„Der Brexit für die Briten alles – aber kein Desaster“

Dieser Kommentar von mir erschien bei Focus: 
Im „Brexit-War-Room“ des Verhandlungsteams des Europäischen Rates soll ein Poster hängen. Darauf ist der belgische Comic-Held Tintin zu sehen, wie er mit einem Ruderboot im stürmischen Meer treibt, während der Kapitän ein riesiges Feuer entfacht. Titel: „Tintin und der Brexit Plan“. Die Nachricht ist klar. Die Briten versenken gerade ihr eigenes Schiff.

Genau dieses Bild vermitteln Medien und Politiker seit dem Votum der Briten, die EU verlassen zu wollen. Hier, die aufgeklärten „Europäer“, dort die in die Irre geleiteten Briten, die nicht wissen, was gut für sie ist. Durch das Chaos der letzten Wochen und vor allem durch die dritte Niederlage von Theresa May im britischen Unterhaus bekam diese Sicht auf das Drama zusätzliche Unterstützung.

Wie immer, wenn alle einer Meinung sind, lohnt es sich, unter die Oberfläche zu blicken. Spricht doch einiges dafür, dass die Briten in einigen Jahren relativ zu uns gar nicht so schlecht dastehen.

1.    Kein Absturz der Konjunktur

Ginge es nach den Experten, müsste sich die britische Wirtschaft heute in einer tiefen Rezession befinden. Alle namhaften Auguren vom IWF bis zur Bank of England haben vor dramatischen Folgen gewarnt, sollten die Befürworter eines Brexit bei der Volksabstimmung Erfolg haben. Der Immobilienmarkt würde kollabieren, der Konsum einbrechen und die Wirtschaft abstürzen. Nichts davon ist geschehen. Zwar stimmt es, dass sich die Preise für Wohnungen im obersten Preissegment in London um circa zehn Prozent ermäßigt haben, dies aber von einem sehr hohen Niveau aus. Ohnehin war eine Korrektur der Londoner Immobilienpreise überfällig. Wenn schon die kurzfristigen Vorhersagen der Experten so falsch waren, weshalb sollte dann die Langfristprognose stimmen?

2.    Heilsamer Schock zur Modernisierung der Wirtschaft

Richtig ist, dass das Pfund, wie vorhergesagt, deutlich eingebrochen ist.  Dadurch wurden Exporte gefördert und Importe verteuert. Ein höchst willkommener Effekt, war doch das Handelsdefizit von rund fünf Prozent des BIP ohnehin nicht auf Dauer tragbar. Die Briten haben seit Jahren über ihre Verhältnisse gelebt und sich dabei im Ausland immer mehr verschuldet. Wie wir am Beispiel der heutigen Krisenländer in der Eurozone gut beobachten können, führt dies früher oder später zu einer Krise. Zwar verfügen die Briten über eine eigene Währung und können deshalb auf Schocks besser reagieren, dennoch war eine Anpassung unvermeidlich. Im Zuge des Brexit stellt die Regierung das bisherige Wirtschaftsmodell infrage und strebt eine Modernisierung und Re-Industrialisierung an. Tiefere Steuern können das Land zudem attraktiv für ausländische Investoren machen. Gut möglich also, dass der Brexit-Schock die Grundlage für einen mittelfristigen Aufschwung der britischen Wirtschaft legt.

3.    Positive demografische Entwicklung

Großbritannien wird spätestens 2050 mehr Einwohner haben als Deutschland. Die Bevölkerung ist kontinuierlich gewachsen und es sieht so aus, als würde sich an diesem Trend nichts ändern. Wir hingegen stehen vor einem dramatischen Rückgang der Bevölkerung von heute rund 82 auf dann 75 Millionen. Daran ändert auch die jüngste Zuwanderung der Migranten aus dem Nahen Osten und Afrikas nichts. Besonders die Erwerbsbevölkerung steht in den nächsten zehn Jahren vor einem dramatischen Einbruch. Da Wirtschaftswachstum im Kern von der Entwicklung der Erwerbsbevölkerung und deren Produktivität abhängt, stehen die Chancen Englands also gar nicht so schlecht.

4.    Attraktiv für qualifizierte Zuwanderung

Die positive Entwicklung der Bevölkerung hat natürlich auch etwas mit der Zuwanderung der letzten Jahre zu tun, die auch zu der Brexit-Stimmung beigetragen hat. Man könnte also davon ausgehen, dass die Briten in Zukunft deutlich restriktiver mit der Zuwanderung umgehen und damit das Wachstumspotenzial beschränken.

Was hier in der Diskussion immer wieder übersehen wird, ist, dass die Befürworter des Brexit keineswegs gegen jede Einwanderung sind. Im Gegenteil, ein Punktesystem wurde nach kanadischem Vorbild diskutiert. Verbunden mit dem Vorteil der Sprache, bliebe das Land damit nicht nur für qualifizierte Zuwanderer attraktiv, es könnte sogar gerade gegenüber der EU noch attraktiver werden. Länder, die sich die Migranten aussuchen können, haben weniger Zuwanderung in Sozialsysteme und deutlich mehr Erfolg bei der Integration. Deshalb sind die Lasten der Umverteilung geringer, was wiederum das Wirtschaftswachstum und die Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer erhöht.

5.    Führende Stellung in Elitenbildung

Dabei hilft auch die Tatsache, dass die Spitzenbildung in Großbritannien durchaus etwas zu bieten hat. Neben den berühmten Privatschulen sind dies vor allem die Universitäten. Im letzten Ranking der 100 besten Universitäten der Welt ist Großbritannien immerhin mit acht Universitäten vertreten. Die EU bringt es (ohne GB) auf 17, davon vier Deutsche. Bezeichnend ist, dass von den 13 EU-Universitäten außerhalb Deutschlands und Großbritanniens neun in Ländern liegen, in denen es auch mit Blick auf die EU gärt, nämlich in Schweden, Finnland, Dänemark und Holland. In den Krisenländern der EU gibt es übrigens keine Universität in den weltweiten Top 100.

Eine gesteuerte Einwanderung, ein herausragendes Bildungssystem und die geringe Sprachbarriere dürften für Großbritannien in den kommenden Jahren außerhalb der EU zu einem deutlichen Wettbewerbsvorteil werden.

6.    Marktwirtschaftliche Tradition

Schon vor dem Votum hat JP Morgan aufgezeigt, dass die EU Großbritannien an Länder bindet, die nicht das gleiche Wirtschaftsprofil und eine unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit haben. Deutschland, Holland, Schweden und Irland fallen in dieselbe Kategorie wie England. Frankreich, Italien, Spanien und Portugal eindeutig nicht. Deshalb sei es für England gut, nicht mehr in diesem Klub dabei zu sein. Höhere Produktivität und geringere Umverteilung zugunsten der schwächeren Länder würden sich entsprechend positiv für Großbritannien auszahlen. Hinzu kommt eine stark marktwirtschaftliche Tradition, die noch mehr als wir auf die Kraft der Märkte und persönliche Freiheit setzt als auf staatliche Umverteilung. Auch dies dürfte sich entsprechend positiv auf das langfristige Wachstum auswirken.

7.    Unbestrittenes Weltfinanzzentrum

Mögen Frankfurt und Paris noch so träumen, die City of London bleibt das Weltfinanzzentrum. Es ist nicht so einfach, ein Kompetenzzentrum zu verlagern. Zu eng sind die Verbindungen, zu bedeutend das vorhandene Geschäft. Zwar gab es eine Welle von Gründungen von Tochtergesellschaften im Euroraum, die Masse der Kompetenz wird bleiben, wo sie ist. In London.

Den Unkenrufen zum Trotz könnte London von der unstrittigen Kompetenz, der eigenen Währung und der Befreiung von Brüsseler Bürokratie sogar profitieren. Erste Stimmen sprechen bereits von einer künftigen Schweiz für die Fluchtgelder aus aller Welt. Gerade aus der Eurozone dürfte die große Flucht noch bevorstehen.

8.    Höheres Wirtschaftswachstum

Großbritannien hat gute Chancen, in den kommenden Jahrzehnten schneller zu wachsen als die Eurozone und auch Deutschland. Zwar beabsichtigt die EU, mit ihrer harten Verhandlungshaltung ein Exempel statuieren, doch ist das für beide Seiten ein Verlust. England ist ein wichtiger Absatzmarkt, den gerade wir Deutschen nicht gefährden sollten. Nirgendwohin verkaufen wir so viele Autos wie nach Großbritannien.

Selbst im Falle des nun wohl wahrscheinlichsten Szenarios eines „hard Brexit“ ist es keineswegs ausgemacht, dass Großbritannien der Verlierer ist. Wie das Ifo Institut vorrechnet, könnte das Land einen „smart hard Brexit“ machen, in dem es einseitig auf alle Zölle verzichtet. Die Anpassungslast würde dann auf die EU fallen und gerade Deutschland und Irland wären davon erheblich getroffen.

Wie man am Beispiel von Norwegen, Island und der Schweiz sieht, müssen die Exporte von England auch nicht sinken. Diese Länder exportieren so viel in die EU wie EU-Länder, ohne Mitglied zu sein.

Das höhere Wachstum in Großbritannien ist angesichts der aufgezählten Faktoren fast garantiert. Eine wachsende Bevölkerung, gesteuerte Zuwanderung, herausragende Bildungseinrichtungen und das Weltfinanzzentrum sind die Treiber.

9.    Renaissance des Commonwealth

Kritiker der britischen Entscheidung machen sich gerne über jene Brexit-Befürworter lustig, die eine Rückkehr zu den guten alten Zeiten des Commonwealth beschwören. Natürlich wird es nicht dazu kommen. Allerdings ist auch mit Blick auf die Haltung der derzeitigen US-Regierung das Szenario eines großen angelsächsischen Handelsraums nicht so abwegig. Die USA, Großbritannien, Australien, Neuseeland als Kern. Kanada dürfte sich dem nicht entziehen können. Zugleich dürfte aus Sicht der skandinavischen Staaten ein solcher Bund, der mehr auf marktwirtschaftliche Freiheit setzt, über Zeit eine deutliche Sogwirkung entfalten. Es könnte ein attraktiver Gegenentwurf zu einer EU werden, die auf immer mehr Bürokratie und Umverteilung setzt.

10. Beschleunigter Niedergang der Eurozone

Derweil sieht es für die EU und besonders die Eurozone nicht gerade rosig aus.

Die Eurozone bleibt gefangen in einer Dauerstagnation, bedingt durch zu viele faule Schulden, rückläufige Erwerbsbevölkerung, schwaches Produktivitätswachstum, Reformstau und eine Mentalität, die die Umverteilung von Wohlstand über die Schaffung von Wohlstand stellt.

Die Politik ist unfähig, die erforderliche Antwort auf diese Krise zu geben. Weder die deutsche Sparpolitik noch die südländische Schuldenwirtschaft ist die richtige Lösung. Was wir brauchen, sind Schuldenrestrukturierungen, Reformen und eine Neuordnung der Eurozone. In keinem der drei Punkte ist auch nur ansatzweise ein Fortschritt zu sehen. Nur noch dank der Geldschwemme der EZB ist es bisher nicht zum Kollaps gekommen.

Kommt es zu einer erneuten Rezession in der Eurozone, ist der politische Zusammenhalt mehr als fraglich. Das Wohlstandsversprechen, das die EU gegeben hat, wird spätestens seit 2008 nicht mehr erfüllt. Davor hat der Binnenmarkt – und vor allem der vom Euro ausgelöste Verschuldungsboom – zu einer Wohlstandsillusion beigetragen. Sinkender Wohlstand, Unfähigkeit der Regierungen, die Grundursachen zu bekämpfen und die als „Flüchtlingskrise“ unzureichend beschriebene Migrationskrise machen das Haus EU und Euro immer unwohnlicher.

Die Vorstellung der Politik, durch eine „sozialere“ Gestaltung der EU den gefühlten Wohlstand und damit die Attraktivität der EU zu erhöhen, wird das Gegenteil bewirken: Es ist die Fortsetzung einer Politik, die Verteilen vor Schaffen von Wohlstand stellt. Gerade für uns Deutsche sind das keine guten Aussichten, weil unsere Handelsüberschüsse fälschlicherweise mit Reichtum gleichgesetzt werden, obwohl alle Studien zeigen, dass in den meisten EU-Ländern das Privatvermögen pro Kopf deutlich über hiesigem Niveau liegt.

In zehn Jahren wünschten wir, wir wären ausgetreten

Natürlich lassen sich auch mit Blick auf Großbritannien etliche wirtschaftliche Probleme feststellen: einseitige Abhängigkeit vom Finanzsektor, riesiges Handelsdefizit, schlechte Bildung der breiten Schichten ohne Zugang zu den herausragenden Privatschulen und eine Infrastruktur, die erheblichen Nachholbedarf hat.

Wenn wir jedoch ehrlich und nüchtern auf Deutschland blicken, müssen wir feststellen, dass es bei uns nicht wirklich besser aussieht. So belegt Großbritannien den letzten Platz in Europa beim Punkt Internet. Den vorletzten belegen wir. Auch hierzulande ist die Infrastruktur in den letzten Jahren massiv vernachlässigt worden und die „schwarze Null“ ist eine Mogelpackung der Politik, wurde doch weniger „gespart“ als die Zinsersparnis aus der Rettungspolitik der EZB. Medien und Politik erzählen uns die Geschichte des reichen Landes, doch ist es in Wahrheit ein Märchen.

Großbritannien hat in den vergangenen Jahrhunderten wenig grundlegende Fehler gemacht. Es könnte gut sein, dass auch der Brexit keiner ist. Im Gegenteil. So witzig das Bild des brennenden Ruderboots im Verhandlungsraum der EU sein mag, dass treffendere Bild ist das eines europäischen Kreuzfahrtschiffes, mit kaputter Steuerung und zerstrittenem Führungsteam ohne klaren Kurs, von dem sich ein kleines Boot mit guten Seeleuten absetzt.

Wir Deutschen aus dem Maschinenraum der MS „EU“ schauen traurig hinterher: im Euro gebunden an Volkswirtschaften, die in ihrem Wettbewerbsprofil nicht zu uns passen und dauerhaft Umverteilung und billiges Geld benötigen. In der EU in der Minderheit, nachdem durch den Austritt der Briten die Südländer die entscheidende Mehrheit stellen. Mehr Staatseingriffe, Umverteilung und Zentralisierung sind die unweigerliche Folge. Regiert von Politikern, die mangels ökonomischen Sachverstands und nüchternen Denkens den Wohlstand unseres Landes verschwenden.

Das Brexit-Desaster für die Briten ist nicht so ausgemacht, wie es gerne dargestellt wird. Vor die Wahl gestellt, auf die Problemlösungsfähigkeit der EU oder die Anpassungsfähigkeit der Briten zu setzen, wäre meine Wahl klar.

→ focus.de: „Der Brexit für die Briten alles – aber kein Desaster“, 1. April 2019

52 Kommentare
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    Susanne Finke-Röpke sagte:

    bto: „Großbritannien hat in den vergangenen Jahrhunderten wenig grundlegende Fehler gemacht.“

    Dieser Satz ist der einzige, dem ich bei Ihrer ansonsten guten Analyse widersprechen möchte.

    Angefangen von immer noch geltenden ungerechtfertigten undemokratischen Adelsprivilegien (Stichwort: Oberhaus) über die jahrhundertelange Politik gegenüber Irland / Nordirland (Stichwort u.a.: „Bloody Sunday“) bis zu den unsäglichen Verhaltensweisen in Kolonien weltweit (z.B. Stichwort: „Opiumkriege“) gibt es und gab es eine Vielzahl von Beispielen für schlechte Politik. Auch Themen wie berufliche Bildung, öffentliche Infrastruktur (z.B. Eisenbahn oder Gesundheit), Brandschutz (Stichwort Grenfell Tower 2017) oder manche Bereiche des Umweltschutzes (z.B. Sellafield / Windscale bzgl. nuklearer Probleme) widersprechen Ihrer Behauptung.

    Recht geben möchte ich Ihnen für die Bereiche Militär, Staatsfinanzen, Steuerpolitik, Bankenregulierung, Rechtssystem, Demokratie, Forschung, Landwirtschaft und Polizei, soweit ich das als außerhalb des UK Lebende und Laiin auf den meisten Gebieten beurteilen kann.

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    qed sagte:

    Als ich zum ersten Mal in England war, bezahlte man für ein Pfund 11 DM. Meine Gasteltern gingen erst um 9:00 zur Arbeit und das Klima gelassener Zufriedenheit imponierte mir, lediglich das Essen war grauslich. In den Folgejahren wurde aber die „englische Krankheit“ immer offensichtlicher, der Dreck in den Städten nahm überhand, Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln wurden zum Abenteuer, die Linken immer mächtiger, Klassenkampf tobte in den Fabriken. Wer in den 70ern das Kult-Auto Minicooper erstand, konnte sicher sein, daß es bei Regen oder Kälte gar nicht erst ansprang, auf Diesel-Loks fuhren Heizer mit, kein Tag, an dem nicht irgendwer streikte und den Alltag zur Qual machte.
    Erst Margret Thatcher beendete das Chaos, indem sie die Altindustrien einfach krepieren ließ, viele Briten wanderten damals aus. Was man ihr vorwerfen muß, ist nicht die Gelegenheit am Schopfe gepackt zu haben, dem Moloch in Brüssel die rote Karte zu zeigen. Zwar ist der Einfluß der Linken immer noch gefährlich groß- die sintflutartige Einwanderungswelle Prekärer um die Jahrtausendwende wurde von Labour verursacht und Corbyn ist ein Marxist reinsten Wassers- es gelang ihr aber, den Finanzplatz London wieder zu altem Glanz zu führen.
    Was die Politkommissare und Apparatschiks in Brüssel einfach nicht begreifen wollen: In der City of London und an der Wallstreet spielt die Musik und wir werden eine große angelsächsische Allianz erleben, der sich die Skandinavier, Balten und Osteuropäer liebend gerne anschließen.
    Es ist das dritte Mal, daß Schland einen Krieg gegen sie verliert.

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    Volkmar du Puits sagte:

    Ich würde Ihr Bild vom Kreuzfahrtschiff noch um den Eisberg in Sichtweite ergänzen. Die Briten können gar nichts falsch machen, wenn sie so schnell wie möglich und ohne Blick zurück davonrudern. Für sie gibt es Perspektiven, unsere sind Endlosrettung bis zum Kollaps. Deshalb giften und hetzen unsere Staatsmedien wie 1941 und drohen unverholen mit einem neuen Krieg in Nordirland. Tja, wenn man was zu bieten hätte…

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    Thomas M. sagte:

    „Ginge es nach den Experten, müsste sich die britische Wirtschaft heute in einer tiefen Rezession befinden. Alle namhaften Auguren vom IWF bis zur Bank of England haben vor dramatischen Folgen gewarnt, sollten die Befürworter eines Brexit bei der Volksabstimmung Erfolg haben.“

    Trump hatte angeblich auch das Ende der USA eingeleutet. Börsen-Crash war das mindeste, vielleicht sogar ein neuer Weltkrieg.

    Meine Frage: Haben die Experten das mit Modellen gerechnet oder ist es einfach menschliches Wunschdenken? Diese Frage ist durchaus ernst gemeint.

    Wikipedia hierzu: Wunschdenken beschreibt Entscheidungsfindung und die Bildung von Überzeugungen, die auf dem basieren, was sich angenehm vorstellen lässt, und nicht auf Beweisen, Rationalität oder Realität. Es ist ein Produkt der Lösung von Konflikten zwischen Glaube und Begehren.

    Insofern Danke für jeden rationalen Beitrag zur Interpretation der Situation!!!

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    Ulrich Remmlinger sagte:

    Wenn GB den Austritt denn überhaupt schafft !!!
    Mit Theresa May wurde eine „Remainerin“ mit den Vertragsverhandlungen zum Austritt beauftragt, was nur grandios scheitern konnte.
    Jetzt ist das Land tief gespalten, je nach Datum der Umfrage mal 51:49 oder 49:51.
    Wenn eine Bevölkerung bei so einem Thema 50:50 gespalten ist und es auch keinen Kompromiß gibt (ein bißchen Austritt ist wie ein bißchen schwanger) dann ist dies ein Dilemma, um das ich die Briten nicht beneide.
    Dazu kommen noch die Abgeordneten im Parlament, die entgegen ihrer verbalen Aussagen mehrheitlich die Umsetzung des Volksentscheids am liebsten verwässern oder verhindern würden. D.h. die politische Klasse ist dort auch nicht besser als bei uns. Allerdings sind die Debatten im Parlament besser als bei uns. Im Vergleich zum House of Commons ist unser Bundestag ein Kreisligaspiel mit abgesprochenem Ergebnis.

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    Dieter Krause sagte:

    1.) Punkt 1 stimmt höchstens halb: Ein Blick in die Statistiken in GB hätte genügt, um festzustellen, dass die Investionen aus dem Ausland drastisch eingebrochen sind – strategische Investitionen japanischer, südkoreanischer sowie US-amerikanoscher Konzerne, die früher damit automatisch Mitglied im EU-Binnenmarkt waren, wird es zukünftig kaum noch in GB geben (die nächsten 20 Jahre müssen die Briten dann wohl auch noch ca. 100 weitere Verträge zu einzelnen Politikbereichen mit der EU verhandeln – siehe Beispiel Schweiz)
    2.) Der heilsamste Schock zur partiellen UMORIENTIERUNG der britischen Wirtschaft war die Finanzkrise von 2008 (hin zu mehr produktiver Wirtschaft) , die die City in London drastisch mit getroffen hat, und nicht der Brexit – große Teile des Bankengeschäftes wurden im übrigen wegen den bevorstehenden Brexit von London auf den Kontinent verlagert
    3.) Der absolut lächerlichste Punkt Ihrer Analyse, Herr Stelter: Wenn man so wie Sie für den Brexit ist, dessen wichtigster Grund die starke Zuwanderung aus der EU nach GB war – wie kann man dann die positive Demografie in GB hervorheben? Meinten Sie damit die starke britische bildungsferne Unterschichtenvermehrung? Oder die verstärkte Zuwandereung seit 2016 aus nicht EU-Staaten (Indien, Pakistan)? Wenn ich mir diesen Trend anschaue, könnte GB in 20 bis 30 jahren wohl eher eine Art europäisches Bangladesh werden oder? Aber ganz sicher kein neues Singapur, wie es sich einige durchgeknallte Brexit-Torys erträumen! Dafür müßten sie nämlich erst mal die britischen Sozialausgaben um zwei Drittel senken! Das hat ihnen der Ministerpräsident von Singapur gesagt. Was wird dazu wohl Labour sagen, Herr Stelter? Desen linker Flügel will ja deshalb aus der EU, weil er die Europäische Union für einen neoliberalen Club hält!
    4.) Der einzige Grund, der nach einem Austritt aus der EU für eine stärkere Zuwanderung nach Großbritannien spricht, wäre die Sprache – aber ganz sicher nicht eine stärker prosperierende Wirtschaft (den Bankenbereich als Sonderfall mal außen vorgelassen)! Aber ich denke, dass davon Irland – da Mitglied der EU – noch viel mehr profitieren wird! Dessen Bevölkerung könnte sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren dadurch vielleicht sogar verdoppeln! Dann eventuell schon mit Nordirland wiedervereinigt. Auch deshalb werden die Iren beim Backstop keine Kompromisse beim Brexit-Abkommen mit Großbritannien eingehen.
    5.) Ihre Feststellung suggeriert: Elite = Verantwortungselite! Kann ich mit Blick auf das politische Katastrophenduo Cameron & Johnson – beides Eton-Zöglinge desselben Jahrganges mit anschließendem Studium in Oxbridge nicht behaupten! Im übrigen ist für die britischen Unis die Forschungsanbindung an den EU-Raum existentiell wichtig – das können Partnerprogramme mit den amerikanischen Ivy-League-Unis gar nicht kompensieren!
    6.) Ob der neoliberale Thatcherism – die heute in GB vorherrschende Vorstellung von Marktwirtschaft – noch die beste und sinnvollste Form der Marktwirtschaft ist, wage ich zu bezweifeln. Die Briten haben aus ihrer Tradition heraus leider ein etwas zu negatives Bild des Staates in einer Marktwirtschaft! Die Chinesen sind MIT EINEM STARKEN STAAT da viel erfolgreicher oder? Die Deutschen waren es zur Kaiserzeit übrigens auch.
    7.) Unbestrittenes Weltfinanzzentrum London? Haben Sie das Jahr 2019 vielleicht mit dem Jahr 1900 verwechselt, Herr Stelter? New York ist ein viel wichtigeres Finanzzentrum – Shanghai mittlerweile wohl auch. Und in Europa verteilen sich diese Funktionen auf verschieden Finanzplätze. Und wo in einer digital vernetzen Welt die Analysisten und Händler sitzen – ist eigentlich heute schon egal oder? Über das Internet bekomme ich alle wichtigen Daten in Echtzeit!
    8.) Falls die Bevölkerung in GB stark wächst – dann haben sie natürlich auch mit großer Wahrscheinlichkeit ein höheres Wirtschaftswachstum! Ich bezweifle aber, das es beim Wachstum pro Kopf – den Bankensektor herausgerechnet – auch so sein wird!
    9.) Noch eine echte Lachnummer: Wieder verwechseln Sie das Jahr 1900 mit dem Jahr 2019! Selbst die Kanadier und Australier werden sich eher für ein Wirtschaftsabkommen mit der EU (da ein viel größerer Handelpartner für beide Staaten als GB) interessieren als eines mit Großbritannien! Die kulturelle und historische Nähe zu GB wird bei beiden Staaten nicht auf das wirtschaftliche Interessse übergreifen. Und Afrika interessiert sich ganz sicher auch mehr für Handelsabkommen mit der EU (und natürlich China!) als eines mit Großbritannien. Von dort kommt schließlich auch mehr Entwicklungshilfe oder?
    10.) Beschleunigter Niedergang der Euro-Zone. – Das ist noch nicht ausgemacht – politische Reformen halten Sie aber in der EU für verlorene Liebesmüh oder?
    Conclusio: Sie, Herr Stelter, sin ein guter ökonomischer Analysist! Aber sobald die Politik dazu kommt, werden Ihre Analysen zunehmends schlechter, weil diese nicht nach einfacher ökonomischer Logik funktioniert. Ihrre Analyse zu Großbritannien nach dem Brexit muss man aber sogar als sehr schlecht bezeichnen!

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Remmlinger

        „Die Briten haben aus ihrer Tradition heraus leider ein etwas zu negatives Bild des Staates in einer Marktwirtschaft! Die Chinesen sind MIT EINEM STARKEN STAAT da viel erfolgreicher oder? Die Deutschen waren es zur Kaiserzeit übrigens auch.“

        Herr Krause scheint ein Kommunist zu sein. Oder vielleicht auch nur extrem verwirrt, sonst würde er nicht im nächsten Satz schon zum Deutschen Reich der Kaiserzeit springen, was für ihn ja auch ein „starker Staat“ und daher gut mit China vergleichbar ist. Im Großen und Ganzen ein rätselhafter Kommentar – vielleicht akutes „Brexit Derangement Syndrome“?

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        Dieter Krause sagte:

        Zur Kritik von Ulrich Remmlinger:
        Sie müssen doch ALS FAKTUM anerkennen, dass die Chinesen mit ihrem Staatskapitalismus wirtschaftlich höchst erfolgreich sind. Und Singapur – das große Vorbild rechter Brexit-Torys – ist auch eine illiberale Demokratie oder? In solchen Staaten können Sie einfach straff durchregieren – wer dort zuviel protestiert (oder gar das politische System in Frage stellt) landet im Umerziehungslager! Im übrigen wird mir beim Blick auf den chinesischen Big-Data-Staat auch Angst und bange. Aber so eine Big-Data-Autokratie braucht heute ja gar nicht mehr ihr Nachbar zu sein – der kann seine digitalen Raub-und Beeinflussungszüge gut über das Internet auch von Asien aus steuern (oder von Moskau) oder? Wäre die Chinesen übrigens Nachbarn der EU – wäre die wohl heute schon Geschichte! Die Chinesen wollen auch lieber mit einzelnen EU-Staaten Abkommen abschließen (sichert denen so viel mehr ökonomischen und politischen Einfluss – siehe dazu nur die Beispiele Griechenland, Ungarn, Serbien und zuletzt Italien) – nicht mit der EU! – Wenn die EU mittelfristig kein Bundesstaat – mit großen Freiheiten für die einzelnen Mitgliedsländer und Klagerecht der Mitgliedsstaaten gegen die Brüsseler Zentrale vor einem Europäischen Verfassungsgerichtshof – wird (Beispiel Bundesstaaten der USA), könnte sie noch mal wirklich untergehen! Nicht schlagartig – sie wird einfach politisch immer mehr erodieren. Und dass Deutschland danach allein gegenüber den Chinesen bessere Verträge aushandeln kann, glaubt kein vernünftiger Mensch! Ich empfehle hier jedem mal einen Blick auf die alte polnische Adelsrepublik – und die Gründe für deren Untergang! Im 16. Jahrhundert war Polen wohl der bedeutendste Staat in Europa – auf alle Fälle der größte! Ende des 18. Jahrhunderts war es zwischen Rußland, Österreich und Preußen aufgeteilt. Einer der wichtigsten Gründe dafür war das LIBERUM VOTUM: Jeder polnische Adelige(!) konnte ihm unliebsame Beschlüsse der polnischen Schlachta per einfachem Votum blockieren (was natürlich dann auch zu Bestechungen durch die Nachbarstaaten mit führte, was die polnische Adelsrepublik weiter beständig schwächte)! Den Zustand haben wir heute doch auch fast in der EU oder? Wichtige Beschlüsse (als Beispiel nur mal die Einführung einer CO2-Steuer in der EU, die 2009 in Brüssel mit diskutiert wurde) können durch einzelne Mitgliedsstaaten (Malta? Estland? Zypern? Griechenland?) blockiert werden. Eine Million Euro auf das Konto des maltesischen oder zypriotischen Regierungschefs – und schon geht in weiten Bereichen in der EU nichts mehr!
        https://de.wikipedia.org/wiki/Liberum_Veto

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        Richard Ott sagte:

        @Dieter Krause

        Sie sind ja wirklich total hysterisch heute, noch schlimmer als sonst. In Singapur können Sie übrigens sehr wohl gegen die Regierung protestieren; es gibt dort sogar eine Oppositionspartei, aber keine Umerziehungslager. Und tendenziell bekommen Sie auch weniger berufliche Probleme in Singapur wenn Sie dort die Opposition unterstützen als wenn Sie zum Beispiel in Deutschland als Beamter Mitglied bei der bösen AfD sind oder als Geheimdienstchef öffentlich Erkentnisse diskutieren, denen zufolge politisch herbeigewünschte „Hetzjagden“ (um von eigenem Politikversagen abzulenken) in Wirklichkeit gar nicht stattgefunden haben. Macht das Deutschland mittlerweile auch zur „illiberalen Demokratie“?

        Aber Sie werfen hier eine interessante Überlegung auf:

        „Und dass Deutschland danach [nach dem Auseinanderfallen der EU] gegenüber den Chinesen bessere Verträge aushandeln kann, glaubt kein vernünftiger Mensch!“

        Wieso nicht? Wenn wir alleine verhandeln, dann müssen wir nicht mehr die Interessen von 27 oder 26 anderen Staaten, die teilweise ganz anders sind als Deutschland, mitdenken. Das Verhandlungsergebnis würde so auf jeden Fall besser zu unseren deutschen wirtschaftlichen und strategischen Interessen passen als wenn wir den üblichen schwammigen EU-Kompromiss mittragen müssen, obwohl der vielleicht formal ein paar mehr chinesische Zugeständnisse enthält.

        Davon abgesehen hindert uns nichts daran, in Zukunft gemeinsam mit anderen uns interessenmäßig nahestehenden Nachbarländern (in Wirtschaftsfragen zum Beispiel die Niederlande, die skandinavischen Staaten oder auch das böse, angeblich ach so dumme Großbritannien) gemeinsame Verhandlungspositionen abzustimmen bevor wir mit den Chinesen verhandeln. Die würden ohne EU genau so erleichtert sein wie wir, dass wir nicht mehr die Interessen von Portugal und Griechenland mit unseren eigenen unter einen Hut bekommen müssen.

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      qed sagte:

      Ihre Polemik hat zumindest den Charme, an Dinge erinnert zu werden, die man nicht verdrängen sollte.
      Wesentlichster Punkt ist aber, wie sich die EU gegenüber GB verhalten wird, denn in der Tat sind über Jahrzehnte entstandenen Verflechtungen nicht ohne arge Schmerzen zu kappen- für beide Seiten. GB hat das gewiß nicht vor, während vor allem D verantwortlich ist für den kompromißlosen EU-Kurs, daraus kann nur Unheil entstehen und alles in Scherben fallen zu lassen, hat hier ja eine gewisse Tradition.
      Geradezu naiv ist es aber, der immer sozialistischer werdenden Umverteilungs-EU (in der Tat verstehe ich die Haltung Labours auch nicht) noch Reformwillen zuzutrauen, wenn dort erst die Handaufhalterstaaten den Ton angeben, das wird mitnichten passieren. Die Schuldendynamik wird atemberaubend zunehmen und darin eine Beschleunigung des Niedergangs zu sehen, ist gewiß angebracht. Es kommt auch der Tag, an dem sich Trump die deutschen Exporte gnadenlos vornimmt, EU hin oder her.
      Und ob das „Katastrophenduo“ um so viel katastrophaler ist als das Duo aus dem Trunkenbold und seiner Domina Erika mitsamt ihren Hofschranzen, sei mal dahingestellt, unseren Klassenprimus Oettinger nicht zu vergessen- dessen vorausschauender Vater hatte den Hof nämlich dem Bruder vermacht und unseren Englischexperten nach Gutsherrenart in die Politik verpflanzt, wo er wahrlich genug Flurschaden angerichtet hat.
      Daß die Briten aus der Tradition heraus- gottseidank!- ein negativeres Bild vom „starken Staat“ haben, versteht man rasch, wenn man sich mit John Locke und Thomas Hobbes beschäftigt hat, jedenfalls lohnt es sich auch heute unbedingt, den „Leviathan“ zu lesen und zu verinnerlichen. Dann weiß man auch, warum Enteignungs-Orgiasmen in Dummschland und nicht in Britannien gedeihen.

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        Dieter Krause sagte:

        In China gehört DER GANZE GRUND UND BODEN dem Staat – er vergibt dafür nur zeitlich begrenzte Baurechte (John Locke interessiert die nicht – Hobbes schon eher)! Finden Sie bestimmt schrecklich oder? Aber die Chinesen sind damit wirtschaftlich sehr erfolgreich. Und solche Kritiker wie Sie bemängeln doch wohl vor allem die mangelnde wirtschaftliche Dynamik in Deutschland! Vielleicht weil der Grund und Boden nicht auch vollständig dem Staat gehört? Naja, ist jetzt als kleine Provokation gedacht…

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    Dietmar Tischer sagte:

    Hier wird zu viel spekuliert.

    Der Brexit ist ein Schock für GB und die EU.

    Wie darauf reagiert wird, ist nicht völlig offen, weil beide Seiten versuchen werden, die Folgen eines Brexit zu mildern.

    Die Reaktionen werden aber auch nicht so sein, dass GB glorreich aus der Nordsee auftaucht. Hier wird zu viel Wunschdenken zelebriert.

    Was SICHER ist:

    GB ist tief gespalten und – nicht auszuschließende Möglichkeit – kann sich sogar zerlegen.

    Das ist keine gute Grundlage für eine positive Entwicklung.

    Der Brexit schafft Unsicherheit, weil niemand weiß, was danach kommt.

    Das ist hinderlich für Investitionen, die GB braucht.

    GB hat für sich genommen erst einmal ein geringeres Verhandlungsgewicht im Spiel USA/China/Europa als es als Mitglied haben würde.

    Ja, es kann – möglicherweise, abhängig davon, wie die zukünftigen Verbindungen sind, also ob No deal-Brexit, Zollunion oder Handelsunion – freier und kompromissloser agieren. Es wird aber selbst als fünftgrößte Wirtschaftsnation nicht auf Augenhöhe mit den großen Spielern agieren.

    M. A. n. kommt es ganz wesentlich darauf an, wie sich die EU entwickeln wird.

    Denn AUCH und insbesondere deren Entwicklung bestimmt die relative Situation von GB.

    Hier sehe ich „Chancen“ für GB, weil die EU m. A. n. in immer schwierigeres Fahrwasser gerät.

    Ein weiterer Sargnagel:

    Das Zeitzugeständnis, mit dem man GB beim Austritt entgegenkommt, ist ein Desaster, insbesondere wenn die Briten das EU-Parlament mitwählen müssen, aber danach irgendwann Tschüss sagen.

    Eine starke EU hätte gesagt:

    Wenn sich GB bezüglich der Austrittsmodalitäten nicht mit uns einigen kann, dann raus mit einem no deal. Reisende soll man nicht aufhalten.

    Salvini & Co. können sich genüsslich ansehen, was alles geht, wenn sie als nächste zur Tür gehen würden.

    Und nicht zu unterschätzen:

    Mehr als EUR 10 Mrd. fehlen im Subventionstopf in Brüssel.

    Der Widerstand für eine Kompensation aus nationalen Töpfen ist groß und wird, augenblicklicher Stand, nicht durchzusetzen sein.

    Fehlt das Geld dauerhaft, wird überall in der EU Freude aufkommen und die Begeisterung für die EU wachsen.

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      qed sagte:

      Danke, Herr Tischer, für das unaufgeregte Statement.
      Vielleicht läßt sich ja an der Börse ablesen, was als wahrscheinlichstes eintritt. Dort ist jedenfalls jetzt von Panik keine Spur.
      Und ja, GB ist tief gespalten und es mag sogar zur Sezession Schottlands und Nordirlands kommen. Wobei GB damit nicht alleine steht: Die Gräben innerhalb der EU-Länder sind auch so tief wie nie zuvor, die Lega Nord wäre den Mezzogiorno lieber heute als morgen los, die Katalanen werden keine Ruhe geben und auch in Frankreich haben etliche mit dem Zentralstaat aus der Zeit des Vichy-Regimes noch eine Rechnung offen, Belgien ist faktisch schon in Flandern und die Valonie geteilt und wie steht es um Schland? Ich erinnere mich gut an eine eher als Jux gedachte Umfrage der Schweizer Volkspartei in den angrenzenden, wirtschaftlich starken Regionen, ob diese sich ein Dasein als Schweizer Kanton vorstellen könnten. Das Echo war so begeistert, daß die Politiker in Österreich, Norditalien und Ba-Wü alle Mühe hatten, das Feuerchen wieder auszutreten. Und seien wir ehrlich, würde jemand das Kalifat Mordrhein-Vandalien ernsthaft vermissen? Oder das Land Berlinistan? Sezessionsbewegungen sind auch in Schland nur noch eine Frage der Zeit.

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    Dieter Krause sagte:

    Den Artikel aus der ZEIT noch als Nachtrag dazu! Daraus spricht jedenfalls nichts für ein goldenes Zeitalter in GB nach dem Brexit a la Stelter – eher das Gegenteil! Mir kommt bei Lektüre dieses Artikels aus der ZEIT als historisches Vorbild eher die englische Bürgerkriegszeit um 1645 in den Sinn, zumal die Brexit-Krise auch eine veritable Verfassungskrise für die Briten zu sein scheint. Und mal sehen, wann die Schotten nach einem Brexit ein zweites Unabhängigkeitsreferendum starten werden! Es wird wohl keine fünf Jahre dauern.

    Die Revolution ist längst da

    Der Brexit ist kein rein britisches Problem, er ist Zeichen eines europäischen Kulturkampfes. Auf die liberale Elite ist kein Verlass mehr. Jeder muss etwas tun.

    Ein Gastbeitrag von Jan Zielonka, Oxford – 9. April 2019, 9:47 Uhr 348 Kommentare

    Jan Zielonka ist Professor für Europäische Politik in Oxford und Ralf Dahrendorf Fellow am St An-tony’s College. Im Februar 2019 erscheint in Deutschland sein Buch „Konterrevolution. Der Rückzug des liberalen Europa“, in dem er den (links-)liberalen Eliten die Schuld am Aufstieg von Nationalis-mus und Rechtspopulismus gibt. Wenige Tage vor der wichtigen Brexit-Sondersitzung des europäi-schen Rats richtet er mahnende Worte an die europäischen Politiker – und fordert die Bürgerinnen und Bürger auf, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.
    Der Brexit ist eine lokale Version des postliberalen Zustands, in dem sich das heutige Europa be-findet. Durch den Brexit wird die weitverbreitete Ernüchterung gegenüber der herrschenden poli-tischen Klasse veranschaulicht, er zeigt den Aufstieg alternativer Werte und das Chaos, das durch den Bruch mit der Vergangenheit entsteht, wenn klare Alternativen fehlen. Die dadurch entstan-denen Konflikte sind dramatisch, ihre Auswirkungen tiefgreifend.
    Daher ist es nicht übertrieben zu sagen, dass wir in revolutionären oder konterrevolutionären Zei-ten leben. Der Brexit mag auf uns wie ein Sonderfall wirken, aber die Lage in Polen, den Niederlan-den, Österreich, Dänemark, Frankreich und Italien ist ebenso turbulent, und auch Deutschland steckt sich langsam mit dem autoritären Virus seiner Nachbarn an. Wenn Europa falsch mit dem Brexit umgeht, wird sich die Situation nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht verschlimmern, auch die Demokratie und die politische Kultur werden leiden.
    Aus dem Brexit lassen deshalb drei Lehren ziehen: Erstens – und am offensichtlichsten – ist der Brexit der typische Fall eines Wähleraufstandes gegen die Politiker rechts und links der Mitte, die seit drei oder mehr Jahrzehnten Regierungsverantwortung tragen. Die Wähler geben sich nicht länger mit oligarchischen Parteien und Entscheidungen von nicht gewählten Institutionen zufrie-den. Sie haben genug von der ineffizienten Migrations- und Außenpolitik, die Feinde schafft und Terror heranzüchtet. Sie haben die kaputten Straßen satt, die heruntergekommenen Kranken-häuser und Schulen.
    Die Säulen der liberalen Gesellschaft werden angegriffen
    Jede Wahl zeigt den gleichen Trend; die Wähler strafen die alte Garde ab und wählen stattdessen die new kids on the block. Zu diesen neuen Kräften gehören nicht nur fremdenfeindliche Parteien, sondern auch grüne oder andere neue, noch schwer einzuordnende Organisationen – etwa die Frühlingspartei in Polen oder das Forum für Demokratie in den Niederlanden.
    Zweitens zeigt der Brexit aber, dass es bei der autoritären Konterrevolution nicht lediglich um ei-nen Wachwechsel geht; es geht um nicht weniger als eine veränderte Weltsicht. Es ist ein Streit entbrannt um die Vorstellung einer guten Gesellschaft. Die normativen Säulen der liberalen Ord-nung werden angegriffen: politischer Pluralismus und kulturelle Toleranz, Minderheitenrechte und die multikulturelle Gesellschaft, offene Grenzen und geteilte Souveränität.
    Die Europäische Union steht nicht nur wegen ihrer Starrheit und ihres Demokratiedefizits in der Kritik; ihre Feinde sehen in der EU ein Vehikel, welches fremde Werte verbreitet, die die nationalen und religiösen Traditionen der Mitgliedsländer untergraben. Sie argumentieren, dass wirtschaftli-che Solidarität starke kulturelle Bindungen erfordere, die durch die Anstrengungen der Integration verwässert würden. Sie glauben, dass eine sinnvolle und gerechte Umverteilung in einem Europa mit offenen Grenzen undenkbar ist.
    Pragmatische Lösungen sind zwecklos
    Drittens zeigt der Brexit, dass ein Bruch des liberalen Konsenses zu Chaos führt – zumindest für eine gewisse Zeit. Denn pragmatische Lösungen eignen sich nicht zur Lösung identitärer und ideo-logischer Konflikte. Der Liberalismus war nicht nur das Handbuch, um Wahlen zu gewinnen und Geld zu verdienen. Er war stattdessen eine umfassende „Bibel“ über das, was in einer Gesellschaft als richtig oder falsch gilt.
    Die Autoritären haben diese liberalen Wahrheiten infrage gestellt und eine neue Interpretation des Rationalen und Normalen vorgeschlagen. Beim Brexit geht es nicht nur um Handelsregeln; es geht um die Definition davon, was „britisch“ oder „europäisch“ ist. Die Gegner und die Befürworter des Brexits glauben beide wirklich, dass sie recht haben. Keine der beiden Seiten möchte dazu ver-dammt werden, politisch Geschichte zu sein.
    Ähnlich fundamentale identitäre und ideologische Konflikte finden auch in anderen Staaten statt. Praktische Lösungen dafür sind nicht in Sicht.
    So wird Radikalismus zur Mode
    An diesem Mittwoch müssen die Politiker Europas Entscheidungen mit enormen Auswirkungen treffen. Diejenigen, die am 10. April im Europäischen Rat sitzen, sollten die Fehler vermeiden, die ihre britischen Kollegen schon gemacht haben. Erstens sollten es Mitglieder des Rates nicht für selbstverständlich halten, dass die europäische Öffentlichkeit auf ihrer Seite steht.
    In Großbritannien beschloss die proeuropäische Seite das Brexit-Referendum, weil sie glaubte, die Briten auf ihrer Seite zu haben. Die Brexiteers machen jetzt den gleichen Fehler. Sie gehen davon aus, dass die britische Öffentlichkeit ihnen auch folgen wird, wenn der Brexit den Menschen schon das Geld aus den Taschen zieht, ihnen Privatleben und Karriere erschwert.
    Die Öffentlichkeit auf beiden Seiten des Ärmelkanals hat wenig Vertrauen in ihre politischen Eliten und ist in wichtigen gesellschaftlichen Fragen heillos zerstritten. Wenn die Stimmung sich weiter aufheizt, werden nur wenige europäische Politiker mit überwältigender Unterstützung der Öffent-lichkeit rechnen können. So wird Radikalismus zur Mode.
    Zweitens sollten sich die Mitglieder des Rates bewusst sein, wie fragil unsere Demokratie ist. In Großbritannien hat das Brexit-Referendum die politischen Spaltungen nicht beigelegt. Stattdessen endeten die Bemühungen des Parlaments, den Volkswillen zu formulieren, in Unordnung. Hinzu kommt, dass die im Europäischen Rat getroffenen Entscheidungen eine zweifelhafte demokrati-sche Legitimität haben. Viele Mitglieder des Rates werden Schwierigkeiten haben, den Unterneh-men und Bürgern in ihren Heimatländern die Kosten des Brexits zu erklären.
    Der Brexit wäre mit dem Brexit nicht vorbei
    Drittens sind die Vorstellungen darüber, welche Interessen nationaler Natur sind und welche eu-ropäischer, derzeit unklar. In Großbritannien werden die nationalen Interessen als kompletter Widerspruch zu den europäischen interpretiert, was zu einem politischen Stillstand geführt hat. Auf der anderen Seite des Kanals versuchen Politiker, nationale und europäische Interessen zu verschmelzen – die Reaktionen der nationalen Öffentlichkeiten sind unterschiedlich. Liberale und autoritäre Politiker haben nicht nur unterschiedliche Sichtweisen auf diese Interessen, sondern auch spezifische Vorstellungen ihrer eigenen Identitäten.
    Viertens gilt: Wenn der Brexit tatsächlich Ausdruck des beschriebenen ideologischen Konflikts ist, wird die Unterzeichnung der Rücktrittsvereinbarung in den kommenden Tagen wenig verändern. Der Kampf darum, wie eine gute Gesellschaft aussieht, wird anhalten. Diejenigen, die am 10. April die Entscheidung treffen, sollten deshalb bedenken, dass wir erst am Anfang eines langen und schmerzhaften Prozesses der institutionellen, wirtschaftlichen und kulturellen Neugestaltung Europas stehen. Die konservative Hoffnung, dass der Brexit es erlaubt, die Dinge so zu belassen, wie sie sind, ist eine gefährliche Illusion.
    Das Problem einer liberalen Vision Europas liegt nicht so sehr in ihren Werten. An einem Europa der offenen Grenzen, der kulturellen Toleranz und der individuellen Freiheiten ist nichts auszu-setzen. Diese Werte wurden jedoch in den vergangenen Jahren auf undurchsichtige Weise verfolgt. Offenheit, Toleranz und Freiheit kamen denjenigen zugute, die über Geld und kulturelles Kapital verfügten, während große Bevölkerungsschichten ignoriert und benachteiligt wurden.
    Illegale Militäroperationen und die unmenschliche Behandlung von Migranten machten die prok-lamierten liberalen Werte zum Gespött. Politiker, die in den vergangenen Jahrzehnten in Verant-wortung standen, können kaum behaupten, sie seien die Hüter von Anstand, Höflichkeit und Ge-rechtigkeit.
    Was tun die „new kids on the block“?
    Das Problem einer autoritären Vision Europas hängt dagegen weniger mit seiner Legitimität zu-sammen. Die Kritik an der Herrschaft der Liberalen ist angemessen, und die new kids on the block sind nicht verantwortlich für Migrationsdruck, zerrüttete Familien oder dysfunktionale europäische Institutionen.
    Allerdings erscheinen die Mittel nicht angemessen, die sie zur Lösung des von den Liberalen geerb-ten Chaos anbieten. Die Verfolgung von NGOs, die Menschen im Mittelmeer retten, wird die Mig-rationsfrage nicht lösen. Auf Genderthemen und Minderheitenrechte einzudreschen, wird die klas-sischen Familienmodelle nicht stärken. Der Austritt aus der EU wird uns nicht reich, sicher und souverän machen.
    Der einzige Weg, den Aufruhr in Europa zu überleben, besteht darin, zuzuhören und miteinander zu reden. Jeder Bürger sollte das jeden Tag tun. Die europäischen Beamten und nationalen Politi-ker werden die Probleme für uns nicht lösen. Europa klopft jetzt an unsere Haustüren. Zeit, von den Sesseln aufzustehen. Dies ist wahrscheinlich die wichtigste Lektion des Brexits.

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      Ulrich Remmlinger sagte:

      @ D. Krause: Ein schrecklicher Artikel, den Sie da kopiert haben.

      Herr Zielonka hat perfekt das linke „Framing“ übernommen.
      Offene Grenzen sind „normativen Säulen der liberalen Ordnung“.
      Und wenn ich gegen offene Grenzen bin dann verursache ich eine „autoritäre Konterrevolution“.
      Und die „normativen Säulen der liberalen Ordnung“ waren eine umfassende „Bibel über das, was in einer Gesellschaft als richtig oder falsch gilt“.

      Nein Danke! Eine demokratische Gesinnung ist das nicht. Angeblich befürwortet er ja den Pluralismus, aber dazu muß er auch konservative Ansichten tolerieren und diese nicht als „Konterrevolution“ diffamieren. „Konterrevolution“ war ein beliebter Ausdruck bei Maos Anhängern.

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        qed sagte:

        Sie sagen es, Herr Remmlinger. Framing at it’s best, sonst stünde es nicht in der „Zeitin“, dem Fischblatt für grüne Leererinnen und andere Ökoreligiöse.
        Penetrant, das Geseiere Zielonkas von den „liberalen“ Kräften, wo doch jeder sieht, daß dort „links“ stehen muß, „autoritäre Konterrevolution“ steht dort, wo schlicht Opposition hingehört.
        Der heuchlerische Tenor vom „miteinander reden und zuhören“, wo doch jeder, der anderer Meinung ist, mit der Nazikeule gejagt wird: Sowas nennt man Chuzpe.
        Aber dennoch hat unser Genderist und Teddybärenwerfer Zielonka bei mir einen positiven Eindruck hinterlassen: Täusche ich mich oder klang die larmoyante Arie ziemlich nach „Pfeiffen im dunklen Walde“?

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        Dieter Krause sagte:

        Tja, man muss manchmal auch schreckliche Dinge lesen, Herr Zielonka! Aber diese britische Dystopie dürfte vielleicht nicht allzu weit von der kommenden Wirklichkeit entfernt sein oder? Lesen Sie nur mal unten den Artikel von Herrn Ederer aus dem Großbritannien der 1970er Jahre! Das erinnert mich fatal an die DDR im ökonomischen Verfallsstadium Ende der 1980er Jahre!

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    Quintus sagte:

    Ich möchte die Sicht von Hr. Tischer noch ergänzen mit der Erfahrung eines Kleinunternehmers(allerdings weltweit agierend und im Hightechbereich angesiedelt)
    welcher sowohl China, UK und die USA aus geschäftlichen Gründen kennt.
    Momentan herrschen bereits chaotische Zustände bei der Teilebeschaffung aus Großbritannien( notwendige Bauteile der Firma ABB welche sich aus Kompatibilitätsgründen nicht so ohne weiteres ersetzen lassen)
    Kurzfristig wird es, seiner Meinung nach, einen grausamen Absturz geben, ob sich diese ökonomischen Auswirkungen mittelfristig so ohne weiteres auflösen werden?
    Wenn europäische Firmen erstmal die Insel verlassen haben (und die Liste der Flüchtenden wird immer länger)so sind diese Investitionen wohl auf Jahre hinaus weg.
    Auch die Bevölkerungsstruktur hat sich in den letzten Jahren nicht gerade vorteilhaft entwickelt:
    https://www.nzz.ch/international/die-zahl-der-muslime-in-europa-steigt-ld.1333360
    Im zweiten Szenario, das nur gewöhnliche Migration voraussetzt, käme es in Grossbritannien zum grössten Zuwachs der muslimischen Bevölkerung von 6,3 auf 16,7 Prozent. Ohnehin hat das Vereinigte Königreich, das die Freizügigkeit für EU-Bürger beenden will, zwischen 2010 und 2016 klar am meisten Migranten, die auf legalem Weg von ausserhalb Europas eingewandert sind, angelockt.

    Es steht mir fern Hr. Stelters Analyse zu kritisieren, doch auch ich kann seiner Analyse ,aus meinen Erfahrungen in der Investitionsgüterindustrie, hier nicht folgen.

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    Gregor_H sagte:

    Aus dem ZEIT-Artikel:
    „Erstens – und am offensichtlichsten – ist der Brexit der typische Fall eines Wähleraufstandes gegen die Politiker rechts und links der Mitte, die seit drei oder mehr Jahrzehnten Regierungsverantwortung tragen.“

    Und wie gehen die Politiker im Unter- und im Oberhaus mit dem Ergebnis des Referenduns um?

    Obwohl weit über 60% der Unterhausabgeordneten FÜR die Abhaltung eines Referendums gestimmt haben, und NACH dem Referendum dann über 70% der Unterhausabgeordneten einen LEAVE-Wahlkreis repräsentieren (sollten) arbeiten beide Häuser auf ein REMAIN hin.

    Zusätzlich versuchen beide Häuser nun „mitzuregieren“, was der Gewaltenteilung nicht zuträglich ist. Die Debatten im Oberhaus letzten Donnerstag und gestern brachten das deutlich zu Tage.

    Beide Vorgehensweisen werden den Wähleraufstand wohl nicht kalmieren. Und damit ist dem Satz „Der Brexit wäre mit dem Brexit nicht vorbei“ aus dem Artikel zuzustimmen.

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    Dieter Krause sagte:

    Was vor dem Brexit war – und was danach passieren könnte

    „Once we are in the EEC, there we will be number one.“ „After we joined the European market, we will lead the organisation.“ Es war im Hebst 1972, als ich für die Wirtschaftsredaktion „Bilanz“ im ZDF über den Beitritt von Großbritannien zum 1. Januar 1973 berichtete. Egal mit wem ich sprach, ob mit Abgeordneten der Konservativen oder der Labour Party, alle waren sich sicher, dass Großbritannien selbstverständlich die wirtschaftliche Nummer 1 sein wird, wenn sie endlich Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft geworden sind, wie damals noch die EU hieß.

    Dabei war Großbritannien 1972 in einem ziemlich elenden Zustand. Die Inflation trabte auf über zehn Prozent, genauso wie die Arbeitslosigkeit, die stieg unaufhörlich weiter bis Mitte der siebziger Jahre auf mehr als 20 Prozent. Trotzdem bestimmten Streiks den Alltag, 1972 gingen 24 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren. Das hatte vor allem Auswirkungen auf die Energieversorgung, die fast komplett von den Bergarbeitern abhing. 1972 wurden von 174 Kraftwerken 120 mit Kohle betrieben. Denen standen aber nur noch 40 Prozent der notwendigen Kohlekapazität zur Verfügung. Die Wirtschaft bot ein jämmerliches Bild: Es gab nur noch an drei Tagen Strom. Das Fernsehen wurde, um Energie zu sparen, um 22:30 Uhr ausgeschaltet. Selbst das Brot wurde knapp.

    Dafür lieferten die Ursachen einiger Bergarbeiterstreiks bizarre Geschichten. So ging es unter anderem darum, wie viel bezahlte Zeit die Bergarbeiter dafür aufwenden dürfen, um ihre Ohren von Kohlestaub zu reinigen. Das waren leider keine skurrilen Beispiele für den legendären britischen Humor, sondern bittere Realität einer Gesellschaft, die an dem Verlust eines Weltreiches und tiefer ideologischer Gegensätze zerbrach.

    Wenn schon die Politiker die Realität nicht sehen wollten und davon träumten, in der EWG, in der sie ab Januar 1973 Mitglied wurden, die Nummer 1, also die maßgebliche Macht zu werden, so hoffte ich bei den Betroffenen, den Arbeitern und Unternehmern auf mehr Vernunft. Aber sowohl der Sprecher des CBI, des britischen Unternehmerverbandes, wie auch Vic Feather, der legendäre und einflussreiche Gewerkschaftsboss des TUC, des Dachverbandes der britischen Gewerkschaften, hatte auch nur eine Botschaft: „We will be number one.“ (Vic Feather war nach dem Krieg mitverantwortlich für die Gründung der deutschen Einheitsgewerkschaft DGB).
    Bei uns ist zwei mal zwei gleich sechs

    1972 war auch das Jahr, in dem der konservative Premier Edward Heath einen Lohn-Preis-Stopp verfügte und in dem fast alles dem Staat gehörte: die Kohleminen, die Stahlwerke, die Banken, die Eisenbahnen und, und, und. Aus heutiger Sicht ist es für mich total verstörend, dass gerade zurzeit auch in der Bundesrepublik Deutschland die Staatswirtschaft von fast allen Parteien als zukunftsfähig und problemlösend akzeptiert wird, voll dabei auch die CDU. Wenn ich damals meine Gesprächspartner auf die Widersprüche zwischen der britischen Realität und dem politischen Wahrnehmungsvermögen aufmerksam machte, zum Beispiel auf die verheerenden Ergebnisse der Staatseingriffe und die immer größer werdenden Defizite der Zahlungsbilanzen, dann war in etwa die übliche Antwort: „Das alles mag ja für euch auf dem Kontinent negative Auswirkungen haben, aber wir sind eine Insel. Bei uns ist das anders.“ Übersetzt also: Bei uns ist zwei mal zwei gleich sechs – denn schließlich sind wir ja Briten auf einer Insel.

    1972 bedienten auch noch 600 Butler und 300.000 Diener eine Oberschicht, die umgerechnet 60 Milliarden Euro im Ausland in Sicherheit gebracht hatte, um der Schwindsucht des britischen Pfundes zu entkommen, das innerhalb von wenigen Jahren von rund 11 DM (1970) auf 3,85 pro DM (1978) pro Pfund abgesackt war. Neben den Linken in der Labour Party hetzte vor allem die britische Landaristokratie gegen einen Beitritt in die Europäische Staatengemeinschaft.

    1972, das Jahr, in dem das britische Parlament in zweiter (309 zu 301) und dritter Lesung (301 zu 284) schließlich dem Beitritt zu den europäischen Verträgen zustimmte, war aber nicht nur wirtschaftlich ein Desaster. 1972 ist auch das Jahr des „blutigen Freitags“. Britische Fallschirmjäger eröffneten in Derry (Londonderry) das Feuer auf eine friedliche Demonstration der Katholiken und töteten dabei 13 Menschen. (Es dauerte bis 2010, dass der britische Premier David Cameron sich bei den Iren entschuldigte und zugab, dass die Untersuchungen des Massakers verfälscht und irreführend eine Vertuschung der tatsächlichen Vorfälle waren.) In Nordirland und Großbritannien gehörten Anschläge der irischen Bürgerkriegsparteien fast zum Alltag.

    Bis zum heutigen Tag hat nie wieder ein Mitglied der EU in einem solchen Chaos gelebt wie Großbritannien in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und trotzdem, eines einte die Elite: Sie war davon überzeugt, mit ihrem Beitritt in die damalige EWG in Brüssel die Führung zu übernehmen. Und sicher ist es auch der stoischen britischen Gelassenheit zu verdanken, dass ein Land mit solchen Krisen nicht in einen hysterischen Verfall oder politische Radikalität zerfallen ist, sondern als Ausweg eine zwar exzentrische, aber sehr erfolgreiche Premierministerin wählte: Margaret Thatcher. Sie war keine Freundin Europas, aber pragmatisch genug, für ihr Land viel herauszuschlagen, ohne ein solches Durcheinander zu produzieren, wie ihre konservativen Nachfolger David Cameron und Marisa May es geschafft haben.
    Wiedergänger britischer Politiker-Typen

    Warum beschreibe ich so ausführlich das Jahr 1972 in Großbritannien? Viele Irrationalitäten von damals bestimmen auch heute wieder die politische Wirklichkeit der politischen Strippenzieher in London. Sie kommen mir bekannt vor: Da ist der Labour-Chef Jeremy Corbyn. Er erinnert mich an Micheal Foot, der, am äußerst linken Rand der Labour Party agierend, nicht zuletzt wegen des Chaos in Lande an die Spitze der Partei kommen konnte. Dieser innerparteiliche Sieg der Linken über den gemäßigten Flügel der Labour Party endete in einer krachenden Niederlage, gegen die zum äußerst rechten Wirtschaftsflügel der Konservativen zählende Margret Thatcher. Sie hatte den gemäßigten Edward Heath in einer Kampfabstimmung besiegt.

    Umfragen heute in Großbritannien sehen trotz des May-Kuddelmuddels bei einer Unterhauswahl die Konservativen nicht chancenlos – nicht zuletzt aus Abneigung gegen den Kryptomarxisten Corbyn. Das sich wiederholende Elend der Linken ist auch in den siebziger Jahren eingetreten: Sie scharen sich hinter einen Führer, der möglichst die reine umverteilungs- und staatsfördernde Lehre vertritt, damit aber den Wahlsieg der Rechten erst ermöglicht.

    Auch Boris Johnson ist einer der Wiedergänger britischer Typen. Seine Rolle hatte damals Enoch Powell. Ein rechter rassistischer Polterer, der die Größe Großbritanniens beschwor und die EWG als Teufelswerk sah. Auch er nahm es mit den Fakten nicht so genau, auch er war dank seiner Rhetorik ein beliebter Medienstar. Wie Johnson und dessen Kollege Jacob Rees-Mogg zählte er zu jener Klasse, die sich private Schulen und Eliteuniversitäten leisten können und, wie schon an ihrer Sprache erkennbar, nichts mit dem gemeinen Volk zu tun haben. Sie alle sind auch ein Beweis dafür, dass Bildung nicht immer kluge Menschen hervorbringt, denn sehr gebildet und mehrsprachlich waren und sind sie alle. Sie sind trotzdem nur auf ihren Vorteil bedachte Nationalisten.

    Charles de Gaulle hat zweimal (1961 und 1967) abgelehnt, die Briten in das europäische Einigungsabkommen aufzunehmen. Er misstraute ihnen als Europäer, sah sie zu nahe an den USA. Und tatsächlich, solange sie Mitglied in der EWG und dann in der EU waren, traten sie als Bremser auf, wussten nie so recht, was sie in einem Staatenbund zu suchen hatten, in dem sie nicht den Ton angeben. Oder wie es der Daily Mirror, ein rechtsstehendes Blatt, beschrieb: „England ist immer noch das beste Land, in dem es sich zu leben lohnt und wird es auch immer bleiben.“

    Kaum Mitglied in der EWG geworden, wechselte der Premier von Edward Heath zu Harold Wilson von der Labour Party. Er gehörte zum gemäßigten Flügel, obwohl er den Spitzensteuersatz auf 83 Prozent erhöhte. Er selbst war eher Europäer, aber seine Labour Party hackte ständig auf der EWG herum. Es kam zum ersten Referendum 1975 über die Frage, ob Großbritannien in der EWG bleiben soll. Damals stimmten 67,2 Prozent für Europa, darunter ausnahmslos alle Bezirke, außer den abgelegenen Inselgruppen der Shetlands und der Hebriden. Die haben aber dann 2016 überwältigend für den Verbleib in der EU gestimmt.
    Die „Westminster Demokratie“ zerlegt sich gerade

    Bei der Volksabstimmung 2016 haben von 46.499.537 Wahlberechtigten 33.551.983 auch ihre Stimme abgegeben, davon 17.410.742 für den EU-Austritt, das sind 51,8 Prozent derjenigen, die abgestimmt haben. Das ist alles andere als die Mehrheit. Bei einer so gravierenden Frage, wie dem Austritt aus der EU aus diesem Ergebnis einen eindeutigen politischen Auftrag herzuleiten, ist gewagt. In der Schweiz entscheidet bei Volksentscheiden nicht nur die Mehrheit der Stimmbürger, sondern als zweite Hürde muss auch die Mehrheit der Kantone für oder gegen die Wahlvorlage stimmen. Das ist wesentlich demokratischer als das britische Wahlrecht.

    Das akute Durcheinander in Großbritannien liegt auch am britischen Wahlrecht, das kleine und regionale Parteien stark benachteiligt. Zwar gehörten die britischen Nationalisten, egal ob sie Mitglieder der Konservativen waren (wie Boris Johnson, der mit lauter falschen Zahlen die Wähler belog) oder sich als Anhänger der UKIP, der Partei der Unabhängigkeit profilierten, der „Upper Class“ an, doch gewählt wurden sie von den Wählern der Labour Party in der Provinz. Das ist das eigentliche Paradoxon dieser Situation: Die große Mehrheit der Labour-Abgeordneten waren für den Verbleib in der EU, nicht aber ihre Wähler in den Wahlkreisen.

    Die städtische Bevölkerung, nicht nur des Großraumes London, sondern beispielsweise auch Manchesters, Liverpools, Leeds‘, Bristols oder in den Universitätsstädten Oxford und Cambridge, wählte mehrheitlich konservative Leave-Abgeordnete ins Parlament, war dagegen bei der Volksabstimmung für den Verbleib. Das ist sicher einer der Gründe, warum das Parlament jetzt vor allem in der Lage ist, zu sagen, was es nicht will. In beiden Parteien gibt es keine klaren Fronten. Als Großbritannien das letzte Mal in den 1970er Jahren ein solches Durcheinander erlebte, endete das mit der „Eisernen Lady“: Margaret Thatcher. Mir fehlt die Phantasie, eine solche Gestalt unter den jetzt agierenden Politikern zu erkennen.

    Unabhängig von der Frage, wie die britische Politik durch dieses „Austrittsspektakel“ aus der EU die Parteienlandschaft verändern wird, erleben wir wahrscheinlich gerade den Anfang vom Ende von Großbritannien. Die oft als Vorbild parlamentarischer Tradition gepriesene „Westminster Demokratie“ zerlegt sich gerade, verliert ihre wahrscheinlich schon lange ausgehöhlte Legitimation. Wer die Unterhausdebatten in den letzten Tagen verfolgte, konnte oft hören, dass sich vor allem Theresa May immer auf den demokratischen Auftrag der Abstimmung 2016 berief, wenn sie ihr „Brexit means Brexit“ verteidigte. Dabei übersieht sie, dass die Abstimmung von der englischen Mehrheit beherrscht wird, die den Willen der Nordiren und Schotten überstimmt. Die deutlichen Ergebnisse für die EU in Schottland mit 62 Prozent und Nordirland mit 56 Prozent werden einfach negiert. Und das kann sich noch bitter rächen.
    Wiedervereinigung Irlands?

    Noch in der Wahlnacht erinnerte ich mich an die herablassende Art, mit der Engländer in Irland auftraten. Es gab zwar ein irisches Pfund, das war aber immer noch mit dem englischen Pfund identisch. Sie bezahlten wie selbstverständlich nur mit dem englischen Pfund. In England akzeptierte aber niemand den gleichwertigen irischen Geldschein. Ähnliches trifft bis zum heutigen Tag auf die schottische Währung zu. Genauso benutzten englische Touristen die britischen Briefmarken mit dem Konterfei der Königin, obwohl Irland seit 1922 eine selbstständige Republik war.

    Wird die Regierung in London einen Austritt aus der EU, wie auch immer, vollziehen, wird die Unabhängigkeitsbestrebung Schottlands neuen Auftrieb erfahren. Das wird eine neue Herausforderung für Brüssel, weil dann ein Land neu zur EU eintreten muss. Ganz anders aber ist die Situation in Nordirland. Dort würde ein EU-Staat nur vergrößert. Wer sich das Wahlergebnis und die Bevölkerungsprognosen genauer anschaut, sieht, dass es in spätestens 20 Jahren wieder zu einem Konflikt mit Restbritannien geben wird: Dann haben nämlich die Katholiken und Republikanhänger die Mehrheit. Spätestens dann wird die Wiedervereinigung in Irland die politische Lage auf der grünen Insel beherrschen.

    Der von Britannien beherrschte Nordteil der Insel ist das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung und Wahltricksereien durch die Londoner Regierung. Sie begann 1609, als englische Regierungstruppen die Iren besiegten. Vor allem in der Nordprovinz Ulster war der Widerstand der katholischen Bevölkerung gegen die protestantischen Eindringlinge besonders heftig. Deshalb wurden tausende Iren in Uster ermordet und vertrieben. Sie verloren ihr Land an schottische Presbyterianer, die die Engländer dorthin umsiedelten.

    Bis ins 20. Jahrhundert durften die Iren ihre Sprache nicht sprechen und kein Getreide ernten. Dieses wurde von den englischen Landlords nach England verschifft. Selbst in der großen Hungersnot von 1845 bis 1849, als wegen schlechter Witterung die Kartoffeln in der Erde verfaulten, sahen die Engländer zu, wie 2 Millionen Iren verhungerten und 2 Millionen auswanderten. Davon hat sich Irland bis heute nicht erholt. Die blutigen Aufstände endeten erst 1922 mit der Unabhängigkeitserklärung, die nicht zuletzt von der Sinn Fein, dem Vorläufer der IRA (der katholischen revolutionären Armee) erkämpft wurde.
    Unangreifbare englische Machtlogik

    In den Verhandlungen ab 1919 setzte London eine Abstimmung in Irland durch, in der County (Grafschaft oder heute Bezirk) für County ausgezählt wurde, ob die Bevölkerung dem neuen irischen Staat beitreten oder lieber bei England bleiben wollte. Schon damals stellte London also Bedingungen auf, die durch diese Einzelabstimmungen England Vorteile verschaffte. Das Ergebnis: Nur in der Nordprovinz Ulster stimmten 6 von 9 Counties für Großbritannien. Das ist das heutige Nordirland. Damals lebten dort nur 20 Prozent Katholiken. Würde die Abstimmung heute wiederholt, würden nur noch 2 Counties (Antrim und Down) für Großbritannien stimmen, 4 (Armagh, Fermanagh, Derry, Tyrone) für die Republik. Vorsichtshalber aber wurden die Counties aufgelöst und daraus 18 Parlamentswahlkreise geschaffen, die so geschnitten sind, dass zehn davon die radikal britisch orientierte DUP gewinnen konnte, die Partei, die jetzt Theresa May die Mehrheit im Parlament sichert. Die Abstimmung über den Verbleib in der EU, wo nicht das System des „Der Sieger pro Wahlkreis bekommt alles“ zählt, wurde dann deutlich, dass alle Counties, die an die Grenze der Republik grenzen, deutlich für den Verbleib in der EU stimmten. Sie werden auch für eine Wiedervereinigung mit der Republik abstimmen.

    Es gilt als unschicklich, die perfide Machtlogik der Engländer anzuprangern, wenn es um ihr Verhalten gegenüber Irland geht. Die bis in die rechtsextreme „Leave-Fraktion“ in England verwurzelte Upper Class hat mit ihrer Politik die langsam verheilenden Wunden in Irland wieder aufgerissen. Sie haben nicht einen Gedanken daran verschwendet, was es heißt, wieder Grenzstationen aufzubauen. Nur dieses Mal stehen diese dann mitten in katholischen Siedlungsgebieten, denn die Bevölkerungszusammensetzung hat sich, wie schon erwähnt, massiv verschoben. 41 Prozent Katholiken stehen nur noch 19 Prozent Presbyterianern und 14 Prozent Mitgliedern der Church of Ireland, dem Ableger der Church of England, gegenüber. Dazu kommen allerdings noch 5,8 Prozent radikale freie Presbyterianer, denen der ehemalige britische Scharfmacher Ian Paisley angehörte und die heute zum Kern der DUP, Theresa Mays Koalitionspartner, gehören.

    Wie angespannt die Lage jetzt schon ist, zeigt sich im County Derry, das den heutigen Wahlkreis Foyle abbildet. 78 Prozent der 104.000 Einwohner der Stadt haben für den Verbleib in der EU gestimmt. Bei der Parlamentswahl stimmen 32.084 für die Sin Fein, den politischen Arm der IRA und nur 8.905 für den Vertreter Londons. Glaubt wirklich irgendein verantwortlicher Politiker, dass es möglich wäre, die Stadtgrenze von Derry wieder als Staatsgrenze aufzuwarten und die immer noch vom blutigen Freitag geprägte Bevölkerung von ihrem Hinterland auszusperren?

    In den 1970er Jahren erlebte ich allabendlich die Gesänge der Iren in Rathmullan, auf republikanischer Seite am Fluss, an dem Derry liegt. Sie waren voller Hass. In der Kneipe schenkten sie mir ein Buch über die irischen Geschichte. Das Vorwort: „Wir sind das westlichste Land Europas. Wir haben nur einen Nachbarn und den hätten wir uns nicht ausgesucht. Mögen unsere Enkel noch auf ihre Gräber pissen!“ Es schien, als ob es mittlerweile eine friedlichere, weniger brutale Betrachtung der Geschichte geben würde. Aber das kann ganz schnell zu Ende sein. Die ersten Briefbomben sind in Derry schon wieder explodiert. Vielleicht ist unsere Berichterstattung über das Brexit-Drama zu sehr auf die skurrilen Unterhausdebatten und die Folgen für unsere Wirtschaft fixiert. Das eigentliche Drama aber kann sich schnell nach Irland verlagern, wo das jahrhundertelange Unrecht der Londoner Eliten einen alten Konflikt wieder aufleben lässt. Die Arroganz der britischen Rechten lässt jedenfalls nichts Gutes erwarten. Zwei Redakteure veröffentlichen in ihrem Sprachrohr, dem Daily Express, einer Boulevardzeitung, die sich auch durch antideutsche Exzesse auszeichnet, ein Buch, in dem steht: „Der britische Genius hat das zivilisierteste Land der Welt geschaffen. Lasst England seine Berufung nicht vergessen, die Nationen zu lehren, wie man lebt.“

    Günter Erderer produzierte viele Jahre lang Wirtschaftsfilme für ZDF und ARD in Großbritannien.

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    Volkmar du Puits sagte:

    Alle machen sich hier Gedanken um GB, wie es war, ist und sein wird. Ich bin Sachse, Deutscher. Ich kann mir, bei allen ökonomischen Abwägungen – wahrscheinlich findet man für jedes Szenario eine zitierfähige Quelle – zwei Dinge nicht vorstellen:
    1. in einem Klub zu verbleiben, der mein Austrittsgesuch und die damit verbundenen Prozesse so behandelt wie die EU jetzt GB
    2. einen Untergang von GB bei gleichzeitig strahlenden Erfolgen dieser heuchlerischen, undemokratischen, dem Sozialismus zustrebenden und unreformierbaren EU

    In diesem Sinne bin ich überzeugt, daß die Briten den richtigen Weg gehen und wenigstens die Chance haben, auf zukünftige Herausforderungen die passenden Antworten zu finden – und für die EU vom Gegenteil.

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      Dieter Krause sagte:

      Haben Sie überhaupt mal im Sozialismus gelebt, Herr du Puits? Falls ja – dann dürften Sie ja wohl auch mitbekommen haben, dass man den ökonomisch desaströsen DDR-Sozialismus mit der heutigen EU ganz sicher nicht vergleichen kann! – Sie klingen für mich ein bisschen wie ein klassischer AfD-Wähler. Diese Partei, die die anderen beständig als „Systemparteien“ denunziert, ist doch schon heute eine der größten Bonzenparteien Deutschlands – wohl auch stark ferngesteuert aus Moskau! Ein ökonomisch konsistenten Programm hat die AfD übrigens bis heute nicht. Zwischen der Neoliberalen Alice Weidel und einem Herrn Höcke (Mitverfasser des AfD-Rentenkonzeptes) liegen ökonomisch Welten!

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        Richard Ott sagte:

        @Herr Krause

        Falls er nicht jünger als 30 Jahre und ein gebürtiger Sachse ist, dann hat er definitiv „mal im Sozialismus“ gelebt.

        Oder war die DDR etwa gar kein „richtiger Sozialismus“ – so wie Linksradikale bisher jedes sozialistische System verharmlost haben, das krachend gescheitert ist?

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        Volkmar du Puits sagte:

        Sehr geehrter Herr Krause, ich habe mein halbes Leben in der DDR verbracht und meine Erfahrungen und Erkenntnisse entsprechen nicht Ihren Vorstellungen. Einen klassischen AfD-Wähler kann ich nicht von einem unklassischen unterscheiden und der ökonomische Unterschied von Frau Weidel und Herrn Höcke interessiert mich nicht. Ich habe mein halbes Leben in quasi-staatlichen Wohnungen zugebracht und verfolge die aktuelle Diskussion in Berlin mit Befremden. Die AfD mag manches sein, eine Bonzenpartei ist sie sicher nicht (mal „Bonze“ googeln).

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    Dieter Krause sagte:

    Wieso nicht? Wenn wir alleine verhandeln, dann müssen wir nicht mehr die Interessen von 27 oder 26 anderen Staaten, die teilweise ganz anders sind als Deutschland, mitdenken. Das Verhandlungsergebnis würde so auf jeden Fall besser zu unseren deutschen wirtschaftlichen und strategischen Interessen passen als wenn wir den üblichen schwammigen EU-Kompromiss mittragen müssen, obwohl der vielleicht formal ein paar mehr chinesische Zugeständnisse enthält.

    Herr Ott – schon mal was vom Programm CHINA 2025 gehört? In nur sechs Jahren wollen die Chinesen in wichtigen Hightechbereichen Weltmarktführer sein. Deshalb kaufen sie ja wie verrückt auch Technologiefirmen in Deutschland und der EU: Knowhow absaugen – dann selber produzieren und den Deutschen und Europäern die globalen Märkte abnehmen! Wenn China dann im Jahr 2030 ein BIP von ca. 30 Billionen Dollar hat und Deutschland nur eines von ca. 5 Billionen Dollar – dann wird China in Afrika und Lateinamerika, aber auch in Indien und sonst wo die besseren Handelskonditionen bekommen, da es dort schlicht mehr zu bieten hat! Die wichtigsten Handelspartner von Deutschland werden dann aber wohl immer noch die EU-Staaten sein (in Summe).

    Sie, Herr Ott, haben einfach keine Ahnung, sind wahrscheinlich Rubrik „!Polit-Desperado“! Im übrigen kämen vorher auf Deutschland nach Ihren Vorstellungen auch noch die Kosten einer Auflösung der Euro-Zone dazu! In Deutschland und der EU laufen natürlich gegenwärtig ein paar Dinge schief. Die Frage ist aber, ob es besser läuft, wenn wir wieder in das Vor-Euro-Stadium eintreten! Das wage ich zu bezweifeln, weil die politischen Energien in Europa dann in einen halben Bürgerkrieg im Rahmen dieses billionenteuren Scheidungsverfahrens münden werden, bei dem am Ende Deutschland vor allem bezahlen müsste.

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      Richard Ott sagte:

      @Herr Krause

      „Sie, Herr Ott, haben einfach keine Ahnung“

      Jaja, jeder, der die großartigen Segnungen der EU-Zentralbürokratie kritisch sieht, muss wirklich blöd sein.

      „In Deutschland und der EU laufen natürlich gegenwärtig ein paar Dinge schief. Die Frage ist aber, ob es besser läuft, wenn wir wieder in das Vor-Euro-Stadium eintreten!“

      Schon eine Rückkehr zur Europäischen Gemeinschaft von vor 1993 ohne Euro und ohne Schengen wäre gegenüber der aktuellen Situation eine riesige Verbesserung! Würde ich sofort nehmen, wenn es mir angeboten würde.

      „Im übrigen kämen vorher auf Deutschland nach Ihren Vorstellungen auch noch die Kosten einer Auflösung der Euro-Zone dazu!“

      Welche Kosten sind das konkret? Die Ausleihungen, die wir im Rahmen des Eurosystems an die PIIGS gemacht haben, sind sowieso nicht wieder einbringlich. Das was Sie als „Kosten einer Auflösung der Euro-Zone“ sehen, ist sowieso schon weg, Sie haben den Verlust nur noch nicht realisiert, weder gedanklich noch buchhalterisch. Insofern beeindruckt mich dieses Scheinargument überhaupt nicht.

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        Dieter Krause sagte:

        Wie groß ist denn eigentlich die „EU-Zentralbürokratie“, Herr Ott? Noch nicht mal so groß wie die Stadtverwaltung von Köln! Und sind an dieser „EU-Zentralbürokratie“ nicht auch alle EU-Länder mit beteiligt? Bei Ihnen, Herr Ott, klingt das immer wie „Politbüro“! Aber kann es sein, dass Sie da was verwechseln? So etwas haben die in China – aber nicht in Brüssel!

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Dieter Krause

      >Die Frage ist aber, ob es besser läuft, wenn wir wieder in das Vor-Euro-Stadium eintreten! Das wage ich zu bezweifeln, weil die politischen Energien in Europa dann in einen halben Bürgerkrieg im Rahmen dieses billionenteuren Scheidungsverfahrens münden werden,>

      Mal abgesehen davon, dass es nicht möglich ist, in das Vor-Euro-Stadium einzutreten, weil es das nicht gibt nach einem Zerfall der Eurozone und ihre Frage daher an der Realität vorgeht:

      Ihre Logik ist bestechend.

      Der Zerfall der EU/Eurozone wird für jeden teuer.

      Daher ist es ratsam für jeden, drin zu bleiben.

      Genau so würde ich unzufriedenen Gefängnisinsassen gegenüber argumentieren:

      Wenn ihr raus wollt, holt ihr Euch eine blutige Nase.

      Das wollt ihr doch sicher nicht.

      Also freut Euch des Lebens im Gefängnis, etwas Besseres könnt ihr nicht haben.

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        Dieter Krause sagte:

        Sie haben schlicht keine Ahnung von Politik, Herr Tischer – das ist mir schon mehrfach aufgefallen! Und wer keine Ahn ung von Politik hat, hat am Ende auch keine Ahnung von politischer Ökonomie! Volkswirtschaftliche Fragen sind aber immer auch Fragen politischer Ökonomie, da stets auch MACHT- UND AUCH IDENTITÄTSFFRAGEN! – Warum entlassen eigentlich die Spanier – also die Zentralregierung in Madrid – die Katalanen nicht aus dem spanischen Einheitsstaat (in Spanien werden 8% des katalanische BIPs an die anderen Provinzen umverteilt, in Deutschland sind es – über den Länderfinanzausgleich nur ca. 4%, in den USA 2,5% zwischen den einzelnen Bundestaaten)? Können Sie mir diese Frage vielleicht beantworten? – Solche Leute wie Sie, Herr Tischer, glauben immer, dass es allen besser geht, wenn sich die reichen Provinzen (oder die angeblich reichen Provinzen) von den Subventionsempfänger trennen. Weshalb Bayern wohl auch besser aus der Bundesrepublik Deutschland austreten sollte oder? Aber warum soll dann in diesem schönen neuen selbständigen Bayern das reiche München die arme Oberpfalz mit durchfüttern? Es wäre dann doch besser, wenn sich München von diesen armen bayerischen Regionen, zu denen dann auch noch die Grenzregionen zu Taschechien gehören, trennen und als Einzelstaat selber weiter machen würde oder? – Wer wie Sie, Herr Tischer, in politischen Fragen stets nur ökonomisch denkt, leidet unter einer Art psychischem Defekt, weil er politische Fragen stets mit Fragen des reinen ökonomischen Nutzens verwechselt! Wenn Sie diesen Defekt bei sich behoben haben, dürfen Sie mir wieder Fragen stellen. Ansonsten antworte ich nicht mehr darauf! Weil ich nur ungern sinnlose Debatten führe. Denn dafür ist mir meine zZit wirklich zu schade! Vielen Dank.

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Dieter Krause

        >Herr Tischer – das ist mir schon mehrfach aufgefallen!>

        Erst einmal ein herzliches Dankeschön für das Kompliment.

        Ihnen fällt sicher nicht jeder mehrfach auf.

        Danke auch für Ihre Einschätzungen meiner Person, ich habe viel über mich gelernt.

        Ich weiß jetzt erst, eben durch Sie, was ich glaube und ja, da ist viel Neues dabei.

        Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, was mir bei Ihnen aufgefallen ist:

        Sie sind UNFÄHIG, sich mit Ihrer EIGENEN Argumentation auseinander zu setzen.

        Ich hatte Ihnen dargelegt, was sie beinhaltet.

        Das kommt vor, Sie sind kein Einzelfall.

        Ich schlussfolgere nicht gleich auf ein Defizit oder eine „Art psychischen Defekt“.

        Nein, das wäre zu viel.

        Denn Sie verkörpern nichts weiter als Ignoranz und Besserwisserei.

        Darauf sollten Sie sich etwas einbilden, denn diese Kombination hat Konjunktur hierzulande.

  14. Avatar
    MFK sagte:

    Nachgereicht noch einmal das Brexit Poll Ergebnis der 12 Regionen im U.K.
    Nur drei Regionen haben 2016 gegen den Brexit gestimmt: North Ireland, Schottland, Greater London.
    Für den Brexit haben die anderen neun Rggionen gestimmt: East Midlands, East of England, North East England, North West England, South East England, South West England, Wales, West Midlands, Yorkshire and the Humber.

    Hätte man also, ähnlich der Schweiz (und auch den USA), auch auf die Mehrheit der Regionen abgestellt, wäre das Ergebnis noch deutlich zugunsten des Brexit ausgefallen. Schottland hat übrigens verglichen mit England nur 10% der Stimmerechtigten.

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  15. Avatar
    RaS sagte:

    @ Krause „Wie groß ist denn eigentlich die „EU-Zentralbürokratie“, Herr Ott? Noch nicht mal so groß wie die Stadtverwaltung von Köln!“

    mmmh:
    „Personal
    Die Europäische Kommission ist in mehrere Abteilungen unterteilt, die sogenannten Generaldirektionen (GD), die mit Ministerien verglichen werden können. Jede Generaldirektion beschäftigt sich mit einem bestimmten Politikbereich oder Dienst, z. B. Handel oder Umwelt, und wird von einem Generaldirektor oder einer Generaldirektorin geleitet, der/die einem Kommissionsmitglied gegenüber verantwortlich ist. Die Europäische Kommission beschäftigt rund 32 000 Personen.
    Im Europäischen Parlament sind rund 7 500 Personen im Generalsekretariat und in den Fraktionen tätig. Hinzu kommen die Mitglieder des Europäischen Parlaments und deren Mitarbeiter. Im Generalsekretariat des Rates der Europäischen Union sind etwa 3 500 Menschen beschäftigt.“
    Quelle: europa.eu
    zum Vergleich:
    „Bei der Kölner Stadtverwaltung sind rund 17.000 Mitarbeiter beschäftigt.“ Quelle: Wikipedia

    Dyskalkulie?

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      Dieter Krause sagte:

      Sie, RaS, haben bei Ihrem Dyskalkulieverdacht leider die Beschäftigten der kommunalen Eigenbetriebe in Köln vergessen! Wieviele sind denn das? Im übrigen gehört für mich auch die Sparkasse Köln mit ihren Angestellten dazu. Und auch die Mitarbeiter der Polizei in Köln und die Lehrer der Schulen in Köln, auch wenn die vom Land NRW bezahlt werden. – Und wenn sie schon die Mitarbeiter des Europäischen Parlamentes bei ihrer wirren Kalkulation den EU-Mitarbeitern dazuschlagen – wieviele arbeiten denn beim Bund? Wollen Sie die Mitarbeiter des Bundestages, der Bundestagsverwaltung und der Firmen in Bundesbesitz (Deutsche Bahn!) dann nicht vielleicht auch abschaffen? – Sie, RaS, sind anscheinend auch einer dieser durchgeknallten Libertären, die glauben, ohne Staat liefe es viel besser – vor allem in Europa ohne die Europäische Kommission! In dieser schönen, neuen Hobbeschen Welt möchte ich dann aber lieber nicht leben.
      PS.: Demnächst wird übrigens die Europäische Staatsanwaltschaft ihre Arbeit aufnehmen – Gott sei dank! Aber deren Mitarbeiter sollten Sie zu den 32.000 Personen der EU-Verwaltung in Brüssel dann noch mit dazuzählen oder?

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  16. Avatar
    Dieter Krause sagte:

    Zum Stammpersonal der EU-Institutionen zählen rund 4300 Übersetzer/-innen und 800 Dolmetscher/-innen. – Also die kann man bald von den EU-Beschäftigten abziehen, da so etwas sehr bald von Websites wie http://www.deepl.com erledigt werden kann. Geht in zehn Jahren dann wohl fast automatisch! Wären dann in Brüssel nur noch 27.000 Mitarbeiter – für ca. 500 Mio. Bürger der Europäischen Union (etwa ein EU-Verwaltungsmitarbeiter auf ca. 18.000 EU-Bürger). – Köln hat dagegen wohl an die 25.000 Mitarbeiter in allen Bereichen sowie Verwaltungsbeschäftigte für ca. 1 Million Einwohner (ca. ein Verwaltungsmitarbeiter auf 40 Bürger). Wirklich schrecklich diese ausufernde Bürokratie in Köln und anderen deutschen Städten! Deutsche Städte sind eben – im Vergleich zur EU-Kommission – echte Bürokratiemonster oder, RaS?

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    Dieter Krause sagte:

    Sie sind UNFÄHIG, sich mit Ihrer EIGENEN Argumentation auseinander zu setzen.

    Das verstehe ich nicht, Herr Tischer – Ich muss dann eine anderer sein oder? – Meine Frage, warum die Spanier Katalonien nicht in die Unabhängigkeit entlassen, haben Sie mir aber immer noch nicht beantwortet! – Sie und Herr Ott können im übrigen jeder Zeit eine Kampagne zu einem Austritt Deutschlands aus der EU bzw. erst mal der Euro-Zone starten. Niemand hindert Sie daran!

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Dieter Krause

      Nachdem, was Sie hier abliefern, ist nichts anderes zu erwarten, dass Sie ihre eigene Argumentation nicht verstehen.

      Ich lege Ihnen einfach mal dar, was es hier zu verstehen gibt.

      Gehen Sie davon aus, dass ich Zeit dafür habe, da ich nicht daran denke, eine Kampagne zum Austritt Deutschlands aus der EU zu starten. Damit müsste man übrigens beginnen, wenn man geregelt aus der Eurozone wollte.

      Sie sagen:

      >Die Frage ist aber, ob es besser läuft, wenn wir wieder in das Vor-Euro-Stadium eintreten! Das wage ich zu bezweifeln, weil die politischen Energien in Europa dann in einen halben Bürgerkrieg im Rahmen dieses billionenteuren Scheidungsverfahrens münden werden,>

      Mit dem zweiten Satz behaupten Sie, dass es nicht „besser läuft“, wenn wir wieder in ein Stadium mit eigenen Währungen (Vor-Euro-Stadium) wären, weil das Scheidungsverfahren mit Kosten von Billionen und Bürgerkrieg belastet wäre.

      Ob das so ist mit den Billionen und dem Bürgerkrieg lasse ich mal dahingestellt.

      Der Punkt ist:

      Sie bewerten nicht die SITUATION, wieder über eigene Währungen zu verfügen, sondern entwerten Sie allein durch das VERFAHREN dorthin.

      Man kommt zwar nicht um das Verfahren herum, wenn man zur Situation gelangen will, aber Sie können nicht dessen vermeintliche Kosten für die Bewertung heranziehen, OHNE etwas über die Kosten oder Gewinne der Situation mit wieder eigenen Währungen gesagt zu haben.

      Sie vergleichen etwas mit Kosten und Bürgerkrieg (Austrittsverfahren) mit etwas ohne jegliche Qualifizierung (Situation mit eigener Währung).

      Das ist kein Vergleich, aus dem sich irgendetwas schließen ließe – er ist einfach unverständlich (als Vergleich), weil unsinnig.

      Daher ist Ihre Kosten-und Bürgerkriegsaussage, ob nun richtig oder falsch, schlichtweg UNTAUGLICH, um eine Präferenz für das Verbleiben in der Währungsunion zu begründen.

      Ich weiß es nicht, aber möglicherweise ist es zu viel verlangt, Ihnen diese Einsicht zuzumuten.

      Ist das so, dann glauben Sie mir wenigstens, dass man eine „Art psychischen Defekt“ haben muss, um die paar einfachen Sätze zu formulieren, die ich hier geschrieben habe.

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  18. Avatar
    Dieter Krause sagte:

    Sie bewerten nicht die SITUATION, wieder über eigene Währungen zu verfügen, sondern entwerten Sie allein durch das VERFAHREN dorthin. Man kommt zwar nicht um das Verfahren herum, wenn man zur Situation gelangen will, aber Sie können nicht dessen vermeintliche Kosten für die Bewer-tung heranziehen, OHNE etwas über die Kosten oder Gewinne der Situation mit wieder eigenen Währungen gesagt zu haben.

    Zur Trennung gehören immer mindestens zwei oder, Herr Tischer? Aber spielen wir das mal makroökonomisch für Deutschland mal kurz durch: Ein DEUXIT würde die neue DM (allein für Deutschland oder einen Länderblock mit den Niederlanden und Österreich geltend, die volkswirtschaftlich ähnlich die Deutschland aufgestellt sind) schlagartig gegen den Rest-Euro der Südländer und Frankreichs um mindestens 25% aufwerten. Wäre dann ein sogenannter externer Schock mit einer sofortigen Verdreifachung der Arbeitslosigkeit in Deutschland, dass danach ganz sicher nicht mehr 50% seines BIP exportieren würde sondern wohl nur noch ein Drittel – wenn überhaupt (die Chinesen würden deutsche, in aller Welt fallierende Exportmärkte durch schlagartig zu hohe Kosten aber wohl sofort mit übernehmen). Die Sozialkassen würden durch die rasant ansteigende Arbeitslosigkeit in Deutschland extrem belastet werden, auch wenn die Importe (Erdöl etc.) sich verbilligen würden (käme aber nur denen wirklich zugute, die danach auch noch einen Job haben). Was mit den Target-Salden nach einem Austritt Deutschlands aus dem Euro geschehen würde, lass ich hier mal offen. Auf alle Fälle wird man hier wohl auch von einer partiellen volkswirtschaftliche Verlustrealisierung für Deutschland in dreistelliger Milliardenhöhe ausgehen können. Ein DEUXIT bedeutet also am Ende für Deutschland:

    1.) Dreistellige Miliardenverluste für Deutschland durch nicht mehr einbringbare Target-Forderungen
    2.) Massive Verschlechterung der Terms of Trade im Außenhandel mit den Rest-Euro-Ländern und wohl auch den Dollarstaaten sowie der Yen- und Yuan-Zone – dadurch dauerhafter Verlust von Auslandmärkten für die deutschen Exportindustrien
    3.) Dadurch bedingt dann aber auch eine Verdreifachung der Arbeitslosigkeit in Deutschland mit Zusatzbelastungen für die Sozialkassen in wohl auch dreistelliger Milliardenhöhe
    4.) Die neuen Bundesbank – da kleiner als die der Rest-EZB – könnte im übrigen gar nicht die Zinsen in Deutschland weit über EZB- oder FED-Niveau anheben, da sie damit die Konjunktur in Deutschland noch weiter abwürgen würde – sie würde deshalb wohl sogar beim Leitzinssatz UNTER DEM ZINSSATZ der Rest-EZB verbleiben müssen, da die neue DM durch das nach Deutschland fließende Geld aus der ganzen Welt beständig weiter unter Aufwertungsdruck stünde, wie man das gegenwärtig in der Schweiz (aber viel kleinere Volkswirtschaft wie Deutschland!) sehr genau zstudieren kann

    Bedeutet: Die Sparer in Deutschland würden sich nach einem Deuxit bei einer neuen DM mit NOCH NIEDRIGEREN ZINSEN als bisher zufrieden geben müssen (dauerhaft im Negativbereich?) – und das bei einer weitaus schlechter laufenden Wirtschaft! Conclusio: Ein Deuxit ist ein Vorschlag für eine weitere massive Verarmung in Deutschland und wohl wirklich nur etwas für durchgeknallte Wirtschaftsradikale und Euro- und EU-Feinde!

    Mein Vorschlag hier wäre aber jetzt der: Auflegung eines Staatsfonds in Deutschland zur Rentensicherung in Höhe von einer Billion Euro, der – würde er so eine Rendite wie der norwegische Ölfond erwirtschaften – mit jährlichen Erträgen von ca. 60 bis 130 Mrd. Euro rechnen könnte (Refinanzierungskosten am Kapitalmarkt für die Geldaufnahme des Fonds schon mit eingerechnet – der Mittelzufluß in den Fond, gemanaged übrigens durch die Bundesbank, kann aber z.T. auch durch Steuern erfolgen). Die frei werdenden Mittel aus dem Rentenzuschuß der Bundesregierung könnte man dann für ein Bildungs- und Infrastrukturprogramm in Deutschland in mittlerer zweistelliger Milliardenhöhe verwenden, auch für Anreize für mehr Kinder und auch für eine europäische Arbeitslosenversicherung (soll lt. Bundesfinanzministerium Deutschland ca. 10 Mrd. Euro jährlich kosten). Ich will es dabei belassen, die Vorschläge könnte man in einer Diskussion noch mal weiter vertiefen!
    https://www.handelsblatt.com/finanzen/anlagestrategie/fonds-etf/norwegischer-oelfonds-weltgroesster-staatsfonds-erzielt-rendite-von-13-7-prozent/21009806.html
    https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/inklusives-wachstum-fuer-deutschland-8-ein-staatsfonds-fuer-deutschland-grundueberlegungen-und-intern/

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    • Avatar
      troodon sagte:

      Bzgl. der Auflegung eines Staatsfonds bin ich grundsätzlich bei Ihnen, wobei Sie die zukünftigen Erträge m.E. zu hoch ansetzten, zumindest den oberen Bereich.

      Wäre aber gar nicht oder zumindest weniger nötig, wenn die Privathaushalte nicht unfähig wären, selbständig eine langfristig mehr auf Sachwerte orientierte Anlagestruktur des Geldvermögens zu wählen.
      Ein selbständiges Handeln würde ich bevorzugen, ist aber leider offensichtlich für von der Masse nicht gewollt.

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  19. Avatar
    Dieter Krause sagte:

    Hier mal zum Vergleich noch die aktuellen Leitzinssätze von EZB und Schweizer Nationalbank, die unter den EZB-Zinsätzen liegen, um eine weitere Aufwertung des Schweizer Frankens gegen den Euro zu verhindern! Würde bei einem Deuxit mit der neuen DM genauso sein – deren Leitzinsatz würde unter der der Rest-EZB liegen MÜSSEN, um die Konjunktur in Deutschland dann nicht noch weiter abzuwürgen und um nicht zuviel volatiles Geld aus der ganzen Welt nach Deutschland zu ziehen, was die neue DM dann noch weiter unter Aufwertungsdruck setzen würde. Verbesserung der Zinssituation der Sparer in Deutschland zu heute: Nicht vorhanden – sogar Verschlechterung durch einen Deuxit!

    https://www.finanzen.net/leitzins/
    https://www.snb.ch/de/iabout/stat/statrep/id/current_interest_exchange_rates#t2

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  20. Avatar
    Eva Maria Palmer sagte:

    Nicht umsonst hat Dr.Stelter immer wieder angesichts der katastrophalen Situation vor allem in Italien, angeregt, die Eurozone zu verlassen und zur guten alten DM zurückzukehren.

    Fast alle namhaften Ökonomen haben der inkompatiblen Einheitswährung keinen langfristigen Bestand prognostiziert.

    Die Teilnahme am Euro-System ist der erste schwerwiegende Fehler, den die Briten gottseidank nicht begangen haben.

    Ihre Mitgliedschaft in der EU allerdings ist eine Falle, aus der sie große Mühe haben werden, wieder schadlos herauszukommen, zumal auch die letzten beiden Regierungschefs eine törichte Politik betrieben haben.

    Wenn sie es doch schaffen, dann würde ich lieber in GB leben als in der Pleite- und Transfer-Union.

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