Italienische Kapitalflucht?

Ein Freund von mir betreut in der Schweiz vermögende Italiener bei der Geldanlage. Kürzlich berichtete er mir von einer zunehmenden Verlagerung von Geld aus Italien und dem Euro. Er meinte, es wäre weniger die Angst vor einem Zerfall des Euros – da gehen die Italiener davon aus, dass dieser um jeden Preis verhindert wird und die Deutschen bezahlen –, sondern mehr die Sorge vor plötzlichen Vermögensabgaben oder Bankpleiten.

Der Telegraph berichtet auch von einer langsamen Kapitalflucht aus Italien, begründet es aber eher mit der Sorge um den Bestand des Euro:

  • „Nervous Italians are starting to funnel money across the border into Switzerland, worried that an epic clash with the EU could set off a Greek-style banking crisis and a slide towards default. (…) People are concerned that if we get into the same situation as Greece, they might find the banks are closed and they can take out only €50 a day from cash machines.“ – bto: was ein generelles Risiko ist, nicht nur in Italien.
  • „These are families with savings of €200,000 or €300,000. They want to set up accounts in Lugano or Chiasso across the border in Ticino where everybody speaks Italian. (…) It is linked to fears of euro break-up as the insurgent Lega-Five Star government tears up the eurozone fiscal rulebook.“
  • „The Swiss group Albacore Wealth Management told Italy’s Il Sole had received a wave of inquiries from Italians with €5m to €10m in liquid capital. The super-rich are already a step ahead. The big fish have been organizing the expatriation of their wealth for some time, it said.“ – bto: auch das muss man nicht nur in Italien machen.
  • „The risk of Italy sliding into an unstable debt spiral has increased, (…) risk spreads on Italian 10-year bonds could rise sharply higher, perhaps punching through the 400 basis points. The trigger may be action by Moody’s and Standard & Poor’s later this month. Markets have already priced in one-notch cut in the rating but not a further negative watch as well, which would bring ‘junk’ status into sharp focus.“ – bto: Ich denke das ja nicht. Alle sitzen in einem Boot und wollen eine Zuspitzung vermeiden.
  • „For now the spreads are hovering near the first big pain threshold of 300 points. This is already hurting banks, which hold €387bn of state debt. They face mark-to-market losses as yields rise. This erodes their capital buffers, forcing them to curtail lending. Or they might have to sell some of their bonds. Either action can quickly turn into a self-feeding doom-loop as the banks the sovereign state take each other down.“ – bto: Aber bei guten Kunden schränken sie ein. Die Zombies bleiben erhalten.
  • „Any sign that Italians might be pulling money from bank accounts is ominous. David Owen from Jefferies said Italian deposits held rock solid through the eurozone crisis. It was nothing like Greece where there was wholesale liquidation. So far we haven’t seen any of that in the Italian data, he said.  However, figures from the Bank of Italy are released with a delay.“ – bto: Und auch dann ist die Frage, ob man ihnen trauen kann.
  • „Mario Draghi, the ECB’s chief, told Rome over the weekend that there would be no soft rescue and warned of trouble if people start to put in question the euro. The clear message is that there is no ECB put. In the end, I’m sure the ECB will come to the rescue because Italy is simply too big to fail. So in a way, the balance of power lies with Rome.“bto: So ist es!
  • „Hardliners in the Lega-Five Star alliance think the EU is bluffing over the budget and will give ground. Lega economics spokesman Claudio Borghi told the Telegraph last week that the EU can expect Armageddon if it tries to force Italy to its knees.“ – bto: Die Italiener sitzen am längeren Hebel!
  • „Brussels is in an invidious position. Italy is the first big test of the revamped rules. Failure to act will further erode the confidence of Germany and the Nordic states in the disciplinary structure of monetary union. Yet a knife-fight with Mr Salvini almost guarantees the very crisis that the EU most fears.“ – bto: weshalb es stimmt, dass die Italiener am längeren Hebel sitzen.
  • „Jean-Claude Trichet, the ECB’s president during the EMU crisis, told Corriere della Sera that this stand-off must be handled with extreme care, implicitly rebuking those in Brussels and Berlin who talk loosely of debt restructuring. It would be a catastrophe, he said.“ – bto: Klar, einen Schuldenschnitt will keiner, schon gar kein Franzose.

→ telegraph.co.uk: „Italians shift money to Swiss safe-haven on fears of euro rupture „, 15. Oktober 2018

Kommentare (10) HINWEIS: DIE KOMMENTARE MEINER LESERINNEN UND LESER WIDERSPIEGELN NICHT ZWANGSLÄUFIG DIE MEINUNG VON BTO.
  1. Avatar
    RW sagte:

    Nehmen wir mal an, dass Italien in der Eurozone bleibt und die Märkte vorher noch weiter an einer höheren Rendite für italienische Staatsanleihen schrauben. Dann müssten die Aktienkurse an der Mailänder Börse fallen. Wenn es zur Einigung zwischen der EU und Italien bezüglich des Staatshaushaltes kommt, dann würden die Renditen fallen und die italienischen Aktienkurse wieder steigen. Warum Italiener ihr Kapital nicht umschichten, sondern es ins Ausland bringen, erschliesst sich mir daher nicht.

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    Lenz sagte:

    Hätten wir uns mal mehr Italiener & Spanier als Gastarbeiter ins Land geholt, katholischer Migrationshintergrund ist einfacher zu integrieren UND die hätten dann indirekt die Target2 Salden etwas ausgeglichen.

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    Dietmar Tischer sagte:

    Was Italien betrifft, haben wir eine interessante Stellung auf dem Schachbrett:

    – Staatsdefizit 2019 lt. Budgetplanung deutlich höher als bei üblichen Vertragsbrüchen

    – Herumgeeiere mit Brüssel

    – Ratingagenturen im Nachdenken bezüglich der Bonität italienischer Staatsanleihen

    – EZB in Alarmbereitschaft, weil möglicherweise kein Ankauf italienischer Staatsanleihen aus Bonitätsgründen erlaubt sein wird

    – insbesondere italienische Banken tendenziell unter Druck, weil sie Abschreibungen auf italienische Staatsanleihen vornehmen müssen

    – Risikoabsicherung durch alle europäischen Banken (noch) nicht möglich

    – neu konzipierter ESM noch nicht in trocknen Tüchern

    – Märkte zunehmend nervöser und vorsichtiger (steigende Spreads)

    Mal sehen, wie die nächsten Züge aussehen …

    Durchaus möglich und sich verstärkend:

    Kapitalflucht

    Den Italienern muss man nicht mehr Verstand als anderen zuordnen, aber sie haben wie andere auch genügend Verstand, um ihr Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen.

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      Richard Ott sagte:

      Um die Beschreibung der Stellung auf dem Brett noch zu komplettieren:

      https://en.wikipedia.org/wiki/Opinion_polling_for_the_next_Italian_general_election

      Die beiden italienischen Regierungsparteien kommen im Moment auf 60% Stimmenanteil in den Umfragen, woraus bei dem aktuellen italienischen Wahlrecht bei Neuwahlen locker eine 2/3-Mehrheit oder noch besser werden kann, wenn 5 Sterne und Lega bei der Kandidatenaufstellung kooperieren um die letzten verbliebenen Hochburgen der Sozialdemokraten in der Mitte Italiens zu knacken.

      Von solchen Zustimmungswerten kann die angeblich „Große Koalition“ in Deutschland nur noch träumen.

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    Zweifler sagte:

    Geld im EU Ausland oder der Schweiz schützt nicht vor plötzlichen Steuern oder Vermögensabgaben, da der Großteil des italienischen Vermögens, einschließlich Immobilien und Sachwerte offiziell ins Ausland „geflohen“ sind, dem Staat also bekannt sind und jährlich gemeldet werden müssen. Kaum ein Italiener bringt noch größere Vermögen illegal ins Ausland oder bewahrt sie dort auf. Es ist zu riskant geworden. Banken im Ausland beeilen sich, die kleinsten Bewegungen sofort dem zuständigen Finanzamt zu melden.

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      Wolfgang Selig sagte:

      @Zweifler: Da wäre ich mir nicht so sicher. Wenn der italienische Staat finanziell ins Wanken kommt, wanken auch die Gehälter der Finanzbeamten. Und ich kann mir gerade bei Steuerpflichtigen, die südlich von Rom wohnen, gut vorstellen, dass sie erfolgreich versuchen werden, mit Ihrem zuständigen Sachbearbeiter eine Vereinbarung zum gegenseitigen Nutzen zu treffen. Stichwort Vorbild Griechenland. Die Mentalität deutscher Finanzbeamter kann man nicht europaweit als gegeben voraussetzen.

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    Frank Präuner sagte:

    Die Kapitalflucht der Italiener hat tatsächlich eingesetzt. Selbst wir als ein kleines Finanzinstitut können den Drang der Italiener ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, bestätigen. Auch den Grund den Herr Dr. Stelter erwähnt, dass die Italiener nicht wegen einem möglichen Euro-Austritt Sorge haben, sondern vor höheren Steuern, kann ich nur attestieren. Die wissen, dass ihr Staat über kurz oder lang pleite ist. Die Privaten haben selbstverständlich Geld, aber Sie haben keine Lust für Jahrzehnte langes Missmanagement ihrer Regierung ihr Portemonnaie zu öffnen. Frag mich halt wenn haben die eigentlich gewählt haben?

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    troodon sagte:

    „Italienische Kapitalflucht?“

    Ich hatte zu den Zahlen zu Bankeinlagen bei italienischen Banken schon einmal an anderer Stelle etwas geschrieben. Hier nochmal die Zahlen (betrifft logischerweise keine WP-Depot-Verlagerungen) :
    Bei italienischen Banken sind die „Einlagen von Ansässigen im Euro-Währungsgebiet“ und hiervon die Untergruppierung „sonstige öffentliche Haushalte/sonstige Ansässige im Euro-Währungsgebiet“ von 12/2007 bis 8/2018 um rd. 5% p.a. GESTIEGEN, in D im gleichen Zeitraum um 3% p.a.
    Eine Kapitalflucht sieht für mich anders aus.

    Nachzulesen: https://www.bundesbank.de/de/statistiken/eszb-statistiken/monetaere-statistiken/aggregierte-bilanz-der-monetaeren-finanzinstitute-im-euro-waehrungsgebiet–ohne-eurosystem—615282?statisticId=&dateSelect=01.08.2018

    Einlagen von nicht im Euro Währungsraum Ansässigen haben sich in dem Zeitraum bei italienischen Banken allerdings um rd.€107 Mrd reduziert. Das darf man dann sicherlich Kapitalflucht nennen, da es fast genau eine Halbierung ist. Dem steht aber ein Plus von rd. €690 Mrd. aus dem o.a Segment „sonstige öffentliche Haushalte/sonstige Ansässige im Euro-Währungsgebiet“ gegenüber.

    Depotüberträge in die Schweiz mindern zwar die Provisionserträge, gefährden aber nicht das italienische Bankensystem. Mit Entlassungen in diesem Bereich könnte man da vernünftig die Kosten reduzieren.

    Selbstverständlich kann eine echte Kapitalflucht bei italienischen Banken noch einsetzen. Bisher ist sie aber m.E. noch nicht in nennenswerten Umfang vorhanden.

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    Ondoron sagte:

    So lange kann es nicht mehr dauern, bis der Euro kollabiert. Wenn die „Märkte“ merken, dass die Deutschen viel zu arm sind, die Schulden zu begleichen, dann ist der Ofen aus. Mit Millionen unausgebildeten Migranten und einem üppigen Rentnerheer wird sich der Staat sicherlich ganz schnell erholen. Das ist alternativlos! Da kann man sich bei den deutschen politischen Eliten der Alt-Parteien doch nur noch herzlich bedanken.
    Das Allerdümmste ist, dass die Deutschen dann womöglich eine besondere Affinität zu einem neuen „Führer“ verspüren. Widerlicher kann man ein Land nicht zugrunde richten. Und jetzt fehlt hier nur noch der Zinsfehler, dann ist der Tag gerettet.

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      Dietmar Tischer sagte:

      @ Ondoron

      >Wenn die „Märkte“ merken, dass die Deutschen viel zu arm sind, die Schulden zu begleichen, dann ist der Ofen aus.>

      Alternativen:

      Wenn die Deutschen zwar zahlen könnten, aber nicht zahlen wollen, weil sie selbst genug Probleme haben (Pflege, Renten, Migranten etc.)

      Wenn andere Bevölkerungen merken, dass die Deutschen zwar noch relativ „reich“ sind, aber nicht willens, deren Schulden zu finanzieren.

      >Das Allerdümmste ist, dass die Deutschen dann womöglich eine besondere Affinität zu einem neuen „Führer“ verspüren.>

      Es wäre auch das Tragischste.

      Ich glaube, dass uns andere im Augenblick ein Stück des Weges voraus sind, schließe aber überhaupt nicht aus, dass wir ihn auch gehen werden – am Schluss möglicherweise schneller und entschiedener als andere.

      Auch wenn bereits Unbehagen hochkommt, ist Stimmung im Augenblick noch erträglich.

      Das liegt aber nicht an überlegenem Urteilsvermögen, sondern an unserer besonderen wirtschaftlichen Situation.

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