Schulden sind gut ‒ Eigentumsökonomik I

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal am 15. Januar 2014 bei bto. Dieser Blog beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Folgen zu hoher Verschuldung. Wie verschiedentlich dargelegt, sind die Schulden von Staaten, privaten Haushalten und Nichtfinanzunternehmen in der westlichen Welt von 1980 bis 2012 von 180 Prozent des BIP auf rund 340 Prozent des BIP gestiegen. Real, also bereinigt um die Inflation, haben die Unternehmen mehr als drei, die Staaten mehr als vier und die privaten Haushalte sogar mehr als sechs Mal so viele Schulden wie 1980. Dies ist der Hauptgrund für die Misere, in der wir uns befinden. Vor allem, weil die Schulden immer noch weiter wachsen. Nun könnte man denken, ich sei prinzipiell gegen Schulden. Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Schulden sind gut für die wirtschaftliche Entwicklung. Erst die Existenz von Schulden ermöglicht anhaltendes Wachstum einer Volkswirtschaft, zunehmende Produktivität – also effizientere Nutzung von Ressourcen − und technischen Fortschritt. Der Grund dafür ist einfach: Schulden führen zu Druck. Der Schuldner muss hart arbeiten und sich etwas einfallen lassen, wenn er die Schulden wieder zurückzahlen möchte. Das klingt überraschend, und es lohnt sich, darauf detaillierter einzugehen.

Die Gründungsgeschichte Roms ist bekannt: Die Zwillinge Romulus und Remus gründen im Jahre 753 vor Christus Rom an einer Stelle, an der es bereits seit Jahrhunderten Siedlungen gegeben hat. Romulus ermordet Remus, nachdem sich dieser über die Abgrenzungsmauern lustig macht, die Romulus zwischen den einzelnen Grundstücken errichtet hat. Soweit die Legende. Was folgt, ist der beispiellose Aufstieg einer zu Beginn armen Gesellschaft zur unbestrittenen Weltmacht. Mehr als 2000 Jahre später entwickelt sich England von einem rückständigen Agrarland zur Wiege der industriellen Revolution und zum Weltreich des 19. Jahrhunderts. Nach Erkenntnis der Professoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (auf deren Theorie der Eigentumsökonomik ich mich hier beziehe), steht das Privateigentum entscheidend hinter dieser Entwicklung. In Rom und England gab es eine erfolgreiche Revolution der Leibeigenen gegen die zuvor bestehende Feudalherrschaft. Während es in Rom zu einer gleichmäßigen Aufteilung von Grund und Boden auf die Revolutionäre kam, behielt der Adel in England die Ländereien, konnte jedoch nicht mehr auf Zwangsarbeiter zurückgreifen, sondern musste diese für ihre Arbeit bezahlen. Die Arbeiter bekamen praktisch das „Eigentum an sich selbst“ wieder zurück. So kann man den Mord des Romulus an seinem Bruder Remus verstehen: Er hat allen gezeigt, dass nicht eine Stammeswirtschaft oder eine neue Feudalstruktur aus der Revolution hervorgeht, sondern eine Gesellschaft, in der jeder für sich alleine steht. Jeder hatte Eigentum an Grund und Boden, welches er nutzen und gegen andere verteidigen musste. Romulus machte dies durch den Mord für alle deutlich. Was die Revolutionäre freilich nicht ahnten, war, dass sie damit einen Mechanismus in Gang gesetzt hatten, der zu einer ungemeinen wirtschaftlichen Dynamik führt. Denn Eigentum führt zu Schulden, Zins und Geld – und zwar in dieser Reihenfolge. Und diese Zusammenhänge muss man verstehen, wenn man die heutige Krise verstehen will. Die erfolgreichen Revolutionäre, die neuen Eigentümer, genossen nicht mehr die Sicherheit des Kollektivs mit gemeinsamer Lagerhaltung und gegenseitiger Hilfe. Sie waren auf sich alleine gestellt und gezwungen, individuelle Vorsorge für den Fall von Notlagen wie Missernten und Krankheit zu treffen, weshalb sie begannen, eigene Vorräte anzulegen. Nicht alle Eigentümer wirtschaften gleichermaßen erfolgreich. Einige schaffen es mit Fleiß und Talent, gute Erträge aus ihrem Grund und Boden zu ziehen, oder sie kommen auf die Idee, das Land anders zu nutzen. So wie Landherren in England, die auf Schafzucht umstellten. Diese war mit weniger Arbeitskraft zu bewerkstelligen, die ja nunmehr bezahlt werden musste. Die Schafzucht legte die Grundlage für die Textilindustrie, einem neuen und sehr profitablen Wirtschaftszweig. Andere hingegen stellen sich weniger geschickt an oder haben schlichtweg Pech. Geriet ein Privateigentümer in Not, so konnte er sich von einem anderen Saatgut und Lebensmittel leihen. Der Kreditgeber hatte das Risiko, dass sein Schuldner den Kredit nicht zurückzahlt. Um dieses Risiko abzudecken, musste der Schuldner einen Teil seines Grundstücks verpfänden. Hier zeigt sich die wesentliche Eigenschaft von Eigentum: Man kann es frei verkaufen, aber auch belasten und verpfänden. In der Tat zeigen alte Kreditvereinbarungen aus Mesopotamien – wo schon lange vor Rom ähnliche Verhältnisse geherrscht haben –, dass das Pfand der Fläche entsprach, die für die Erzeugung der entliehenen Menge von Saatgut und Lebensmitteln erforderlich war. Voraussetzung für einen Kredit ist das Vorhandensein von Eigentum. Auch heute ist es nur im Bereich der Überziehungskredite möglich, ohne Verpfändung von Eigentum einen Kredit zu bekommen. Allerdings haftet der Schuldner mit allem, was er hat und seinem zukünftigen Einkommen für einen solchen Kredit. In allen anderen Fällen verlangt der Kreditgeber, üblicherweise eine Bank, Sicherheit in Form von einem Anrecht, das Eigentum des Kreditnehmers in Besitz zu nehmen. Eine Hypothek ist im Grundbuch vermerkt, und auch bei Unternehmenskrediten sind solche Sicherheiten üblich, indem beispielsweise Maschinen, Anlagen und Forderungen verpfändet werden. Kreditgeber, die einen Teil ihres Eigentums als Kredit herausgeben, haben ein großes Interesse, ihr Eigentum zurückzubekommen. Um die Rückzahlung zu gewährleisten, benötigen die Gläubiger deshalb eine Sicherheit in Form des Pfandes. Umgekehrt ist es im Interesse der Schuldner, ihr verpfändetes Eigentum zu behalten. Sie wollen die Schulden ordnungsgemäß bedienen, um ihr Eigentum nicht zu verlieren. Man gibt normalerweise nur dann einen Kredit, wenn man das Pfand – beispielsweise eine Immobilie – für entsprechend werthaltig hält, und man leiht sich nur dann Geld, wenn man davon ausgeht, den Kredit tilgen zu können. Das ist wichtig zu verstehen, wenn wir uns dem Thema der Überschuldung der westlichen Welt nähern. Damit haben wir die zwei ersten Komponenten unseres Wirtschaftssystems erklärt: Eigentum und Schulden. Im Teil II geht es um den Zins.