„Die besten Wetten gegen den Markt“

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Wer gegen den Markt wettet, kann viel Geld verdienen. Vorausgesetzt er arbeitet mit Netz und hat ein glückliches Händchen beim Timing.

In der letzten Woche habe ich an dieser Stelle über den Charme der Wetten gegen die Mehrheit gesprochen. Angesichts der einhelligen Meinung an den Märkten zu Aktien (steigen), Zinsen (steigen), Dollar (steigt), Gold (fällt) und Konjunktur USA (boomt demnächst) ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Enttäuschung und damit zu einer Trendumkehr kommt. Keine Entwicklung, sie mag noch so überzeugend wirken, verläuft linear.

Erste Zweifel dürften den Investoren spätestens mit den aktuellen Interviews von Donald Trump kommen. Der designierte Präsident meint es anscheinend offensichtlich nicht nur mit seinen positiven Ankündigungen (Steuersenkungen/Infrastrukturprogramm) ernst, sondern auch mit den negativen. Protektionismus und Abschottung sind ernstere Gefahren, als die Finanzmärkte wahrhaben wollen. Kann also gut sein, dass der Trendbruch schneller da ist, als wir gedacht haben.

Was wir 2016 hätten kaufen sollen

Blickt man in die Vergangenheit, kann man sehr schön zeigen, dass sich die Wette gegen die Mehrheitsmeinung lohnt. Analysten der Citigroup haben dies getan und die Financial Times hat vor einigen Wochen darüber berichtet. Dabei wurde die Mehrheitsmeinung an der Kursentwicklung des Vorjahres festgemacht. Was besonders stark gefallen war, wurde gekauft, was besonders stark gestiegen war, verkauft. Die Ergebnisse sind durchaus interessant.

Zunächst der Blick zurück: Was wären denn die besten Wetten der „Contrarians“ – so nennt man die Spekulanten gegen den Markttrend – im Januar 2016 gewesen? Der Kauf von Öl (2015: -31 %/ 2016: +42 %), Aktien der Schwellenländer (-15 %/+13 %) und Gold (-10 %/+9 %).

Noch höhere Renditen – natürlich mit mehr Risiko – waren auf der Ebene einzelner Aktien zu erzielen, so mit Rio Tinto (-34 %/+60 %), BHP Billiton (-35 %/+46 %) und Royal Dutch Shell (-31 %/+45 %), die alle von der deutlichen Erholung der Rohstoffpreise profitiert haben. Auch in anderen Sektoren gab es deutliche Bewegungen, so bei Qualcomm (-33 %/+39 %) und Wal-Mart (-29 %/+17 %). Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Märkte übertreiben und man aus der Gegenreaktion Gewinn schlagen kann, so sie kommt.

Auch Wetten auf fallende Kurse von zuvor stark gestiegenen Werten waren ertragreich. Allerdings nicht so erfolgreich wie der Kauf von zuvor sehr unpopulären Werten. Am besten lief die Wette gegen Hochzinsanleihen mit einem Gewinn von 17 %.

Auf der Ebene von Einzelaktien hat man laut Citigroup mit Wetten auf fallende Kurse gegen den Markt im Schnitt sogar etwas Geld verloren. Dies unterstreicht die Schwierigkeit des Timings. Wenn man etwas zu früh kauft, ist das zwar schmerzhaft, führt aber nicht zu einem Totalverlust. Wenn man zu früh mit Optionen oder Futures auf fallende Kurse setzt, ist ein Totalverlust nicht auszuschließen, weil die Zeit gegen einen läuft.

Und was ist 2017? 

Doch wie sollte man vorgehen, wenn man heute gegen den Markt wetten möchte? Auch hierfür hat die Citigroup ein paar Ideen. Als Käufe werden unter anderem die Aktien von Pharmakonzernen gesehen. Werte wie Teva, Allergan, Novo Nordisk, Novartis und auch Bayer stehen auf der Liste. Diese Industrie verdeutlicht sehr schön die Grenzen der Methodik. Kommt es nämlich, wie zunehmend befürchtet, zu einer härteren Gangart der US-Regierung gegen die Pharmakonzerne, die einen Großteil ihrer Gewinne auf dem höchst profitablen – und deshalb auch für Bürger so teuren – US-amerikanischen Markt erzielen, sind noch tiefere Kurse nicht auszuschließen. Man würde also zu früh in ein fallendes Messer greifen. Nicht besser sieht die Liste der Verkaufsempfehlungen aus. Diese wird von den Gewinnern des Vorjahres dominiert, also Rohstoffwerten wie Rio Tinto, BHP Billiton und Glencore. Gibt es durch Trumps Interventionen tatsächlich eine konjunkturelle Belebung, kann es sein, dass diese Aktien zwar nicht mehr weiter zulegen, aber auch nicht nachhaltig verlieren. Ein denkbar schlechtes Ergebnis für jenen, der auf fallende Kurse setzt.

Über einen Zeitraum von 20 Jahren – auch dies zeigt die Studie der Citigroup – war die Strategie, gegen den Markt zu wetten in neun Jahren erfolgreich, die Strategie der Mehrheitsmeinung zu folgen in 11 Jahren. Man könnte einfach sagen: Die Chancen stehen 50/50, weshalb man als Privatanleger, wie hier immer wieder betont, lieber an einem stabilen Portfolio festhalten sollte, statt mit dem Versuch, den Markt zu schlagen nach Kosten einen garantiert tieferen Ertrag zu erwirtschaften.

Regeln für die Spekulation gegen den Markt

Wer trotz dieser Mahnungen an der Spekulation gegen den Markt festhalten will, dem seien einige Hinweise mit auf dem Weg gegeben. Nennen wir sie „Stelters Regeln für Contrarians“:

  1. Das ist eine Spekulation, die man nur mit einem kleinen Teil seines Vermögens wagen sollte. Der überwiegende Teil sollte kostengünstig und diversifiziert angelegt bleiben.
  2. Gegen den Markt und die Zeit gleichzeitig zu spekulieren, ist besonders gefährlich. Deshalb sollten „Shorts“, also Wetten auf fallende Kurse nur mit wirklich entbehrlichen Mitteln getätigt werden. Natürlich kennen wir alle die Geschichten von den riesigen Vermögen, die in Börsencrashs verdient wurden – siehe das Beispiel des Spekulanten Jesse Livermore, der mit Leerverkäufen 1929 über 100 Millionen US-Dollar verdient haben soll. Über die Schicksale jener, die zu früh oder fälschlicher Weise auf fallende Kurse gesetzt und alles verloren haben, wird wenig geschrieben.
  3. Wenn man einen Markt für zu hoch bewertet hält, genügt es, die eigene Position zu reduzieren, um Gewinne zu sichern. So wie Joseph Kennedy, Vater des späteren US-Präsidenten, der 1929 rechtzeitig ausstieg und so mehrere Millionen US-Dollar Gewinne sicherte. Im Rahmen der hier immer wieder empfohlenen Portfoliostrategie erfolgt dies automatisch durch das Re-Balancing, also den Verkauf der Assetklasse, die am besten gelaufen ist und die entsprechende Aufstockung der Assetklasse, die relativ am schlechtesten war.
  4. Wenn man eine Aktie oder einen Markt für unterbewertet hält, so muss dies auf einer gründlichen Analyse basieren und nicht nur auf der Tatsache, dass der Markt/die Aktie im Vorjahr stark gefallen ist. Es kann gute Gründe dafür geben, dass sich die Entwicklung fortsetzt.
  5. Kauft man einen Wert basierend auf der Auffassung, dass eine Unterbewertung vorliegt, muss man bereit sein, lange durchzuhalten und bei weiteren Kursrückgängen zuzukaufen. Deshalb empfiehlt sich ein stufenweiser Einstieg.
  6. Man sollte auch bei dieser Spekulation nur Qualitätswerte kaufen.  Nur diese geben eine Absicherung für den Fall, dass man mit der Bewertungsanalyse und dem Markttiming danebenliegt. Was Qualitätswerte sind, habe ich unter anderem hier diskutiert.
  7. Zur Spekulation bieten sich neben dem direkten Kauf auch alternative Strategien an. Wenn ich beispielsweise eine Korrektur erwarte und bei dieser entsprechende Qualitätswerte kaufen möchte, so kann ich Verkaufsoptionen auf diese Werte schreiben, also als Stillhalter fungieren. Gerade bei gestiegener Volatilität an den Märkten wie zum Beispiel nach Ereignissen wie dem Brexit-Votum in Großbritannien und der Freigabe des Schweizer Franken kann dies eine lohnende Strategie sein.
  8. Angesichts der Risiken verbietet sich die Spekulation auf Kredit.

Diese Liste ist nicht vollständig und der eine oder andere Leser wird Ergänzungs- und Verbesserungsvorschläge haben. Angewandt auf die heutige Lage bleibt es bei meiner Einschätzung: Der Dollar dürfte im Jahresverlauf enttäuschen, die Börsen stehen vor einer Korrektur, die Zinsen werden deutlich schwanken und Gold wird perspektivisch zulegen. Doch das ist Spekulation. Das disziplinierte Portfolio bleibt Strategie.

→ WirtschaftsWoche.de: „Die besten Wetten gegen den Markt“, 19. Januar 2017

1 Antwort
  1. Ewald Kroiss, LL.M. says:

    Zu Punkt 7. waere zu bemerken, dass Optionsstrategien durchaus renditesteigernd wirken koennen. Nach einer Korrektur kaeme natuerlich auch der Kauf von Kaufoptionen und der Verkauf von Verkaufsoptionen in Betracht.
    Bei Hoechststaenden waere der Verkauf von Kaufoptionen nicht zu verachten, kombiniert mit einem Kauf von Verkaufsoptionen.
    mfg
    EK

    Antworten

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