Forgive the debt or earn the wrath of its victims

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Zurück aus dem Weihnachtsurlaub wünsche ich allen meinen Lesern ein gesundes und erfolgreiches 2015! Es wird auf jeden Fall ökonomisch höchst spannend bleiben!

Wie aktuell meine Themen sind, zeigt ein Kommentar in der FT. Mit Blick auf die nach wie vor ungelöste Krise in Europa wird der Ruf nach einem Schuldenschnitt lauter. Die Gläubiger sollten im eigenen Interesse auf Forderungen verzichten, sonst droht die „Wut der Opfer“, also der Schuldner. Die Argumentation dafür ist Lesern von bto nicht neu und auch die Instrumente sind wohlbekannt. Hier die Argumentation der FT:

  • Mehr als sieben Jahre nach Ausbruch der Krise herrscht Sparpolitik, die Wirtschaft stagniert, Deflation droht und die Schuldenquoten steigen weiter.
  • Lagen die Staatsschulden 2007 noch bei 66 Prozent, so sind es 2013 95 Prozent. Italien, Irland, Portugal und Griechenland liegen deutlich über 100 Prozent. (bto: Übrigens sind auch die privaten Schulden fast überall weiter gestiegen, gut anzuschauen in meinem Bilderbuch „Die Krise ist …“.)
  • Obwohl die Schulden weiter wachsen, verschließen die Politiker die Augen vor der Tatsache, dass sie Staatsschulden eben nicht mehr voll bedient werden können. (bto: Gleiches gilt übrigens auch für einen guten Teil der privaten Schulden. Wie mehrfach geschrieben: Ich schätze die nicht mehr bedienbaren Schulden auf drei bis fünf Billionen Euro in der Eurozone.)
  • Dabei sieht die FT nur die Frage offen, welcher Teil der Schulden durch Inflation entwertet wird und welcher durch formale Schuldenrestrukturierung. (bto: Für mich ist klar, dass wir keine normale Inflation bekommen werden, es also keinen Anteil durch Inflation geben wird. Außer man geht den Weg der völligen Inflationierung, doch dann ist der Anteil der Restrukturierung null.)
  • Auch die FT sieht strukturelle Gründe für geringe Inflation: sinkender Anteil der Lohneinkommen am BIP, fallende Preise für Rohstoffe und Energie, zunehmende Ungleichverteilung von Vermögen (bto: würde noch ergänzen, die alternde Gesellschaft).
  • Die einzige logische Antwort ist deshalb der Erlass von Schulden. Im Wege steht hier eine moralische Vorstellung von Schuldnern als „Sündern“ und Gläubigern als ehrenhaft. (bto: Ich merke das in meinen Diskussionen auch immer wieder. Es mag auch sein, dass einige Schuldner es zu wild getrieben haben, doch haben die Kreditgeber ‒ also unsere Banken! ‒ auch nicht richtig aufgepasst. Moralische Positionen helfen aber im Zustand der Überschuldung nicht, sondern verstärken die Krise und erhöhen damit den Betrag der nicht mehr bedienbaren Schulden.)
  • Deutschland selbst hat nach dem Zweiten Weltkrieg von einem großzügigen Schuldenerlass profitiert, der erst die Grundlage für das Wirtschaftswunder gelegt hat (bto: und weil die Alliierten den Fehler von Versailles erkannt haben).
  • Folge der heutigen Verweigerung Deutschlands, Ähnliches zu tun, ist der Aufstieg der radikaleren Kräfte in Europa: von der Front National in Frankreich bis zu Syriza in Griechenland.

FT (Anmeldung erforderlich): Forgive the debt or earn the wrath of its victims, 29. Dezember 2014

Die politischen Folgen könnten erschütternd sein, so die FT. Das denke ich auch. Ein Schuldenschnitt wäre in unser aller Interesse. Ob er kommt? Ich denke, es wird weiter versucht werden, das Problem über die EZB zu lösen. Doch selbst wenn das funktioniert ‒ und wie das ginge, habe ich hier diskutiert ‒ würde es vermutlich zu lange dauern, um politisch akzeptabel zu sein. Der Unterschied zu Japan.

Wie sehr der Druck auf die EZB zunimmt, aktiv QE zu betreiben ‒ trotz aller Erkenntnis, dass eine solche Politik angesichts ohnehin schon rekordtiefer Zinsen und der völlig anderen Kapitalmarktstruktur als in den USA wenig realwirtschaftlichen Nutzen hat ‒ zeigt auch der letzte Kommentar von Ambrose Evans-Pritchard. Überall mehren sich die Deflationszeichen. Immer nervöser werden die Kapitalmarktakteure, die nach weiterem Freibier rufen zum eigenen Nutzen. Sollte Deutschland es tatsächlich verhindern, wie von Ambrose Evans-Pritchard befürchtet, drohen in der Tat offene Pleiten  aus meiner Sicht. Die Bundesregierung weiß das auch. Vor die Wahl gestellt, offene Schuldenschnitte durchzuführen und den Bürgern die Wahrheit zu sagen oder es doch heimlich über Umwege zu machen, wird die Regierung den letzteren Weg beschreiten. Mit hohem Risiko (es dauert, was die politischen Gefahren erhöht und vielleicht geht es ja doch nicht), ohne Gegenleistung (bei offenem Schuldenerlass bekommt man wenigstens Reformen als Gegenleistung) und ohne Goodwill bei den Bevölkerungen der Krisenländer. Wir werden am Ende nicht nur mehr zahlen, sondern dafür auch noch unbeliebt sein.

The Telegraph: Europe’s bond yields fall to lowest since the Black Death, 2. Januar 2015

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