Italien kommt wieder auf die Agenda

Ruhig ist es geworden um Italien. Erst die Wahlen, dann lange nichts, dann die neue Regierung, zunächst auch nicht ernst genommen, sodann die kurze Phase der Unsicherheit – Stichwort Schuldenannullierung durch die EZB – und dann wieder Ruhe. Nun mehren sich jedoch die Indikatoren für einen heißen Herbst. Zunächst die Fakten zum Markt für italienische Staatsanleihen, die in den letzten Tagen unter Druck kamen, so stark, dass der italienische Staat sogar eigene Anleihen zurückkaufen musste, um den Markt zu stabilisieren.

Auf jeden Fall kommt das Thema wieder auf die Agenda. Zunächst die FT mit ein paar Fakten:

  • „Anyone holding Italian government debt must gird themselves for what is likely to be a noisy period of negotiationover the budget ahead of a draft that is expected to be ready by the middle of October.“ – bto: Das bedeutet, der Euro kommt wieder in Turbulenzen.
  • „A renewed sell-off gripped the €2tn market late last week as the country’s populist Eurosceptic coalition government began negotiations on its debut budget, something the market had not expected until the autumn.“ – bto: Das wiederum zeigt, dass die Märkte nicht langfristig genug blicken.
  • „Fitch and S&P currently rate Italy as BBB with a stable outlook, while Moody’s lists the country as Baa2 and a negative outlook. In all three cases Italy is ranked two notches above junk. It would take a pretty spectacular fall for Italian debt to drop below investment grade, but even a downgrade by one notch would leave the country hanging perilously above the crucial cut-off point which influences billions of euros of investment flows.“ – bto: Ja, es handelt sich eben um einen der größten Staatsanleihenmärkte der Welt mit erheblichen Auswirkungen auf das Weltfinanzsystem, vom Euro ganz zu schweigen.
  • „A further support for the market has been the carry trade. With Italian yields offering a considerable premium over those of other eurozone countries, particularly in shorter-dated maturities, Italian bonds have been popular among investors who expected markets to remain calmin August. Analysts say that source of demand dissipated late last week as it became clear that political risk was likely to rumble on all month.“ – bto: Im Klartext bedeutet das, es wird mit Leverage gearbeitet, was Ausmaß und Geschwindigkeit von Entwicklungen verstärkt.

Kein Wunder, dass Carmen Reinhardt, Professorin für das Internationale Finanzsystem an der Kennedy School of Government der Harvard-Universität in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt warnt:

  • Unklar war lediglich der genaue Zeitpunkt, an dem sich die Lage zuspitzen würde. Dies ist jetzt geschehen. Das italienische Pro-Kopf-BIP liegt etwa acht Prozent unterhalb des Niveaus von 2007, dem Jahr vor der weltweiten Finanzkrise, die die große Rezession auslöste. Von den elf hochentwickelten Volkswirtschaften, die von der schweren Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009 betroffen waren, ist nur in eine tiefere und langwierigere Depression gestürzt.“ – bto: Das ist der wesentliche Grund für die politische Unzufriedenheit.
  • „Oberflächlich betrachtet scheinen sich die zwar seit 2013 auf rund 130 Prozent des BIP stabilisiert zu haben. Doch diese Stabilität ist irreführend. Die allgemeinen Staatsschulden sind im Falle Italiens nicht die ganze Wahrheit.“ – bto: Ich erinnere daran, dass die verdeckten Verbindlichkeiten geringer sind als beispielsweise in Deutschland, weil eben Rentenreformen durchgeführt wurden. Allerdings will die neue Regierung auch diese zurückdrehen.
  • Um das Gesamtrisiko Italiens zu bestimmen, muss man zu den Staatsschulden die Verbindlichkeiten der Zentralbank (Target2-Salden) addieren. Wie die jüngsten Daten zeigen, wird das Verhältnis der öffentlichen Schulden zum BIP durch diese Salden um 26 Prozent gesteigert.“ – bto: nanu. Da sagt eine der anerkanntesten Ökonominnen der USA, dass es doch eine Verbindlichkeit ist und dann muss es umgekehrt auch eine Forderung sein. Oder?
  • „Im Gegensatz zu den Nicht-Euro-Krediten, die Italien vor 1999 aufgenommen hat, können diese Schulden nicht weginflationiert werden. In dieser Hinsicht verhalten sie sich wie die Dollar-Schulden der Schwellenländer: Sie müssen entweder zurückgezahlt oder umstrukturiert werden.“ – bto: außer man entscheidet sich zu einer Entwertung von Schulden auf EU-Ebene, was ich nicht ausschließen möchte.
  • „Bereits jetzt hat die instabile Lage Italiens internationale Auswirkungen. Während die Renditen der italienischen Staatsanleihen überkochen, sind in der Nachbarschaft auch die Erträge der spanischen, portugiesischen und griechischen Anleihen gestiegen. Zudem hat die Schwäche des Euros zu einer Dollar-Stärke geführt, was auf Kosten der Schwellenländer geht, vor allem derer mit Staatsschulden in US-Dollar. Die Flucht in Qualität, von der die Ausbrüche finanzieller Turbulenzen immer begleitet werden, verstärkt die Tendenz des Ausstiegs aus riskanteren Anlageklassen, zu denen auch die Anleihen der Schwellenländer gehören.“ – bto: Italien ist dabei aber nur ein Auslöser, nicht die Ursache. Unser gesamtes Finanzsystem ist – wie hier immer wieder diskutiert – hoch fragil.
  • „Die beste Lösung – eine schnelle Neuregelung der Schulden – ist im Falle Italiens unwahrscheinlich. (…) Allerdings ist es schwer vorstellbar, wie eine Umstrukturierung der italienischen Schulden völlig vermieden werden könnte.“ – bto: Nun scheuen aber die europäischen Politiker, vor allem die Franzosen, einen Schuldenschnitt. Also kann es dazu nicht kommen, weil es nicht gewollt ist. Es bleiben nur die Tricks.
  • „Die Alternative – sich auf eine vollständige Rettung zu verlassen – ist eine große Versuchung, da sie die Märkte vorübergehend beruhigen könnte. Das würde das Problem nur nach hinten schieben. Die Tatsache, dass die griechischen Schuldenprobleme noch nicht gelöst sind, sollte uns als Warnung dienen.“ – bto: was? Ich habe doch gelernt, dass Griechenland gerettet ist. Zumindest wird das hier von Medien und Politikern erzählt. Natürlich wird man wieder auf Zeit spielen.

Damit ist klar, was auf uns zukommt: eine italienische Regierung, die sich nicht an die Schuldenregeln halten wird, eine EZB, die weiter die Anleihen des Landes stabilisiert und das große politische Spiel um eine Rettung, bei der wir wieder die großen Gewinner sind.

ft.com (Anmeldung erforderlich): „The Italian budget that has bond markets on edge“, 9. August 2018

handelsblatt.com: „Das politische Chaos und die sozialen Unruhen in Italien bedrohen Europa“, 7. August 2018

Kommentare (26) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    Universaldilletant sagte:

    Hallo Herr Stöcker,
    ich als ökonomischer Laie habe ein Verständnisproblem. Vielleicht können Sie mir helfen.
    „Weil bei dieser ökologisch und ökonomisch unsinnigen Aktion viel Papier hin- und hergekarrt werden müsste, ohne dass sich real irgendetwas verändert hätte. Der TARGET-Saldo wäre zwar eliminiert, aber bei einem Ausscheiden Italiens müssten sodann in gleicher Höhe bei der BB Devisenreserven eingebucht werden oder aber wieder unsinnigerweise italienische Banknoten nach Deutschland gekarrt werden, die dann statt weniger Bits und Bytes auf der Festplatte ganze Bunker der Bundesbank befüllen; denn mit so vielen Lira Banknoten wüsste die BB ebenso wenig anzufangen wie mit den ganzen zuvor angekarrten Euronoten.“
    Dazu ein paar Fragen: Wieso würde sich real nichts verändern?
    Wieso könnte die Bundesbank mit diesen Euros nichts anfangen? Sie könnte doch z.B. einen Staatsfonds auflegen. Was wäre denn so schlecht daran Devisenreserven einzubuchen?
    So wie Sie es schildern, ist es völlig egal wo das Geld liegt. Nach meiner Erfahrung ist es aber nicht egal, ob das Geld auf Ihrem oder meinem Konto liegt.
    Ich denke dass ich nicht der einzige bin, der dabei ein Verständnisproblem hat.
    Vielen Dank

    Antworten
    • Avatar
      Wolfgang Selig sagte:

      @Universaldilletant: Sie haben recht, Sie sind nicht der einzige. Ich würde sogar sagen, die meisten haben dabei ein Verständnisproblem. Viel Erfolg bei dem Thema, ich habe die Debatte aufgegeben.

      Antworten
    • Avatar
      Michael Stöcker sagte:

      @ Universaldilletant

      „Wieso würde sich real nichts verändern?“

      Weil Umbuchungen in den Bilanzen keine realwirtschaftlichen Auswirkungen haben; insbesondere wenn es sich um reine Bestandsbuchungen und nicht um Erfolgsbuchungen handelt.

      „Wieso könnte die Bundesbank mit diesen Euros nichts anfangen?“

      Eine Zentralbank benötigt zum Shoppen kein Geld von anderen Zentralbanken des gleichen Währungsraums. Jede Zentralbank ist in ihrer eigenen Währung grundsätzlich unbeschränkt.

      „Sie könnte doch z.B. einen Staatsfonds auflegen.“

      Könnte sie. Aber ist sie auch wirklich klüger und weiser als alle anderen Marktteilnehmer? Und wollen wir die Assetinflation wirklich noch zusätzlich anheizen? Damit doktern wir doch wieder mal nur an den Symptomen herum, aber nicht an den Ursachen.

      „Was wäre denn so schlecht daran Devisenreserven einzubuchen?“

      Ich dachte, es ginge um den Abbau der TARGET-Salden? Und TARGET-Salden sind letztlich nichts anderes als Devisenreserven. Vielleicht sollten Sie zuvor doch noch einmal meinen Beitrag zu den TARGET Verirrungen lesen: https://zinsfehler.com/2018/07/30/target-und-kein-ende/

      LG Michael Stöcker

      Antworten
    • Avatar
      Michael Stöcker sagte:

      „Nach meiner Erfahrung ist es aber nicht egal, ob das Geld auf Ihrem oder meinem Konto liegt.“

      Nach meiner Erfahrung auch. Die deutschen Exporteure haben doch ihr Geld auf ihrem Konto. Sie dürfen nicht die Ebenen des Geldsystems verwechseln. Ganz oben stehen die Zentralbanken, darunter die Geschäftsbanken und dann kommt der ganze Rest.

      „Ich denke dass ich nicht der einzige bin, der dabei ein Verständnisproblem hat.

      Ja, das ist leider so. Auch unter Ökonomen wir heftig darüber gestritten (siehe hierzu aktuell diese Diskussion: http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=23386#comment-240182).

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  2. Avatar
    Dietmar Tischer sagte:

    Die Entwicklung ist nachvollziehbar:

    Keine hinreichenden Reformen, weil politisch nicht durchsetzbar → kein Wachstum → noch mehr Unzufriedenheit der Bevölkerung → Extremisten an die Macht → auch keine Reformen, weil für Entlastung und Umverteilung gewählt → weitere Verschuldung → Krise

    Die „Lösung“ (mein Szenario):

    Die EU wird abnicken, dass sich der italienische Staat mehr verschulden darf – gegen Reformanstrengungen

    → höhere Verschuldung, aber keine Reformanstrengungen

    → verschärfte Krise

    → ELA-Kredite der italienischen Zentralbank an das Bankensystem des Landes

    → Banken können weiter italienische Staatsanleihen kaufen

    Das ist selbstverständlich rechtens, weil die EZB die Liquiditätsversorgung sicherstellen muss.

    Insolvenz des italienischen Staates?

    Gibt es nicht.

    Solange Zahlungsfähigkeit besteht, gibt es keine Insolvenz.

    Alles klar?

    Antworten
    • Avatar
      Horst sagte:

      „Keine hinreichenden Reformen, weil politisch nicht durchsetzbar → kein Wachstum → noch mehr Unzufriedenheit der Bevölkerung → Extremisten an die Macht → auch keine Reformen, weil für Entlastung und Umverteilung gewählt → weitere Verschuldung → Krise“

      Eine Vielzahl von Reformen stellen für einen Großteil der Bevölkerungen keine Verbesserungen dar, daher sind m.A.n. diese nicht durchsetzbar. Wird impliziert, dass (monetäres) Wachstum nur durch Reformen (z.B. des Gesundheitswesens) erreicht werden kann, geht dies in gesättigten Märkten ausschließlich (oder meistens) mit einer Verminderung der Qualität einher (Fallbeispiele diverser Sektoren und Branchen sind leicht auszumachen).

      Definieren Sie, resp. charakterisieren Sie bitte – im politischen Kontext – einen Extremisten.

      Die Konsequenz > weitere Verschuldung > Krise muss – wie mehrfach durch andere Foristen dargelgt – nicht zwangsläufig sein.

      Vermutlich wird sie das jedoch, da die kognitiven Dissonanz und Schwarmdummheit gesellschaftlich etabliert ist.

      Antworten
      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Horst

        >Eine Vielzahl von Reformen stellen für einen Großteil der Bevölkerungen keine Verbesserungen dar, daher sind m.A.n. diese nicht durchsetzbar.>

        So ist es.

        Beispiel:

        Eine Reform, mit der das „Besitzrecht“ auf den Arbeitsplatz entfällt, erhöht zwar die Beschäftigungschancen jüngerer Menschen, ist aber eine Verschlechterung derer, die so einen Arbeitsplatz besetzen.

        Extremisten sind für mich in diesem Zusammenhang Parteien, die programmatisch deutlich vom Mainstream der etablierten Parteien abweichen. In Italien sind es die beiden Parteien, die an der Macht sind, in Frankreich wäre es der FN und in Deutschland würde ich die AfD dazuzählen.

        >Die Konsequenz > weitere Verschuldung > Krise muss – wie mehrfach durch andere Foristen dargelgt – nicht zwangsläufig sein.>

        Die Konsequenz ist nach Lage der Ding m. A. n. in Italien eine Krise – sei es durch fortwährend höhere Verschuldung, sei es durch sich wiederholende Neuwahlen.

        Es gibt aber auch eine ABWENDUNG der Krise durch die EZB so wie ich sie angedeutet habe.

        Ich bin mir allerdings sicher, dass auf DAUER auch die EZB nicht retten kann, was bei unterlassenen Anpassungsleistungen nicht zu retten ist.

      • Avatar
        Richard Ott sagte:

        Herr Tischer,

        was Sie beschreiben, sind allerhöchstens „Radikale“, aber keine Extremisten. In der Politikwissenschaft sind Extremisten diejenigen, welche die Grundprinzipien einer staatlichen Ordnung ändern wollen. In Deutschland würde das also konkret bedeuten, zum Beispiel Demokratie oder die Grundrechte oder die soziale Marktwirtschaft abschaffen zu wollen.

        Der Unterschied ist sehr wichtig. „Radikal“ zu sein, ist im Rahmen eines pluralistischen politischen Systems grundsätzlich erlaubt, aber Extremisten werden vom Staat bekämpft, weil sie die existierende staatliche Ordnung grundlegend ablehnen. Hier die Definitionen von unserem deutschen Inlands-Geheimdienst, der die Extremisten beobachten und bekämpfen soll:

        https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-linksextremismus/was-ist-linksextremismus
        „Linksextremisten wollen unsere Staats- und Gesellschaftsordnung überwinden, unsere Demokratie soll durch ein kommunistisches oder anarchistisches System ersetzt werden.“

        https://www.verfassungsschutz.de/de/arbeitsfelder/af-rechtsextremismus/was-ist-rechtsextremismus
        „Im Rechtsextremismus herrscht die Auffassung vor, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nation oder Rasse entscheide über den Wert eines Menschen. Eine auf diesen Kriterien fußende „Volksgemeinschaft“ als Gegenentwurf zur bestehenden pluralistischen Gesellschaftsordnung würde zentrale Werte der freiheitlichen demokratischen Grundordnung missachten. Rechtsextremistische Agitation ist geprägt von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus sowie einer grundsätzlichen Demokratiefeindschaft. Neben diesen Ideologiefragmenten verbindet Rechtsextremisten in aller Regel ihr autoritäres Staatsverständnis, in dem der Staat und das nach ihrer Vorstellung ethnisch homogene Volk als angeblich natürliche Ordnung in einer Einheit verschmelzen. Gemäß dieser Ideologie der „Volksgemeinschaft“ sollen die staatlichen Führer intuitiv nach dem vermeintlich einheitlichen Willen des Volkes handeln. In einem rechtsextremistisch geprägten Staat würden somit wesentliche Kontrollelemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, wie das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen auszuüben, oder das Recht auf Bildung und Ausübung einer parlamentarischen Opposition, fehlen.“

      • Avatar
        Dietmar Tischer sagte:

        @ Richard Ott

        Danke für die Klarstellung.

        Ich habe die Begriffe falsch verwendet, aber mit der Nennung der Parteien bzw. mit dem konkreten Verweis auf sie das gemeint, was Radikale kennzeichnet.

        Was diese angeht, die ich als „deutlich vom Mainstream der etablierten Parteien abweichend“ eingestuft habe, ist m. A. n. klar, dass ihre Politik zu KRISEN führt (was nicht heißt, dass dies bei der etablierter Parteien nicht der Fall sei).

        Das ist mein Punkt im Kontext der Diskussion.

        Ob Krisen dazu führen, dass der Radikalismus in den Extremismus umschlägt, lasse ich offen.

        Der Unterschied zwischen Extremisten und Radikalen, den Sie hier herausarbeiten, ist jedenfalls wichtig und letztlich entscheidend.

        Auf den qualitativen Unterschied zwischen Links- und Rechtsextremismus, den ich anhand Ihrer Ausführungen zu erkennen meine, müssen wir hier nicht eingehen.

  3. Avatar
    Jens Happel sagte:

    Das wird spannend im Herbst. Nicht nur Italien.

    Auch in Spanien. Die dortigen Banken haben grössere Darlehn an türkische Banken gegeben. Zusammen mit den alten notleidended Krediten könnte sich mal wieder eine Bankenrettung anbahnen.

    Frankreichs BNP hängt auch mit drin.

    Gruss Jens

    Antworten
  4. Avatar
    Michael Stöcker sagte:

    Die Rate-Agenturen machen mal wieder das, was sie am besten können: Raten. Das machen sie natürlich ganz uneigennützig und unlaunisch (moody=launisch), während die Fucking Bitch der Wallstreet (Fitch) im Gleichschritt mit den gewöhnlich Armen (Standard & Poor‘s) den Bogen nicht noch weiter überspannen möchten.

    Spaß beiseite. Kommen wir zur Causa Reinhardt:

    „Um das Gesamtrisiko Italiens zu bestimmen, muss man zu den Staatsschulden die Verbindlichkeiten der Zentralbank (Target2-Salden) addieren.“

    Nach der Excel-Panne nun also das TARGET-Debakel. Die Banca d’Italia hält einen großen Teil der italienischen Staatsschulden. Die TARGET-Salden werden bei einem Austritt in neue Lira umgebucht und bilden fortan die Devisenreserve der Bundesbank. Möchte die Bundesbank diese verzinst haben, so kann sie hierfür am Markt italienische Anleihen erwerben. Wer kann Frau Reinhardt mal darüber aufklären, dass Staat und Zentralbank letztlich eine wirtschaftliche Einheit bilden! Es ist eigentlich kaum zu glauben: Monetärer Analphabetismus auf höchster wissenschaftlicher Ebene.

    Wie ich schon mehrfach geschrieben habe: Ursächlich für die TARGET-Salden ist die asymmetrische Kreditexpansion in der Vergangenheit, verstärkt durch Kapitalflucht: https://zinsfehler.com/2018/07/30/target-und-kein-ende/

    LG Michael Stöcker

    Antworten
    • Avatar
      Horst sagte:

      „Die Rate-Agenturen machen mal wieder das, was sie am besten können: Raten. Das machen sie natürlich ganz uneigennützig und unlaunisch (moody=launisch), während die Fucking Bitch der Wallstreet (Fitch) im Gleichschritt mit den gewöhnlich Armen (Standard & Poor‘s) den Bogen nicht noch weiter überspannen möchten.“

      Das erinnert doch stark an den von mir sehr verehrten – leider nicht mehr auftretenden – V. P.

      Antworten
    • Avatar
      troodon sagte:

      SgH Hr. Stöcker,
      vor einiger Zeit hatten Sie hier im Blog angemerkt, dass die italienische Zentralbank die Target Salden ggü. der Bundesbank auch durch die Liefreung von frisch gedruckten € Geldscheinen ausgleichen könnte.
      Wie würde das Ihrer Meinung nach in den Bilanzen beider ZB verbucht werden ?
      Und daran anschließend, warum macht es die italienische ZB nicht , wenn es doch so einfach ist sich der Target Salden zu entledigen?

      Antworten
      • Avatar
        Michael Stöcker sagte:

        Verbuchung:
        BI: TARGET-Verbindlichkeit an Banknotenumlauf (Passivtausch)
        BB: Banknotenumlauf an TARGET-Forderung (Bilanzverkürzung)
        EZB: TARGET-Verbindlichkeit Deutschland an TARGET-Forderung Italien (Bilanzverkürzung)

        Sollte die Position Banknotenumlauf bei der BB nicht ausreichend groß sein, dann bliebe noch die Position „Intra-Eurosystem-Verbindlichkeit aus der Begebung von Euro-Banknoten“. Das Ganze hat dann aber nichts mehr mit den Grundsätzen von Bilanzwahrheit und Bilanzklarheit zu tun. Die Regelungen sind so schon kompliziert genug. Mehr zum Thema Bargeldumlauf sowie Verbuchung findet sich bei unseren Nachbarn: https://www.oenb.at/dam/jcr:550535df-3472-4a80-bcc3-be6896eeea7b/gewi_2012_q1_schwerpunkt5_tcm14-246483.pdf

        „Und daran anschließend, warum macht es die italienische ZB nicht , wenn es doch so einfach ist sich der Target Salden zu entledigen?“

        Weil bei dieser ökologisch und ökonomisch unsinnigen Aktion viel Papier hin- und hergekarrt werden müsste, ohne dass sich real irgendetwas verändert hätte. Der TARGET-Saldo wäre zwar eliminiert, aber bei einem Ausscheiden Italiens müssten sodann in gleicher Höhe bei der BB Devisenreserven eingebucht werden oder aber wieder unsinnigerweise italienische Banknoten nach Deutschland gekarrt werden, die dann statt weniger Bits und Bytes auf der Festplatte ganze Bunker der Bundesbank befüllen; denn mit so vielen Lira Banknoten wüsste die BB ebenso wenig anzufangen wie mit den ganzen zuvor angekarrten Euronoten. Die Druckereien würde dieses Zusatzgeschäft natürlich freuen und auch die Sicherheitsdienste hätten mal wieder eine echte Herausforderung.

        Wenn wir einen realwirtschaftlichen Abbau dieser Salden erreichen wollen, dann müssen wir einfach mehr italienische Waren und Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Ohne eine Stärkung der breiten Massenkaufkraft in D wird dies aber wohl so schnell nicht geschehen.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        troodon sagte:

        @MS
        Vielen Dank für Ihre Antwort.
        Die gedruckten € Scheine würden dann in den Tresoren der BB verschwinden ?

        „Weil bei dieser ökologisch und ökonomisch unsinnigen Aktion viel Papier hin- und hergekarrt werden müsste, ohne dass sich real irgendetwas verändert hätte.“ Okay, somit kann sich Italien nicht „herausdrucken“…

        „Wenn wir einen realwirtschaftlichen Abbau dieser Salden erreichen wollen, dann müssen wir einfach mehr italienische Waren und Dienstleistungen in Anspruch nehmen.“
        Der deutsche Exportüberschuss mit Italien beträgt doch p.a. „nur“ rd. € 10 Mrd.
        Eigentlich eine überschaubare Summe (im Verhältnis zu den aktuellen Target Salden)…
        Die EZB Ankäufe von italienischen Staatsanleihen und das von I nach D geflüchtete Kapital muss somit doch für den weitaus größten Teil der Target Salden verantwortlich sein.
        Wäre nicht im Falle eines Austritts von Italien aus der Währungsunion ebenfalls eine Umstellung von Kontoguthaben in „neue Lira“ von Devisenausländern aus I in D denkbar bzw. eine entsprechend hohe Besteuerung von Immobilienbesitz in D von diesen Personen?

      • Avatar
        Michael Stöcker sagte:

        @ troodon

        „Die gedruckten € Scheine würden dann in den Tresoren der BB verschwinden ?“

        So ist es; Geld (eigenes) hat für eine Zentralbank keinen Wert (Ausnahme: Deckung der eigenen Ausgaben). Zentralbankgeld ist der Standard, mit dem auf der zweiten Ebene unseres Geldsystems potentielle Salden ausgeglichen werden. In früheren Zeiten war dies Gold. Diese Funktion des Goldes haben die Reservewährungen übernommen. Hohe Reservebestände sind ein Indikator von Ungleichgewichten, die nach Ausgleich drängen.

        „Der deutsche Exportüberschuss mit Italien beträgt doch p.a. „nur“ rd. € 10 Mrd.“

        Eine Fokussierung auf die bilateralen Ungleichgewichte ist hier nicht hilfreich. Die Gesamtbilanz über die letzten 20 bis 30 Jahre ist relevant. Und hier ist die Entwicklung eindeutig positiv, da Italien seit 2013 wieder eine positive Leistungsbilanz ausweist: 2017 ca. 2,9 % bzw. 50 Mrd.

        „Die EZB Ankäufe von italienischen Staatsanleihen und das von I nach D geflüchtete Kapital muss somit doch für den weitaus größten Teil der Target Salden verantwortlich sein.“

        Der aktuelle Saldo liegt bei Italien bei -465 Mrd. Die kumulierten LB-Defizite von 2003 bis 2012 betrugen 351 Mrd. Nehmen wir als Referenzzeitraum 1999 bis heute, so schrumpfen die kumulierten LB-Defizite auf nur noch 100 Mrd. Insofern haben Sie mit Ihrer Einschätzung wohl recht.

        „Wäre nicht im Falle eines Austritts von Italien aus der Währungsunion ebenfalls eine Umstellung von Kontoguthaben in „neue Lira“ von Devisenausländern aus I in D denkbar bzw. eine entsprechend hohe Besteuerung von Immobilienbesitz in D von diesen Personen?“

        Bei der Kontoumstellung vermutlich/hoffentlich ja, bei Immobilienbesitz sicherlich nein, da Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz. Zudem: Retorsionsmaßnahmen/Vergeltungssteuern von Italien ließen nicht lange auf sich warten. Kein gutes Signal für ein friedliches Europa.

        LG Michael Stöcker

      • Avatar
        troodon sagte:

        @ MS
        Vielen Dank für die Erläuterungen !

        “ Nehmen wir als Referenzzeitraum 1999 bis heute, so schrumpfen die kumulierten LB-Defizite auf nur noch 100 Mrd. “
        Wobei doch wahrscheinlich eine Betrachtung der italienischen (Teil)Leistungsbilanz nur innerhalb der Eurozone noch etwas genauere Anhaltspunkte liefern würde in Bezug auf Targetsalden. Oder ist da ein weiterer Denkfehler bei mir ?

        „Nehmen wir als Referenzzeitraum 1999 bis heute, so schrumpfen die kumulierten LB-Defizite auf nur noch 100 Mrd. Insofern haben Sie mit Ihrer Einschätzung wohl recht.“
        Wenn dem so ist, dann sollte sich unter Berücksichtigung von zukünftigen LB Überschüssen das Target Thema in Bezug auf Italien in nächster Zeit entspannen, da zudem die EZB Ankäufe auslaufen. Und bei dem deutlich angestiegenen Spread zu Bunds wird wahrscheinlich auch langsam der ein oder andere Investor wieder interessierter auf BTP’s schauen…

        Allerdings frage ich mich, warum die härtesten Target Mahner dies nicht auch sehen…

  5. Avatar
    troodon sagte:

    Als kleine Ergänzung, italienische Banken haben die EZB wieder als stärkste Käufer von IT Staatsanleihen in Mai und Juni abgelöst.
    „For the first time in a long time, Italian banks’ purchases of Italian bonds dwarfed those of the Eurosystem (the ECB and the national central banks of Eurozone countries), which in May and June bought a comparatively paltry €3.6 billion and €4 billion of multiyear Treasury bonds (BTPs) respectively, though the average maturity of its cumulative purchases was higher at just under 8 years. “
    Mit entsprechenden Folgen für das Banken EK, wenn die Zinsen für IT Staatsanleihen weiter steigen sollten:
    “ According to analysts at Equita SIM, Italy’s 10 biggest listed banks face on average a 40 basis point hit for every 100 basis point rise in the spread between Italian and German debt. That would be enough to drag the Tier 1 capital ratio of weaker lenders, such as Monte dei Paschi or Banca Carige, down to around 10% when measured on a fully-loaded basis, at which point investors begin to worry.“
    https://wolfstreet.com/2018/08/09/the-eurozones-doom-loop-re-grips-italian-banks/
    https://www.breakingviews.com/considered-view/italian-banks-face-worsening-doom-loop-2/

    Antworten
    • Avatar
      Dietmar Tischer sagte:

      @ troodon

      Danke für die Links.

      Wieder einmal zeigt sich, wie unheilvoll die Verbindung von Staatsverschuldung und der Solidität der Banken ist: Wird die Verschuldung durch steigende Zinsen zu teuer, schmilzt die Eigenkapitalbasis der Banken.

      Daher auch die Drohung der italienischen Regierung (!) an die EZB, die Verschuldungskosten des italienischen Staates nicht ansteigen zu lassen.

      Es ist eine leere Drohung, sei es dass die EZB ihr Kaufprogramm (QE) reduzieren wird, sei es dass die Länderquoten keine höheren Käufe italienischer Staatsanleihen erlauben.

      Das Problem besteht daher weiterhin.

      Da das jeder weiß, muss ein anderes Instrument her.

      Es wird der ESM sein, der zu einem „Lender of last resort“ der Eurozone aufgepäppelt wird.

      Die Lösung liegt dann dort, wo sie hingehört – bei der Politik.

      Zugleich wird damit die Haftungsunion verfestigt.

      Ich bin gespannt, was im Bundestag passiert, wenn dieser – nach dem Urteil des BVerfG unumgänglich – die Kredite absegnen muss.

      Ich glaube nicht, dass sie diese Hürde lautlos nehmen.

      Antworten
      • Avatar
        troodon sagte:

        Sinnvoll wäre sicherlich eine Begrenzung von nicht durch EK zu unterlegende Staatsanleihenkäufe im Verhältnis zum vorhandenen EK.
        Würde diese festgelegte Grenze dann überwunden, müssten weitere Käufe mit steigendem EK Anteil unterlegt werden.
        Kurzfristig durchsetzbar ist das aber leider kaum… und somit werden wir uns noch viel zu lange mit zu hohem Leverage Ratio im Bankensystem herumschlagen müssen. Mit den entsprechenden Folgen in der nächsten Krise…

Ihr Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar zu Horst Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.