Italien und die Eurozone bleiben gefährdet

Nach meinem Ausflug in die Welt der großen Medien, nun wieder „business as usual“ bei bto. Bevor ich auf eines meiner Argumente in der Diskussion bei hartaberfair eingehe, nämlich die Überzeugung, dass der Euro zu einer weiteren erheblichen Belastung für die EU wird und Italien (neben Frankreich!) ernsthafter Austrittskandidat bleibt, ein kurzes aber großes DANKESCHÖN für die vielen Zuschriften und Kommentare zu meinem Auftritt. Auch ich habe mich über die eine oder andere Berichterstattung in den Medien zu der Sendung gewundert. Nicht nur inhaltlich, sondern auch von den Schwerpunkten habe ich eine teilweise deutlich andere Sendung erlebt, als die Kommentatoren. Nun ja, so weiß ich zumindest jetzt, wie ich die Kommentare in Zukunft lesen muss, besonders wenn ich die Sendung nicht gesehen habe!

Doch nun zum Zustand der Eurozone. Während hierzulande die Briten für Idioten gehalten werden und man davon ausgeht, mit der Eurozone bessere Aussichten zu haben, bauen sich die Spannungen immer weiter auf. Der – ja englische! – Telegraph fasst zusammen:

  • „Italy risks sliding into a recessionary vortexafter corporate lending slumped by 5.5pcin December, raising the odds of a fresh debt crisis in 2019 without a shift in policy by the eurozone authorities.” – bto: was doch niemanden überraschen kann, wissen wir doch, dass Banken, wenn sie unter Druck geraten, nur noch den Zombies Geld leihen, um die eigene Bilanz vor Abschreibungen zu schützen.
  • „Italian lenders are now being forced to rein in credit as the ECB imposes draconian capital requirements when the country is already in a technical recession, and in the midst of a serious economic slowdown across the eurozone. Paolo Savona, the Europe minister and ‘shadow’ economic tsar, said the pro-cyclical demands of the ECB are pushing Italy into a vicious circle. ‚If you make the banks raise capital in a downturn, you greatly complicate the problem,‘ he said.‘ – bto: Das ist natürlich richtig. Andererseits widerspiegelt es das Versagen der letzten zehn Jahre in Italien und der EU, dieses Problem nicht ernsthaft gelöst zu haben!
  • „It is totally unacceptable to allow another recession to happen, especially when it stems from abroad, because we have instruments to fight it.“
  • „‚(…) the economy is ‚entering a self-defeating loop of negative growth‘, with rising deficits and debt ratios. (…) the economy is likely to contract by a further 0.2pc this year, with perilous effects on the country’s knife-edged debt dynamics. (…) Italy was one recession away from a full-fledged crisis, as it did not adequately address fiscal and structural issues in the past. Here we are now, with a crisis that looks almost unavoidable.“ – bto: was wiederum zeigt, dass man sich nicht aus der Überschuldung heraussparen kann. Es ist zu spät, um mit traditionellen Mitteln zu arbeiten. Dies gilt auch für andere Länder der Eurozone, ich denke auch für Frankreich.
  • „(…) the banks are under huge pressure. The downturn is tightening the noose on their non-performing loans, and now the ECB has told them that they must provision fully for all of these bad debts. There isn’t enough capital in the Italian banking system to cover this so the ECB is basically saying that the whole sector is bankrupt (…)“ – bto: Also, dass er das ist, wissen wir schon lange. Ich bezweifle aber, dass die EZB wirklich so weit gehen wird.
  • „Italian lenders cannot access the capital markets at viable cost, and most are shut out entirely. Unicredit had to pay Pimco a rate of 7.83pc to raise a $3bn bond in November.“ – bto: Was wissen wir mit Sicherheit? Hohe Zinsen beschleunigen den Bankrott enorm. Niemand, schon gar keine Bank, kann so hohe Zinsen im heutigen Umfeld verkraften.
  • „The more immediate worry is Italy’s relapse into its third recession in a decade, with economic output still 4pc below its previous peak and the debt ratio 30 percentage points higherat 132pc of GDP. Core inflation is pinned to the floor at 0.5pc, a near deflation trapthat makes it even harder to control the debt trajectory.” – bto: weshalb es eben nur geht, indem man radikale Schritte macht: Schuldenschnitt, Bankenrekapitalisierung. Alles politisch undenkbar und selbst wenn, mit der EU ist das nicht zu machen.
  • „The eurozone still lacks a pan-EMU deposit scheme to break the 2012  ‘doom loop’ between sovereign states and banking systems, each dragging the other down in a self-feeding crisis. ‚We desperately need to complete the banking union,‘ said Ana Botin, head of Santander.“ – bto: Übersetzung: Wir wollen, dass deutsche Steuerzahler für die italienischen Banken einstehen. Bekanntlich finde ich das höchst ungerecht, sind die Italiener doch viel reicher, als wir!
  • „Although the eurozone bail-out fund (ESM) could intervene in a crisis, this would come with stringent austerity demands and would require a vote in the German Bundestag. Berlin would push for some form of restructuring of Italy’s €2.34 trillion sovereign debt – the world’s third largest, and also twelve times the size of the Greek economy. This would have epochal consequences.“ – bto: niemals. Ich denke, die deutschen Politiker werden erneut einen Fudge“ suchen und finden. Es wird keine Abstimmung geben und auch keine direkte Hilfe. Eher lässt man Super-Mario direkt helfen.
  • „(Italy) might be tempted to activate their ‘minibot’ parallel currency, subverting monetary union from within and generating a different kind of crisis in Europe.“ – bto: Das wäre der Einstieg in ein rasches Ende des Euro – und zwar eines chaotisch, unkontrollierten, weil es zur Flucht aus dem System käme.
  • It is widely suspected that the northern creditor powers have refused to countenance any measure that could be perceived as succour for Italy’s populist coalition. There are also worries that the money will leak out through the Target2 payments system and push the Bank of Italy’s liabilities to the ECB above the psychological threshold of €500bn.“ – bto: Wenn es akut wird, werden diese Bedenken über Bord geworfen. Außerdem wissen wir – siehe Artikel von Hans Albrecht in der F.A.Z. und auch bei bto besprochen, wie einfach sich die TARGET2-Probleme durch ein paar Überweisungen verstecken lassen.
  • „(…) the Lega-Five Star budget plans have worsened the structural deficitfor years to come with spending on entitlement programmes that do nothing to raise productivity. The supply-reforms that Italy so badly needs have largely been shelved. (…) Pro-growth policies have disappeared. The focus on public investment has vanished. All the fiscal efforts went into the two flagship initiatives of rolling back the pension reform and introducing a basic income for all. Combine this with recession and Italy’s debt trajectory can quickly go parabolic.“ – bto: falsch. Die Schulden sind schon heute außer Kontrolle. Der Point of no Return liegt weit hinter uns.

Was zur Frage führt: Wird es uns wirklich so viel besser ergehen, als den Briten?

47 Kommentare
  1. Wolfgang Selig sagte:

    The Telegraph: „…psychological threshold of €500bn.“

    Wo bitte schön ist hier eine echte psychologische Schwelle? 90 % der Bevölkerung dämmern gedanklich bzgl. Target2 vor sich hin und die meisten Politiker wären auch bei 800 bn völlig entspannt, solange auf den Marktplätzen keiner demonstriert. Nicht einmal die Kapitalmärkte haben nach meiner Kenntnis bisher solche Zahlen als psychologisches Problem genannt. Meiner Meinung nach ist das eine unbegründete These des „Telegraph“.

    Paolo Savona: “If you make the banks raise capital in a downturn, you greatly complicate the problem,” he said.”
    Schon klar, der richtige Zeitpunkt für Dinge ist für einen Politiker: nie. Oder alternativ nach Ablauf der letzten eigenen Wahlperiode. Hier bin ich anderer Meinung als Herr Dr. Stelter, denn der richtige Zeitpunkt ist politisch gerade dann, wenn die italienische Regierung glaubt, Wohltaten wie die Rückabwicklung der Rentenreformen und die Einführung eines Basiseinkommens wären genau jetzt angesagt. Dann schadet es nichts zu sagen und zu zeigen, dass das in wirtschaftlich guten Zeiten okay wäre, aber Italien gerade nicht in guten Zeiten lebt.

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      • Dr. Arda Sürel sagte:

        Sehr geehrter Herr Stöcker,
        Ich möchte einen Aspekt erwaehnen: Ja die Buchung eines Kredites bedingt die Gegenbuchung einer Einlage. Und da Einlagen der Geldmenge zugerechnet werden, wurde durch die Kreditvergabe Geld geschöpft.
        Geht man jedoch davon aus, dass Geld nicht das ist, was auf einer Bilanz gebucht ist, sondern das, womit man zahlen kann, dann sollte man nicht mit der Beobachtung der Einlagenbuchung aufhören und sagen ‘das ist Geld’, sondern man muss ebenfalls beobachten, wie es überhaupt möglich ist, mit der gebuchten Einlage Zahlungen durchzuführen.
        In diesem Falle sieht man, dass die gebuchte Einlage nur dann als Geld in einer Zahlung verwendet werden kann, wenn es ein Bankensystem gibt, in dem die Transaktion der Überweisung bestimmt und möglich ist. Und um eine Überweisung, wie man sie kennt, durchführen zu können, ist die Existenz einer Zentralbank vonnöten, bei der die überweisende Bank nicht nur ein Konto hat, sondern es muss auch ein für die Überweisung ausreichender Betrag auf diesem Konto gebucht sein.
        Die gebuchte Einlage bei einer Bank kann also nur dann für eine Zahlung genutzt werden und somit Geld sein, wenn besagte Bank Bestandteil eines Bankensystems mit einer Zentralbank an der Spitze ist. Die korrekte Beurteilung der Frage nach der Funktionsweise des Geldes in modernen Finanzsystemen muss neben dem Kredit und der Einlage auch die Reservekonten der Banken und die Funktionsweise des gesamten Finanzsystems mit beobachten.
        Vor allem bei kleineren Banken spielt das Volumen des Reservekontos und die Frage ob dieses Reservekonto z.B. durch neue Spareinlagen oder Anleiheverkaeufe weiter aufgefüllt werden kann, bei der Kreditvergabe eine bedeutendere Rolle. Auch Fragen nach der Zahlungsfaehigkeit von Banken und das Entstehen von Bank-Runs haengen – ob wahrgenommen oder nicht – direkt mit dem Volumen des Reservekontos im Vergleich zu gegebenen oder erwarteten Abhebungs- oder Überweisungswünschen zusammen.
        Ich möchte deswegen in den Raum stellen, dass bei der Analyse der Frage der Funktionsweise oder des Wesens des Geldes in modernen Finanzsystemen weder bei der ‘Banken verleihen die Ersparnisse der Bürger’-Denkweise noch bei der ‘Kreditvergabe ist Giralgeldschöpfung’ – Vorstellung stehen geblieben wird, sondern dass die Funktion des Reservekontos, hinter dem die Struktur des gegebenen Bankensystems steht, mitbeobachtet wird.

      • Michael Stöcker sagte:

        Sehr geehrter Herr Sürel,

        vielen Dank für Ihre fachkundigen Anmerkungen. Völlig richtig weisen Sie noch einmal auf den Unterschied zwischen Bankengiralgeld (2. Ebene/Layer) und Zentralbankgeld hin (1. Ebene/Layer). Anscheinend war ich hier nicht deutlich genug. Und ja, insbesondere die kleineren Banken sind anfällig, da diese rein statistisch gesehen die Zufälligkeit von großen Überweisungssalden am Ende des Tages stärker trifft als große Banken.

        Aber:

        Genau aus diesem Grund haben sich die kleinen Banken zu Clearingzentralen zusammen geschlossen und sich zudem über Loro- und Nostrokonten gegenseitig abgesichert. Für all das benötigen die Geschäftsbanken KEIN Zentralbankgeld. Das kommt erst dann ins Spiel, wenn sich die Banken bzw. die übergeordneten Clearingzentralen ihre Salden am Ende des Tages nicht mehr gegenseitig über den Interbankenmarkt kreditieren. Und das geschieht insbesondere dann, wenn der Glaube und das Vertrauen in die Kreditvergabepolitik ins Wanken geraten. Persistente Leistungsbilanzdefizite sind ein sehr sicherer Indikator für solche Refinanzierungskrisen. Und erst dann kommen die Zentralbanken jenseits der homöopathischen Mindestreserve ins Spiel.

        Zur Funktion des Reservekontos: Je höher hier die Salden sind, desto größer ist die Zentralbankbilanz und desto größer ist das Misstrauen der Banken untereinander. Warum? Kreditkrisen sind Vertrauenskrisen (credere = glauben, vertrauen). Das größte Vertrauen genießt die Zentralbank; aber auch das kann man nicht unendlich strapazieren, da der Magic Money Tree (@ Herrn Ott) auch nur über begrenzte Wunderkräfte verfügt.

        Geld im Sinne des gesetzlichen Zahlungsmittels „Zentralbankgeld“ kommt also immer dann ins Spiel, wenn wir als Kunden unserer Bank auf Bargeld bestehen ((Teil)Ausgleich unseres Saldos) oder aber sich die Geschäftsbanken untereinander nicht mehr ihre Salden kreditieren. Beide Positionen bilden – jenseits der Mindestreservevorschriften – gemeinsam die Sondergeldmenge M0. Oder um es anders zu formulieren:

        „… die Funktion von Zentralbankgeld ist in einer Kontrollfunktion zu verorten, ob die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Ein- und Auszahlungen einer Bank den üblichen Bonitätsnormen des Bankensystems entspricht.“ https://soffisticated.wordpress.com/2013/10/24/geld-der-saldenausgleichstandard-von-geschaftsbanken/. Auch die anschließende Diskussion beleuchtet viele interessante Aspekte; insbesondere werden auch die Defizite der Eigentumsökonomik gestreift. Einer der Höhepunkte:

        „Die Erkenntnis von Geld ist nur unter Aufgabe des Wertbegriffes zu erreichen, aber leider sträubt sich das menschliche Gefühl gegen diesen Schritt aus dem Gefängnis der Imagination…“

        LG Michael Stöcker

    • Axel Jung sagte:

      Absolut lesenswerter Artikel, der die Dinge ins rechte Licht rückt. Danke für den Link.
      Die Schlussfolgerung gilt auch für Europa: „Policymakers will always know when the market is worried about the deficit. But no alarm bells ring when the government fails to rebuild decaying infrastructure, properly fund preschools, or provide access to health care. The results of that kind of neglect show up only later— but the human cost is often far larger. It’s time for …[governments] to put away its debt obsession and focus on bigger things.“ Sehr richtig!
      Insbesondere, solange man nicht gewillt ist, eine der Hauptursachen für die steigende Verschuldung in Angriff zu nehmen: dass heute alle sparen wollen, aber zu wenige (Private) sich verschulden möchten. In einem Umfeld, in dem selbst der Unternehmenssektor seit Jahren kontinuierlich hohe Finanzüberschüsse ausweist, bleibt ja nur noch die öffentliche Hand als Schuldner übrig.

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  2. Zweifler sagte:

    Sehr interessant wäre, wenn Sie, Herr Stelter, ein Szenario entwerfen würden, was in Deutschland und den anderen „Nordländern“ (in Italien kann ich mir’s schon vorstellen) mit dem „kleinen Mann auf der Straße“ alles geschehen würde, sollten Italien und Frankreich heute austreten.
    Akademische Diskussionen in der warmen Stube sind herrlich interessant, aber ich möchte gelegentlich wissen, was mit mir ganz praktisch passiert, wenn die Eurozone auseinanderfällt.

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    • Axel Jung sagte:

      Wenn Sie das erst mal wissen, werden Sie alles daransetzen, die Eurozone – auch eine schlecht funktionierende – zu erhalten. Das ist dann nämlich immer das kleinere Übel.
      Die Politik hätte schon längst die Reissleine gezogen, wenn sie eine Idee hätte, wie man aus der Euro-Nummer ohne allzu grossen Schaden wieder rauskommt. Da niemand will, dass sich ein solcher Schaden materialisiert, bleibt nur die Suche nach einer geeigneten Vorwärtsstrategie. Das bisherige Maastricht-Regime ist als langfristiges Zukunftsszenario denkbar ungeeignet. Besser man stellt sich rechtzeitig darauf ein.

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      • Zweifler sagte:

        Darauf einstellen kann man sich nur, wenn man weiß. Also könnte sich doch einer der Erleuchteten hier im Forum die Mühe machen, so ein Szenario zu entwerfen, anstatt gefühlt zweimal täglich über das Geldsystem oder Target 2 zu schwadronieren.
        Aber da traut sich vermutlich dann doch niemand drüber.

      • Thierry sagte:

        @ A.J.
        Das Problem ist, dass niemand einen Plan B hat. Fragen Sie doch den Bundesbankpräsidenten danach!
        Ich habe in meinem Pilotenleben über 11’000 Flugstunden, zum grossen Teil in Experimentaltypen oder Luftrennen, ohne Schaden
        überstanden. Die oft mehr als haarigen Situationen zähle ich gar nicht mehr. Dennoch habe ich ausnahmslos jedes Flugzeug als ganzes und sanft zurückgebracht. Ganz einfach, weil ich immer einen Plan B im Kopf hatte und im Ernstfall danach handelte. Ohne diesen Plan B ging nichts. War der Flugauftrag zu komplex, zerlegte ich ihn in einzelne, überschaubare und beherrschbare Module.
        In meinem übrigen Leben (ich habe auch Wirtschaft studiert) handle ich nach demselben Prinzip. Das zahlt sich aus!

        Ist dieses Verfahren zu viel verlangt von Politikern?

      • Axel Jung sagte:

        @Thierry:
        Vielleicht ist das zuviel verlangt.
        Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass man eine Währung nicht „zur Probe“ einführen kann (und darunter verstehe ich jedes bereits bei Einführung ausgearbeitete Ausstiegskonzept – bei Ihnen; der Plan B). Denn dann muss jeder Davon ausgehen, dass jederzeit diese Währung wieder einkassiert wird. Ein solches Szenario kann ich mir in der Praxis nicht vorstellen.
        Aus heutiger Sicht stellt es sich so dar, dass die Erwartungen an die Funktionsfähigkeit des Euroraums sicher überzogen waren. Nur helfen diese Erkenntnisse nicht weiter. Die Situation ist wie sie ist: der Euro ist Realität und seine Abschaffung wird zwingend zu grossen Verwerfungen und Kosten führen – und zwar auch dann, wenn wir alle, die damals die Entscheidung getroffen haben, verdammen.

      • Pipi Langstrumpf sagte:

        @ Axel Jung

        Das ist sie wieder die Pipi Langstrumpf economy:

        – alle sparen wollen, aber zu wenige (Private) sich verschulden möchten

        Das kommt davon wenn man Qualität und Quantität verwechselt.
        Investitionsgüter unterlagen derselben sektoralen Deflation wie Löhne und zwar für alle die nach 1989 nicht globalisieren wollten oder konnten.

        Eine Maschine, die 1980 im Wert einem Einfamilienhaus entsprach würde beim gleichen Preis heute nur für eine 3ZKB ETW genügen. Der Preis ist aber gesunken, weil diese Typen mittlerweile aus Asien stammen und entsprechen je nur noch einer 1ZKB ETW in einem schäbigen Viertel.

        Die absolute Summe von Investitionen ist histrorisch nicht vergleichbar.
        Die Inflationstheorie ist real nicht haltbar, wenn nur der Staat, bevorzugte Industrien und in der Folge Immoblien inflationiert werden.

        Ganz im Gegenteil verstärkt z.B. die Autoindustrie die Deflation wenn sie ihre Lieferanten ins Ausland zwingt, man Preisnachlässe f. Produktivitätswachstum nimmt und man mit hoher Automatisation einen Arbeitsplatzabbau anstrebt.
        Die Folgen auf Löhne, Kaufkraft und Mieten sind divers…

        Der Staat kann dagegen gar nichts machen, solange die Grenzen offen sind.
        Jeder Sprung in eine fiktive Nachfragelücke ist sinnlos, wenn ein Rückgang mit Problemen bei der Rentabilität = Deflation einher ging.

        Jede ausgewiesene Gewinnsteigerung ist relativ, wenn die Waren die man kaufen könnte etweder zu teuer sind (Aktien, Immo, Anleihen) und oder unrentabel. Das gilt für FED, ETB, BoJ und Co.

        Die Mauer bräuchten wir nicht nur gegen Abwanderung von Arbeitsplätzen, Auslandsexport von Kapital sondern auch gegen die Flucht von Menschen vor dieser Politik. Bisher floh man ins Rentensystem, aber leider sind nicht alle alt genug….

        Besser als Geld sparen, welches man nicht braucht, wäre es gewesen erst gar nicht zu arbeiten. An dieser individuellen Erkenntnis arbeitet die Bundesregierung mit Hochdruck – die schaffen das, garantiert.

      • SB sagte:

        @Axel Jung:

        „Denn dann muss jeder Davon ausgehen, dass jederzeit diese Währung wieder einkassiert wird. Ein solches Szenario kann ich mir in der Praxis nicht vorstellen.“

        Deshalb gab es auch nie einen Plan B. Und jetzt kann ihn, besser dessen Folgen, sich niemand in der Politik vorstellen bzw. mag gar nicht darüber nachdenken. Es gilt: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. (Sozialistische) Planwirtschaft eben. Auch die hat allerdings ein Ende, wie wir in der Geschichte zur Genüge beobachten durften. Und das wird auf keinen Fall bequemer, als ein „geordneter“ Ausstieg.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Axel Jung

        >Wenn Sie das erst mal wissen, werden Sie alles daransetzen, die Eurozone – auch eine schlecht funktionierende – zu erhalten. Das ist dann nämlich immer das kleinere Übel.>

        So ist es – einfachste Logik.

        Sie müssen es freilich noch nicht einmal wissen, Sie brauchen nur ÜBERZEUGT davon zu sein, dass ….

        Und deshalb hat auch niemand einen Plan B, @ Thierry zieht einen falschen Vergleich, wie sie mit Ihrer Antwort festgestellt haben.

        Im Übrigen:

        Wenn es einen Plan B gäbe, würde das heißen, dass man mit einem Zerfall der Eurozone rechnet und dann den Plan B einsetzen wird.

        Das wäre nach Lage der Dinge und obiger Logik entsprechend kontraproduktiv.

        Sie liegen m. A. n. aber auch falsch, wenn Sie sagen:

        >In einem Umfeld, in dem selbst der Unternehmenssektor seit Jahren kontinuierlich hohe Finanzüberschüsse ausweist, bleibt ja nur noch die öffentliche Hand als Schuldner übrig.>

        In diesem Umfeld MÜSSTE die Politik überlegen, WARUM der Unternehmenssektor zu hohe Finanzüberschüsse ausweist und sie müsste sich Maßnahmen überlegen und gegebenenfalls ergreifen, die den Unternehmenssektor veranlassen, sein Finanzüberschüsse abzubauen.

        Erst wenn das ernsthaft verfolgt worden ist, aber trotzdem nicht zum Abbau der Finanzüberschüsse geführt hat, kann man von einem „bleibt nur noch übrig“ der öffentlichen Hand sprechen.

        Vorher nicht.

      • Axel Jung sagte:

        @ Pipi Langstrumpf: „Das kommt davon wenn man Qualität und Quantität verwechselt.“
        Die Tatsache, dass alle sparen und keiner sich verschulden will, ist mE zunächst mal rein quantitiativ. Es geht darum, den Kreislauf aufrecht zu erhalten und ausreichend Nachfrage sicherzustellen (vorzugsweise für Investitionen). Anderenfalls wird eine (arbeitsteilig organisierte) Gesellschaft, in der man Menschen bei Strafe des eigenen Untergangs zur Teilnahme am Produktionsprozess zwingt, ziemlich schnell ziemlich instabil.

        „Besser als Geld sparen, welches man nicht braucht, wäre es gewesen erst gar nicht zu arbeiten. “ Richtig, aber auch das funktioniert nur dann, wenn die verbleibende Arbeit so verteilt wird, dass alle noch „gebraucht“ warden und keiner „überflüssig“ zurück bleibt.

        „Der Staat kann dagegen gar nichts machen, solange die Grenzen offen sind.“
        Unsinn. Mit dieser Auffassung können wir uns – konsequent zu Ende gedacht – alle miteinander auch gleich jetzt einen Strick kaufen.
        Eine Gesellschaft, die ihren Gestaltungswillen aufgegeben hat, ist dem Untergang geweiht.

      • SB sagte:

        @Axel Jung:

        Dann erklären Sie bitte einmal, was Sie unter dem Begriff Neoliberalismus verstehen und subsumieren die (Euro-) Situation darunter. Das bitte unter Berücksichtigung des obersten EU-Euro-Zieles „Konvergenz“, die zwar nicht – wie propagiert – in den Lebensverhältnissen erreicht wurde und wird, aber bezüglich der Zinsen auf die Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer.

      • Pipi Langstrumpf sagte:

        @ Axel Jung

        Wenn der private Teil der Gesellschaft keine Lust hat Schulden zu machen, kann der Staat beide ersetzen um seinen Kreislauf aufrecht zu halten?
        Für die Ursachen der Unlust oder ihre Abstellung ist der Staat nicht zuständig
        ?
        Auf Dauer führt dieser Versuch in die Planwirtschaft und private erzielen Einnehmen trotz Verschuldungsverweigerung! Unternehmerisches Risiko sozialisiert!

        — „verbleibende Arbeit“ — „alle gebraucht“ — „zurück gelassen“ —
        Wie verändert sich die verbleibende Arbeit, wenn der Migrationspakt 1:1 umgesetzt wird und die Demographie zeitgleich Fachleute aufs Altenteil schickt, wegen körperlichem Verschleiß?

        — „Der Staat kann dagegen gar nichts machen, solange die Grenzen offen sind.“. —

        Solange die Grenzen für Arbeitskräfte (Flucht aus politischen Gründen), Kapital (Flucht aus politischen Gründen) und Waren- Dienstleistungen (Import wegen ausländischem Wettbewerbsvorteil) offen bleiben, haben sie vollkommen Recht. Konsequent zu Ende gedacht wäre das ein Ende für die Privatwirtschaft und nur Beamte & öffentlicher Dienst könnten für die Versorgung der Daheimgebliebenen und Hinzugekommenen aufkommen.

        # einfach mal nachdenken.

      • Richard Ott sagte:

        „Wenn Sie das erst mal wissen, werden Sie alles daransetzen, die Eurozone – auch eine schlecht funktionierende – zu erhalten. Das ist dann nämlich immer das kleinere Übel.“

        Immer? Vorsicht mit solchen apodiktischen Äußerungen! Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Wähler mehrheitlich ganz erstaunliche Entscheidungen treffen können, wenn der Leidensdruck nur groß genug ist.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Die Aussage ist nicht apodiktisch.

        Es ist eine Feststellung, die sich auf Sachverhalte der Vergangenheit bezieht, z. B. auf die „Rettung“ Griechenlands gegen die Mehrheit der Bevölkerung.

        Allerdings:

        „alles dransetzen“ heißt nicht erfolgreich sein.

        Insoweit:

        Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das „größere Übel“ ereignet.

        Ich habe weiter unten in meiner Antwort auf @ Arda Sürel darauf verwiesen, wie das m. A. n. zu verstehen ist.

      • Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer

        Ich glaube trotzdem nicht, dass die Aussage richtig ist, egal ob die Bemühungen zum Erhalt der Eurozone erfolgreich sind oder nicht.

        Wieso soll es „immer“ besser sein, ein dysfunktionales System (aus dem „immer“ folgt dann hier ein „ewig“) weiter zu erhalten als es abzuwickeln, selbst wenn diese Abwicklung mit einmaligen schweren Nachteilen verbunden ist? Das halte ich für eine grundsätzlich falsche Aussage, und falsch wird sie durch das kategorisch gesetzte „immer“.

      • Horst sagte:

        ad Richard Ott (mein Kommentar von gestern, der gut passt zu Ihrem Kommentar an diesem Strang):

        Lieber Richard,

        definieren Sie doch bitte einmal den Begriff „ordnungspolitisch“.

        Da ich Nicht-Wähler bin, kenne ich den nächsten Wahltermin nicht, ebenfalls erinnere ich mich nicht, Maßnahmen skizziert zu haben.

        M.A.n. ist Ihr Blick strikt insolvenz-rechtlich geprägt. Wann bitte, Ihrer Ansicht nach, haben Staatsbankrotte dem Großteil der Bürger gedient? Mit ein wenig mehr Verständnis für Wirtschaftsgeschichte, z.B. in Bezug auf den debt-driven deutschen Boom der 20er Jahre (aber auch das Märchen der goldenen 20er ist bei genauer Betrachtung unverständlich, waren es doch circa 5 eher bessere Jahre von 1924 – 1929), dem folgenden – glücklicherweise nicht 1000jährigem -„ordnungspolitischen“ Desaster sollte Sie Ihre Positionen überdenken lassen.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Ich verstehe, was Sie meinen.

        Sie haben vollkommen recht, wenn Sie mit „immer“ meinen „irgendwann NACH der Abwicklung“.

        Darauf bezogen, ist es sicher nicht immer besser, die Eurozone zu erhalten. Denn irgendwann nach dem Zerfall bzw. der Abwicklung ist vermutlich eine Situation entstanden, die vorteilhafter ist als zum Zeitpunkt, an dem man nicht abgewickelt hat.

        Kann man sehr sicher sein, dass eine solche Situation in absehbarer Zeit eintritt, SOLLTE man abwickeln.

        Meinem Verständnis nach meint Axel Jung dies jedoch nicht (im Kontext der Diskussion).

        Ich glaube, dass er meint:

        Wenn man weiß, was der Zerfall bzw. die Abwicklung UNMITTELBAR bedeuten, dann wird man ihn/sie verhindern mit Blick auf diesen Sofortfolgezustand.

        Wenn man ihn so versteht, muss man ihm recht geben.

      • Richard Ott sagte:

        @Herr Tischer, Horst

        „Wenn man weiß, was der Zerfall bzw. die Abwicklung UNMITTELBAR bedeuten, dann wird man ihn/sie verhindern mit Blick auf diesen Sofortfolgezustand.“

        Das klingt schon vernünftiger, ist aber nur dann richtig, wenn die Angst der Akteure vor der schmerzhaften Bereinigung des dysfunktionalen Systems größer ist als die Hoffnung auf eine zukünftige bessere Lage. Das sind analoge Argumentationsmuster wie bei der Brexit-Debatte in UK. Was ist schlimmer: Für immer in der EU gebunden zu sein weil die unmittelbaren Folgen eines Austritts als unerträglich schlimm eingeschätzt werden, oder die schmerzhafte Trennung wagen um zukünftig wieder selbstbestimmt handeln und wirtschaften zu können, mit potentiell für UK viel besseren Ergebnissen?

        Zum Thema Ordnungspolitik/Insolvenzen:
        Natürlich sind Insolvenzen schmerzhaft, deshalb versucht jedes Unternehmen und jeder Staat ja unbedingt, seine eigene Insolvenz zu vermeiden. Die Verschleppung einer Inolvenz hat aber auch negative Konsequenzen. Sie führt in der Regel dazu, das die Gläubiger immer weiter geschädigt werden, weil der im Rahmen einer Abwicklung noch erlösbare Forderungsanteil mit der Zeit immer weiter sinkt. Deshalb ist Insolvenzverschleppung in unserem Handelsrecht auch ein Straftatbestand.

        Denken wir ein bisschen weiter und überlegen wir ganz grundsätzlich: Wenn Insolvenzen so schrecklich sind wie Sie ängstlich behaupten, wieso lassen wir dann überhaupt welche zu? Der Staat könnte auch alle insolventen Unternehmen (und andere insolvente Staaten auch außerhalb der Eurozone, denken Sie zum Beispiel an Argentinien – und hat Deutschland nicht eine globale Verantwortung und die moralische Verpflichtung, die ganze Welt zu retten?) mit Rettungspaketen ausstatten, um das aufgezehrte Kapital wieder aufzufüllen beziehungsweise über Kredite mit Nullzins und aufgeschobener Tilgung wieder liquide zu machen. Wir hätten dann irgendwann eine sozialistische Planwirtschaft voller staatsfinanzierter Zombie-Unternehmen und ganzer Zombie-Staaten, die ohne Hilfe nicht mehr überlebensfähig wären und auch keinen Anreiz hätten, irgendetwas an ihrer eigenen Lage zu ändern, denn wenn es Probleme gibt, kommt ja das nächste Rettungspaket. Wie immer im Sozialismus läuft das so lange, bis das Geld anderer Leute aufgebraucht ist, das man so verteilen kann. Und dann kommt trotzdem eine schwere Krise, die allerdings viel schlimmer ist, als wenn Sie die Strukturen bei den ersten Anzeichen von Problemen bereinigt hätten.

        Da im Nachbarthread schon wieder das böse Wort vom „Klimaleugner“ fiel, komme ich auf noch eine Frage: Bei der Klimadiskussion geht das Argument der Grünen (jetzt auch mit fanatisierten streikenden Schulkindern) so, dass eine katastrophale Entwicklung droht, wenn wir nicht sofort handeln und dass es verantwortungslos und auch moralisch inakzeptabel wäre, nicht sofort und radikal das System zu verändern weil wir dann nachfolgenden Generationen unlösbare Probleme mitgeben würden. Und hier beim Thema Euro-Krise wird genau umgekehrt argumentiert. Wie passt das zusammen?

      • Axel Jung sagte:

        @SB
        Stichworte: unabhängige und keiner demokratischen Kontrolle unterliegende Notenbank (sogar unabhängiger als die Bundesbank), alleinige Verpflichtung der Notenbank auf die Steuerung der Inflation, Fixieriung sinnbefreiter Defizit- und Verschuldungskriterien, der hinter all dem stehende Glaube an das Funktionieren einer „regelgebundenen“ Wirtschaftspolitik;
        Überbetonung der Interessen von Unternehmen und Unternehmern; Fokussierung auf die sog. „Wettbewerbsfähigkeit“,…
        Wenn Sie das alles nicht sehen können oder wollen, hat sich jede weitere Diskussion aufgrund ideologischer Verblendung erledigt. We agree to disagree.

    • Wolfgang Selig sagte:

      @Zweifler:

      Herr Dr. Stelter wird vermutlich keine Prognose wagen, um nicht seinen Ruf zu beschädigen und als Crashprophet eingestuft zu werden, der in die ARD oder bei Cicero dann nicht mehr eingeladen werden würde, da er gerne Spekulationen in die Welt setzt. Dann versuche ich mich mal an dem Job, da gibt es kein Beraterimage, das verloren gehen kann^^:

      Die EZB und / oder die Bundesbank werden alle systemrelevanten Institutionen (Staaten, Banken, Versicherungen, Bundesländer, Sozialversicherungen, etc.) mit frisch geschaffenem Geld / Kredit / Bürgschaften / Kapital / Platzhalter für ähnliche Begriffe „retten“ und das allgemeine Preisniveau schrittweise in die Höhe treiben. Zur Zeit schon zu sehen an die hiesigen Immobilienpreisen.

      Nominalanlagenbesitzer verlieren real noch weiter (z.B. Inhaber von Bargeld, Anleihen, Sparbüchern, Girokonten, etc.), Realwerteigentümer und Schuldner profitieren tendenziell.

      Welche Währung (Euro, Nord-Euro, Rumpf-Euro) dann gerade bei uns herrscht, ist mit einer Ausnahme bis auf den Wechselkurs zu anderen Ländern weitgehend egal, der aber im Einzelfall (z.B. Wechselkurs gegenüber dem $ oder einem neu geschaffenen Frz. Franc) sehr wichtig werden kann. Bei einem Dexit (eben die o.g. Ausnahme) und einer neu geschaffenen D-Mark ist allerdings von einer Aufwertung und einem massiven Exporteinbruch auszugehen. Ihr berühmter kleine Mann auf der Straße würde beispielsweise seinen Job bei VW, Bosch, BASF oder BMW vermutlich erst einmal verlieren, nicht aber seine nominalen Ersparnisse, da sein Kreditinstitut auch gerettet wird. Auslandsreisen ans Mittelmeer würden vermutlich schlagartig billiger werden, sofern man noch genügend Geld dafür hat. Die Arbeitslosenversicherung geht in die Knie, die öffentlichen Haushalte auch. Beide werden auch von der Notenbank „gerettet“. Die Politik reagiert hysterisch und versucht vor allem laufende Zahlungen z.B. der Rentenversicherung, der Krankenversicherung oder Arbeitslosenversicherung am Laufen zu halten und die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten u.ä. zu sichern.

      So in etwa könnte ich mir den Austritt Italiens oder Frankreichs vorstellen, der m.E. nicht kommen wird. Am Brexit Ende März werden wir erstmals erleben, was ein Austritt aus der EU in der Praxis bedeuten kann. Dann wissen wir mehr.

      Antworten
      • Michael Stöcker sagte:

        @ Wolfgang Selig

        Vielen Dank für Ihren Einstieg in das (Katastrophen)Szenario. Bei einigen Punkten habe ich aber erhebliche Kopfschmerzen.

        „und das allgemeine Preisniveau schrittweise in die Höhe treiben.“

        wie stellen Sie sich das ganz konkret vor, jenseits naiver monetaristischer Geldmengenkonzepte? Die vermutliche Aufwertung der DM wird eher einen deflationären Schub bewirken, da sich die importierten Vorprodukte massiv verbilligen werden. Nachfrageschwäche aus dem Ausland sowie steigende Arbeitslosigkeit im Inland drücken ebenfalls auf die Preise.

        Insofern werden mAn insbesondere die Geldbesitzer profitieren und die Gesellschaft/Wirtschaft zusätzlich paralysieren, da der Atavismus belohnt wird.

        Die vielbejammerten TARGET-Salden werden dann durch massive Devisenmarktinterventionen der Bundesbank in „edle“ und „werthaltige“ Devisenreserven in Form von Lira, Franc & Co. transformiert.

        Alle weiteren Folgen bezgl. Altschulden hat Herr Sürel in der Tat sauber durchdekliniert. Ausnahme: Der Umstellungskurs wird vermutlich 1:1 sein und eine Hyperinflation käme erst nach einer großen Depression, die dann auch alle gesunden Unternehmen unter sich begraben würde (Liquidate, Liquidate… Mellon). Hoffentlich haben alle Zentralbanken und Finanzpolitiker aus 1929 gelernt und werden jenseits nationaler Egoismen dann genauso gut kooperieren wie 2007/2008.

        LG Michael Stöcker

    • Arda Sürel sagte:

      Szenario Italien tritt aus und führt die Lira (abgewertet zum seinerzeitigen Euro-einführungskurs von ca. 2000 Lira = 1 Euro um die Exporte konkurrenzfaehig zu halten) zum Kurs von 2.500 Lira zu 1 Euro wieder ein.

      Der grosse Hieb dürfte von den Altschulden kommen: Die italienische Bank (oder Firma, oder Privatperson) x schuldet vor der Neueinführung der Lira der deutschen Bank y 100 Millionen Euro.

      Sollte die deutsche Bank nach der Neueinführung auf Rückzahlung in Euro bestehen, muss die italienische Bank am Faelligkeitstag Euro erwerben. Selbst wenn der Kurs von 2.500 zu 1 bei den Ex- und Importverhaeltnissen nach Wiedereinführung zu einem Devisengleichgewicht führen sollte, wird der Überhang an Verbindlichkeiten italienischer Adressen gegenüber Euro-Glaeubigern zu einer Zusatznachfrage nach Euro und zu einer Abwertung der Lira z.B. auf 3000:1 führen.

      Wenn die italienische Bank also ihre 100 Millionen Euro Schuld am Stichtag, der nach der Wiedereinführung liegt) begleichen will, muss sie 300 Milliarden Lira dafür aufwenden. In ihrer Bilanz am ersten Tag nach der Wiedereinführung der Lira war besagter Kredit noch mit einem Lira-Gegenwert von 250 Milliarden gebucht, die italienische Bank hat zusaetzliche Aufwendungen/Verlust von 50 Milliarden Lira.

      Ich vermute, dass die Schulden italienischer Adressen an Euro-Glaeubiger im dreistelligen Millarden Euro Bereich liegen. Man kann also recht verlaesslich davon ausgehen, dass im Falle eines Austritts ohne Schuldenrestrukturierung italienische Schuldner vollumfaenglich pleite sein dürften. Bei den Volumina um die es geht, dürften dann auch die europaeischen Glaubiger nicht lange überleben.

      Die umfassende Pleite italienischer Banken dürfte zur umfassenden Pleite im Euroraum verbleibender Banken führen. Entweder die einzelnen Staaten oder die EU-Ebene müssten das Bankenwesen verstaatlichen und es rekapitalisieren und die Wahrscheinlichkeit einer Hyperinflation im Euroraum waere sehr sehr hoch.

      Antworten
      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Arda Sürel

        Sauber durchdekliniert.

        Weil die Folgen so sind, wie Sie sie beschreiben, denkt auch niemand daran, die Eurozone WILLENTLICH zu verlassen, d. h. es plant niemand darauf hin.

        Und deshalb arbeitet auch niemand an einem Plan B.

        Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass jemand die Eurozone „VERSEHENTLICH“ verlässt, weil z. B. die Bevölkerung eine Regierung gewählt hat, für die das Verlassen die ULTIMA RATIO politischen Handelns ist.

        Ich habe VERSEHENTLICH in Anführungszeichen gesetzt, weil es letztlich ein Versehentlich nicht gibt, sondern jegliches Handeln, also auch ein Austritt immer auf Ursachen bzw. Gründen beruht.

        Wenn ich den Begriff „versehentlich“ gebrauche, meine ich daher „nicht zu erwarten war“.

  3. Bakwahn sagte:

    Hier sind mal wieder die Katastrophentheoretiker zu Gange. Man hat fast den Eindruck als wünsche man sich den Crash, als fiebere man den Zusammenbruch, „das Vor-die-Wand-fahren“ herbei.
    Aufgrund einer nüchternen Analyse der finanziellen Situation Italiens müssen Ökonomen und Finanzexperten wahrscheinlich zu solch bedrohlichen Diagnosen und Prognosen kommen. Der Sachverstand sagt, ja, jetzt setzt die Katastrophe ein.
    Aber ihr überseht, daß auf der anderen Seite auch Leute mit Expertenwissen sind, die im rechten Moment das richtige tun werden.

    !!!Und zwar mit der Hilfe von SuperMarios EZB!!!
    Wo die Gefahr steigt, wächst das Rettende auch.

    Ihr unterschätzt die Macht, die vielfältigen Möglichkeiten und den enormen Einfallsreichtum der EZB. Die EZB ist an nichts mehr gebunden. Sie hat totalen Freiheitsspielraum. Es gibt keine Gesetze, Statuten, Verträge mehr. Sie hat von sämtlichen maßgeblichen europäischen Führungseliten freie Hand bekommen. Sie wird gerade auch im Falle Italiens alles tun und alles einsetzen, um tödliche Krisen beim Staat, bei Banken und großen Unternehmen etc. gar nicht erst ausbrechen zu lassen.
    Die Politik und die EZB wollen den Euro retten und erhalten, alle im Euro halten, in keinem wichtigen Bereich (z.B. bei Banken) eine tödliche Situation zulassen. SuperMario wird es richten. Er und seine Truppe wird es auch weiterhin mit großem Eifer und innovativem Erfindungsreichtum tun. Man darf andere nicht für blöd und sich selbst für superklug halten.

    Live vom Golf von Siam
    30. Januar 2019 – 18 Uhr Ortszeit
    Felix Haller

    Antworten
    • Dietmar Tischer sagte:

      @ Bakwahn

      >Die Politik und die EZB wollen den Euro retten und erhalten, alle im Euro halten, in keinem wichtigen Bereich (z.B. bei Banken) eine tödliche Situation zulassen.>

      Das ist so – unstreitig also.

      >SuperMario wird es richten.>

      Das ist die Frage.

      Es ist zwar noch nicht ganz so, wie Sie sagen, dass es sei, aber es kann durchaus dazu kommen. Nehmen wir also einmal an, dass es tatsächlich so sei:

      >Die EZB ist an nichts mehr gebunden. Sie hat totalen Freiheitsspielraum. Es gibt keine Gesetze, Statuten, Verträge mehr. Sie hat von sämtlichen maßgeblichen europäischen Führungseliten freie Hand bekommen.>

      Ich glaube, dass die EZB mit diesem Freiheitsspielraum zwar das Finanzsystem stabilisieren könnte, aber nicht die Realwirtschaft in einen Zustand versetzen würde, der in JEDEM Fall gesellschaftliche Zustimmung hervorriefe.

      Geld allein richtet es nicht.

      Antworten
    • Wolfgang Selig sagte:

      @Bakwahn: Ich gebe Ihnen grundsätzlich recht mit der Einschränkung, dass die EZB die Verwässerung der Kaufkraft des Euro nicht übertreiben darf. In dem Moment, wo die EZB über die Stränge schlägt und der Bürger renitent wird, schwindet sofort die Unterstützung der europäischen Führungseliten. Auf diesem Grat muss die EZB balancieren, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.

      Antworten
      • Horst sagte:

        ad Herr Selig:

        „….schwindet sofort die Unterstützung der europäischen Führungseliten. Auf diesem Grat muss die EZB balancieren, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.“

        Meiner Ansicht nach sind die beiden genannten Punkte nicht relevant. Den Führungseliten (1) (und auch den Eliten (2)) kann die Verwässerung der Kaufkraft gleich sein. (1) passt die Gehälter fortwährend an die Verwässerung an (Inflationsausgleich). (2) ist in Sachwerte investiert, deren Erträge die Verwässerung um ein Vielfaches übersteigen.

        Ebenso frage ich, ob sich die EZB aufgrund ihrer schieren Machtfülle (als LoLR) zugleich im Wettlauf mit den anderen führenden ZB in dieser debt-driven Phase je in Gefahr können bringen wird.

      • Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        Wir sind zwar meilenweit davon entfernt, aber eine Hyperinflation ist nicht ausgeschlossen.

        Sie wäre den Führungseliten nicht egal, weil sich die Menschen nicht mehr führen lassen.

        In diesem Szenario politisch-sozialer „Unordnung“ wäre auch die Notenbank in Gefahr – als Institution, zumindest zeitweise.

        Man muss nicht zu sehr mit einem solchen Szenario argumentieren, aber vollständig auszuschließen ist es auch nicht.

      • Horst sagte:

        ad Herr Tischer:

        Die Psychologie der Menschen (oder aber der Masse) hat sich bis heute nicht meiner Ansicht nach nicht verändert. Die Instrumente, die Masse zu führen sind vergleichbar mit früheren.

        Selbst in der letzten Hyperinflation-Phase von 1914-1923 ließen sich die Menschen führen, von der Monarchie, der Sozialdemokratie oder aber dem aufkommenden Kommunismus, später von diversen nationalistischen Strömungen.
        Die Reichsbank als Institution existierte ohne nennenswerten Reputationsverlust fort, obwohl Auslöser dieser Inflation.

        Mit Rückblick darauf, zweifele ich sehr daran, die EZB auch nur in der Nähe einer Gefahr zu verorten.

        Von einer Hyperinflation sind wir m.A.n. sehr weit entfernt – selbst von einer moderaten Inflation.

        https://de.statista.com/statistik/daten/studie/72328/umfrage/entwicklung-der-jaehrlichen-inflationsrate-in-der-eurozone/

  4. Bakwahn sagte:

    @Zweifler
    Alle diese „Rettungsmaßnahmen“ haben den Euro bereits lirarisiert. Er ist zur Weich- und Ramschwährung verkommen. Der Außenwert sinkt allmählich aber stetig ins Bodenlose.
    Ich merke das am Wechselkurs.
    In den ersten Jahren nach der Einführung des Euro glaubte die Welt, der Euro sei eine vergrößerte DM und die EZB funktioniere wie die ehemalige Bundesbank.
    In den ersten Jahren 2002 bis ca. 2006 gab es 50 bzw. 52 thailändische Baht für den Euro heute 35!!! Das ist ein Wertverlust von ca. einem Drittel.
    Ich merke das schmerzlich in der Reisekasse.

    Das gilt natürlich auch für die anderen südostasiatischen Währungen:
    Für einen Euro gibt es 35 Baht. Tendenz: in ein paar Tagen oder Wochen möglicherweise weiter fallend.
    Für einen Euro gibt es 9700 laotische Kip
    Für einen Euro gibt es 1700 burmesische Kyat
    !!! Das ist eine Katastrophe. Bei einem Nordeuro gäbe es stattdessen ein gutes Drittel mehr !!!
    Also eins zu ca. 52 Baht
    Eins zu 13.000 Kip
    Eins zu 2.300 Kyat

    Der fallende Außenwert des Euro ist das erste Opfer der „Eurorettung“.
    Der weiche Außenwert wird zu einem ganz allmählichen Siechtum der deutschen Wirtschaft führen. Sie verliert an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit.
    Einfach gesagt: Niemand braucht sich anzustrengen. Deutsche Firmen verkaufen ihre Produkte und Dienstleistungen aufgrund ihrer Billigkeit wie warme Semmeln. Man vergisst darüber, sich ständig zu verbessern, Neues zu entwickeln, neue Geschäftsfelder zu erschließen.
    Ich weiß, etwas laienhaft formuliert. Aber dennoch richtig.

    Live vom Golf von Siam
    30. Januar 2019 – 18.40 Uhr Ortszeit
    Felix Haller

    Ich gehe jetzt an die Strandbar und zelebriere ein paar Flaschen Chang-Bier, mit T-Shirt und kurzer Hose bei 27 Grad. Es gibt ein paar nette Mädels hier.
    Neidisch?
    Steigt in nen Flieger.

    Antworten
  5. troodon sagte:

    „The downturn is tightening the noose on their non-performing loans, and now the ECB has told them that they must provision fully for all of these bad debts. “
    Es wird endlich Zeit, dass es verbindliche Regeln für das Abschreiben NEUER NPE gibt.
    Die EZB hatte bekanntlich kürzere Fristen geplant, als sie jetzt kommen sollen. 3 Jahre für NEUE unbesicherte NPE und 9 bzw. 7 Jahre bei besicherten NEUEN NPE. 7 oder 9 Jahre ist abhängig von der Art der Besicherung. Diese geplanten Regelungen betreffen nicht die Bestands-NPE . Von daher verstehe ich die Kritik vom Guardian daran nicht, dass man jetzt endlich tätig wird. Zu kritisieren ist, dass es diese Regel (oder ein schärfere) nicht schon bisher gab.

    Und auch die Kritik:
    „Italian lenders are now being forced to rein in credit as the ECB imposes draconian capital requirements when the country is already in a technical recession, and in the midst of a serious economic slowdown across the eurozone.“
    teile ich nicht.
    In dem verlinkten Artikel geht es um die Banca Carige, die unter EZB Aufsicht gestellt wurde, weil die Bank, die per Q3 2018 eine Netto-NPE Quote von 15,7% (Brutto 27,5 !!!) hatte, nicht den Kapitalanforderungen nachgekommen ist. Was hätte es für einen Aufschrei gegeben, wenn man das der Bank hätte durchgehen lassen. Diese Maßnahme ist also ebenfalls völlig richtig.

    Antworten
  6. Bakwahn sagte:

    @ Selig und Tischer
    Ihre Beiträge und Kommentare sind sinnvolle Ergänzungen zu meinem Text.
    Klar ist, daß die Gelddruckerei der EZB, um damit wie Selig schreibt „alle systemrelevanten Institutionen (Staaten, Banken, Versicherungen, Bundesländer, Sozialversicherungen, etc.) mit frisch geschaffenem Geld / Kredit / Bürgschaften / Kapital / Platzhalter für ähnliche Begriffe „retten“ und das allgemeine Preisniveau schrittweise in die Höhe treiben. Zur Zeit schon zu sehen an die hiesigen Immobilienpreisen.“
    Es wird eine Gratwanderung für die EZB zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig.

    Tischer bringt das Dilemma – d.h. die Nachteile, die die nahezu unendliche Geldschöpferei der EZB mit sich bringt – folgendermaßen auf den Begriff:
    „Ich glaube, dass die EZB mit diesem Freiheitsspielraum zwar das Finanzsystem stabilisieren könnte, aber nicht die Realwirtschaft in einen Zustand versetzen würde, der in JEDEM Fall gesellschaftliche Zustimmung hervorriefe. Geld allein richtet es nicht.“
    Die EZB kann Staaten Banken „retten“ (whatever it takes), aber sie kann die wirtschaftliche Entwicklung in den verschiedenen Ländern nur schwer beeinflussen. Für ihr wirtschaftliches Weiterkommen sind die Länder schon selber verantwortlich.
    Felix Haller – Bakwahn

    Antworten

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