„Helikoptergeld – Ende des Systems“

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Nicht nur letzte Woche habe ich mich intensiv mit Helikoptergeld beschäftigt. Immer mehr Investoren erwarten auch, dass es kommt:

HelikopterGeld

Heute nun ein sehr interessanter Kommentar zu dem Thema aus der FINANZ und WIRTSCHAFT:

  • Nachdem die exponentielle Geldmengenausweitung im Zuge des Quantitative Easing bislang kaum in der Realwirtschaft ankam, wächst die Ratlosigkeit der Zentralbanken. (…) Die aktuell allerletzte und aussergewöhnlichste soll Helikoptergeld sein – die direkte Verteilung von Geld, das aus dem Nichts geschöpft wird, an die Bürger.“ bto: Es ist der konsequente nächste Schritt.
  • Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass durch Helikoptergeld die Preise bestimmter Konsumgüter und Dienstleistungen steigen werden. Dies wird aber nicht das Symptom neuer Wertschöpfung sein, sondern bloss erhöhten Konsums. Der unerwartete Geldsegen wird vorrangig in jene Luxusgüter gehen, die sich Menschen typischerweise nach kleineren Lotteriegewinnen gönnen: Reisen, elektronische Spielzeuge, Mode, Mahlzeiten und Erlebnisse.“ – bto: Es wäre ja auch keine nachhaltige Vermögensmehrung der Empfänger und die wissen das.
  • Die vernünftigsten Empfänger werden ihre Schulden zurückzahlen – ganz im Gegensatz zur Intention der Geldmengenausweitung. Dass Teuerung von Konsumgütern als Symptom der Wirtschaftsbelebung angesehen wird, ist eine verhängnisvolle Täuschung. Keine Volkswirtschaft kann sich reichkonsumieren, sowenig wie sich Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann.“ – bto: wie wahr!
  • Zweitens ist Helikoptergeld ein erster Schritt, das Bankensystem von der Geldschöpfung zu trennen. Dies stösst auf das Wohlwollen der Vertreter eines sogenannten Vollgeldes, die zu Recht die Privilegierung von Banken kritisieren.“ – bto: nachzulesen unter anderem hier.
  • „Da die Geldschöpfung mit Kreditvergabe einhergeht, erweisen sich aktuelle Währungen als Schuldgeld. Jede Geldmengenausweitung geht mit einer Ausweitung des gesellschaftlichen Verschuldungsgrades einher, was der Volatilität der Konjunkturzyklen zusätzliche soziale Brisanz gibt. Die bankenlose und damit kreditfreie Geldschöpfung wäre zweifellos sozial gleichmässiger – was zunächst gerechter erscheint.“ – bto: Ja, es gibt eine gute Logik für eine Änderung des Systems.
  • „(…) darf man die funktionellen Vorzüge eines Schuldgeldes nicht übersehen: Es setzt private Anreize der Disziplinierung. Banken haben – trotz der Verzerrungen durch Bail-outs und anderer Privilegien – noch immer Anreize, zumindest eine gewisse Disziplin bei der Kreditmengenausweitung walten zu lassen.“ – bto:  Vorausgesetzt, die Bank hat ein Risiko pleitezugehen.
  • Kredite werden in Aussicht auf Rückzahlung vergeben. Während die Kreditgeldschöpfung inflationär ist, wirkt die Kreditrückzahlung deflationär entgegen.“ – bto: Das habe ich sogar schon in meiner Dissertation beschrieben. Deflation ist so gesehen normal, außer man verhindert sie mit Interventionen, die dann eine umso größere Krise bedingen. 
  • Schuldtitel sind die wesentliche Wertdeckung des heutigen Geldsystems. Helikoptergeld löst wie Null- oder Negativzinsen diese Wertdeckung auf. Damit gehen die Anreize zu privater Partizipation und Kooperation im Finanzsystem verloren.“
  • Helikoptergelds (…) wäre der ehrliche Abschluss einer Wandlung des Geldsystems vom Warengeld über das Schuldgeld zum Zeichengeld. Letzteres bedeutet ein Geld, das keine Gegenseite in der Bilanz mehr hat, sondern reines Konventionszeichen ist.“ – bto: Das ist sehr schön gesagt. In einer Welt der gefälschten Bilanzen ist es wirklich so!
  • „(…) Wiederbelebung der alten Staatstheorie des Geldes nach Georg F. Knapp, auch bekannt als Chartalismus. Die moderne Fassung dieser Theorie geht davon aus, dass die Staatsfinanzierung heute nicht mehr über Steuern erfolgt und Staatsschulden keine wirklichen Schulden sind, da die monopolistische Möglichkeit der Geldproduktion eine theoretisch unbeschränkte Ausgabe von Zeichengeld ermöglicht. In diesem Modell gibt es keine grundsätzliche Beschränkung der Staatsausgaben.“ bto: Wenn das unsere Politiker realisieren!
  • Das Geld- und Finanzsystem hat einen schleichenden Wandel erfahren, bei dem politische Willkür und Ungerechtigkeit immer wieder die Erwartungen von Sparern und Produzenten durchkreuzt haben.“
  • In einem reinen Zeichengeldsystem werden Bilanzierungstricks, die heute um sich greifen, unnötig, weil die Illusion von ausgeglichenen Bilanzen aufgegeben wird. In diesem Sinne wäre der Übergang zum Zeichengeld ehrlicher, zudem würde die Verschuldungsspirale aufgebrochen.“  bto: also theoretisch gut!
  • Zeichengeld ist in noch grösserem Ausmass Vertrauensgeld. Schon das Schuldgeld beruht auf Vertrauen, aber es lohnt dieses zumindest durch die eingebaute Bereicherungsmöglichkeit. In einer Zeit schwindenden und zunehmend verspielten Vertrauens würde über einem Zeichengeld stets das Damoklesschwert völliger Wertvernichtung stehen. “  bto: Das sehe ich genauso!

Zeichengeld ohne Vertrauen aber bedeutet zuerst Geldzwang (um die Flucht aus dem Zeichengeld zu verhindern) und schliesslich totale Zwangswirtschaft.“  bto: Auf Zwangswirtschaft laufen wir mit großen Schritten zu!

→ FINANZ und WIRTSCHAFT: „Helikoptergeld – Ende des Systems“, 8. August 2016

12 Kommentare
  1. Michael Stöcker says:

    Nachdem jahrelang das Märchen von den bösen Zentralbanken kolportiert wurde, dass sie für das niedrige Zinsniveau verantwortlich sind und insbesondere die deutschen Sparer enteignen, greift nun Braunberger dieses Thema erneut auf (http://blogs.faz.net/fazit/2016/08/17/leitzinsen-beeinflussen-anleiherenditen-aber-bestimmen-sie-nicht-7977/) und bestätigt somit meine These zu den Zinsmythen und Allmachtsfantasien der Mainstream-Ökonomen: https://zinsfehler.wordpress.com/2013/09/06/allmachtsfantasien-zur-zinssetzungshoheit/.

    Und hier noch eine exzellente Klarstellung zu Helicopter-Money aus dem monetären Olymp: http://www.moneyandbanking.com/commentary/2016/6/27/a-primer-on-helicopter-money.

    LG Michael Stöcker

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  2. Dietmar Tischer says:

    Helikoptergeld ist nicht nur das Ende eines Systems, sondern auch der Anfang eines neuen.

    >„Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass durchHelikoptergeld die Preise bestimmter Konsumgüter und Dienstleistungen steigen werden. Dies wird aber nicht das Symptom neuer Wertschöpfung sein, sondern bloss erhöhten Konsums.>

    NUR durch Nachfrage wird REALWIRTSCHAFTLICH nichts gelöst – jetzt sagt es auch einmal ein anderer.

    >Keine Volkswirtschaft kann sich reichkonsumieren, sowenig wie sich Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann.“>

    Durch Konsum kann aber Wachstum und Wohlstand geniert werden, wenn der Konsum GEWOLLT und durch EINKOMMEN finanziert ist, so dass die dafür erforderlichen Investitionen mit der Erwartung getätigt werden, sich zu rentieren.

    Ich bezweifle, dass bei Helikoptergeld diese Erwartung besteht.

    >„Kredite werden in Aussicht auf Rückzahlung vergeben. Während die Kreditgeldschöpfung inflationär ist, wirkt die Kreditrückzahlung deflationär entgegen.“ … Deflation ist so gesehen normal, außer man verhindert sie mit Interventionen, die dann eine umso größere Krise>

    Nicht unbedingt.

    Wenn die Kreditgeldschöpfung größer ist als die Kreditgeldzahlung ist Deflation nicht normal. Das ist der Fall in einer real wachsenden Wirtschaft. Sie muss aber real wachsen können. Diese Bedingung ist heute in den entwickelten Volkswirtschaften nicht gegeben – der Knackpunkt.

    >„Schuldtitel sind die wesentliche Wertdeckung des heutigen Geldsystems. Helikoptergeld löst wie Null- oder Negativzinsen diese Wertdeckung auf. Damit gehen die Anreize zu privater Partizipation und Kooperation im Finanzsystem verloren.“>

    Man kann es auch anders ausdrücken:

    Man braucht diese Anreize nicht mehr, weil die Wertedeckung bei Helikoptergeld WILLKÜRLICH ist.

    > „Zeichengeld ist in noch grösserem Ausmass Vertrauensgeld. Schon das Schuldgeld beruht auf Vertrauen, aber es lohnt dieses zumindest durch die eingebaute Bereicherungsmöglichkeit. >

    Und, nicht zu vergessen:

    Schulgeld BEGRENZT den Verlust des Vertrauens durch Insolvenz.

    Frage:

    Wie soll bei Helikoptergeld Vertrauen in was entstehen und durch was soll ein Vertrauensverlust begrenzt werden?

    Dumme Frage, wenn Vertrauen überflüssig ist.

    Es genügt der GLAUBE, dass es irgendjemand – der Staat – so richtet, dass es kontinuierlich weitergeht mit dem Helikoptergeld.

    Schöne neue Welt.

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  3. Karl says:

    Die Staaten der EU leisten 50 % der Sozialleistungen dieser Welt, bei 7 % Anteil an der Weltbevölkerung. Unabhängig davon, ob einem das gefällt oder nicht: Das ist doch bereits Hubschraubergeld. Freilich in einer ganz anderen Umsetzung als durch eine Verlängerung der Notenbankbilanz. Es wirkt aber trotzdem stark konsum- und damit inflationsfördernd, da andernfalls das übrige Geld (d. h. nicht geleistete Sozialabgaben) großteils auf den Vermögensmarkt fließen würde.

    „… Illusion von ausgeglichenen Bilanzen aufgegeben wird …“ Wieso das? Die Notenbankbilanz bleibt auch ausgeglichen, wenn Banknoten (der Banknotenumlauf ist Bestandteil der Passiva der Notenbank) verschenkt werden.

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  4. MFK says:

    Weitere Konsequenzen von Zeichengeld wären:
    Banken wären überflüssig, „Kredite“ werden vom Staat zugeteilt. Dazu wird die WestLB etc. wiederbelebt.
    Ersparnisse werden auch überflüssig. Die Einheitsrente etc. kommt.
    Die Asset Preise steigen als Konsequenz ins Unermessliche. Immobilien können sich nur die oberen Zehntausend noch leisten.
    Ich könnte mir denken, dass dieses Szenario gut in das Weltbild der katholischen Sozialisten passt.

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  5. Dietmar Tischer says:

    Zu:

    http://www.moneyandbanking.com/commentary/2016/6/27/a-primer-on-helicopter-money

    Ich will nicht alles besser wissen, stimme jedoch nicht mit dem überein, was hier behauptet wird:

    >We usually think about the central bank as being a part of the government.>

    Das denken wir gewöhnlicherweise nicht.

    Die Zentralbank ist unabhängig, nicht Teil der Regierung.

    WEIL das so ist, muss die Regierung bzw. der Staat sich an den Kapitalmärkten verschulden und wird dort nach der BONITÄT bewertet.

    Nur wenn man dieses Verständnis über den Haufen wirft, kommt man zu einem „Konsolidierten Balance Sheet des Staates“.

    >The monetary base is determined by the demand of individuals to hold currency and of banks to hold reserves at the central bank’s interest rate target.>

    Über den hier aufgezeigten Mechanismus der Fiskalpolitik, nämlich

    “… transferring funds to households is what fiscal policymakers do, …”

    wird die monetäre Basis eben nicht mehr über die Nachfrage der Individuen nach Geld gebildet, sondern sie wird – willkürlich und weitgehend (wenn erforderlich) – durch die Fiskalpolitik festgelegt, d. h. durch Gutschriften auf den Konten der Individuen.

    Das ist ein entscheidender Unterschied:

    Wenn Individuen Geld nachfragen, dann wollen sie in aller Regel AUCH realwirtschaftliche Gütern oder Dienstleistungen nachfragen.

    Wenn ihnen fiskalisch ein Betrag gutgeschrieben wird, dann heißt das erst einmal nur, dass vermeintliche Nachfragedefizite bezüglich GELDS kompensiert sind.

    Welche realwirtschaftliche Nachfrage damit generiert wird, steht in den Sternen.

    Geldbesitz (hier: ohne Verschuldung) = realwirtschaftliche Nachfrage:

    Dieses Denken ist vorerst nur Wunschdenken, da hilft auch keine Balance Sheet-Akrobatik.

    Herr Dr. Stelter, nehmen Sie bitte einmal Stellung zu diesem Artikel.

    Ihre Meinung interessiert mich.

    Antworten
    • Michael Stöcker says:

      Guten Abend Herr Tischer,

      da sich Herr Stelter (noch) zurück hält, hier meine Einschätzung zu Ihren Anmerkungen.

      „Die Zentralbank ist unabhängig, nicht Teil der Regierung.“

      Sehe ich auch so. Aber: Beides sind staatliche, suprastaatliche (EZB) bzw. staatsnahe Institutionen. Allerdings: Ganz unabhängig ist die ZB nicht. Um ihre Ziele zu erreichen, ist sie im aktuellen System ohne Helikoptergeld im friedmanschen Sinne auf die Hilfe der Regierung angewiesen. Die verweigert sich aber (insbesondere in Deutschland). Siehe hierzu auch den Blogpost von John C. Williams: http://www.frbsf.org/economic-research/publications/economic-letter/2016/august/monetary-policy-and-low-r-star-natural-rate-of-interest/, den ich schon an anderer Stelle verlinkt hatte. Zu Bundesbankzeiten der 80er Jahre hätte ich/man gesagt: Verkehrte Welt.

      Jetzt ein Punkt, bei dem ich eine etwas differenziertere Sichtweise habe als Cechetti und Schoenholtz: Staatliche Schulden werden typischerweise nicht zurück gezahlt, sondern revolviert. Bei einem definitiven Ankauf durch die ZB hält diese letztlich ein ewiges Asset (=ewige Forderung, die nie wirksam wird). Bei meinem Vorschlag zu einem zentralbankfinanzierten Bürgergeld findet sich dieses ewige Asset ebenfalls auf der Aktivseite der ZB. Dieses Konto könnte man neu einrichten und „ewige Bürgerforderung“ nennen. Qualitativ ist es das gleiche wie eine ewig zu revolvierende Staatsschuld. Einziger Unterschied: Die Staatsschulden unterliegen einem Zinsänderungsrisiko.

      Allerdings ist dies auch kein wirkliches Risiko, da die potentiellen Zinszahlungen ja an die ZB abzuführen sind und als Gewinn wieder an den Fiskus zurück fließen (linke Tasche, rechte Tasche). Das Drohpotential ist an anderer Stelle zu verorten: Die ZB verkauft ihre Anleihen zu einem späteren Zeitpunkt wieder am offenen Markt und setzt somit die Regierungen wieder dem Druck der Märkte aus. Dann fließen die Zinszahlungen wieder überwiegend an die 1 %. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

      Da kann man gut finden oder auch schlecht. Fakt ist, auf diesem Weg wird die Machtbalance zwischen Regierung und Zentralbank (Checks and Balances) gewahrt.

      „Nur wenn man dieses Verständnis über den Haufen wirft, kommt man zu einem „Konsolidierten Balance Sheet des Staates“.“

      ??? Da muss ich Ihnen widersprechen. Auch bei Verschuldung über den Kapitalmarkt sowie Bonitätsbewertung kann man konsolidieren, da beide Teil der Staatsgemeinschaft sind.

      „Welche realwirtschaftliche Nachfrage damit generiert wird, steht in den Sternen.“

      Ja, das steht in den Sternen. Was allerdings nicht in den Sternen steht, das ist der Teil, der steuerlich abgeschöpft wird (Helikoptergeld unterliegt selbstverständlich der Einkommenssteuer; gerne auch in Verbindung mit höheren Grundfreibeträgen sowie höheren Grenzsteuersätzen). Dieser Teil wird definitiv staatlicherseits ausgegeben werden (Stichwort Hund und Wurstvorrat). Wollen wir nur hoffen, dass dies dann investiv und nicht konsumtiv geschehen wird. Zudem bin ich sehr optimistisch hinsichtlich der Haushalte mit geringem Einkommen und oder Schulden. Denn selbst wenn hiermit „nur“ die Schulden getilgt werden, so wird hierdurch die Basis für höheren zukünftigen Konsum gelegt.

      LG Michael Stöcker

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      • Dietmar Tischer says:

        Schön, dass Sie noch einmal eingestiegen sind.

        Das ist eine Gelegenheit, die Dinge aus meiner Sicht tiefer klärend anzugehen.

        Ihre Argumentation beruht auf einer bestimmten AUFFASSUNG von der Rolle des Staates.

        Die kann man haben, aber auch hinterfragen.

        Ich tue es hiermit:

        Was SOLL die Rolle des Staates sein?

        Hier wird nicht gefragt, was er alles tun kann qua möglicher Funktionalität.

        Vielmehr:

        Was WOLLEN wir, das der Staat tut.:

        M. A. n. gibt es darauf drei grundsätzliche Antworten:

        a) er soll NUR das tun, was privatwirtschaftlich nicht oder nicht hinreichend geleistet werden kann, also z. B. für die äußere Sicherheit sorgen.

        oder

        b) er kann a) tun UND darüber hinaus bei Schocks kompensierend eingreifen.

        Oder

        c) er kann b) tun UND darüber hinaus das kompensieren, was als privatwirtschaftliches Defizit angesehen wird, z. B. die zu geringe privatwirtschaftliche Nachfrage erhöhen.

        Wenn man die Staatsfunktion auf a) oder b) begrenzt, dann kann der Staat die damit verbundenen Aufgaben durch Steuererhebung und – in begrenztem Maß – durch Verschuldung bei den privatwirtschaftlichen Akteuren finanzieren. In anderen Worten: Der Staat leistet nur so viel, wie er auf diese Weise nachhaltig finanzieren kann.

        Soll die Staatsfunktion c) sein, dann ist die Nachfragegenerierung zumindest im EXTREMFALL nur durch ZUSÄTZLICHE Finanzierung zu leisten.

        Abhängig davon, wie man den Staat versteht, ist die Rolle seiner ZB zu begreifen.

        Versteht man das Sollen des Staats wie a) oder b), dann ist die ZB unabhängig in dem Sinn, dass sie zwar eine vom Staat geschaffene Institution ist, aber LEDIGLICH die Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliches Wirtschaften setzt und – in der Konsequenz daraus – wie sich der Staat bezüglich der Privatwirtschaft, und nur der Privatwirtschaft, finanzieren kann.

        Versteht man das Sollen des Staats wie c) ist die Rolle der ZB eine andere, jedenfalls in einem EXTREMFALL wie jetzt: Sie ist dem Staat untergeordnet als sein Finanzier. Das ist z. B. mit Helikoptergeld der Fall.

        Die Wahl zwischen a), b) und c) ist eine der Präferenz, die dem Grundverständnis von Staatstätigkeit und letztlich gesamtgesellschaftlicher wirtschaftlicher Gestaltung entspringt.

        Ich plädiere für b).

        Der Konsens nach der Weltwirtschaftskrise/Keynes ist das Verständnis c). Das kann man problemlos nachvollziehen und es auch wollen.

        Die Konsequenz daraus ist aber, dass man die ZB so begreifen MUSS, wie Sie sie begreifen – als Finanzier des Staates, der damit direkt durch eigene Wirtschaftsaktivitäten oder durch Steuersenkungen, welche die Nachfrage der Privatwirtschaft erhöhen sollen, die Strukturdefizite der Gesellschaft ausgleicht.

        DANN, und nur dann, kann man die Argumentation auf einen „konsolidierten Balance Sheet des Staates“ aufbauen und von so etwas wie „linke Tasche, rechte Tasche“ oder „ewigen Bürgerforderungen“ sprechen.

  6. egp says:

    Machen wir uns nichts vor: „Everything goes“ in der neuen Welt der Alternativlosigkeiten, der abrupten politischen Volten, der EURO-Facilitäten, der schier unendlichen Phantasie der Politiker betreffs ihres Machterhalts. Keines der theoretischen ökonomischen Modelle wird dem Rechnung tragen können. Der Staat wird sich die Möglichkeit verschaffen, Geld ad libitum zu drucken und ad libitum zu verteilen – nach Ermessen, willkürlich, beliebig, discretionary, arbitrarily. Auch wird die Zahl pseudorationaler Wege und Rechtfertigungen unendlich sein. Stabilität, Nachhaltigkeit und Langfristplanung sind zu schwerfällig, um auf die plötzlichen Kehrtwendungen zeitnah reagieren zu können. Spieltheorie, Psychologie, Il Principe, Tsun Tsu oder Clausewitz sowie das Gruselkabinett finanzpolitischer Folterwerkzeuge und Verschwendungen aus der ökonomischen Weltgeschichte werden wohl demnächst unsere Lehrbücher sein.

    Unendlich Geld, der Quell unendlichen Reichtums – das ist noch besser als unendlich Öl in den Händen der Politiker. Die Versuchung ist zu groß, da wird kein Politiker widerstehen, denn der Mensch ist auch weiterhin schwach. Allein aus diesem Grunde werden die Polit- und Wirtschaftsfakultäten aus Zimbabwe oder Caracas zu hohen Ansehen kommen – unter der Ladentheke.

    Antworten
    • Dietmar Tischer says:

      >„Everything goes“ in der neuen Welt der Alternativlosigkeiten, …
      … Die Versuchung ist zu groß, da wird kein Politiker widerstehen, denn der Mensch ist auch weiterhin schwach. Allein aus diesem Grunde werden die Polit- …>

      Das sehe ich ganz anders.

      Es ist nicht die SCHWÄCHE des Menschen, die Politikern die Alternativen verbaut.

      Es ist die STÄRKE der Interessengruppen – von mir aus, wenn Sie so wollen: die summierte Macht schwacher Menschen –, die JEDEN Politiker, der derartige Interessen hinreichend vernachlässigt oder verletzt, mit Entmachtung sanktioniert.

      Das ist die Kehrseite, damit nicht an den Interessen vorbei regiert wird, aber eben auch das Verhängnis, dass gewollt keine Lösungen zustande kommen können, wenn damit Interessen verletzt werden müssen.

      Antworten
      • egp says:

        Wir liegen wohl nicht weit auseinander, denn für mich ist es eine charakterliche Schwäche, aus Eigeninteresse vom geschworenen Amtseid zum Wohle des Volkes zu handeln, abzuweichen. Aber vielleicht ist die Sicht etwas sehr religiös.
        Die Stärke der sich im negativen Sinne selbst bedienenen Interessengruppen ist damit unbestritten – eben „die summierte Macht schwacher Menschen“.

  7. Dietmar Tischer says:

    @ egp

    Ich verstehe Sie schon, will nur noch anmerken:

    >Für mich ist es eine charakterliche Schwäche, aus Eigeninteresse vom geschworenen Amtseid zum Wohle des Volkes zu handeln, abzuweichen.>

    Unter dem Wohl des Volkes kann man viel verstehen,

    Es gibt kein objektives Kriterium dafür, was es ist.

    Was man im vorliegenden Fall aber schon sagen kann:

    Die Politiker handeln insofern erkennbar nicht zum Wohl des Volkes, wie sie einen lähmenden, aber verbesserungsfähigen Zustand des Ganzen bewusst nicht ändern.

    Hier immer wieder von D. S. ins Zentrum gerückt:

    Eine geordnete Entschuldung als Bedingung für den Weg zu mehr Wachstum und Wohlstand.

    Darüber kann in der Öffentlichkeit lange gestritten werden, weil das die allermeisten Menschen sowieso nicht verstehen. Die Handlungsoption wird offiziell nicht aufgegriffen und damit verschleiert.

    Aber es ist dennoch richtig:

    Hier wird nicht zum Wohle des Volkes – und nicht nur unseres Volkes – gehandelt, sondern zum Schaden des Volkes wachsender Wohlstand verhindert.

    Antworten

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