Bonds die größte Blase aller Zeiten?

Louis-Vincent Gave, CEO und Mitgründer von Gavekal Research, äußert sich in einem Interview mit der NZZ zu den Aussichten an den Finanzmärkten. Auch er spricht von „Bonds als der größten Blase aller Zeiten“– wie John Plender von der FT, den wir heute Morgen zu dem Thema hatten. Aber damit nicht genug. Ein insgesamt wenig erbaulicher Blick auf die Weltlage nach Jahrzehnten der Schuldenwirtschaft und der notenbankgeförderten Spekulation:

  • „Noch vor wenigen Wochen handelten Bonds im Umfang von 17 Bio. $ mit negativer Rendite. (Dafür) gibt es nur drei mögliche Erklärungen: Erstens, die Weltwirtschaft steht vor einem Zusammenbruch epischen Ausmaßes. Zweitens, der Bondmarkt ist die größte Blase, die wir je gesehen haben. Und drittens, wir haben in den letzten Wochen eine gewaltige Kaufpanik in Anleihen erlebt.“ – bto: wobei das eigentlich kein dritter Grund ist, sondern nur eine Unterausprägung der beiden anderen. Also: Zusammenbruch oder Blase? Nun, beides ist aus meiner Sicht durchaus denkbar.
  • „Wir sehen ohne Zweifel eine Verlangsamung, besonders in der Industrie. Grund dafür ist eine strukturelle Abschwächung im Automobilsektor, die zum Beispiel auch den Einbruch des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland erklärt. Ein oft übersehenes Thema ist das Fiasko mit der Boeing 737 Max, das in zahlreichen Volkswirtschaften die Lieferketten belastet hat. Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Handelskrieg haben die Investitionsentscheide der Unternehmen gehemmt, und nicht zuletzt verlangsamt sich die chinesische Wirtschaft. Aber: Das ist eine Konjunkturabkühlung und keine Kernschmelze in der Form, wie der Anleihenmarkt sie suggeriert.“ – bto: Wir wissen, dass es immer kleinere Auslöser braucht, um an den Finanzmärkten eine Krise auszulösen. Das vergisst er hier. Der immer höhere Leverage macht das System anfälliger.
  • „Chinas Wirtschaft kämpft zwar mit strukturellen Problemen – dazu gehören die Verschuldung und die Demografie, um zwei zu nennen –, aber insgesamt stabilisiert sich die Konjunktur. (Das Land wird aber die Welt nicht erneut retten). Das Land hat die Weltwirtschaft Ende 2008 und erneut Ende 2015 aus dem Sumpf gezogen, und als Dank erhält es von Donald Trump einen Tritt ans Schienbein. Der zweite Grund ist, dass Stimulusmassnahmen in China bevorzugt über den Immobiliensektor funktionieren. Aber dieser läuft schon recht heiß, die Städte brauchen nicht noch höhere Immobilienpreise.“ – bto: Klar ist aber auch, dass der Versuch, die Abhängigkeit von neuen Schulden zu reduzieren, entsprechend dämpfend wirkt.
  • „Der Privatkonsum in den USA entwickelt sich weiterhin erfreulich, China bricht nicht zusammen. In vielen Staaten wird über Fiskalprogramme diskutiert. Rund um den Globus senken Zentralbanken die Zinsen und Regierungen die Steuern. Wie kann all das positiv sein für Anleihen? Daher meine Überzeugung, dass der Obligationenmarkt die grösste Blase unserer Lebzeiten ist.“ – bto: Wenn er recht hat mit seiner Einschätzung bezüglich der konjunkturellen Entwicklung, stimmt das natürlich. Es hängt von diesem Faktor ab. Und wir haben gesehen, dass es auch Anzeichen gibt für eine Rezession und zugleich für eine immer größere Anfälligkeit für Störungen an den Finanzmärkten.
  • „In jeder Blase braucht es zwei Überzeugungen. Die erste ist der Glaube, dass es diesmal anders ist. Dafür musst man bereitwillig jegliche Skepsis über Bord werfen. Der zweite Faktor in jeder Blase ist der Glaube, dass man all diese Vermögenswerte kaufen kann, weil es immer einen noch größeren Idioten gibt, der sie in Zukunft zu einem höheren Preis erwerben wird. Diese beiden Überzeugungen sind heute evident.“ – bto: Und der Idiot sind im heutigen Fall die Notenbanken. Kann doch passieren.
  • Demografie, Deflation und Verschuldung sind die drei Faktoren, die angeblich dazu führen sollen, dass wir für immer Null- oder gar negative Zinsen haben werden. Aber das glaube ich nicht. (…) In den letzten dreissig Jahren hat die Generation der Babyboomer gespart; sie hat in ihre Vorsorge und in Lebensversicherungen eingezahlt – de facto kauften sie Anleihen. (…) Wenn die Babyboomer in den Ruhestand treten, beginnen sie, ihre Pensionskassenersparnisse zu liquidieren. Für Bonds ist das keineswegs vorteilhaft.“ – bto: Das stimmt und wird auch in einigen Studien bereits so angenommen. Über einen Prozentpunkt sollen dann die Zinsen steigen. Doch haben wir auf der anderen Seite den Aspekt, dass jeder Zinsanstieg wie ein Margin Call wirkt. Nicht zufällig begannen die Turbulenzen an den Finanzmärkten in der Vergangenheit bei immer tieferen Zinsniveaus.
  • „Das Argument der hohen Schulden ist unbestritten stark; der weltweite Schuldenüberhang hemmt das Wachstum. Aber ich halte nichts vom Argument, dass wir überall Deflation sehen. Schauen Sie sich den mittleren Konsumentenpreisindex in den USA an: Er notiert auf einem Zehnjahreshoch. Überall auf der Welt sehe ich kleine Revolutionen, in Frankreich mit den Gilets Jaunes, in Grossbritannien mit dem Brexit, in Amerika mit der Wahl von Trump. (…) Revolutionen sind typischerweise das Ergebnis von Inflation. Marx lag in vielen Dingen falsch, aber es stimmt, dass Inflation eine zutiefst destabilisierende Wirkung hat.“ – bto: Vor allem haben wir eine Vermögenspreisinflation. Andererseits würde ich schon sagen, dass die Schulden nicht nur das Wachstum hemmen, sondern vor allem auch dazu führen, dass wir ein immer anfälligeres Finanzsystem haben. Ich denke, über diesen Aspekt geht er zu leicht hinweg.
  • „Wer heute Bonds kauft, glaubt, dass die EZB, die Bank of Japan, und neuerdings auch wieder die US-Notenbank, jederzeit eingreifen und Bonds kaufen werden. (Doch:) Werden die Zentralbanken weiterhin Anleihen kaufen, unabhängig davon, was passiert? Das bringt uns zurück zur Frage der Inflation. (…) wenn die Energiepreise aus irgendeinem Grund in die Höhe schiessen, wird es für die Zentralbanken viel schwieriger, zu behaupten, es gebe keine Inflation. Dann wird es auch schwieriger für sie, ihre Negativzinspolitik fortzusetzen.“ – bto: Nun sind wir ja parallel auf dem Weg, die Abhängigkeit von Öl etc. zu reduzieren. So, wie das in einzelnen Ländern gemacht wird, könnte man schon meinen, dass es zu weiteren Kostensteigerungen führt, unabhängig davon wie die Ölpreise sich entwickeln. Sprengstoff genug für soziale Unzufriedenheit.
  • „Wir stehen am Beginn eines neuen kalten Krieges. (…) Die Amerikaner wollen China zurückdrängen und dafür sorgen, dass die USA die dominierende Wirtschaftsmacht der Welt bleiben. (…) Washington hat beschlossen, den Konflikt in den Bereich der Technologie zu verlagern, denn dort haben die USA einen Wettbewerbsvorteil. Wenn es sich tatsächlich bloss um einen Handelskrieg handelte, würde die US-Regierung dann den Chipherstellern verbieten, ihre Produkte an Huawei zu verkaufen? Natürlich nicht. Wenn es nur ein Handelskrieg wäre, würden die Amerikaner mehr Waren an die Chinesen verkaufen wollen. Das Schlachtfeld des Krieges ist der Technologiesektor.“ – bto: Und dieser hätte in der Tat das Potenzial, zu einem Zins-Schock zu führen. Doch selbst da denke ich, dass Notenbanken, die sagen, ich kaufe alles zu einem festgelegten Preis, um die Zinsen stabilisieren zu können, bis zu dem Punkt wo das Geldsystem kollabiert.
  • „Es ist verrückt, dass sich die grossen US-Technologieaktien an der Börse immer noch so gut entwickeln. Der IT-Sektor wurde zum Schlachtfeld für den neuen kalten Krieg auserkoren, und dennoch gehen die Investoren hin und kaufen Technologieaktien. Das ist verrückt. Das ist wie der Kauf von Immobilien im Elsass im Juli 1914. Wenn Sie etwas nicht wollen, dann sind es Vermögenswerte auf dem Schlachtfeld.“
  • „Viele Investoren besitzen heute ein fragwürdiges Portfolio: Sie besitzen Wachstumsaktien wie den US-Technologiesektor, und sie sichern diese Position mit Anleihen ab. Sie halten also überbewertete Aktien und sichern sie mit überbewerteten Bonds ab. Das erscheint mir nicht sehr intelligent. Beide Seiten dieses Portfolios schneiden nur in einem Umfeld anhaltender geldpolitischer Lockerung erfreulich ab; beide Seiten wetten darauf, dass die Zentralbanken für immer Negativzinsen beibehalten werden.“ – bto: Es widerstrebt mir ja, aber selbst mir fällt es schwer, mir einen Ausstieg aus dem Niedrigzinsumfeld vorzustellen, einfach, weil die Schulden- und Vermögensblase dann platzen muss.
  • „Was wäre intelligenter? Ich würde Aktien kaufen – mit einem Untergewicht in den USA –, und ich würde sie mit Energiewerten absichern. Statt Bonds zu kaufen, würde ich auf Aktien wie Total, BP und Royal Dutch Shell setzen. Sie bieten eine Absicherung, falls die Energiepreise in die Höhe schießen. Zudem offerieren sie eine Dividendenrendite von 5 bis 6%. Für mich sind Energieaktien gewissermaßen die neuen Anleihen. Außerdem würde ich etwas Bargeld in meiner Allokation halten.“ – bto: Ich habe mich verschiedentlich für Ölwerte ausgesprochen. Zwar geht der Kampf gegen diese Umweltsünder erst richtig los und es wird eine Substitution geben. Dennoch kann man mit diesen Werten vermutlich noch einige Zeit gut Geld verdienen.
  • „Es ist zunehmend wahrscheinlich, dass die Demokraten Elizabeth Warren als Kandidatin aufstellen werden. Und sobald ihre Nominierung klarer wird, werden die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von 50% einpreisen, dass Warren Trump schlagen wird. Sie könnte das am weitesten links politisierende Staatsoberhaupt in der Geschichte der USA werden: Sie will Banken stärker regulieren, die grossen Tech-Konzerne aufspalten, und sie verspricht, Ölfracking zu verbieten. Damit wird sie die wichtigsten Wettbewerbsvorteile Amerikas angreifen: Finanz, Technologie und Energie. Vor diesem Hintergrund könnten sich viele ausländische Investoren etwas von den USA abwenden.“ – bto: Hinzu kommt, dass die US-Börse sehr teuer ist.
  • „Der Dollar hatte mehrmals die Gelegenheit, nach oben auszubrechen: etwa 2018, als das Fed die einzige Zentralbank weltweit war, die die Zinsen erhöhte. Oder in diesem Sommer, als Dollaranleihen fast die einzigen am Markt waren, die noch eine positive Rendite abwarfen. Und auch vor zwei Wochen, als der Repo-Markt in den USA einfror. Doch der Dollar legte nicht weiter zu. Das zeigt mir, dass wir offenbar einen Dollarmangel in den USA haben, aber keinen Dollarmangel im Rest der Welt. Wenn überhaupt, erwarte ich eine Abschwächung des Greenback. Und das wäre positiv für die Schwellenländer. Zum einen, weil die Märkte beginnen, das Risiko einer Warren-Präsidentschaft einzupreisen. Ausserdem weisen die USA ein enormes Haushaltsdefizit auf. Jedes Jahr müssen 1,3 bis 1,5 Bio. $ an neuen Treasuries vom Markt absorbiert werden. Da sich immer mehr ausländische Investoren von den USA abwenden, denke ich, dass das Fed keine andere Wahl haben wird, als seine Politik der quantitativen Lockerung wieder aufzunehmen. Es wird wohl zu einer Monetisierung der Staatsschulden in den USA kommen. Das ist schlecht für den Dollar.“ – bto: Genau, wir bekommen das Szenario, in dem die USA schneller monetarisieren als die Eurozone. Stärkerer Euro ist deshalb denkbar, allerdings nicht, weil er gesünder ist, sondern nur weil der Dollar schneller schlecht wird. Am Ende steht dennoch der Eurokollaps.
Kommentare (16) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
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    Wolf Palmer sagte:

    @ Louis-Vincent Gave
    „Bonds, größte Blase aller Zeiten“.

    Meiner Frau Eva Maria wird hier immer wieder der Besitz einer Glaskugel unterstellt.
    Nun mehren sich sich immer häufiger weitere Glaskugel-Besitzer, die sich offen über die Folgen der jahrzehntelangen Schulden-Wirtschaft und der von den Notenbanken geförderten Spekulationen in dem Welt-Finanzcasino zu Wort melden.

    Natürlich wird nicht nur die Bonds-Blase platzen, sondern die Blasen aller anderen Vermögensgüter, die in beispielloser Weise die Finanzwelt beherrschen.

    Der inkompatible und schwache Euro ist der größte Hedge-Fonds aller Zeiten, und ebenfalls zum Untergang verurteilt.

    Meine Frau hat schon 2013 auf ihrer Webseite diese Enwicklungen prognostiziert.

    Hoffen wir, daß sie dieses Mal nicht schon wieder Recht hat.

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    Thomas M. sagte:

    Meine Vorhersage basierend auf allem Input, der mir so durchs Gehirn weht (nicht nur hier, sondern auch auf der ein und anderen US-Seite): Erst mal gehen die USA wieder auf 0% Leitzins runter und dann werden sie vermutlich auch negatives Terrain betreten. The Show must go on. Die Schuldenblase darf nicht platzen und bislang wurde eindrucksvoll bewiesen, dass die Zentralbanken sie nicht platzen lassen.

    Öl und Co. Da mag ja mobil gemacht werden und womöglich bringt es uns um, aber am Ende des Tages und auch des nächsten Jahrzehntes und auch lange Zeit danach läuft erst mal das meiste wie gewohnt mit Öl und Kohle auf dem Planeten. Und wenn nicht bei uns, dann halt in Indien, Nord- oder Südamerika, China, Afrika – who knows. Kohle- und Ölaktien werden eines Tages wertlos werden; aber das dauert noch lange. Wahrscheinlicher ist m.E. noch, dass der Handel vorher bei uns aus klimatologischen Gründen verboten wird.

    „Elizabeth Warren: Damit wird sie die wichtigsten Wettbewerbsvorteile Amerikas angreifen: Finanz, Technologie und Energie.“

    Mit anderen Worten: Eine Person gegen die geballte Macht. Na dann: Viel Glück. Senat, Congress und Behörden sowie Lobby dürften da wohl die ein oder andere Präferenz unabhängig vom Präsidenten / der Präsidentin haben. Wenn sie eine leichte Umorientierung in Sachen Soziales und Ökologie schafft, wäre das schon als Erfolg mit Blick auf das Versprochene zu werten. Erinnern wir uns an Obama und wie „einfach“ er es mit Yes we can hatte.

    Gibt schon einen Grund, warum Trump überwiegend twittert und mit Zöllen Politik macht ;)

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Thomas M.

      >Eine Person gegen die geballte Macht.>

      Nein, nein – Elizabeth Warren hat es noch nicht geschnallt.

      Die wirklich „progressiven“ Kräfte sind da schon viel weiter.

      In Europa z. B., wo man 180 Mrd. Euro pro Jahr benötigt, um das Klima zu retten mit – wie uns immer wieder vorgebetet wird – Technologieführerschaft und Wettbewerbsvorteilen.

      V. d. Leyen will einen Klimafonds einrichten, die Grünen die Schwarze Null schleifen und die Hilfskraft Kemfert fordert, wie wir hier am Blog erfahren konnten, ein „nachhaltiges Finanzsystem zur Kanalisierung“.

      Um das zu stemmen, braucht man „Finanzpolitische Intelligenz“ (Kemfert).

      Nicht nur die:

      Es braucht auch eine willige Notenbank, die für angemessene Finanzbedingungen sorgt.

      Frau Lagarde hat das erkannt und signalisiert Einsatzbereitschaft.

      Kurzum:

      In der EU und speziell in der Eurozone kämpft man nicht gegen die Notenbanken, sondern vereinnahmt sie.

      Die EZB ist der Schlüssel, die Finanzierung zu institutionalisieren.

      Nur INSTITUTIONALISIERUNG, nicht die wechselnde Bereitschaft mehr oder weniger klammer Regierungen, kann für die gewünschte Nachhaltigkeit sorgen.

      Denn ohne die Notenbanken bestünde das große Risiko, dass Staaten mit kontinuierlicher Finanzierung überfordert sind und das Jahrhundertprojekt scheitern würde (was es aus anderen Gründen wird).

      Umverteilung und soziale Sicherung, wie in USA von E. Warren und den Demokraten gefordert, sind zwar auch in der EU Probleme, aber nicht derart dominierende, weil es dafür bereits den Sozialstaat gibt – und der kann sich gegebenenfalls auf die Notenbanken verlassen.

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        Johannes sagte:

        DT: „Nur INSTITUTIONALISIERUNG, nicht die wechselnde Bereitschaft mehr oder weniger klammer Regierungen, kann für die gewünschte Nachhaltigkeit sorgen.“

        Die TRANSFORMATION der EZB ganz im Sinne der INSTITUTIONALISIERUNG; dafür spricht auch m.E. immer mehr. Zumal sich die Stimmen mehren, den Bürgern der EU (nicht nur der Eurozone) ein Konto bei der EZB einzurichten, wie hier zu lesen ist:

        „Wenn jeder Bürger ein Zentralbankkonto hätte – derzeit ist dies nur Banken und einigen Behörden beziehungsweise öffentliche Unternehmen möglich -, könnte die Notenbank monatlich den Bürgern temporär einen pauschalen Betrag überweisen.“

        https://www.manager-magazin.de/politik/artikel/ezb-geldpolitik-helikoptergeld-oder-oeffentliche-investitionen-erhoehen-inflation-a-1287185.html

        In diesem Artikel ist auch die Rede davon, dass die Politik den „INSTRUMENTENKASTEN“ der EZB erweitern könnte.

        Nur wird man die Transformation der EZB natürlich nie als“INSTITUTIONALISIERUNG“ bezeichnen (dürfen). DASS würde das Vertrauen sofort untergraben…

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Warum soll ich meine Aussagen relativieren, wenn in dem von Ihnen verlinktem Artikel zu lesen ist:

        >Warren hat auch ihre eigene Version des Green New Deal. «An meinem ersten Tag als Präsidentin», erklärte sie kürzlich, «werde ich eine Verfügung erlassen, um alle neuen Brennstoffverträge für Offshore-Bohrungen und auf öffentlichem Grund zu stoppen. Und ich werde Fracking verbieten – überall.»>?

        E. Warren will verbieten, während in Europa nicht so sehr verboten, sondern NEUES finanziert und geschaffen werden soll, das Altes OHNE Verbote überflüssig macht.

        Ihr Verbieten gegenüber dem Initiieren der „Progressiven“ in Europa und ihre damit verbundene Missachtung der Fed ist es, was ich mit „noch nicht geschnallt meine“.

        Das besagt überhaupt nichts über ihre Eignung und ihre Chancen als Präsidentschaftskandidaten oder Präsidentin.

        Diesbezüglich ist der Aufsatz von N. Ferguson sehr informativ.

  3. Avatar
    jobi sagte:

    Die Anleihenrenditen sind heute die niedrigsten in „500 Jahren aufgezeichneter Geschichte“ wie Bill Gross schon 2016 bemerkte.

    Und wer glaubt wirklich, dass dies hauptsächlich auf natürliche Ursachen wie Demografie oder Sparschwemme zurückzuführen ist.

    Das Zinsniveau ist vor allem eins: Ein Symptom für die Krankheit des Systems.

    Für eine (letzte?) Lebensverlängerung gibt es wohl zwei Voraussetzungen:
    1. Die Zinsen dürfen nicht steigen
    2. Das Wachstum darf nicht zu stark abtauchen

    Für Punkt 1 sorgen die Notenbanken – whatever it takes.

    Im akuten Stadium sind darüber hinaus fiskalische Notmaßnahmen erforderlich. Ob diese letztlich Erfolg haben können, hängt davon ab, wie entschlossen, wie koordiniert und wie frühzeitig die Regierungen handeln werden.

    Beim letzten Punkt dürften die Zweifel am größten sein.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ jobi

      >Und wer glaubt wirklich, dass dies hauptsächlich auf natürliche Ursachen wie Demografie oder Sparschwemme zurückzuführen ist.>

      Ich glaube es.

      Ich glaube es, weil zum einen keine Instanzen erkennbar sind, die Anleiherenditen seit Jahrzehnten auf kontinuierlich niedrigem Niveau halten können und zum anderen, weil Demografie, Globalisierung und anderes nachweisbare Sachverhalte sind, mit denen sich niedrige Zinsen begründen lassen.

      >Das Zinsniveau ist vor allem eins: Ein Symptom für die Krankheit des Systems>.

      Systeme sind nicht krank.

      Sie erfüllen hin und wieder nicht Erwartungen, z. Z. insbesondere nicht die vieler Menschen in den entwickelten Volkswirtschaften. In anderen Teilen der Welt generieren die Menschen Wohlstand mit dem System. Niemand würde da von Krankheit reden.

      >Das Wachstum darf nicht zu stark abtauchen>

      Das sehe ich auch so.

      Deshalb setzten praktisch alle auf die Fiskalpolitik (mit, wenn notwendig, direkter Finanzierung durch die Notenbanken).

      Nur:

      Wenn die Fiskalpolitik die Nachfragedefizite der Privatwirtschaft über längere Zeit ausgleicht und sogar dominiert, sind wir in einem ANDEREN System.

      Es wäre nicht Sozialismus, aber so etwas wie „diktatorischer Kollektivismus“. (Der begriffliche Widerspruch kennzeichnet die neue, in dieser Art noch nicht da gewesene ökonomische Entscheidungs- und Gestaltungsfunktionalität des Systems).

      Kurzum:

      Lebensverlängerung des Systems ist zugleich ein fundamentaler WANDEL des Systems.

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        Hansjörg Pfister sagte:

        @Herr Tischer
        „Es wäre nicht Sozialismus, aber so etwas wie „diktatorischer Kollektivismus“. (Der begriffliche Widerspruch kennzeichnet die neue, in dieser Art noch nicht da gewesene ökonomische Entscheidungs- und Gestaltungsfunktionalität des Systems).“
        Das verstehe ich nicht. „Kollektivismus“ ist doch immer auf die eine oder andere Art diktatorisch. Wäre das Beschriebene nicht am ehesten als eine Spielart des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu begreifen?

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Hansjörg Pfister

        >„Kollektivismus“ ist doch immer auf die eine oder andere Art diktatorisch.>

        Nicht in jedem Fall.

        Ein Sportverein z. B. ist ein Kollektiv, das dann nicht diktatorisch agiert, wenn die MITGLIEDER ihren INTERESSEN nach die Entscheidungen treffen, die umgesetzt werden.

        Aber sie haben recht:

        Wenn das STAATSMONOPOL vorgibt, dass die Mitglieder NUR diese oder jene Entscheidungen treffen können oder im Extremfall keine, sondern vorgegebene Regeln, die ALLES bestimmen, akzeptieren MÜSSEN, kann man von „diktatorischen Kollektivismus“ sprechen.

        In diese Richtung würden sich die Dinge bewegen, wenn die Fiskalpolitik zum dominierenden Akteur für Nachfrage werden würde.

        Die Privatwirtschaft hätte dann nur noch auszuführen.

        Klar, das ist in der Abstraktheit stark überzeichnet.

        Am Weg dahin bestünde aber m. A. n. kein Zweifel und „staatsmonopolistischer Kapitalismus“ ist eine passende Bezeichnung für den Endzustand, auch wenn „Kapitalismus“ ein beschönigender Begriff wäre, weil er Kontinuität suggeriert.

        Entscheidend:

        Der Staat hätte quasi das Nachfrage- und Verteilungsmonopol, das die wirtschaftlichen Aktivitäten der Gesellschaft bestimmen würde.

    • Avatar
      Wolfgang Selig sagte:

      @jobi:

      Ich glaube das ähnlich wie Herr Tischer auch, denn Demografie und „Sparschwemme“ (ein anderes Wort für Verlagerung der Demografie auf die Kinder und Enkel anderer Leute) sind real. Allerdings glaube ich auch, dass beide Faktoren nur einen Teil des Zinsniveaus ausmachen; die Notenbankpolitik mit ihren Anleihekäufen muss m.E. mit einbezogen werden. Denn durch Insolvenzen z.B. der südlichen Eurostatten wäre ein ordentlicher Teil der „Sparschwemme“ in Luft aufgelöst worden.

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        jobi sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Keine Frage, Demografie und Sparschwemme sind real. Aber sie für die Hauptursache des akt. Zinsniveaus zu erklären, halte für nichts weiter als eine Schutzbehauptung der Interventionisten.

        Das historische Beispiel Deutschlands bzw. Preußens zeigt das besonders eindrucksvoll:

        Die Anleihenrendite deutscher zehnjäriger Staatsanleihen ist erst seit 2003 dauerhaft unter 4% gefallen und danach – insbesondere nach GFK weiter dramatisch gesunken. Die 4%-Marke bildete bis dahin gewissermaßen eine untere Grenze – und das seit 1817 !
        Ein beeindruckender Chart dazu (Quelle: Deutsche Bundesbank) liegt mir leider nur als Bilddatei vor.
        Die Entwicklung seit 1957 sieht man hier:
        https://www.wallstreet-online.de/nachricht/8693921-bundesanleihen-kredite-zinsen-10-jaehrige-bundesanleihen-erstmals-negativen-bereich/all

        Und wer wollte ernsthaft bestreiten, dass die gesehenen Markteingriffe – in einem Ausmaß, das vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre – genau auch die Ergebnisse hatten, die damit beabsichtigt waren.

        Zinssenkungen und QE der Notenbanken, die Erleichterungen für Banken bei der Bilanzierung von Staatsanleihen, die großen Akteure am Rentenmarkt, d.s. Versicherungen und Pensionskassen, deren Renditeversprechen unerfüllbar zu werden drohen und nicht zuletzt die Zinsverzerrungen durch den Euro.

        Keine Instanz allein – aber der Mix aus Rettungsmaßnahmen, Regulierung, Eingriffen und den daraus resultierenden Fehlanreizen hat letztlich dazu geführt, dass der Rentenmarkt eben kein „Markt“ mehr ist, der diesen Namen verdient.

        Das meinte ich mit „Krankheit des Systems“

      • Avatar
        Thomas M. sagte:

        @jobi: Ich meine zu erkennen, dass der Trend fallender Zinsen schon seit Ende der 70er existiert – übrigens parallel zur Entwicklung der 10 Year Treasury Rate, siehe:

        https://www.macrotrends.net/2016/10-year-treasury-bond-rate-yield-chart

        Da die M1-Geldmenge (zumindest in US$, vermutlich auch in zig anderen Währungen) nicht-linear ansteigt und seit 2009 noch einmal einen Turbo eingeschaltet hat, würde mich wundern, wenn es zwischen dieser und dem Zinsniveau keinen Zusammenhang auch losgelöst von Demografie und Sparverhalten sowie Anzahl (globaler) Sparer gibt. Die letzten 10 Jahre scheinen mir in der Zeitreihe der Zinsen eine (ggf. beschleunigte) Fortführung eines Trends seit den 80ern.

        So oder so: Die Richtung dürfte überdeutlich sein und die 0% als harte Grenze für Zinsen existiert nachweislich nicht. Damit muss man sich – denke ich – bis auf weiteres arrangieren. Die Eingriffe werden sicherlich auch weiter gehen. Die US-FED hat ja auch schon signalisiert, dass sie offen für Unkonventionelles ist.

  4. Avatar
    Ernst Schrott sagte:

    Die Zinsen die wir derzeit haben widersprechen jeglicher ökonomischer Logik, die große Frage lautet: geht das jetzt noch Wochen, Monate oder Jahre so weiter? Komme immer mehr zur Überzeugung dass es noch recht lange andauern wird (Märkte können sehr sehr lange in die verkehrte Richtung gehen).

    Antworten
    • Avatar
      Dietmar Tischer sagte:

      @ Ernst Schrott

      Warum widersprechen die Zinsen – Sie meinen vermutlich in erster Linie Negativzinsen – jeglicher ökonomischen Logik?

      Die Existenz von Notenbanken und die Erfahrung, wie sie das letzte Jahrzehnt reagiert haben, gehören zur Ökonomie.

      Soweit sie mitbestimmend für das Geschehen waren und es noch sind, prägen sie die ökonomische Logik.

      Märkte gehen nicht in die verkehrte Richtung, weil sie nicht gehen.

      AKTEURE an den Märkten produzieren mitunter Ergebnisse, die nicht gewollt sind.

      In solchen Fällen heißt es dann regelmäßig, dass Marktversagen vorliege.

      Das ist notorischer Unsinn.

      Was es aber geben kann und auch schon zu beobachten war:

      Märkte können AUSGESCHALTET werden, wenn man sie auf bestimmten Feldern ihrer Wirkmechanismen beraubt.

      Bestes Beispiel in jüngster Zeit:

      Draghis „Whatever it takes …“.

      Ohne dieses Diktum hätten die Märkte einige Peripheriestaaten in der Eurozone durch die hochgetriebenen Spreads ihrer Anleihen kostenmäßig „erdrosselt“ und in die Pleite geschickt.

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