Zur Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen in Europa

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Beginnen wir mit einem Zitat aus dem letzten Bericht des IWF: „(…) high debt levels, long-term demographic challenges, and elevated fiscal risks place a premium on sound public financial management. In particular, policies should be anchored within a credible medium-term framework that ensures debt sustainability, manages risks adequately, and encourages countries to build buffers during upturns.“ bto: Das klingt doch sehr vernünftig und wir meinten, gerade die deutsche Bundesregierung wäre hier vorbildlich (“schwarze Null”). Weit gefehlt.

Die Stiftung Markwirtschaft hat mal nachgerechnet. Demnach gehört Italien zu den solidesten Staaten. Weit vor Deutschland. Und das scheint wirklich zu stimmen. Schauen wir uns die Highlights der Studie an:

  • „(…) das größte Risiko für die öffentlichen Finanzen in Europa liegt nicht in den heute schon sichtbaren explizit verbrieften Staatsschulden, sondern wird demografiebedingt erst in den nächsten Jahrzehnten sichtbar zutage treten. Eine alternde europäische Bevölkerung wird steigende öffentliche Belastungen im Gesundheits-, Pflege- und Rentenbereich verursachen.“ bto: soweit, so bekannt und gerne verdrängt.
  • Die in vielen EU-Ländern üppigen Zukunftsversprechen der Sozialversicherung werden – wird die derzeitige Politik dauerhaft fortgeführt – zu hohen künftigen Haushaltsdefiziten führen, da die Staatseinnahmen nicht mit den Ausgaben Schritt halten werden. Die Leistungszusagen von heute sind also nichts anderes als Schulden von morgen.“bto: wobei wir in Japan sehen können, dass dies kein Problem sein muss.
  • Die (…) Nachhaltigkeitslücke – als Summe aus expliziten und impliziten Schulden – berücksichtigt nicht nur vergangene Defizite, sondern macht auch den Einfluss der künftigen Bevölkerungsalterung auf die öffentlichen Haushalte in den jeweiligen Ländern sichtbar. Formal ist die Nachhaltigkeitslücke t im Jahr gegeben durch:

NHL = b + Σ(1+gt,s)s-tpd , tts=t+11+r s

wobei bt die bereits bestehende oder explizite Staatsschuld als Anteil des BIP im Jahr t, pds das Primärdefizit als Anteil des BIP im Jahr s, gt,s die durchschnittliche Wachstumsrate des realen BIP im Zeitraum zwischen den Jahren t und s sowie r den realen Zinssatz bezeichnet. Gemäß der Gleichung setzt sich die Nachhaltigkeitslücke aus der bereits heute sichtbaren oder expliziten Staatsschuld bt und der heute noch unsichtbaren oder impliziten Staatsschuld Σ(1+gt,s)s-tpd s=t+1 1+r s zusammen. Im Unterschied zur expliziten Staatsschuld, welche das Ausmaß vergangener Haushaltsdefizite widerspiegelt, ist die implizite Staatsschuld im Wesentlichen durch die Summe aller künftigen (Primär-) Defizite bestimmt.“bto: Soweit ist das keine überaus komplizierte Rechnung.

  • Zum Jahresende 2015 lag die Staatsverschuldung in den Mitgliedsländern der Europäischen Union durchschnittlich bei 87 Prozent des BIP:“

 

 Quelle: Stiftung Marktwirtschaft

  • „Verglichen mit der fiskalischen Ausgangslage hängt die weitaus größere Herausforderung für die öffentlichen Haushalte der EU-Mitgliedstaaten mit der demografischen Alterung der Bevölkerung zusammen. 2060 wird die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen über 65 Jahren beinahe identisch für Frauen und Männer um voraussichtlich 4,6 bzw. 4,8 Jahre höher liegen als im Jahr 2013. Der Altenquotient, der beschreibt wie viele Personen über 65 Jahren auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 einer Bevölkerung kommen, wird kontinuierlich ansteigen.“bto: was ja prinzipiell eine erfreuliche Entwicklung ist.
  • Die Folgen spiegeln sich v.a. in den rasant anwachsenden öffentlichen Ausgaben für Renten, Gesundheit und Pflege EU-weit ist damit zu rechnen, dass ihr Anteil am BIP um drei Prozentpunkte auf 23 Prozent ansteigen wird.“bto: Jeder vierte Euro dient dann sozialen Zwecken. Das schlägt sich natürlich in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit nieder.
  • Deutschland hat sich gegenüber dem Ranking 2015 leicht verschlechtert und fällt auf den neunten Platz zurück. Die Nachhaltigkeitslücke des größten EU-Mitgliedslands erhöht sich um 12 Prozentpunkte auf 161 Prozent des BIP. (…) Bulgarien, Polen und Schweden verdanken ihre verhältnismäßig gute Platzierung einer geringen expliziten Verschuldung. Italien, Ungarn und Portugal hingegen profitieren von geringen zukünftigen Verpflichtungen.“ bto: Hier zeigt sich wirklich solide Politik! Allerdings erklären die sich daraus ergebenden sozialen Konsequenzen auch den Zustrom für alternative Parteien.
  • Italien ist neben Kroatien das einzige Land, das über ein implizites Vermögen verfügt.“ bto: Das muss man sich mal vor Augen führen!
  • Am Ende des Rankings finden sich auch 2016 Irland und Luxemburg. Sie sind fiskalischen Lasten konfrontiert, die in etwa das Achtfache des BIP betragen. Eine Nachhaltigkeitslücke in ähnlicher Größenordnung erreicht außer ihnen mit 765 Prozent des BIP nur Spanien.“bto: weshalb es natürlich Blödsinn ist, von der gelungenen Sanierung Spaniens zu sprechen.
  • Die größten Fortschritte beim Schuldenabbau verzeichnen Irland und Dänemark. Diese Verbesserung ist allerdings in beiden Ländern hauptsächlich auf technische Faktoren und nicht auf konsequente Konsolidierung zurückzuführen. In Irland wurden 2015 auch ausländische Unternehmen, die ihren Firmensitz steuerbedingt nach Irland verlegten, statistisch in der inländischen Wirtschaftsleistung erfasst, sodass sich das BIP um über ein Viertel erhöhte.“bto: Das dürfte sich auch in den anderen offiziellen Schuldenzahlen so auswirken. Alles Show!

  Quelle: Stiftung Marktwirtschaft

  • Wollte man das 60-Prozent-Ziel für die Schulden erreichen, müsste man Sparanstrengungen umsetzen, die völlig unrealistisch sind. Die Studie dazu: „Im EU-Durchschnitt wäre entweder eine Ausgabenverringerung oder eine Einnahmenerhöhung von 4,3 Prozentpunkten des BIP notwendig. In absoluten Zahlen entspricht dies gemessen an der 14,7 Billionen Euro zählenden europäischen Wirtschaftsleistung einer jährlichen Einsparungssumme von ca. 630 Mrd. Euro.“bto: Wer hält das für möglich? Ich sicherlich nicht.
  • Deutschland müsste – trotz bereits bestehendem Haushaltsüberschuss – seine jährlichen Staatsausgaben um 1,1 Prozentpunkte des BIP verringern.“bto: undenkbar. Man hat doch die Lücke erst durch die jüngsten „Rentenreformen“ vergrößert.

 

 Quelle: Stiftung Marktwirtschaft

Fazit der Studie: „Das Beispiel der Rentenreformen in Italien und Portugal zeigt, dass Strukturreformen und Konsolidierungsmaßnahmen die Situation verändern können. Mutige Reformen senken die impliziten Schulden und entlasten somit langfristig die öffentlichen Haushalte. (…) Es muss darauf gedrängt werden, die Reformen konsequent umzusetzen und nicht in ihrer Wirkung zu verwässern. Eine Rücknahme von Konsolidierungsanstrengungen und -reformen hätte einen deutlichen Anstieg der impliziten Schulden zur Folge und würde der nächsten Generation eine noch größere Baustelle hinterlassen, als sie ohnehin vorfinden wird.“bto: Und dennoch wird es passieren.

Interessanterweise bleibt eine Frage offen: Sind Staatschulden wirklich so schlecht? Dazu verweise ich auf diesen Beitrag:

 → Staatsschulden – wirklich so schlecht?

Und hier die Studie:

 → Argument_137_EU28-Nachhaltigkeitsranking_2017_03

56 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    Der zyklopische Blick auf einen Sektor führt in die Irre. Insbesondere dann, wenn er von Raffelhüschen (seit 2006 im Aufsichtsrat von ERGO, die ja für ihre speziellen Budapester VerTRIEBsstrukturen bekannt sind.) und der Stiftung Marktwirtschaft in Szene gesetzt wird (mehr dazu bei Lobbypedia).

    In einem Punkt hat Raffelhüschen allerdings absolut recht: Die Absenkung des Rentenalters war ein riesengroßer Fehler. Damit wurde der einzige positive Aspekt der schröderschen Rentenreform wieder zunichte gemacht.

    Zum Thema „Sind Staatschulden wirklich so schlecht?“ wiederhole ich meine Linkempfehlung vom Wochenende; jetzt aber nicht mit dem Schwerpunkt Inflation, sondern mit dem abschließenden Blick aufs große Ganze: http://realecon.org/lecture-29-postwar-accumulation-forces-leading-to-the-current-crisis/ (MUST SEE!). Shaikhs 1000-seitiges Opus Magnum, auf das sich die Vorlesungsreihe bezieht, ist eine echte schumpetersche Konkurrenz für Mankiw, Varian & Co. Seine Ausführungen zum Thema Austerität sind ebenfalls sehr aufschlussreich. Ob er mit seiner Einschätzung zu Schäuble richtig liegt, da bin ich mir aber nicht so sicher; falls ja, umso schlimmer.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
      • Michael Stöcker says:

        „Shaikh ist durch und durch ein Marxist, kein Schumpeterist.“

        Ich gehe mal davon aus, dass Sie Das Kapital sowie Capitalism komplett gelesen haben und insofern Ihre Einschätzung auch sachlich begründen können.

        Und wenn es Übereinstimmungen zwischen Shaikh und Marx gibt, zählt dann die Logik des Arguments oder ist die Klassifizierung als „Marxist“ bereits hinreichend, sich nicht weiter mit den Argumenten von Shaikh auseinander zu setzen? Sogar der Chef der BoE beruft sich auf Marx: https://zinsfehler.com/2016/12/09/marx-reloaded/

        LG Michael Stöcker

      • Kurt Wollmer says:

        @Michael Stöcker

        Er benutzt klar marxistisches Jargon („Profitrate“ usw.) und setzt den Gegensatz von Kapital und Arbeit als zentraler Gegensatz, was falsch ist. Der zentrale Gegensatz ist zwischen Schuldner und Gläubiger. Womit nicht behauptet wird, dass Marx alles falsch hatte. Er gehört immerhin zur Minderheit jener Ökonomen, die kapiert haben, dass etwas faul ist am System.

      • Michael Stöcker says:

        @ Kurt Wollmer

        „Er benutzt klar marxistisches Jargon („Profitrate“ usw.) und setzt den Gegensatz von Kapital und Arbeit als zentraler Gegensatz, was falsch ist.“

        Dann wäre nach Ihrer Klassifizierung auch Hans-Werner Sinn „durch und durch ein Marxist“: http://www.deutschlandfunk.de/re-das-kapital-7-9-was-uns-marx-heute-noch-zu-sagen-hat.1184.de.html?dram:article_id=381513.

        Es gibt meines Erachtens zwei zentrale Gegensätze, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Shaikh führt sie zusammen. Es ist der Lohn UND der Zinssatz, der an der Profitrate/Rendite nagt. Vollbeschäftigung senkt die Rendite zu Gunsten der Arbeitnehmer, niedrige Zinsen erhöhen die Rendite zu Lasten der Banken/Gläubiger/Finanzsektor. Es geht also um die simultane Betrachtung von Arbeit und Kapital (reale Arbeitskraft und reales Sachkapital/Sachvermögen) sowie von Gläubigern und Schuldnern. Die Neoklassik ignoriert stoisch die Bedeutung des Finanzsektors, während PCM den postkeynesianischen monetären Restriktionen der endogenen Geldschöpfung erliegt. Man darf es natürlich mit der exogenen Geldschöpfung via Zentralbank nicht übertreiben. Die BoE ist der Beweis, dass so etwas auch tatsächlich funktioniert. Das Pfund wurde zwar durch den Dollar als bedeutendste Leitwährung abgelöst; es ist aber auch nach über 300 Jahren immer noch quicklebendig.

        LG Michael Stöcker

      • Kurt Wollmer says:

        Sinn bezieht nicht wirklich Stellung zu Marx‘ Krisentheorie und auf keinen Fall sieht er einen Gegensatz zwischen „Arbeiterklasse“ und „Kapitalisten“, so wie das Marx und Shaikh tun.

        „Vollbeschäftigung senkt die Rendite zu Gunsten der Arbeitnehmer“

        Natürlich sind die Löhne höher bei knappem Angebot, aber es gibt keine existenzielle Not für die Unternehmer, da der Arbeiter immer noch profitabel sind, auch bei Vollbeschäftigung. Vergessen Sie nicht die ständige Steigerung der Produktivität!

        „während PCM den postkeynesianischen monetären Restriktionen der endogenen Geldschöpfung erliegt“

        Nein, er weiss sehr wohl, dass es zwei Arten von Geld gibt, Marktgeld (Kredit) und Staatsgeld („gesetzliches Zahlungsmittel“). Er erwähnt in seinen Werken G. Knapps „Staatstheorie des Geldes“ und stimmt ihm zu. Aber im Gegensatz zu den MMT-Fritzen und auch zu Ihnen, hat er eine wesentlich realistischere Sichtweise der realen Möglichkeiten, weil er sich bewusst ist, dass die Blase auf gewissen Regeln fusst, deren Missachtung gerade weg ins Verderben führt.

        „Die BoE ist der Beweis, dass so etwas auch tatsächlich funktioniert.“

        Nur weil die BoE sich bis zum heutigen Tag an besagte Regeln gehalten hat und eben NICHT die Rezepte der MMTler und anderer Träumer gefolgt ist.

    • Philip Kohlbacher says:

      Ich habe mir Shaiks lecture zu modern money gestern beim Autofahren angehört, verzeihen Sie mir bitte, dass ich seine Aussagen nicht angemessen würdigen kann (Schwerhörigkeit :)). Ich werde sicherlich noch in sein Buch gucken.

      Grundsätzlich sehe ich wenig bis keinen Einspruch Shaiks zu MMT. Er stimmt den Anhängern der MMT nicht bzgl. der historischen Ursprünge des Geldes zu, sagt aber gleichzeitig, dass dies nicht wirklich wichtig sei, um die Beschreibung des heutigen Geldsystems zu bewerten. Sehe ich auch so…

      Der Beschreibung heutiger moderner Geldsysteme, wie sie Randall Wray, Stephanie Kelton usw. vornehmen, stimmt Shaikh grundsätzlich zu.
      Er stimmt zu, dass Staaten zwar nominal unbegrenzt zahlungsfähig sind…..gleichzeitig aber nicht die realwirtschaftlichen Faktoren beliebig beeinflussen können.
      Kein Anhänger der Modern Money Theory würde Shaikh da widersprechen!

      Die öffentliche Debatte aber, wie auch der heutige Beitrag von Herrn Stelter, handelt immer nur davon, wie dies und jenes „bezahlt“ werden soll.
      Der Staat kann nominal jede Rente, jeden Pensionsanspruch und ähnliches zahlen! Das ist kein Problem.

      Er kann nur nicht beliebig bestimmen, welchem Realeinkommen diese Rente/Pension entspricht.

      Antworten
      • Michael Stöcker says:

        Ich denke, Sie haben beim Thema MMT die wichtigsten Unterschiede sauber beschrieben. Geld ist in seiner heutigen Konstruktion sowohl staatlicher als auch privater Natur. In diesem Punkt stimme ich mit Perry Mehrling überein:

        „The second barrier is “essential hybridity”. Money is part private (bank deposits) and part public (central bank currency), though in normal times we hardly notice because the two kinds of money trade at par. Similarly, central banks are part private bankers’ bank and part public government bank, with the proportions shifting over time with financial development and with the exigencies of the state (such as war). This fact of hybridity is however apparently hard to accept, mainly because it offends political sense. Idealizations of pure public money attract the left (quoting Knapp), and idealizations of pure private money attract the right (quoting Menger), so that the actual system seems to everyone to be somehow polluted by illegitimate extension.”

        „Er kann nur nicht beliebig bestimmen, welchem Realeinkommen diese Rente/Pension entspricht.“

        So ist es. Letztlich wird die monetäre Expansion durch die gewünschte Inflationsrate limitiert. Und die liegt nun einmal bei 2 %. Insofern kann/sollte der Staat nicht jeder Finanzierungsillusion nachgeben und hat somit doch eine Finanzierungsgrenze. Es gilt immer noch das altbekannte Diktum von Friedman: https://www.youtube.com/watch?v=THAaIZmxfNA&t=155s (Minute 5). Und es gilt auch immer noch der alte Spruch von Lenin: „Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören, muss man ihr Geldwesen verwüsten.“ Hohe Inflationsraten zerstören das Geldwesen und sollten insofern tunlichst vermieden werden. Das 2 % Ziel ist als mittelfristiges Ziel richtig und wichtig. Es schafft Planungs- und Rechtssicherheit.

        Wenn Sie meinen Beitrag zum kollektiven Versagen gelesen haben sollten (Link siehe weiter oben), dann werden Sie feststellen, dass ich sehr ähnlich wie Kelton argumentiere, die ich dort auch als Quelle verlinkt hatte.

        LG Michael Stöcker

      • Philip Kohlbacher says:

        Ich habe Ihren Beitrag zum kollektiven Versagen natürlich (schon vor längerer Zeit mal) gelesen.
        Ich zumindest sehe auch keinen Dissens zwischen unseren Positionen.

        Die 2% Inflationsziel mögen sicherlich die Möglichkeiten des Staates begrenzen, aber dies gilt insbesondere dann, wenn die Produktionskapazitäten voll ausgenutzt sind.
        Unsere Zukunft, ob wir die Renten zukünftig werden zahlen können usw, hängt letztlich immer davon ab, ob die erforderlichen REALEN Produktionskapazitäten bestehen.
        Alles andere ist nur Schall und Rauch, dominiert aber leider trotzdem die öffentliche Debatte. Zumindest habe ich noch nie die Sorge vernommen, dass wir vielleicht nicht mehr genug Güter zur Versorgung unserer Rentner herstellen könnten. Immer wird stattdessen die unsinnige Frage der Finanzierung aufgemacht.

      • Kurt Wollmer says:

        @ Philip Kohlbacher

        MMT beruht auf der falschen Annahme, dass der Staat sich beliebig verschulden kann, indem er Geld „druckt“. Würde er dies jedoch tun (und zwar richtig, nicht nur durch den Kauf von Finanzpapiere durch die Notenbank wie bisher), dann würden die Investoren ihre Geldwerte abstossen, weil das Vertrauen dann dahin wäre. Damit entstünde aber genau das, was verhindert werden soll: der grosse Crash und die deflationäre Depression.

      • Philip Kohlbacher says:

        @Kurt Wollmer: Diverse Staaten „drucken“ Geld, das ist gelebte Praxis.

        Wenn die USA Ausgaben tätigen, kreditiert die FED jede Zahlungsanweisung der Treasury! Die Treasury hat somit faktisch keine Budgetbeschränkung durch die FED!
        Die Emission von Staatsanleihen erfolgt davon völlig unabhängig, die USA könnten somit jederzeit auf die Emission dieser Anleihen verzichten. Insofern wird immer und ständig „Geld gedruckt“, nämlich bei jeder Zahlung durch die US-Treasury (so funktioniert das auch in Japan, Australien usw.).

      • Kurt Wollmer says:

        Was Sie schreiben ist schlicht falsch. Das Treasury bekommt kein Geld vom Fed ausser die Profite. Würde es auf die Emission von Staatsanleihen verzichten, so würde sofort Panik auf den Märkten ausbrechen. Wenn dem nich so wäre, so hätte es dies ja schon längst getan.

      • Philip Kohlbacher says:

        Wie kommen Sie darauf, dass man dies dann schon längst getan hätte? Die US-Bonds werden emittiert, um die „overnight-rate“ gewünscht zu beeinflussen, also Reserven aus dem Bankensystem zu ziehen. Außerdem wird über die Bonds ein Instrument zum Sparen angeboten.

        Warren Mosler sehr nüchtern zur Rolle der Steuern und Bonds im US-System:

        When the federal government spends the funds don’t ‘come from’ anywhere any more than the points ‘come from’ somewhere at the football stadium or the bowling alley.

        Nor does collecting taxes (or borrowing) somehow increase the government’s ‘hoard of funds’ available for spending.

        In fact, the people at the US Treasury who actually spend the money (by changing numbers on bank accounts up) don’t even have the phone numbers of the people at the IRS who collect taxes (they change the numbers on bank accounts down), or the other people at the US Treasury who do the ‘borrowing’ (issue the Treasury securities). If it mattered at all how much was taxed or borrowed to be able to spend, you’d think they’d at least know each other’s phone numbers! Clearly, it doesn’t matter for their purposes.
        […]
        And those worried about paying off the national debt can’t possibly understand how it all works at the operational, nuts and bolts, debits and credits level. Both ‘money’ and ‘Treasury debt (securities)’ are nothing more than accounts on the governments own books. When a Treasury bill, note, or bond is purchased by a bank, for example, the government makes two entries on its spreadsheet we call the ‘monetary system’.

        First, it debits (subtracts from) the buyer’s ‘checking account’ at the Fed, and then it increases (credits) the buyer’s securities account at the Fed. As before, the government simply changes numbers on its own spread sheet. That’s all. And when the bonds come due and need to be paid, government again does simply changes two numbers on their own spread sheet- they debit (subtract from) the bank’s securities account at the Fed and credit (add to) the bank’s ‘checking account’ at the Fed. That’s all- debt paid!

        http://moslereconomics.com/mandatory-readings/innocent-frauds/

      • Kurt Wollmer says:

        Ich kenne Mosler und er hat in vielem recht. Und auch dieses Zitat stimmt, aber Sie legen ihn falsch aus. Er sagt nicht, dass das Fed dem Treasury Geld überweist, das würde nämlich die von mir bereits hier erwähnten heiligen Regeln verletzen. Er sagt nur, dass die Geschäftsbanken ein GZ-Konto und ein T-bonds- / T-bills-Konto beim Fed haben, so wie alle Nichtbanken bei der Geschäftsbank solche Kontos haben. Die ZB ist die „Bank der Banken“. Der einzige Unterschied ist, dass es viele Geschäftsbanken gibt, jedoch nur eine ZB (innerhalb einer Währungszone). Weshalb sämtliche Transaktionen der Geschäftsbanken über Konten der ZB laufen. Es ist aber NICHT das Geld der ZB (Ausnahme: QE).

      • Kurt Wollmer says:

        „In fact, the people at the US Treasury who actually spend the money (by changing numbers on bank accounts up) don’t even have the phone numbers of the people at the IRS who collect taxes (they change the numbers on bank accounts down), or the other people at the US Treasury who do the ‘borrowing’ (issue the Treasury securities). If it mattered at all how much was taxed or borrowed to be able to spend, you’d think they’d at least know each other’s phone numbers! Clearly, it doesn’t matter for their purposes.“

        Die Beschreibung der Abläufe stimmt zwar, aber der letzte Satz ist irreführend. Denn das funktioniert nur solange als der Staat als solvent gilt, genau wie bei Privaten, die auch unbeschränkt Geld beim Bankomat abholen können, solange sie eine Debitkarte besitzen. Sobald jedoch auch nur der kleinste Zweifel diesbezüglich besteht, dann kann werden all diese Ämter durchaus miteinander telefonieren müssen.

      • Philip Kohlbacher says:

        Ihr Konzept der „Solvenz“ ist für einen Staat wie die USA in seiner Währung völlig untauglich!
        Die USA können jeden Betrag in Dollar ausgeben, auch wenn man diesen Fakt hinter technischen Feinheiten leicht übersieht.

        In Japan kauft die Zentralbank direkt Staatsanleihen, auch da ist die von Ihnen beschriebene Panik nicht zu sehen.

      • Kurt Wollmer says:

        „Die USA können jeden Betrag in Dollar ausgeben“

        Theoretisch schon, aber (und das wird von der MMT-Schule eben übersehen) nicht unter der für die Aufrechterhaltung des Vertrauens notwendige Einhaltung der von mir erwähnten eisernen Regeln. Ein Haircut auf den Anleihen (d.h. teilweiser Staatsbankrott) kann u.U. die weniger schmerzhafte Lösung sein. Wobei: Auch nach einer Hyperinflation bin ich mir nicht sicher, ob dass immer noch stimmt. Die Beispiele Weimar und Zimbabwe zeigen sehr gut, dass jede Hyperinflation einmal ein Ende hat und am Ende immer eine Währungsreform ansteht. Natürlich kann man dann die neue Währung wiederum „Dollar“ nennen, es ist aber nicht mehr der gleiche Dollar wie zuvor.

        „In Japan kauft die Zentralbank direkt Staatsanleihen, auch da ist die von Ihnen beschriebene Panik nicht zu sehen.“

        Sie kauft sie auf dem Sekundärmarkt, genauso wie alle andere. Die Regeln werden eingehalten und das aus sehr guten Gründen.

  2. Dietmar Tischer says:

    Staatsschulden sind nicht per se schlecht.

    Was dieser interessante Beitrag zeigt ist Folgendes:

    Die Staatsschulden sollten in einem nachhaltig tragbaren VERHÄLTNIS zu den expliziten und insbesondere impliziten, d. h. zukünftigen Zahlungen stehen.

    Ist dies nicht der Fall, wird es enorme Verteilungskonflikte geben, die zu Destabilisierung der Gesellschaft führen werden.

    In vielen Staaten ist die Verschuldung schon sehr hoch und mit Blick auf die anstehenden Restrukturierungskosten im Rahmen von Digitalisierung/Automatisierung etc. schon zu hoch.

    Man MÜSSTE daher vor allem den ANSPRUCH auf zukünftigen Zahlungen verringern.

    Dies ist durch Senkung der Rentenleistungen bzw. den steuerfinanzierten Zuschüssen und natürlich auch der Pensionszusagen möglich.

    Dafür müsste aber die Lebensarbeitszeit steigen.

    Das ist bei längerer Lebenserwartung mit flankierenden Maßnahmen durchaus möglich.

    Wenn man das nicht will, wird eben eine UNBEZAHLBARE Rechnung präsentiert.

    Schön für uns Heutige, wenn sie erst später kommt.

    Aber sie wird kommen.

    Antworten
      • Kurt Wollmer says:

        Die Geldmenge schrumpft nicht, sie lässt sich vom Geldvermögen nicht unterscheiden (oder dann nur über willkürliche, von Ihnen oder jemandem selbst erfundene Definitionen) und ist ohnehin vollkommen irrelevant. Relevant ist die Summe sämtlicher Schulden / Guthaben – egal in welcher Form (Cash, Sichtguthaben, Anleihen usw.). Auch die aufgeblasene Aktien- und Immobilienwerte sind z.T. reine Geldwerte. Entscheidend für die Nachfrage ist die Konsumneigung und diese hängt davon ab, wie reich sich die Konsumenten fühlen. Stichwort wealth effect. Die Politik der Zentralbanken zielt darauf ab, die Kurse der Wertpapiere künstlich zu erhöhen, damit mehr konsumiert wird, das hatte Ben Bernanke öffentlich zugegeben.

        „Definitionsgemäß entschuldet die Staatsschuld den privaten Sektor“

        In Krisenzeiten, am Ende des Zyklus, wenn die Staatsverschuldung dazu dient, Unternehmen zu retten. Aber nicht zu Beginn des Zyklus, dann erzeugt sie Inflation und diese wiederum verleitet die privaten Unternehmen zu mehr Verschuldung. Für das korrekte Verständnis der Kausalitäten ist ein Verständnis des debitistischen Zyklus unabdingbar. Dieser ist empirisch beobachtbar. Jede Theorie, die nicht diesen Zyklus als Anfangspunkt nimmt, geht an der Realität vorbei.

    • Michael Stöcker says:

      „Staatsschulden sind das Hauptproblem, wie Paul C. Martin sehr gut dargelegt hat:“

      Ein Blick auf die Stocks ist weitgehend irrelevant, sofern sie sich in den Händen der inländischen ZB befinden und/oder die Sparneigung der Bevölkerung besonders hoch ist und/oder der Staat in seiner eigenen Währung verschuldet ist.

      Ich schätze viele Analysen von Martin, folge ihm in diesem Punkt aber nicht: https://zinsfehler.com/2016/11/27/debitismus-ad-infinitum/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
      • Kurt Wollmer says:

        Zu Ihrem Artikel:

        „Dabei ist zu beachten, dass im Falle der Staatsverschuldung erst einmal kein neues Giralgeld geschöpft wird, sondern aus Anlegersicht eine Sichtforderung gegen die Bank (also mein Giroguthaben) in eine Forderung gegenüber dem Staat umgewandelt wird.“

        Falsch, nicht „ich“ leihe dem Staat Geld, sondern die Bank, die es „aus dem Nichts“ schöpft. „Ich“ kaufe dann womöglich der Bank die Staatsanleihe später ab und dann erst passiert jene Umwandlung, die Sie beschreiben.

        „Es findet also keine zusätzliche expansive Nachfrage statt, sondern fehlende private Nachfrage wird durch staatliche Nachfrage substituiert.“

        Damit ist auch das falsch. Staatsschulden induzieren zusätzliche Nachfrage und erzeugen mittelfristig Inflation, weil der Staat – anders als Private – seine Schulden nicht tilgt, sondern auftürmt. Und so entsteht der langfristige Konjunkturzyklus, der schlussendlich zur deflationären Depression und zum Staatsbankrott führt.

        „Letztlich behindert also das private Geldsparen die Wirtschaft und muss durch staatliche Ersatznachfrage im Gleichgewicht gehalten werden“

        Wieso behindert das private Geldsparen die Wirtschaft? Solange das Geld produktiv (d.h.: in den Privatsektor) angelegt wird, behindert es gar nichts, ganz im Gegenteil. Erst wenn es in sterile Staatsschulden angelegt wird, entstehen Probleme wie Inflation und Arbeitslosigkeit (oder in Edelmetalle, was jedoch nur in Krisenzeiten getan wird).

        Sie haben den Debitismus ganz offensichtlich nicht richtig verstanden und können ihn somit auch nicht widerlegen.

      • Philip Kohlbacher says:

        Zitat: „Falsch, nicht „ich“ leihe dem Staat Geld, sondern die Bank, die es „aus dem Nichts“ schöpft. „Ich“ kaufe dann womöglich der Bank die Staatsanleihe später ab und dann erst passiert jene Umwandlung, die Sie beschreiben.“

        Ihre Beschreibung ist korrekt, ein Staatsdefizit wirkt zunächst expansiv auf die Geldmenge und kann allenfalls durch den Kauf von Staatsanleihen durch Private wieder neutralisiert werden.

        Aber wo soll hierbei das Problem sein? Die Expansion der Geldmenge erhöht die aggregierte Nachfrage. Wenn die benötigten Produktionskapazitäten bestehen, wird dieser Erhöhung der Nachfrage eine Erhöhung der Produktion folgen!
        Oder glauben Sie, Produzenten würden bei anziehender Nachfrage immer vor allem die Preise erhöhen, statt ihre Produktion auszuweiten?

        Der zweite Punkt ist, dass es sehr fragwürdig ist, wann Inflation überhaupt zum Problem wird.
        Michael Bruno z.B. sieht Inflation erst ab 20-40% als wachstumsschädigend an:
        http://search.proquest.com/openview/b93fc51965e58747dc1f27e27ca02990/1?pq-origsite=gscholar&cbl=1819673

        Korea und Brasilien hatten in den 1960er und 70er Jahren Inflationsraten von 20-40% und dabei dennoch mit das höchste Realwachstum weltweit.

      • Michael Stöcker says:

        @ Kurt Wollmer

        „Falsch, nicht „ich“ leihe dem Staat Geld, sondern die Bank, die es „aus dem Nichts“ schöpft.“

        Das gilt in dieser Restriktion aber erst seit 2013: https://www.test.de/Bundeswertpapiere-Aus-fuer-Bundesschatzbriefe-4416014-0/. Da haben die Banken und Versicherungen gute Lobbyarbeit geleistet. Jetzt ist also immer eine Bank dazwischen geschaltet, die einen Teil der Rendite abschöpft. Aber auch im jetzigen System gibt es den Krug der Witwe nicht.

        „Damit ist auch das falsch. Staatsschulden induzieren zusätzliche Nachfrage und erzeugen mittelfristig Inflation, weil der Staat – anders als Private – seine Schulden nicht tilgt, sondern auftürmt.“

        Jein. Es geht um die tatsächliche nachfragewirksame Geldmenge. Das zentrale Dilemma, aus dem es kein Entrinnen gibt, ist die Fristentransformation. In Japan warten wir nun schon seit 20 Jahren auf die mittelfristige Inflation. Der isolierte Blick auf die Staatsschulden reicht eben nicht aus. Wir müssen das gesamte Aggregat betrachten, also auch die Unternehmen, die privaten Haushalte und das Ausland. Inflation ist allerdings das Ziel, damit Geld seine Funktion als Schuldentilgungsmittel behält und nicht zum Fetisch mutiert (unmarxistisch/aristotelisch zum Zweck an sich); und ja, ohne Staatsschulden kann man dieses Ziel langfristig nicht erreichen. Insofern: It’s not a bug, it’s a feature.

        LG Michael Stöcker

      • Kurt Wollmer says:

        @ Philip Kohlbacher

        „und kann allenfalls durch den Kauf von Staatsanleihen durch Private wieder neutralisiert werden.“

        Durch den Kauf von Staatsanleihen durch Private entsteht keinerlei „Neutralisierung“, es findet lediglich ein Eigentümerwechsel der Anleihen statt. Ob der Eigentümer eine (Geschäfts-)Bank ist oder ein andere privater Akteur spielt volkswirtschaftlich keine Rolle.

        „wo soll hierbei das Problem sein?“

        Lesen Sie nochmals den Artikel von PCM, den ich verlinkt haben (in seinen Bücher wird es natürlich viel detaillierter erklärt). Inflation schafft einen Anreiz für die Unternehmen, sich vermehrt zu verschulden, weil der Wert der Schulden mit der Zeit sinkt, während die mittels Verschuldung / Investition erzielte Profite steigen. Irgendwann wird die Schuldenlast jedoch grösser als der Profit und dann fängt die Inflationsrate an zu sinken („Kippe“). Damit steigt die Schuldenlast aber nur noch mehr viele Unternehmen gehen pleite („KMU-Sterben“). Das ganz wird beschleunigt durch die steigenden Zinsen. Das Sinken der Zinsen während der Desinflation provoziert dann eine Vermögensblase und deren Platzen dann die deflationäre Deflation. Staat und ZBs können diese 1-2 mal aufschieben, verschlimmern das Problem jedoch nur, weil die Abhängigkeit der Wirtschaft ggü. dem Staat nur noch grösser wird und dessen (unvermeidbarer) Bankrott dann umso schlimmere Konsequenzen hat. PCM ist leider der einzige (zumindest mir bekannte) Ökonom, der die ganze dramatische Tragweite der Folgen von lang anhaltender Inflation verstanden hat.

        „Korea und Brasilien hatten in den 1960er und 70er Jahren Inflationsraten von 20-40% und dabei dennoch mit das höchste Realwachstum weltweit.“

        Ja, die Inflation hat zuerst eine positive Wirkung auf die Volkswirtschaft, steht so im verlinkten Artikel.

        @ Michael Stöcker

        Auch zuvor machten die Schatzbriefe nur einen kleinen Anteil der Gesamtschulden aus (s. Tabelle 5):

        http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Abt_2/Kreditaufnahmebericht_2012.pdf?__blob=publicationFile&v=3

        „In Japan warten wir nun schon seit 20 Jahren auf die mittelfristige Inflation.“

        Wir sind doch schon längst in der Desinflation und J wäre ohne massive Staatsverschuldung schon längst in der Deflation. Die Inflationsphase fand während der Nachkriegszeit statt. 1980 kippte die Inflation dann in Desinflation und ohne massive Staats- bzw. ZB-Intervention wäre die Weltwirtschaft bereits 1987 in die Deflation gefallen. Was wir seither haben ist Reflation, gefolgt von neuer Blase, Platzen mit kurzer Deflation und dann wieder Reflation. Nun ist die Blase derart gigantisch, die Staaten derart verschuldet und die ZBs derart aufgebläht und bereits mit Null- bzw. Negativzinsen, dass es beim nächsten Platzen endgültig aus ist, game over.

        „Wir müssen das gesamte Aggregat betrachten, also auch die Unternehmen, die privaten Haushalte und das Ausland.“

        Selbstverständlich, das tut der Debitismus ja auch. Verheerend ist die Wirkung der Staatsverschuldung auf die Privatverschuldung (s.o.).

      • Philip Kohlbacher says:

        Zitat: „Durch den Kauf von Staatsanleihen durch Private entsteht keinerlei „Neutralisierung“, es findet lediglich ein Eigentümerwechsel der Anleihen statt. Ob der Eigentümer eine (Geschäfts-)Bank ist oder ein andere privater Akteur spielt volkswirtschaftlich keine Rolle.“

        Das ist ein Unterschied, selbstverständlich (ich hatte Sie auch so verstanden, dass Ihnen dieser bewusst sei).

        Wenn Deutschland Bonds emittiert, können diese am Primärmarkt nur von Banken gekauft werden. Die Banken überweisen dem Staat Zentralbankgeld („Reserven“) gegen die Bonds.
        Nun bezahlt der Staat ein Bauunternehmen. Der Bank des Unternehmens fließen die Reserven zu, der Kontostand des Unternehmens erhöht sich. Dieses Geld auf dem Konto entspricht einer Erhöhung der Geldmenge. Nun kauft das Bauunternehmen die Staatsanleihen von einer Bank, der Kontostand verringert sich, die Geldmenge schrumpft entsprechend.
        Sie halten anscheinend eine Unterscheidung zwischen Reserven und umlaufender Geldmenge für unwichtig.

        Zitat „Inflation schafft einen Anreiz für die Unternehmen, sich vermehrt zu verschulden, weil der Wert der Schulden mit der Zeit sinkt, während die mittels Verschuldung / Investition erzielte Profite steigen.“

        Das ist kein Bug, sondern ein Feature. So soll das System sein! Die Unternehmen sollen Realinvestitionen vornehmen (und die sind orgininär nur kreditfinanziert möglich).

        Zitat: „Irgendwann wird die Schuldenlast jedoch grösser als der Profit und dann fängt die Inflationsrate an zu sinken („Kippe“). Damit steigt die Schuldenlast aber nur noch mehr viele Unternehmen gehen pleite („KMU-Sterben“). Das ganz wird beschleunigt durch die steigenden Zinsen. Das Sinken der Zinsen während der Desinflation provoziert dann eine Vermögensblase und deren Platzen dann die deflationäre Deflation. Staat und ZBs können diese 1-2 mal aufschieben, verschlimmern das Problem jedoch nur, weil die Abhängigkeit der Wirtschaft ggü. dem Staat nur noch grösser wird und dessen (unvermeidbarer) Bankrott dann umso schlimmere Konsequenzen hat. PCM ist leider der einzige (zumindest mir bekannte) Ökonom, der die ganze dramatische Tragweite der Folgen von lang anhaltender Inflation verstanden hat.“

        Zur Nachhaltigkeit privater Verschuldung empfehle ich Steve Keen.

      • Kurt Wollmer says:

        „Nun kauft das Bauunternehmen die Staatsanleihen von einer Bank, der Kontostand verringert sich, die Geldmenge schrumpft entsprechend.“

        Hier übernehmen Sie den falschen Konzept der „Geldmenge“ der Monetaristen. Relevant ist jedoch nicht diese „Geldmenge“ (welche die Monetaristen selbst nie genau definieren konnten), sondern die Summe sämtlicher Schulden / Guthaben. Ob ich nun €1’000 in Form von Bankguthaben, Cash oder Staatsanleihe habe, spielt keine Rolle, ich fühle mich genau gleich reich, der wealth effect ist null.

        „So soll das System sein!“

        Wäre es nachhaltig, dann könnte man ja damit leben. Ist es aber nicht, aus den genannten Gründen.

        „Zur Nachhaltigkeit privater Verschuldung empfehle ich Steve Keen.“

        Auch er hat nicht verstanden, dass das Problem von den Staatsschulden kommt, nicht von den privaten Schulden. Natürlich gibt es heute auch eine private Überschuldung, doch Ursache ist die Staatsverschuldung.

      • Kurt Wollmer says:

        Die Geldmenge schrumpft nicht, sie lässt sich vom Geldvermögen nicht unterscheiden (oder dann nur über willkürliche, von Ihnen oder jemandem selbst erfundene Definitionen) und ist ohnehin vollkommen irrelevant. Relevant ist die Summe sämtlicher Schulden / Guthaben – egal in welcher Form (Cash, Sichtguthaben, Anleihen usw.). Auch die aufgeblasene Aktien- und Immobilienwerte sind z.T. reine Geldwerte. Entscheidend für die Nachfrage ist die Konsumneigung und diese hängt davon ab, wie reich sich die Konsumenten fühlen. Stichwort wealth effect. Die Politik der Zentralbanken zielt darauf ab, die Kurse der Wertpapiere künstlich zu erhöhen, damit mehr konsumiert wird, das hatte Ben Bernanke öffentlich zugegeben.

        „Definitionsgemäß entschuldet die Staatsschuld den privaten Sektor“

        In Krisenzeiten, am Ende des Zyklus, wenn die Staatsverschuldung dazu dient, Unternehmen zu retten. Aber nicht zu Beginn des Zyklus, dann erzeugt sie Inflation und diese wiederum verleitet die privaten Unternehmen zu mehr Verschuldung. Für das korrekte Verständnis der Kausalitäten ist ein Verständnis des debitistischen Zyklus unabdingbar. Dieser ist empirisch beobachtbar. Jede Theorie, die nicht diesen Zyklus als Anfangspunkt nimmt, geht an der Realität vorbei.

      • Philip Kohlbacher says:

        Definitionen sind immer „erfunden“, Ihre auch.

        Staatsanleihen werden nicht in üblichen Geldmengenaggregaten erfasst, daher sagte ich, dass die Geldmenge schrumpft.

        Eine Forderung, die Sie gegen mich haben, wird ja auch nicht in der Geldmenge erfasst.

        Dass Staatsschulden den Privatsektor entschulden, ist ein streng logischer Zusammenhang, der zwangsläufig gilt.

  3. Dietmar Tischer says:

    @ M. Stöcker

    >„Er kann nur nicht beliebig bestimmen, welchem Realeinkommen diese Rente/Pension entspricht.“
    So ist es. Letztlich wird die monetäre Expansion durch die gewünschte Inflationsrate limitiert.>

    Das ist doch nicht der Punkt im Zusammenhang damit, dass der STAAT letztlich nicht bestimmen kann, welches Realeinkommen und Rente/Pension entspricht.

    Weil er es nicht bestimmen kann und auch nichts gegen die ERWARTUNGEN tun kann, die mit den nominalen Einzahlungen in die Renten- und Pensionskassen verbunden sind, verschuldet er sich.

    Beispielsweise Deutschland:

    Der Staat subventioniert allein die GRV mit jährlich mehr als EUR 80 Mrd. – und das schon JETZT, bevor die demografische Entwicklung voll zum Tragen kommt.

    Und was tut er, wenn durch die demografische Entwicklung die Ansprüche weiter steigen und die geringere Anzahl von Menschen, die arbeiten, nicht durch höhere Steuern belastet werden kann?

    Er verschuldet sich weiter.

    Für dieses Spiel gibt es einen Bremsfaktor.

    Er ist nicht die Inflationsrate, sondern die Zinsen, die der Markt vom Staat für die ausgegebenen Anleihen verlangt.

    Geht das Spiel weiter munter weiter, gibt es eine Staatsinsolvenz.

    Verlierer sind die Gläubiger, die dadurch lernen können, dass auch sie Risiken zu tragen haben und zwar vor allem dann, wenn die Zinseinnahmen nicht hoch genug sein können.

    Wie ist das Spiel mit MMT?

    Das Inflationsziel von 2% wird selbstverständlich auch nicht eingehalten, so wenig wie eine vernünftige Verschuldungsgrenze des Staates, wenn die Kaufkraft der Rentner und Pensionäre durch Geldzuflüsse erhöht werden muss.

    Es kommt zu wachsender Inflation, weil Ziele NICHT beachtet werden, wenn die große Mehrheit des Volkes etwas will, das nicht mit den Zielen vereinbar ist.

    Wer sind die Verlierer?

    Die sowieso schon Schlechtergestellten, die aufgrund ihrer begrenzten Sparmöglichkeiten in aller Regel Geldsparer sind und eben nicht Sachwertbesitzer.

    Keine der beiden Alternativen ist verlockend.

    Aber wenn ich an die Gewinner und Verlierer denke, dann bin ich bei der Staatsverschuldung und letztlich, wenn es denn so weit kommt, bei der Staatsinsolvenz.

    Antworten
    • Philip Kohlbacher says:

      Zitat: „Für dieses Spiel gibt es einen Bremsfaktor.
      Er ist nicht die Inflationsrate, sondern die Zinsen, die der Markt vom Staat für die ausgegebenen Anleihen verlangt.“

      Nein, in etlichen einigen Währungsräumen ist diese Aussage unzutreffend und im Euroraum zumindest fragwürdig.

      Bill Mitchell zu Japan: “ The Bank of Japan in now putting into operation the decision it took in September 2016 to buy unlimited amounts of Japanese government bonds at a fixed-yield. Which means? In short, it will control the yields across all bond maturities from 2-year out to 40-year and will set them at whatever level they choose. Oh, won’t the bond markets prevent that happening? How? For the bond markets it is a case of “like it or lump it”. Once again Japan demonstrates that mainstream macroeconomic theory is devoid of understanding.“ http://bilbo.economicoutlook.net/blog/?p=34830

      Auch im Euroraum kann die EZB beliebig Anleihen am Sekundärmarkt kaufen, die Banken werden mit dieser Garantie auch weiterhin am Primärmarkt Anleihen zeichnen.
      Und wie ich in der ersten Diskussion schon sagte, ließen sich die Regeln in Europa auch ändern.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Was soll diese Antwort?

        Wir WISSEN, dass die EZB die Zinsen für Staatsanleihen niedrig halten kann und ja, sie kann sie auch, theoretisch jedenfalls, auf NULL drücken.

        Das ist mit oder ohne die Regeländerung möglich solange es toleriert wird.

        Und wie lange – EWIG?

        Irgendwann gibt es Inflation, steigende Inflation und ich meine nicht nur Assetinflation.

        Sie können es drehen wie Sie wollen:

        Es ist dauerhaft unmöglich, einen stabilen Geldwert zu erhalten, wenn die Geldmenge, die einen Anspruch auf das BIP gelten macht und das BIP auseinanderlaufen.

        Es ist unmöglich, egal ob der Staat das Problem durch Verschuldung oder die Zentralbank es durch „Geld drucken“ zu lösen versucht.

        Das Problem selbst durch die Ansprüche der Menschen, bei den Renten und Pensionen sogar durch Rechtsansprüche vieler, irgendwann von Mehrheiten, denen die Institutionen nachgeben müssen, wenn das Land nicht in Aufruhr geraten soll.

      • Philip Kohlbacher says:

        Selbstverständlich müssen auf die Staatsanleihen niemals Zinsen gezahlt werden. Ewig. Wenn gewollt.

        Ihre Argumentation verstehe ich auch nicht. Die Verzinsung der Staatsanleihen stellt ein Einkommen für die Halter dieser Anleihen dar. Sie sagen nun, dass, wenn dieses (auch nachfragewirksame) Einkommen wegfällt, die Inflation durch die Decke geht? Wie kommen Sie dazu, es fällt doch gerade ein nachfragewirksames Einkommen weg!

        Was Sie im Endeffekt sagen, wenn Sie meinen ist das Folgende: Wir werden in Zukunft nicht genug Güter für die Rentner und Pensionäre produzieren können. Glauben Sie das wirklich? Dass es nicht ausreichend Produktionskapazitäten hierfür geben wird?

  4. Dietmar Tischer says:

    @ Kurt Wollmer

    >Autos sind per se schlecht, weil die Fahrer damit irgendwann gegen den Baum rasen können.

    Einspruch: Die allermeisten Autofahrer rasen nie gegen den Baum, alle Staaten überschulden sich jedoch irgendwann.>

    Ich verstehe schon, was Sie meinen.

    Es aber trotzdem falsch, Staatsschulden PER SE für schlecht zu halten, weil die Staaten immer mehr Schulden auftürmen und es irgendwann zu Überschuldung und Krise, letztlich dem Staatsbankrott kommt.

    Die Schulden verschulden sich nicht selbst, sondern der Staat ist es – Sie sagen es ja selbst.

    DAHINTER stehen die Ansprüche von Mehrheiten, die ohne zunehmende Staatsverschuldung nicht befriedigt werden können und mit ihr natürlich irgendwann auch nicht mehr.

    Wenn Sie nicht die genaue Ursache benennen, begehen Sie nicht nur wie hier einen Kategorienfehler. Sie kommen damit auch nicht zum dem Punkt, wo das Problem entsteht.

    >Wieso behindert das private Geldsparen die Wirtschaft? Solange das Geld produktiv (d.h.: in den Privatsektor) angelegt wird, behindert es gar nichts, ganz im Gegenteil. Erst wenn es in sterile Staatsschulden angelegt wird, entstehen Probleme wie Inflation und Arbeitslosigkeit (oder in Edelmetalle, was jedoch nur in Krisenzeiten getan wird).

    Natürlich ist es falsch, z. B. eine von den Wirtschaftssubjekten verursachte zu hohe Sparquote als BEHINDERUNG anzusehen. Wenn es deswegen zu Arbeitslosigkeit kommt, ist das sicher nicht gewünscht, aber NORMAL in dem Sinne, dass es eben die unvermeidliche Folge einer zu hohen Sparquote ist.

    Sie müssen aber schon sehen, dass das Geld nicht IMMER produktiv im Privatsektor angelegt wird und es dadurch mit Blick auf unser ANSPRÜCHE, z. B. auf Vollbeschäftigung, zu Unzufriedenheit und einem vermeintlichen oder tatsächlichen Handlungszwang des Staates kommt – eben zu Staatsverschuldung.

    Gemessen an unseren Ansprüchen entstehen PROBLEME bereits vor der Staatsverschuldung.

    Antworten
    • Kurt Wollmer says:

      „DAHINTER stehen die Ansprüche von Mehrheiten, die ohne zunehmende Staatsverschuldung nicht befriedigt werden können und mit ihr natürlich irgendwann auch nicht mehr.“

      Ja, das ursprüngliche Problem ist der Staat selbst (bzw. der Etatismus, jene Ideologie, die nach immer mehr Staat strebt), da sind wir uns einig.

      „Wenn es deswegen zu Arbeitslosigkeit kommt, ist das sicher nicht gewünscht, aber NORMAL in dem Sinne, dass es eben die unvermeidliche Folge einer zu hohen Sparquote ist.“

      Nein, solange alles in den Privatsektor angelegt wird ist keine Sparquote „zu hoch“. Relevant ist nicht die Höhe der Ersparnisse, sondern die Anlageklasse.

      „Sie müssen aber schon sehen, dass das Geld nicht IMMER produktiv im Privatsektor angelegt wird“

      Natürlich geschehen Fehler, manche Unternehmen machen Verluste oder gehen gar pleite (auch unter gesunden volkswirtschaftlichen Bedingungen). Aber die Verluste werden abgeschrieben und das Geld verpufft. Das Problem bei den Staatsschulden ist, dass es selbst bei immer wiederkehrenden (und gar steigenden!) Defiziten eben NICHT kurzfristig zum Staatsbankrott kommt, sondern erst nach Jahrzehnten (in manchen Fällen gar Jahrhunderten) des Auftürmen. So entstehen für die Gläubiger arbeitslose Einkommen, weil der Staat nicht Leute anstellen muss, um Gewinne zu erwirtschaften. Da er anfänglich und über sehr lange Zeit der mit Abstand sicherste Schuldner ist, reissen sich alle Gläubiger um seine Anleihen, weil sie risikolos sind. Was für die Gläubiger so fantastisch ist, ist für die Arbeitssuchenden jedoch eine Katastrophe.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Was den MECHANISMUS der Staatsverschuldung betrifft, sind wir uns weitgehend einig, denke ich.

        Auch damit, dass es – Staat, Unternehmen oder Privathaushalte – zu Pleiten kommt, habe ich kein Problem. Es sind notwendige Bereinigungsprozesse.

        Wo Sie falsch liegen:

        >„Sie müssen aber schon sehen, dass das Geld nicht IMMER produktiv im Privatsektor angelegt wird“
        Natürlich geschehen Fehler,…>

        Es geht hier nicht um FEHLER, sondern darum, dass auch bei rationalem Verhalten oder gerade durch rationales Verhalten zu viele Menschen derart viel sparen können, dass es im Aggregat zu nicht hinreichender Nachfrage kommt, um die bestehenden Kapazitäten auszulasten.

        Dies ist z. B. dann der Fall, wenn Menschen vermehrt fürs Alter sparen und daher weniger konsumieren.

        Das ist individuell völlig rational.

        Dass es im Aggregat kontraproduktiv wirkt mit Blick auf das, was wir als wünschenswert halten, ist wieder etwas anderes.

        Wenn man der Auffassung ist, dass keine Sparquote zu hoch ist – der man sein kann, wenn man ihre Effekte nicht an der Kapazitätsauslastung oder Beschäftigung misst –, dann sind derartige Effekte NORMAL.

        Die Dinge sind bei dieser Betrachtungsweise eben so, wie sie sind entsprechend dem Verhalten der Wirtschaftssubjekte.

        Ihr Fehler ist der Glaube, dass alles bestens oder zumindest akzeptabel wäre, wenn es keine Staatsverschuldung gäbe.

        So denken die Menschen nicht – Sie würden viele Sachverhalte in der Wirtschaft nicht für akzeptabel halten, auch wenn sie nicht durch Staatsverschuldung verursacht wären.

        Würden die Probleme, die durch Staatsverschuldung verursacht werden, eliminiert – eben dadurch dass es keine Staatsverschuldung mehr gibt – dann hätten wir sicher ein paar Probleme weniger, aber immer noch sehr viele andere.

        Und das nicht, wie gesagt nicht, weil Fehler gemacht werden.

      • Kurt Wollmer says:

        „sondern darum, dass auch bei rationalem Verhalten oder gerade durch rationales Verhalten zu viele Menschen derart viel sparen können, dass es im Aggregat zu nicht hinreichender Nachfrage kommt, um die bestehenden Kapazitäten auszulasten.“

        Nein, da bei gesunder Wirtschaftslage das Sparen immer ein produktives Anlegen ist. Gespart wird in solch einem gesunden Umfeld, in dem das Vertrauen intakt ist, nicht in Form von Banknoten oder Edelmetalle, sondern in Bankguthaben, Anleihen, Aktien, Immobilien, Rohstoffe usw. All diese Anlagen sind produktiv und schaffen Nachfrage.

        „Ihr Fehler ist der Glaube, dass alles bestens oder zumindest akzeptabel wäre, wenn es keine Staatsverschuldung gäbe.“

        Nein, solange es den Staat gibt kommt es zu Konflikte (ohne Staatsschulden noch viel schneller als mit). Und auch ohne Staat bedarf es eines breiten Konsenses über die Eigentumsrechte.

  5. Dietmar Tischer says:

    @ Philip Kohlbacher

    >Was Sie im Endeffekt sagen, wenn Sie meinen ist das Folgende: Wir werden in Zukunft nicht genug Güter für die Rentner und Pensionäre produzieren können. Glauben Sie das wirklich? Dass es nicht ausreichend Produktionskapazitäten hierfür geben wird?>

    Ich behaupte nicht, dass wir nicht genug Güter für die Rentner und Pensionäre produzieren können.

    Sondern ich behaupte im Endeffekt, dass die immer älter werdende Rentner und Pensionäre in wachsender Zahl aus ihren Rentenzahlungen einen ANSPRUCH auf das zu verteilende BIP geltend machen werden, der nicht mit dem zu vereinbaren ist, den die Produzenten des BIP (Beschäftigte) geltend machen werden.

    Kurzum, es geht um ein Verteilungsproblem, das nicht dadurch zu lösen ist, dass man die Beschäftigten höher besteuert, um den Rentnern über Transfers die Realisierung ihrer Ansprüche zu gewährleisten.

    Der Staat MUSS sich daher verschulden (nach heutigen Regeln) oder eben sich ohne Verschuldung von seiner Zentralbank finanzieren lassen, um über Transfers den Rentnern und Pensionären die Erfüllung ihres Anspruchs zu gewährleisten.

    Dieser Prozess verstetigt sich und führt zu Inflation.

    Basis dieses Problems:

    Zu geringes Wachstum, vor allem wegen demografischer Entwicklung und zu hohe Ansprüche auch wegen demografischer Entwicklung.

    Andere Entwicklungen Automatisierung und Digitalisierung sind mit Blick auf dieses Problem nicht genau einzuschätzen.

    >Ihre Argumentation verstehe ich auch nicht. Die Verzinsung der Staatsanleihen stellt ein Einkommen für die Halter dieser Anleihen dar. Sie sagen nun, dass, wenn dieses (auch nachfragewirksame) Einkommen wegfällt, die Inflation durch die Decke geht? Wie kommen Sie dazu, es fällt doch gerade ein nachfragewirksames Einkommen weg!>

    Stimmt, ich glaube, dass ein großer Teil des Zinseinkommens nicht nachfragewirksam wird.

    Dafür wird das Geld, das sich der Staat mit Verschuldung verschafft nachfragewirksam.

    Wo liegt also das Problem, wenn sich die Wirkungen mit Bezug auf die Nachfrage kompensieren?

    Sie kompensieren sich nicht.

    Grund:

    Auch wenn die Notenbank für tiefe Zinsen sorgt, also die Zinsbelastung des Staatshaushalts für Neuverschuldung sehr gering ist, wächst sie ABSOLUT mit zunehmender Verschuldung.

    Antworten
    • Philip Kohlbacher says:

      Zitat: „Ich behaupte nicht, dass wir nicht genug Güter für die Rentner und Pensionäre produzieren können.
      Sondern ich behaupte im Endeffekt, dass die immer älter werdende Rentner und Pensionäre in wachsender Zahl aus ihren Rentenzahlungen einen ANSPRUCH auf das zu verteilende BIP geltend machen werden, der nicht mit dem zu vereinbaren ist, den die Produzenten des BIP (Beschäftigte) geltend machen werden“

      Ihre Inflationssorgen bedeuten nichts anderes, als dass Sie befürchten, dass zukünftig nicht genug Güter für Rentner und Pensionäre produziert werden können.
      Wir haben eine aggregierte Gesamtnachfrage und reale Produktionskapazitäten, das ist entscheidend für die Inflation. Wenn die vorhandenen Kapazitäten ausreichen, um die Gesamtnachfrage zu bedienen, ist Angst vor Hyperinflation unbegründet.
      Wenn wir also zukünftig genug Güter produzieren können, um die Pensionäre „durchzufüttern“, dann ist es völlig egal, wie genau die Pensionen finanziert sind. Selbstverständlich kann der Staat diese Renten auch mit „Geld drucken“ finanzieren, wenn die Produktionskapazitäten ausreichen, dieser Erhöhung der nominalen Nachfrage folgend auch mehr zu produzieren.

      Ihre zweite Anmerkung finde ich nicht wirklich relevant. Selbstverständlich wird die Quote der Renten/Pensionen am Gesamteinkommen (BIP) steigen, wenn wir mehr Rentner in Relation zu Arbeitenden haben.
      Das ist aber völlig egal! Selbstverständlich können die Einkommen der Arbeitenden dennoch steigen, auch wenn sie als Quote zum BIP sinken.

      Antworten
  6. Dietmar Tischer says:

    >Ihre Inflationssorgen bedeuten nichts anderes, als dass Sie befürchten, dass zukünftig nicht genug Güter für Rentner und Pensionäre produziert werden können.>

    Auch das behaupte ich nicht, natürlich können wir sie auch in Zukunft „durchfüttern“.

    Ich behaupte, dass die ANSPRÜCHE, die sie stellen, nicht ohne Inflation befriedigt werden können und selbst dann ist es noch höchst zweifelhaft, ob sie auch mit Inflation befriedigt werden können.

    Sie wischen das schwache Wachstum, das wir sicher haben werden, einfach beiseite.

    Die nominalen Ansprüche der Rentner und Pensionäre sind bei höherem Wachstum generiert worden, verglichen mit dem Wachstum, was bei Fälligkeit der Ansprüche herrscht.

    Erklären Sie mir doch bitte einmal, warum die nominalen Ansprüche in der GRV GEKÜRZT worden sind, wenn es „völlig egal ist, wie genau die Pensionen finanziert sind“ (und wenn es für die egal sein sollte, müsste es auch für die Renten egal sein).

    Diejenigen, welche die Kürzungen zu verantworten haben, sind – wenn Sie recht haben – Polit-Idioten, die nicht wissen, was sie tun.

    Das ist das Problem von der Nachfrageseite her.

    Wie weit das Güterangebot kostentreibend ist, lasse ich einmal offen. Es dürfte kostentreibend sein, wenn demografisch bedingt die Gesamtnachfrage nach Arbeit sinkt. Das ist aber wie gesagt unsicher wegen der Automatisierung und Digitalisierung.

    >Selbstverständlich wird die Quote der Renten/Pensionen am Gesamteinkommen (BIP) steigen, wenn wir mehr Rentner in Relation zu Arbeitenden haben.
    Das ist aber völlig egal! Selbstverständlich können die Einkommen der Arbeitenden dennoch steigen, auch wenn sie als Quote zum BIP sinken>

    Klar, könnten Sie steigen, wenn wir in hinreichend hohes Wachstum haben würden.

    Werden wir aber nicht haben.

    Alle seriösen Ökonomen gehen davon aus, dass wir demografisch bedingt in der Zukunft zunehmende Verteilungskämpfe haben werden.

    Sie können nur über Inflation „gelöst“ werden.

    Antworten
    • Philip Kohlbacher says:

      Zitat: „Auch das behaupte ich nicht, natürlich können wir sie auch in Zukunft „durchfüttern“.
      Ich behaupte, dass die ANSPRÜCHE, die sie stellen, nicht ohne Inflation befriedigt werden können und selbst dann ist es noch höchst zweifelhaft, ob sie auch mit Inflation befriedigt werden können.“

      Liegt es an mir, oder widersprechen sich der erste und der zweite Satz?

      Ihre Vermutung, dass die Renten/Pensionen nur bei hoher Inflation zahlbar sind, bedeutet nichts anderes, als dass sie die zukünftigen Produktionskapazitäten für zu beschränkt halten

      Aber dann lasst uns doch bitte GENAU DARÜBER sprechen, auch in der öffentlichen Debatte.
      Die öffentliche Debatte darf dann nicht heißen „wie finanzieren wir bloß die und die nominale Rente bzw. Pension?“ sondern muss dahin gehen „wie gewährleisten wir hinreichende Produktionskapazitäten für die Zukunft“.

      Das läuft in der öffentlichen Debatte völlig verquer, überall wird so getan, als sei die Finanzierung der Renten ein Problem. Ist sie nicht. Jede nominale Rente ist bezahlbar.
      Wenn hinreichende Produktionskapazitäten bestehen, endet das auch nicht in (zu hoher) Inflation.

      Zitat: „Sie wischen das schwache Wachstum, das wir sicher haben werden, einfach beiseite.“

      Tue ich nicht! Aber Zukunftsängste a la „die Renten sind nicht sicher“ zu schüren, ist nicht gerade ein Wachstumsmotor.

      Letztlich ist schwer zu prognostizieren, wie das zukünftige Wachstum sein wird. Entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt, gehe ich davon aus, dass sich ENORME Produktionskapazitäten gewinnen ließen, würde man nur investieren!

      Ich denke da zum Beispiel an das Feld der Gentechnik. Welche riesigen Produktionspotentiale tun sich auf, wenn man auf diesem Feld entscheidende Schritte gehen würde….nur so als Beispiel.

      Zitat: „Erklären Sie mir doch bitte einmal, warum die nominalen Ansprüche in der GRV GEKÜRZT worden sind, wenn es „völlig egal ist, wie genau die Pensionen finanziert sind“ (und wenn es für die egal sein sollte, müsste es auch für die Renten egal sein).
      Diejenigen, welche die Kürzungen zu verantworten haben, sind – wenn Sie recht haben – Polit-Idioten, die nicht wissen, was sie tun.“

      In der Tat, das sind es! Polit-Idioten…

      Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    >Ihre Vermutung, dass die Renten/Pensionen nur bei hoher Inflation zahlbar sind, bedeutet nichts anderes, als dass sie die zukünftigen Produktionskapazitäten für zu beschränkt halten>

    Genau das meine ich – nicht mit Blick auf ein ordentliches Versorgungsniveau, sondern auf erhobene Ansprüche.

    Es gibt zwei Variablen, die hier entscheidend sind:

    Das zukünftige Wachstum ist die eine.

    Wir könnten ein höheres Wachstum in der Zukunft haben als es zu erwarten ist. Da sind wir uns vermutlich einig. Ob es hoch genug sein könnte mit Blick auf die Ansprüche, ist eine andere, nicht definitiv zu beantwortende Frage. Was dagegen spricht, ist unsere Konsensmentalität und Besitzstandswahrung, wie ich anderswo ausgeführt habe. Wir Deutschen sind nicht sonderlich bereit, mit Innovationen etwas zu riskieren und verbarrikadieren uns hinter den Mauern der „alten Industrien“, wie hier oft genug thematisiert.

    Ich glaube jedenfalls, dass das zukünftige Wachstum nicht so hoch wie in der Vergangenheit sein wird.

    Die Ansprüche sind die andere Variable.

    Das ist eine nicht genau fassbare, schwammige Größe. Damit kann man spekulativ spielen und insofern bin ich nicht richtig zu fassen bei diesem Aspekt, gebe ich zu. Aber richtig ist auf jeden Fall, dass die Ansprüche, die in Zeiten hohen Wirtschaftswachstums festgelegt werden, zu Problemen führen, wenn das Wachstum in Zeiten der Realisierung dieser Ansprüche geringer ist.

    Ich glaube, dass dies eine Konstante ist, die sehr entscheidend ist für die Verteilungskonflikte, mit denen ich uns konfrontiert sehe in der Zukunft.

    Die Kürzungen der Rentenansprüche haben also Polit-Idioten zu verantworten.

    Ich bin da anderer Meinung, weil m. M. n. auch ein Idiot erkennen kann, dass mit einer solchen Maßnahme seine Wiederwahl gefährdet ist.

    Ich schüre keine Zukunftsängste und habe die „Rente ist sicher“ immer für eine geniale Volksverdummung gehalten. Selbstverständlich ist sie sicher. Sicher ist nur nicht, wie hoch sie sein wird. Auch Sie können das niemand sagen. Insofern ist es schon richtig, dass dies die Leute interessiert und sie sich über ihren Lebensstandard im Alter Gedanken machen.

    Meine Lösung für die Problematik, die ich sehe, heißt:

    Ansprüche runterfahren, am besten freiwillig. Das kann sogar mit einem Gewinn an Lebensqualität verbunden sein.

    Vermutlich wird es jedoch zu einer erzwungenen Anpassung nach unten kommen.

    Im Ergebnis ist das in etwa das Gleiche, aber es wäre gesellschaftlich schwieriger.

    Was mich betrifft, ist die Debatte damit beendet.

    Die unterschiedlichen Auffassungen sind aus meiner Sicht klar benannt.

    Antworten
  8. Michael Stöcker says:

    @ Kurt Wollmer

    „Sinn bezieht nicht wirklich Stellung zu Marx‘ Krisentheorie und auf keinen Fall sieht er einen Gegensatz zwischen „Arbeiterklasse“ und „Kapitalisten“, so wie das Marx und Shaikh tun.“

    Dazu müsste sich Sinn wohl selber äußern. Wir können auf Basis seiner Ausführungen nur vermuten. Und da hat er gesagt:

    „Marx prognostizierte, dass die fallende Profitrate irgendwann den Punkt erreichen müsse, an dem die Rendite für die Unternehmer zu gering sei, als dass sie neue Investitionen wagen würden. An diesem Punkt komme es zu einem Investitionsstreik, der die Wirtschaft in eine Krise stürze, weil der unterlassene Kauf von Investitionsgütern die Hersteller dieser Güter ebenfalls veranlasse, weniger Vorprodukte zu kaufen und es somit zu einer alle Wirtschaftsbereiche umfassenden Kettenreaktion komme, eben zur Krise.

    Diese Krisentheorie ist hochaktuell.“

    Ansonsten kann ich keine wirklichen Gegensätze zwischen Ihrer und meiner Sichtweise erkennen. Mit Ausnahme der debitistischen Zwangs-Crash-Logik sind sie doch eher gradueller Natur. Bei MMT – und nicht nur dort – teile ich die Sicht von Renée Menéndez: https://soffisticated.wordpress.com/2013/08/26/mmt-1/

    LG Michael Stöcker

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