Funktioniert in England der Wealth Effect?

Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+Share on LinkedInEmail this to someone

Die abnehmende Wirksamkeit der geldpolitischen Maßnahmen habe ich ausführlich besprochen. Drei Wirkungsketten werden unterschieden:

  • Tiefere Zinsen erleichtern Schuldendienst, und der Schuldner kann mehr von seinem Geld für andere Dinge als Zinsen ausgeben.
  • Tiefere Zinsen führen zu vermehrten Käufen auf Kredit.
  • Der Anstieg der Vermögenswerte (Aktien,…) führt zu einem „Wealth Effekt“, also einem Gefühl des „Reicherseins“ und damit ebenfalls zu mehr Konsum.

Kenner der Theorie der Eigentumsökonomik werden sofort ergänzen, dass dieser Wohlstandseffekt weniger der zusätzliche Konsum ist, sondern die Folge davon, dass es wieder beleihungsfähiges Kapital gibt. Höhere Vermögenspreise dienen als Sicherheit für neue Kredite. Das Schuldensystem kann solange weiter funktionieren, bis auch diese neue Verschuldungskapazität ausgeschöpft ist.

Dies führt mich nach England. Ein Artikel im heutigen Telegraph fiel mir auf. Der Autor nimmt Deutschland in der gegenwärtigen Diskussion zu den Außenhandelsüberschüssen in Schutz und sieht im Euro die Ursache für die Krise, weil eine Notenbankpolitik niemals für alle Länder der Eurozone angemessen ist. Für einige ist es immer zu locker, für andere zu restriktiv. Um seinen Punkt zu erläutern, vergleicht er die Entwicklung in Europa mit der positiveren in Großbritannien. Das hat mich stutzig gemacht. Wie kann es sein, dass Großbritannien so viel besser durch die Krise zu kommen scheint, obwohl es eine deutliche höhere Verschuldung des Privatsektors aufweist? Ich denke, das hat mehrere Gründe:

  • Die Politik der Bank of England war sicherlich deutlich aggressiver, als jene der EZB. Die Bilanzsumme ist deutlich stärker gewachsen.
  • Dank des flexiblen Wechselkurses hat dies zu einer Abwertung des Pfundes geführt. Folge: mehr Inflation durch verteuerte Importe und eine Stärkung der Exporte.
  • Die britische Regierung hat zudem ein Programm zur Förderung des Hauskaufs für sogenannte „Erstkäufer“ eingeführt, subventioniert also hohe Immobilienpreise.
  • Der wichtigste Punkt dürfte aber sein, dass der Wealth Effekt gerade in England gut funktioniert. London ist sicherlich neben New York die Stadt, in der am meisten Menschen leben, die von einem Anstieg der Vermögenspreise profitieren. Direkt als Eigentümer, indirekt als Dienstleister für die Eigentümer (Vermögensverwalter, Aktienhändler,…).
  • Hinzu kommt noch die Flucht reicher Eurozonen-Bürger und russischer Oligarchen in Londoner Immobilien.

Wer England bereist, kennt den deutlichen Unterschied zwischen London und dem Rest. In den letzten Jahren ist er eher noch größer geworden.

Der Wealth Effekt funktioniert also. Aber nur dort, wo Wealth entsprechend konzentriert ist.

The Telegraph: Don’t blame Germany for the eurozone’s travails, blame the euro itself, 12. November 2013

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte das Captcha ausfüllen * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.