Albert Edwards mahnt (erneut)

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Bekanntlich bin ich ein Fan von Albert Edwards und nicht nur, weil er schon vor Jahren eine gut fundierte Analyse zur Eiszeit vorgelegt hat, die sich in weiten Teilen bewahrheitet hat. Was allerdings bisher noch nicht eingetreten ist, ist der große Crash. Deshalb wird er viel gelesen, aber auch belächelt. Ich finde es immer guten „food for thought“, was er schreibt. Leider ist davon nur wenig für die breite Öffentlichkeit zugänglich, weshalb es umso erfreulicher ist, dass er der FINANZ und WIRTSCHAFT ein Interview gegeben hat. Die Highlights:

  • „Die globale Wirtschaftserholung ist fragiler, als es scheint, vor allem in den USA. Ein gutes Frühwarnsystem ist die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Diese zeigen nach unten. Auch die Margen sind rückläufig. Das ist ein deutliches Signal, dass das Ende des laufenden Zyklus naht. Gleichzeitig sind die Aktien teuer.“ bto: was natürlich schon länger anhält. Dennoch ist die Gefahr sicherlich nicht kleiner geworden, nur weil es bisher keinen Crash gab.
  • Angesprochen auf seinen Dauerpessimismus trotz steigender Börsen: „Zum Glück muss ich mich nicht um die täglichen Bewegungen sorgen. Ich versuche, mein Szenario in eine Langzeitperspektive einzubetten, weil ich mich aus dem Lärm des Marktes zurückhalten darf.“ bto: Und so falsch liegt er mit der These nicht.
  • Deshalb auch die berechtigte Frage: „Ihr Szenario ist die Ice-Age-Theorie – eine Kopie des Platzens der japanischen Aktienblase mit anschliessender Deflationsspirale. Ist diese These gescheitert? Überhaupt nicht. Ob ich mit meiner These richtig oder falsch liege, lässt sich nicht heute beurteilen. Viele Lektionen, die ich gelernt habe, stammen aus den Erfahrungen von Japan seit Beginn der Neunzigerjahre. Auch dort gab es zwischen den Rezessionen kräftige zyklische Erholungsrallys. Deshalb ist der Test für meine These nicht der aufgeblasene Aktienmarkt, sondern die nächste Rezession. Die entscheidende Frage ist, ob wir das Tief von 2009 unterbieten. Damals lag die Bewertung aufgrund der geschätzten Gewinne niedriger als 2002, der vorgängigen Rezession. Ich bin überzeugt, dass der Markt das nächste Mal noch tiefer fällt.“ bto: Damit bleibt er mit seinen Aussagen konsistent.
  • Seine Empfehlung: „In erster Linie sollten Anleger die Bargeld-Position deutlich erhöhen. Wer kein Cash halten kann und zwingend in Aktien investiert sein muss, sollte auf Unternehmen mit einer starken Bilanz setzen. In einem Abschwung werden auch solche Valoren korrigieren, aber weitaus weniger als der breite Markt. Gleichzeitig sollten Anleger auch die Goldposition aufstocken, quasi als Versicherung, falls die Inflation deutlich ansteigen sollte.“ bto: Die für mich offene Frage ist, wie man Cash sicher halten kann.
  • „Ich gehe davon aus, dass bei den ersten deutlichen Anzeichen einer Rezession der Goldpreis stark positiv reagieren wird, weil die Notenbanken in einem solchen Fall überreagieren werden. Sie werden es nicht schaffen, im richtigen Umfang zu intervenieren. Dies wird höchstwahrscheinlich zu einem Anstieg der Inflation führen. Doch allein die Furcht vor höherer Inflation wird den Kurs antreiben.“ bto: Die Notenbanken werden ohne jeden Zweifel „all-in“ gehen, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Am Ende könnte die völlige Zerrüttung des Geldwesens stehen.
  • „Ich bin mir sicher, dass die Notenbanken in der nächsten Rezession zur nächsten Stufe von Interventionen greifen – zu Helikoptergeld und zu negativen Zinsen, auch in den USA. Aber solche Massnahmen würden zumindest am Anfang kaum wirken. Die Leute werden angesichts der gedrückten wirtschaftlichen Stimmung das Geld nicht ausgeben, sondern horten. (…) Die Ausfallquoten bei den Unternehmen würden anspringen. Dazu käme ein steigender Druck auf exportorientierte Regionen und Staaten wie die Eurozone oder China.“ bto: Die Krise wäre wieder mit voller Wucht da.
  • „Bereits unter normalen Voraussetzungen fallen die Kurse während einer Rezession rund 50%. Der Interventionismus der Notenbanken hat das Szenario verschlimmert. Stimmen meine Annahmen, dann droht ein Absturz von 70 bis 80 %. (…) Aktuell beläuft sich die Bewertung auf Basis der geschätzten Gewinne auf rund 18. In einer Rezession dürfte dieses Kurs-Gewinn-Verhältnis deutlich unter 10 fallen.“ bto: Letztes Mal drehten die Kurse, bevor sie richtig billig waren, das dürfte vermutlich auch beim nächsten Mal so sein.
  • „Rund 20 % der Unternehmen drohen auszufallen. Das hat jüngst eine Studie des Internationalen Währungsfonds gezeigt. Das heisst, dass Unternehmensanleihen deutlich stärker korrigieren würden als üblich. Dazu kommt, dass viele Unternehmensanleihen in falschen Händen liegen. Der Aufschwung der ETF-Branche hat dazu geführt, dass Privatanleger ganz einfach in diese Papiere investieren konnten. Die meisten sind sich aber nicht den erhöhten Risiken bewusst.“ bto: wie wir für die Aktienmärkte entsprechend diskutiert haben.
  • „Ich rechne mit einem neuerlichen globalen Währungsabwertungswettlauf. Die Inflation ist tief, sowohl in den USA als auch in der Eurozone. In der nächsten Rezession droht deshalb der Fall in die Deflation. Wer nicht wie Japan in einer jahrzehntelangen Deflationsspirale enden will, wird gezwungen sein, die eigene Währung abzuwerten.“ bto: Das hat UK mit dem Brexit übrigens schön vorgemacht.
  • „Anleger werden an den Finanzmärkten nach sicheren Häfen suchen und wohl Staatsanleihen kaufen. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries wird unter null fallen, wie dies in der Schweiz auch geschehen ist. Vielleicht droht sogar dem dreissigjährigen Treasury eine negative Rendite.“ bto: aber nur, wenn die Märkte nicht an die Hyperinflation glauben. Könnte sein, dass diesmal alles fällt.
  • „Kommt es zur Rezession, werden Notenbanken dafür verantwortlich gemacht. Sie haben mit der Liquiditätsschwemme alles verschlimmert. Auch zehn Jahre nach der schlimmsten Kreditblase der Geschichte sind die Bilanzen schwach, die Sparquote ist tief und die Erholung wacklig. Die Politiker werden Verantwortliche für die Misere suchen und bei den Notenbanken finden.“ bto: auf jeden Fall nicht bei sich selbst!
  • Eigentlich würden wir einen globalen wirtschaftlichen Neustart benötigen, einen Klick auf den Reset-Knopf. Nur so würde man sich aus dem Korsett befreien können, in das man sich wegen all der Interventionen der vergangenen Jahre begeben hat. bto: Und wie man den organisieren könnte, habe ich bekanntlich bei bto und anderweitig schön beschrieben. Ginge auch mit Gold.

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Ein höllischer Mix für die Finanzmärkte“, 8. August 2017

11 Kommentare
  1. Dietmar Tischer says:

    >Ob ich mit meiner These richtig oder falsch liege, lässt sich nicht heute beurteilen.>

    Völlig klar, kann gar nicht anders sein.

    Was also ist an der These dran?

    Sie beinhaltet ein düsteres Szenario der Zukunft.

    Das betrifft praktisch alle, daher ist die These RELEVANT.

    Man muss sich allerdings fragen, wie GLAUBHAFT sie ist, gemessen an den empirischen Befunden, auf denen sie aufsetzt und den Wirkmechanismen, die sie unterstellt.

    >Wer kein Cash halten kann und zwingend in Aktien investiert sein muss, sollte auf Unternehmen mit einer starken Bilanz setzen.>

    Auch er :

    Im Krisenfall kommt es auf die Bilanzen an.

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  2. michael says:

    Mir stellen sich folgende Fragen:

    1.) Wird die Reaktion der Notenbanken in der nächsten Krise (Negativzinsen, Helikoptergeld etc.) die Kurse der erstklassigen Firmen vor einem zu tiefen Fall schützen ? Es ist doch so dass die Produkte von beispeilsweise Nestle und Mc Donalds immer gebaucht werden. Gegessen wird schließlich IMMER egal was passiert …

    2.) Die geeignete Asset Allocation hängt sicher auch vom Alter ab. Ich (Alter 50+) bin derzeit etwa zu 80% in Aktien und zu 20% in Gold und Bargeld. Sollte nun die Position Gold/Bargeld erhöht werden ?

    Meinungen dazu würden mich intertessieren …. ????

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  3. michael says:

    Hallo Herr Selig,
    vielen Dank für Ihren Kommentar. Das Portfolio von Dr. Stelter halte ich auch für vernünftig allerdings schwer umsetzbar.

    Ich wohne in der Nähe einer süddeutschen Großstadt. Ein mittleres Reihenhaus kostet hier etwa 500.000€. Wie Sie sich vielleicht vorstellen können, ist das Eigenheim schwer verhandelbar in der Familie :-)

    D.h. bei Umsetzung dieses Portfolios würde man 2.000.000€ benötigen.

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    • Wolfgang Selig says:

      Tja, da geht es Ihnen auch nicht besser als mir 😕
      Wir reden hier immer von frei verfügbarem Vermögen, also ohne das selbst genutzte Eigenheim. Herr Dr. Stelter berät ja wohl auch eher Personen mit größeren Vermögen. Was halten Sie als Kompromiss davon, Ihre 80% Aktienquote auf ein Drittel zu senken? Die beiden anderen Drittel halt dann Gold und Cash. Das Eigenheim steht halt dann für die überdurchschnittliche Immobilienquote. Das würde ich aber nicht so eng sehen, denn ein selbst genutztes Haus ist in der Regel mehr als nur eine Kapitalanlage.

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