Asiaten erstmals reicher als Westeuropäer

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Dass mich die Entwicklung von Vermögen und ihrer Verteilung interessiert, dürfte nach der Lektüre meiner Kommentare und meines Buches zu den Thesen von Piketty bereits bekannt sein. Was mich jedoch immer wieder verblüfft, ist, dass die Experten, die Vermögen und deren Entwicklung analysieren, niemals die Frage stellen: Wie kann es eigentlich sein, dass Vermögen immer schneller wachsen als die Wirtschaft. Meist fragen sie gar nicht danach oder aber wie Piketty und die Credit Suisse gehen sie von einer von der Realwirtschaft völlig losgelösten Entwicklung aus. Nach dem Motto: Vermögen stehen für sich selbst.

Spätestens seit dem Hinweis, dass der wahre Faktor der Vermögensentwicklung die Immobilienpreise sind und diese, wie kein anderes Vermögensgut von der Möglichkeit sich billig zu verschulden getrieben sind, müsste doch klar sein, dass nur die Verschuldung überhaupt die Vermögensbildung erlaubt. Das sollte übrigens im Hinterkopf haben, wer die deutschen Immobilienpreise mit denen anderer Länder vergleicht. Schweden hat zum Beispiel in den letzten 10 Jahren die Immobilienpreise verdreifacht ‒ die privaten Schulden aber wohl auch.

Jetzt also die neue Studie meiner Ex-Kollegen. Wie immer sehr gut gemacht mit Blick auf die Fakten. Die F.A.Z. berichtet:

  • „Zum ersten Mal besitzen die Asiaten (ohne Japan) mehr Privatvermögen als die Westeuropäer. In dem Bericht (…) kommen die Asiaten auf ein gemeinsames Privatvermögen von 47 Billionen Dollar (42 Billionen Euro). Die Westeuropäer vereinen schlappe 40 Billionen Dollar auf sich. Nordamerika bleibt mit einem kumulierten Privatvermögen von 51 Billionen Dollar die reichste Region der Welt. Doch schon für 2016 erwarten die Studienautoren, dass Asien den Spitzenplatz mit einem Vermögen von dann 57 Billionen übernehmen wird. Bis 2019 könnte ein Drittel des weltweiten Privatvermögens von dann 222 Billionen Dollar in der Region liegen.“ ‒ bto: also, wächst schneller als die Wirtschaft.
  • Allein im Laufe des vergangenen Jahres ist das Privatvermögen in Asien um fast 30 Prozent gewachsen, in der ganzen Welt um zwölf Prozent und in Westeuropa gerade einmal um 6,6. (…) Die Asiaten schlagen auch aus ihrer Vorliebe für Aktien Profit.“ ‒ bto: Auch hier wirkt die Politik des billigen Geldes!
  • „Auf die ganze Welt gesehen erwarten die BCG-Experten, dass sich das Vermögen der Superreichen von heute 10 Billionen in den nächsten 5 Jahren auf 18 Billionen Dollar steigern wird. Millionär zu sein ist in diesen Sphären schon gar nichts besonderes mehr. 17 Millionen Millionäre haben die Studienautoren 2014 in der Welt gezählt, 2 Millionen mehr als noch im Jahr davor. Auch hier hat vor allem der Zuwachs der bestehenden Geldanlagen das Wachstum angetrieben. Da das vermutlich auch weiter so geht, sagen die Autoren voraus, dass die Millionäre bis 2019 zusammen 46 Prozent des weltweiten Privatvermögens auf ihren Kontos haben; aktuell sind es 41 Prozent.“

Jetzt legen wir daneben die Studie der Kollegen von McKinsey, die die andere Seite der Medaille betrachten, die immer schneller wachsenden Schulden. Und dann haben wir ein stimmiges Bild. Ich schreibe immer wieder: Schulden können nicht ewig schneller wachsen als das Einkommen. Dies gilt auch für Vermögen.

→ F.A.Z.: Asiaten erstmals reicher als Westeuropäer, 15. Juni 2015

4 Kommentare
  1. Stefan Ludwig says:

    Serh geehrter Herr Stelter,
    eine Frage dazu:

    In einem Vortrag von Bernd Senf tauchte einmal eine Grafik auf die dem exponentiellen
    Wachstum der Vermögen eine entsprechend gespiegelte Kurve der exponentiell wachsenden Schulden gegenüberstellte. Aussage des einen Vermögen sind eines anderen Schulden.

    Dann kam noch eine weitere Aussage hinzu:
    In allen Preisen egal ob Butter, Auto, oder Trinkwasser überall sind Kapitalkosten
    mit eingepreist. Im Schnitt ca. 30%
    Verdient man sein eigenes Geld durch Arbeiten und hat man fast keinerlei Vermögen
    bezahlt man netto mehr an Kapitalkosten als man selbst an Kapitaleinkünften verdient.
    Das heißt der ärmere Teil der Bevölkerung verliert immer mehr Geld an die wirklich vermögenden.

    Die Grafik mit den beiden Exponentialkurven Vermögen/Schulden symbolierte in gewisser Weise den Trichter eines Tornados in dem immer mehr Geld der nicht vermögenden nach oben hin zu den Vermögenden gezogen wird.
    Mir scheint der Zeitpunkt an dem sich die nicht Vermögenden das nicht mehr gefallen lassen näher zu rücken.

    Stimmen sie dieser Sichtweise zu?
    Oder werden da wesentliche Dinge übersehen?

    mit freundlichen Grüßen
    Stefan Ludwig

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Herr Ludwig, vielen Dank für Ihre Nachricht, die mich natürlich etwas traurig stimmt. Ich kenne Herrn Senf nicht. Aber in meinem Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“ zeige ich genau diesen Effekt auf. Ohne Schulden wäre die Entwicklung der Vermögen gar nicht möglich gewesen. Siehe dazu auch meine vielfältigen Beiträge zu Piketty, der eben nur Symptome, nicht Ursachen betrachtet.

      Was die Kapitalkosten betrifft: Naja, das stimmt so. Aber wenn 30 Prozent eingerechnet werden, bedeutet dies nicht, dass am Ende auch 30 herauskommen. Die Profitabilität der Firmen liegt im Schnitt deutlich tiefer.

      LG

      DSt

      Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Lieber Herr Ludwig, lieber Herr Stelter,

      Bernd Senf ist für einen Einstieg in die Problematik gut geeignet. Er erklärt sehr schön die Zusammenhänge zwischen Geldvermögen und Geldschulden. Allerdings driftet er in seinen Vorträgen für meinen Geschmack zwischendurch immer wieder zu sehr ins Ungewisse/Esoterische ab und betätigt sich damit so manches Mal selber als Nebelwerfer. Seine Aufsätze sind besser: http://www.berndsenf.de/pdf/DieProblematikDesZinssystems.pdf

      Ich sehe wie er einen zentralen Fehler im Geld- sowie insbesondere einem fehlerhaften Zinsverständnis. Nun hat uns alle die Realität eingeholt und der Mainstream jammert über die Nullzinspolitik, die angeblich die Sparer enteignet. Da es aber in einer endlichen Welt kein unendliches Wachstum geben kann, müssen selbstverständlich auch die Zinsen gegen Null laufen; zumindest die für die Sparer. Banken müssen ja noch ihre Kosten sowie die Risiken partieller Kreditausfälle abdecken. Man könnte den Zins also auch aus unserem Vokabular verbannen und daraus eine Verwaltungskomponente sowie eine Risikoprämie machen. Ist aber letztlich nur Verbalakrobatik.

      Die hohen Geldvermögen sind in der Tat das Spiegelbild der hohen Geldschulden. Schulden und Vermögen sind immer zwei Seiten derselben Medaille. In einem Kreditgeldsystem ist von daher das Nettogeldvermögen stets NULL. Dass es gerade der asiatische Raum ist, ist wiederum wenig verwunderlich, da hohe Geldvermögen die unmittelbare Folge von hohen Leistungsbilanzüberschüssen sind. Überschussländer vermehren ihr Geldvermögen, Defizitländer vermehren ihre Geldschulden. Und bei den Überschussländern führen nun mal neben Deutschland und der Schweiz insbesondere einige asiatische Länder. In Relation zum BIP weist die Schweiz schon seit Jahren den höchsten LB-Überschuss auf. Von daher ist es auch wenig verwunderlich, dass hier die meisten Millionäre pro 1.000 Einwohner vorzufinden sind.

      Aus der hohen Geldvermögenskonzentration auf einige Länder – und innerhalb der Länder wiederum auf einige wenige Personen – ergeben sich aber systemische Probleme. Schulden haben immer einen konkreten Rückzahlungstermin, Geld aber keinen Konsumtermin. Es ist der altbekannte biblische Matthäuseffekt, der zum systemischen Zusammenbruch führen muss, sofern der Staat nicht redistributiv über das Steuersystem korrigierend eingreift. Das ganze Dilemma ist bislang weder von der Politik noch von den Ökonomen richtig verstanden worden. Bernd Senf, Fritz Helmedag, Hans Christoph Binswanger und einige andere sind hier die wenigen Ausnahmen. Während Senf die Lösung bei Gesell sucht, vertrete ich den Ansatz eines partiellen schuldfreien Inverkehrbringens von Zentralbankgeld: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Dieter Krause says:

        Ja, die beschränkte Politk, Herr Stöcker! Aber die Politiker brauchen Sie leider oder? Und sehr oft sind die auch mit einem Abgeordnetenmandat von 9.000 Euro käuflich oder? Warum solen die sich dann für Ihre Vorschlage aus Ihrem Zehn-Punkte-Plan, die man wirklich mal öffentlich diskutieren solte, mit einsetzen? WARUM?

        Zehn Maßnahmen für ein Europa in Frieden, Freiheit und Wohlstand

        Seit nunmehr 6 Jahren tobt die Finanzkrise und obwohl Politik und Zentralbanken viele Maßnah-men ergriffen haben, um diese Krise unter Kontrolle zu bringen, ist ihr Ende noch lange nicht in Sicht und wird mit den klassischen Instrumenten der Geld- und Fiskalpolitik auch nicht zu lösen sein, sondern führt geradewegs in die finale Katastrophe.
        Diese Krise wurde von den allermeisten Experten nicht vorhergesehen, da die Prognosemodelle der Mainstream-Ökonomen (egal ob Monetaristen, Keynesianer, Neokeynesianer u. a.) in einigen wichtigen Bereichen fehlerhaft sind. Die Fehler liegen in einem nicht verstandenen Geldsystem. Hierzu hat allerdings selbst die altehrwürdige Deutsche Bundesbank einen nicht gerade rühmli-chen Beitrag geleistet; denn auch sie hatte bis vor einigen Jahren den Prozess der Geldschöpfung fehlerhaft beschrieben. Mittlerweile hat sie ihr Schülerbuch für die Sekundarstufe IIangepasst und stellt nun den Geldschöpfungsprozess richtig dar. Aber 30 Jahre fehlerhafte Bildungspolitik hinter-lässt eben ihre Spuren und hindert uns daran, zu neuen Einsichten und Erkenntnissen zu kommen.
        Update 05.05.2015: Siehe hierzu auch dieser Kommentar in der FAZ.
        (Für alle geldpolitischen Neulinge, Vollgeldvertreter und Mainstream-Ökonomen empfehle ich vor dem Weiterlesen zuerst den Beitrag zum Thema Zinsmythen.)
        Das Dilemma der aktuellen Situation stellt sich wie folgt dar: Nach der allgemeinen Vorstellung der Mainstream-Ökonomen finden Märkte nach externen Schocks immer wieder von alleine zu einem neuen Gleichgewicht. Staatliche Interventionen sind von daher nicht nötig, die automatischen Sta-bilisatoren reichen völlig aus. Diese Ansicht ist in sehr vielen Köpfen fest verankert und die Erfah-rungen der alten Bundesrepublik scheinen diese Sichtweise ja auch zu bestätigen. Tatsächlich han-delt es sich, wie wir noch sehen werden, bei dieser Krise auch nicht um eine Krise des Kapitalismus, sondern um einen systemimmanenten Fehler im geldpolitischen Finanzkapitalismus. Dieser arbei-tet aber lange Zeit im Verborgenen und wirkt als schleichendes Gift mit zunehmender Intensität bis zu seinem Kulminationspunkt (Lehman 2008 mit Vorbeben IKB und Sachsen-LB 2007)
        Wie konnte es dazu kommen? Oder besser gefragt: Warum MUSSTE es hierzu kommen?
        Die Antwort hierauf hat Prof. Binswanger gegeben: Es gibt einen systemimmanenten Widerspruch zwischen gesamtwirtschaftlicher Notwendigkeit und betriebswirtschaftlicher Logik in gesättigten Märkten. Wie sieht dieser Widerspruch konkret aus? Letztlich geht es um die ‘angemessene’ Ent-lohnung der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Dass es hier aus individueller Sicht gegenläu-fige Interessen gibt, liegt auf der Hand. Und über die ‘Angemessenheit’ entscheidet in einer Markt-wirtschaft immer noch der Markt.
        Da in gesättigten Märkten Renditen schrumpfen, Faktoreinkommen aber für die Nachfrage so hoch sein müssen, dass die Lager geräumt werden, gibt es ein Spannungsfeld zwischen angestrebten Un-ternehmensgewinnen (Mindestverzinsung des Kapitals) sowie den zu zahlenden Löhnen (=Kosten für Unternehmen, aber eben auch Voraussetzung für den Absatz der vorproduzierten Güter). In ei-ner Volkswirtschaft mit nur noch homöopathischen Wachstumsaussichten wird das Risiko der un-ternehmerischen Tätigkeit nur noch sehr gering entlohnt und/oder es fehlt das potenziell nachfra-gewirksame Faktoreinkommen.
        Die systemischen Grundprobleme verschärfen sich, wenn Unternehmen in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren (sieht man u. a. an hohen Cash-Beständen bei Apple, Siemens und Co.), jetzt aber, wegen mangelnder Nachfrage, keine weiteren sinnvollen Verwertungsmöglichkeiten mehr für ihr Geld (nicht ihr Kapital!) finden. Das Geld lagert dann, wie im Falle Siemens, bei der Bundesbank (sorgt bei Deflation sogar für Kapitalmehrung) oder wird an Aktionäre ausgeschüttet.
        Wenn dann aber der 6. Ferrari in der Garage steht, bleibt irgendwann auch im Luxussegment die Nachfrage aus. Wenn es dann auch noch wegen mangelnder Nachfrage zu breiten deflationären Tendenzen kommt, können die Unternehmen mit fehlender Nachfrage und geringen Cash-Bestän-den ihre Kredite nicht mehr bedienen und müssen wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmel-den. Als Folge ergeben sich eine Vernichtung des Kapitalstocks sowie eine Entwertung von menschlichem Wissen, Können sowie der eigenständigen Existenzgrundlage jenseits staatlicher Alimentation.
        Damit dies nicht passiert, haben die Banken in Interessenunion mit den Unternehmen neue Ab-satzfinanzierungsinstrumente kreiert, mit dem dieser Selbstzerstörungsprozess noch etwas hinaus-gezögert werden kann. Unterstützt wurde dies durch das populäre Deficit-Spending der Staaten (die Entwicklung der Staatsverschuldung spricht Bände und die Krugman-Jünger sollten nicht zu früh jubeln).
        Die schönen Wachstumszahlen der letzten Jahre basieren also vor allem auf kreditfinanzierter Kon-sumnachfrage. Die Problematik einer solchen Entwicklung können Sie hier nachlesen: Das Geschäft mit der Verbriefung.
        Solange sich die Geldvermögen (bitte den bilanziellen Unterschied zwischen Vermögen und Kapital beachten) bei einer kleinen Unternehmens- und Personenanzahl konzentrieren (und wer wollte dies bestreiten, hier das Beispiel für die USA (allerdings als Gesamtvermögen), aber auch in Europa dürfte die Entwicklung der letzten 30 Jahre ähnlich verlaufen sein), wird es aber nicht zu einer stei-genden Nachfrage kommen und damit auch nicht zur Kredittilgung.
        Warum sind die Geldvermögen bei einigen immer weiter angestiegen? Nun, solange noch systemi-sches Wachstumspotenzial vorhanden ist, fließt durch wachsende Verschuldung immer noch genü-gend neues Geld nach, das in den ersten Verwertungsstufen noch zu weiterer Nachfrage führt. Aber auf jeder Transaktionsstufe kommt es wegen der Gewinnkalkulation (kalkulatorische Zinsen) zu einer weiteren Vermögenskonzentration, die bei Marktsättigung wegen fehlender Nachfrage (musste ja für Gewinne abgezweigt werden) zu einer Investitionsverweigerung der Unternehmen führt (führen MUSS). Das Geld findet wegen fehlender Nachfrage keine weitere sinnvolle Verwer-tung mehr und aus der Wachstumsspirale wird eine deflationäre Schrumpfungsspirale und der wie von Zauberhand geschaffene kreditinduzierte Wachstumszyklus bricht in sich zusammen.
        Es ist nicht die Kapitalakkumulation im Marx‘schen Sinn, die zur Krise des Kapitalismus führt, son-dern die Geldakkumulation ist es, die zur Krise des Finanzkapitalismus führt.
        Aus Sicht der Geldbesitzer ist es wiederum rational, auf ihrem Geld sitzen zu bleiben, da man in echten Krisenzeiten (When There‘s Blood In The Streets) auch Assets wieder sehr günstig erwerben kann (Cash is King). Dies führt dann in deflationären Krisenzeiten zu weiteren Realvermögens-konzentrationen in den Händen weniger. Passivität der Geldbesitzer wird hier also ein zweites Mal belohnt.
        Dies ist die systemimmanente Problematik unseres modernen Kreditgeldkapitalismus, der für sehr viele Menschen in der Vergangenheit sehr viel Wohlstand erzeugt hat und der nun wegen eines immanenten Defekts bei abnehmender Wachstumsdynamik in gesättigten Märkten in einer defla-tionären Vernichtungsspirale hinweggespült wird. Diese Prozesse tragen das Potenzial in sich, ne-ben dem Versprechen ‘Wohlstand für Alle’, zugleich die freiheitlich demokratische Grundordnung mit zu zerstören.
        Die irrigen Vorstellungen der klassischen Geldtheoretiker im Hinblick auf die geldpolitischen Stan-dardinstrumente der Zentralbanken, über Zinspolitik und Transmissionsmechanismus zu einem stetigen und angemessenen Wirtschaftswachstum zu gelangen, helfen hier nicht weiter. Die EZB beklagt selbst seit einiger Zeit, dass der Transmissionsmechanismus gestört sei und die Amerikaner hängen immer noch der wirren Vorstellung an, dass Zentralbanken sowohl für Geldwertstabilität als auch für Beschäftigung sorgen können (da ist ja selbst die katholische Kirche inzwischen dog-mengeschichtlich weiter; siehe auch: Allmachtsfantasien zur Zinssetzungshoheit). Sie hätten mal besser bei Karl Schiller aufgepasst: “Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie selber”.
        Was ist aber, wenn sie nicht saufen wollen? Dann braucht man eben neue Instrumente, die system-konform einer deflationären Systemkrise vorbeugen. Die unkonventionellen Instrumente aus dem Zauberkasten von Politik und EZB (ESM, LTRO, ELA, OMT…) sind jedenfalls nicht geeignet, diese sys-temimmanente Problematik dauerhaft und vor allem sozial ausgeglichen zu beseitigen.
        Gibt es für diese Problematik eine adäquate Lösung? Ja, die gibt es und sie ist eigentlich verblüf-fend einfach, wenn man erst mal die richtige Diagnose gestellt hat. Sie ist so einfach, dass ich an-fangs selber Zweifel an dieser Idee hatte. Inzwischen sind aber alle Zweifel verflogen und aus ei-nem anfänglichen Gefühl ist inzwischen große Gewissheit geworden.
        Das Hauptproblem in gesättigten Märkten ist die Geldvermögenskonzentration in den Händen we-niger, welches dem Wirtschaftskreislauf entzogen wurde und nur noch in einer selbstreferenziellen Finanzinnovationswelt zirkuliert oder aber im Wäschefach oder bei der Deutschen Bundesbank geparkt wurde. Wie können wir dieses Geld wieder in den realen Kreislauf zurückführen und damit diesen deflationären Destruktionsmechanismus unterbrechen? Darum wird es in den folgenden Absätzen gehen, in denen ich ein geldpolitisches Manifest für Europa skizziere und zwar als konkrete Handlungsempfehlung an die Politik.
        Maßnahmen im Überblick:

        I. Verfassungsrechtliche Verankerung eines Inflationsziels von 2 %.
        (siehe hierzu meine Antwort auf einen berechtigten kritischen Hinweis)
        II. Umstellung der aktiven schuldenfinanzierten Nachfragepolitik auf eine passive
        schuldenfreie Bürgerfinanzierung
        III. Verfassungsmäßige Verankerung eines Haushaltsüberschusses
        IV. Kontinuierliche Erhöhung des Mindestreservesatzes auf 100 %
        V. Refinanzierung der Geschäftsbanken über den Kapitalmarkt
        VI. Gründung einer Evidenzzentrale für Abzahlungsgeschäft
        VI. Zeitliche Befristung von Abzahlungsgeschäften
        (siehe hierzu der bessere Vorschlag von Linus Huber in den Kommentaren)
        VII. Reaktivierung der gesetzlichen Rente
        VIII. Reaktivierung der Erbschaftssteuer sowie Einführung eines Erbschaftsfonds
        IX. Anpassung der Wochenarbeitszeit bei längerfristiger Zielverfehlung
        X. Einführung einer Finanztransaktionssteuer

        I. Verfassungsrechtliche Verankerung eines Inflationsziels von 2 %
        Geld hat als Kreditgeld keinen eigenständigen Wert und muss daher – wie alles auf dieser Welt – einer ständigen Entwertung unterliegen. Dies steht im Einklang mit dem Inflationsziel der EZB sowie der Bundesbank, das unter aber nahe 2 % liegen soll. Dieses wichtige geldpolitische Ziel sollte verfassungsrechtlich verankert werden. Ausnahmen nach oben gibt es nur bei externen Schocks sowie importierter Inflation.

        II. Umstellung der aktiven schuldenfinanzierten Nachfragepolitik auf eine
        passive schuldenfreie Bürgerfinanzierung
        Damit der Kreditgeldkapitalismus auch in gesättigten Märkten funktioniert, bedarf es eines stän-digen Zuflusses von Geld von außen. Bei der Kreditvergabe durch den Bankensektor gibt es aber immer individuelle Verschuldungsgrenzen. Zudem führt diese Form der Konsumanregung aufgrund des Zinseffekts zu einer Verschärfung der Vermögenskonzentration in den Händen weniger. Nur so gibt es ein zuverlässiges Instrument, mit dem eine Inflationssteuerung dauerhaft möglich ist.
        Wie kann dies nun praktisch umgesetzt werden, wo kommt das Geld dafür her und wie hoch sollte diese Bürgerfinanzierung sein?
        1. Die Finanzierung erfolgt im Rahmen einer Geldgutschrift der Zentralbank auf das Girokonto aller Bürger des Eurosystems.
        2. Die Höhe der monatlichen Zahlung orientiert sich an einem nominellen Ziel-Wirtschafts-wachstum in Höhe von 3 % (1 % gewünschtes reales Wirtschaftswachstum plus 2 % Infla-tion). Für Deutschland ergäbe sich folgender Betrag pro Bürger: Pro-Kopf BIP 2012: 32.280 Euro. Hiervon 3 % ergeben 968,40 Euro pro Jahr bzw. 80,70 Euro pro Monat. Für ei-nen 4-Personenhaushalt sind das also 322,80 Euro, die für zusätzlichen Konsum pro Monat zur Verfügung stehen. Für Griechenland ergäbe sich eine Zahlung in Höhe von ca. 42,93 Euro pro Kopf.
        (siehe hierzu meine Antwort auf einen berechtigten kritischen Hinweis)
        3. Aufgrund der aufgestauten Schuldenproblematik kann für die ersten zwei Jahre sicherlich der doppelte bis dreifache Betrag angesetzt werden und erleichtert damit die Rückzahlung notleidender Kredite.
        4. Zugleich sollte es eine Deckelung nach oben geben (z. B. 20 % über dem Median), damit Länder mit aufgeblähtem BIP (Luxemburg) keinen unangemessenen Geldsegen erhalten.
        5. Woher soll das Geld kommen?  Na dort her, wo letztlich das einzige gesetzliche Zahlungs-mittel herkommt, nämlich von der Zentralbank. Sie verbucht es auf der Aktivseite als ewige Forderung an ihre Bürger und auf der Passivseite als Erinnerung daran, dass sie dieses Geld auch wirklich geliefert hat (egal ob als Bargeld oder als Buchgeld).
        6. Die Umsetzung erfolgt im Zusammenspiel mit den Finanzämtern.

        III. Verfassungsmäßige Verankerung eines Haushaltsüberschusses
        1. Mit der Einführung einer Bürgerfinanzierung wird zeitgleich die Verschuldung (nicht Neu-verschuldung) sukzessive zurückgeführt. Zu diesem Zweck wird ein verpflichtender Budget-überschuss von mindestens 1 % des BIP festgesetzt.
        2. Länder, die dieses Kriterium nicht erfüllen, erhalten in den folgenden Jahren eine automa-tische Kürzung ihres Bürgergeldes. Für die Länder des Südens müssen für eine Übergangs-zeit zusätzliche Regelungen geschaffen werden (z. B. Anschlussfinanzierung zu revolvieren-der Altschulden durch die EZB zu einem Zinssatz von 2,5 %).
        3. Nachdem alle Schulden zurückgezahlt worden sind, werden die Haushaltsüberschüsse an die Zentralbank abgeführt und ein Teil des kontinuierlichen Geldzuflusses wird wieder an die EZB abgeführt und verringert die ewige Forderung. Das aus dem Nichts geschaffene Geld verschwindet somit zu einem Teil auch wieder im Nichts.

        IV. Kontinuierliche Erhöhung des Mindestreservesatzes auf 100 %
        Durch die Einführung eines Bürgergeldes erhöht sich die Geldmenge M0 (Basisgeld bzw. Zentral-bankgeld) kontinuierlich. Damit die Geldmenge M2 nicht zu stark ansteigen kann (sollte bei solider Kreditvergabe der Banken eigentlich nicht passieren, ist aber wegen der TBTF-Problematik als la-tente Moral-Hazard-Potenzialität vorhanden), sollte zeitsynchron die Mindestreserve kontinuierlich erhöht werden. Im Endeffekt kommt es zu einer Vollgeldsituation.

        V. Refinanzierung der Geschäftsbanken über den Kapitalmarkt
        Nach einer Übergangszeit vom Giralgeld zum Vollgeld dürfen sich die Geschäftsbanken nur noch über den Interbankenmarkt refinanzieren. Die Übergangsfristen werden durch die EZB festgelegt. Als Notmaßnahme bleibt die Spitzenrefinanzierungsfazilität durch die EZB in Höhe von 2 %, die sich aber zugleich negativ auf die zukünftige Höhe des Bürgergeldes dieses Landes auswirken sollte.

        VI. Gründung einer Evidenzzentrale für Abzahlungsgeschäfte
        Jeder Konsumentenkredit sowie die Überziehung des Girokontos sind an eine neu zu errichtende Evidenzzentrale zu melden. Bevor ein solches Abzahlungsgeschäft abgeschlossen wird, hat eine Ab-frage bei der Evidenzzentrale zu erfolgen. Ab einer Verschuldungsobergrenze von 5.000 EUR (inkl. des Neuvertrags) ist der Abschluss eines solchen Geschäfts unzulässig.

        VI. Zeitliche Befristung von Abzahlungsgeschäften
        Alle Arten von Abzahlungsgeschäften mit Endverbrauchern unterliegen einer strikten zeitlichen Begrenzung. Eine eventuelle Restschuld wegen Zahlungsproblemen beim Schuldner verjährt auto-matisch mit Vertragsende. Dem Gläubiger verbleibt lediglich ein Herausgabeanspruch hinsichtlich der finanzierten Sache. Alle weiteren Ansprüche sind ausgeschlossen. Das Abschreibungsrisiko hin-sichtlich einer potenziellen uneinbringlichen Restforderung verbleibt somit beim ursprünglichen Kreditgeber, bzw. bei Verbriefung beim Forderungsaufkäufer/Investor.
        Folgende zeitliche Obergrenzen sollten die Richtschnur sein:
        2 Jahre für Konsumentenkredite
        4 Jahre für PKW
        30 Jahre für Grundstücke/Immobilien, wobei der Rückgabeanspruch des Gläubigers bereits nach 20 Jahren verjährt.
        (Vielen Dank an Linus Huber für diesen konstruktiven Vorschlag)

        VII. Reaktivierung der gesetzlichen Rente
        Die gesetzliche Rente muss wieder die Grundlage der Altersvorsorge werden. Die theoretische Grundlage hiefür liefert die Mackenroth-These. Die Privatisierung der Altersvorsorge war ein Irr-weg und muss dringend rückgängig gemacht werden. Dies hat inzwischen selbst das liberale Han-delsblatt erkannt. Wir sollten uns hier mehr am Schweizer Modell orientieren.
        Die Zuflüsse aus den Versicherungen entziehen dem Markt die Realgüternachfrage, rentierliche In-vestitionen sind aber Fehlanzeige. Daher klagen die Lebensversicherer über ein niedriges Zinsni-veau und werden in risikoreichere Investments gedrängt. Diesen Unsinn sollten wir sofort beenden und neben der Riester- und Rüruprente auch den Pflegebahr als dass entlarven, was sie alle drei eigentlich sind: Ein Meisterwerk der lobbyistischen Manipulation!

        VIII. Reaktivierung der Erbschaftssteuer sowie Einführung eines Erbschaftsfonds
        Ohne hier zu viel marxistisches Gedankengut zu reaktivieren: Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Marx hatte zwar als Kind seiner Zeit nicht viel vom Geld verstanden, sehr wohl aber von Kapitalakkumu-lation im volkswirtschaftlichen Sinne. Bilanztechnisch gehört zu jeder Buchung immer auch eine Gegenbuchung und somit ist das buchhalterische Pendant ‘Vermögen’ ideologisch neutraler.
        Der oben beschriebene Prozess der Mindestrenditeerwartung der Unternehmer führt tendenziell zu einer zunehmenden Vermögenskonzentration in den Händen weniger. Zugleich sollte folgender Sachverhalt berücksichtigt werden: Sind die Gewinne sehr hoch, ist dies im manchen Fällen ein Zeichen echter Produktinnovation mit Alleinstellungsmerkmal, oftmals jedoch lediglich ein Indika-tor für mangelnden Wettbewerb auf Grund oligopolistischer und/oder kartellistischer Machtstruk-turen.
        Zugleich ist es für eine Gesellschaft potenziell leistungsfeindlich, wenn man das Glück hatte, ver-mögend geboren zu werden. Zudem basiert der Reichtum eines einzelnen nicht nur auf eigener Tüchtigkeit sondern eben auch auf den Vorleistungen vieler anderer Menschen vieler Jahrhunderte auf allen Kontinenten dieser Erde sowie dem Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Damit ist dieses individuelle Vermögen – jenseits aller Neidde-batten – aber immer auch ein kollektives Gesamtvermögen. Keinem soll die Chance verwehrt wer-den, aus eigener Anstrengung heraus vermögend zu werden und unternehmerischer Mut muss belohnt werden; denn davon profitiert das Gemeinwesen als Ganzes.
        Damit es im Zeitablauf aber nicht zu einer zu hohen Vermögenskonzentration bei einigen wenigen kommt, sollte die Erbschaftssteuer dahingehend angepasst werden, dass es für die Erben eine Wahl gibt zwischen Steuerzahlung in Form von Barzahlung oder als Alternative bei finanzieller Überforderung der Erben, die Übertragung von Gesellschaftsanteilen als stille Beteiligung an einen zu gründenden staatlichen Erbschaftsfonds (stiller Gesellschafter ohne Mitspracherecht). Vorteil: Unternehmen müssen wegen des Erbfalls nicht zerschlagen werden, die alten Eigentümer bestim-men weiterhin die Geschäftspolitik.

        IX. Anpassung der Wochenarbeitszeit bei längerfristiger Zielverfehlung
        Bei zunehmender Marktsättigung besteht die Gefahr, dass es zu Überliquidität kommt, die nicht mehr nachfragewirksam wird. In diesem Fall ist die gesetzliche Jahresarbeitszeit kontinuierlich zu senken. Die Verknappung des Arbeitsangebots führt zu einer gleichmäßigen Anpassung und Vertei-lung von Arbeit und Arbeitseinkommen. Diese Maßnahme sollte aber erst dann zum Tragen kom-men, wenn es keinen Sanierungsbedarf mehr bei der öffentlichen Infrastruktur gibt.
        Bei zunehmender Überalterung kann in 15 bis 20 Jahren in vielen Ländern aber auch eine tempo-räre Arbeitszeiterhöhung von Nöten sein, um die demografischen Herausforderungen zu meistern.

        X. Einführung einer Finanztransaktionssteuer
        Damit sich die Menschheit wieder sinnvolleren Tätigkeiten widmen kann als Algotrading, Software-entwicklung für Finanzparasiten und sonstigen sinnlosen Aktivitäten, die keinen zusätzlichen ge-sellschaftlichen Nutzen schaffen, sollte eine Finanztransaktionssteuer eingeführt werden für alle Börsengeschäfte, bei denen die Haltedauer unter einem Monat liegt. Das Zauberwort heiß: Ent-schleunigung.
        Schlussbemerkungen
        Dieses geldpolitische Manifest ist zugleich ein Manifest für Frieden und Freiheit in einem vereinig-ten Europa mit einem hohen Maß an Autonomie und Verantwortung der Länder ohne bürokrati-schen Überbau und zentralstaatliche Allmachtsfantasien.
        Update 14.10.2013
        Der destruktive Prozess der Deflationsspirale ist schon viel weiter fortgeschritten, als viele von uns vermuten oder wahrhaben wollen: Der folgende Beitrag von Tobias Straumann ist mehr als besorg-niserregend: Das «Trio Infernal» in Südeuropa. Es ist höchste Not zu handeln!

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