„Vor dem großen Knall“

Natürlich häufen sich zum zehnten Jahrestag der Lehman-Pleite die Artikel zum Thema. Neben den Jubelmeldung zu angeblich bewältigten Krisen gibt es aber auch pflichtgemäß die kritischen Stories. Beispielhaft eine aus der WELT, die für Leser von bto wenig Neues enthält:

  • „Vor ziemlich genau zehn Jahren krachte es. (…) Auslöser des Debakels war damals die geplatzte Immobilienblase in den USA: Millionen Hausbesitzer konnten ihre Darlehen nicht mehr bedienen und gaben ihre Häuser einfach an den Kreditgeber zurück – mit desaströsen Folgen für die Finanzindustrie.“ – bto: Das ist natürlich viel zu einfach. Das Problem war ja nicht nur die Kreditvergabe an schwache Schuldner, es war die mehrfache gehebelte Spekulation mit darauf basierenden Wertpapieren und Derivaten. Dann galt, was immer gilt: Der Leverage ist schön auf dem Weg nach oben und ein Desaster auf dem Weg nach unten.
  • „(…) heute (macht) eine Grafik die Runde, die als untrügliches Zeichen für einen erneuten Crash gilt – einen noch viel größeren als damals. Die Grafik zeigt einerseits die Entwicklung der Wirtschaftsleistung der USA, indexiert bei einem Wert von 100 im Jahr 1951. Über die Jahrzehnte ging es mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) rasant nach oben, und parallel dazu stieg auch das Haushaltsvermögen der Amerikaner, in der Grafik als zweite, blaue Linie verzeichnet. Wächst die Wirtschaft, wächst auch das Vermögen der Menschen, zumindest insgesamt. Über die Verteilung innerhalb der Gesellschaft sagt die Kurve nichts aus, dies ist hier auch unerheblich.“ – bto: Ich hatte diese Graphik schon vor einiger Zeit, damals via Zero Hedge. Die Aussage ist nicht ohne. Die Differenz zwischen gelber und blauer Linie ist übrigens das „Piketty-Problem“.

Quelle: DIE WELT

  • „Denn viel wichtiger ist, dass sich die beiden Kurven in den 90er-Jahren plötzlich entkoppeln. Zwar geht es mit der Wirtschaftsleistung weiter kontinuierlich aufwärts, doch das Vermögen wächst nun deutlich schneller. In dieser Zeit entfalteten zwei Dinge ihre Wirkung, sagt Mayer. Erstens war die Finanzindustrie im Verlauf der 1980er-Jahre dereguliert worden und konnte nun freier schalten und walten. Dadurch bliesen sich die Bilanzen der Banken auf. Sie spekulierten mehr und trieben so die Börsenkurse in die Höhe. Zweitens wurde die Inflation aufgrund von technischem Fortschritt und Globalisierung niedrig gehalten. Dadurch konnten die Zentralbanken eine sehr lockere Geldpolitik fahren, die wiederkehrende Vermögenspreisblasen erzeugte. Die erste ging als Dot-Com- oder Internetblase in die Geschichte ein. Die Ausbreitung des Internets erzeugte Fantasien von einer Revolutionierung der Wirtschaft, die von neuen Firmen dominiert werde.“ – bto: Und immer, wenn es rumpelte, wurde mit noch mehr billigem Geld Gas gegeben. Asymmetrisch, wie es die BIZ nennt.
  • 2001 wollten „Politik und Zentralbanken (…) diesen Vermögensverlust jedoch nicht hinnehmen. Sie sorgten mit niedrigen Zinsen dafür, dass sich die Wirtschaft erholte und das Vermögen wieder stieg. Die nächste Blase entstand, diesmal am Immobilienmarkt – und im September 2008 platzte sie. Erneut reagierten die Notenbanken nach bewährtem Muster, senkten die Zinsen noch viel weiter und fluteten die Finanzmärkte mit Geld.“ – bto: und schafften damit die nächste gefährliche Blase. Die „Alles-Blase“.
  • „Anders ist jedoch, dass diesmal selbst notorische Untergangspropheten keinen Sektor der Wirtschaft nennen können, wo es ganz klar eine Blase gibt. Aktien sind nicht besonders hoch bewertet, die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, allerdings eher moderat. Die Kreditvolumina sind ebenfalls nicht übertrieben hoch. (…) [Deshalb nennen Optimisten] natürliche Gründe, warum das Haushaltsvermögen schneller wächst als die Wirtschaft. Die Menschen sparen mehr für die Rente im Vergleich zur Historie, was man an den viel größeren privaten Pensionsrückstellungen ablesen kann, sagt er. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter, sie benötigen also mehr Ersparnisse für eine längere Periode.“ – bto: Dann wäre ja alles gut. Nur warum sind dann die Schulden weiter so stark gestiegen?
  • Probleme drohen aus zwei Richtungen: „Zum einen sind das höhere Zinsen. Die US-Notenbank hat vor knapp drei Jahren eine Trendwende vollzogen und seither siebenmal den Leitzins erhöht. Jetzt zeigten sich die Folgen (in den Schwellenländern). (…) Zum anderen sieht Mayer einen Konjunkturabschwung, ausgelöst durch einen Handelskrieg, als mögliche Ursache für den nächsten Crash an den Finanzmärkten. In beiden Fällen käme es zu Zusammenbrüchen überschuldeter Staaten, Unternehmen, Haushalte und Banken, prophezeit er. Die Folgen des Platzens dieser Blase wären wohl noch dramatischer als 2008.“ – bto: So ist es, allerdings würden dann die geldpolitischen Helikopter kreisen.

welt.de: „Vor dem großen Knall“, 7. September 2018

23 Kommentare
  1. Wolfgang Selig sagte:

    bto: „Dann wäre ja alles gut. Nur warum sind dann die Schulden weiter so stark gestiegen?“

    Schulden auf der einen Seite sind Vermögen auf der anderen Seite; es sind einfach die Vermögen gestiegen.

    bto: „Anders ist jedoch, dass diesmal selbst notorische Untergangspropheten keinen Sektor der Wirtschaft nennen können, wo es ganz klar eine Blase gibt.“ Das sehe ich anders. Das KGV japanischer und anderer „sicherer“ Anleihen ist so dermaßen hoch, dass manche die sog. Anleihenblase schon als „Mutter aller Blasen“ bezeichnet haben.

    Antworten
  2. Alexander sagte:

    Zitat Querschüsse über die SNB Devisenanlagen:
    „Das Fremdanleihen-Portfolio der SNB betrug Ende Juni 2018 660,7 Mrd. CHF, darunter 560,3 Mrd. CHF in Staatsanleihen….Alleine das Engagement in US-Aktien betrug Ende 2017 nahezu 100 Mrd. Dollar. Darunter viele Hightech-Aktien, wie Apple, Amazon, Facebook,
    Microsoft, Google usw. “
    (BSP der Schweiz 2017 – 668Mrd.CHF)

    Selbstverständlich stimulieren die Anleihekäufe nicht nur die staatliche Nachfrage, sondern auch den Absatz der großen Konzerne (vgl. 2012 VW Finanzsparte holt sich Milliarden von der EZB http://de.reuters.com/articlePrint?articleId=DEBEE82E06H20120315 )

    (Seit Beginn der Zinsmanipulation macht Kalkulation von Preisen keinen Sinn mehr. Man weis was der Markt zu zahlen bereit ist und versucht durch Kostenkontrolle Gewinn zu machen. Das ist Fakt seit 9/11, sämtliche Unternehmer mit denen ich spreche bestätigen das.)

    Die Interventionen der Notenbanken zielten zuerst auf die Vor-, Re- und Finanzierungs-kosten der Privatwirtschaft, mit Ausbruch der Eurokrise die Finanzierungskosten von Staaten und mindestens seit 2015 Vermögenspreise direkt.

    Es versteht sich, dass kein altes Bewertungsinstrument brauchbare Maßstäbe für Vermögenspreise in einer Notenbank-Planwirtschaft bietet.

    Die Vermögenspreise steigen/hängen direkt und indirekt an der politischen Systemstabilität.

    Die bundesdeutsche/europäische Stabilität wird zur Zeit von messernden Kriminellen beherrscht.
    Scheitert Merkel, dann scheitert der Euro.

    „Die Folgen des Platzens dieser Blase wären wohl noch dramatischer als 2008.“ – bto: So ist es, allerdings würden dann die geldpolitischen Helikopter kreisen.“

    Aus der Luft löscht man keine Flächenbrände, schon gar nicht die Unterirdischen…

    Antworten
    • Wolfgang Selig sagte:

      @Alexander: Helikopter, die aus der Luft löschen, können schon Brände löschen, aber den „Wasserschaden“ haben Sie dann eben auch.

      Jetzt mal ohne Metapher: Jeder Versuch, die Ursachen der Probleme mit expansiver Geldpolitik oder „Helikoptern“ zu bekämpfen, ist kurzfristig erfolgreich und unterminiert langfristig massiv das Vertrauen in die Notenbank. Je wilder die Maßnahmen sind, umso schneller erodiert das Vertrauen. Schön gerade in der Türkei zu sehen, aber auch Argentinien ist nicht ohne.

      Migrationsprobleme bekommen Sie natürlich nicht mit Geldpolitik in den Griff, aber einen finanziellen Flächenbrand mit Helikoptergeld zu bekämpfen, führt zu dem Ergebnis, dass erst mal alle „gerettet“ sind und danach alle nur noch auf den nächsten Helikoptereinsatz warten und darauf spekulieren. So wie ja jetzt schon jeder Besitzer italienischer Staatsanleihen an den „EZB-Put-Optionsschein“ glaubt. Aber keiner kann bisher exakt vorhersagen, was passieren soll, wenn die Geldumlaufgeschwindigkeit einmal in die Höhe schießt, wenn man dann ohne Crash als Notenbank die Zinsen nicht mehr erhöhen kann. Wann das der Fall ist? Keine Ahnung. Aber eine Panik kann auch entstehen, wenn einer „Feuer“ ruft, auch wenn es gerade nicht brennt. Und gerufen wird in Zeiten des Internets viel…

      Antworten
      • Alexander sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Billiges Geld soll Konjunkturtreibstoff sein und die Tätigkeit der Privaten + Unternehmen bestätigt das. Alle nehmen das billige Geld.

        Umgekehrt wirkt Treibstoff als Brandbeschleuniger und alle haben davon konsumiert.

        Die Notenbank, die 2009 nicht kommen sah, ist sich dieser Gefahr bewusst?
        Keine „Brände“ sondern „ein Flächenbrand.“

        Während dessen zündelt Politik an der Auslastung letzter Hochlohn-industriezweige in der BRD? Strenge Auslegung der europäischen VERODNUNGEN, keine Lobbyarbeit für dt. Arbeitsplätze – der „Sprung nach vorn“ ins Elektroautozeitalter, ohne Anlauf, ohne Rückversicherung?
        CO² als umstrittener Aufhänger?

        Notenbanken und Wirtschaft werden für politische Ziele missbraucht, das Europrojekt belegt das. Umgekehrt haben sie keine Hilfe zu erwarten.

        Wer? will den wie? ökonomische Kernschmelzen aus der Luft beherrschen?
        Die Probleme der maroden Europeripherie sind kein Geheimnis. Zombifizierung als Problem anderer?

        Die Inflation kommt nicht von den Hubschraubern, die warscheinlich nur Staatsanleihen kaufen, sondern von den Bürgern, die ihren maroden Systemen das Vertrauen entziehen (vgl. Martin Armstrong).

        Vermögenspreisinflaiton als Reise nach Jerusalem…

        Man ist auf gutem Weg.

    • Dietmar Tischer sagte:

      @ waltomax

      Richtig, Helikoptergeld schafft keinen neuen Bedarf, sondern allenfalls zusätzlichen.

      Nehmen wir einmal an, Sie könnten als eine Art Weltbundeskanzler die Ihrerseits als erfordlich angesehenen Marktinnovationen in Gang bringen.

      Was wäre dann, u. a. mit dem DADURCH entwerteten Sachvermögen und den darauf lastenden Schulden bzw. Vermögen?

      Bieten Sie uns doch dazu einmal ihr Geschwätz an.

      Ich hoffe, dass dann hier niemand ärgerlich werden muss.

      Antworten
      • waltomax sagte:

        @Herr Tischer

        Stellen Sie sich bitte vor, alle bauen Pferdekutschen. Wenn der Bedarf an Pferdekutschen gedeckt ist, dann müssen die Manufakturen entweder ihre Kapazität vermindern, dicht machen oder die Dampfmaschine erfinden. Viele, die eine Pferdekusche haben, werden sich sicher eine zweite kaufen, wenn sie das Geld dafür geschenkt bekommen. Obwohl sie diese vielleicht nicht brauchen. Das schiebt die Marktbereinigung also nur auf, denn eine dritte Kutsche leistet sich dann bestimmt fast niemand mehr. Sie haben Anteile an einer solchen Manufaktur und müssen diese abschreiben oder als Anteilseigner sogar haften? Ihr Pech.
        Sofern Sie rechtzeitig ein Risiko eingegangen sind und in Mr. James Watt investiert haben, ihr Glück.

        Was in solchen Zeiten die Börsen machen, die in Pferde, Holz, Lederriemen und Wagenschmiere investieren, ist völlig egal. Was die Politik meint, ist egal. Was Politiker meinen, ist ebenfalls egal.

        Es braucht Mr. James Watt. Und Risikokapital.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ waltomax

        Ich habe kein Problem mit der Vorstellung.

        Es gibt ja die eindrucksvollen Aufnahmen von der 5th Ave. In New York City:

        1900 vs. 1913

        https://www.google.de/search?q=pferdekutschen+vs.+Automobile+new+york+5th+avenue&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=8BENyuItdDdqwM%253A%252CYdF-EAWCJhQ9VM%252C_&usg=AFrqEzfPFfjYPSdwHU3e087oBwwk550H5A&sa=X&ved=2ahUKEwjS0L2i5MTdAhVELMAKHTj1BeIQ9QEwAXoECAAQBA – imgdii=sFxqN7mAGz951M:&imgrc=uXDG0lwOvJyeMM:

        Sie sagen weiter:

        >Was in solchen Zeiten die Börsen machen, die in Pferde, Holz, Lederriemen und Wagenschmiere investieren, ist völlig egal. Was die Politik meint, ist egal. Was Politiker meinen, ist ebenfalls egal.>

        Das ist beileibe nicht egal.

        Stellen Sie doch einmal vor, auf was ich Sie in meinem vorherigen Kommentar verwiesen habe:

        Was passiert, wenn Kapazitäten vermindert oder dichtgemacht wird und Leute ihren Job verlieren?

        Das kann bei hinreichend kritischer Masse und bei einem ineinander verflochtenen Bankensystem zu dramatischen Entwertungen führen.

        Das will NIEMAND – nicht die Betroffenen („Alt-Unternehmen“), nicht Beschäftigte und nicht die Politik.

        Noch nicht einmal innovative Unternehmen können es in diesem Ausmaß wollen.

        Zwar hat niemand etwas gegen Innovationen, aber jeder etwas gegen Ihre „Egal-Mentalität“.

        Der Grund ist verständlich:

        Der Kapitalismus hat zu viele Menschen, darunter in sehr großer Zahl auch abhängig Beschäftigte zu WOHLHABEND gemacht, als dass Entwertungsprozesse in großem Ausmaß toleriert würden.

        Insofern:

        Ihr Rückgriff auf Mr. James Watt ist völlig daneben.

        Als er innovativ tätig wurde, hat er zwar auch entwertet, bei weitem aber nicht so tiefgreifend in die Lebensverhältnisse und Lebensperspektiven (u. a. Alterssicherheit auf Vermögensbasis bzw. auf Basis von quasi Vollbeschäftigung) so vieler Menschen eingegriffen, wie das bei gleicher technologischen Revolutionen, etwa einer UNGEBREMSTEN, nicht sozial „begleiteten“ Digitalisierung, heute der Fall wäre.

        Kurzum:

        Dieser Blog beschäftigt sich mit der Realität, d.h. den Zuständen, denen verhinderte Entwertungsvorgänge zugrundeliegen.

        Soweit das ernsthaft geschieht, ist es kein Geschwätz.

      • Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer
        „Als er innovativ tätig wurde, hat er zwar auch entwertet, bei weitem aber nicht so tiefgreifend in die Lebensverhältnisse und Lebensperspektiven (u. a. Alterssicherheit auf Vermögensbasis bzw. auf Basis von quasi Vollbeschäftigung) so vieler Menschen eingegriffen, wie das bei gleicher technologischen Revolutionen, etwa einer UNGEBREMSTEN, nicht sozial „begleiteten“ Digitalisierung, heute der Fall wäre. “

        Das bezweifle ich. Vor der Industrialisierung herrschte auch quasi Vollbeschäftigung, aber in dem Sinne dass über 90% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig waren. Eine Rentenversicherung existierte damals nicht, „Alterssicherung auf Vermögensbasis“ konnte allerhöchstens bedeuten, mit den Kindern und Enkeln auf dem Hof mit weiter zu leben und versorgt zu werden, auch wenn man selbst nicht mehr voll mit arbeiten konnte. Eine ganz grundsätzlich andere Lebenssituation als heute.

        Sie vergessen offensichtlich, wie tiefgreifend die Industrialisierung und die damit verbundenen Innovationen die Wirtschaft umstrukturiert und wie massiv sie den Lebensstandard verbessert haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ähnliches nochmal passieren wird, nur weil mein Kühlschrank irgendwann einen Internetanschluss haben wird.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Markus

        Waltomax sagt nicht, dass durch Helikoptergeld kein Bedarf geweckt wird.

        Er behauptet:

        Es wird kein NEUER Bedarf gedeckt.

        Heißt:

        Es kann zwar zusätzlicher geweckt werden, abhängig insbesondere davon, wem das Helikoptergeld zufließen würde, aber eben kein solcher, wie er durch (nützliche) Innovationen angeregt wird.

        Innovationen generieren eine QUALITATIV andere Nachfrage.

        Der Unterschied mag anfangs nicht sehr große sein, wenn überhaupt spürbar, ist aber langfristig aller Erfahrung nach erheblich.

        @ Richard Ott

        Ihre Kritik hat ein anderes „Zeitfenster“ im Blickfeld als ich und trifft mich daher nicht.

        Wenn Sie ihres auf meines legen, bestätigen Sie meine Auffassung.

        Sie sagen:

        >Vor der Industrialisierung herrschte … eine grundsätzlich andere Lebenssituation als heute>

        Niemand bezweifelt das.

        James Watt meldete die Dampfmaschine 1769 zum Patent an und ab 1775 wurde sie in Serie gebaut.

        Die Industrialisierung (auch: Industrielle Revolution, weil es vorher keine Industrialisierung gab) begann nach herrschender Meinung ab ca. 1750 bis (umfassend) 1850 in England.

        James Watt stand also mit seiner Erfindung etwa am Anfang des epochalen Umbruchs.

        Nun mein Punkt mit Bezug auf die weitgehend in der Landwirtschaft und im nicht kapitalintensiven Handwerk in den Städten:

        Hat die Erfindung der Dampfmaschine per se das Pferdefuhrwerk in der Landwirtschaft oder den Handwerker in irgendeiner Weise so entwertet, dass diese in Existenznot gerieten (Arbeitslosigkeit, Insolvenz)?

        Das hat sie nicht, weil die MEISTEN Menschen ja weitermachen konnten wie bisher.

        Selbst die Massenproduktion in Fabrikhallen – DANN auch Spinnereien, mit denen die Webstühle entwertet wurden – brachten nicht das mit sich, was ich heute als nicht akzeptabel bezeichnet habe:

        Entwertung in großem Umfang, d. h. vieler Sach- und Vermögenswerte vieler Menschen.

        Denken Sie nur an Marx, den großen Empiriker seiner Zeit. Das Proletariat konnte sich bis weit ins 19. Jahrhundert nur seine „Ketten verlieren“.

        Kurzum:

        Es gab sie nicht, die vielen Sach- und Vermögenswerte vieler Menschen, als James Watt seine Erfindung machte, anders als heute, wo es sie gibt.

        Was nebenbei bemerkt, nicht heißt, dass JEDE Innovation viele Sach- und Vermögenswerte entwertet. Der Schaden von Innovationen könnte allerdings sehr viel mehr Menschen tiefgreifender treffen, darauf verweise ich. Denken Sie nur an die Debatte um die Robotik, etwa daran, was die Oxford-Studie dazu sagt.

        Sie stellen doch selbst fest:

        >Sie vergessen offensichtlich, wie tiefgreifend die Industrialisierung … wie massiv sie den Lebensstandard verbessert haben.>

        Weil ich mir dessen bewusst bin, kann ich sagen:

        Verbesserter Lebensstandard heißt auch mehr Sachwerte und Vermögen besitzend – und DAHER auch mehr verlieren zu können.

        Was Sie sich oder ich mir vorstellen kann bezüglich vergleichbarer Innovationen, ist eine andere Sache.

        Ich bin mir da nicht so sicher, wie Sie.

        Abgesehen davon:

        Meine Begründung dafür, dass niemand Entwertungen will, hängt nicht davon ab.

        Sie beruht darauf, dass zu viele zu viel zu verlieren haben – potenziell jedenfalls.

    • Michael Stöcker sagte:

      „Helikoptergeld heizt die Inflation an und schafft keinen neuen Bedarf. Höchstens Strohfeuer.“

      Es kommt ganz darauf an, über welche Gebiete die Helikopter fliegen. Viele Familien können sich mittlerweile keinen Zoobesuch u. ä. mehr leisten. Ich kann nicht erkennen, wozu man hierfür Innovationen benötigt oder der Zoobesuch inflationär teurer werden sollte. Es ist alles eine Frage der Dosis: Geringe Menge, keine/geringe Inflation, Überdosis, galoppierende Inflation mit der Gefahr des völligen Vertrauensverlusts.

      „Langsam finde ich dieses Geschwätz hier ärgerlich“

      Am Ende dieses Beitrags finden Sie eine längere Linkliste mit noch viel mehr „Schwätzern“ wie Martin Wolf, Adair Turner, Robert Skidelsky et al.: https://zinsfehler.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  3. Dietmar Tischer sagte:

    Das ganze Ablauf um einige nicht ganz unwesentlichen Details ergänzt:

    1. Phase:

    >‚Erstens war die Finanzindustrie im Verlauf der 1980er-Jahre dereguliertworden und konnte nun freier schalten und walten.‘ Dadurch bliesen sich die Bilanzen der Banken auf. Sie spekulierten mehr und trieben so die Börsenkurse in die Höhe. Zweitens wurde die Inflation aufgrund von technischem Fortschritt und Globalisierung niedrig gehalten. ‚Dadurch konnten die Zentralbanken eine sehr lockere Geldpolitik fahren, die wiederkehrende Vermögenspreisblasen erzeugte.‘ Die erste ging als Dot-Com- oder Internetblase in die Geschichte ein. >

    Wegen REALWIRTSCHAFTLICHER Entwicklung – Globalisierung und damit Abbau der Beschäftigung im produzierenden Gewerbe mit sehr gut bezahlten Arbeitsplätzen – entschwindet vor allem dem Mittelstand die Wohlstandsperspektive.

    Versuchte Kompensation durch mehr Wettbewerb unter den Banken und dadurch – erhofft – günstigere Finanzierungskosten.

    Letztlich ursächlich für die Entwicklung ist die Realwirtschaft, aber erhebliche Beschleunigung durch die Finanzwirtschaft.

    2. Phase

    >2001 wollten „Politik und Zentralbanken (…) diesen Vermögensverlust jedoch nicht hinnehmen. Sie sorgten mit niedrigen Zinsen dafür, dass sich die Wirtschaft erholte und das Vermögen wieder stieg. Die nächste Blase entstand, diesmal am Immobilienmarkt – und im September 2008 platzte.>

    Die Menschen konnten sich – verführt von den Versprechungen, sich eine Immobilie leisten zu können – HÖHER verschulden, OHNE auch nur darauf hoffen zu können, dass sie kontinuierlich genügend hohe Einkommen erzielen würden, die Schuldenlast ihrer Häuser bei steigenden Zinsen zu verkraften.

    Der Fokus wandelte sich explizit von den langfristigen Einkommen zur Kurzfristfinanzierung.

    Das Perverse obendrauf:

    Solange die Immobilienpreise stiegen, konnten sich die Amerikaner bis zu deren Wert verschulden, d. h. die Blase hat auch noch den kreditfinanzierten Konsum finanziert.

    Ebenfalls kontraproduktiv:

    In vielen Fällen hafteten die Immobilienkäufer nur mit der Immobilie für ihre Verschuldung, nicht jedoch mit ihrem übrigen Vermögen. Wer die Kredite nicht mehr bedienen konnte, gab den Schlüssel bei der Bank ab und das Immobilienthema war für ihn erledigt. Die Bank musste neue Käufer suchen lassen, was die Verschuldungswelle eine Zeit lang weiter trieb …

    3. Phase

    >Erneut reagierten die Notenbanken nach bewährtem Muster, senkten die Zinsen noch viel weiter und fluteten die Finanzmärkte mit Geld.“>

    Bewährt NUR deshalb, weil eine umfassende, nachhalte Rezession bzw. Depression verhindert werden konnte.

    4. Phase

    >„Anders ist jedoch, dass diesmal selbst notorische Untergangspropheten keinen Sektor der Wirtschaft nennen können, wo es ganz klar eine Blase gibt. >

    Ich würde auch sagen, „ganz klar“ ist keine Blase auszumachen.

    Aber die Krisenanfälligkeit hat durch die GEWACHSENE Gesamtverschuldung natürlich deutlich zugenommen.

    5. Phase

    >Probleme drohen aus zwei Richtungen: „Zum einen sind das höhere Zinsen. Die US-Notenbank hat vor knapp drei Jahren eine Trendwende vollzogen und seither siebenmal den Leitzins erhöht. Jetzt zeigten sich die Folgen (in den Schwellenländern). (…) Zum anderen sieht Mayer einen Konjunkturabschwung, ausgelöst durch einen Handelskrieg, als mögliche Ursache für den nächsten Crash an den Finanzmärkten.<

    Man kann es auch so sagen:

    Nachdem die Notenbanken am Ende sind mit ihrer verschuldungstreibenden Geldpolitik, mit der sie grundsätzlich NICHTS zum BESSEREN leisten konnte, übernimmt die Politik mit Handelskriegen.

    Das ist geschichtlich gesehen nur die Fortschreibung, wenn innenpolitisch keine zufriedenstellenden Lösungen zu erreichen sind:

    Kriege.

    Vorläufig noch nicht mit kriegerischen Mitteln.

    Vorläufig.

    Antworten
  4. Quintus sagte:

    @guguk
    Mein Nachbar wurde noch im Alter von16 an die Front nach Russland geschickt und kam mehr tot als lebendig zurück. Ich halte ihn für einen sehr willensstarken Menschen, dessen Ausdauer und Arbeitsgeist ich aufs Äußerste bewundere. Trotzdem ist es nicht möglich sich länger als 5 Minuten mit ihm zu unterhalten, ohne daß die
    schrecklichen Erlebnisse von damals aus ihm heraussprudeln.
    Der menschliche Geist kann solche Grausamkeiten nicht verarbeiten, er muß sie ein Leben lang verdrängen….

    Antworten
  5. Klaus Samer sagte:

    “ Aktien sind nicht besonders hoch bewertet, die Immobilienpreise sind in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, allerdings eher moderat.“

    Stimmt so nicht, der Punkt ist es kommt darauf an was man sich ansieht. Die Aussage gilt nämlich nur für einen sehr breiten Schnitt durch die jeweilige Anlageklasse.

    SIeht man näher hin gilt für Aktien (ich mach das mal mit dem „aktuellen“ KGV da dies mein Argument mehr stützt als das forward P/E Quelle ist yahoo finance) :

    Amazon KGV 152, Facebook 25, Google 51, Netflix 166, Microsoft 53,69, Apple 19,9 und Alibaba 49,29. Hält man sich an eine ältere Definition von Benjamin Graham wonach ein KGV von > 20 eher von Übel ist dann ist nur Apple noch haarscharf dran vorbei geschrabbt.

    Apple und Facebook erscheinen noch „vernünftig“ bepreist wobei auch diese deutlich über dem langjährigen KGV Durschnitt gängiger großer Indizes liegen. Facebook hat diesen Wert auch erst nach einem 20%igen Kurssturz erreicht und Apple wird wohl kaum nenennswert weiter wachsen wenn die nächste Rezession das Luxusprodukt zu teuer macht.

    Alle anderen sind ein Beispiel dafür wie sich die Bewertung vom Gewinnwachstum abgekoppelt hat.

    Im Immobilienbereich möge man sich den Preisunterschied zwischen einer Immobilie in Duisburg Marxloh oder München ansehen um zu sehen wie unsinnig solch eine pauschale Aussage ist. Wer gerne die Überhitzung sehen will der fange bei Sylt an und arbeite sich von Hamburg, über Düssledorf und Köln nach München vor.

    Banken finanzieren ja besonders gerne Immobilien platzen die Blasen in den o.g. Städten könnte die ein oder andere Bank mit hoher Exposition im Immobilienbereich und vielen 100% Finanzierungen schnell in Sichtweite von Verlusten in Höhe des EIgenkapitals des lächerlichen Eigenkapitals kommen.

    Man geht immer von einer Krise in der Realwirtschaft als Ursache des nächsten Crash aus, was ist wenn es umgekehrt läuft und die Gewinnentwicklung der gehypten Techkonzerne nicht mehr den hochgeschraubten Erwartungen entspricht und die Kurse der größten zehn auf breiter Front um 20% nachgeben und die Investoren dann alle gleichzeitig zur Tür rauswollen ?

    Dann würde ein Crash von Wallstreet Mainstreet erreichen und nicht umgekehrt.

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Klaus Sammer

      >Man geht immer von einer Krise in der Realwirtschaft als Ursache des nächsten Crash aus, …>

      Das ist nicht richtig.

      Immer wieder wurde hier am Blog festgestellt, dass die Krise auch von der Finanzwirtschaft ausgehen kann oder zumindest von Determinanten, die nicht realwirtschaftlich begründet sind.

      Ein Fall wäre überwiegende Verschuldung in einer Fremdwährung, die gegenüber der eigenen aufwertet. Das kann Insolvenzen produzieren, die sich u. U. zu einem Crash aufschaukeln könnten. Den hätte zumindest vordergründig die Realwirtschaft nicht ausgelöst.

      Sie sagen:

      >… was ist wenn es umgekehrt läuft und die Gewinnentwicklung der gehypten Techkonzerne nicht mehr den hochgeschraubten Erwartungen entspricht …>

      Auch das könnte u. U. einen Crash auslösen.

      Nur:

      Dieser wäre realwirtschaftlich verursacht.

      Denn die Gewinnentwicklung ist ein realwirtschaftlicher Faktor, auch wenn die Erwartungen zu hochgeschraubt sein könnten.

      Ein Crash kann nach Lage der Dinge so oder so ausgelöst werden und trifft dann beide, sowohl Wallstreet wie auch Mainstreet.

      Antworten
  6. Klaus Samer sagte:

    Das die Gewinnentwicklung ein realwirtschaftlicher Faktor ist ist mir bewußt, genauer formuliert gehe ich davon aus das die überzogene Erwartung an die Gewinnentwicklung, welche kein realwirtschaftlicher Faktor ist, entäuscht wird und zu massiven Kursverlusten führen wird.

    Konnte man gerade sehr schön bei Facebook beobachten.*‘

    „Man geht immer von einer Krise in der Realwirtschaft als Ursache des nächsten Crash aus, “

    Hier beziehe ich mich auf den von mir wahrgenommenen Tenor der deutschen Presse zu dem Thema, eine Verengung auf die Sichtweisen des Blocks oder seiner Kommentatoren war und ist von mir nicht beabsichtigt und das gibt meine Aussage auch nicht her.

    Antworten

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.