„Die Leute haben Zukunftsängste“

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Man schreibt mir: „Sehr geehrter Herr Stelter, da Sie immer wieder das Demografieproblem thematisieren und da Sie in Ihren Büchern auch für den Laien verständlich und schlüssig argumentieren, wäre eine Kommentierung des folgenden Interviews mit dem Sozialrichter Borchert sicher sehr lehrreich.“ 

Also schauen wir uns das Interview an. Es ist mit dem ehemaligen Sozialrichter und Rentenexperten Dr. Jürgen Borchert:

  • Frage: „(…) ist der Sozialstaat am Ende? Schon vor fast 23 Jahren haben Sie das in einem Buch geschrieben. Was hat sich seitdem geändert?“
    Antwort: „(…) Dass ein System, das seinen Nachwuchs verliert und gleichzeitig den Nachwuchs in eine immer größer werdende Armut schickt, keine Zukunft haben kann. Wirtschaftspolitisch, gesellschaftspolitisch, bildungspolitisch – wo immer man hinguckt, ist diese Gesellschaft eine Gesellschaft des Raubbaus an der Nachwuchsgeneration – physisch und psychisch, bildungsmäßig und alles, was dazugehört.“ – bto: Das ist zunächst eine drastische Aussage, die Borchert dann aber belegt.
  • Die Rentenversicherung (RV) ist ja unmittelbar vom Nachwuchs abhängig. Denn anders, als die Leute sich das vorstellen, verführt durch die Versicherungsterminologie, ist die RV ja ein System, was nur das laufende Volkseinkommen umverteilen kann. (…) Man kann nicht für die Zukunft ansparen, für die Alterssicherung einer ganzen Generation, das funktioniert nicht.“ – bto: Ja, es ist ein System der Umverteilung zwischen Generationen, von dem auch Wissenschaftler wie Piketty meinen, es sei das beste denkbare System. Die Menschen würden a) Kinder bekommen und b) diese möglichst gut ausbilden. Dass dies mit der Realität irgendwie nicht zusammenpasst, sieht er nicht.
  • „Das war übrigens der ordnungspolitische Grund in den 1950er-Jahren, aus dem wir damals kein kapitalgedecktes System eingeführt haben. Weil kluge Leute ausgerechnet haben, dass wir dann ganz Belgien aufkaufen müssen. Die Rentenversicherungsträger würden die französische Wirtschaft aufkaufen, und schließlich wären sie der Gesamtkapitalist in Europa.“ – btohmm. Das klingt natürlich erst mal richtig. Aber: Wir hätten mehr im Inland investieren können und hätten so zum Beispiel eine bessere Infrastruktur. Wir hätten global investieren können, wie das Norwegen, Singapur und die Schweiz tun.
  • Das System der Zukunftssicherung setzt immer voraus, dass wir eine Nachwuchsgeneration haben, die gut ausgebildet, willens und in der Lage ist, die Alten zu versorgen. Daran hat sich seit den Vor-Rentenversicherungszeiten nichts verändert.“ – bto: Und es gilt bei Umlage- wie bei Kapitaldeckung. Da hat Borchert natürlich recht. Und was machen wir???
  • Wir (…) meinen, wir könnten auf Kinder verzichten. Alles, was Kinder angeht, ist in dieser Gesellschaft doch unter ferner Liefen angesiedelt.“ – bto: interessanterweise gerade dort, wo es am nötigsten wäre.
  • Eine private Säule kann uns gar nicht aus diesen Schwierigkeiten heraushelfen, weil sie nicht den Produktionsfaktor Arbeit kreiert. Wir haben ja keinen Kapitalmangel. (…) Wir haben eine Hyperinflation an den Börsen, an den Kapitalmärkten, und wir haben gleichzeitig Liquiditätsmangel, Kreditmangel bei den kleinen Mittelständern, vor allen Dingen bei den Handwerkern.“ – bto: Das sehe ich im ersten Teil genauso, im zweiten nicht. Natürlich haben wir zu hohe Bewertungen an den Kapitalmärkten. 
  • „Das Zweite, was man sich überlegen muss: Wenn wir alle sparen und den Gürtel enger schnallen – das bedeutet ja Kapitaldeckung –, dann müssten wir Konsumverzicht üben. (…) Und das bedeutet, dass wir mehr Arbeitslosigkeit haben.“ – bto: Naja, das hat Thomas Mayer im schon letzte Woche verlinkten Beitrag schön widerlegt. Es hätte mehr Investitionen gegeben, allerdings bei uns vielleicht noch anhaltend und größere Handelsüberschüsse.
  • Man schreckt davor zurück, den Bürgern die ganze Wahrheit zu erzählen. Sie müssen nämlich damit anfangen, dass das RV-System niemals eine Versicherung ist und auch keine sein kann. Eine Versicherung ist gekennzeichnet dadurch, dass Sie bei einem Einzelfall, der von der sozialen Norm abweicht, die Sicherung gewährleistet. Das war zu Bismarcks Zeiten völlig klar. Allgemeine Lebenserwartung von 40 Jahren und Renteneintrittsalter von 70 Jahren, das war die absolute Ausnahme, das konnte man versichern. Heute ist es umgekehrt, und es ist die soziale Norm, dass wir alle das Rentenalter erreichen. Das kann man nicht versichern.“ – bto: Und das kann man auch nicht bezahlen!
  • Wenn Sie mal schauen, was die Prachtgebäude aus dem letzten Jahrhundert, aus der Gründerzeit sind, da sehen sie überall öffentliche Infrastruktur. Vor allem Schulen. Daran konnten Sie sehen, was damals wichtig war. Wenn Sie sich heute in Berlin umgucken, verfallen die Schulen ringsherum. Und am wenigsten wird in Nachwuchs investiert.“ – bto: eine Feststellung, die ich aus eigenem Erleben nur dick unterstreichen kann. Eine Schande. 
  • Wer aufhört zu arbeiten, lebt zu 100 Prozent von dem, was die jungen Leute produzieren. Und das ist das Entscheidende: dass die jungen Leute erst mal da sind. Wir haben mittlerweile die Geburtenzahl seit 1964 halbiert. Und zweitens: dass gut ausgebildet wird. Da stellen wir fest, dass Deutschland das Wunder fertiggebracht hat, die Geburtenzahlen zu halbieren und gleichzeitig den Anteil der Kinder in der Sozialhilfe um das 16-Fache zu steigern. Mit der Konsequenz, dass wir heute jedes vierte Kind, das die Schule verlässt, mit einem Bildungsstand in das Arbeitsleben entlassen, bei dem es am Lesen, Schreiben, Rechnen hapert, und deswegen noch nicht einmal Hilfsarbeiter-Tätigkeiten infrage kommen.“
  • Die Menschen haben auf breiter Front Existenzängste. Und Existenzängste führen immer zu Extremismus-Reaktionen. Die Leute radikalisieren sich. Man konnte in den 1930er-Jahren wunderbar beobachten, was in Deutschland los war, als die breite Masse Existenzangst kriegte. Da waren Möglichkeiten für radikale Parteien fürs Abfischen gegeben.“
  • „(…) Kapitaldeckung ist die Verschärfung eines Problems, das uns heute schon furchtbar zu schaffen macht. Die Empirie in der Schweiz zeigt: Es funktioniert nicht. Jede Form, in der wir versuchen, solidarisches, gesellschaftliches Teilen durch Kapitalmarktinvestitionen zu ersetzen, liefert unsere Gesellschaft den Kapitalmarktgesetzen aus. Und nichts ist zurzeit so volatil und unsicher wie der Finanzmarkt.“ – bto: Und auch an den Kapitalmärkten sinkt demografiebedingt die Rendite.
  • An fünf Fingern einer Hand ist abzuzählen, dass wir bei einer schrumpfenden Nachwuchsgeneration und gleichzeitigem Bildungsverfall in dieser Generation nicht darauf hoffen können, dass wir in Deutschland eine wirtschaftlich strahlende Zukunft haben werden – und die ist ja Voraussetzung für eine gute Alterssicherung.“ – bto: Klarer kann man es nicht sagen!
  • Das Erste ist, dass wir aus dem Klassensystem bei der Alterssicherung raus müssen. Dass die Abgeordneten Gesetze machen, die Beamten diese vollziehen und die Richter, die zu diesen Fragen Recht sprechen, dass die alle nichts davon mitkriegen, wie diese Gesetze sich am eigenen Leib anfühlen, das ist ein Skandal sondergleichen. Diese Zwei-Klassen-AV muss beendet werden.“
  • Alle Gruppen, alle Einkommensklassen müssen rein ins System. Das war mein Vorschlag, den ich schon vor 20 Jahren gemacht habe, dass wir das System steuerähnlich, nach dem Muster des Solidaritätszuschlages Ost, nämlich als Zugschlag zur Einkommenssteuer, finanzieren. Das alleine verspricht uns Transparenz.“ bto: Das wird auch so kommen.
  • Wenn die Alten später, oder bereits jetzt, arbeiten müssen, dann werden sie arbeiten. Und das bedeutet, dass wir zurzeit eine schleichende Abschaffung des Rentenalters als solches erleben.“ bto: Und was ist so schlimm daran angesichts einer ständig steigenden Lebenserwartung?
  • Die Leute haben Zukunftsängste, und Zukunftsangst macht empfänglich für radikale Botschaften. Das ist der eigentliche Entstehungsgrund für die AfD: dass wir von den etablierten Parteien eine Politik erlebt haben, die die wesentlichen Zukunftsfragen immer hat schleifen lassen und den Bürgern ein X für ein U vorgemacht hat. Und dafür müssen sie jetzt einen Preis zahlen, und ich hoffe, dass das jetzt endlich mal zum Aufwachen führt.“

bto: alles richtig. Jetzt packen wir dazu einen Abschwung der Weltwirtschaft, mehr Protektionismus, einen Zerfall des Euro/bzw. hohe Kosten des Weiterbetriebs, höhere Kosten für Verteidigung, hohe Kosten für Migration. Dann haben wir das Gemisch, welches zur politischen Krise wird. Alles die Folge verfehlter Politik. Ein Grauen.

 

→ freitag.de: „Die Leute haben Zukunftsängste“, 21. Oktober 2016

25 Kommentare
  1. Michael Stöcker says:

    Und jetzt noch einige Empfehlungen zum Wochenende, die etwas Licht in diese dunkle Zeit bringen können.

    Ein aktuelles Interview mit Steve Keen: https://www.youtube.com/watch?v=zV1OgFeL4oQ.
    Dazu passend das vor einem Monat erschienene Buch von Prof. Till van Treeck und Janina Urban: „Wirtschaft neu denken“: http://fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/Blinde_Flecken_der_Lehrbuchoekonomie_klein.pdf.
    Hier hat die Heavy Metal Community Gelegenheit, ihre Glaubenssätze zum Thema Geld mit Ulrike Herrmann zu überdenken: https://www.youtube.com/watch?v=u6wc3hg61UA. Dazu die Buchbesprechung im DLF: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/09/19/ulrike_herrmann_robert_b_reich_kapitalismus_dlf_20160919_1955_7b2ef394.mp3
    Mathias Binswanger: http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2016/12/makrooekonomische-modelle-jenseits-der-realitaet/.
    Stephanie Kelton -The Angry Birds Approach to Understanding Deficits in the Modern Economy: https://www.youtube.com/watch?v=Q1SMjeuyF-Y&t=141s.
    Zwei Beiträge aus dem Untergrund der BoE: https://bankunderground.co.uk/2016/12/01/bitesize-global-growth-the-old-normal/ und https://bankunderground.co.uk/2016/11/25/bitesize-america-is-not-always-like-the-rest-of-the-world/.
    Und hier noch einmal Larry Summers und Lord Adair Turner: https://www.youtube.com/watch?v=sirXAfpIrao&t=2072s.

    Aber Erleuchtung alleine reicht nicht. Um es mit Erich Kästner zu sagen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

    LG Michael Stöcker

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  2. Dietmar Tischer says:

    Alles die Folge verfehlter Politik. Ein Grauen.>

    So ist es – dem VERSTÄNDNIS entsprechend, das weit verbreitet die Debatte auch der Kritiker bestimmt.

    >Das ist der eigentliche Entstehungsgrund für die AfD: dass wir von den etablierten Parteien eine Politik erlebt haben, die die wesentlichen Zukunftsfragen immer hat schleifen lassen und den Bürgern ein X für ein U vorgemacht hat.>

    Das ist eine so gesagt FALSCHE und daher IRREFÜHRENDE Aussage, weil sie implizit unterstellt, dass es da die etablierten Parteien gibt und dort die Bürger derart, dass die einen etwas vormachen und die anderen es dann erleben.

    So funktioniert unser System nicht.

    Richtig ist vielmehr

    Der eigentliche Entstehungsgrund für die AfD (und nicht nur die): dass WIR von den etablierten Parteien eine Politik GEFORDERT haben (und jede andere durch Abwahl sanktioniert haben würden), die die wesentlichen Zukunftsfragen immer hat schleifen lassen und und UNS, den Bürgern, das X für ein U vorgemacht hat, das UNS in der BERECHTIGUNG unserer Forderungen BESTÄTIGT hat.

    >Heute ist es … die soziale Norm, dass wir alle das Rentenalter erreichen. Das kann man nicht versichern.“ – bto: Und das kann man auch nicht bezahlen!>

    Versichern kann man es nicht, aber bezahlen schon:

    Es lässt sich dann bezahlen, wenn

    a) umverteilt wird, was die Mehrheit zunehmend erzwingen wird

    und

    b) länger gearbeitet wird, woran kein Weg vorbeiführt und was auch mehr und aus der Not heraus mehr und mehr akzeptiert werden wird. Die Sucht, es möglichst früh „geschafft“ zu haben für ein sorgenfreies, auf etwa gleichem Lebensstandard zu gestaltende Rentenalter ist „falsches Leben“ aufgrund unverstandener Realität

    und

    c) der Konsum im Alter reduziert wird. Lässt sich auch machen, die Leute müssen sich z. B. daran gewöhnen, dass der Ayers Rock am TV in 3D so realistisch erlebt werden kann, dass man nicht unbedingt nach Australien reisen muss

    Umdenken, Dr. Stelter.

    Werfen Sie die Messlatte von gestern weg und legen Sie neue Maßstäbe an.
    Sie glauben es vermutlich nicht, aber man kann mit dieser Einstellung auf dieser Basis relativ unbeschwert leben.

    Ihre Gegenrede (mit den Worten von J. Borchert):

    >„An fünf Fingern einer Hand ist abzuzählen, dass wir bei einer schrumpfenden Nachwuchsgeneration und gleichzeitigem Bildungsverfall in dieser Generation nicht darauf hoffen können, dass wir in Deutschland eine wirtschaftlich strahlende Zukunft haben werden – und die ist ja Voraussetzung für eine gute Alterssicherung.“ – bto: Klarer kann man es nicht sagen!

    Selbstverständlich können wir INSOWEIT eine wirtschaftlich strahlende Zukunft haben, wie sie für die oben beschriebene Alterssicherung Voraussetzung ist – aber eben NUR für die oben beschriebene.
    Die Voraussetzung die hier implizit unterstellt wird, wird es nicht geben können – verfehlte Politik hin oder her, wenn WIR, die Bevölkerung weiterhin nicht hinreichend investieren – mit und in Kinder.

    Wenn wir auf etwas nicht einmal mehr HOFFEN können, muss man umdenken und auf das realistisch zu Hoffende einstellen.

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  3. MFK says:

    Borchert ist eher Teil des Problems als der Antwort auf die Herausforderungen. Der Sozialstaat kann eben nur das umverteilen, was andere Leute vorher erwirtschaftet haben.

    Aber der Reihe nach. Wer heute Kinder in die Welt setzt, muss sich schon ernsthaft fragen, welche Folgen das für ihn hat. Für einen Hartz IV Empfänger hat das keine wirtschaftlichen Folgen. Für einen Mann aus der Mittelschicht kann das aber erhebliche Folgen haben, wenn das nicht so läuft wie man sich das mal vorgestellt hat. Wenn man also massive Fehlanreize für Kinderkriegen setzt muss man auch mit den Folgen leben. Wenn also Leute, die noch nicht einmal ihr eigenes Leben in den Griff bekommen, dafür bezahlt werden, Kinder in die Welt zu setzen, hat das keine guten Konsequenzen. So zu denken ist allerdings politisch inkorrekt, weil ja der Staat das alles regelt. Wobei wird beim nächsten Problem sind. Der Sozialstaat lebt von der Unmündigkeit seiner Bürger. Warum überhaupt regelt der Staat die Altersvorsorge aller Bürger zwangsweise? Eine solche Regelung ist nicht erforderlich. Wer im Alter mittellos ist, bekommt auch heute bereits die Grundsicherung. Das ist Regelung genug. Staatsversagen haben wir genug. Warum bekommt man Einwandererkinder der zweiten und dritten Generation nicht integriert? Warum zerfällt der Rechtsstaat zunehmend? Warum ist dieses Land nicht mehr verteidigungsfähig? Warum werden Milliarden (>8,3 Mrd.) für staatliche Propaganda ausgegeben, satt dieses Geld in Bildung zu investieren?

    Die Leute haben auch per se keine Zukunftsängste. Diese Angstinflation ist abwegig. Die Leute haben Fragen und sie suchen sich die Parteien, von denen sie meinen, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Ob das so richtig entschieden werden wird, wird man sehen. Man kann Dummköpfe auch durch noch größere Dummköpfe ersetzen. Wer sich dem nicht aussetzen möchte, muss eben selber nachdenken und für sich die Konsequenzen ziehen und Entscheidungen treffen. Auch hier gilt das Prinzip der Eigenverantwortung.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >Der Sozialstaat lebt von der Unmündigkeit seiner Bürger.>

      Ganz meine Meinung.

      Und das, was die Grundeinstellung betrifft, nicht erst seit heute.

      Ich zitiere:

      „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leistung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein… Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werde das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen … Dass der bei weitem größte Teil der Menschen … den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon die jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben … Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen …“

      Da ist viel dran, aber ich glaube, dass Kant („Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“, Dez. 1783) das Thema heute anders behandeln würde.

      Die Welt hat sich seit seiner Zeit grundlegend geändert, was auch zu berücksichtigen ist. Ich nenne hier nur:

      Die Welt ist komplexer geworden (arbeitsteilig, technologisch, interaktiver durch Handel etc.) und auch durch die praktizierte Unmündigkeit (u. a. eine Gesetzesflut, die auch bei größtem Fleiß selbst von Mündigen nicht zu verstehen und zu beherrschen ist. AUCH deshalb braucht man Leute, die das verdrießliche Geschäft übernehmen, Anwälte z. B.)

      In wohlhabenden Gesellschaften wird offensichtlich wachsende Ungleichheit nicht toleriert, so dass der Staat sozusagen sozial schlichtend eingreifen muss.

      Nur:

      Deshalb, finde ich, muss die Reise aber noch lange nicht in die Richtung gehen, die Sie hier ausleuchten.

      >Die Leute haben auch per se keine Zukunftsängste. Diese Angstinflation ist abwegig. Die Leute haben Fragen und sie suchen sich die Parteien, von denen sie meinen, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen>

      Damit liegen Sie m. A. n. falsch.

      Durch Umfragen ist empirisch einigermaßen belastbar festgestellt worden, dass die Leute nicht nur Fragen haben, die sie beantwortet wissen wollen. Sie haben auch ÄNGSTE. Die müssen sie auch haben, wenn sie ihre Situation mit der ihrer Eltern vergleichen.

      Es ist nicht falsch, die Situation mit der der Eltern zu vergleichen, die wirtschaftlich fundiert in überwiegender Zahl sehr gute Entwicklungschancen hatten.

      Es ist aber nicht hilfreich, aus seinem Leben etwas zu machen, wenn man NUR mit der Situation der Eltern vergleicht.

      Antworten
  4. MFK says:

    Nur einmal drei Schlagzeilen eines MSM Mediums von heute. Das ist Angst und nicht der Blödsinn von Herrn Borchert:

    „Unsere Frauen und Töchter bekommen Angst“ Herr Söder in der Welt:
    Nach dem Freiburger Mord warnt Bayerns Heimatminister Markus Söder (CSU): Der Staat verliere die Kontrolle in den Städten. Er will für den „Heimatschutz“ mehr Polizei – und einen „Abschiebe-Check“.

    „Wenn aggressive Schüler den Lehrer angreifen
    In einigen Schulen kommen Kinder und Jugendliche bewaffnet in den Unterricht (Symbolfoto) In einigen Schulen kommen Kinder und Jugendliche bewaffnet in den Unterricht.“

    „Gefährlicher Sextäter seit Monaten auf freiem Fuß
    In einem Berliner Park soll der Mann sein Unwesen treiben – bis vor Kurzem mit einem 13 Zentimeter langem Küchenmesser.
    Ein notorischer Straftäter ist seit April in der Hauptstadt unterwegs. Nach Haftentlassung ist er 22 Mal aufgefallen. Ein Haftbefehl wurde erst jetzt beantragt. Beamte sprechen von „tickender Zeitbombe“.

    Bulgarische Polizei sicher – Svetoslav S. nicht im Land
    Bei dem sogenannten U-Bahn-Treter von Berlin handelt sich wohl um einen Bulgaren, dorthin soll er auch nach der Tat geflüchtet sein. Deutsche Behörden prüfen nun eine Auslieferung.
    Sein brutaler Tritt in den Rücken einer jungen Frau löste bundesweit Entsetzen aus. Nun hat die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den U-Bahn-Treter erlassen. Er soll im Ausland untergetaucht sein.

    Europas fatale Systemlücke im Fall Hussein K.

    Der Verdächtige im Freiburger Mordfall war in Griechenland in Haft. Deutschland konnte das aber nicht wissen, weil Daten über Strafen in Europa nicht ausgetauscht werden. Ein gefährlicher „blinder Fleck“.

    Sextäter nicht abgeschoben – wegen Personalnot
    Thomas de Maizière hat die umstrittene Sammelabschiebung abgelehnter afghanischer Asylbewerber verteidigt. Solche Maßnahmen müssten „verantwortungsvoll und behutsam“ fortgesetzt werden, so der Bundesinnenminister.

    Ein abgelehnter Asylbewerber soll eine Frau in einer Hamburger Bar missbraucht haben. Der Mann war bereits zuvor straffällig geworden. Nun äußert sich die Behörde, warum er nicht abgeschoben wurde.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Auf was Sie verweisen, sind Ängste, keine Frage.

      Niemand wird das bestreiten wollen.

      Aber damit können Sie nicht widerlegen, dass die Menschen auch andere Ängste haben.

      Vor allem können Sie damit nicht unterstützen, was Sie behaupten, nämlich

      >Die Leute haben auch per se keine Zukunftsängste.>

      Menschen, die an einer sich verschlimmernden, vielleicht nicht heilbaren Krankheit leiden, haben keine Zukunftsängste?

      Sie sind leicht zu widerlegen, weil Sie nicht qualifizieren, sondern pauschalieren.

      Damit ist das, was Sie sagen, nicht gerade hilfreich, andere zu überzeugen, sich zu einer anderen Sicht der Dinge zu bequemen.

      Im Übrigen:

      J. Borchert übertreibt maßlos, und ja, er ist Teil des Problems, wenn er sagt:

      „Die Menschen haben auf breiter Front Existenzängste…>

      „Auf breiter Front“ in Deutschland – das kann man schon Blödsinn nennen.

      Er sagt auch:

      „Die Leute haben Zukunftsängste, …“

      Das ist kein Blödsinn, wie Sie hoffentlich einsehen können.

      Antworten
  5. Horst says:

    „Die Menschen haben auf breiter Front Existenzängste…>
    „„Auf breiter Front“ in Deutschland – das kann man schon Blödsinn nennen.“

    Nun, viele Soziologen sind sich zumindest sicher, vor allem im bürgerlichen Milieu Existenzängste (in Form eines sozialen Abstiegs) identifiziert zu haben, u.a. dieser (von dem auch die nachfolgende Wachstums-Agenda21 stammt); da dieses Milieu eine gewisse Größe wiederum darstellt, würde ich die Aussage nicht zwangsläufig als „blödsinnig“ bezeichnen:

    http://www.opaschowski.de/index.php?id=12

    Alles wächst.
    Es wächst die Wirtschaft.
    Es wächst der Lebensstandard.
    Es wächst die Ungleichheit
    und die Unsicherheit auch.
    Nervosität wächst
    und Aggressivität wächst.
    Es wächst die Unlust an der Politik
    und die Unlust an der Parteiendemokratie.
    Es wachsen Bindungslosigkeit
    und Kinderlosigkeit,
    Mindestrente und Altersarmut,
    Schulden und Umweltbelastungen.
    Es wächst die Angst vor der Zukunft.
    Wachstum um jeden Preis
    hat seinen Preis.

    Alles wächst.
    Es wächst die Sehnsucht
    nach einem Leben nach Maß
    und einer Gesellschaft im Gleichgewicht.
    Es wächst die Suche nach Sinn,
    nach Halt, nach Heimat und Natur,
    nach Verantwortung und Verlässlichkeit.
    Es wächst die Lust am Gemein- und Bürgersinn
    und die Lust an einer Entmachtung der Parteien.
    Es wächst das Vertrauen in Familie,
    Freundeskreis und Nachbarschaft.
    Es wächst die Solidarität der Generationen,
    weil auch die nächsten Generationen
    eine Zukunft haben wollen.
    Wachstum um jeden Preis
    hat seinen Preis.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Borchert redet hier von EXISTENZÄNGSTEN.

      Das sind Ängste, die man in WK I in Flandern und in WK II in der Normandie hatte und heute in Aleppo hat oder wenn man am Verhungern ist, weil Dürre herrscht.

      Wer das Wort im Kontext unserer Gesellschaft gebraucht, der hat die Maßstäbe verloren.

      Und, wie schon gesagt, wird damit Teil des Problems statt der Lösung.

      Wenn wir in der Kommunikation die Realität so verzerrt darstellen, dann verlieren wir die Fähigkeit, sie zu erkennen und richtig einzuordnen.

      Ihr Verweis auf die Soziologen:

      Wenn der soziale Abstieg mit Existenzängsten gleich gesetzt wird, dann muss man auch der Auffassung sein, dass Halten des sozialen Status oder besser noch Aufstieg das NORMALE, also Erwartbare ist.

      Was berechtigt dazu?

      Nichts, absolut nichts.

      Wir reden uns das ein.

      Antworten
      • Horst says:

        Nun, es scheint eine Frage der Konditionierung zu sein (über Dekaden hinweg) – dass wir diese Form der Angst mit einer puren Existenzangst gleichsetzen; zumindest in Zentraleuropa kann sich niemand kriegsbedingte Existenzängste „mehr“ vorstellen.

        „Wenn der soziale Abstieg mit Existenzängsten gleich gesetzt wird, dann muss man auch der Auffassung sein, dass Halten des sozialen Status oder besser noch Aufstieg das NORMALE, also Erwartbare ist.“

        Meiner Ansicht nach nicht. Dennoch sollte in einer sich immer weiter entwickelnden Zivilisation zumindest der durch das Elternhaus vorgegebene soziale Status quo erhalten lassen. Alles andere ist ein Rückschritt (auf der Ebene der humanen Evolution). In diesem Stadium scheinen wir uns zu befinden – indirekt deuten Sie dies mit Ihrer conclusio an. Jedoch dann (auch in diesem Forum wird immer wieder darüber philosophiert) ist jede heute getätigte Investition vergangenes Nichts. Daher sind die Entscheidungen der Unternehmen, Nettosparer sein zu wollen, ebenso der Privaten (die investieren könnten) und nicht zuletzt des Staates (des Finanzministers) als vorausschauend und weise zu betrachten.

        Ergo: Das Treffen von Investitionsentscheidungen heute muss zwingend mit einer zukunftsfähigen Gestaltung einer Gesellschaft einhergehen. Da eine solche nicht erkennbar, wie Sie selbst bestätigen, wird auch niemand investieren (jedenfalls nicht in einem notwendigen Umfang). Das ist die Sackgasse, in der wir uns befinden.

        „Wer das Wort im Kontext unserer Gesellschaft gebraucht, der hat die Maßstäbe verloren.“

        Aus dem „Elfenbeinturm“ eloquent herunter zu sprechen, erscheint einfach. Ich empfehle Feldstudien, in Milieus und Alterskategorien, die nicht den Ihrigen entsprechen. Evtl. kommen Sie dann zu einer empathischeren Sicht auf die Dinge.

  6. Dietmar Tischer says:

    @ Horst

    >… sollte in einer sich immer weiter entwickelnden Zivilisation zumindest der durch das Elternhaus vorgegebene soziale Status quo erhalten lassen. Alles andere ist ein Rückschritt (auf der Ebene der humanen Evolution). >

    Der Staat kann die Rahmenbedingungen setzen, die Erhaltung des sozialen Status zumindest im Prinzip möglich machen. Individuell kann man sich dann bemühen, den sozialen Status zu halten.

    DENNOCH kann es sein, dass eine große Anzahl von Menschen, u. U. auch die Mehrheit ihren sozialen Status, gemessen insbesondere an Einkommen und Vermögen, nicht halten kann. Das liegt dann nicht immer, aber mitunter an Verwerfungen, die sozusagen übergeordnet völlig andere Bedingungen schaffen, so dass Zielerreichung bezüglich des sozialen Status für viele nicht mehr möglich ist, auch wenn die Betroffenen alles „richtig“ machen.

    Das können Naturereignisse sein, etwa Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Klimaveränderungen, wie es sie schon gegeben hat mit flächendeckenden, weit über den lokalen oder staatlichen Bereich hinaus reichenden Wirkungen.

    Oder es können Entwicklungen sein wie die Globalisierung, demografische Entwicklung und die Digitalisierung mit Wirkungen, denen die Kinder so ausgesetzt sind, dass sie den sozialen Status ihrer Eltern nicht mehr erreichen können (gemessen an den Kriterien, die für die Eltern maßgeblich waren).

    Um es in einem Bild zu veranschaulichen:

    In den Entwicklungsländern hangeln sich die Menschen auf der Wohlstandsleiter nach oben und wir in den entwickelten Volkswirtschaften gleiten auf der schiefen Ebene nach unten. Wenn man einmal unterstellt, dass beide Tendenzen miteinander korrelieren, dann ist das kein RÜCKSCHRITT, sondern VERÄNDERUNG.

    Um das zu verstehen, muss man allerdings die Nabelschau verlassen.

    >Aus dem „Elfenbeinturm“ eloquent herunter zu sprechen, erscheint einfach. Ich empfehle Feldstudien, in Milieus und Alterskategorien, die nicht den Ihrigen entsprechen. Evtl. kommen Sie dann zu einer empathischeren Sicht auf die Dinge.>

    Ich bezweifle nicht, dass Feldstudien zu der Feststellung gelangt sind, dass die Menschen Existenzängste haben. Wenn die befragten Menschen sagen, dass sie Existenzängste haben, dann steht durch solche Studien, die Meinungen quasi „fotografisch“ ausweisen, sie aber nicht hinterfragen, fest, dass Menschen Existenzängste haben.

    Das ändert jedoch nichts daran, dass diese Menschen in den allermeisten Fällen keine Existenzängste haben, sondern – sicher bedrückend – Ängste, ihren sozialen Status zu verlieren.

    Wer das gleich setzt, verschließt die Augen vor der Realität.

    Was die emphatischere Sicht auf die Dinge anlangt, empfehle ich Ihnen:

    https://www.project-syndicate.org/commentary/danger-of-empathy-versus-reason-by-peter-singer-2016-12

    Falls die gesamte Aufsatz zu viel verlangt, hier der letzte Satz daraus:
    “Empathy and other emotions often motivate us to do what is right, but they are equally likely to motivate us to do what is wrong. In making ethical decisions, our ability to reason has a crucial role to play.”
    Die kritische Rolle der Vernunft beginnt damit, Realität zu erkennen und sie einzuordnen. Dabei wird man die Gefühle von Menschen nicht übergehen können, die damit verbundene Selbsteinschätzung aber auch nicht umstandslos als Realität ausweisen.

    Antworten
  7. Stefan Klein says:

    Zitat: „Alle Gruppen, alle Einkommensklassen müssen rein ins System. Das war mein Vorschlag, den ich schon vor 20 Jahren gemacht habe, dass wir das System steuerähnlich, nach dem Muster des Solidaritätszuschlages Ost, nämlich als Zugschlag zur Einkommenssteuer, finanzieren. Das alleine verspricht uns Transparenz.“ – bto: Das wird auch so kommen.
    So lange „zufälligerweise“ alle Mitglieder der Legislative, Judikative und Exekutive pensionsberechtigte Beamte sind, vermutlich eher nicht. In der Schweiz wurde das Beamtentum per Volksentscheid abgeschafft, genau deshalb wird es dieses Instrument in Deutschland nie geben…

    Antworten
  8. Rob says:

    Es fällt auf, dass das Wort Existenzangst in der Diskussion im Kommentarbereich unterschiedlich gedeutet wird.
    Hier halte ich es mit der Definition von Borchert, der zum Vergleich die Situation der Dreißigern heranzieht. Es ist m.E. völlig legitim, „Existenzangst“ zu begreifen im Sinne von Angst zum sozialen Abstieg, vielleicht besser so ausgedrückt: Kontrollverlust der eigenen Lebensumstände.

    Existenzangst im Sinne dessen, was in WK1 in Flandern vorherrschte (oder heute Aleppo) ist auch Existenzangst, aber dann wohl eher Todesangst. Von dieser Art Existenzangst ist im Kontext dieses Beitrages ganz sicher nicht die Rede.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      Es ist ja richtig, dass sich eine Gesellschaft darauf einigen kann, mit welchem Begriff sie welchen Zustand begreift.

      Es versteht dann auch jeder, was GEMEINT ist, beispielsweise mit „Existenzangst“ die Angst vor dem sozialen Abstieg oder Kontrollverlust der eigenen Lebensumstände (über die niemand vollständige Kontrolle hat).

      Soweit so gut, niemand muss sich darüber aufregen oder dies wegdiskutieren.

      Der Punkt, um den es mir und wohl auch MFK geht ist, aber das REALITÄTSVERSTÄNDNIS, das damit zu Ausdruck kommt, nämlich dass bei Abstieg und Kontrollverlust so DRAMATISIERT wird, damit sozusagen „geht nicht“, „unmöglich“, „Widerstand bis zum Letzten (quasi Überlebenskampf)“ in der sozialen Auseinandersetzung LEGITIMIERT ist.

      Das ist fatal, weil VERÄNDERUNG, um dies es bei Abstieg und Kontrollverlust geht, das NORMALE ist in einer dynamischen Gesellschaft wie unserer ist und daher PRINZIPIELL akzeptiert werden muss.

      Ein Problem wird die Veränderung natürlich dann, wenn zu viele Menschen negative Veränderung erfahren wie offensichtlich in den letzten Jahren. Daher dann die Reaktionen wie Brexit, Trump, AfD etc.

      Zukunftsängste reichen dafür, es müssen keine Existenzängste sein.

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      • Rob says:

        Sie haben es richtig auf den Punkt gebracht: …. wenn zu viele Menschen negative Veränderungen …

        Man kann das u.U. dramatisieren, aber wie wir wissen, waren die wirtschaftlichen Existenzängste (das adjektiv füge ich verdeutlichend an) Vieler ein handfester Grund, verzweifelt zu reagieren. Immerhin hatten wir es in den Dreißigern zuerst mit Zukunftsangst zu tun, und dann immer stärker/mehr konkreter Existenzangst (weil der Job z.B. bereits konkret weg war).

  9. Rob says:

    Respekt, Herr Stelter, dass Sie immer wieder Leseranregungen aufgreifen. So werde ich immer wieder mit Beiträgen von unterschiedlichsten Medien konfrontiert. Auf diese Weise liefern Sie einen (gerade heute!) wichtigen Beitrag, Ihren Lesern Meinungsvielfalt statt Einheitsbrei nach Gusto zu liefern.

    Das Interview habe ich inzwischen gelesen. Eines wird unzweifelhaft klar: Herr Borchert versteht gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Da gibt es noch einige Ökonomen, die noch viel aufzuholen haben.

    Dieses Zitat hier hätte wohl auch im obigen Beitrag hervorgehoben werden können:

    Die Riesterrente ist vom Konzept her schon völlig irrsinnig. Weil Kapital in reichlichem Maße sowieso schon vorhanden ist. Wir müssen die Leute nicht noch mehr zum Sparen anhalten. Deutschland leidet unter Nachfrageschwäche, und die Riesterrente ist ein direkter Weg dazu, die wirtschaftsaggregate Nachfrage, Staatsverbrauch und Investition völlig aus dem Takt zu bringen.

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  10. MFK says:

    Borchert ist ein politisch getriebener Jurist. Seine Message ist einfach: Ihr müsst mehr umverteilen, dann wählen euch die Leute schon und nicht die AfD. In diesem Zusammenhang spielt er bewusst mit dem Begriff „Existenzangst“. So einfach ist das aber nicht. Auch Milliarden mehr oder weniger sinnvoller Umverteilung zugunsten Familien haben an der demographischen Lage in Deutschland nichts geändert. Gut, man könte sagen, ohne diese Umverteilung wäre es noch schlimmer. Aber auch das ist falsch. Die Umverteilung in der derzeitigen Form schafft massive Fehlanreize Kinder zu bekommen. Die Folgen sehen wir schon heute, sie werden aber in Zukunft noch schlimmer werden. Nicht nur hier liegt ein massives Staatsversagen vor, welches in den einen Bundesländern weniger stark in anderen ganz massiv zu sehen ist. Der Staat oder besser die Parteien sollten hieraus lernen und sich aus den Gebieten zurückziehen, die nicht zu den Kernaufgaben des Staates gehören und die Gebiete stärken, die eben zu diesen Kernaufgaben gehören, dazu gehört z.B. die Innere Sicherheit, eine zeitgemäße Infrastruktur und die Bildung.

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    • Dietmar Tischer says:

      >Auch Milliarden mehr oder weniger sinnvoller Umverteilung zugunsten Familien haben an der demographischen Lage in Deutschland nichts geändert. Gut, man könte sagen, ohne diese Umverteilung wäre es noch schlimmer. Aber auch das ist falsch.>

      Darüber ist zu diskutieren.

      Richtig ist, dass Umverteilung an den STRUKTURPROBLEMEN – hier: insbesondere an der demografischen Entwicklung – nichts Grundlegendes geändert hat.

      Ich habe auch meine Zweifel, dass die neueste Errungenschaft Kita etwas Grundlegendes ändert. Sie subventioniert Frauen mit oder ohne Familie derart, dass sie bessere Bedingungen haben, zu arbeiten UND Kinder zu haben. Das ist als Angebot an den Arbeitsmarkt und Chancengleichheit der Geschlechter zu begrüßen. Es mag auch sein, dass dadurch die Geburtenrate leicht steigt wie zuletzt festgestellt. Ob es den Kindern gut tut, ist eine ganz andere Frage – die nach der QUALITÄT, die ebenso wichtig ist wie die nach der Quantität.

      Unabhängig davon, ist zu fragen, ob es ohne diese Umverteilung noch schlimmer wäre.

      Hierauf kann man nur eine hypothetische Antwort geben, weil es das Counterfactual nicht gibt.

      Deshalb meine Meinung nur als Sicht der Dinge ohne faktische Unterstützung:

      Wenn man – abgesehen von den Notwendigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit – NICHT umverteilt hätte, wären wir heute in einer besseren Situation zumindest was die demografische Entwicklung anlangt. Dies ist m. A. n. so, weil dann der Staat als Versorger nicht aufgetreten wäre und die Menschen GEZWUNGENERMASSEN selbst für ihre Zukunft hätten sorgen müssen. Vermutlich, aber nicht sicher, hätten sie dies (auch) mit mehr Kindern getan.

      Bei steigendem Wohlstand und hohen Staatseinnahmen war das aber nicht möglich.

      Denn wenn der Staat die Mittel hat oder sie sich durch Verschuldung verschaffen kann, dann wird er in Anspruch genommen. Der Prozess demokratischer Mehrheitsbeschaffung basiert darauf (Wahlgeschenke). Heißt: das Counterfactual fehlender Umverteilung war NICHT zu verwirklichen.

      Damit haben wir uns aber auf eine in letzter Instanz gefährliche Wegstrecke begeben:

      Wir hängen immer mehr am Tropf der Umverteilung und zwar so sehr, dass wir OHNE destabilisierende Umkehr nicht mehr davon loskommen.

      Weil die keiner bewusst herbei politisieren will, gilt:

      Es gibt kein Zurück, sondern nur eine sich tendenziell verstärkende Umverteilung.

      INSOFERN kann man feststellen:

      Borchert und andere, die die verfahrene Situation RICHTIG analysieren, sind konsequent, wenn sie angesichts des sich abzeichnenden Desasters auf MEHR Umverteilung setzen. Der Sprachgebrauch wie mit „Existenzangst“ verankert diese Auffassung im Bewusstsein der Menschen.

      Wo sie allerdings versagen und zwar KOMPLETT versagen:

      Sie thematisieren nicht, dass die Situation nicht nur, aber ganz wesentlich durch Umverteilung entstanden ist und durch mehr Umverteilung nicht zu heilen sein wird.

      Es ist wie mit der hier am Blog immer wieder diskutierten Verschuldung:

      Die Krise ist durch Verschuldung entstanden und durch mehr Verschuldung nicht zu heilen.

      Die Konsequenz ist, dass wir gegen die Wand fahren (müssen) und dann unter nicht kalkulierenden Bedingungen einen Neustart wagen können.

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  11. MFK says:

    Nachgetragen seien nioch seine Kernthesen aus o.g. Aufsatz:

    „Hingegen ermöglicht das deutsche Sozialsystem gerade den niedrig Qualifizierten die stärkste Vermehrung.“

    „So ist etwa Bremerhaven mit seinen 115.000 Einwohnern eine vergleichsweise junge Stadt, weil bereits 52 Prozent aller Babys direkt in die Hartz-IV-Viertel geboren werden. Das dreimal so menschenreiche Neukölln schafft sogar weltrekordverdächtige 75 Prozent. In Nordrhein-Westfalen – repräsentativ für die gesamte Republik – stellen Migranten erst 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber schon 65 Prozent der Schulabbrecher. Bereits in jungen Jahren wählen diese Nachkommen ihrerseits junger und bildungsferner Eltern die Elternschaft, weil man sie dafür bezahlt, während sie am Arbeitsmarkt nur unten oder gar nicht unterkommen. Wer das – à la „mehr Einwanderer, die uns nützen, und weniger die uns ausnützen“ – als Schmarotzertum angreift, vergisst, dass doch jedermann staatliche Geldangebote abgreift, solange sie zu seinem Erwartungshorizont passen. Das Angebot ist Schuld und nicht die Hereindrängenden, die es gerührt abgreifen.“

    „Die deutsche Führung will ihr Megaproblem aus Überalterung, Überschuldung und Entqualifizierung dadurch in den Griff bekommen, dass sie die Prämien für dritte bis sechste Kinder noch einmal erhöht. Die sollen mit diesem Geld klüger gemacht werden. “

    „Das Festhalten mehr noch als das Anlocken von Eliten lenkt den Blick auf bisher gänzlich unerprobte Verfahren der Bevölkerungsstabilisierung. Da in besagten 65 Ländern vor allem das zweite – und nicht selten sogar das erste – Kind der Karrierefrauen fehlt, nicht aber das dritte oder gar fünfte der Bildungsfernen, kann man die Steuergelder der Bürger so konzentrieren, dass es Prämien nur noch für ein zweites Kind gibt. Alle Mittel für erste sowie dritte und weitere Kinder würden dabei umgeleitet auf das zweite Kind. Das ergäbe schon aus den heutigen deutschen Budgets eine fast sechsstellige Eurosumme, die – wie Peter Mikolasch bemerkt hat – bei Zwillingsmüttern sogar schon beim ersten Sprössling anfallen.“

    Wundert mich, dass man Heinsohn noch nicht in die rechte Ecke gestellt hat aber dafür ist er wahrscheinlich ein zu brillianter Kopf.

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    • Dietmar Tischer says:

      Man stelle sich einmal vor, Heinsohn dürfte den hier verlinkten Text als Rede vor dem Deutschen Bundestag halten und die Deutschen säßen angekettet vor ihren Bildschirmen, so dass sie zur Kenntnis nehmen müssten, was er sagt.

      Was geschehe daraufhin?

      Es gäbe keine Betroffenheit, keine Nachdenklichkeit und natürlich auch keine ernsthafte Debatte darüber, wie wir mit den angesprochenen Sachverhalten umgehen sollten.

      Es gäbe vielmehr einen Shitstorm wie ihn das Land noch nicht erlebt hat.

      Wie der Mann schon spricht – „demografisches Ausschlachten“, „Absaugen der Besten“, „Kannibalisierung für Talente“ – einfach schlimm, das ist Herrenmenschsprech. Und dauernd mit dem IQ zu kommen, geht schon gar nicht.

      Nein, Unmenschlichkeit, Diskriminierung und Rassismus wollen wir nicht. Spielt nur der AfD in die Hände. Nicht mit uns.

      Gut, kann man so wollen und haben – und wenn so, muss man es noch nicht einmal begründen.

      Aber über die KONSEQUENZEN muss man schon reden.

      Da hört man natürlich nichts von den Gutmenschen, will man auch nichts hören – wozu auch. Uns geht’s doch gut, wir sind Weltmeister in der global dominierenden Disziplin Fußball und alle mögen uns. Also machen wir nichts falsch.

      Alles klar?

      Selbstverständlich. Und wenn doch etwas schief laufen sollte, dann sind garantiert die Anderen dranschuld. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

      Es ist AUSSICHTSLOS, hier kämpfen selbst die Götter vergebens.

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  12. MFK says:

    Noch zwei Nachträge: Wie die Bundesagentur für Arbeit letzte Woche meldete wurde 2016 insgesamt € 32 Milliarden an Kindergeld ausgezahlt, davon € 5,9 Milliarden an im EU Ausland lebende Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Wie die FAZ heute meldet kamen 2015 44 Prozent der Erstgeborenen im Bundesdurchschnitt außerehelich zur Welt, in den neuen Bundesländern sogar gut 71 Prozent. Beides lasse ich mal unkommentiert.

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