Wir fahren vor die Wand und das Establishment weiß es

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Wenn der ehemalige Chef der Bank of England ein Buch schreibt, lohnt es sich hinzuhören. Wenn er darin noch starke Aussagen wagt, erst recht. Verschiedene Medien haben schon darüber berichtet, insofern bin ich etwas spät dran. Ich gehe dennoch heute und morgen genauer darauf ein. Der Telegraph hat dem Buch mehrere Nachdrucke gewidmet. Ich fasse mal zusammen, was in den diversen Folgen gestanden hat und wie das die hier formulierten Hypothesen stützt, aber auch, wo wir auseinanderliegen. Entscheidend bleibt für mich die Feststellung, dass wir vor die Wand fahren und das Establishment es weiß! Denn auf wen, wenn nicht auf Mervin King und Adair Turner, sollten denn die Politiker und die amtierenden Notenbanker hören?

Zum Zustand der Weltwirtschaft nach der Finanzkrise:

  • „Unless we go back to the underlying causes we will never understand what happened and will be unable to prevent a repetition and help our economies truly recover.“ – bto: Und diese Ursachen liegen in einem ungehemmten Schuldenwachstum, befeuert von einer Allianz aus Notenbankern, Banken und Politikern in einem Geldsystem, das jeden Anker verloren hat.
  • „The crisis was a failure of a system, and the ideas that underpinned it, not of individual policymakers or bankers, incompetent and greedy though some of them undoubtedly were. There was a general misunderstanding of how the world economy worked.“ – bto: Dieses Missverständnis besteht allerdings auch noch heute! Wie sonst können wir uns für die „schwarze Null“ feiern und Kredite in die Welt vergeben, die niemals bedient werden?
  • „Many of the problems that seem to overwhelm us – poverty, rising inequality, crumbling infrastructure, ethnic tensions within and between countries – would all be eased by rates of growth that before the crisis seemed quite normal. But economic growth has fallen back across the developed world.“ – bto: Naja, die Wachstumsraten waren vorher künstlich nach oben verzerrt wegen des Schuldendopings. Hinter den Zahlen sah es schon deutlich schlechter aus – durch die demografische und schlechte Produktivitätsentwicklung.
  • „Before the crisis, spending continued at unsustainably high levels in the United States, United Kingdom and some other countries in Europe, and at unsustainably low levels in Germany and China.“ – bto: Da haben wir sie wieder, die angelsächsische Erklärung. Die ist nicht falsch, aber aus meiner Sicht unvollständig. Dazu gehört die Politik des ungebremsten Schuldenmachens mindestens genauso wie die verfehlte Politik bei uns.
  • „That created an imbalance within those countries, with spending either too high or too low relative to current and prospective incomes. And the imbalance between countries – large trade surpluses and deficits – grew.“
  • „The disequilibrium in the world economy became increasingly serious. Real interest rates were distorted well below the likely expected return on capital investment in an economy growing at its normal rate, encouraging investment in areas where demand was subsequently revealed to be unsustainably high.“ – bto: Er meint zum Beispiel Immobilien in Spanien. Billiges Geld führt immer zu Fehlinvestitionen.
  • Real exchange rates were distorted, so creating unsustainable trade deficits and surpluses, along with a flow of capital from countries where returns on investment were high to countries where they were low. Bad investments were made – in housing in the US and some countries in Europe, in commercial property, such as shopping centres, in the UK, in construction in China and in the export sector in Germany.“ – bto: Das stimmt.
  • „The most obvious symptom of the current disequilibrium is the extraordinarily low level of interest rates which, since the crisis, have fallen further.“ – bto: Das war aber politisch erwünscht, um den Schuldenturm zu stabilisieren bzw. das Leben auf Pump fortzusetzen.
  • The consequences have been further rises in asset prices and a desperate search for yield (…).“ – bto: damit Piketty und Co. die Folgen bejammern können.
  • Central banks are trapped into a policy of low interest rates because of the continuing belief that the solution to weak demand is further monetary stimulus. They are in a prisoner’s dilemma: if any one of them were to raise interest rates, they would risk a slowing of growth and possibly another downturn.“ – bto: Tiefe Zinsen heute machen noch tiefere Zinsen morgen erforderlich (!!), wie die BIZ gut beschreibt.
  • Central banks are trapped into a policy of low interest ratesIf real interest rates remain close to zero, the disequilibrium in spending and saving will continue and the ultimate adjustment to a new equilibrium will be all the more painful. (…) Further turbulence in the world economy, and quite possibly another crisis, are to be expected.“ – bto: Ich denke, es wird das Eiszeit-Szenario.
  • Stagnation – in the sense of output remaining persistently below its previously anticipated path – had once again become synonymous with the word capitalism. Lost output and employment of such magnitude has revealed the true cost of the crisis and shaken confidence in our understanding of how economies behave.“ – bto: Wir haben den Preis zu entrichten für den einfachen Weg in mehr Schulden, statt des harten Wegs für mehr Produktivität und Arbeit.
  • „So with interest rates close to zero, and fiscal policy constrained by high government debt, the objective of economic policy in a growing number of countries is to lower the exchange rate. (…) Competitive depreciation is a zero-sum game as countries try to ‚steal‘ demand from each other.“ – bto: womit wir bei der Wiederholung der Großen Depression der 1930er-Jahre wären.
  • To restore faith in capitalism will require bold action – to raise productivity, rebalance our economies, and reform our system of money and banking.“ – bto: ja, Abkehr vom billigen Geld. Stattdessen harte Arbeit. Politisch schwer vermittelbar.
  • Almost every financial crisis starts with the belief that the provision of more liquidity is the answer, only for time to reveal that beneath the surface are genuine problems of solvency.“ – bto: Wenn King das sagt, wissen es auch die politischen Führer. Doch was machen sie? Eben, nichts. Stattdessen tun sie so wie unsere Politiker, als könnten wir vor wirtschaftlicher Kraft nicht laufen. Wahnsinn!
  • A reluctance to admit that the issue is solvency rather than liquidity – even if the provision of liquidity is part of a bridge to the right solution – lay at the heart of Japan’s slow response to its problems after the asset price bubble burst in the late 1980s, different countries’ responses to the banking collapse in 2008, and the continuing woes of the euro area.“

„Political pressures will always favour the provision of liquidity; lasting solutions require a willingness to tackle the solvency issues.“ – bto: Ja, das stimmt!

Morgen King zum nicht weniger frustrierenden Thema des Euro.

The Telegraph: „Lord Mervyn King: why throwing money at financial panic will lead us into a new crisis“, 27. Februar 2016

7 Antworten
  1. Dietmar Tischer says:

    Mervin King gräbt tiefer als andere, aber nicht tief genug, wenn er sagt:

    „The crisis was a failure of a system, and the ideas that underpinned it, not of individual policymakers or bankers, incompetent and greedy though some of them undoubtedly were. There was a general misunderstanding of how the world economy worked.“

    Die Krise war oder ist kein Systemfehler.

    Es gibt keine Systemfehler, sondern nur Entwicklungen oder Ergebnisse des Systems, die nicht unseren Erwartungen entsprechen. Zu hohe Verschuldung oder Überschuldung ist die Folge von Geldschöpfung, die systemisch möglich ist. Wo ist hier der Fehler?

    Wenn schon Fehler, dann lag der Fehler darin, WIE WIR die Möglichkeiten des Systems genutzt haben.

    „Allgemeines Missverständnis darüber, wie die Weltwirtschaft funktioniert“:

    Auch das ist als Generalaussage m. A. n. nicht richtig. Man hatte schon verstanden, dass durch Ankurbelung der Nachfrage wirtschaftliche Probleme vermieden werden können – vor allem die für die Systemstabilität kritische Arbeitslosigkeit.

    Mit diesem Verständnis war man unterm Strich mehr als 30 Jahre erfolgreich.

    Was man allerdings nicht verstanden hat oder, falls man es verstanden hat, einfach negierte, ist die Systemeigenschaft, bei zu hoher Verschuldung in einen Zustand zu verfallen, wie wir ihn heute haben – Stagnation oder „Eiszeit“.

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  2. Axel2 says:

    Hallo Hr. Stelter

    Könnten Sie mir die Logik eine ihrer zentralen Aussagen, tiefe Zinsen Heute erfordern immer niedrigere Zinsen Morgen, nocheinmal erläutern? Natürlich entziehen höhere Zinsen dem Markt Kapital. Aber dann verdient der Finanzsektor eben nur etwas weniger. Nach ihrer Theorie dürften dann die Zinsen dann ja niemals steigen ohne das es zu Turbulenzen kommt. Dies widerlegt doch aber die Geschichte der Notenbanken eindeutig, dia ja immer wieder die Zinsen erhöht haben um eine Inflation abzukühlen oder Kapital ins Land zu locken. Oder?

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    • Daniel Stelter
      Daniel Stelter says:

      Lieber Axel,

      kurze Antwort: Ich habe das Bild von der BIZ übernommen, die das wörtlich geschrieben hat. Die Zinsen wurden nie wieder auf oder über das Vor-Krisen-Niveau erhöht, deshalb asymmetrisch. Je höher die Schuldenlast, desto tiefer der noch erträgliche Zins. Da tiefe Zinsen Verschuldung ankurbeln (sollen), ist man dann gefangen. Die Beiträge zur BIZ auf meiner Seite sind dazu aber ohnehin eine sehr erleuchtende Lektüre … für einen gemütlichen Abend bei Tee, Wein oder Whisky. :-)

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      • Axel2 says:

        Sehr geehrter Hr. Stelter
        Ich habe mich für Wein entschieden.
        Ja, die niedrigen Zinsen sollen die Verschuldung ankurbeln. Allerdings nur im Privatsektor, der dann im besten (der theoretische Idealfall) Falle zu Investitionen oder Inflation beiträgt, über die dann der Staat über mehr Steuereinkommen verfügt, welche wiederum die Schuldenlast Absolut oder im Vergleich zum BIP senken würde. Durch die so (theoretisch) gesunkene Schuldenlast könnten die Zinsen aber wieder angehoben werden. Ist also alles nicht zwangsläufig, oder?

  3. Katalin says:

    Hallo,

    1. „Ursachen liegen in einem ungehemmten Schuldenwachstum“

    Warum ist es zu diesem enormen Schuldenwachstum gekommen.
    Warum ausgerechnet zuerst in den beiden Ländern, die zuerst dereguliert haben (UK und USA) und erst dannach gezielt geförderten Privatverschuldung das Wachstum und letztendlich die Gläubiger retten wollten oder will hier jemand behaupten, die FED würde im Sinne der kleinen Leute handeln.

    2. „Dieses Missverständnis besteht allerdings auch noch heute! Wie sonst können wir uns für die „schwarze Null“ feiern und Kredite in die Welt vergeben, die niemals bedient warden“

    Dieses Mißverständnis gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. Mann will und wollte von Anfang an die Gläubiger retten, denn die Alternative würde bedeuten;
    Verluste für die Gläubiger jetzt: Banken und dt. Exportindustrie
    Politik sorgt für folgendes: Profite jetzt für Banken und dt. Exportindustrie
    Die uneinbringlichen Kredite sind diesen Leute egal, denn sie werden später von der Allgemeinheit in Form höherer Steuern getragen.

    3. Niedrige Zinsen: (Danke an den Herrn Stöcker für die kurze Erklärung)
    siehe hier: http://think-beyondtheobvious.com/stelters-lektuere/aufschwung-ohne-ende-oder-game-over/#comments

    Soweit ich den Herrn Stöcker verstanden haben, werden die Marktzinsen willkürlich von den Zentralbanken ex post bestimmt. Da das Geld endogen entsteht, d.h. Kreditvergabe völlig unabhängig von den Ersparnissen ist, ist die Höhe der Marktzinsen zweitrangig, da es nur willige Schuldner braucht um Kreditwachstum zu steigern und damit auch kurzfr. wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen(=die Leute fühlen sich reicher und sind bereit weiter sich zu verschulden) d.h. die zweite Runde hat schon begonnen, bevor die erste geendet hat.

    Werden die Kredite im Verhältnis zum Output/BIP produktiv eingesetzt, kommt es zum höherem Wachstum und die Zentralbanken können höhere Marktzinsen bestimmen.
    Werden die Kredite nicht produktiv im Verhältnis zum Output/BIP (sondern Konsumptiv der Spekulativ=Immobilien) steigen nur die Preise dieser Assets, aber der Output steigt nicht real. In der Folge kommt es zum schwacherem Wachstum, was die ZB veranlasst niedrigere Zinsen zu bestimmen
    Da die höhe der Zinsen zweitrangig ist, sodern die Solidität oder der Wille der potentiellen Schuldnern entscheidend ist, kommt das Wirtschatswachstum trotz niedriger Zinsen zum erliegen, da die Verschuldungskapazität bei vielen erschöpft ist, wie wir jetzt beobachten können.

    Wie soll das Problem gelöst werden, wenn die Ausweitung der produktiven Verschuldung (das Potentialwachstum) von Natur her begrenzt ist, da insbesondere im Westeuropa;
    1. Die Bevölkerung schrumpft
    2. Die Produktivitätssteigerung durch den technischen Fortschrit begrennz ist.

    Gruß

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Hier finden Sie die (Er)Lösung: https://zinsfehler.wordpress.com/2015/03/23/die-citoyage-keynesianischer-monetarismus-als-ordnungspolitisches-korrektiv/

      Dazu noch ein wenig Erbschaftssteuer und aktive Bildungs- und Infrastrukturinvestitionen, statt früher Rente und Exportüberschüssen und wir könnten alle etwas ruhiger in die Zukunft blicken.

      Die Betonung liegt auf ‚könnten‘. Wir werden es wohl leider wieder einmal vergeigen. Nach den zwei fürchterlichen Ereignissen des 20. Jahrhundert folgt nun das monetäre Armageddon des 21. Jahrhunderts; Austerität als Vollendung des Kriegs mit anderen Mitteln. Denn am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Die schwarze Null muss gehalten werden; koste es was es wolle.

      Es ist wie bei der Inquisition. Rettung/Erlösung? Keine in Sicht.

      LG Michael Stöcker

      Antworten
  4. Rob says:

    Die wichtigste Aussage des Beitrages steht m.E. fast am Ende:

    > Events drive ideas, and the experience of crisis is driving economists to develop new ideas about how our economies work. They will be needed to overcome the power of vested interests and lobby groups.

    Hier wird historische Empirik verbunden mit der Notwendigkeit, konservative Kräfte (frei nach Veblen) zu überwinden.

    Der darauf folgende Schlussabsatz rundet dies mit „severity of the disequilibrium“ ab. Denn da hat King den Kern erwischt. Da bin ich bei Tischer: kein Systemfehler, sondern nicht adäquate Nutzung, die man allerdings schon mit Anpassungen so lenken muss, dass die Systemnutzung adäquat wird.
    Ich vermute, dass King beim „Verstehen“ schon von wesentlichen Punkten spricht: „Alchemie des Geldsystems“. Er scheint auf die Thematik moderne Kredittheorie vs. loanable funds zu deuten und die Frage der evtl. inhärente Instabilitiäten im System.

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