein mit Blick auf eine STABILE Gesellschaft mit möglichst geringer Arbeitslosigkeit.

    Für den ÜBERGANG brauchen wir natürlich eine steigende Produktivität, um ihn finanzieren zu können.

    Damit wird die Sanierung allein schon UNSERER Wirtschaft ein Riesenproblem:

    Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, in der einige mit hoher Produktivität hohe Einkommen erzielen und andere mit geringerer niedrige?

    Soviel ganz kurz zur Problemlösung hinter der Problemlösung.

    Anmerkung:

    Sie plädieren für Helikoptergeld im KONTEXT einer Sanierung. Das ist intellektuell einwandfrei.

    Man wird sie aber missverstehen (wollen) und „interpretieren“:

    Jetzt sogar der erfahrene Wirtschaftspraktiker Dr. Stelter für Helikoptergeld!

    Dann nur zu – OHNE den ganzen Rest, der sich sowieso nicht durchsetzen lässt.

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      • Dietmar Tischer says:

        TYPISCH Partei, typisch auch FDP.

        „Neue Ideen für eine Diskussion“:

        Natürlich und was denn sonst, um mit einer Diskussion ins Gespräch zu kommen.

        Das ist angesichts der Medienmechanismen und Wahrnehmungsselektion in der Öffentlichkeit nur zu verständlich.

        Es ist aber für eine Partei, die nicht nur an die Macht kommen, sondern auch das RICHTIGE schaffen will, beschämend.

        Denn Redlichkeit, Wissen und Mühe, um Erkenntnis zu erlangen – VORASSETZUNG für richtige und nicht nur mehrheitsfähige Politikgestaltung – werden hier vollkommen missachtet.

        Wenn die FDP überhaupt fähig ist, die grundlegenden Probleme zu verstehen, sollte einfach mal ehrlich sein und sagen:

        Wir können im Politikbetrieb nur weitermachen und dabei dieses oder jenes etwas anders gestalten, aber das fundamentale Krisenproblem können auch wir nicht lösen.

        Das ist so, wie Adenauer schon gewusst hat:

        Man muss die Menschen nehmen wie sie sind. Es gibt keine anderen.

      • Dieter Krause says:

        …“Teil unseres FDP-Programmes“? – Ich wußte gar nicht, dass Sie FDP-Mitglied sind, Dr. Stelter! – Aber wäre es für die Zukunft nicht besser, Sie wären Wirtschaftsberater von Herrn Gabriel oder Frau Petry (Frau Merkel schreibe ich hier schon mal ab)? Was will denn eine FDP in einer möglichen CDU/Grünen/FDP-Kolition ab Herbst 2017 von ihren marktliberalen Ideen eigentlich umsetzen? Vielleicht FREE BANKING – also konkurrierende Währungen a la Hayek? Zur Euro-Sanierung (mit möglchen Austritt Italiens aus dem Euro?) habe ich von Herrn Lindner bis heute keinen vernünftigen Satz gelesen – ist momentan wohl auch nicht sein Thema oder? Da dürfte ihn wohl auch die politischen Delirien aus der Zeit von 2009 bis 2013 in Berlin etwas abschrecken!

    • Michael Stöcker says:

      „Wie hält man eine Gesellschaft zusammen, in der einige mit hoher Produktivität hohe Einkommen erzielen und andere mit geringerer niedrige?“

      Über das Steuersystem. Und wenn es nicht über höhere Grenzsteuersätze geht, dann eben über die Inflationssteuer via Helikoptergeld. Am besten eine Kombination aus beidem.

      Wie messen Sie zudem Produktivität und sodann den Preis bzw. Wert in einer Zahlungswirtschaft? Ein nur scheinbar gelöstes Problem: http://tracksofthoughts.blogspot.de/2010/09/das-wertproblem.html.

      LG Michael Stöcker

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  3. Anna says:

    Mir ist bang bei der Vorstellung, dass sich niemand findet, der das hier heute Vorgebrachte ernst nimmt. Es klingt die Mail vom FDP-… so, als wünsche er nun auch endlich mal andere Vorschläge, die nicht so harsch klingen. Und die FDP soll doch die sogenannte Partei der Besserverdienenden sein. Dort müsste dann doch auch etwas Wirtschaftsverstand zu Hause sein. Wenn dort also nur so wenig Verständnis zu finden ist, wie soll es dann bei den anderen Parteien aussehen? Und wer soll solche Vorschläge dann überhaupt zur Umsetzung bringen?

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  4. weico says:

    Zum Thema säkularen Stagnation äussert sich auch Hr. Sinn in folgendem Artikel:

    http://www.fuw.ch/article/saekulare-stagnation-oder-selbst-produziertes-siechtum/

    Das Problem wird auch hier wiederum zwar erkannt und es gibt viele theoretische Ansätze zu einer „Lösung“ .. aber praktisch durchführbar sind sie keineswegs.

    Viele Leute reden von WIRTSCHFT und blenden dabei schlicht aus ,dass es eigentlich WIRTSCHAFTSKRIEG heissen solle.

    Die ersten Sätze vom wiki-Eintrag über Krieg …passt wunderbar auch zur Wirtschaft(en) :

    „Krieg ist ein organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflik an dem oft mehrere planmäßig vorgehende Kollektive beteiligt sind. Ziel der beteiligten Kollektive ist es, ihre Interessen durchzusetzen. Der Konflikt soll durch Kampf und Erreichen einer Überlegenheit gelöst werden.“

    Wer diese Definition von Wirtschaft(en) absolut unpassend findet,der streiche einfach die „Wörter Waffen,Gewalt und Kampf“ und lese es dann nochmals.

    Herr Stadermann ( Mitstreiter der Eigentumsökonomik zusammen mit Steiger/Heinsohn usw.) hat herrlich aufgezeigt , wie US-„Freihandel“ und „Finanzkriege“ miteinander zusammenspielen.

    http://www.unser-geld.com/home/der-freihandel-amerikas/

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  5. Dietmar Tischer says:

    Die Kernaussagen von H.-W. Sinn lautet:

    >Einige Volkswirte glauben, es zeige sich hier das schon von Alvin Hansen beschriebene Phänomen der säkularen Stagnation, der selbst wiederum gedankliche Anleihen beim Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate von Karl Marx gemacht hat. Wegen der allmählichen Erschöpfung der rentablen Investitionsprojekte sei der natürliche Realzins immer weiter gesunken, sodass die Wirtschaft nur bei einem entsprechend fallenden Geldzins stabilisiert werden könne. …

    Ich sehe vielmehr einen ganz anderen Mechanismus hinter dem Geschehen, den ich selbst produziertes Siechtum nenne.

    Man versteht diese Hypothese am besten vor dem Hintergrund des schumpeterschen Konjunkturzyklus. Aufgrund von Erwartungsfehlern bilden sich in einer Marktwirtschaft regelmässig Kreditblasen mit stark wachsenden Asset-Preisen, die platzen und danach wieder neues Wachstum ermöglichen. Investoren kaufen in Erwartung steigender Preise und Einkommen Wohn- und Gewerbeimmobilien, und sie wagen neue Unternehmungen. Weil sie das tun, steigen die Immobilienpreise, …
    Dann platzt die Blase. Die Ökonomie kollabiert, und die Immobilienpreise fallen, Unternehmen und Banken gehen in Konkurs, Grundstücke, Fabrikgebäude, Wohnhäuser und nicht zuletzt Arbeitskräfte werden frei. Bei niedrigen Preisen und günstigen Arbeitslöhnen steigen wieder neue Investoren ein, die neue Unternehmen mit neuen Geschäftsideen aufbauen. Nach der schöpferischen Zerstörung setzt eine neue Gründerzeit ein.
    In der gegenwärtigen Krise wurde die schöpferische Zerstörung, die die Basis des neuen Aufschwungs hätte sein können, durch die Geldpolitik der Zentralbanken verhindert, die sich von den Vermögensbesitzern hatten einreden lassen, durch gross angelegte, mit der Druckerpresse finanzierte Anleihenkäufe und entsprechende Zinssenkungen könne man den schumpeterschen Konjunkturzyklus überwinde … >

    Ich glaube, dass H.-W. zu KURZ greift, wenn er das Problem auf die „gegenwärtige Krise“ (die ab der 80er Jahre mit wachsender Verschuldung oder die ab 2007 nach Lehman?) REDUZIERT und sie URSÄCHLICH der GELDPOITIK der Zentralbanken zurechnet – und zwar ALLEIN deren Geldpolitik.

    Meine Hypothese lautet wie folgt:

    In einer Wirtschaft, die im Wesentlichen durch Gütersättigung und hohe Produktivität der gütererzeugenden Unternehmen geprägt ist, kann Rendite nicht mehr über Mengensteigerungen zu konstanten oder inflationsbedingt leicht steigenden Marktpreisen erzielt werden. Der Renditewettbewerb führt auf der Unternehmensebene zu einer Strategie der KOSTENSENKUNGEN. In den 90er Jahren hat u. a. McKinsey landauf, landab überall seine Gemeinkostenanalyse angedient, um den Unternehmen beim Kostensparen zu helfen. Dr. Stelter ist vertraut mit diesem Gewerbe und kann das bestätigen. Der andere Ansatzpunkt der Unternehmen war Kostensenkung durch Skaleneffekte. Damit wurden – auch bei zunehmender Verschuldung – Fertigungskapazitäten der Automobilindustrie in Europa um mehr als 20% über das normale Absatzvolumen hinaus ausgeweitet. Ist heute noch gang und gäbe: nicht nur im verarbeitenden Gewerbe, sondern auch in der Logistik immer größere Schiffe für immer mehr Container, im Handel zunehmende Konzentration – hierzulande jüngst Tengelmann/EDEKA/Rewe – um über zunehmende Einkaufsmacht die günstigsten Einkaufsbedingungen zu erlangen.

    Das WACHSENDE Angebot musste Abnehmer finden. Die Lösung: NACHFRAGESTEIGERUNG durch Verschuldung vor allem der privaten Haushalte durch BILLIGE, d. h. zinsgünstige Kredite. HIER kommen die Notenbanken mit einer Überakkommodation der Geldversorgung im Rahmen der Great Moderation (in den 90er Jahren keine nennenswerte Inflation, weil Gewerkschaften wegen Globalisierung in der Defensive) ins Spiel.

    Bis HIERER ist der GESAMTWIRTSCHAFTLICHE KONSENS (Politik, Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Banken, Kapitalsammelstellen etc.) ursächlich für die Entwicklung verantwortlich. Niemand wollte hohe bzw. steigende Arbeitslosigkeit durch das Ausscheiden von Unternehmen im Renditewettbewerb. Das genügte, der Rückgriff auf den Schumpeterschen Konjunkturzyklus ist – wenn man ihn genau nimmt, d. h. durch INNOVATIONEN initiiert – m. A. n. irreführend. Wenn Unternehmen in den entwickelten Volkswirtschaften unter Druck gerieten, dann durch die Globalisierung und die dortigen Billiglöhne, aber nicht durch „schöpferische Zerstörung“. Die haben wir JETZT durch die Digitalisierung und das Internet, aber (noch) nicht mit dem von H.-W. Sinn implizierten Wirkmechanismus.

    Ab 2007, d. h. nach Lehman setzt H.-W. Sinn m. A. n. auch nicht richtig auf, wenn er den WEITEREN Verlauf bis zur Krise und in der jetzigen Krise vor allem an den Notenbanken festmacht.

    Die schöpferische Zerstörung durch INSOLVENZEN und damit ENTSCHULDUNG ist erstens keine schöpferische durch Innovationen im Sinne Schumpeters – die Digitalisierung löst nicht das Verschuldungsproblem – und sie wird zweitens nicht durch die Notenbanken verhindert, sondern nach wie vor durch die Politik und die oben genannten Interessenvertreter. Die Notenbanken sind (lediglich) deren INSTRUMENT.

    Das ganze Geschehen kann man mit H.-W. Sinn durchaus selbst produziertes Siechtum nennen.

    Wenn meine Hypothese stimmt:

    Ein Siechtum mit einer BISHER nicht außer Kraft setzbaren Konsens-Logik.

    Der Konsens bröckelt …

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  6. Rob says:

    „Im Fall der Eurozone bedeutet dies, dass sich Gläubiger und Schuldner an einen Tisch setzen und wie bei einer Unternehmenssanierung die untragbar gewordenen Schulden abschreiben.“

    Im Prinzip richtig, aber dann passiert das, was nicht passieren sollte: der gemeine Steuerzahler, der die Verschuldungsdynamik nicht verschuldet hat (oder meinetwegen: sich nichts hat zuschulden kommen lassen). Erinnern wir uns daran, dass der Staat die faulen Forderungen der (französischen und deutschen Banken) übernommen hatte.
    Eigentlich müsste man analysieren, wer damals die großen Kreditgeber „hinter“ den Banken waren, und dann über eine geeignete Belastungsschlüssel beim Abschreiben der Schulden reden.

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    • Dietmar Tischer says:

      Die „großen Kreditgeber“ waren VIELE kleine und nicht ganz so kleine Anleger und Geldsparer, die Banken und die Kapitalsammelstellen (Versicherungen, Fonds etc.). Sie haben legitimiert oder waren als Entscheider legitimiert, Kredite zu geben mit der Zielsetzung, ein Maximum an Return zu erwirtschaften.

      Das ist systemkonform.

      Wenn das System zu entgleisend droht durch übermäßige Kreditvergabe, wie etwa 2010 durch Griechenland, dann waren mit Blick auf das sich anbahnende Desaster FALSCHE Entscheidungen getroffen wurden und – im Einklang mit den Spielregeln – Handlungsfreiheit impliziert die Haftung für das Ergebnis – kann man, ja sollte man fordern, dass die Verursacher zur Kasse gebeten werden.

      Soweit, so gut und richtig.

      Wenn aber DADURCH oder DARÜBER HINAUS das System kollabiert mit unabsehbarem Schaden für ALLE, dann muss alles getan werden, um dies zu verhindern.

      Heißt:

      Wenn nicht anders möglich, muss auch der Steuerzahlung belastet werden.

      Die Systemfunktionalität hat ABSOLUTEN Vorrang, weil bei Systemversagen gerade die „kleinen Leute“ am meisten leiden.

      In der Realität auch dies:

      Die Deutsche Bank hat aus heutiger Sicht in der Vergangenheit FALSCH entschieden und ist daher jetzt in großen Schwierigkeiten.

      Das hat bisher keinen Gläubiger der Deutschen Bank und auch keinen Steuerzahler etwas gekostet (sage ich mit Blick auf etwaige Rettungskosten, nicht bezüglich des ungeheuren Schadens für den sie nun bestraft wird).

      Gekostet hat dieses Unternehmensdesaster ganz sicher die EIGENTÜMER:
      Vor wenigen Jahren war eine Aktie der Deutschen Bank etwas mehr als EUR 110 wert, jetzt kostet sie etwas über EUR 10. Das ist ein Verlust von ca. 90%.

      Das System funktioniert schon noch.

      Antworten
      • Rob says:

        „Wenn aber DADURCH oder DARÜBER HINAUS das System kollabiert mit unabsehbarem Schaden für ALLE, dann muss alles getan werden, um dies zu verhindern.

        Heißt:
        Wenn nicht anders möglich, muss auch der Steuerzahler belastet werden.“

        Bei der Kollabiergefahr muss man schon unterscheiden. Im Zuge der Lehmankrise waren die Rettungsaktionen durch den Staat unabdingbar. Stichwort Kettenreaktion.
        Heute aber – der Schuldenschnitt, von dem Stelter redet – kann mehr oder weniger in Ruhe überlegt werden, wie der Schuldenschnitt gestaltet wird.

        Natürlich müsse man nicht undifferenziert die Sparer hinter den Banken belangen. Schließlich waren es in erster Linie die Banken, die ohne Risikomanagement Kredite vergaben. Im Wesentlichen war ich auf die im Exportgeschäft erwirtschafteten Überschüsse aus, die wiederum über die Banken als Kredite ans Ausland vergeben wurden, damit das Exportgeschäft auf diese Weise „weitere Runden“ drehen kann.

  7. Rob says:

    „Schulden sind nichts anderes als vorgezogener Konsum. Und diese Nachfrage fehlt heute.“

    Zur Klarstellung: im Aggregat gibt es keinen vorgezogenen Konsum. Dies zu sagen ist nicht überflüssig, weil viele Leute meinen, dass dies ein allgemein vorkommendes Phänomen sei, das zu Lasten der kommenden Generation ginge. Unsinn.
    Der Blick soll dafür geschärft werden, dass die Schulden „lediglich“ dokumentieren, wie auf der Mikro-Ebene Konsum und Einkommen nicht „zusammen passen“. Was natürlich auch klar ersichtlich macht, dass es auch ein nicht zusammen passen von Konsum und Einkommen gibt, bei dem die Einkommen deutlich höher sind als der Konsum. Das zweite „Problem“ verursacht das erste (und echte) Problem. Denn sonst gäbe es ein Nachfrageproblem (und wie Stelter zu Recht anmerkt) und ohne Nachfrage auch keine Vermehrung von Vermögen.

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  8. weico says:

    Viele der kleinen Anleger und Sparen (und auch viele der „Grossen“) verstehen schlicht nicht, wass es eigentlich heisst Ihr Geld einer Bank anzuvertrauen. Sobald sie Ihr Geld auf einem Bankkonto haben, ist es nicht mehr Ihr Geld… sondern es besteht lediglich eine Forderung darauf.

    Ebenso haben die Leute,im Zeitalter des bargeldlosen Zahlungsverkehrs schlicht „vergessen“,dass rechtlich gesehen (als Beispiel Schweiz) nur Banknoten,Bankmünzen und Sichtguthaben bei der SNB, als gesetzliches Zahlungsmittel gelten.

    Der Staat wir , bei einem Crash,dann schlicht auf das herrschende Gesetz verweisen und im Einklang mit geltendem Recht das System neu starten. Frei nach dem Motto : ignorantia iuris nocet

    Antworten
  9. Dietmar Tischer says:

    @ Rob, 17. Oktober, 20:17

    >Bei der Kollabiergefahr muss man schon unterscheiden. Im Zuge der Lehmankrise waren die Rettungsaktionen durch den Staat unabdingbar. Stichwort Kettenreaktion.

    Heute aber – der Schuldenschnitt, von dem Stelter redet – kann mehr oder weniger in Ruhe überlegt werden, wie der Schuldenschnitt gestaltet wird.>

    Heute – das würde ich bezweifeln, auch wenn das nicht mehr Lehman ist.

    Was ist wenn die italienischen Banken eine nach der anderen pleitegingen?

    Gut, die EZB ist in anderer Verfassung, aber dennoch.

    Was Dr. Stelter empfiehlt ist in der Tat etwas andere, weil GEWOLLTES.

    Ich bin mir aber nicht sicher, ob nicht die Gesellschaft „kollabieren“ würde mit Blick auf soziale und politische Reaktionen.

    Es ist zwar rational, was er vorschlägt, aber verlustreich für viele Menschen.

    DAS ist für sie entscheidend, nicht die Rationalität einer geordneten Entschuldung und auch nicht die Tatsache, dass die Verluste manifest sind, auch wenn sie noch nicht realisiert wurden.

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    • Rob says:

      Neuerdings sind meine Erkenntnisse einigermaßen erweitert worden, und zwar anhand der Lektüre einiger Beiträge betreffend der Schulden in China. Stichwort: Fehlallokation und in der Folge hochverschuldete Unternehmen (bisher hatte ich etwas zu einseitig die Ersparnisse der „1%“ als Ursache der persistenten Verschuldung angesehen).

      Nun zum Zusammenhang mit einem zu treffenden Entschuldungsmodus.
      Wenn man so will, war der 2. Weltkrieg wirtschaftlich eine einzige Fehlallokation, z.B. der Amerikaner. Der Staat musste entschuldet werden. Was hat man im Wesentlichen gemacht? Unter anderem mit Hilfe von Spitzensteuersätzen von 91% wurden die Staatsverbindlichkeiten nach und nach gedrückt.

      Offensichtlich hatte es damals kein großes Geheule gegeben. Warum sollte es heute nicht möglich sein, auf ähnliche Weise zu einer Entschuldung zu kommen?

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      • Dietmar Tischer says:

        Es war letztlich nicht der Spitzensteuersatz, mit denen die USA von ihren enormen Schulden nach WKII heruntergekommen sind.

        Es war das WACHSTUM, das durch die Produktion von und Massenversorgung mit vor allem langlebigen Wirtschaftsgütern, wie Automobilen, Kühlschränken, Waschmaschinen etc. erzielt wurde.

        Das ist NICHT reproduzierbar mit/für eine warengesättigte alternde Gesellschaft.

        Deshalb trägt Ihr Gedanke nicht.

        Ihnen kreide ich die Überlegung nicht an, wohl aber P. Krugman, der die Nachkriegsentschuldung der USA in seinem Blog als Beleg dafür angegeben hat, dass dies heute wieder machbar sei und daher wachsende Staatsverschuldung die Lösung sei.

        Mit derartigen völlig unangemessenen Vergleichen macht dieser Nobelpreisträger Politik.

        Ich urteile damit nicht über ihn als Wissenschaftler, ich nehme ihn einfach nicht ernst für eine seriöse Debatte.

      • Rob says:

        > Es war das WACHSTUM, das durch die Produktion von und Massenversorgung mit vor allem langlebigen Wirtschaftsgütern, wie Automobilen, Kühlschränken, Waschmaschinen etc. erzielt wurde.

        Dieses Wachstum wäre aber ohne die Entschuldung über die hohen Spitzensteuersätze ziemlich begrenzt, weil weniger ausgegeben werden könnte. Siehe heute.

        > Das ist NICHT reproduzierbar mit/für eine warengesättigte alternde Gesellschaft.

        Es gibt keine warengesättigte Gesellschaft. Nirgendwo. Viele Leute würden sich gerne (z.B.) ein größeres Auto kaufen, wenn sie das Geld dafür hätten.

  10. Dietmar Tischer says:

    @ Rob

    Natürlich gibt es keine Gesellschaft, die so „gesättigt“ ist, dass überhaupt keine Bedarf an Waren bzw. Produkten besteht.

    Es gibt aber „reiche“ Gesellschaften, deren Bevölkerung derart wenige Produkte kaufen, dass man sehr wohl von Sättigung sprechen kann (und anderen Ursachen, wie Alterssparen).

    Das ist FAKT (mit Bezug auf das bestehende Warenangebot)

    Diese Gesellschaften sind alternde Gesellschaften.

    Selbst, wenn man alles richtet, geordnete Entschuldung etc., wird es die Wachstumsraten der unmittelbaren Nachkriegsjahre der USA dort wie auch in den anderen entwickelten Volkswirtschaften auf lange Zeit auch nicht annähernd geben.

    Wir können nicht aus den Schulden herauswachsen.

    Das ist Floskeln nicht wegzudiskutieren.

    Wenn Sie mir das nicht abnehmen wollen, dann lassen Sie sich das hier am Blog von anderen bestätigen.

    Antworten
  11. Dietmar Tischer says:

    @ Rob

    Nachtrag:

    Ihr Verweis mit „Siehe heute“ auf heute ist der Fehler, den Sie begehen.

    Die fundamentalen realen Unterschiede zu gestern (unmittelbare Nachkriegszeit) sind so GROSS, dass sie das überspielen, was heute so wie gestern ist.

    Sehen die nicht, die gestern Gelerntes, das für gestern richtig war, heute als Heilmittel anpreisen.

    Antworten
    • Rob says:

      Die Unterschiede zur Nachkriegszeit sind in der Tat sehr groß. Ich widerspreche aber dass man bei *uns* von Sättigung sprechen kann. Alterssparen ist *eine* Ursache (quasi zu hohe Sparquote), aber andererseits auch: vielfach zu geringe Einkommen, um die Nachfrage beleben zu können. Nicht von ungefähr gibt es die Helikopterdiskussion.
      Ich gebe auch zu bedenken, dass neuere Studien des IMF darlegen, dass Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit volkswirtschaftlich besser dastehen.

      Ihr letzter Satz ist etwas deplatziert. Auch wenn ich Fehlallokationen nun mehr im Blick habe (und es noch weiter durchdenken muss), ändert das nichts an der Beurteilung, dass die ungleiche Kaufkraftverteilung (und die entsprechend überhöhte Sparquote bei den höheren zwei Einkommensdezilen) in starkem Maße die schwache Nachfrage bestimmt.

      Nachtrag zu Wachstum: im Vergleich zu damals und heute sollte man das Wachstum pro Kopf auch im Blick haben, denn sonst wird die Wahrnehmung verzerrt.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Wir müssen dieses Thema nicht ewig weitertreiben.

        Nur soviel noch dazu:

        Es spielt vieles zusammen für die relative Nachfrageschwäche bezüglich des Angebots (Produktion).

        Der demografische Faktor steht für mindestens zwei Ursachen:

        Sättigung und Alterssparen.

        Vielfach zu geringe Einkommen, war hier nicht das Thema, ist aber auch ein Faktor.

        Dazu ist zu sagen:

        Wenn eine Gesellschaft aufgrund der Globalisierung und Demografie ihre Ressourcen anders einsetzt, weg von der Güterherstellung hin zu den weniger produktiven Dienstleistungen, dann ist das NOTWENDIGERWEISE mit einer Spreizung der Einkommen und einer Änderung des gesamtwirtschaftlichen Nachfrage verbunden.

        Kurzum, das alles und mehr bestimmt das Wachstum und damit die Fähigkeit, der Verschuldung zu entkommen.

        Welchem Faktor im Mix der Faktoren welche Bedeutung zukommt, ist eine andere Frage.

        Sättigung mit Blick auf die BESTEHENDEN Angebotsstrukuren ist definitiv ein gewichtiger Faktor.

        Das ist es nun aber aus meiner Sicht.

  12. Gordon Rusch says:

    Sehr geehrter Herr Dr.Stelter,

    zum Thema Produktivität muss man konsequent feststellen, dass diese in den Industrienationen wie Deutschland,UK oder Amerika nicht ins unendliche steigern kann. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo durch Robotik und Computertechnologien der Mensch nicht mehr gebraucht wird. Es werden also strukturell andere Wirtschaftsideen und Sozialideen gebraucht. Teil der Lösung kann nur ein bedingungsloses Grundeinkommen wie in Finnland sein und eine individuellere und kulturelle Schöpfung von Arbeit darstellen. Der Bevölkerung und den Staatlichen Führungsentscheidern muss klar werden, dass es von Grund auf neue Ansätze Bedarf. Richtig ist, dass es zu einem Schuldenschnitt kommen muss, der durch die Banken erbracht werden muss. Geschäftsbanken wie die Deutsche Bank müssen entschärft und danach abgewickelt werden. Diese Banken werden in Zukunft entweder ein neues Geschäftsmodell brauchen oder aus systemtechnischen Gründen Pleite gehen. Ein Wirtschaftskreislauf der die Gelder in Bankenbilanzen mit Derivaten führt, ist nicht produktiv und effektiv. Zur Rolle von Zentralbanken und Helikopter Geld muss man zum Ergebnis kommen, dass diese Lösung aus politischen Gründen unabwendbar ist und den Abschluss des Geldexperiments bildet. Der Euro ist gescheitert und es werden Schuldenschnitte und eine Umverteilung der Schulden kommen müssen. Aber es ist wichtig eine neue Ebene in der Wirtschaft und eine Umsteuerung der Investition zu erreichen. Ein weiter so in Form von Zentralismus und nicht nachhaltigem Handeln und Wirtschaften geht nicht mehr. Man kann aus den Kernländern und wirtschaftlich starken Regionen und Leuchttürmen nichts mehr raus holen. Ein komplettes Umsteuern ist anabdingbar. Die Vernunft in der Politik wird einsetzen und ist alternativlos. Nach dem Helikoptergeld, dem Schuldenschnitt,der Währungsreform und der Umverteilung hin zur Unter und Mittelschicht ist aus Sozialpolitischen Gründen sinnvoll. Danach müssen wieder wirtschaftliche Vernunft greifen: Niedrige Realzinsen, Nationale Finanzpolitik, Wachstumsimpulse, Gesundung der Gesellschaft und eine Vereinfachte Steuer und Sozialpolitik. Wir befinden uns am Ende des abgeflachten Wachstumszykluses und des Schuldenturms.

    Antworten
  13. Jens Happel says:

    Ich denke der Artikel spricht die relevanten Probleme an, bei einigen Lösungsvorschlägen glaube ich, dass sie zu kurz greifen.

    Speziell zur Verschuldung der Staaten.

    In unserem Giralgeldsystem sind die Schulden und die Geldbestände die beiden Seiten der gleichen Münze. Das Bargeld macht weniger als 20% aus, das lasse ich mal außen vor.
    Es ist Prinzip bedingt nie genug Geld da, da bei der Giralgeldschöpfung die Zinsen nicht mitgeschöpft werden. Deswegen muss die Geldmenge und damit die Schuldmenge kontinuierlich wachsen. Dies wird im Prinzip auch von allen VWLern so gesehen. 2% Inflation gilt allgemein eigentlich als unkritisch.

    Dies bedeutet aber auch, dass sich jedes Jahr auf neue jemand bereit erklären muss MEHR neue Schulden zu machen als, dass alte Schulden getilgt werden.

    Ich will jetzt in keinster Weise einer ausufernden Staatsverschuldung, das Wort reden, aber irgendjemand muss stets mehr neue Schulden machen.

    Prädestiniert für Schulden sind eigentlich die Unternehmen, da diese mit diesem (Schuld-) Geld investieren und so eine Rendite erzielen, die höher als die Zinsen für das Darlehen sind.
    Somit haben Unternehmen eigentlich keine Probleme mit Schulden, solange sie diese klug investieren UND es ausreichend Wachstum gibt!!!

    Zur Zeit ist es hingegen so, dass seit einigen Jahren die Unternehmen Nettosparer geworden sind und teilweise so viel Geld horten, dass sie nicht mehr wissen wohin damit. So gab es unzählige Aktienrückkaufprogramme teilweise haben Firmen gleich selbst eine Bank mit dem dem Geld gegründet, z.B. Fa. Trumpf.

    Es stellt sich die Frage, warum die Firmen nicht investieren? Eine Umfrage der EZB lässt vermuten, dass die Nachfrage zu gering ist, was eigentlich für zu geringe Löhne spricht. Können wir diese erhöhen und trotzdem wettbewerbsfähig bleiben?

    Deutschland löst sein „Schuldenproblem“ über das Ausland, dieses verschuldet sich zunehmend bei uns. Die ist die Kehrseite des Exportweltmeisters. Ihre Ausführung über die nötigen Schuldenschnitte zeigt, dass dieses Model auch nicht nachhaltig ist.

    Alternativ könnten die Firmen höher besteuert werden, dies wird in der EU und USA aber kaum gelingen. Hier gibt es eher einen andauernden Unterbietungswettbewerb. Die EU mit ihrem nationalen Steuerdschungel bietet hier zudem viele Möglichkeiten.

    Zur Zeit versucht die EU-Kommision unter deutscher Anleitung, die ganze EWU auf deutschen Kurs zu bringen. Sprich die EWU ist mittlerweile Nettoexporteur. Auch China, Japan und Korea sind Nettoexporteur. Einzige nennenswerte Nettoimporteuere sind die UK und die USA. So gesehen muss sich erst noch zeigen, ob die EWU bei den Brexit Verhandlungen am längeren Hebel sitzt oder ob die EWU ein Herr TurTur ist.

    Der USA unter Trump wird keine andere „Lösung“ bleiben, als dass der Staat sich weiter kräftig verschuldet, vor allem dann, wenn er mit seinen Steuersenkungsplänen ernst macht. Wie lange diese Verschuldungsorgie gut geht, die im übrigen die andere Seite des gigantischen Handelsdefizit der USA ist, ist in meinen Augen ungewiss.

    Kurz. Ich glaube unsere derzeitiges Geldsystem ist nicht kompatibel mit der aktuell vorherrschenden Wirtschaftslehre und Politik.

    Das größte Problem sind jedoch die extremen Handelsungleichgewichte, Sie sind die Ursache für die hohen Schulden diverser Staaten. Es zeugt in meinen Augen von ziemlicher Inkompetenz sich über die Schulden diverser Staaten zu beschweren, aber die Handelsungleichgewichte als absolut problemlos abtut. Hiermit meine ich nicht Sie Herr Stelter.

    In die gleiche Richtung geht der Umgang mit Ricardo und dem Freihandel. Ricardo hatte völlig Recht mit den komperativen Vorteilen, aber er ging aber von einer ausgeglichenen Handelsbilanz aus, den es wurden ja von beiden Seiten genau die Waren getauscht, die benötigt wurden. Abgesehen davon ging er vom Goldautomatismus aus. Außerdem setze Ricardo voraus, dass alle Waren, die produziert wurden, auch konsumiert werden und in beiden Volkswirtschaften Vollbeschäftigung herrschte. Den wenn ALLE das produzieren, was sie am besten können und dann die Waren die sie benötigen eintauschen, haben ALLE einen Vorteil davon. Er hat nicht gesagt, dass wir für unsere Waren beliebig viele grüne Scheine bekommen, auf die ein Spaßvogel Dollar geschrieben hat. Von diesen Scheinen kann die USA noch beliebig viele herstellen ;-)

    Kurz, so wie wir den „Freihandel“ organisieren und regeln, ist er ebenfalls nicht nachhaltig.

    Ich behaupte keinesfalls eine Lösung zu haben, aber ich glaube ihre Lösungsvorschläge setzen auch nicht tief genug an.

    Mit freundlichen Grüßen

    Jens Happel

    Antworten

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