„Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“

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Ein Leser hat mich schon vor einiger Zeit auf dieses Interview mit dem Soziologen Wolfgang Streeck hingewiesen. Er fragte, was ich von dieser Kapitalismuskritik halte. Nun, recht wenig:

  • „Ich glaube, dass es gute Gründe dafür gibt, anzunehmen, dass der Kapitalismus nicht durch eine Revolution abgeschafft oder überwunden wird, sondern von selbst verendet. Es gibt viele Symptome des Niedergangs (…).“ – bto: In der Tat gibt es viele Symptome des Niedergangs. Nur stellt sich die Frage, ob diese auf den Kapitalismus zurückzuführen sind oder auf andere Einflussfaktoren. Meines Erachtens sind viele Probleme die Folge der Aushebelung von kapitalistischen Grundprinzipien.
  • „Zuerst der anhaltende Rückgang der Wachstumsraten verschärft seit 2008. Verbunden damit die extreme Zunahme der Verschuldung, sowohl der Staaten als auch der Privathaushalte und Unternehmen. Drittens die Zunahme der ökonomischen Ungleichheit in diesen Gesellschaften.“ – bto: Diese Themen sehe ich auch. Allerdings muss man wissen, dass rückläufiges Wachstum kein Problem wäre, würden wir nicht in einer Ponzi-Wirtschaft leben, die vor allem von der Politik herbeigeführt wurde: immer mehr Versprechen und Schulden bei gleichzeitig immer weniger Investitionen, die die Grundlage für Wachstum wären. Die Ungleichheit bei Vermögen ist die Folge der Verschuldung (Leverage!) wie ich immer wieder erkläre. Die Ungleichheit der Einkommen innerhalb von Ländern hat zugenommen, global jedoch abgenommen. Das ist der größte Wohlstandszuwachs seit Menschengedenken und ein enormer Erfolg. Dies wird hier mit keinem Wort erwähnt!
  • „Die Lösungen, die das Wachstum ankurbeln und die Verteilungsprobleme beschwichtigen sollten, waren Inflation, Staatsverschuldung, Aufblähen des Finanzsektors. Die aktuelle Phase ist das Aufblähen der Bilanzsummen der Zentralbanken. Alle diese Lösungen sind hochgefährlich!“ – bto: O. k., nichts davon ist systemimmanent, sondern es ist die Folge von Eingriffen in das System! Der Kapitalismus ist inhärent deflationär, und zwar im positiven Sinne. Produktivitätsfortschritte führen zu sinkenden Kosten und Preisen. Das kann, wie die Geschichte lehrt, mit hohen Wachstumsraten einhergehen. Staatsverschuldung (und zum Teil auch private Schulden) sind die Folge von falscher Politik. Statt in Bildung und Innovation zu investieren, wurde lieber kurzfristig konsumiert. Dem Finanzsektor wurde eine implizite Staatsgarantie gegeben. Nur deshalb waren die Risiken überhaupt möglich. Und was die Notenbanken jetzt machen, kann man doch auch nichts ernsthaft dem Kapitalismus anlasten!
  • „Bei den politischen Entscheidungsträgern herrschte immer wieder Alarmzustand. Als in den Siebzigerjahren die Konjunktur einbrach und die Arbeitslosigkeit stieg, hatten Helmut Schmidt und die anderen damaligen Regierungschefs ständig das Schreckensbild der großen Krise von 1929 vor Augen. (…). Auch heute ist man sich in den Zentralen des Kapitalismus der Dramatik der Lage sehr bewusst. Larry Summers, der unter Clinton die Finanzmärkte deregulierte, spricht von ‚säkularer Stagnation‘. Und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman fordert, man solle lieber Crashs riskieren und gefährliche Kredite vergeben, als gar keine. Da herrscht doch die schiere Panik.“ – bto: genau bei jenen, die durch ihre Politik die eigentlichen kapitalistischen Steuerungsmechanismen außer Kraft gesetzt haben!!
  • „Nach der Großen Depression war der Kapitalismus so gut wie am Ende; nur der Krieg und sein Ausgang haben ihn wieder möglich gemacht. Allerdings wohl kaum für immer. (…) Aber aus der Geschichte des Niedergangs des Römischen Reiches kann man vielleicht lernen, wie in Übergangsphasen ein Zustand der Rat- und Regellosigkeit eintritt. Das Leben in den Provinzen verliert seine Sicherheit gewährende Struktur, weil das Imperium mit seinen Legionen es nicht mehr schützen kann.“ – bto: Niedergang Roms: Demografie war neben der Entstehung von Monopolen und fehlendem Wettbewerb bei gleichzeitiger Entwertung des Geldes wohl die Hauptursachen. Da gibt es heute erhebliche Parallelen. Jedoch sind diese eben nicht ‚Kapitalismus‘-inhärent, sondern Folge der Politik!
  • „Ein Beispiel ist die abnehmende Gestaltungskraft des Arbeitsmarktes für die Lebensführung. Niemand kann sich mehr auf seinen Job verlassen. Jeder muss ständig improvisationsbereit sein. Der Einzelne muss sich sozusagen mit Humankapital bis an die Zähne bewaffnen, weil das System nicht für seine Sicherheit sorgen kann. (…) Der Wandel ist so schnell geworden, dass viele nicht mehr mitkommen können.“ – bto: Was ist mit den Hunderten von Millionen Menschen, die dafür nicht mehr in Armut leben müssen?
  • „Und dennoch strömen den kapitalistisch weit fortgeschrittenen Ländern wie Deutschland die Menschen zu und die weniger entwickelten Länder streben ihrem Vorbild nach. Alle wollen kapitalistisch werden. Und da reden Sie vom Ende des Kapitalismus? – Sie wollen vor allem reich werden, so reich wie die Amerikaner in den Fernsehserien. Die werden in der Realität aber in der großen Mehrzahl immer ärmer, genau wie heute die meisten Südeuropäer.“ – bto: Was ist verwerflich daran, nach einem besseren Leben zu streben?
  • „Damit aber der Kapitalismus als Gesellschaft funktioniert, muss es Gegenkräfte geben, die die Marktergebnisse.“– bto: Das stimmt. Vor allem müssen Monopole verhindert werden und es muss eine gewisse Umverteilung geben. Wichtig: Die natürliche Flucht der Marktteilnehmer aus dem Druck des Systems (Korruption, Vetternwirtschaft, Monopole) muss verhindert werden.
  • „Der französische Ökonom Gabriel Zucman hat kürzlich recherchiert, dass die unfassbare Summe von 4.700 Milliarden Euro in Steueroasen hinterzogen wird. Würde dieses Geld legal versteuert, könnten einige Staatshaushalte saniert werden. Siehe auch die von Piketty nun für alle dokumentierte wachsende Ungleichheit der Vermögen und Einkommen.bto: Wer versagt hier? Der Kapitalismus oder die Regulierung? Die Vermögen sind ungleich, weil wir eine enorme Verschuldung zugelassen haben, die vor allem dazu diente, schon vorhandene Vermögenswerte uns gegenseitig zu immer höheren Preisen zu verkaufen. Meine Piketty-Kritik ist hier nachzulesen.
  • „Ich weise nur auf die rapide zunehmenden gesellschaftlichen Brüche hin und wünsche mir, dass wir beim Nachdenken über die Zukunft die Möglichkeit eines langsamen Zerfalls der kapitalistischen Ordnung – einer Reduzierung des gesellschaftlichen Lebens auf die Gesetze des Marktes – nicht ignorieren. Eine Gesellschaft ohne Sicherheit und Solidarität, von Zynismus zerfressen und ständig von platzenden Blasen bedroht, in der sich rettet, wer kann, zusammengehalten durch grenzenlose Konsumlust am Rande der ökologischen Möglichkeiten – das kann nicht gutgehen.“

Ich halte davon recht wenig. Zum einen versteht der Kapitalismuskritiker den Kapitalismus nicht, der ja eher ein „Debitismus“ ist. Siehe dazu die Serie zur Eigentumsökonomik. Dazu verkennt er die grundlegenden Probleme wie die rückläufige Bevölkerung und die immer schlechtere Bildung und die geringen Zukunftsinvestitionen. Auch werden kapitalismusfremde Eingriffe und deren Folgen als Beleg für den Niedergang des Kapitalismus angeführt. Der Nutzen des Kapitalismus für andere Menschen in ärmeren Regionen wird verneint oder ausgeblendet. Es passt aber in die Strategie der Politik, die Schuld für die Folgen des eigenen Versagens woanders zu suchen.

WiWo.de: „Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“, 8. Januar 2016

13 Kommentare
  1. Katalin says:

    Hallo,

    1. „Probleme die Folge der Aushebelung von kapitalistischen Grundprinzipien.“

    Sie meinen hier wahrscheinlich: Ausbau des Sozialstaates, Geldpolitik der ZB usw.

    Andere behaupten: Ungleiche Vermögens- und Einkommenskonzentration wegen
    a. Den Fehlern des kap. Systems an sich
    b. Machtkonzentration durch Oligopolbildung der oberen 10% und deren Einfluss auf die
    Politik und Wirtschaft zwecks noch höherer Profite
    c. Staatsverschuldung wird erst dadurch notwenig, dass die verteilung über die „freien
    Märkte“ äusserst „ungerechte“ Ergebnisse liefert, d.h. 30% der Atrbeitenden
    Bevölkerung kann von dem was es an freien Märkten verdient nicht leben.
    Oder sind Sie der Meinung, dass díe 900 Euro Sozialhilfe in BRD zu viel sind.
    d. Warum haben die Länder mit den flexibelsten Arbeitsmärkten wie USA und GB
    so hohe Schulden.

    Warum sind Sie sich so sicher, dass Sie recht haben.

    2. „Ungleichheit bei Vermögen ist die Folge der Verschuldung (Leverage!)“

    Es gibt mehr als genung bekannte Profs. der VWL die es genau umgekehrt sehen:
    Die Verschuldung ist direkte Folge der Ungleichheit: National USA, GB,
    International: BRD und Südeuropa

    Was macht Sie so sicher, dass Ihre Behauptung stimmt.

    Gruß

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      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Man schreibt mir:

        Hallo Herr Dr. Stelter,

        Streeck hat, da gebe ich Ihnen völlig recht, wenig bis gar keine Ahnung vom Gegenstand, den er, zumal in seinem heutigen Zu-
        stand, teils zurecht kritisch beschreibt und bewertet. Der so angefeindete Kapitalismus, der in Wahrheit ein hocheffizienter Debitismus ist, ist – und das bleibt bei allen diesen wohlfeilen Kapitalismuskritikern immer (!!!) unerwähnt – ohne das gesichtlose Konstrukt, genannt „Staat“ ,überhaupt nicht denk- und erklärbar. Warum ist dieses Verschweigen so ausgeprägt?
        Nun, weil wir alle – mehr oder minder darin verstrickt sind – und dies nicht wahrnehmen wollen, weil wir alle inzwischen mehr oder minder Staatsgläubige sind; über Generationen hinweg dazu durchdressiert worden sind. Bei Leuten wie Herrn Streeck, seines Zeichens Prof. für Soziologie und damit als Lebenszeitbeamter zunächst einmal unmittelbar Profiteur dieses Konstruktes, ist diese Ignoranz durchweg festzustellen, was individuell durchaus verständlich ist. Nur als Wissenschaftler sollte er selbst(!)kritisch all seine Ratio benutzen und nicht nur äußerliche Symptome beklagen, sondern nach dem Grund dafür
        mit all den Mitteln, die jemanden wie ihm doch zur Verfügung stehen, fahnden. Manche, insgesamt ganz wenige, trauen sich,
        wenigstens am Ende ihrer Karriere, dieses radikalere Denken auch öffentlich zu machen (z.B. Prof. Mausfeld, Uni Kiel, mit sei-
        nem sehenswerten Vortrag „das Schweigen der Lämmer“ auf YouTube)
        Ihnen alles Gute wünscht
        B. Binnberg

      • Katalin says:

        Hallo,

        1. Rettungsgarantie gibt es auch für die dt. Großindustrie:
        a. siehe ständige Anpassung der Abgaswerte in der EU auf wessen Wunsch wohl, Abwrachp. Kurzarbeit usw.
        b. Medienunternehmen siehe Angriffe in Presse gegen Google und co.
        c. Großhandel, siehe Rücktritt des Chefs des Kartellamtes wegen Tengelmann/Kaisers und EDEKA

        2. „Kreditvergabe zu unproduktiven Zwecken“
        Wollen es Sie etwa in die Vertragsfreiheit eingreifen
        wollen Sie den Kreditgebern und Nehmern vorschreiben wann und wofür Sie Kredite aufnehmen dürfen. Die Unterscheidung prod./unprod. ist gar nicht so einfach am Anfang.

        Fazit:
        „Umverteilung finde ich ein durchaus positives korrektiv. In Massen.“

        Die Verschuldung kann nur durch gerechtere Einkommens und Vermögensverteilung reduziert werden, d.h. durch Umverteilung.

        Wirkliche Umverteilung kann nur durch:
        a. höhere Löhne oder
        b. höhere Besteuerung
        errieicht werden und sonst nichts.

        Das von Ihnen vorgeschlagene Helikoptergeld bringt gar nichts, es ist vielmehr eine Umverteilung von unten nach oben, das ist nicht meine Meinung, sondern das lehrt uns die Geschichte.

        Mein VWL Prof. hatte uns das vor Jahren erklärt:
        Die wahren Gewinner der Globalisierung und des Euros sind die dt. und int. Großkonzerne.
        Und es ist nicht nur Flassbeck der Meinung, dass denn finanziellen Ungleichgewichten realwirtschaftliche vorausgehen müssen, (d.h. die Kreditausweitung ist eine Folge der Ungleichhheit und nicht dessen Ursprung ) wie z.B. die Mehrheit der GB + USA Ökonommen. Warum Sie der absoluten Überzeugung sind, dass Ihre Theorie stimmt ist mir nicht ganz klar.

      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Die Punkte unter 1 sind kein Kapitalismusversagen (denn jeder Kapitalist wünscht sich Monopole), sondern Staatsversagen. Punkt 2: Nein, ich will, dass Banken wieder zu ordnungsgemäßen Grundsätzen zurückkehren, dann sinkt der Anteil unproduktiver Schulden. Zu Umverteilung/Schulden: Ich habe immer den Zusammenhang gesehen und schon 2010 entsprechend argumentiert. Heli-Geld wurde nicht von mir „vorgeschlagen“. Ich habe nur als erster erkannt, wohin uns die Politik und die Notenbanken – BEIDE nicht kapitalistisch, sondern POLITISCH hinführen werden.
        Zum Euro/Globalisierung: Ich empfehle Ihnen, meine Beiträge zu lesen, bevor Sie so was schreiben. Siehe: „10 Gründe, warum wir die Verlierer des Euro sind“. Da steht explizit, dass nur die Exportunternehmen und deren Eigentümer profitieren. Da steht auch, dass der Bürger auf der Straße den Preis mit Lohnstagnation bezahlt hat.
        Zur Kausalität: Für mich kommt die ungebremste „Geld = Schulden-Schaffung“ vor den Ungleichgewichten. Hätte man die nicht finanziert, hätte es sie nicht gegeben.

        Also: Kritik gerne, aber bitte nach Studium meiner Position!

  2. Katalin says:

    Hallo,

    Herr Dr. Stelter, ich maße es mir gar nicht an mit Ihnen über VWL diskutieren zu können. Die von mir hier vorgetragene Kritik, ist in wesenttichem Kritik anderer VWL Profs. d.h. deren Sichtweise auf das Ganze.
    Das problematische an Ihrer Argumentation ist, dass Sie von „wir“ reden.

    „10 Gründe warum wir die Verlierer des Euro sind“

    Die oberen 10% sind mit Sicherheit nicht die Verlierer des Euro. Der normale dt. AN schon. Das ist aber so gewollt, da das Großkaital schon vor Jahren erkannt hatte, dass
    a. die Profite nur durch Erweiterung des Marktes (Gründung der EU)
    b. Verschuldung (Einführung des Euro)

    gesteigert warden können,

    denn in GR können sich im Prinzip höchstens 500 Leute einen neuen Mercedes kaufen, mit dem EURO, d.h. dem Transfer der „Kaufkraft“ oder der Bonität vom dt. AN (gesättigtem) zu Südeurop tausende. Das dt. Großkapital profitiert doppelt, es kann seine Gewinne steigern und die faullen Kredite kann man auf die Allgemeinheit übertragen.

    Die Verschuldung ist ein Instrument der reichen um noch reicher zu werden und nicht der Politik um geschenke zu vertelen und es ist nicht das erste Mal das die dt. Eliten gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung agieren.

    Gruß

    Antworten
  3. Dietmar Tischer says:

    >In der Tat gibt es viele Symptome des Niedergangs. Nur stellt sich die Frage, ob diese auf den Kapitalismus zurückzuführen sind oder auf andere Einflussfaktoren.>

    Diese Frage kann man nur dann zielführend beantworten, wenn GEKLÄRT ist, was unter „Kapitalismus“ zu verstehen ist.

    Diese Klärung kann nicht durch eine Aussage wie

    >Meines Erachtens sind viele Probleme die Folge der Aushebelung von kapitalistischen Grundprinzipien.>

    ersetzt werden.

    Wenn man unter „kapitalistischen Grundprinzipien“ z. B. NUR Marktmechanismen versteht, dann ist die Aussage zielführend beantwortet. Denn Marktmechanismen wurden durch andere Einflussfaktoren ausgehebelt und Probleme sind die Folge davon. Ob es auch – andere Probleme – gegeben hätte, wenn man Marktmechanismen nicht ausgehebelt hätte, ist anzunehmen. Für die Argumentation spielt das keine Rolle. Es geht hier nicht um Probleme an sich, sondern um DIE Probleme, die wir haben.

    Wenn man die „Aushebelung von kapitalistischen Grundprinzipien“ als immanente Veränderungsmöglichkeit DES Systems Kapitalismus begreift, d. h. das System als umfassend veränderungsfähig hält, weil Menschen als Teil dieses Systems praktisch alles ändern können, u. a. qua Staat bzw. Politik, dann ist die Frage nicht zielführend beantwortet.

    Ich halte das System aus dem genannten Grund für umfassend veränderungsfähig.

    Die Aussage „Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“ ist dann sinnleer und letztlich einem Verständnis geschuldet, dass Systemveränderungen in „definierten Etappen stattfindend“ begreift (Marx: Kapitalismus am Ende, dann Revolution, dann Neubeginn mit Sozialismus).

    Es müsste meinem Verständnis gemäß vielmehr heißen:

    Der Kapitalismus wird sich verändern und eines Tages werden Menschen unter „Kapitalismus“ etwas ganz anderes verstehen als das, was sie heute damit verbinden. Vermutlich werden sie dann das Andere nicht mehr Kapitalismus nennen.

    Antworten
    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Ha, was man so alles macht bei einem kostenlosen Angebot. „Bitte um Kommentar von Herrn Dr. Stelter“. Here you go:

      – (…) „weil es nach der Zinserklärung (…) eine ‚individuelle‘ Schuld jedes Defizitlandes gibt: Es ist in die Krise geraten, weil seine Bürger über ihre Verhältnisse gelebt haben. Das konnten die Bürger gemäß der Zinsthese deswegen tun, weil im Eurogebiet dank der gemeinsamen und für alle Staaten einheitlichen Geldpolitik die Zinsen plötzlich viel niedriger waren als vorher in den nationalen Volkswirtschaften.“ – bto: Auch, wenn Flassbeck es nicht gerne hört, es ist etwas dran. Denn die tiefen Zinsen/negativen Realzinsen haben einen (schuldenfinanzierten) Boom gefördert.
      • „Bei diesem Argument haben zum einen die Zinsen eine ungeheure Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung. Eine solche Bedeutung kann man derzeit bei Nullzinsen in Europa und einer extrem schwachen wirtschaftlichen Dynamik gar nicht recht entdecken. Man fragt sich, warum damals der Zins so viel mächtiger war als heute.“ – bto: Ich frage mich, wie ein gestandener Ökonom sich so eine Frage stellt. O. k., kleine Hilfestellung: Damals waren Schulden tief, Assets billig und Beschäftigungs- und Wirtschaftsaussichten gut. Heute herrschen Überschuldung, Überkapazitäten, Asset-Überangebot, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit.
      • „Die Bewegung des deutschen Außenhandelssaldos von einer leichten Überschussposition Ende der neunziger Jahre zu einer massiven Überschussposition in den letzten 15 Jahren kann man nicht mit den Bewegungen der Salden gegeneinander erklären (…)“ – bto: das stimmt.
      • „Zu sagen, die deutschen Ersparnisse seien ins Ausland geflossen, weil man im Vergleich der Salden sieht, dass der Kapitalexport in dieser Zeit zugenommen hat, ist keine Erklärung im eigentlichen Sinne, es ist lediglich die Verbalisierung der Identität, die sich aus der reinen Saldenbetrachtung ergibt, also eine Beschreibung der Vorgänge, keine Begründung.“ – bto: Auch das stimmt. Vor allem, weil die Banken der heutigen Krisenländer keine Ersparnisse brauchen, um Geld zu erzeugen.
      • „Die Lohnmoderation in Deutschland (politisch gewollt und auch angestoßen) hat zu einer realen Abwertung geführt und das, so schon die allereinfachste Markttheorie, könnte dazu geführt haben, dass die Wirtschaftssubjekte in den anderen Ländern der EWU vermehrt deutsche Produkte gekauft haben, deren Preise relativ günstiger geworden sind. Und in Deutschland wurden weniger Produkte der anderen gekauft, weil die relativ teurer geworden sind.“ – bto: Auch das stimmt. ABER es war die Folge der Einführung des Euro zu einem ungünstigen Wechselkurs für Deutschland mit der Quittung einer deutlichen Rezession.
      • „Wer die Zinserklärung benutzt, muss auch erklären, auf welche Weise dabei die Warenströme gedreht werden. Tut er das nicht, ist die Zinsthese von vorneherein sinnlos. Bei den meisten ökonomischen Fragen muss man sehr genau hinschauen, bevor man sich einer Erklärung anschließt.“ – bto: Gilt auch für das hier. Wie gesagt, negative Realzinsen bei billigen Assetpreisen und tiefen Schuldenständen genügen.
      • „Zumeist gibt man sich jedoch mit dem Zinsargument zufrieden, das die Veränderungen der Kapitalströme erklären soll und vergisst die Erklärung der Güterströme vollständig. Wer allerdings die Güterströme ausklammert, macht auf jeden Fall einen nicht wieder gutzumachenden Fehler.“ – bto: Ja. Nur wenn Deutschland nicht geliefert hätte, hätten es andere getan.

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  4. Stefan Ludwig says:

    Herr Stelter,

    an vielen Stellen ihrer Beiträge verweisen sie auf andere Stellen an denen bestimmte Dinge diskutiert oder erklärt werden. Möglicherweise spielt hier eine Rolle, dass jeder ganz selbstverständlich glaubt zu wissen was Kapitalismus ist und das alle anderen das gleiche Verständnis (davon) haben. Ich glaube dem ist nicht so. Was halten sie davon einen eigenen Beitrag zu erstellen in dem sie, anhand von vielen Beispielen, beschreiben was sie unter Kapitalismus verstehen. Daran anschließend wo kapitalistische Regelmechanismen außer Kraft gesetzt wurden. In ihrer Antwort war auch von Staatsversagen die Rede. Da fände ich schön wenn sie erläutern wie es zu diesem Staatsversagen kommen konnte. Ist das nicht doch auch auf eine bestimmte Art systemimmanent weil in den ganzen Theorien (egal ob Kapitalismus oder Sozialismus oder sonst eine Theorie) die Unredlichkeit und Unehrlichkeit des Menschen ausgeblendet wird? Diese Unehrlichkeit und kriminelle Energie ist immer vorhanden. Wie muss ihrer Ansicht nach ein gesellschaftliches System gestaltet sein um die Unehrlichkeit der Menschen auf niedrigem Niveau zu halten?

    Das ist glaube ich eine sehr gute weil schwierig zu beantwortende Frage. Meiner Ansicht nach ist diese Frage nur zu beantworten in dem man das „System“ menschliche Gesellschaft SYSTEMISCH analysiert. Diese systemische Analyse wird bis jetzt aber nur von ganz wenigen Menschen beherrscht und in der Bevölkerung ist es zu 98% UNBEKANNT das es das überhaupt gibt!!

    Ich würde mich sehr freuen wenn sie dazu Stellung nehmen könnten.

    mit freundlichen Grüßen

    Stefan Ludwig

    Antworten
  5. Erwin Späth says:

    Hallo Herr Doktor Stelter,

    Ihr Artikel trifft es auf den Punkt – auf eine ganz einfache Formel gebracht, ist die aktuelle Situation von Verschuldung und Wirtschaftsschwäche die Folge jahrzehntelanger mehr oder weniger fauler Kompromisse in der Politik, bei denen die Gesichtswahrung der beteiligten Akteure im Vordergrund stand und nicht die Lösung des Problems. Das wird von der großen Masse aber leider nicht erkannt. Auch die aktuelle Debatte um die Steueroasen geht letztendlich wieder in die falsche Richtung. Würde die Politik das ihr anvertraute Geld nur halbwegs so gut verwalten wie die Unternehmer und Beschäftigen, die es erwirtschaftet haben, wäre Geldmangel in den öffentlichen Haushalten das kleinste Problem – und quasi als Nebeneffekt würde bei detailliert nachprüfbarer, sinnvoller Verwendung des Steuergeldes vermutlich auch deutlich weniger hinterzogen werden. Ein längst überfälliger Schritt ist die persönliche Haftung der staatlichen Akteure im Falle der Verschwendung von Steuergeldern – etwa durch Pensionskürzungen. Das scheitert aber schon daran, dass die konkrete Verwendung der Steuermittel nur sehr generalisiert erfasst wird. Hier wäre die vordringlichste Aufgabe die Schaffung von „Gläsernen Behörden“. Technisch wäre es heute keinerlei Problem alle staatlichen Verwaltungsakte samt den Ausgaben hierfür anonymisiert und für jeden einsehbar ins Internet zu stellen. Die detaillierte Offenlegeng der Mittelverwendung würde nicht nur einen enormen Effizienzgewinn in der Verwaltung nach sich ziehen, sondern auch einen riesigen Zugewinn an Akzeptanz.
    mit freundlichem Gruß
    Erwin Späth

    Antworten
  6. Karl F. says:

    Jenseits der ökonomischen Themen muss man bei Streeck aber auf Folgendes hinweisen: Er sieht im Augenblick den Nationalstaat und eben nicht den Staatenbund EU als letzte Bastion und Schutz für die Interessen der Unter- und Mittelschichten. Dass die nichtvermögenden, vielfach in prekären Verhältnissen lebenden Menschen in einem Land ohne den Schutz des Staates von der Globalisierung schlichtweg überrollt würden, ist eine seine Kernthesen. Für diese „falsche“ Einstellung ist er von den „Globalisierungslinken“ schon oft geprügelt worden.
    Mit seinen ökonomischen Aussagen kann er auch kein Land gewinnen – aber zwischen den Stühlen kann man offenbar auch leben.

    Antworten

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