„Recession risk pushes Italy closer to a financial and political earthquake“

Gedankenspiel: In Italien kommt es zu einer Rezession: Wer hat Schuld und welche Wirkung hat es auf die Politik? Sicherlich kein Szenario, über das wir uns freuen können:

  • „Italy’s economy has stalled abruptly over the summer and the industrial sector is on the cusp of outright recession, threatening to drive the country’s knife-edge debt dynamics into dangerous territory. The sudden slowdown comes as mounting political alarm pushes risk spreads on 10-year Italian debt to a five-year high of 290, a sign that capital outflows are picking up again.“ – bto: Das führt bei uns zum weiteren Anwachsen des „ökonomisch völlig irrelevanten“ Ausgleichsposten Target2-Forderungen.
  • „Italy’s debt trajectory is acutely vulnerable to any change in the pace of nominal GDP growth or any shift in the fiscal outlook.  Spreads have risen 175 basis points since April, shadowing the pattern before the 2011 crisis. (…) there are eerie similarities with events in that episode. Once spreads broke through 300, the crisis span out of control within weeks.“ – bto: Das hatten wir damals und werden wir erneut bekommen, es sei denn, die EZB kauft bedingungslos alles. Ausschließen können wir das nicht.
  • „The surprising new development is the sharp fall in IHS Markit’s manufacturing gauge for Italy to 50.1 in August, just above the ‘boom-bust line’. Business expectations fell to lows last seen in May 2013 during the eurozone banking crisis. (…) Bank of America says Italy’s GDP growth is flirting with zero in the third quarter.  It warned that risk spreads could easily rise to 400 basis points if the budget breaches fiscal rules. The first draft is to be prepared this month.“ – bto: Damit wäre die ohnehin nicht mehr kontrollierbare Verschuldung noch mehr außer Kontrolle.
  • „Fitch placed the country’s BBB rating on negative watch last Friday, saying it expects a degree of fiscal loosening that would leave Italy’s very high level of public debt more exposed to potential shocks.  The debt ratio has only just begun to stabilize at 132pc of GDP a full nine years into the global expansion.“ – bto: vor allem trotz nachhaltiger Primärüberschüsse im Haushalt!
  • „Leaders of both the nationalist Lega party and the radical Five Star movement responded caustically: policy would henceforth be set in the interests of the Italian people, not for the convenience of rating agencies. (…) The flat tax would cost €50bn a year and a basic income for the poor would cost €17bn. These two have to go together to preserve the Left-Right coalition. A roll-back of pension reform would cost €8bn. A suspension of VAT rises costs 0.7pc of GDP. Italy is supposed to be going in the opposite direction with consolidation of 1pc of GDP a year under the preventive arm’ of the Stability Pact.“ – bto: und? Was wollen wir machen? Die Bundeswehr schicken? Ich glaube nicht, dass die EZB wieder den Zinstrick machen wird, um so die Regierung unter Druck zu setzen. Gut möglich, dass sie sich nicht unter Druck setzen lassen.
  • „The Lega’s elder statesman (and de facto co-premier), Giancarlo Giorgetti, said the coalition would go above 3pc if necessary, citing the need for a blitz of infrastructure spending after the Genoa bridge disaster. The plan is to invoke the Golden Rule that exempts investment from the deficit. It is a way to evade curbs.“ – bto: Die anderen Länder werden das gerne geschehen lassen, gibt es ihnen doch mehr Freiraum das Gleiche zu tun.
  • „The EU must move with care. Italy is not Greece. It is a net contributor to the EU budget and is large enough to set off a systemic crisis for monetary union. Mr Salvini and his inner circle are hard eurosceptics, hoping to engineer circumstances that makes it possible to pull Italy out of the euro.“ – bto: aber nicht, ohne zuvor möglichst viel Geld von uns bekommen zu haben.
  • „Claudio Borghi, a Lega economist and head of parliament’s budget committee, says the EU elites will not succeed in bringing Italy to its knees a second time by pressure on the bond market. They can’t play the same trick twice, he said. Italians know who controls the spreads. We’re back where we were when the crisis began in 2011. There are only two golden keys to get out of this slaughterhouse: either the ECB agrees to hold the risk spread at 150 points; or we take back our own currency and restore national independence, he told the Daily Telegraph last month.“ – bto: Ja, sie können glaubhaft drohen.
  • „The risk for the EU is that if it pushes Italy too hard on fiscal rules and provokes a showdown, the Lega-Grillini will retaliate by activating their minibot plan for a parallel currency to keep the banks afloat. This would subvert monetary union from within, leading quickly to the rupture of the euro. (…) Unless the EU authorities yield some ground to the Italians, they risk setting off the existential crisis they most fear.“ – bto: Aber auch so würden sie nur weitere Zeit kaufen. Gelöst wird das Problem durch Nachgeben nicht.

The Telegraph: „Recession risk pushes Italy closer to a financial and political earthquake“, 2. September 2018

19 Kommentare
  1. Wolfgang Selig sagte:

    bto: Das führt bei uns zum weiteren Anwachsen des „ökonomisch völlig irrelevanten Ausgleichsposten Target2-Forderungen.

    Ich nehme an, Herr Dr. Stelter, dass Sie erstens noch ein zweites Anführungszeichen machen wollten und zweitens eine gewisse Ironie mit dieser Begrifflichkeit verbinden. Das geht m.E. nicht aus dem Text hervor. Man könnte es allerdings vermuten, wenn man schon mehr von Ihnen gelesen hat.

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  2. Wolfgang Selig sagte:

    bto: Aber auch so würden sie nur weitere Zeit kaufen. Gelöst wird das Problem durch Nachgeben nicht.

    Warum auch? Die meisten wollen es ja gar nicht lösen, läuft doch gerade so gut… Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, sehe ich (abgesehen von Meckereien über Infrastruktur, Asylthemen, Schule und Bildung, etc.) geldpolitisch nur zufriedene Gesichter. Die meisten haben niedrige Darlehenszinsen für die eigene Immobilie, das Auto oder andere Themen, freuen sich über die Situation auf dem Arbeitsmarkt und konsumieren kräftig. Das Thema Altersversorgung wird verdrängt und die paar Aktienbesitzer haben in den letzten Jahren auch keine schlechte Kursentwicklung erlebt. Nur die Rentner sind mit der Verzinsung ihrer Ersparnisse unzufrieden und verschenken es daher teilweise an Kinder und Enkel („Ihr könnt es jetzt dringender brauchen, bis Ihr es erbt, ist ja alles noch viel teurer geworden und mein Geld weniger Wert“), die sich dadurch sogar indirekt über die Zinspolitik freuen, weil sie ihr Erbteil vorzeitig bekommen. Also alles prima!^^

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  3. Dietmar Tischer sagte:

    Zutreffende Analyse.

    Situation und Entwicklung:

    – an sich schon hohe, kritische Staatsverschuldung (nach Griechenland die höchste in der Währungsunion, latentes Misstrauen der Märkte)

    – praktisch kein Wachstum (wegen hoher Unsicherheit, bei einer derartigen Regierung nicht verwunderlich)

    – absehbar weiter wachsende Verschuldung (Budgetentwurf Ende Sept. wird das bestätigen; wenn nicht, dann Regierungskrise)

    Politisches Kalkül:

    – Italien will, muss und wird über die 3%-Defizitgrenze gehen bei der Staatsverschuldung und hat eine starke Waffe, das durchzusetzen – es ist NETTOZAHLER in einer durch den Austritts von GB schon klammen EU.

    „Lösung“ (Botschaft, mediale Verpackung):

    – Italien darf sich höher als 3% verschulden für „INVESTITIONEN“, um Wachstum zu generieren.

    Ausblick:

    – Es kommt auf die Ratingagenturen und die Märkte an. Wenn sie die Rendite der Staatsanleihen hoch treiben, wird es eng.

    – Die EZB wird zurückhaltend agieren – erst einmal.

    Fazit:

    – Große Unsicherheit (von politischer Instabilität mit der Folge von Neuwahlen bis Finanzierungskrise)

    – Ich sehe nicht, wie in Italien nach Lage der Dinge Stabilität bewahren, geschweige denn gewinnen kann.

    Hier ein paar Zahlen mit einem ähnlich kritischen Ausblick:

    https://www.welt.de/wirtschaft/article181292634/Euro-Krise-Italien-droht-im-Schuldensumpf-zu-ersticken.html

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  4. RW sagte:

    Das Schöne ist, dass alle sich über die jetzige Situation freuen. Aber nichts ist in Butter. Der abzusehende Knall wird dann viele aus ihren Tagträumen aufwachen lassen. Ob sie dann Handlungsoptionen haben, wage ich zu bezweifeln. Ich habe gerade wieder in Australien eine Aktie gefunden: debt-free und KGV von ca. 12.

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    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Zweifler

      Ihr Fazit ist falsch, weil „also …“ non sequitur ist.

      Richtige Logik auf Basis Ihrer Aussage:

      Wenn Italien ein Problem hat, haben wir alle eins.

      Italien hat ein Problem, also haben wir auch eines.

      ODER:

      Wenn Italien ein Problem hat, haben wir alle eins.

      Da wir alle kein Problem haben, hat Italien keines.

      Die REALITÄT ist allerdings (in eine logische Form gebracht):

      Wenn Italien ein Problem bekommt, bekommen wir alle eines.

      Wenn wir alle kein Problem bekommen wollen, darf Italien keines bekommen.

      Kurzum:

      Es geht in der Realität um „wollen“ und „nicht dürfen“.

      Das ist dann nicht mehr Logik, sondern politisches Handwerk bzw. Kunsthandwerk.

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      • Zweifler sagte:

        @Dietmar Tischler,
        „Richtige Logik“ ist eine Tautologie und in diesen Zeiten ohnehin unbrauchbar. Es ist für einen ausschließlich „richtig“ logisch denkenden Menschen schwer zu verstehen, aber die Fähigkeit des „Falsch-logischen Denkens“ sollte man sich aneignen, um gewisse Vorgänge zu verstehen.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Zweifler

        Sie haben recht:

        „Richtige Logik“ ist zumindest missverständlich – oder, wenn Sie darauf bestehen – falsch ausgedrückt, so wie „Falsche Mathematik“ es wäre. Es muss heißen falsches Schließen und falsches Rechnen.

        Mit „non sequitur“ war es auch so ausgedrückt.

        Ich bin KEIN ausschließlich richtig logisch denkender Mensch und habe daher sehr wohl VERSTANDEN, was Sie MEINEN mit ihrer logisch falschen Schlussfolgerung:

        Es wird dafür gesorgt werden, dass Italien kein Problem hat, sollte es sich dahingehend entwickeln, eines zu bekommen, denn andernfalls hätten wir Probleme.

        Das stimmt mit dem überein, was ich ganz oben unter „Lösung“ gesagt habe.

        Insoweit besteht Übereinstimmung zwischen uns.

    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Sabine Schmid

      Das glaube ich nicht.

      Die Finanzierung mit einer „parallel currency“ wäre eine Präzedenzfall, der Nachahmer ermutigen könnte.

      Das will man aus gutem Grund nicht.

      Es ist genauso wie mit Griechenland:

      Man hätte an sich einen expliziten Schuldenschnitt, dem rechtlichen Anerkenntnis, dass das Schuldnerland Griechenland Anleihen in einem bestimmten Volumen nicht zu rückzuzahlen braucht, leben können.

      Man hätte allerdings nicht damit leben können, wenn Portugal und Spanien, ebenfalls unter dem Rettungsschirm, Gleiches gefordert hätten – was sie aufgrund des Falles Griechenland mit Anspruch auf Gleichbehandlung hätten fordern können und sich andere Staaten mit der Perspektive auf einen derartigen Schuldenerlass noch mehr verschuldet hätten.

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