„Das Geschäft mit der Illusion“

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Dieser Beitrag erschien bei Cicero.de:

Zum ersten Mal hat die Europäische Zentralbank die Billionengrenze bei ihren Staatsanleihen-Käufen durchbrochen. Doch mit dem Geld wird nur Zeit erkauft. Alle Beteiligten halten lieber an einer Lüge fest, als zuzugeben, dass das System so nicht aufrechtzuerhalten ist.

Eine Billion Euro. Für so viel Geld hat die Europäische Zentralbank (EZB) seit März 2015 Anleihen von Euroländern, Regionen und staatlichen Institutionen erworben. Zählt man Pfandbriefe und Unternehmensanleihen hinzu, ist die EZB auf dem besten Weg, demnächst die Zwei-Billionen-Grenze zu durchbrechen.

„Na und?“, kann man da nur sagen, „verglichen mit der Bank of Japan ist die EZB doch noch zurückhaltend.“ Richtig, die Japaner kaufen – wie die Schweizer übrigens – auch Aktien von Unternehmen. Soweit ist die EZB noch nicht. Aber keine Bange, in guter Tradition ist schon durchgesickert, dass uns das auch noch bevorsteht. Eine weitere Möglichkeit für Spekulanten und Banken, einen Zusatzgewinn einzufahren. Gerade letztere können ihn bekanntlich gut gebrauchen.

Mit Geld wird bloß Zeit erkauft

Beim normalen Bürger kommt von dem Geldsegen herzlich wenig an. Während Vermögenspreise wie Immobilien in Deutschland immer mehr anziehen und die Debatte zur Ungleichheit weltweit befeuern, tun die Notenbanker alles Erdenkliche, um die Finanzmärkte zu stärken. Angeblich geht es darum, die Realwirtschaft zu beleben und so die Folgen der Finanzkrise endlich zu überwinden. In Wirklichkeit wissen die Notenbanker der Welt, dass sie mit ihren Mitteln am Ende sind. Käufe von Aktien und schließlich die direkte Finanzierung von Staatsausgaben mit dem sogenannten „Helikopter-Geld“ sind noch in Planung, und das war es dann. Nur viel Geld hilft nicht in einer Welt, die an faulen Schulden, Fehlinvestitionen und Überkapazitäten leidet.

Viel Geld kauft aber Zeit und erlaubt es uns allen, die Realität zu leugnen. Wir können weiter annehmen, die wirtschaftliche Lage wäre doch nicht so schlecht. Wir können weiter hoffen, unsere Ersparnisse und Vermögen wären sicher. Die Negativzinsen knabbern ja nur ein wenig an unserem Geld und sind – so die Hoffnung – bald Geschichte.

Wie im Märchen vom nackten Kaiser

Wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern wollen wir alle fest daran glauben, dass der Kaiser angezogen ist. Im Märchen gelingt es den Betrügern, dem Kaiser einzureden, seine Kleider seien wunderschön und könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Da niemand als unwürdig und dumm erscheinen will, machen alle mit in dem Spiel. Der Kaiser läuft nackt durch die Stadt und alle bewundern sein schönes Gewand.

Auch heute sind nur jene ihres Amtes würdig, die die Illusion einer erfolgreichen Eurorettung und eines gesunden Bankensystems aufrechterhalten. Im Unterschied zum Märchen sind die Folgen der Wahrheit auch weitaus unangenehmer. Wir müssten uns eingestehen, dass nicht nur die Banken viel Geld verloren haben, sondern vor allem wir alle einer enormen Vermögensillusion unterliegen. Unsere Forderungen (Lebensversicherungen, Wertpapiere, Pensionsansprüche) sind nicht so werthaltig, wie angenommen, und die Vermögenspreise nur dank der Schulden auf dem heutigen, hohen Niveau.

Wie im Märchen sind wir alle aus verschiedenen Gründen sehr daran interessiert, dass die Illusion weiter besteht:

  • Sparer und Vermögensbesitzer wollen keine Verluste realisieren.
  • Banken wollen weiter existieren.
  • Politiker wollen weiterhin mit Schulden – von den Banken bereitwillig angeboten – über konjunkturelle Probleme hinwegtäuschen und unbequeme und unpopuläre Entscheidungen vermeiden.
  • Mit Blick auf die Eurozone wollen Brüsseler Bürokraten und europäische Politiker weiterhin so tun, als ließe sich eine Währungsunion völlig unterschiedlicher Länder alleine mit politischem Willen gegen alle Grundregeln der Ökonomie erhalten.
  • Die Notenbanker genießen ihre Rolle als Retter der Welt, was da auch komme.

Der reiche Onkel Europas?

Dumm ist nur, wenn das gemeinsame Ziel der (Selbst-)Illusionierung zu unterschiedlichen Prioritäten führt. Konkret ist das in der italienischen Bankenkrise der Fall. Der italienische Premier Renzi möchte die Illusion der Sparer aufrechterhalten, dass die Bankpapiere, die sie gekauft haben, sicher sind. Zu groß ist die berechtigte Angst vor der Rache des Wählers und den Folgen einer aus dem Ruder laufenden Bankenkrise im Land.

Bundeskanzlerin Angela Merkel möchte derweil die Illusion aufrechterhalten, die Politik der Eurorettung sei ein Erfolg und auf den deutschen Steuerzahler kämen keine weiteren Lasten zu. Dabei hilft ihr das fehlende ökonomische Verständnis und Interesse des Durchschnittsdeutschen, der mehr auf die positiven Schlagzeilen achtet als auf Fakten. Obwohl das Vermögen der deutschen Privathaushalte deutlich unter dem Niveau der anderen Euroländer liegt, denken die Deutschen noch immer, sie wären der reiche Onkel Europas. So verdrängen wir auch gerne, dass die tiefen Zinsen nichts anderes sind als eine Subventionierung für unsere Schuldner. Der ehemalige Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, beziffert den Schaden bis jetzt schon auf mehr als 300 Milliarden Euro.

Die EZB als Illusionskünstlerin

Schön für die EZB, dass sie angesichts des Konfliktes weiter in ihrer Rolle als Retterin des Euro und Meisterin der magischen Illusion bestärkt wird. Denn darauf läuft es letztlich hinaus. Die Illusion, die wir alle so sehr genießen, lässt sich nur durchhalten, wenn die Banken und ihre Gläubiger gerettet werden und zugleich der deutsche Steuerzahler nicht belastet wird. Dies wird nur gehen, wenn die EZB – wie auch immer verschleiert und versteckt – den Banken und dem Staat hilft.

So gab es auch keine Proteste, als die irische Notenbank dem Staat im Jahre 2013 mit frisch gedruckten Euros Staatspapiere im Volumen von rund 20 Prozent des BIP abgekauft hat. Obwohl es nicht anderes war als direkte Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Der EZB Rat hat dieses Handeln damals nur „zur Kenntnis“ genommen. Wenig verwunderlich, war es doch ein Grund, weshalb Irland heute von der Politik als gelungenes Beispiel der Sanierung innerhalb des Euro dient.

Und wo waren die Proteste, als die griechische Notenbank im Zuge der Krise Anfang 2015 mit umfangreichen Notkrediten an die lokalen Banken die massive Kapitalflucht finanzierte, ebenfalls mit expliziter Duldung aus Frankfurt? Auch damals wurden Milliarden an neuen Euro geschaffen, ohne dass diesen die entscheidende Grundlage gegenüberstand: werthaltige Sicherheiten.

Das Spiel funktioniert

Das Spiel funktioniert offensichtlich. Wir wollen daran glauben, dass unsere Vermögen sicher sind. Wir wollen daran glauben, dass unsere Schuldner immer bezahlen. Wir wollen daran glauben, dass Hyperinflationen wie in der Weimarer Republik und Depressionen wie in den 1930er-Jahren heute nicht mehr passieren können.

In der Tat haben die Notenbanken seit 2009 eine neue große Depression verhindert. In der Tat ist von Inflation weit und breit nichts zu sehen. Und dies, obwohl die Bilanzsummen der Notenbanken förmlich explodiert sind. Also ist es doch richtig, diese Geldpolitik zu betreiben, mangelt es doch nur an der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, so die Befürworter.

Zombiebanken stützen Zombieunternehmen

Es kann also noch eine Weile dauern, bis jemand laut und deutlich ruft, „Der Kaiser ist nackt!“, wie das Kind im Märchen. Die Schulden von Staaten und Privatleuten wachsen weiter an, die Illusionsmaschinerie funktioniert. Jedoch untergräbt sie zugleich den eigenen Erfolg. Je höher die Schulden und je tiefer die Zinsen, desto deutlicher die schlechten Nebenwirkungen. Die Realwirtschaft muss letztlich den Schuldendienst erbringen und leidet immer mehr unter der Last der Schulden.

Überdeutlich wird, dass Schulden eben nichts anderes sind als vorweggenommener Konsum. Und diese Nachfrage fehlt heute. Hinzu kommt, dass die tiefen Zinsen die überfällige Bereinigung der Überkapazitäten und Fehlinvestitionen verhindern. Zombiebanken stützen Zombieunternehmen, die zwar eigentlich nicht wettbewerbs- und damit lebensfähig sind, jedoch nicht Pleite gehen dürfen, weil sie die Gläubiger mit in die Tiefe zögen. Neue Schulden werden nicht gemacht, um zu investieren, sondern um eigene Aktien zurückzukaufen oder Wettbewerber zu übernehmen. Dies alles untergräbt die Wachstumskräfte einer Wirtschaft weiter.

Und machen so immer mehr Eingriffe der Illusionisten erforderlich. Irgendwann wird die Illusion scheitern. Offen ist nur noch wie. Entweder durch einen Vertrauensverlust in die Fähigkeit der Notenbanken oder aber durch einen Vertrauensverlust in das Geld. Die Folge wäre ein Crash oder eine massive Inflation. So oder so: Unser Erwachen aus der Illusion wird schmerzhaft und teuer.

→Cicero.de: „Das Geschäft mit der Illusion“, vom 6. September 2016

31 Antworten
  1. Michael Stöcker says:

    „So verdrängen wir auch gerne, dass die tiefen Zinsen nichts anderes sind als eine Subventionierung für unsere Schuldner.“

    Ganz so einfach ist diese Zinsgeschichte nicht, wie sie immer wieder gerne kolportiert wird: https://makroskop.eu/2016/09/niedrige-zinsen-kein-problem-fuer-kleinsparer-und-kommende-rentner/.

    Und Heiner Flassbeck nimmt sich Hans Werner Sinn zur Brust: https://makroskop.eu/2016/09/sinn-schumpeter-und-die-zinsen/.

    LG Michael Stöcker

    Antworten
  2. Dietmar Tischer says:

    >Wir wollen glauben …>

    Nicht nur:

    Wir MÜSSEN glauben …

    Wenn wir nicht müssten und daher auch nicht wollten, dann wird der Aufschlag in der Realität sehr SCHNELL kommen.

    Und damit sehr schnell die brutale Wirklichkeit, die mit unkalkulierbaren Konsequenzen verbunden ist.

    Kann das wirklich jemand WOLLEN?

    Deshalb:

    Weiter glauben, weiter den Illusionen nachhängen.

    Denn dann wird der Aufschlag erst morgen oder übermorgen erfolgen.

    Das ist – zumindest aus individueller Sicht – vorteilhafter als wenn er heute stattfände:

    Einen, mehrere oder viele Tage noch ganz gut gelebt, statt orientierungslos umherzuirren, ist doch positiv.

    Besonders positiv für alte Menschen:

    Wenn sich das Desaster erst nach dem Tod ereignet, haben sie viel „gewonnen“.

    Ich bin überzeugt davon, dass diese Einstellung EVOLUTIONÄR in uns angelegt ist und dass es nicht so etwas wie kollektive Rationalität gibt, die eine Mehrheit davon abbringen könnte.

    So nehmen die Dinge ihren Lauf ….

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  3. Uwe Stein says:

    Sehr gelungener Artikel, Herr Stelter!

    Nun will ja auch Herr Juncker mit einem Investitionsplan von 630 Mrd. EUR gegen die Krise vorgehen. Vielleicht können Sie kurz etwas dazu sagen, woher dieses Geld stammen soll, wie es verwendet werden soll und wie es letztlich wirken soll? Wird das der erhoffte Befreiungsschlag, wie beurteilen Sie das Vorhaben?

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      • Dietmar Tischer says:

        ER?

        Da bin ich mal gespannt.

        Wir hatten das ja schon einmal, 2014 war das.

        Damals war es ein „Europäischer FONDS für strategische Investitionen“:

        http://www.spiegel.de/politik/ausland/junckers-investitionsplan-eu-staats-und-regierungschefs-stimmen-zu-a-1009408.html

        „Ausgestattet wird er zunächst mit 21 Milliarden Euro von der EU und der Europäischen Investitionsbank (EIB). Private Investoren sollen dann durch ihre Beteiligung dafür sorgen, dass die Summe um das 15-Fache höher liegt.“

        Jetzt soll also soll der EU, von der niemand weiß, ob es sie übermorgen noch gibt, einfach mal so EUR 630 Mrd. zugschoben werden.

        Sehe ich nicht, kann aber natürlich auch nicht ausschließen, dass dies durchgewunken wird. In Zeiten wie diesen ist vieles möglich.

        Was allerdings sicher zu sein scheint:

        Die Summen werden höher.

        Vor zwei Jahren waren es noch EUR 315 Mrd, jetzt soll es das Doppelte sein.

        Auch eine Art von Inflation …

  4. Ondoron says:

    Und warum denken die Deutschen, sie seien „der reiche Onkel“ Europas? Wenn der Gauckler doch laufend stimmig in die Runde wirft, den „Deutschen sei es noch nie so gut gegangen wie heute!“ Wenn die MSM in grandioser deutscher(!!!) Selbstüberschätzung immer weiter schön für den Euro trommeln, wie es die Goebbelsche Propaganda nicht besser hätte können?
    Die Narrative sind das Problem. Und die Zeitperspektive – zumindest gemessen an einem Menschenleben.
    Europa steht vor der größten Katastrophe seit 1945. Und die Merkels und Gauckler haben daran größten Anteil. Deutschland hätte schon 2008 aus dem Euro austreten sollen…

    Übrigens: Die Wohlstandsillusion ist der Aufblähung des Papiergeldsystems geschuldet. Wenn diese Blase platzt, dann ist Schluss mit lustig. Die gesellschaftlichen Verwerfungen werden schon jetzt langsam am Horizont deutlich. Eine freie, liberale Gesellschaftsordnung – gar Marktwirtschaft – wird im sozialistischen Gift verrotten.

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  5. Dr. Bubble says:

    Genial treffender Beitrag.

    „sondern vor allem wir alle einer enormen Vermögensillusion unterliegen. Unsere Forderungen (Lebensversicherungen, Wertpapiere, Pensionsansprüche) sind nicht so werthaltig, wie angenommen, und die Vermögenspreise nur dank der Schulden auf dem heutigen, hohen Niveau.“ => Genau, wir alle hängen mit drin. Natürlich profitiert das 1% weit überproportional vom Vermögenseffekt durch die Notenbankpolitik, aber auch das genannte „Volksvermögen“ würde sich ohne die Interventionen in Luft auflösen.

    „Überdeutlich wird, dass Schulden eben nichts anderes sind als vorweggenommener Konsum.“ => Was ist mit Investitionen für künftige Produktion (und ergo künftigen Konsum)? Aber auch diese Nachfrage fehlt heute.

    „Hinzu kommt, dass die tiefen Zinsen die überfällige Bereinigung der Überkapazitäten und Fehlinvestitionen verhindern.“ => Der Effekt wird m. E. eher überschätzt. Bei steigenden Zinsen würde es einige Risiko-Hypothekarschuldner umhauen, aber die Realwirtschaft dürfte doch überwiegend von den Absatzchancen abhängen, nicht von 2% mehr Zins. Der Mittelstand, sofern nicht groß verschuldet, dürfte sich über etwas mehr Zins sogar freuen und in der Folge ev. sogar den Konsum steigern. Und die Banken ächzen sowieso unter den tiefen Zinsen bzw. den tiefen Zinsdifferenzen.

    Wie endet es? Vermögenscrash und/oder Vertrauensverlust sind absolut realistisch. Oder das Schumpeter-Szenario von 1943 (Capitalism, Socialism and Democracy): Der unblutige Übergang in eine Form des Sozialismus (statt Zentralkomitee heißt es dann vielleicht „Zentralbank“?), weil dem Kapitalismus „der Dampf“ ausgegangen ist, falls nicht bald große neue Innovationsimpulse kommen. Oder Weltkrieg. Vielleicht ist dies das realistischste Szenario. „Danach“ muss auch wieder kräftig investiert werden…

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    • Dr. Bubble says:

      Aus der FAZ vom 16. September 2026 (!): „Der Vorsitzende der Europäischen Zentralbank gab heute den 5-Jahres-Plan für die Periode von 2027 bis 2032 bekannt. Demnach werde ein Investitionsfokus gelegt auf folgende Industrien: … In folgenden Regionen werden neue Häuser gebaut: … Im Anschluss wurde der Vorsitzende einstimmig für eine weitere Amtszeit gewählt.“

      Was ist daran unrealistisch? Genau, die FAZ wird es 2026 längst nicht mehr geben… ;-)

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    • Dietmar Tischer says:

      Soweit ich sehe, sind wir uns alle einig, was die Aussagen in dem Beitrag betrifft.

      Aber Vorsicht bei den Schlussfolgerungen:

      >Bei steigenden Zinsen würde es einige Risiko-Hypothekarschuldner umhauen, aber die Realwirtschaft dürfte doch überwiegend von den Absatzchancen abhängen, nicht von 2% mehr Zins.>

      Das sehe ich anders.

      Die Realwirtschaft ist nicht nur eine Hypotheken-Schuldner-Wirtschaft, sondern eine in ihrer GESAMTHEIT hoch verschuldetet Realwirtschaft. Und wir reden hier über die globale Realwirtschaft.

      Die wird erst einmal 2% mehr Zins verkraften müssen. Erst dann können diejenigen, die das Zinsplus überlebt haben – wie viele? –, nach Absatzchancen Ausschau halten.

      Die wird es geben, aber in einer – meiner Einschätzung nach – vielleicht auf Jahre „verwüsteten“ Wirtschaftslandschaft.

      Antworten
      • Dr. Bubble says:

        Die Realwirtschaft fuhr ja in der Vergangenheit auch mit 2 oder gar 5 und mehr % gut. Für den klassischen Betrieb, der nicht direkt vom real estate abhängig ist, ist das selten entscheidend. In vielen Ländern ist die Privatwirschaft ja ohnehin längst zum Netto-Sparer geworden, trotz 0%!

        Wir wissen auch aus zahlreichen Studien, dass der Zins der Wirtschaftsentwicklung folgt und nicht umgekehrt (siehe z.B. Markus Werner). Auch deshalb wird eine hypothetische Zinserhöhung nicht entscheidend sein, vermute ich. Außer die Notenbanken machen gleich den Volker, aber dafür gibt es heute ja keinen Anlass mehr.

        Es gab natürlich Industrien, die wurden in den letzten Jahren „liquidiert“, z.B. das US-Fracking. Aber eben nicht aufgrund von Zinserhöhungen (Fracking würde sich auch noch bei 5% Zins lohnen), sondern weil der Absatzpreis einbrach. Dieser Hebel dürfte in den meisten Fällen viel größer sein.

        Und wie gesagt: Mehr Zins bedeutet immer auch mehr Einkommen, und damit potentiell mehr Konsum. Die Frage ist nur wo…

  6. SMS says:

    Weshalb die Bank of Japan Unternehmensakien kauft, ist mir klar. Aber warum macht es die SNB? Ich dachte die Schweiz leidet nicht an einer Schuldendeflation. Oder geht es um Abwertung des Franken? Dann müssten es aber ja ausländische Unternehmen sein…

    Antworten
  7. Dietmar Tischer says:

    @ Dr. Bubble

    >Die Realwirtschaft fuhr ja in der Vergangenheit auch mit 2 oder gar 5 und mehr % gut.>

    Das war aber eine ganz ANDERE Realwirtschaft.

    >Wir wissen auch aus zahlreichen Studien, dass der Zins der Wirtschaftsentwicklung folgt und nicht umgekehrt (siehe z.B. Markus Werner). Auch deshalb wird eine hypothetische Zinserhöhung nicht entscheidend sein, vermute ich.>

    Auch dann, wenn es so sein sollte – und ich meine auch, dass es so ist für die Zinsen am langen Ende –, ist es eine Zinserhöhung.

    Die Notenbanken sehe ich dabei nicht im Spiel, zumindest nicht direkt. In der längeren Perspektive vielleicht, wenn es ihnen gelingen sollte, eine Inflationsmentalität zu erzeugen. Davon sind wir im Augenblick weit entfernt.

    Gleichwohl sieht man bereits, welches Zittern durch die Märkte geht, wenn die Fed z. B. eine Zinserhöhung auch nur andenkt. Käme eine, beträfe dies zuerst einmal nur die Finanzmärkte, aber mit erheblichen Effekten in der Realwirtschaft zumindest dann, wenn sie nicht nur ein symbolischer Akt, sondern der Anfang einer nachhaltig betriebenen anderen Zinspolitik sein sollte – letztlich ein Paradigmenwechsel.

    >Mehr Zins bedeutet immer auch mehr Einkommen, und damit potentiell mehr Konsum. Die Frage ist nur wo…>

    Das ist richtig – normalerweise.

    Sie überspringen die Konsequenzen des Schockereignisses, die eine Zinserhöhung nach Lage der Dinge auslösen würde.

    Ich habe natürlich keine Vorstellung davon, was sie genau sein werden.

    Aber ich glaube, dass hier nichts überschätzt werden kann.

    Antworten
      • Dr. Bubble says:

        Danke Herr Stöcker. Ich sehe das sehr ähnlich wie die beiden zitierten Quellen. Zentralbanken sind eben auch nackte Kaiser, oder sind es gar Zauberer von Oz? :-) :-)

        „Eventually, it is revealed that Oz is actually none of these things, but rather an ordinary conman from Omaha, Nebraska, who has been using a lot of elaborate magic tricks and props to make himself seem „great and powerful.“ .. One day his balloon sailed into the Land of Oz, and he found himself worshipped as a great sorcerer. As Oz had no leadership at the time, he became Supreme Ruler of the kingdom, and did his best to sustain the myth.“

    • Dr. Bubble says:

      Da haben wir uns vielleicht falsch verstanden. Natürlich würde eine Zinserhöhung und die Einstellung der Kaufprogramme zu einem Kollaps der Immobilien- und Aktienmärkte führen und die ganze Wirtschaft in den Abgrund reißen. Das ist auch meine Prognose.

      Mein Einwand bezog sich nur auf diesen Satz von Hr. Stelter (s.o.): „Hinzu kommt, dass die tiefen Zinsen die überfällige Bereinigung der Überkapazitäten und Fehlinvestitionen verhindern.“

      Das ist ja sozusagen das österreichische Argument (insb. von Mises), dass die tiefen Zinsen zu Fehlinvestitionen führen, die dann in der Schumpeterschen Krise „bereinigt“ werden. Dieser direkte Effekt wird meines Erachtens deutlich überschätzt. Es kommt in der Realwirtschaft nicht zu „Fehlinvestitionen“, nur weil die Zinsen bei 2 statt 3 Prozent sind. Umgekehrt lässt sich ein Unternehmer auch nicht wegen 5% Zins eine tolle Chance entgehen; meist kann er die Kreditkosten ja ohnehin abwälzen. Dieses Argument zieht deshalb m.E. schlicht nicht, mit Ausnahme eben der spekulativen leverage Branchen, wo aber ohnehin nichts produziert, sondern lediglich Rente abgesogen wird.

      Die FED wird mit einer Zinserhöhung deshalb nicht „Überkapzitäten und Fehlinvestitionen“ der Industrie „bereinigen“. Womöglich aber über einen Aktien- und Immobiliencrash die Wirtschaft in den Abgrund reißen. => Anderer Mechanismus.

      Antworten
      • Dietmar Tischer says:

        Anderer Mechanismus – o.k.

        Aber auch eine Bereinigung (bestehender Verhältnisse), weil im Abgrund eine stattfindet, wenn auch keine, die dem Verständnis geordneter Abläufe nach als zyklische zu verstehen ist.

        Vermutlich meint das Dr. Stelter auch so.

      • Daniel Stelter
        Daniel Stelter says:

        Genau. Ich denke nicht, dass das billige Geld (alleine) die Fehlinvestitionen ausgelöst hat. Ich denke aber, dass die Politik des billigen Geldes jetzt alle Ponzi-Finanzierungen am Leben erhält…was die Probleme verschärft. Egal ob Fabriken, Immobilien oder Finanzspekulation.

  8. Axel says:

    Über das Klein Klein läßt sich trefflich streiten. Ich bin mir jedoch sicher, daß mit dem Argument der Stimulation/Krisenvermeidung, noch mal so richtig der Schuldenturbo angeworfen wird. Davon profitieren natürlich nochmals die Wohlhabenden, die ihr Geld in Unternehmen, Land, Immobilien, etc. anlegen werden. Hauptsache rechtzeitig raus aus dem Fiatgeldsystem, bevor die EU oder Euro… zerbricht… Entweder gibt es dann eine Umverteilung zurück von Oben nach Unten oder heftige soziale Unruhen.
    Auf jeden Fall dürfen wir danach alle für die versprochenen Pensionen der Politiker und Beamte mit Vermögensabgaben bluten. Dafür sorgen die schon. Da bin ich mir sicher…

    Antworten
  9. MT says:

    Guter Artikel, wie alle hier.
    Glaube ich mittlerweile alles, daß es so kommt bzw. nach Belieben schlimmer und irrer.
    Nur, in welche Absurditäten soll sich das noch hinein-/hinaufsteigern?
    Was bedeutet es, daß Zentralbanken ausländische Aktien kaufen? Für lau. Haben die sich hinter den Kulissen bei den BIZ Sitzungen abgesprochen, daß z.B. die SNB Apple bis max Anteil von x.y % aufkaufen darf? Oder kann die nach eigenem Gutdünken auf den weltweiten Aktienmärkten „wildern“?
    Und was kommt dann? Draghi kauft 2017/18 die gesamte Eifon 8 Jahresproduktion? Und läßt sie dann im Marianangraben versenken, damit sie nochmals produziert werden kann? Etc. pp.
    Was denken die honorigen Damen und Herren der „Elite“ sich bei all diesen Absurditäten, jetzigen und künftigen.
    Schlimm dabei ist, daß es die sog. 99% ja wirklich nicht zu interessieren scheint bzw. es gar nicht „schnallen“ (Herr Stelter weist ab und an in einem Nebensatz darauf hin – drückt es natürlich vornehmer aus), was da abläuft.
    Das Allerschlimmste dabei ist und das kann einen wahrlich im Trübsinn versinken lassen, daß die selben Eliten in ihren Wahlkampf(bzw. besser Bütten-)reden stets von mehr Bildung und der sog. „Wissensgesellschaft“ faseln.

    Klar, war kein fachlicher Kommentar zum engeren Thema, nur ein paar trübsinnige Gedanken um die Geisterstunde.

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