„Deutschlands japanisches Szenario“

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Es gibt ja immer wieder Beiträge, die in den Medien übersehen werden, aber dennoch grundlegend interessant sind. Als ich mein Archiv durchblätterte, stieß ich auf diesen Beitrag von mir bei manager magazin aus dem März 2014. 

Die Deflation eröffnet neue Fronten: Alt gegen Jung, Gläubiger gegen Schuldner, Sparer gegen Spekulanten. In Deutschland dürfte sich schon bald ein japanisches Szenario zeigen denn eine alternde Gesellschaft ist per definitionem deflationär.

Es war mal wieder eine Woche der Geldpolitiker. EZB-Präsident Mario Draghi sieht keine Deflationsgefahr. Und wenn doch, ist er sich sicher, dass die Europäische Zentralbank genau diese verhindern könnte. In der FINANCIAL TIMES meldet sich Investmentlegende George Magnus zu Wort und mahnt die Notenbanken zur Abkehr von ihrer derzeitigen Politik. „Normalisierung“ sei angezeigt. Die Deutschen erklären in Umfragen, keine Angst vor Deflation zu haben. Und Wolfgang Münchau erklärt ihnen bei SPIEGEL ONLINE, weshalb sie doch welche haben sollten. Ohne meine Argumentation zu dem Thema zu wiederholen, hier noch einmal zur Erinnerung: Deflation ist normal.

Technischer Fortschritt, Prozessverbesserungen und Innovationen führen zu anhaltend sinkenden Preisen. Dies war über lange Zeit in der Vergangenheit der Fall, und gleichzeitig prosperierte die Wirtschaft. Deflationsangst ist nur begründet, wenn Ausgaben aufgeschoben werden, in Erwartung immer weiter fallender Preise. Solange die Deflation im normalen Rahmen bleibt, ist dies nicht der Fall. Oder besitzen Sie etwa keinen Computer oder Fernseher? Doch und das, obwohl Sie wissen, dass die Geräte immer billiger werden und mehr können.

Deflation muss nicht mit Rezession einhergehen

Dass wir nicht immer Deflation haben, liegt letztlich am Wunsch der Politik, nominales Wachstum zu zeigen. Eigentlich wäre das nicht nötig, da eine Preissenkung wie eine Einkommenserhöhung wirkt. Schön sichtbar an den Statistiken, wie lange ein Angestellter in den 1950er-Jahren für eine Flasche Bier arbeiten musste (15 Minuten), verglichen mit heute (3 Minuten).

Damit ist auch klar, dass Deflation keineswegs mit Wirtschaftskrisen und Rezessionen einhergehen muss. Problematisch wird Deflation immer nur dann, wenn die Wirtschaft als Ganzes nicht mehr wächst. Und damit nähern wir uns dem Kern des heutigen Problems.

Vereinfacht gesagt ist nominales Wirtschaftswachstum die Folge von drei Einflussfaktoren: der Anzahl Menschen, die im Berufsleben stehen, der Produktivität pro Kopf und der Veränderung des Preisniveaus. In den deflationären Wachstumsphasen der Vergangenheit hatten wir hohes Wirtschaftswachstum dank wachsender Bevölkerung und zunehmender Produktivität. Das BIP wuchs von Jahr zu Jahr, obwohl die Preise sanken. Die Folge war ein breiter Wohlstandsgewinn: Die Sparer und Geldvermögensbesitzer bekamen eine real positive Rendite, und die Schuldner konnten dank wachsender Wirtschaft und Einkommen ihre Schulden bedienen.

Fehlt Wachstum, können Schuldner ihren Verpflichtungen immer schwerer nachkommen. Alle Schulden erfordern einen Zins, der durch ein Mehr-Produkt zu erwirtschaften ist. Das geht aber nur, wenn auch wieder Mehr-Nachfrage da ist. Diese ergibt sich nur dann, wenn Gläubiger mehr konsumieren, also ihr Erspartes verbrauchen, oder neue Schuldner hinzukommen.

Unser Wirtschaftssystem erfordert ein kontinuierliches Wachstum, weil nur dann die Schuldner in der Lage sind, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen. Es ist ein gigantischer Kettenbrief: Nur durch nominales Wachstum gibt es keine Krise!

Der Druck der Wirtschaftsordnung fördert Innovation und technischen Fortschritt und damit die deflationäre Grundtendenz. Dies ist so lange kein Problem, wie die Grundfaktoren für Wachstum stimmen: wachsende Bevölkerung und zunehmende Produktivität. Und genau hier wird es problematisch.
Die westliche Welt steht vor einem fundamentalen Wandel, der immer noch in seinen Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Finanzmärkte massiv unterschätzt wird. Die Erwerbsbevölkerung schrumpft in Europa und wächst nur noch langsam in den USA. Damit fehlt ein wichtiger Faktor für wirtschaftliches Wachstum.

Spanien als mahnendes Beispiel

Mit Einführung des Euro hat Spanien mehr als 10 Jahre lang einen Boom erlebt, getragen von einer wahren Migrationswelle. In einigen Jahren zogen mehr als 800.000 Menschen nach Spanien und trugen mit ihrer Nachfrage wiederum zum Boom bei. Die nicht zuletzt wegen der tiefen Zinsen gut laufende spanische Wirtschaft hat Arbeitsplätze vor allem im Bausektor geschaffen. Seit Ausbruch der Krise hat sich dieser Trend umgekehrt. Die Einwanderer kehren dem Land wieder den Rücken. Alleine in den letzten zwei Jahren haben 400.000 Menschen Spanien wieder verlassen. In den nächsten 10 Jahren wird Spaniens Bevölkerung um 5 Prozent (2,7 Millionen Menschen) schrumpfen. Dies belastet zusätzlich den Immobilienmarkt.

Die Zahl leer stehender Wohnungen wird auf 600.000 geschätzt. Schrumpft die Bevölkerung, vergrößert sich das Überangebot an Wohnraum. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade auch die gut ausgebildeten Spanier das Land verlassen, weil sie keine Perspektive mehr sehen. Dies sind schlechte Nachrichten für die künftige Produktivität und damit das Wirtschaftswachstum. Das Rentensystem steht damit vor dem Kollaps. Setzt sich der derzeitige Trend fort, werden in 40 Jahren 1,6 Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen müssen. 

Es gibt kein Beispiel für ein prosperierendes Land mit schrumpfender Bevölkerung. Es gibt erst recht kein Beispiel für ein Land mit schrumpfender Bevölkerung, welches in der Lage ist, seine Schulden zu bedienen. Japan ist hierfür das beste Beispiel: Das Wachstum stagniert seit Jahren – aber das BIP pro Kopf steigt. Der Produktivitätsfortschritt fängt damit den Rückgang der Bevölkerung gerade mal auf. Die Folge ist eine immer höhere Verschuldung relativ zum stagnierenden BIP – und damit das realistische Szenario einer Pleite. Abenomics ist nichts anderes als der verzweifelte Versuch, diese noch abzuwenden. Ob es klappt, ist fraglich.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Die fundamentalen Treiber für wirtschaftliches Wachstum verschlechtern sich in der westlichen Welt. Zusätzlich zum Rückgang der Erwerbsbevölkerung haben wir es mit abnehmendem Produktivitätswachstum zu tun. Namhafte Wissenschaftler wie Professor Gordon von der Northwestern University gehen davon aus, dass wir uns auf geringere Steigerungen des BIP pro Kopf einstellen müssen.

Gründe sind dabei neben abnehmenden Effekten von Innovationen vor allem die Globalisierung, die zu anhaltendem Druck auf die Löhne weltweit führt und die schlechten Leistungen der westlichen Bildungssysteme – Stichwort PISA.

Gepaart mit der bestehenden hohen Schuldenlast ist eine Nachfrageschwäche die Folge, die es den Schuldnern immer schwerer macht, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen. Und das erklärt auch die aufgeregten Warnungen vor Deflation: Wo reales Wachstum fast nicht mehr zu erzielen ist, kann man nur nominal das BIP steigern, um den Schuldnern zu helfen.

Deutschland rutscht in ein japanisches Szenario

Die Fronten in der öffentlichen Diskussion zum Thema Deflation sind klar: Alle, die Geldvermögen halten oder aber laufende Einnahmen erzielen wie Sparer, Rentner und Arbeitnehmer, sind Freunde der Deflation. Alle die Schulden haben, sind Freunde der Inflation. Das eröffnet die Fronten: Alt (Sparer) gegen Jung (Schuldner), Gläubigerland (Deutschland) gegen Schuldnerland (setzen Sie ein beliebiges Land der Euro-Peripherie hier ein) und Sparer gegen Spekulant.

Und damit passt alles zusammen: Eine alternde Gesellschaft ist per definitionem deflationär. Alte Menschen fragen weniger nach, profitieren als Sparer und Rentenbezieher von fallenden Preisen und sind weniger an Investitionen in die Zukunft interessiert. Hauptsache, das System hält noch lange genug für den eigenen Lebensabend. Deshalb werden wir immer mehr in ein japanisches Szenario rutschen mit geringem Interesse, es zu ändern.

Wenn nun Herr Münchau die Deutschen vor der Deflation warnt, tut er das zwar zu recht, aber mit dem falschen Argument. Er warnt vor Konsumzurückhaltung und deshalb vor einer Rezession. Ich würde das umdrehen: Weil wir weniger Wachstum haben werden, können sich unsere Schuldner Deflation nicht leisten. Und wir als Gläubiger verlieren unser Geld, wenn die Schuldner es nicht zurückzahlen (können). Nur deshalb sollten wir uns Inflation wünschen. Dann verlieren wir unser Geld zwar auch, aber es tut nicht so weh.

manager-magazin.de: „Deutschlands japanisches Szenario“, 2. März 2014

8 Kommentare
  1. Karl says:

    Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Ex-Jugoslawien, … diese Länder bekommen wirklich ein massives Problem mit der Überalterung bzw. haben es teilweise schon. Wieso? Weil die Jungen als beruflich durchaus qualifizierte EU-Bürger nach Deutschland auswandern, um hier zu arbeiten. Japan hat keinerlei Zuwanderung und will diese auch gar nicht – das ist ein nicht zu unterschätzender Unterschied.

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  2. mg says:

    Offenbar findet sich – mit etwas gutem Zerohedge-Willen – am US-Anleihenmarkt eine angedeutete „invertierte Zinsstrukturkurve“ (12m-Libor vs. 10Y-Ts).

    Passt thematisch nicht oder nur entfernt zum heutigen Blogpost, ich erlaube mir aber trotzdem darauf zu verweisen:
    http://www.zerohedge.com/news/2016-08-25/expensive-us-banks-are-global-outlier-yield-curve-inverts-first-time-lehman

    Hier ist das noch nicht zu erkennen:
    http://www.six-swiss-exchange.com/services/yield_curves_de.html

    Da bin ich doch mal gespannt, ob Janet ( https://www.youtube.com/watch?v=ZbpJb7hjb7M ) den Leitzins heute anhebt.

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  3. Dietmar Tischer says:

    >Damit sind wir beim Kern des Problems: Die fundamentalen Treiber für wirtschaftliches Wachstum verschlechtern sich in der westlichen Welt. Zusätzlich zum Rückgang der Erwerbsbevölkerung haben wir es mit abnehmendem Produktivitätswachstum zu tun… Alte Menschen fragen weniger nach, profitieren als Sparer und Rentenbezieher von fallenden Preisen und sind weniger an Investitionen in die Zukunft interessiert. Hauptsache, das System hält noch lange genug für den eigenen Lebensabend. >

    Klarer kann man es nicht sagen.

    Einige Bemerkungen zu folgender Feststellung:

    >Fehlt Wachstum, können Schuldner ihren Verpflichtungen immer schwerer nachkommen. Alle Schulden erfordern einen Zins, der durch ein Mehr-Produkt zu erwirtschaften ist. Das geht aber nur, wenn auch wieder Mehr-Nachfrage da ist. Diese ergibt sich nur dann, wenn Gläubiger mehr konsumieren, also ihr Erspartes verbrauchen, oder neue Schuldner hinzukommen.>

    Das ist richtig für das einzelne Unternehmen und für das Aggregat, weil hier „alle Schulden“ (als Gesamtsumme im System) und nicht nur „jede Schuld“ (als Systemmerkmal) gesagt wird.

    >Unser Wirtschaftssystem erfordert ein kontinuierliches Wachstum, weil nur dann die Schuldner in der Lage sind, ihren Verbindlichkeiten nachzukommen. Es ist ein gigantischer Kettenbrief: Nur durch nominales Wachstum gibt es keine Krise!>

    Hier ist nur das Aggregat gemeint („die Schuldner“ = ALLE Schuldner im System).

    Das ist richtig bezüglich des Wirtschaftssystems, wie wir es PRAKTIZIEREN.

    Wir wollen nicht, dass Schuldner in nennenswerter Zahl und vor allem mit nicht beherrschbaren Konsequenzen ihren Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen können.

    Das ist aber dem System an sich wesensfremd.

    Denn wie wurde richtig festgestellt:

    >Technischer Fortschritt, Prozessverbesserungen und Innovationen führen zu anhaltend sinkenden Preisen>

    Und in der Regel haben sie auch einen höheren Nutzen und führen daher zu höherer Nachfrage für DIESE Art von Produkten. Wer sich für die Herstellung dieser Produkte verschuldet hat, dürfte keine Probleme haben, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen.

    Probleme haben diejenigen die nichts verbessert haben. Sie können in vielen Fällen aufgrund sich wandelnder Nachfrage ihren Verbindlichkeiten nicht nachkommen und wären irgendwann einmal pleite.

    Politik und Interessenverbände verhindern dies.

    Es gibt verständliche Gründe dafür und man kann das auch wollen gerade auch im Interesse älterer und alter Menschen. Denn die können nicht mehr in einem neuen Berufsleben durchstarten, wenn sie den Job oder ihre Ersparnisse verlieren.

    Man muss sich allerdings klar machen, dass das die PRÄMISSE ist für den „gigantischen Kettenbrief“, dem insbesondere auch die Schuldner, die längst aus dem Verkehr gezogen sein müssten, ihre Existenz verdanken.

    Wenn sich die Wirtschaft durch erfolgreiche innovative und scheiternde nicht innovative Unternehmen auf der Wohlstandsspirale weiter nach oben bewegen würde, gäbe es den Zwang zum „gigantischen Kettenbrief“ nicht.

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    • Johannes says:

      Ja, leider – die Zahlen sind erschreckend:

      „Auf die Bundesrepublik bezogen hat der Kreis 0,28 Prozent der deutschen Einwohner und bezieht, wie wir schon rausgerechnet hatten, 19,8 % der Förderung. Wo sind wir in Deutschland angekommen? In einer Kanzlerdiktatur, die mit Steuergeldern massiv Landtags- und Bundestagswahlkampf macht!“

      Aus meiner eigenen kommunalpolitischen Erfahrung heraus weiß ich, dass die allermeisten Politiker so denken un agieren. In unserem Kreis erhält überhäufig ein Ingenieurbüro den Zusschlag für Planungsleistungen, dessen Inhaber in dem CDU Kreisverband eine hervorgehobene Position innehat.

      Und… Politiker (die meisten jedenfalls) interessieren sich nicht für Zusammenhänge wie sie in diesem Blog beschrieben und diskutiert werden.

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      • Dietmar Tischer says:

        Wir sollten uns nichts vormachen:

        In Deutschland gibt es selbstverständlich Korruption – insbesondere auch die verdeckte, die nicht anhand von Ausschreibungen, Angeboten und dem Zahlungsverkehr nachgewiesen werden kann.

        Basis dafür ist der Konsens darüber, wie leistungslos gegenseitiger Nutzen generiert werden kann – auf Kosten von ANDEREN, in der Regel der Steuerzahler.

        Gefälligkeitsdemokratie eben.

        Geht gut, solange man sich das leisten kann bzw. glaubt, es sich leisten zu können.

        Wenn die allgemeine Unzufriedenheit wächst, kommen andere dran.

        Die machen es dann im Prinzip genauso.

      • Johannes says:

        @ Herrn Tischer

        Ich bin unschlüssig, ob die Gefälligkeiten/Korruption mehr an den Personen oder dem „System“ hängt. Als beruflich sehr erfolgreicher politischer Quereinstieger mit knapp MItte 50 ist man gefestigter und unabhängiger als derjenige, der von Jugend an „politische Karriere“ macht.

        Ist zwar offtopic, aber ich plädiere z.B. für eine Begrenzung der Legislaturperioden in Bundes- und Landtage, die via Listenplätzen erreicht werden für z.B. max. drei Perioden (ausgenommen Direktmandate).

        Aber „komplett“ lösbar ist das Problem nicht – da bin ich bei Ihnen…

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