Kreditbooms und Krise: Die BIZ sieht es kritisch

Heute Morgen haben wir die Entwarnung gehört: Kreditbooms wären gar nicht so schlecht und es käme nur in jedem vierten Fall zu einer Krise. Ich bin da allerdings mit Blick auf heute skeptisch. Denn wir erleben nicht irgendeinen Kreditboom, sondern wohl den Kreditboom: wachsende Verschuldung zu unproduktiven Zwecken, ausgehend von einem schon hohen Verschuldungsniveau.

Skeptisch ist bekanntlich auch die BIZ. Hier Auszüge aus einer Rede des BIZ-Chefvolkswirts vor zwei Wochen:

  • „(…) the resource misallocations induced by large financial expansions and contractions (financial cycles) can cause material and long-lasting damage to productivity growth.“ bto: Und damit unterminieren die Schulden die Tragfähigkeit der Schuldner!
  • „The self-reinforcing interaction between credit, risk-taking and asset prices, especially property prices, can lead to self-sustained expansions and contractions that, when sufficiently large, can produce deep recessions, shallow recoveries and persistently lower growth, leaving long-lasting scars on the economic tissue. This is so especially when banking crises occur.“ bto: wie wir sie hatten und wieder bekommen werden im nächsten Abschwung!
  • „(…) credit booms tend to undermine productivity growth as they occur. For a typical credit boom, a loss of just over a quarter of a percentage point per year is a kind of lower bound (Graph 1, left- hand column). The key mechanism is the credit boom’s impact on labour shifts towards lower productivity growth sectors, notably a temporarily bloated construction sector. That is, there is an economically and statistically significant relationship between credit expansion and the allocation component of productivity growth (compare the left-hand panel with the right-hand panel of Graph 2). (…) not only do credit booms undermine productivity growth, (…)  but they do so mainly by inducing shifts of resources into lower productivity growth sectors.“ bto: was man in Spanien sehr gut beobachten konnte.

Quelle: BIZ

  • „Indeed, as shown in the simulation presented in Graph 3, the impact of productivity growth in that case is very long-lasting. The reallocations cast a long shadow.“ bto: genau das, was wir gerade durchleben und dabei aber die wirkliche Bereinigung verhindern.

Quelle: BIZ

  • „The overall effects can be sizeable. Taking, say, a (synthetic) five-year credit boom and five post- crisis years together, the cumulative shortfall in productivity growth would amount to some 6 percentage points. Put differently, for the period 2008–13, we are talking about a loss of some 0.6 percentage points per year for the advanced economies that saw booms and crises. This is roughly equal to their actual average productivity growth during the same window.“ bto: was wirklich dramatisch ist.
  • „(…) the larger costs in the wake of a banking crisis may reflect, at least in part, how overindebtedness and a broken banking system hinder the required adjustment. For instance, if households are underwater, with mortgage debt exceeding the value of their house, they will find it harder to relocate to take advantage of job opportunities. More to the point, banks with impaired balance sheets and high non-performing loans have strong incentives not to recognise losses and to misallocate credit: they will tend to keep the spigots open for weaker borrowers (“evergreening”) while curtailing or increasing the cost of credit to healthier ones, which can afford to pay. Evidence confirms this.“ bto: Und das billige Geld verschleppt die Anpassung nur.
  • Das sieht auch die BIZ so: „(…) low rates following a financial bust are welcome and necessary to stabilise the economy and prevent a downward spiral between the financial system and output. This is what the crisis management phase is all about. The question concerns the possible collateral damage of persistently and unusually low rates thereafter, when the priority is to repair balance sheets in the crisis resolution phase. Granted, low rates lighten borrowers’ heavy debt burden, especially when that debt is at variable rates or can be refinanced at no cost. But they may also slow down the necessary balance sheet repair.“ bto: Auch genau dieses können wir heute beobachten.
  • Und deshalb geht er vertieft auf das Phänomen der Zombies ein: „The first point to note is that zombies have been on the rise and survive – if I can use that term – for longer. Cyclical variations aside, the mean share of publicly quoted zombie firms across these economies has steadily trended up, from close to zero to above 10% under the OECD definition (Graph 4, left-hand panel), and up to 5% under the more restrictive one (right-hand panel). Furthermore, zombies remain in that state for longer (both panels). For instance, based on the narrower definition, in 1987 the probability of a zombie firm remaining a zombie in the following year was approximately 40%; by 2016 it had risen to 65%. That probability is even higher based on the OECD definition.“ bto: Zombies investieren nicht, bilden nicht aus und innovieren nicht. Folge ist klar.

Quelle: BIZ

  • „What’s more, regardless of the reasons, the higher incidence of zombie firms makes the economy more vulnerable to increases in interest rates to more normal levels – an aspect of what I have elsewhere described as a debt trap. All this raises difficult policy issues, ranging from appropriate targeted measures to broader structural and macroeconomic policies. Non-trivial trade-offs exist, especially in the short run.“ bto: Wir dürfen die Zinsen deshalb nicht mehr erhöhen! Das Chart zeigt sehr schön, wie das immer billigere Geld die Zombies erhält:

Quelle: BIZ

Schlussfolgerung: “ (There) is the need to tackle balance sheet repair head-on following a banking crisis so as to lay the basis for a strong and sustainable recovery. Such a strategy is also important to relieve pressure on monetary policy. Doing so, however, has proved quite difficult in some jurisdictions following the GFC. Other aspects need to be better incorporated into policy considerations. The impact of persistently low rates is one of them. How well all of this is done may well hold one of the keys to the resolution of the current policy challenges.“

Hier der Link zum Beitrag:

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7 Kommentare
  1. Dietmar Tischer sagte:

    Das Problem mangelnden Wachstums der Produktivität ist schon sehr oft angesprochen, aber offensichtlich noch nicht schlüssig gelöst worden – auch nicht mit beachtlichem Einsatz von Mathematik.

    Zu vieles spielt mit, lässt sich wohl nicht hinreichend isolieren und damit determinieren.

    Deshalb tendiere ich mit Blick darauf dazu, dass es NICHT um ein Oder, sondern um ein SOWOHL als AUCH geht.

    Ich finde jedenfalls plausibel, was Braunberger in dem von Ihnen verlinkten Blogbeitrag sagt:

    >Man muss mit generalisierenden Aussagen sehr vorsichtig sein; die Welt ist komplizierter, als sie aussieht. Sowohl die von Borio als auch die von Obstfeld beschriebenen Phänomene klingen plausibel und können in der Praxis vorkommen. >

    Heißt für mich:

    Borio liegt m. A. n. richtig mit dem Verweis auf Zombie-Firmen als eine Ursache für das schwache Produktivitätswachstum. Dafür sind die beschädigten Bankbilanzen und die Geldpolitik der Notenbanken mit den daraus ableitbaren Mechanismen einfach ein zu starkes Indiz.

    Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Geldpolitik zu makroökonomisch erwünschten Investitionen führt. Wir haben mittlerweile nach vielen Jahren QE ein für alternde Gesellschaften vergleichsweise ordentliches Wachstum auch in Ländern mit hoher Zombie-Quote. Das unterstützt die Auffassung von Obstfeld. Allerdings ist es vielfach – insbesondere in USA, soweit ich sehe – bis jetzt vornehmlich ein Wachstum auf Feldern mit geringer Produktivität und vorläufig auch geringem Produktivitätswachstum (einfache Dienstleistungen in der Gastronomie und im Gesundheitswesen).

    Die weitere Entwicklung wird spannend.

    Nichts ist entschieden, zumal die Verschuldung weiter wächst und, was die Privathaushalte in USA betrifft, anscheinend bereits über der vor 2008 liegt.

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    • Dietmar Tischer sagte:

      Dann kein Indikator für steigenden Wohlstand, wenn zwangsweise – Globalisierung – hochproduktive, hohe Einkommen erzielende Jobs wegfallen.

      Aber:

      Eine strukturelle Anpassung der Angebotsseite an die Nachfrage und SOMIT eine bessere Versorgung der Gesellschaft mit evtl. befriedenden sozialen Strukturen.

      Das ist kann sehr vorteilhaft für eine Gesellschaft sein.

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  2. 失われた20年 sagte:

    Kreditbooms ohne wachsenden Massenwohlstand sind kritisch.

    Das betrifft also eher die durch die Notenbankpolitik seit 2009 aufgeblasenen Vermögensgütermärkte hier in der westlichen Welt denn jene in den sich entwickelnden Teilen der Welt, wo nach einem temporäreren Preiseinbruch zukünftig das alte Preishoch erwartbar übertroffen werden wird.

    Als Extrembeispiel mag Japan gelten, wo die Blasenpreise des Jahres 1989 weder an den Aktien- noch am Immobilienmarkt bisher übertroffen wurde.

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    • Eine Welt für sich sagte:

      In dem Zusammenhang sei daran erinnert, daß in den 90er Jahren durch ein Fortschreiben der bisherigen wirtschaftlichen Entwicklung erwartet wurde, daß der Massenwohlstand in der westlichen Welt weiter zunehmen werde.

      Unternehmen, beispielsweise im Hotelbereich, die sich entsprechend auf wohlhabende Kundschaft positionierten, zählen heute eher zu den Verlierern während schlanke Konzepte mit zweckmäßigem Komfort wie Motel One, Budget, etc. prosperieren.

      Die in Europa ansässigen (börsennotierten) Hersteller von Luxusgütern boomen auch nur wegen der Nachfrage aus den Teilen der Welt, in denen Wirtschaft und Massenwohlstand (!) im Zeitverlauf deutlich anwachsen, also eine vergleichbare wirtschaftliche Entwicklung vollziehen, wie sie hier von den 50er bis in die 90er Jahre bekannt war.

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