Monetarisierung: Rettung oder Desaster?

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Eine schöne Gegenüberstellung der unterschiedlichen Sichtweisen auf die Möglichkeiten der Geldpolitik. Da ist zum einen William White, der in seiner früheren Rolle als Chefvolkswirt der BIZ in Basel die Krise vorhergesagt hat und zum anderen Adair Turner, der frühere Chef der britischen Finanzmarktaufsicht. Beide sehr erfahren, doch mit gänzlich anderen Ansichten. William White kommentiert in der FT die japanische Politik und kommt zu folgenden Feststellungen:

  • Die expansive Geldpolitik ist nicht erforderlich: Ursache für das schwache Wachstum ist die schrumpfende Bevölkerung. Das Wachstum des BIP pro Erwerbstätigen ist hingegen seit dem Jahr 2000 deutlich höher gewesen als in den USA. Die Konsumentenpreise sind über einen Zeitraum von 15 Jahren um vier Prozent gefallen. Weder hat sich die Deflation beschleunigt, noch gibt es Anzeichen dafür, dass die Deflation zu Konsumzurückhaltung führt. Im Gegenteil ist die Sparquote auf fast null gefallen.
  •  Die expansive Geldpolitik wird nicht funktionieren: Mehr Investitionen sind unwahrscheinlich, weil die großen Unternehmen ohnehin auf hohen Bargeldbeständen sitzen und die kleineren Unternehmen nicht exportieren, aber von den steigenden Importpreisen belastet werden. Der schwache Yen hat die Exporte zudem nicht belebt.
  • Alles deutet darauf hin, dass es besser gewesen wäre, die Konsumausgaben zu stimulieren. Stattdessen belasten die steigenden Preise die Realeinkommen und damit den Konsum.
  • Die tiefen Zinsen und der starke Yen basierten auf hohen Ersparnissen, einer Neigung im Inland zu investieren und hohen Außenhandelsüberschüssen ‒ alles das trifft nicht mehr zu. Damit wächst das Risiko eines Zinsanstiegs, dem die BoJ nur mit noch größeren Aufkäufen entgegentreten könnte. Was wiederum Inflationserwartungen, einen noch schwächeren Yen und wiederum steigende Zinsen auslösen könnte. Folge: hohe Inflation wie in Lateinamerika oft zu beobachten.

William White sagt also: Monetarisierung führt zu Inflation.

FT (Anmeldung erforderlich): Japan’s stimulus plan is not courageous but foolhardy, 20. November 2014

Ganz anderer Ansicht ist Adair Turner. Ausgehend von einer völlig zutreffenden Analyse der Ausgangslage kommt er zu der Empfehlung, dass die Notenbanken die Staaten direkt finanzieren sollten:

  • Wir haben es mit der Überschuldung der westlichen Welt zu tun (bto: bingo).
  • Die Politik versucht mit billigem Geld den Schuldenturm zu stabilisieren, dies führt jedoch zu Spekulationsblasen und Zombieunternehmen. Hat also unerwünschte und gefährliche Nebenwirkungen. Je schneller wir wieder bei normalen Zinsen sind, desto besser.
  • Wer das will, muss die Nachfrage stärken. Da die Staaten schon hoch verschuldet sind, geht das nur durch direkte Finanzierung durch die Notenbank, die dabei eindeutig erklären muss, dass sie dieses Geld nie zurückfordert. Also keine zusätzliche Schulden, sondern ein Geschenk. In der Folge würde die Wirtschaft mehr wachsen oder es gäbe höhere Inflation. Dann könnten auch die Zinsen wieder steigen.
  • Dagegen spricht nichts außer der Sorge, dass die direkte Staatsfinanzierung dann zu sehr in Anspruch genommen wird. Trotz dieser Sorge ist die direkte Monetarisierung in einigen Ländern wie Japan unumgänglich. Auch wenn die Verantwortlichen es noch leugnen.
  • Die traditionelle Volkswirtschaftslehre sieht „Helikopter-Geld“ als riskant an. Dabei sind die derzeitigen QE-Maßnahmen mindestens so riskant und haben erhebliche Nebenwirkungen.

Adair Turner sagt also: Monetarisierung ist unumgänglich und muss nicht zur Inflation führen.

FT (Anmeldung erforderlich): Printing money to fund deficit is the fastest way to raise rates, 10. November 2014

Immer wenn ich einen Volkswirt treffe, frage ich, welcher Meinung er zuneigt. Zu meinem Erstaunen können die meisten gar keine Einschätzung abgeben. Wir betreten wahrhaft Neuland. Da ich die Hoffnung auf eine offene Lösung der Schuldenproblematik aufgegeben habe und Vollgeld zwar für einen interessanten, aber ebenfalls unwahrscheinlichen Weg halte, bin ich für das Experiment. Dann das Geld aber bitte an die Bürger und nicht an die Staaten.

13 Kommentare
  1. Gregor_H says:

    Hallo Herr Stelter,
    nachdem ich mich die letzten Tage ziemlich lange mit der Vollgeld-Idee (nach Huber / Monetative) beschäftigt habe, sehe ich diesen Weg nicht also sooo unwahrscheinlich an:
    – Erstens werden die Geschäftsbanken „an die Kandare genommen“ – das gefällt der Politik und dem breiten Publikum!
    – Zweitens können mit den Umstellungsgewinnen die Staatsschulden massiv gesenkt werden – das freut vor allem die Politik.
    – Drittens muß man danach nur noch auf einen aufpassen, der den Geldhahn aufdrehen will: Die Regierung und davon eventuell beeinflußt die „Monetative“. Aber lieber passe ich auf einen auf, als auf die hunderten von Banken im Euroraum.
    Was ist falsch an diesen Argumenten?

    Antworten
  2. Gregor_H says:

    Hallo Herr Stelter,
    nachdem ich mich die letzten Tage ziemlich lange mit der Vollgeld-Idee (nach Huber / Monetative) beschäftigt habe, sehe ich diesen Weg nicht also sooo unwahrscheinlich an:
    – Erstens werden die Geschäftsbanken “an die Kandare genommen” – das gefällt der Politik und dem breiten Publikum!
    – Zweitens können mit den Umstellungsgewinnen die Staatsschulden massiv gesenkt werden – das freut vor allem die Politik.
    – Drittens muß man danach nur noch auf einen aufpassen, der den Geldhahn aufdrehen will: Die Regierung und davon eventuell beeinflußt die “Monetative”. Aber lieber passe ich auf einen auf, als auf die hunderten von Banken im Euroraum.
    Was ist falsch an diesen Argumenten?

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  3. Philipp H. says:

    Ich frage mich wirklich, welche Konsequenzen eine Schuldenmonetarisierung durch die EZB hätte. Nach meinem beschränkten Verständnis der gängigen Theorie wäre nicht unbedigt starke Inflation die Folge, so lange die „Geldzufuhr“ nicht dauerhaft erfolgt. So nach dem Motto: Schuldenmonetarisierung und EZB-finaziertes Konsumprogramm. Irgendwann kommt dann sicher die Inflation. Mein Argument ist einfach ein Extrembeispiel: Man zahlt jedem Bürger 1.000.000 € „Helikoptergeld“, was würde dann passieren?.

    Man stelle sich also vor, die Politik könnte dieses Szenario glaubhaft vermitteln:
    – Alle Staatsschulden werden von der EZB aufgekauft und entweder gestrichen oder gewandelt („im Jahr 2500 rückzahlbar mit 0.01% Zins“)
    – Dafür dann aber sofortiger Stopp aller unkonventionellen Massnahmen; schnelle Rückkehr zu einem normalen Zinsniveau (sagen wir mal 3-5%)
    – Per Verfassung dann für die Zukunft ein striktes „no bail out“ (weder Staaten noch Banken)

    Denke nicht, dass dann auf einmal die Inflationserwartungen verrückt steigen würden. Aber klar, es bleibt es schlechtes Gefühl im Bauch. Der „gesunde Menschenverstand“ ist nicht begeistert von der Idee, das Problem einfach per Federstrich zu beseitigen…und niemand den Preis bezahlt.

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      • Hartmut G. says:

        „Wenn glaubhaft ist, dass es nicht der Einstieg zu easy money sondern“

        IMHO haben die Zentralbanken bereits jetzt jegliches Vertrauen verspielt, weltweit. Und zwar bei allen Teilen der Bevölkerung, egal ob rechts, links oder liberal.

        „ein modern organisiertes Erlassjahr ist könnte es gehen.“

        Das sollten Sie mal lieber genauer erklären, wer zahlt denn in diesem „modernen“ Jubeljahr nichts zurück? Brauch ich da etwa meine Steuerschulden auch nicht zurückzahlen? Oder wird mein privat gegebener Kredit an den Nachbarn dann ebenfalls gestrichen?
        Was ist mit meiner kommunalen Steuerrückerstattung, auch gestrichen?
        Und die Staatsanleihen in Omas Lebensverunsicherung, werden nur die 1jährigen oder auch die 30jährigen gestrichen?
        mfG

      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Lieber Herr G,

        der Versuch zweier Antworten:
        1. Vertrauen in ZB: Es mag stimmen, was Sie sagen, aber nur für informierte Kreise, nicht für die Masse. Sonst hätten wir eine Flucht aus dem System in Sachwerte. Die gibt es vereinzelt bei den „Nachdenkenden“, aber nicht in der Breite. Deshalb ginge es heute wohl noch.
        2. Ich habe immer schon gesagt, dass wir rund fünf Billionen private und öffentliche Schulden haben, die nicht bedient werden können. Der Vorschlag ist diese zu poolen und „geordnet“ abzubauen. Durch Abgaben, Monetarisierung oder Streichung. Bei Letzterem würden in der Tat die Kreditgeber Geld verlieren. Bei Lösungen über Abgaben würde der Erlass aus anderen ‒ vermutlich Vermögenssteuer-Mittel ‒ bezahlt. Siehe dazu das Paper „Fixing the Eurozone“ auf meiner Seite. Und dann auch Insolvenz oder Vermögensabgabe ‒ was ist besser? Ebenfalls auf bto.

        LG DSt

      • Hartmut G. says:

        „Der Vorschlag ist diese zu poolen und “geordnet” abzubauen.“

        und ich hatte konkret nach ein paar Beispielen gefragt, ob diese ebenfalls in den „Pool“ gehen oder nicht.
        Für Antworten dankbar.
        mfG

        P.S.
        Werden Grundbuch-Schuldeinträge ebenfalls gelöscht? Ich meine, hey, wenn schonmal Party, warum dann nicht gleich richtig?

      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Da ich es nicht entscheiden werde, kann ich Ihnen das nicht beantworten. Private Schuldenvereinbarungen zwischen Ihnen und Ihrem Nachbarn werden sicherlich nicht betroffen sein, sondern eher die Staatsanleihen (leicht) und Bankkredite an Überschuldete (schwerer). Grundschulden: sicherlich nicht. Jene, denen etwas erlassen wird, werden ja nicht alle Schulden los, sondern nur einen Teil.

      • Hartmut G. says:

        „…Bankkredite an Überschuldete (schwerer). Grundschulden: sicherlich nicht.“

        ist das nicht ein Widerspruch in sich?
        z.B. spanischer Bankensektor, die Bankbilanzen bestehen fast ausschließlich aus Grundschulden von Bauruinen, die keiner haben will, und nun?
        Und im restlichen Europa sieht es mit überschuldeten Häuslebauern auch nicht so rosig aus, wie oft gerne im MSM gezeigt.
        mfG

  4. Philipp H. says:

    Hallo Herr Stelter,

    darf ich hier noch zwei Anschlussfragen stellen:

    1) Stellen wir uns vor, es würde so passieren. Würde das denn reichen? Das spezielle Eurozonen-Problem mit den unzureichend wettbewerbsfähigen Staaten (oder, wenn man so will, den zu wettbewerbesfähigen Staaten – je nach Geschmack) wäre ja nicht gelöst. Die Staaten hätten nach einem „Reset“ zwar wieder mehr Spielraum für fiskalische Impulse, aber ohne Beseitigung des Problems der Wettbewerbsfähigkeit wäre das alte Problem nach einigen Jahren wohl wieder da. Welche Massnahmen wären hier sinnvoll? WIe könnte man eine ggf. notwendige stärkere Integration der Volkswirtschaften und eine stärkere Mobilität des Faktors Arbeit erreichen? Wären eine europäische Arbeitslosenversicherung und eine europäische „Ausbildungsfinanzierung (Eufög)“ sinnvoll? Oder doch besser eine Lösung mit mehreren (parallelen) Währungen?

    2) Stichwort private Schulden. Eine Entschuldung der privaten Firmen und Personen wäre theoretisch auch notwendig, wie Sie ja auch immer wieder betonen. Nur: EIne Entschuldung per EZV wäre hier extrem ungerecht. Dazu meine private Perspektive: Ich habe eine Wohnung gekauft (auf Kredit), mein Nachbar nicht. Eine Entschuldung wäre dann ja de facto ein riesiges staatliches Geschenk an mich, mein Nachbar würde leer ausgehen. Das wäre kaum zu vermitteln. Ebenso bei den Firmen: Sollen die unvorsichtigen FIrmen, die per Fremdkapital ohne Rücksicht auf Verluste expandiert sind belohnt werden, und die die realistisch kalkulieren bestraft? Auch das kaum denkbar. Also einzige Alternative, die 5 Billionen Euro einfach „flat“ auf alle Bürger zu verteilen und auszuzahlen? Das wären dann die berühmten 10.000 € pro Nase in etwa, oder rechne ich falsch?

    Beste Grüsse aus der Schweiz,
    Philipp H.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr H.,

      Gruß zurück in die Schweiz. Mit Ihrem Standort entgehen Sie vermutlich den größten Grausamkeiten! Zu den Fragen:

      1.Stimmt. Schulden bereinigen genügt nicht, wir brauchen ein umfassendes Programm für Wachstum (siehe meine 10 Punkte in der „Billionen Schuldenbombe“, hier auch auf der „Werbeseite“ für das Buch zusammengefasst). Zusätzlich müssen wir überlegen, wie die EZ zu retten wäre: entweder volle Integration mit Transferunion und Arbeitslosenversicherung etc. auf EZ-Ebene oder Rückkehr zu einzelnen Währungen. Ich denke ersteres ist Utopie (und wie es funktioniert, kann man in D aber auch I gut beobachten …) und zweitens ist eine Frage der Zeit.
      2. Ja, da sind wir bei dem Problem: Es wäre ungerecht. Die Banken müssten überhöhte Kredite abschreiben und die Schuldner entsprechend entlasten. Schwer zu organisieren und ungerecht. Deshalb ist es besser, jedem 10.000 Euro zu geben. Selbst Monetarisierung hat Verteilungswirkungen, die wir nicht kennen. Das ist auch einer der wesentlichen Gründe dafür, dass bis jetzt noch nichts passiert ist …

      Liebe Grüße aus Berlin,

      DSt

      Antworten

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