Wie bekäme man die Staatsschulden in den Griff?

JP Morgan beschäftigt sich mit der Entwicklung der Staatsschulden in der Welt und wirft die Frage auf, ob man diese unter Kontrolle bringen könnte. Interessante Diskussion:

Zunächst die einfache Feststellung, dass es in den meisten Staaten mit den Schulden bergauf geht, egal, was die Politiker erzählen. Deutschland natürlich die positive Ausnahme, allerdings nur dann, wenn man kameralistisch rechnet und das tun wir ja leider alle bei dem Thema:

Quelle: JP Morgan

  • „(…) it is helpful to disentangle its underlying drivers. To do so, we follow an accounting framework that parses changes in the debt-to-GDP ratio, separating out contributions from the real interest rate, real GDP growth and the government’s primary balance (the fiscal balance excluding interest payments) (Exhibit 2). The primary balance contains a cyclical component, reflecting how government finances deteriorate during periods of economic contraction and improve during expansions, and a structural component that more reflects the role of policy.“ – bto: Das ist weder neu noch revolutionär, man muss es halt nur machen. Und gilt auch in Zukunft, weshalb der Hinweis, dass dieses Bild im Oktober 2018 gemacht wurde, mehr als überflüssig ist.

Quelle: JP Morgan

  • „During the recent years of debt drift, looser fiscal policy played an overwhelming role. We know this because other factors leaned against it. For one, the balance of real interest rates and growth has generally been exerting downward pressure on debt levels. We estimate that from 2010–17 the fact that growth rates were higher than prevailing interest rates subtracted an average of 1.2 percentage points (ppt) annually from debt-to-GDP levels in each country (Exhibit 3). (…) In stark contrast, since 2010 the policy component of the primary balance has added 1.3ppt to debt levels annually, on average, for each country. All in all, monetary, growth and cyclical conditions have been generally favorable for debt consolidation, but both have been overwhelmed by sustained shifts in fiscal policy.“ – bto: Wir haben also in der guten Zeit nicht konsolidiert. Wir Deutsche ja auch nicht, wie Leser von bto wissen.
  • „It seems natural to conclude that government debt will necessarily restrain future growth — that lower taxes today will mean higher taxes in the future to ensure that debt is repaid — so that growth today comes at the expense of growth tomorrow. But history tells us this is not necessarily the case. In a number of instances in the past, high debt levels were tackled without significantly impeding growth.“ – bto: so zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg durch hohes nominales Wachstum bei gleichzeitig deutlich zu geringen Zinsen.
  • „(…) of the 14 successful debt consolidations that we identify, 13 occurred during periods of relatively tight fiscal policy (high primary surpluses), suggesting that at least some belt-tightening is necessary. The number of consolidation experiences that took place amid relatively low vs. relatively high rates is evenly split, implying a significant — but not necessary — role for low rates relative to growth.“ – bto: Also sagt JP Morgan, man kann doch sparen, um die Schulden in den Griff zu bekommen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. Italien ist nun sicherlich ein Beispiel, wie es nicht funktioniert. Klar dürfte sein, dass es ohne Wachstum nicht geht.

Quelle: JP Morgan

  • „We conclude with a rough assessment of DM economies’ ability to replicate the successful consolidation experiences of the past and, where it is likely that they can, what conditions would be necessary. To begin, the ability of the governments in the developed world to improve their primary balance position looks challenging on a number of fronts. The most acute challenge is the demographic shift set to take place in the coming decades. While the severity of the problem differs by country, all countries in the developed world are seeing a slowing rate of growth of their working-age populations and a rapid expansion of those of pensionable age.“ – bto: Und wie ich immer wieder erkläre, führt das zu weniger Wachstum und höheren Kosten. Dann explodieren die Sozialausgaben und weil man nicht vorgesorgt hat – bzw. es bei uns verschlimmert hat – bleiben dann nur Schulden, will man die Leistungsträger nicht aus dem Land vergraulen. Aber das scheinen unsere Politiker einfach nicht verstehen zu wollen. Dabei ist es ein so einfaches Bild:

Quelle: JP Morgan

  • Tax contributions peak at around 50 years of age and then slow dramatically from the mid 60s, at which point many people no longer pay income tax (…) government spending per person increases substantially from age 70 as the provision of health and social care ramps up. Given that around half of those eligible to vote in the developed world are older than 50, governments are likely to find reducing pension and health care benefits politically challenging.“ – bto: Umso dümmer ist es, vor dem Renteneintritt unrealistische Erwartungen zu wecken, in dem man riesige Versprechen macht.
  • „(…) we do not anticipate a significant tailwind from financial conditions. In other words, we do not pencil in large imbalances between growth and interest rates. Should the next recession cause liquidity-trap dynamics like the post-GFC period’s, leading to a sustained period when rates are lower than growth, we see little potential upside from the perspective of public debt consolidation. Such a dynamic would likely be accompanied by either a deep recession (requiring a big fiscal response) or by pressure on fiscal authorities to make up for less-effective monetary policy.“ – bto: Ja, die guten Zeiten wurden nicht genutzt.
  • „(…) leads us to our conclusion that if debt consolidation is going to happen in the coming decades, the bulk of the burden will need to be shouldered by monetary conditions, and we expect this would encompass both implicit and explicit pressure on central banks to provide the solution. (…) Any efforts to rein in primary balances will reduce short-term growth and lead central banks to adopt more accommodative monetary policy stances — and political pressure to keep rates low cannot be ruled out. Currency trends will redistribute demand in a way that creates winners and losers vis-à-vis public debt consolidation.“ – bto: Natürlich spielt in diesem Umfeld die Handelsbilanz eine erhebliche Rolle. Weitere Möglichkeit für Deutschland, sich unbeliebt zu machen.

Und hier noch das Bild mit den Einzeldaten. Man sieht sehr schön, weshalb es in Deutschland so schön nach unten ging. In keinem Land lagen die Zinsen so deutlich unter der Wachstumsrate:

Quelle: JP Morgan

→ jpmorgan.com: „Dealing with the upward drift in government debt“

13 Kommentare
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    Susanne Finke-Röpke sagte:

    Das Vertreiben von Leistungsträgern hat in Europa bzw. im heutigen EU-Gebiet durchaus Tradition.

    Als Beispiel seien die Hugenotten genannt:

    wikipedia: „Die Hugenotten sorgten in den Ländern, in die sie immigrierten, oft für eine Blüte der Wirtschaft und besonders der Landwirtschaft.“

    Das Vertreiben der Leistungsträger in Deutschland heute ist m.E. auch nichts anderes als die moderne Fassung der Vertreibung der Hugenotten im Frankreich des 16. und 17. Jahrhundert.

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    Thomas M. sagte:

    >Zunächst die einfache Feststellung, dass es in den meisten Staaten mit den Schulden bergauf geht, egal, was die Politiker erzählen.

    Wenn ich Exhibit 1 richtig verstehe, sind dort die %-(Punkt?)-Veränderungen von Jahr zu Jahr abgetragen? Das hieße dann, dass die Staatsverschuldung *beschleunigt* wächst, also nicht nur (linear) wächst. Sehe ich das richtig?

    Interessant ist Japan: Die haben die deutlich glatteste Kurve – fast eine Gerade – über viele Jahrzehnte… was auch immer das bedeutet.

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      ikkyu sagte:

      @ Thomas M

      Konstantes prozentuales Wachstum über die Zeit ist bereits exponentielles Wachstum.
      (Differentialgleichung: (dN/N)/dt = C, mit C als Konstante)

      Geldmenge und Schulden müssen also in absoluten Beträgen immer schneller wachsen, damit das System stabil bleibt.

      Deswegen will man ja mit MMT die Geldmenge ohne Verschuldung erhöhen, um Vermögensverluste der reichsten 1% der Bevölkerung zu vermeiden, welche hauptsächlich in Land, Immobilien, Firmenbeteiligungen und Aktienmarkt investiert sind.

      Bricht die Nachfrage des gemeinen Volkes ein, brechen auch die Vermögenswerte der Reichen ein und es besteht die Gefahr, dass sie ihren gesellschaftlichen Status ähnlich wie in der französischen Revolution komplett verlieren.

      Figuren wie Turner und Dalio wollen weiter ihre Privilegien genießen und propagieren deswegen den Weg in den Stamokap.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ ikkyu

        >Deswegen will man ja mit MMT die Geldmenge ohne Verschuldung erhöhen, um Vermögensverluste der reichsten 1% der Bevölkerung zu vermeiden, welche hauptsächlich in Land, Immobilien, Firmenbeteiligungen und Aktienmarkt investiert sind.>

        Der Mechanismus ist richtig, aber es geht nicht nur um die Vermögensverluste der reichsten 1%.der Bevölkerung.

        Es geht auch um die vielen kleinere Vermögen von vielen anderen.

        >Bricht die Nachfrage des gemeinen Volkes ein …>,

        dann brechen ZUERST einmal deren Jobs weg.

        Kurzum:

        Wird das System nicht stabil gehalten, dann haben wir nicht eine Loser/Winner-Situation, sondern eine Loser/Loser-Situation.

        Ich glaube schon, dass Turner und Dalio das so sehen und diese Situation vermeiden wollen.

        Der Unterschied zwischen den beiden nach meiner Einschätzung:

        Turner sagt:

        Ich will nicht die Loser/Loser-Situation und zeige daher der Politik die verfügbaren Instrumente auf, sie zumindest zu entschärfen und evtl. sogar zu vermeiden.

        Dalio sagt:

        Ich will nicht die Loser/Loser-Situation, deshalb MUSS etwas geschehen und ich bezahle auch einen gewissen Preis dafür, dass etwas geschieht – mehr Umverteilung von oben nach unten, um Stabilität zu erhalten.

        Varianten hin oder her, auf der Linie von Turner und Dalio liegen viele.

        Auf der kann man auch gut begründet liegen, wenn man das GANZE im Blick hat.

        Wo das alles endet, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

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        ikkyu sagte:

        @ D. Tischer

        „..dann brechen ZUERST einmal deren Jobs weg.“

        Die meisten einfachen Jobs fallen doch aufgrund der Digitalisierung sowieso weg, wenn man den „Zukunftsforschern“ glaubt.

        Die „Lösung“ sind dann wahrscheinlich mit MMT finanzierte Bullshit-Jobs beim Staat, bei denen die „Eignung“ des Bewerbers erst mit einem Gesinnungstest festgestellt wird.

        Schöne neue Welt!

        BTW:

        Finden Sie es nicht argumentativ inkonsistent, wenn ein Klimaaktivisten wie Turner die Nachfrage und damit den CO2-Ausstoß in unserer Überflußgesellschaft erhöhen will, um das System, von dem die derzeitigen Eliten überproportional profitieren, zu retten?

        Beim sogenannten Klimaschutz geht es offenbar gar nicht um CO2-Einsparung sondern es ist ein Geschäfts- und Investitionsmodell, um den Status Quo zu erhalten.

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        troodon sagte:

        @ ikkyu
        „Die „Lösung“ sind dann wahrscheinlich mit MMT finanzierte Bullshit-Jobs beim Staat, “
        Ganz laaangfrstig, wenn Automatisierung/Digitalisierung voll umgesetzt werden, eher ohne zusätzliche BS-Jobs für die Geringqualifizierten beim Staat ein BGE. Aber da sind wir dann wohl eher bei 15/20+x Jahren von heute ab.

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        Dietmar Tischer sagte:

        @ ikkyu

        Ich glaube, dass nicht nur die einfachen Jobs wegfallen (Globalisierung, Digitalisierung), sondern VIELE, im Rechtswesen z. B., und viele relativ einfache dazukommen im Servicebereich (Altenpflege z. B.).

        Im einfachen Servicebereich behelfen wir uns jetzt mit zugewanderten Menschen, die unterm Strich extrem hohe Kosten verursachen (Schulen, Wohnen, Sozialsysteme etc.).

        Diese „Makro-Entwicklung“ ist mehr oder weniger unvermeidlich, wird unserer Gesellschaft enorm viel abverlangen, weil die Allokation der Ressourcen mit erheblichen Friktionen und Wohlstandsverlusten verbunden sein wird.

        Das ist der eine Grund, weshalb MMT so attraktiv ist – es sorgt für die Finanzierung.

        Dass auch mit der (vermeintlichen) Finanzierung die Allokationsprobleme weiterhin Probleme bleiben, will man natürlich nicht zur Kenntnis nehmen.

        Und natürlich:

        Der „Markt“ für BS-Jobs wird wachsen und die Transfers werden zunehmen.

        Der zeitliche Ablauf ist offen, kann sich aber durch Schocks beschleunigen.

        Ich denke, dass wir uns soweit grundsätzlich einig sind.

        Mein Punkt ist:

        Turner und Dalio wollen nicht, dass dies UNGEBREMST erfolgt.

        Klar, ihnen würden die Felle davon schwimmen.

        Darüber hinaus sehen die beiden aber auch die gesamtgesellschaftliche Instabilität, auf die wir zulaufen. Die wollen Sie nicht und WOLLEN kann sie auch niemand.

        Die Frage ist, wie wir damit realistisch umgehen.

        Mit Latrinenparolen, wie der Staat kann Geld drucken und sich alles leisten, sind wir auf dem falschen Weg und entfernen uns immer weiter von konstruktiven Lösungen.

        Zu Turner:

        Ich interpretiere ihn so, dass er der Funktionalität der Institutionen (Notenbanken, Fiskalpolitik) nutzen will, also dass Monetarisierung zu erwägen sei, um den KOLLAPS des Systems zu verhindern.

        Er würde darauf verweisen, dass der Kollaps ein unermesslicher Schaden wäre mit nicht kalkulierbaren Folgen.

        INSOFERN, aber nur insofern, kann man über Monetarisierung reden.

        Das ist etwas anderes als: der Staat kann sich alles leisten.

        Turner würde zugeben, dass damit auf Zeit kein Klimaschutz betrieben wird.

        Er würde aber auch darauf verweisen, dass über die Kostendegression klimafreundlicher Technik der CO2-Ausstoss verringert wird, OHNE dass es zum Kollaps des Systems kommen müsse wegen eines weiteren ungebremsten Verschuldungsaufbaus.

        So betrachtet, will er unterschiedliche Ziele vereinbaren und seine Position ist nicht inkonsistent.

        Wo wir beide übereinstimmen, denke ich:

        Er ist zu oberflächlich optimistisch, weil er

        a) offensichtlich glaubt, dass allein schon die durch Monetarisierung angetriebene Fiskalpolitik ohne erhebliche Veränderungen im privaten Sektor die Probleme der Aufschuldung löst. Mit Umverteilung, die er wohl auch im Blick hat, wird man sie nicht lösen, weil sie sich nicht systemkonform durchsetzen lässt und kontraproduktive Effekte hätte.

        b) nicht sieht, dass die soziale und wirtschaftliche Disruption wie oben aufgezeigt und BESCHLEUNIGT durch die Energiewende zu Verwerfungen führt, die vermutlich nicht mehr geordnet zu kontrollieren sind.

        Er sieht schon, dass die Wachstumsraten der Vergangenheit nicht mehr zu erreichen sind und sieht auch mit Sorge auf die Spaltung der Gesellschaften durch die zunehmende Akzeptanz nationalistisch orientierter Parteien.

        Er betreibt aber eine Vorwärtsstrategie, ohne darüber zu reflektieren, ob diese die Probleme, die er sieht, nicht noch verstärkt.

        Diesbezüglich ist er einfach blind.

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